Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen
Part 4
Die Fenster aller Häuser waren von Menschen erfüllt, in den Seitenstraßen und auf den Dächern drängte sich die Menge. Sobald der Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die Luft. Die Männer schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen sich gegen die Brüste, zerfetzten die Kleider, und von den Dächern wogte ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Füßen aber riß, bis zum Wahnsinn erregt, sich die wütende Menge unter den Kolbenschlägen der Soldaten darum, ein Stück des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem Lichte der Fackeln umflossen, hoch über den Häuptern des Volkes erhoben die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich öffnete sich das Feld, die Menge flutete auseinander, und ein kühler Wind strich aus der Wüste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel über Hügel und Gräben. In Grabtücher gehüllt, versank der Leichnam, von den verlöschenden Lichtern beleuchtet, und während ich an der offenen Grube dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten Tonziegeln übermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu stürzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wüste nach Hause tappten. --
Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich weiß es nicht mehr. Ich ging in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrühmlicher sein, wie ein kranker Baum an Händen und Füßen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel fiebererfüllter Hospitäler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran zu sterben, als an der Wut unvernünftigen Eisens zu verbluten, so würde es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und während der widerliche süße Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Räume des Lazarettes erfüllt, während ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an das Ufer gebracht werden, während ich immer wieder erlebe, wie an meiner Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen, überkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug! genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden! Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der Verwesung erfüllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe Münze?
Draußen steht der Frühling und hat noch den Staub der Wüste mit einem grünen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren Operationssaal, so dicht über unseren Köpfen, daß ihr Flügel zuweilen den entblößten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle Palmengärten mit plätschernden Bächen erfüllt. Zitronen und Mandarinen duften schwermütig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter blühen. Und zuweilen, wenn der Südsturm über die Palmengärten fährt, die langen Blätter der Schöpfe wie aufgelöstes Frauenhaar über ihren Nacken werfend, setze ich mich an den Fuß der alten Lehmmauern und schließe die Augen. Dann ist mir, als hörte ich das Rauschen der deutschen Wälder wieder und sehe das Laub der Eichenbäume in der Sonne erzittern. Die Frösche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wüste, und mir ist, als sähe ich Euch, Ihr geliebten Mütter, den Weg heraufkommen, ein altes und ein alterndes Gesicht. Ich küsse das weiße Haar Eurer Schläfen und schaue in die blaue Güte Eurer Augen, die mich beschützt hat in allem Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das mir alleine zu schwer ist.
Letzter Brief an die Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebten[1]
Bagdad, den 18. April 1916.
Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fühlte es stündlich, daß auch über meinem Wege eine gefällte Palme lag.
Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine Woche pflegte ich ihn, fühlte seine zitternden Arme in den meinen, sah in jenem kartenbehängten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen haben, aus den Kissen die rührenden Blicke seiner Geduld und Güte leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wäsche jenes kleine blutgefüllte Tier, das nun seit Monaten schon für uns das Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte Überträger des Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wußte ich, wie es um mich stand, und während mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfüllte, sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine Seffineh stromaufwärts treidelten, immer dachte ich: wie schön ist es, ihren Gesang noch einmal zu hören! Und ich sah den Arabern zu, die in einer Kuffe über den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll Schönheit mit in die Dunkelheit.
[Fußnote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen mußte, nicht wieder zu gesunden.]
Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu steigen beginnt. Seitdem kann für mich kein Zweifel mehr gelten, mein durch so viele Krankheiten geschwächter Körper, mein allzu beflügeltes Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese feste Gewißheit habe, nach all den nächtelangen Zweifeln der vergangenen Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit über mich. Auch der Tod ist nur eine Gedankenüberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig überwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat für mich immer darin bestanden, daß es einmal mit dem Tode endet. Nicht an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er willkommen sein.
Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen schüchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken des Sterbens erfüllt. Es ist vier Uhr nachmittags, draußen blühen die Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht über dem Land, und ich beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele gesehen habe, meiner selbst nicht mächtig, von furchtbaren Zuckungen erschüttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Räume der Erde flattern, als triebe ich im Südsturm, der die Wellen des Tigris auftürmt, auf einer führerlosen Kuffe, inmitten des wütenden Stromes ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrüßt.
Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde verschütteter Städte die Reste alter Tempelmauern und Wohnstätten emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie könnte ich Euch beim Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah, Eltern, Brüder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben, mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der Mädchen, blaß und hinreißend schön wie der Glanz des aufgehenden Mondes. Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweißen Frau, weise und mit rätselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz für mich in dieser Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu müssen, Dir Leid zu bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zärtlichkeit weh tat. Und doch, wann war es, daß ich durch Eure Mitte ging? In so verschüttete Tiefen sankt Ihr hinab, daß ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu müssen, ohne Sohn, ohne Mädchen, das die Mutter kommender Geschlechter würde. Wie schön, wie unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte -- ach, ich begreife, daß Ihr es höher schätzen mußtet, frei zu sein, als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!
Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind, wenn sie sich auf jene dämmernde Zukunft der Menschheit richten, für die ich die Verpflichtung fühlte, zu sein, der mein künftiges Leben geopfert wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser Stunde, daß ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen zu können, was wir vermochten. Für Dich, Du vielgestaltete unendliche Masse der Völker, die Du, im Elend und im Glücke leidend, an Deinen Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.
Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt für sie, auch ich konnte sie nicht erlösen, so inbrünstig dieser Wille in mir war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den Mühen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, daß die Sehnsucht, die mich in diese Länder trieb, die Erde in allen Weiten und Tiefen zu erschöpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.
Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grüßt Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch
Armin Wegner,
im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersättlichkeit des Lebens.
Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!
An eine Freundin
Bagdad, den 25. Mai 16. Am Tage der Auferstehung.
Nach so viel stummen und verschwiegenen Grüßen, so viel liebend gefalteten Büchern und Päckchen mit Süßigkeiten, halte ich endlich den Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit einer zärtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: »Küß mich noch einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite.« Und obwohl wir sie siebenmal gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht müde, immer von neuem ihre Züge zu betrachten.
Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmächtigem Schlaf erwachend, sich mit der Hand über die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tönt. Noch schwankt der Boden unter meinen Füßen, noch begreife ich nicht, daß diese Fülle des Glückes mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr, der langen, mühseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglühte Wüste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie ist es möglich, daß das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und muß ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so immer von neuem liebend an ihre Brust reißt? Muß ich nicht heiter sein, obwohl ein Leben bitterster Enttäuschungen mich im Mutterlande erwartet?
Ich rüste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefühl klammert sich an mich, das stark genug wäre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue ich mich unter der Schar dieser Männer um, unter denen ich fast alleine zurückblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch diese Wüste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen Feldmarschalls auf mich gerichtet, höre das Wunder seiner Stimme, die, schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehüllt, seinem letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug mich selber das Boot über den Kühle atmenden Fluß, schwankte ich fieberdurchglüht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An dem Geländer des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich: also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers öffnet ihren weißen Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glücklich machte, in ihrem Schatten zu leben.
Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Füßen die Meile des Weges wieder kleiner wird, um so stärker erkenne ich, wie von Tag zu Tag die Mühe unsäglicher wurde, die meinem geschwächten Leibe bereitet ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Blätter verbrannter Palmen mir entgegen: es ist zu spät! Die gelbe Glut einer böse blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben in den Kellern. Vor unseren Fenstern hängen breite Rahmen aus Palmblättern, die mit Kameldorn gefüllt sind und mit Wasser begossen werden. Die Hunde vor unsern Türen liegen in einer Pfütze von Schweiß. Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken, steigen auf die Dächer, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen schlaflos und warten auf den Nachtwind. Über uns wachsen die Sterne, die goldenen Früchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflückte sie alle in Deinen Schoß. Zuweilen erhebt sich urplötzlich aus der Ebene ein Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand fällt über Gesicht und Hände, das Mückennetz bläht sich, ein gefülltes Segel, und plötzlich rollt unser ganzes Bett über das flache Dach dahin. Die Leinentücher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern, und der mit Wasser gefüllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht verdurstend hängen, bricht in Scherben.
Wenn aber der Mond scheint, füllt sich die Ebene mit einem zarten Licht. Blaue Dämmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfließt weich in die Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wüchse mein Leib unendlich in die nächtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in Mossul, meine Füße rühren an die Trümmer von Babylon. Meine rechte Hand liegt auf den Dächern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die Sterbenden, Wasser zu schöpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wüste geworden, von verdorrenden Gräsern bedeckt und von heißen Winden geschlagen.
An die Mutter[2]
Bagdad, im Mai 16.
Auch Du, meine Mutter, hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Auch Du hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, daß Deine Kinder reif würden für die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebäre noch einmal. Werde noch einmal Mutter, daß neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in den Laufgräben fließe!
O die große Lüge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne, die über der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn wofür haben wir gekämpft? Wofür trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele Jahre hindurch? Wofür bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe, errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhäuser, lehrten unsere Kinder weise, kräftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, daß wir die Menschen näher aneinander rückten, Völker an Völker, Herzen an Herzen zu binden, die Güter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel wäre, und die Armut zu töten? O die große Lüge, die große Lüge! So viel Wunder des Geistes und der Hände, nur daß wir Mittel hätten, Soldaten schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fänden, zu töten; bewaffnete Mörder noch über die weitesten Meere zu tragen, Männer, weise und klug und tapfer für die Geschäfte des Mordens, und Werkzeuge und Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in uns getragen, in die Lüfte zu steigen, und da sie endlich in Erfüllung ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lüfte und warfen den Tod vom Himmel auf die Erde herab.
[Fußnote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und veranlaßte die Rückberufung des Verfassers aus der Türkei.]
So viele Reisen über Gebirge und fremde Länder, so viele Wanderungen durch Städte, durch blühende Ortschaften, wir vollführten sie nicht, daß wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwächen unserer Brüder, daß wir besser wüßten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schändlichen Handlung, immer noch rollt diese Kugel, deren knöchernes Klappern uns aus halbem Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefühle in unserer Brust? Ach, es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslöschbar einprägen, daß wir sie niemals vergessen werden.
Gestern kamen die gefangenen Engländer aus Kut-el-Amara an. In langen, staubigen Zügen trieb man sie durch die Gänge des Basars, durch die gaffende Menge der Händler und Straßenverkäufer, daß sie unter dem Hohn der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfänden, wie tief sie gedemütigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unübersehbare Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter aneinandergefesselt, auf ihrem Rücken die traurige Last jener Gestalten schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwächt, ihre Füße nicht mehr tragen konnten, die fast aufgehört hatten zu atmen und in leblosen Bündeln an den hölzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne geröteten und geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schälen begann, und mit langen, dürren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hände ihnen reichten, und bissen gierig in das grüne Fleisch. Hier wankten Gestalten, die, barfuß und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre Stiefel für ein Stück Brot, für eine Handvoll Datteln gegeben hatten. Auf ihren spitzen Schultern hing, wie über einen Stock gezogen, das am Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblößend, und zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser gefüllte Tonkrüge vor die Haustüren gestellt, aber die türkischen Soldaten drängten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an seiner Leine mit einem jähen Ruck aus der Ruhe zu reißen, daß die schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als müßten, durcheinandergeschüttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Höhlen fallen, um im Staub unter den Füßen der Tiere zu sterben, die wiederkäuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rückwärts gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars von neuem in die glühende Sonne der Wüste tauchten.
Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine schlitzäugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck des Nicht-dafür-Könnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelöst, ganz der steigenden Kühle des Nachtwindes hingegeben, da mußte ich mir unwillkürlich sagen: wie merkwürdig, daß es noch eine Erde unter den Füßen dieser Verdammten gibt, um darauf zu schlafen, daß nicht auch unter ihnen eine Sonne glüht, daß ihre Füße nicht auf zwei spitzen Pfählen stehen oder auf einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglühter Wüste ... ja, die Erde ist barmherziger als wir.
Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrüllt und um Erlösung schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats bedeutet. »Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer, zwei französische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein französischer Kreuzer La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken ....« Das sind die bluttriefenden Trophäen, die ein über alles geliebtes Deutschland gleich den zahllosen Kopfhäuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an die Schnalle seines Gürtels hängt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der Vorstellung besessen, daß er sich ausmalte, wie Tausende von Männern in wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Empörung, hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme durch einen Brei von Blut und zerstückelten Leibern zu schwimmen begann -- und ging nicht hin und riß sich das Haupt von den Schultern, dies nicht zu Ende zu denken?
O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor Scham, in einer Welt leben zu müssen, die so wenig dem Abbild unseres Herzens gleicht. Auch Du mußtest einem Gotte opfern, den Du nicht verehrst. Auch Deine Söhne hängen in den Speichen eines Rades, das sie zu zerreißen droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet? Aber Mitleid und Liebe ängstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch die schmale Öffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten Tiefen zerfleischend.
Dein gefesselter Sohn.
An die Mutter
Babel, den 18. Juni 1916.
Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wußte ich noch nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als müßte eine Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, daß ich Dir dieses sagte: auch Du hast Deine Söhne der Vernichtung geboren. Als könnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals schrieb.