Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen

Part 3

Chapter 33,570 wordsPublic domain

Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, daß es denen, die unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es einmal dahin kommen, daß ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so möchte ich Sie bitten, dieses für mich zu tun. Dieser Brief ist ein Vermächtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun, da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tödlicher Krankheit erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe undenkbarer Zufälle bedroht, täglich in der Luft gifterfüllter Lazarette von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wüste, die auf endlose Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, muß auch ich daran denken, daß das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine zum Ziele führt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem Kriege davon hörte, ergriff mich jenes widerwärtige Gefühl, das uns stets berührt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hören. Wie? fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzählte, daß ich in Gefahr geschwebt hätte, dieses lebendigste Leben wäre das Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne gefühlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wüste durch die Lager armenischer Flüchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir, als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um heimgekehrt aus der Hölle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu verkünden.

Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate saß, zurückschrecken vor einem Geheimnis, vor dem selbst noch die französische Revolution gezögert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frühlingstages sich auf die Bahn setzen, um in jene wälderumrauschte Stadt zu fahren, aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Blätter auf den Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzählte und deren Augen verklärt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie vielleicht einmal für Sekunden erblickten, wenn im Süden am Abend nach dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag. Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes. Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln gelegt und Wäsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen. Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran saß, um gequält von tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, daß dieses der Tisch ist, dessen Schublade eine eifersüchtige Großmutter mit einem Nagel verschloß, um das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei Nächte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer meiner Großmutter führen, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und liegen gebliebenen Schriftstücken sitzen, in jenem Zimmer, das in die zerflossenen Blätter eichener Bäume sieht und bei denen die geliebte Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glättend, ordnend, überdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend, seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebücher, eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, französische Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schützengräben finden, denn ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte für das Werk, dessen weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit für spätere Jahre. Dieser Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkür vermache ich, was Sie immer damit tun wollen, mögen Sie das Beste und Wahrhaftigste der Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschähe es auch nur Ihnen zuliebe. Sind doch schließlich in diesen Seiten die Dokumente eines Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewußt bin, daß selbst Ihnen viele davon Noten bleiben müssen, die Sie nicht spielen können, weil ich allein den Schlüssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute Gedächtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris finden.

Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter für mich mit rührender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Händen zu nehmen. Schließlich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher Glückseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brüder zurückfallen soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, möge in die Hände jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich mich scheue. Aber wer wird je diese Möbel so lieben und anbeten wie ich? Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Märchen kennen wie ich? Nicht einmal jene kleine dämonische Seele, für die ich sie unter Mühsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Männer preisgab. Von meinen zahlreichen Büchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe. Den Rest aber möchte ich so verteilt sehen, daß jeder meiner Freunde etwas davon erhält.

Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben, werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich möchte wohl, daß man mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bücher sind mir allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in das Land unerfüllter Hoffnungen ritt, und diese Möbel, heroische Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, daß man sie wie treue Frauen am Holzstoß der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wäre meinem Leben gewiß nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und ich möchte wohl, daß man meine Asche in alle Winde streute, daß sie ruhe auf den vier Straßen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner Jugend verbrachte. Nur mein Herz möge man in eine Kapsel schließen, es noch einmal in Eure Nähe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe. Dieses Herz, das immer der Kompaß meines Geistes gewesen ist, vielleicht, daß es in Euren Händen noch einmal zu schlagen begänne, wie zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Gärtners warm wird und zu singen anhebt.

Übrigens glauben Sie nicht, daß ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde. Eines Tages, wenn Sie sich die Schnürsenkel binden, will ich aus der Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlüssel wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rädern der Wagen verbogen auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze der Dinge über Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn Jahren aus den Augen eines Jünglings wider, der in irgendeinem Saale dieser maßlosen Stadt ewige Verse in eine unberührte Menge hinabwirft; denn wie könnte ich je glauben, daß das Werk, für das ich glühte, um dessentwillen ich Heimat und Geliebte verließ, unvollendet verloren ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie könnte ich glauben, daß ich, ein kosmopolitisches Känguruh, in der Wüste mit dem vollen Beutel verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schätze häufte, daß die Sendung unerfüllt bliebe, für die auch ich nur ein Sendling war und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demütige Seele warf. Denn ich habe immer die tiefe Überzeugung gefühlt, daß der Tod, so oft und gern ich ihm Freund und Gefährte war, mich erst treffen würde, wenn das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelöst hat, wenn ich nach so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glücke und am Elend des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit durchflogen hätte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu stürzen, nachdem ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt hätte, die das kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflüften der Geister heimkehrte in das Haus des Fleißes, zu den fiebernden Brücken der Begierde, in den schwermütigen Gesang der Arbeit.

Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schöpfe, die, wie grüne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch zieht, von Frühlingswassern umspült, die Wüste einen blühenden Teppich um ihre alternden Füße. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rätsel buntester Völker geworfen, grüßt unendliche Auferstehung den gemarterten Leib, noch höre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fühle, von heiterstem Glücke durchströmt, Ihre Hände auf meinem Herzen.

Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Königin.

An eine Freundin

Bagdad, Abdul Achad, den 25. Februar 1916.

Man merkt kaum, daß die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos streicht jedes Gesicht an uns vorüber. Gestern erhielt ich Deinen Brief vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um über den Tigris zu fahren, wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell gelesen? ... So verhungert sind wir hier draußen.

Dabei lächelt der Himmel warm durch die Glaswände meines Hauses. Ich blicke über den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen Wagenhalterei. Auf den Dächern der Pferdeställe wird jeden Tag der frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedörrt als Brennstoff verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag über nichts zu tun, als mit den nackten Füßen langsam durch diese Materie zu laufen und sie umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner Arbeit zu.

An den Ufern des Flusses liegen die Hospitäler, Konsulate, Hotels, in denen man die hölzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige Terrassen, auf deren weißen Fähnchen der rote Halbmond, ein blutiger Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine weiße Straße des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten. Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lastträger der Straße. In unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere, zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden müssen stets von neuem verwandt werden, und wir sind glücklich, genug ungereinigte Baumwolle zu haben, die im Lande wächst. Die Wunden sind fast alle verschmutzt oder vernachlässigt, und viele sterben an Blutvergiftung dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so großes Glück gehabt.

Die Luft ist milde, und es wird täglich wärmer, doch jedermann spricht mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heißesten Teile der Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dächern verleben werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dämmerung in das bunte Gewühl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets erfüllen heitere Pläne meine Seele, fremde Geheimnisse verführen und reizen mich. Dazu verdanke ich der Güte des Feldmarschalls ein höheres Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanitätsunterleutnants und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur sehen in meinem moosgrünen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und Silberborten, wenn ich mit einem »Grüß Gott, Soldat« am Morgen in das Lazarett trete.

Leb wohl -- müßte ich nicht täglich zehn Liter Eiter riechen und den Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so wäre das Leben fast vollkommen zu nennen.

Frühling, ach wie du mich rührst ....

Brief an die Mütter

Bagdad, am Nabel der Welt, den 29. März 1916.

Daß ich noch bin, Ihr geliebten Mütter, daß diese Erde noch unter mir ist und meinen Füßen nicht nachgibt, daß diese Zeilen den Herzschlag meines Atmens zu Euch hinübertragen, wie kann ich es ausdrücken, daß es mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille, sein kaltes Lächeln so vernehmbar gefühlt wie in diesen Tagen, und oft frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen, Pläne zu tragen für ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind?

Am 10. März starb unser Stabsarzt plötzlich am Fleckfieber, und noch jetzt, Wochen später, erfüllt mich oft eine minutenlange Erregung, die mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzählen. Seit vielen Monaten durchzieht eine verheerende Krankheit dieses maßlose, selbstvergessene Land. Die türkischen Soldaten haben sie aus den Städten Syriens und Kleinasiens durch die Steppe herübergetragen, und die Rache des armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wüste bedecken, streckt ihre würgende Hand immer tiefer in die Häuser, in die Hospitäler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen völlig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Körper vor mir, den der Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefährlichen Verwundung an meiner Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen Halsentzündung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkräftet, daß er nicht mehr fähig war, alleine den Kopf zu heben.

Ich ließ mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene ruhelosen Tage und Nächte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von seiner Seite ließen. Nie werde ich diese einsamen Nächte vergessen, in denen alle Sehnsucht des südlichen Frühlings mit den Schmerzen des Todes und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Füßen des Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis über die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem künstlichen Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf den niedrig geschraubten Docht und hörte auf das röchelnde Atmen des Kranken, der einen Schleimkloß im Munde wälzte, von dem er vergeblich versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten über mir durch die hölzerne Täfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus dem Bett zu heben, der infolge einer nervösen Störung nicht fähig war, im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend, in der andern seinen schweren, völlig willenlosen Körper, schwankte ich atemlos, bis wir beide völlig erschöpft waren und auf unsern Stirnen der Schweiß ausbrach.

Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die Terrasse des Hofes, in dem ein weitästiger Baum seine ersten Knospen entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die einst die Frauengemächer eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu betrachten, der einen rötlichen Schimmer trug. Plötzlich trat ich auf etwas Weiches, ich bückte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen schwach beleuchtete Grasbüschel, und merkwürdig, ich dachte: von allen Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe auf dem lehmgehärteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in deinem Gedächtnis zurückbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle bittere Wehmut der Stunden enthalten.

Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit schwacher Stimme versuchte er mir zu erzählen, daß eine Ratte von der Decke ins Zimmer gefallen wäre. Wieder setzte ich mich an seine Seite. Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte, ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nächte war. Ich wußte nicht mehr, daß draußen ein Tag und die Geschäftigkeit fremden Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschläge erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem Geräusch der Erstickung über die Kissen ausbrach, waschend, die Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit immer größerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe anspornend.

Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs Märchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, daß er die Lippen kaum noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder, etwas zu sagen; es war nicht mehr möglich, ihn zu verstehen. Die trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, während er verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schüttelte, und nur seine schönen blauen Augen glänzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls plötzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, während wir im Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, daß es den Ärzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben wollten, nicht mehr möglich war, diese zu finden. Drei Stunden später fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Geräusch, glucksend wie Spülwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die Ärzte standen schweigend. Schmerz würgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glücklich, einem Berater zur Seite zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen künstlerisches und wissenschaftliches Vermögen das der anderen Offiziere so weit übertraf. Ich drückte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken über das Gesicht.

Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prächtige Stute, die mit dem Fuß in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. »Das schöne Pferd!« sagte der Stabsarzt der Marine, ärgerlich mit dem Fuße aufstampfend; aber wie merkwürdig erschien mir in diesem Augenblick sein Wort, das doch gewiß nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen erfüllt war. Die bunte Menge des Basars umdrängte uns. Der herrlichste Frühlingsnachmittag stand über der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel Jahre hatte ich im Gefängnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der Straße blieb ich stehen, betäubt von Licht und dem Gefühl des Lebens: daß ich noch bin! daß die Erde noch mein ist!

Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der plötzlichen Dunkelheit des Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit trostbedürftigen Seelen, an die Härte eines unerbittlichen Daseins gewöhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen für den Kranken geöffnet hatte. Spät in der Nacht kamen die Juden, alte Männer mit weißen Bärten, um in einer hölzernen Kiste den Leichnam zu holen, der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne begleitet, den Sarg auf dem Rücken, verschwanden sie in der finsteren Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweißbedeckt, bis zum Äußersten erregt, wälzte ich mich in den heißen Decken, während widerwillig ohne Aufhören die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann du?

Am nächsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem Kellergewölbe, völlig entkleidet, lag auf der bloßen Erde der Leichnam. Ein Schweißtuch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein abgebrochenes Stück arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in die Fetzen seines Gewandes gehüllt, kauerte die Wache haltend neben dem Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Häufchen Schmutz. Rührung ergriff mich vor der erschütternden Schlichtheit des Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kümmerlichen Bissen Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein schien.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begräbnis. Im Hof der Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit klagender Stimme einen hebräischen Psalm. Dahinter standen die deutschen Offiziere, Rabbiner und Würdenträger der Stadt, brennende Kerzen in der Hand haltend. Die Kawassen eröffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern jüdischer Bürger getragen, dahinter schritten der Großrabbiner, die Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und weltlichen muhammedanischen Behörden, deutsche und türkische Offiziere und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden begleiteten den Zug, während hochgeschwungene Fackeln die Finsternis erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg über die Köpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen könntet, wie ich, übernächtigt, die hohe Lammfellmütze auf dem Kopf und von dem gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite, welchen Trost würde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!