Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen

Part 2

Chapter 23,618 wordsPublic domain

Hier also sprang die Welt aus dem Mutterschoß. Aber die Brüste sind lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch muß diese Erde getroffen haben, daß sie so voller Erbarmen um Wasser bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorüber. Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flußbetten, die Luft mit Schwefel erfüllend, Urweltbilder, Sonnenuntergänge, schwarz, schwarz, blaurot, Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine Lippen öffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden?

Wenn es dunkelt, binden wir das Floß an einen Stein am Ufer, stolpern ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die Gedanken, treten aus der Tür und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen über das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhänge der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche plötzliche Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner Großmutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her.

Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken; Staub liegt auf der Schwelle seiner Tür. Ich fühle, wie ich müde geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das Floß weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt erst zu schlafen beginnen?

An Carl Hauptmann

Bagdad, den 25. Januar 1916. Diesseits des Tigris.

Glauben Sie mir, mein verehrter väterlicher Freund, daß ich es gewiß nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem geliebten Hause verzichten zu müssen und wieder in die Wüste zu ziehen, ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese trüge der Mund nächtlicher Gespräche in diese fremden und durchaus nicht eintönigen Tage! Ach, ich höre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schließen, mir zuzuhören, wenn ich selber erzähle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrückungen verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen, daß ich die Güte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.

Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten Wohnung gewesen, die nun, zusammengewürfelt, bunte Dinge in einem Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tür verschlossen liegt. Ein höchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau Maria das stumme Märchen der Möbel zu deuten weiß, hat sie auch Ihnen davon erzählt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute! Welche himmlische Heiterkeit erfüllt meine Seele! Jede Krankheit ist eine Brücke, die am Tode vorübergeht. Und so schritt ich durch diese letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die seltsamsten Fiebernächte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert betrachte ich die Schätze, die sie mir zurückließen, ein Schwammtaucher und Perlenfischer, der erst an der Oberfläche erkennt, was ihm die Tiefe gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon alle der »Straße mit den tausend Zielen« angehören. Daß ich ein Buch Erlebnisse aus der Türkei in Arbeit nahm, erzählte ich Ihnen schon, eine Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser Krankheit. Aber das sind kleine Anfänge gegenüber weitliegenden Plänen, die ich nur flüchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten für spätere Jahre.

Glauben Sie übrigens nicht, daß diese Dinge alle mit dem Kriege zusammenhängen; was wir ständig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren Fleiß zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir ständig jene Unermüdlichkeit und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Fleiß, der das Glück der Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens, hinter der Ihr Haar grau wurde, auf daß das Werk sich gestalte, zu dem wir berufen sind. »Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...« wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken müssen. Übrigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wäldern stehen. Auf daß ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fühle! Wie in all den andern Jahren, haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten Bändern geschmückt, über dem neuen Hause, und gewiß ist das Dach inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich habe nach Deutschland geschrieben, daß man mir Ihre Bücher schicken soll, und wenn ich schließlich all die papiernen und weisheitsvollen Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir schleppen könnte, nirgends gäbe es so gute Gelegenheit, sie fremden Menschen zu Gefährten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, daß des Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu denen sprechen könnte, die Ohren haben zu hören?

Glauben Sie nicht, daß dieses öde und ausgehungerte Land leer sei an edlen und empfängnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswürdig und bestrickend, eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit über die Grenzen ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die türkischen Behörden in ihrem Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen ausgeschmückten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank, saß Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon, und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier versammelt sah, hätte glauben mögen, daß draußen vor den Toren der Stadt armenische Leichen lagen und daß wir in Asien saßen. Mühsam erhob sich der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie rührte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglückte mich der Wohllaut seiner Stimme, und oft denke ich, so müßte mein Großvater sein, wenn er noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft, mir durch Blut und Gebärde vertraut, nur daß ich ihm nicht früher begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen Menschen schaue und fühle, daß eine starke Seele in diesem Gebäude wohnt. So weiß ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer rüstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die stärker als alle Bande des Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lügen gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich immer wieder beglückt.

Wie gut ist es übrigens, daß ich in Ihrem Hause es so vortrefflich gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer schärfen und mit mir über die »Apfelsinen-Seele« plaudern. Unter einem halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten, und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen bin, können Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hände zählen, wie oft ich am Tage an Sie denke.

An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten

Bagdad, den 18. Januar 16. Diesseits des Flusses.

Wie glücklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nähme, so wüßte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich meine Kerze entzünde, die in einer kleinen, mit Erde gefüllten Büchse steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser langsam die Umschläge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen auseinander, ein weißes Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine längst eingenommene Festung bin.

Draußen ist eine große Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor meinem Fenster rascheln mit ihrem dürren Blätterhemd, der Regen rast mit eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kämpfen mit den Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu trinken. Mein Gesicht aber ist ganz überströmt von Liebe, und ich bin so überwältigt, als hättet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust gelegt. Ich bin richtig ein wenig müde, daß ich mich zurück auf das Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann will ich Dir auch gestehen, daß ich wieder krank gewesen bin. Du wirst nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafür, daß ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo ist mein heißes, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch weiß ich nicht, weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe zu wohnen. Oft scheint es mir, als wäre dies eine stille Rache, welche die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den Menschen besiegt.

Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhütte auf dem Kelek und fieberte. Das Floß drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene Tür in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter Palmen. Palmen -- dachte ich und daß das Paradies im Schatten ihrer Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als müßte aus ihrem blauen Schatten Kühlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen. Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wäre ich nicht noch einmal zwanzig Tage durch die Wüste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer Augen zu schauen? Am nächsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weißgedeckten Tisch mit blühenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die Sonne schien durch die offene Tür.

Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen, und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blühende Rosen ans Bett. Hier war ein kleines Bäumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt, die ich auf mein Bett über die Füße breitete, um sie liebevoll immer wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die Kerzen flammten, ihre kleinen weißen Seelen zitterten mir entgegen, nun entfalteten sie ihre Schmetterlingsflügel, und der Duft verbrannter Tannenzweige führte mich über so viel Jahre in die Zeiten zurück, da noch das Wunder dieser Nacht für mich nicht erloschen war. Dazu aß ich die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange Wochen mit mir durch die Wüste trug. »So viel Liebe! So viel Liebe!« dachte ich, und wieder überströmte es mich. Wie viel hatte doch diese arme und geschändete Erde noch an Güte zu geben, wie reich war ich! Ja, einen Augenblick schien es mir, als wäre die Erde nur darum des Grauens und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eifersüchtigen Herzen verschlossen hielte.

Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Füßen ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht überkam mich ein neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glühenden Hämmern geschlagenen Kopfe davon. Und während nasse Tücher meine Stirn kühlten, während ich von helfenden Händen in das Badewasser gehoben wurde, zog aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schöpfung verlassen. Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so reich an Gestalten gefühlt, nie so viel Pläne zugleich leibhaftig in Händen gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett das »Fieberschiff« getauft und über Meere und Länder die abenteuerlichsten Reisen in ihm geführt. Hat schon jemand das Märchen des fliegenden Bettes gedichtet? Dann müßte ich es tun.

Wie merkwürdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht stieg herauf. Während vierzig Grade meinen Körper siedeten, tanzte der Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberührt Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des Dichters verwünscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles ungeboren vorübergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen? Ich zündete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das mir gegenüber auf dem Tische lag. Aber die Kräfte verließen mich, und die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mußte den Wärter rufen, der mich zurück in die Kissen trug. Frost schüttelte mich, von neuem erbrach sich mein Magen, diese Müllgrube verdorbenen Fleisches und faulender Pflanzen. Ich ließ mir Tee kochen. »Dies ist mein Neujahrs-Punsch,« sagte ich zu meinem Wärter. Es war zwei Uhr morgens, und ich wurde der Schmerzen müde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.

Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es arbeitete in mir am Tag und in den Nächten, ich lag von einer wohligen Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich als ein fertiges Gebäude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht segnen, die so reiche Schätze in unsern Händen zurückließ? Wie wunderbar sie waren, diese tropischen Träume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus ungeahnten Tiefen steigt die geläuterte Seele empor, eine süße Stärke erfüllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.

Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken blätternd wie in einem schönen Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen Abenden, die uns Regen und Stürme bringen, eingehüllt in das warme Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenüber der gelobten Küste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und die weißen Häuser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und Schlummer eingesponnen, daß ich erneut das Wunder der Wiedergeburt schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, daß nicht ein Körnchen Staubes und nicht die feinste geäderte Zeichnung auf der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel entgeht.

Noch weiß ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene nächtliche Saat der Träume mir an Früchten zurückließ, wenn ich erst wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von Bett zu Bett abgehauene Gliedmaßen und blutige Verbände in meinen Eimer zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Veränderungen, in denen uns die Aussicht zur nächsten Stunde verhängt bleibt und wir immer mehr der Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurückgekehrt. So sehr ich auch fühle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde ich, daß ich aufgehört habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.

Wie oft muß ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor unserer Ankunft in den nächtlichen Straßen der Stadt einem lahmen Esel begegnete, dessen linker Hinterfuß gebrochen war und auf dessen schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben hing der Mond, eine kühle Lampe, während aus einem Hause leise Musik erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saßen, ihre Gebete sagend. Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach Gräsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem Geschöpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tür süßer Gesang. Aber der Weg ist dunkel und niemand weiß, wohin die Straße sich öffnet.

An die Großmutter

Bagdad, den 20. Januar 16. Im Hause zu den elf Fenstern.

Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rücken, Du liebes altes Gesicht. So dicht, daß die großmütterlichen Ohren, die so lange in die Welt gehorcht haben, sich gar nicht zu bemühen brauchen, mich zu verstehen. Nun fühle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wärmen mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Kälte heraufsteigt, daß ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weiße Vögel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.

Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde. Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben; hin und wieder schleicht in langen Röcken, mit den bloßen Füßen in der aufgeweichten Straße versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mußt du zufrieden sein, wenn du so viel hast, daß du nicht hungerst.

Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause, dessen Wände mich mit Kälte anhauchen (oh, wie will ich seine Kühle loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Täuschung vorspiegeln, ich säße im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wüste nach Mossul geritten bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den Unterstand erhellte, und freue mich, daß sie nun zuweilen des Abends wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mäntel gehüllt über dieses Papier gebeugt, während hinter den Scheiben mein arabischer Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgerät und vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Füßen. Denn das Kaufen von Teppichen ist gewiß eine ansteckende Krankheit. Aber schließlich sind wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das wir nicht müde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern erheben Palmen ihre stachligen Schöpfe, aus denen sich gegen Abend eine Schar von Krähen erhebt, die müde und satt von den Schlachtfeldern von Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris über den breiten Palmenwäldern, rasselnd, mit den Flügeln gegen die glasharten Blätter stoßend, Licht und Sonne verschüttend, eine schwarze Wolke, zusammenzuschlagen.

Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergängen heimzukehren pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit Schinkenbrötchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, daß keine Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir. Langsam fühle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne zu streicheln, und neige meinen Kopf über Dich, wie in den Abgrund aller Zärtlichkeit.

Ein Vermächtnis in der Wüste

An Hugo Marcus.

Bagdad, den 1. Febr. 1916. Im Jenseits.

Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen Tagen, wo Regen täglich sein kummervolles Haupt über die Stadt neigt, endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Häuser zu weinen. Sie haben mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer kühlen Stirne aufstiegen, weiß ich, daß es mehr ist als die Anerkennung der Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist, als wäre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen Widerhall fände. Wie glücklich ich bin, nichts konnte mich freudiger stimmen, als was Sie mir über meine Briefe sagen. Sie wissen, daß ich darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, daß sie mir als die schönste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und daß mir dies nicht immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein künstlerisches Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die bürgerliche Seele, stets eifersüchtig ihre Rechte wahrend, immer voll Furcht, daß ihr eigenes kleines Dasein bloßgelegt werden könnte, wird es freilich niemals begreifen, daß unser innerstes Wesen in andern Werken nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen.