Der Weg ohne Heimkehr: Ein Martyrium in Briefen

Part 1

Chapter 13,672 wordsPublic domain

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DER WEG OHNE HEIMKEHR

Zweite Auflage

ARMIN T. WEGNER

DER WEG OHNE HEIMKEHR

Ein Martyrium in Briefen

Im Sibyllen-Verlag zu Dresden

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1920 by Sibyllen-Verlag, G. m. b. H., Dresden.

Für ein greises geliebtes Haupt

Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen. Ich blieb allein zurück.

Aus einem arabischen Liede.

Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie schrieb, wußte ich nicht, daß ich sie einmal zu einem Buche vereinen würde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkürlich der Wunsch in mir wach, in diesen vielleicht letzten Äußerungen des Daseins über die persönlichen Freunde hinaus einer größeren, unsichtbaren Gemeinde etwas von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief schrieb und nach menschlichen Überzeugungen mit dem Tode rechnen mußte. Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff, verursachte später meine Rückberufung aus der Türkei. Dies, sowie die empörte Anteilnahme, die mich zu jenem unglücklichen Volke zog, dessen furchtbaren Untergang ich erleben mußte, waren der Grund, daß man mir nach meiner Rückkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen Landschaft, die Fülle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte, versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die Schwierigkeiten der Behörden verzögerte, wurde ich durch Soldaten der deutschen Militärmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert.

So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, für die sie bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen erfüllten Weges, bemüht, einen Ausdruck zu finden für die Kämpfe des Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Straße, auf der ein unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurückkehren. Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der getöteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zuständen suchen läßt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?

_Berlin_, Januar 1919.

A. T. W.

Der Weg ohne Heimkehr

An die Großmutter

Konstantinopel, den 24. Oktober 1915. In einem Hotelzimmer.

Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine Küste nicht mehr schauen. Ich weiß nicht, war ich der Schwimmer, der sich mit einem jähen Ruck von seinem Strande losriß, oder war es das Land selbst, das sich ablöste von mir, das eine unendliche Weite zwischen uns stieß, während ich, die geliebte Küste vor Augen, hinter der Brandung kämpfe, die mich immer weiter hinausträgt. Noch sehe ich das Haar Deiner Schläfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges. Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden.

Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon länger mit mir. Aber erst in späteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurückbleibt, vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Früchte Deiner Mühen und Zärtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht hat, daß eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne, weißhaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glück und die Weisheit meiner Jugend gewesen ist.

Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich reiste, der Wagen war bestellt und wir saßen beim Nachtmahl, schwankte der Vater, von einer plötzlichen Übelkeit befallen, gegen den Tisch. Eine Leichenblässe stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saßen ganz ruhig. In der Tiefe meines Herzens war ein Geräusch, als hämmerte jemand unten im Keller. Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Großvater gestorben ist. Ich fühlte eine grauenhafte Leere durch meinen Körper gehen. Aber es war nur ein Augenblick, dann ging es vorüber, noch einmal vorüber. Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir hatten alles in dieser einen Sekunde gefühlt. Mutter begann unter der Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich aber fühlte, was ich immer gewußt habe, daß dieser Tod nur ein Schrecken, kein reiner Schmerz für mich sein wird. Sollte ich die Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein Abwesender an ihm vorüber.

Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine furchtbare Marter wäre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen zu bleiben. Wie gerne hätte ich um eine Stunde an der Seite dieser schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich durch die Wohnung wie durch die Räume eines brennenden Hauses und schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen könnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt löste es sich ab von mir, schwankte, ein tränenbeladener Kahn, in den Abgrund hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stände ein Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen, durch dessen Öffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem Tode zu wohnen. Ich streichelte über seine runzlige Wange, wie man über die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten könne, und fühlte, wie unfähig ich war, diesem alternden Manne noch jemals eine Freude zu bereiten.

Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle Ruine dieses Gesichtes im Gedächtnis und das tränenüberströmte Antlitz meiner Mutter (o du über alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren fürchtete. Ich legte meinen Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Räder und die wandernde Landschaft unter mir, mit Freude erfüllt hatte, konnte mir keine Erlösung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lärm und Räderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewußtsein ging alles Denken unter.

Die Reise, durch Mühsal und Häßlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte sich über viele Tage, und je länger sie währte, um so mehr wuchs der Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe ich das Buch geöffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezüge für das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine großmütterliche Stirn sich auf mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides glänzt. Fühle die weiche Blüte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter Kamerad, warum wurdest Du, fünfundsiebzigjährig, nicht nach mir geboren, um an meiner Seite, meine Gefährtin, noch lange über diese Länder zu schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein. Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg hat alle Brücken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben, aber auch diese noch ist nicht ungetrübt. Der erste meiner Freunde hat die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fuß auf seine Schwelle gesetzt. Ich fühle, wie sich die Wage mit Toten füllt. Werde ich Leben genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu halten? Doch ob ich auch hier an der alten Straße der Glückseligkeit zwischen trojanischen Münzen und türkischen Soldatengräbern verfaulen sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, daß ich Dir verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gütigste über der Erde, ein Enkel, ein Teilchen, das Ende eines Knöchelchens von Dir.

Dein junger Kamerad.

An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten

Pera, den 7. November 1915. Mit dem Blick auf das Goldene Horn.

Wenn du diesen Schlüssel wieder in Händen hältst, meine Liebe, so denke daran, daß ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die Wärme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Länder, durch so viele verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das Letzte, was ich von Dir besaß, und jedesmal, wenn ich ihn zufällig in meiner Tasche fühlte, weckte er alle heißen, o so greifbar nahen Bilder von neuem in mir auf, daß ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern von ihm trenne, als wäre dies nicht nur der Schlüssel zu Deinem Hause, sondern auch Deines Herzens und der Pförtner aller Glückseligkeit. Das erste Mal fühlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenüber saß, die mit ihrem Schoßhund spielte: »_O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn Sie müssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus Paris geflohen und hat Lüttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un baiser ...!_« Und sie reichte ihm ein Stückchen geröstetes, mit Butter bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlüssel wie eine Waffe vor mir auf den Nachttisch, ängstlich auf jeden Schritt in den weiten Hotelgängen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu werden, aufgespießt von den Blicken der Vorübergehenden, und nach einer Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhören mit gehässigem Lachen das Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. »_Ah, le Kaiser, le fou_«, sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwärtig wie ein Flaubertscher Landpächter.

Schließlich ließ ich den Schlüssel auf der Galatabrücke in der hellen Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glücksbringer, Waffe und Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das liebebeladen in den Hafen zurückschwimmt, das Dir Grüße und Dank bringt für jene von Dir so rührend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen setzen, daß es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wußten. Ach, ich könnte mir vorstellen, daß Du, des Schlüssels beraubt, die ganze Zeit über gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem Schatten lebend, und dieser Gedanke könnte mich fast bewegen, ihn auch jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wüste zu nehmen, wohin ich in diesen Tagen reise. Über das schimmernde Wasser blickend, neige ich mich in der heißen Sonne über die Brüstung, und nachdem ich so viele kostbare und unwiderbringliche Schätze in den grundlosen Brunnen des Frauenherzens hinabgeworfen habe, überkommt mich eine warme Verlockung, in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu empfangen.

An die Eltern

Konstantinopel, den 2. Nov. 1915. Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.

Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die Militärmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und ich bin nichts als ein einfacher Sanitätssoldat, mit einer so niedrigen Löhnung, daß ich nicht weiß, wie ich leben soll. Ich werde zwischen türkischen Soldaten schlafen und mich von Abfällen nähren wie eine Ratte. Dennoch habe ich Glück gehabt. Ich bin dem Stabe des Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr habe ich mich um diese Stelle bemüht. Fünf Tage lang suchte ich meinen beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen, um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens für mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten, jedesmal über achtzig Schläge hinauf, sobald ich die Treppe des Kriegsministeriums betrat.

Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen. Ich bin mir wohl bewußt, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehört, ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere, meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die Gräben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will. Schließlich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem dunklen Lasso entgehen, der ständig um unser Haupt schwirrt. Denn niemand kann die Wechselfälle des Lebens voraussehen, die mich immer gerüstet finden, wenn es sein muß auch zum Tode.

Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe für mich, nicht für das Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, daß ich es nicht um der Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe mein Leben eingesetzt für die Schätze meiner Seele. Wie glücklich ich bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Säbel, schaukelnden Epauletten und goldenen Schnüren über der Brust? Wie sie am Rande der Wüste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hügel hinan. Unter ihnen ist einer von schlanker Gestalt, groß, den Kopf ein wenig vornübergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der Offiziere? Nein, er trägt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es ist Euer Sohn. Er ist glücklich, auch hier das Leben als ein Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind. Mit zitternd geöffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem Leben zu beugen.

Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Straße. Wo heute? Wo morgen?

Deutsche Militärmission, Sanitätssoldat.

An eine Schwester von Gül-Hane

Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der Treskaschlucht.

In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain, den 26. November 1915.

Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich Sie in weißen Hauben durch die Säle schreiten wie durch einen leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Händen aufblühen, sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer gut gelaunten, lustig zerzausten und höchst garstigen Diestel? Man reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas bestürzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.

Heute sind wir über den Amanus gefahren, vor zwei Tagen über den Taurus. Nur von spärlichen Kiefernwäldern bewachsen, erhob sich seine steinerne Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur Seekrankheit hin und her geschüttelt, bei fast vollem Mond in die geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der Landstraße hinter uns herziehend, deutete jemand über den Rauch nächtlicher Zeltdächer, die einsam in der Ebene standen, auf einen hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden in die Finsternis leuchteten. Dort mußte das Meer liegen. Und wie ich Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da schickte ich Ihnen so viele Grüße in Ihr meerumgürtetes Haus und dachte wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht gehen! Wie schön, wenn am Abend die schwarzen Winterstürme heraufkommen und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herüberbellen. Sich dann in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuzünden (liebe Kerze, liebe kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glücklich zu sein?

Sie sagen, wenn gute Wünsche etwas vermöchten, könnte mir nie ein Unglück zustoßen, und fast will ich glauben, daß Sie recht haben. Ich fühle, daß ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen, trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Ränder aller Straßen sind mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flüchtlinge besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der sich tausend flehende Hände recken, unsere Seelen ein schmerzliches Spießrutenlaufen beginnen.

Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das Lager zurückgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit, Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an den dunkelvioletten Aufschlägen meiner Uniform meine Zugehörigkeit zur Sanitätstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Händen auf mich zu. Mich für einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich Ärmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem es verboten war, ihr zu helfen.

Dies alles aber wurde übertroffen durch den furchtbaren Anblick der täglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte man ihnen eine Reihe von Löchern in die Erde gegraben, die mit alten Lappen bedeckt waren. Darunter saßen sie, Kopf an Kopf, Knaben und Mädchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der Nachtkälte schaudernd aneinander gedrängt, ein kleines Stückchen glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie vergeblich versuchten, sich zu wärmen. Einige weinten unaufhörlich. Ihr gelbes Haar hing ungeschnitten über die Stirn, ihre Gesichter waren von Schmutz und Tränen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen waren unergründlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als hätte das Schicksal alle Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wüste gestellt, uns noch einmal zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, daß ich klopfenden Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde dahinschritt, erfaßte mich Schwindel, als bräche der Boden zu beiden Seiten in einen Abgrund zusammen.

Die Täler aller Berge, die Ufer aller Flüsse sind von diesen Lagern des Elends erfüllt. Über die Pässe des Taurus und Amanus zieht sich dieser gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von Verfluchten, der um den Fuß der Berge brandet, um, schmäler und schmäler werdend, in unabsehbaren Zügen in die Ebene hinabzugleiten und in der Wüste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwürdigen Härte des Gefühls: diese erfüllen ihr Schicksal, erfülle du das deine!

So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhöfen ohne Licht in den Eisenbahnzügen und führe mit den Kameraden die heitersten Gespräche über den Tod. Da sind alte Farmer aus Südwest unter uns, der Gesandte für Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Männer, die ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, daß die Schamas die Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt; sie erzählen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen vielen und mancherlei merkwürdigen Gefahren. Die reichhaltigste Speisekarte schöner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich, an ihren Roßschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tödlicher Seuche anstecken. Die schönen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfüßler und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt flüchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der Straße liegen, den Schakalen zum Fraß. Und das alles erzählt man dir mit lächelndem Auge, als wäre der Tod das heiterste Schaustück der Welt. Und auch du lächelst, gehst schlafen und beschließt im stillen bei dir achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nächsten Augenblick zu entdecken, daß man dein Kochgeschirr in einer übelriechenden Lache reinigt, die die Flüchtlinge mit ihren Exkrementen beschmutzt haben.

Ja, liebe Schwester, man muß an das Glück seines Schicksals glauben! Darum fürchten Sie nicht für mich, wenn ich jetzt so fremden und ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern Sie sich stets daran, daß es Pflanzen mit blassen Blättern gibt, die, wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Kräfte haben. Zu diesen gehöre ich.

Daß Sie hier wären! Den Tag über mit mir im Sattel zu sitzen und in die Steppe hinauszureiten, das wäre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, hätten Sie es wahrgemacht und wären ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spät, und wenn ich Ihnen auch ein paar Männerhosen schickte, so lang, daß sie selbst für eine hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wäre doch zu nichts nütze.

8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch.

Traum auf dem Kelek

Auf dem Tigris, den 10. Dezember 1915.

Was meinen Sie nun, daß ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter Schilfdächern, auf dem bewegten Boden luftgefüllter Schläuche, Hütten und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hühnern, Kisten und Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch die Wüste schmerzend, noch fröstelnd von der Kälte der eisigen Nächte, die das Wasser in unsern Schüsseln gefrieren ließ. Und das Floß dreht sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das Ufer berührend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.