Der Wanderer

Part 9

Chapter 92,760 wordsPublic domain

Nach den romantischen Rheinfahrten (aber nicht auf einem Dampfer in der Hochsaison!) wird einem das Rheindelta fast immer eintönig erscheinen. Und beim Wandern durch die nicht restlos befriedigende Synthese des Teutoburger Waldes, dessen viele trotzige Einsiedlereichen mit ihrem unwiderstehlichen Baumzauber sich in dem für unsere Schwarzwaldbegriffe dürftigen Tannenforst doch in nicht ganz ebenbürtiger Gesellschaft fühlen, da müssen schon die Trümmer des geschichtlichen Wissens aus dem Gymnasium das Maß der Wanderfreuden vollmachen. Aber dann kommt Westfalen und besonders die eigentümliche rote Erde, und das ist etwas ganz eigenartig Neues. Wer die rote Erde mit der von düsteren Rauchflaggen durchwehten Luft, mit der höllischen Pracht ihrer drohenden Stimmungen, wo am Horizont die Kaminwälder und die Feuerscheine der Hochöfen des Menschen unverzagten Willen zur Herrschaft über die Erde verkünden, nicht genießen kann, der geht noch in den Kinderschuhen des Wanderers, dessen Herz ist nur empfänglich für die sentimentale Verschwommenheit süßlicher Landschaftsbilder, wie sie für den »Naturliebhaber« (auch so ein bezeichnendes Wort) und für den Kunstkenner der Biedermeierzeit einzig in Betracht kamen, als rascher Genuß des Auges wie als dauernder Schmuck des Hauses. Daran aber erkennt man den objektiv gereiften Wanderer, ob er, einerlei von welcher politischen Gesinnung, empfänglich ist für den fast brutal heroischen Klang und für die erdhaft riesenhafte Tönung von allem, was in jener so unparadiesisch trotzigen Gegend Form und Farbe angenommen hat. Und was soll ich erst sagen zum Preise des Vaterlandes dort, wo die großen und kleinen, wegen ihrer fast holländischen Sauberkeit auffallenden Viehherden an den letzten Hügeln und Bergen weiden, die für den Süddeutschen die letzte Erinnerung an die Heimat sind, bevor wir ein neues Staunen lernen. Das Entzücken nämlich über die schlichte Geradlinigkeit der Landschaft an der Wasserkante, besonders der Niederweser und der Niederelbe, wo ein im Kampf mit dem »blanken Hans« der Nordsee hart und still gewordenes Bauernvolk einer endlosen Rohr- und Schilfwildnis weite Strecken des gesegnetsten Kulturlandes abgerungen hat und dort ein uns Landratten so ganz fremdes Leben voller Trotz und Stolz führt. Und das alte Strandpiratenblut (darüber ist jetzt die Wissenschaft ganz einig!) verschafft sich in diesen Sprossen noch jetzt manchmal nach wochenlanger Stille Ausdruck durch Ausbrüche, die als Widerspiel der Elementargewalten des Meeres nur den von der Kultur nicht geschwächten Naturmenschen verständlich sind. Dort in Friesland, an der holsteinischen Niederelbe, wirkt für den Binnenländer ein ganz neuer Zauber, der dem nüchternen, oft fast empörend geordneten Landschaftsbild einen Reiz von ungeahnter Vielfältigkeit verleiht: das Wasser, das Meer. Mögen die Fahrrinnen zur Elbe schnurgerade, die Linden beschnitten sein wie Weidenstrünke und diese selbst, oft Baumstämme von ansehnlicher »Postur« mit struppigen, kurzgeschorenen Köpfen, alles tun, um das Landschaftsbild »uninteressant« zu machen, schon das »Altländer« Haus mit seiner bis ins künstlerische Raffinement gehenden Holzarchitektur und dem sauberen Dach aus kurzem gutgebundenen und fast pedantisch gerade beschnittenen Stroh, zärtlich umhegt von Bäumen und Büschen, ist ein kleines Wunder eines »Heims«. Und doch wie bitter und hart ist dort noch das Verhältnis vom Mensch zum Menschen, besonders vom Herrn zum Knecht! Aber gerade, als wollte die Natur hier das Unerbittliche, Schweigsame im Menschen mildern, hängt der sonnendurchglänzte Wasserdunst des Meeres oder der stundenbreiten Flußläufe über die Erde dort unten Gold- und Silbernetze, deren Wirkung die Landratte sich nicht vorstellen kann. Breit verschwimmend im Lichtglanz, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit einem verschwenderischen Farbenreichtum prunkt, so erscheint alles Geradlinig-Eckige im Land der Marschen. Und wer nicht die alten Fleten am Hamburger Hafen, die engen, kanaldurchzogenen Gassen der alten Lagerhäuser hansischer Großkaufleute der Vergangenheit gesehen hat, wie sie im lichtdurchglühten Wasserdunst und im sonnengeröteten Qualm der Dampfer zu Märchengassen aus goldigem Purpur und echtem Ultramarin werden, der weiß nicht, was des Meeres ungezählte Zauberer aus übelriechenden Winkeln und morschen, himmelhohen Warenspeichern machen können.

Wir haben oben von einem der eigentümlichsten Städtegebilde in der südöstlichen Ecke des Reiches gesprochen, von München. Es hat seinen fast künstlerisch kontrastartig wirkenden Gegensatz im Nordwesten Deutschlands. Den Abschluß der dem Süddeutschen in der grandiosen Einfachheit ihrer Linien und in dem fast holländischen Zauber der wassergesättigten Atmosphäre nicht ohne weiteres verständlichen Landschaft der roten Heide, der samtgrünen Marsch, der schwarzen Moorwildnisse, der verträumten Schilfufer und der waldigen Hügelhänge an dem meergleichen Strom, der schimmernden Obstwälder und der gelben Sanddünen, der stillen Deiche und der rollenden Wogen -- diesen Abschluß bildet die bedeutungsvollste und lebendigste aller deutschen Städte: Hamburg. Während der Rhein, dem granitenen Leibe der Alpen entsprungen, doch immer im engen Felsenbett dahinrollt und wenigstens bis zu seiner holländischen Deltaversandung an alten Burgen, hohen Domen, Rebenhügeln und fruchtbaren Gefilden dahinrauscht, und er eigentlich doch immer nur das große, sagenumwobene Idyll eines Flusses ist, entwickelt sich die dem Busen des Riesengebirges entquellende Elbe auf verhältnismäßig kürzerem Lauf durch sozusagen nüchternes Land zur monumentalen Größe, die zu unserem technisch merkantilen Zeitalter eher passen will als die Poesie des romantischen Rhein! Berlin ist ja zweifellos politische Reichshauptstadt. Aber das Tor, das uns mit allen Erdteilen verbindet und bei aller merkantilen Einseitigkeit doch das Sigillum der zukünftigen Groß-Großstadt Deutschlands schon jetzt an der Stirn trägt, ist Hamburg. Wer's nicht glaubt, mag selbst hingehn. Das kann durch keine Statistik, durch keine politischen Reden, sondern nur durch die Augen erschaut und erfaßt werden.

Wenn ich nun nicht auch auf der Ostseite Deutschlands den Weg durch Pommern, Sachsen, Schlesien usw. zurück mache, so nur deshalb, weil mir im Laufe der Betrachtungen klar geworden ist, daß das eigentlich ein Buch für sich gäbe. Nur so viel zum Schluß: Aller Chauvinismus ist mir in der Seele zuwider, und das Lied: »Deutschland, Deutschland über alles« ist zwar als politisches Lied verständlich, und ich kenne kein schöneres Ziel, als daß das Lied wahrgemacht würde: daß Deutschland Europas und der Welt _Musterstaat_ würde. Aber die Liebe zur Heimat schließt die Erkenntnis nicht aus, daß die ganze Erde und alle Länder voller Wunder sondersgleichen sind. Nur sollen wir beim ~A~ anfangen, und unser ~A~ ist Deutschland, das Land, das bei aller Festgründigkeit doch das wandelbarste, das entwicklungsfähigste der europäischen Kulturländer ist. Schon darum ist es des Wanderers Sache, einmal zunächst seine eigenen Gaue zu schauen. Um so klarer wird er die Schönheiten anderer Länder zu würdigen wissen.

An die Alten und die Jungen.

In den großen Zeiten des Weltenadvents, in denen wir leben, und in den brausenden Wehen der Pfingsten eines neuen Jahrtausends müssen am Schlusse eines Wanderbuches noch zwei Dinge gesagt werden. Denn es ist nicht gleichgültig, wie der Sauser des nahenden Herbstes ins Stadium kommt -- wie sie drüben über dem Rhein sagen -- und wie der neue Most sich bis zur Klärung gebärdet. Da kommt es erheblich auf die Schläuche an.

Das eine ist also das: Mag es mit der neuen Religion, von der wir so viel reden hören, kommen wie es wolle, sie wird mit den Kenntnissen der biologischen Wissenschaft und mit unserem bisher entweder allzu verachteten oder zu sehr verhätschelten Körper rechnen müssen. Denn dieses größte aller Wunder der Natur hat da auch sein Wort mitzureden. Wir wissen heute, daß eine sündhafte Verschwendung von Kraft in der Richtung moralischer Anstrengungen gemacht wird und daß der heilige Antonius und viele ähnliche nach größerer sittlicher Reinheit ringende Menschen viel weniger Versuchungen zu erdulden gehabt hätten und daß das Maß vieler Heiligengeschichten auf ein Geringes zurückgedrängt worden wäre, wenn diese Stoiker, Heiligen oder wie sie sich heißen, mehr von dem Zusammenhängen des Seelenlebens mit dem Essen und der Verdauung gekannt hätten. So wie für den wirklichen Kulturmenschen Eile etwas Niedriges bedeutet, so muß Sauberkeit in jedem Sinne eine Nationaltugend werden. Vor allem beim Wandern, wo die Verführung zum Gegenteil so groß ist.

Das ist das eine und gilt für die Alten wie für die Jungen. Das andere ist nur für die Alten.

Seitdem die Welt steht, haben die Menschen jenseits der Fünfziger noch nie den Heroismus gehabt, auf die alte selbstgefällige Einbildung zu verzichten, die Jugend sei schlimmer als zur Zeit, wo _sie_ jung waren. Mit diesem Greisengedanken prahlt schon Salomo, man findet ihn bei Plinius; kurz, es handelt sich hier um eine Gedankenverkalkung, die niemand aufgeben will. Und doch spricht schon allein der Gang der Weltgeschichte dagegen. Aber es braucht noch mehr. Wir älteren Semester sollten es wieder anstreben, die Jungen nicht nur zu schulmeistern, sondern auch von ihnen zu lernen. Schon deswegen, weil wir so selber jünger bleiben, als wenn wir uns in die würdigen Ecken unserer Philisterweisheit zurückziehen. Es ist so töricht, wenn wir keinen Gebrauch machen von der weisen Einrichtung der Natur, die uns die Jungen als Schrittmacher gibt, wenn wir ihnen -- denn sie sind mit Recht anspruchsvoll in den vielen Fällen ihrer rührenden Hilflosigkeit -- unsere Erfahrungen nicht aufschulmeistern, sondern mit väterlicher Kameradschaftlichkeit mitteilen.

Wenn ich mich bisher fast nur an die Jugend wandte, um sie zum Kampf gegen sportliche Herzverkalkung beim Wandern und exklusive Tendenzen aufzurufen, so gelten diese Worte den vielen älteren Stillen im Lande, die sich von irgendeiner guten Tante weismachen ließen, sie seien zu alt zum Wandern.

Es ist nicht wahr! Ihr seid nicht zu alt! Lernet wieder das Wandern! So würde ganz ohne Lärm und Organisation und Agitation ein Geheimbund der alten Herren, eine Brüderschaft vom geruhigen Wanderschuh entstehen, deren Mitglieder schon durch ihr Dasein beschämend und anfeuernd auf die Jugend wirken könnte. Das gäbe eine Brüderschaft der Unentwegten, ein Fähnlein der Aufrechten, ohne Vereinsbeiträge und ohne Vereinszeichen. Höchstens das eine Zeichen wäre erlaubt, ein gut pochendes Herz, das jung geblieben ist, nicht an Arteriosklerose und ähnliche überflüssige Segnungen unserer Zeit glaubt, sondern an die Jugend, besonders an die eigene. Das sind die Herzen, die ihre Flammen, wenn auch gedämpft durch den gesunden Menschenverstand des Schwabenalters, noch lodern lassen, wenn die anderen von der alten Garde zwar noch nicht gestorben sind, aber sich schon lange ergeben und die Flinte ins Korn geworfen haben.

Und warum?

Weil sie auf den die Lebenskraft gar zu leicht untergrabenden Trick der modernsten aller Zauberinnen, der Technik, hereingefallen sind, den wichtigsten Teil des körperlichen Lebens, die _Bewegung_, nach und nach an sich zu ziehen und aus den Menschen immer mehr Stückgüter zu machen, die zur Beförderung übernommen werden, sei's auf dem Motorrad und Auto, oder auf der Eisenbahn und im Lenkballon, oder auf dem Ozeandampfer und im Unterseeboot. Besonders die »Elektrische« wirkt im Alltagsleben verheerend und entzieht uns mit einer infernalischen Subtilität Bewegungsbedürfnis und Muskelkraft. Es wird den älteren Semestern lebensgefährlich bequem gemacht. Mit beängstigender Zuvorkommenheit wird alles an uns herangebracht. Das Kino erspart uns bald das Reisen, und wer weiß, bald können wir vielleicht in unseren vier Wänden prima Schwarzwaldluft atmen, die uns Fernluftleitungen zu mäßigen Preisen zuführen wie Wasser, Gas und Elektrizität. Wir werden uns eines schönen Tags überhaupt nicht mehr von der Stelle zu bewegen brauchen, und unser Leben wird sich auf dem Sofa ganz wirkungsvoll und schöpferisch abspielen können, ohne daß wir mit der Wimper zucken.

Das ist groteske Übertreibung, werden viele sagen. Zugegeben! Und doch kann ich es nicht verwehren, daß angesichts solcher Möglichkeitsperspektiven zwei Gestalten vor mein Auge treten: Mein alter Großvater, der noch mit 80 Jahren uns jede Woche einmal in der Stadt besuchte und die vier Stunden her und die vier Stunden heim ins Dorf zu Fuß zurücklegte. Und dann der jetzt auch schon 80jährige leichtfüßige Vater Weißbart, in dessen Familie das allsonntägliche Wandern eine Art Gottesdienst war und dessen Frau und Kindern ich es heute noch danke, daß ich mit meinem erheblichen Talent zum Stubenhocker und Bücherwurm schon in jungen Jahren den Segen kennen lernte

_vom Wandern, ja vom Wandern_.

Die Natur.

Ein Schlußwort.

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen -- unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein zu kommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen ...

Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder: alles ist neu und doch wieder das Alte.

Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich ...

Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist die einzige Künstlerin: aus dem simpelsten Stoffe zu den größten Kontrasten: ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung; zur genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer Werke hat ein eignes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus.

Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig und ist kein Moment Stillstehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillstehen gehängt. Sie ist fest: ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.

Sie läßt jedes Kind an ihr künsteln, jeden Toren über sie richten, Tausende stumpf über sie hingehen und nichts sehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung ...

Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will. Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumt, daß man sie verlange; sie eilt, daß man sie nicht satt werde ...

Sie hat _keine Sprache noch Rede_, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. _Ihre Krone ist die Liebe_; nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles will sie verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alles zusammen zu ziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos ...

Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken ...

Sie hat mich hereingestellt. Sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.

* * * * *

Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so wird man die theoretische Gleichsetzung von ~natura~ mit ~deus~ bei dem jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie -- ~faute de mieux~ -- Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen Deutschland erhoben.

Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen, was dahinter liegt, zu retten. Nicht allein mit dem Verstand, der zwar ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns der Natur zu nähern: _Die bewegte Stille der Liebe._

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