Der Wanderer

Part 8

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Ich weiß, in jenen zwei Stunden haben wir alle fünf etwas gewußt vom Wald und seinem Geheimnis, das gewebt ist aus den kreisenden Aureolen des Sonnenlichts und aus der Finsternis, die mit tausend Augen in der Nacht zwischen den Stämmen in der Wildnis hinausschaut ins sternenhelle Land, gewebt aus dem beseligenden Rieseln jungfräulicher Birken und der stummen, unbeweglichen Wucht, mit der die Fürsten des Waldes den Sturm und sein Höllengesindel ganz außer Rand und Band bringen; denn an ihrer gelassenen Kraft erschöpft sich ihr zügelloses Rasen.

Was das damals war, das weiß ich nicht gewiß. Aber da es in den Märchen von »Tausendundeiner Nacht« Galoschen des Glücks gibt, in denen ein richtiger »Ali« nur »Mutabor« zu sagen brauchte, um in einer Sekunde von Kopenhagen nach Konstantinopel zu kommen, warum soll es heute, nach tausend weiteren Jahren, nicht auch so eine Art Galoschen -- des Herzens geben, mit denen man durch die ungeahnten Geheimnisse und Wunder des deutschen Waldes schreiten kann, natürlich ganz unverdienterweise!

Von der Heide, der Marsch und der Geest.

Wer den Drang in sich fühlt, einmal ohne Überschreitung der deutschen Grenze etwas Grundanderes zu sehen als ruhevolles Mittelgebirge, schöne deutsche Laubwälder, stille, grünende Matten mit dem eintönigen Leben von Bauern, die gerade ihr Leben noch fristen können; wer einmal die Antithese zu den Wiesen und Bäumen und süddeutschen Binnenseen des vorhergehenden Abschnittes erleben will, der wandere von einer der schönen mitteldeutschen Städte wie Braunschweig oder Lüneburg durch die Heide hinab an die Geest und hinab an die Marsch. Dieses Hinab mißt bloß einige Meter Unterschied in der Meereshöhe, und doch sind diese wenigen Meter entscheidend für den ganzen von Grund aus anderen Charakter der Landschaft, wie sie an der Waterkant, immer noch unentdeckt von den Landratten, mit allen ihren großen, herben Wundern liegt. Besonders die Deichlandschaft der Niederelbe, die sich wie ein Kranz künstlicher Seen um Hamburg herumschließt, ist ein noch unentdecktes Reich. Dort ist das große Meertor von Deutschland, durch das man hindurchsieht auf die Welt außerhalb unseres kleinen Europa, auf Amerika, Asien, Afrika, Australien, von denen die richtigen Jungens der berühmten Fischerdörfer an der Niederelbe reden, so wie wir in der südwestdeutschen Ecke von Frankfurt oder Berlin.

Die paar Monate, die ich da oben zugebracht habe, hätten nicht genügt, um mich in diese wesensverschiedene Welt einzuweihen, wenn nicht mancher Schleier gelüftet und manches Rätsel gelöst worden wäre durch ein Werk, das ich jedem nach wirklichem, tiefem Erfassen jenes herrlichen Landstreifens Verlangendem an der Nordsee nicht dringend genug empfehlen kann, nämlich Professor ~Dr.~ Lindes »Niederelbe«. Dort schaffen elementar einfache Linien der Natur, ein wirklich noch urwüchsiges und scheu auf sich selbst zurückgezogenes Volkstum, das in ständig wogenden Wasserschleiern webende Sonnenlicht und nicht zuletzt einen architektonisch hoch entwickelten bäuerlichen Kunstsinn, eine Welt ganz für sich -- eine Welt, zu der die Entdeckungen der Worpsweder Maler in der Bremer Heide für die große Öffentlichkeit nur ein winziges Schrittchen bedeutet.

Unter den deutschen Heiden ist die lüneburgische die größte. Die stille Schönheit dieser unfruchtbaren Wüste ist bis jetzt weder von einem Maler noch von einem Dichter auch nur annähernd dem Bewußtsein der Bewohner Süd- und Mitteldeutschlands nahegebracht worden. Die in rosaroter Abendglut brennende Heidewildnis mit dem braunen Uferrand der Torfmoore, die unsagbar große Einsamkeit, die von Horizont zu Horizont geht und höchstens einmal durchschauert wird vom verlorenen Echo der Dampfsirenen großer Weser- oder Elbeschiffe; die einsamen »Ahlen«, die sich aus dem Moor oder aus der Heide wie flache Schildbuckel erheben und mit einem rauchgeschwärzten, strohbedachten Heidehaus gekrönt sind, und die Menschen der Heide, die von dem dürftigen Kornwuchs leben, den die Stückchen urbar gemachtes Land widerwillig hergeben; von alledem haben wir Wanderer des Südens keinen Begriff.

Unser Staunen wächst aber, wenn diese ärmliche Welt, deren machtvolle Schönheit eigentlich nur durch die gekrümmten und gebückten Gestalten der mißtrauisch blinzelnden Heidebauern das Stigma der Armut erhält, versinkt und sich auf einmal auf dem üppigen, feuchten Wiesenboden der Marsch große Herden von schwarzen Rindern weidend langsam vorwärts bewegen; wo überall Zäune und Tore, die oft wahre ländliche Prunkpforten sind, den Grundbesitz der Marschbauern abgrenzen. Die in großzügigen Formen gebundene Marschlandschaft mit ihren gelbbraunen Tönen ist oft in ihren meerabgelegenen Teilen von Enklaven von Mooren und kleinen Bezirken mattschimmernder Heide oder glühenden Feldern von Strandnelken durchsetzt. Und wenn man auf einmal zwischen graugelber Sandwildnis, eiszeitlichem Schottergeröll, buschigen Erikafeldern und aufdringlich fetten Huflattichvegetationen unvermutet den heimeligen Zauber eines mit köstlichem Holzwerk gezierten und von Schutzbäumen gegen den Sturm umstandenen Altländerhauses sieht, dann beginnt das Paradies der Elblande. -- Die Fußwanderungen an der Niederelbe sind stählend für den Körper durch die nahe Salzluft des Meeres, sie bereichern die Seele durch den dem großen Schöpfersinn nach genialer Abwechslung entsprechenden Wechsel von endlosen funkelnd gelben Rapsfeldern, braun wuchernden Schilfwirrnissen, die man fast Dschungel nennen kann, und hinter denen der silberblaue, oft von schaumköpfigen Wogen übersäte Elbestrom an den üppig grünen Wolken großer Obstbaumanlagen ruhig und stolz vorbeizieht. Und alle diese Herrlichkeit genießt der Marschbauer oder der Fischer an der Unterelbe weit mehr als unser badischer Bauer den Reiz der Rheinebene. Sonst könnte er nicht von dem dunkeln, vom Sturm mit rollenden Wogen übersäten Strom, der dort schon breit ist wie ein Meerarm, das wunderbare Wort prägen: »Dee Els (Elbe) geiht in Hemdsärmeln.«

Das sind nur die allergröbsten Geheimnisse. Wenn man aber einmal dahintergerät, wie der durch Schilfwildnis ziehende Strom eigentlich aus zwei sich ständig bekämpfenden Flüssen besteht, nämlich dem aus dem Lande kommenden Süßwasserfluß und dem durch den Pulsschlag des Meeres bis hinauf nach Hamburg getriebenen Salzstrom, und daß z. B. das harmlos erscheinende Süßwasser leicht obenauf schwimmt, aus Ufer Fluß macht, während das Salzwasser das verschlungene Gut wieder an anderen Stellen anschwemmt, dann bekommt dieser Strom etwas von bewußt wirkendem und schaffendem Leben. Die unzähligen dunkeln Ewer mit ihren tiefroten und braunen Segeln, die herrlichen Fünfmaster, die noch wirkliche Schiffe sind im Gegensatz zu den gigantischen und uneleganten Kästen, den aus drei und vier Schornsteinen rauchenden Ozeandampfern, die dicken, plumpen Schlepper, die Bernhardiner der Elbe, wie sie genannt werden, die die auf Sandbänken festgefahrenen Ozeandampfer von der Gefahr des Strandens zu retten haben, und schließlich die kleinen, in der Schilfwildnis liegenden Krabbenboote, auf denen die Fischer an offenen Feuern ihr Mittagsmahl kochen, alles das sieht sich dann an wie eine leicht gefällige Last, die der breite Strom gutmütig und willig flußab oder flußauf trägt, je nachdem die Ebbe oder die Flut eingesetzt hat. Und dann noch die zahllosen, uns Landratten unbekannten Idylle von weidenden Schafen, Ziegen und Rindern zwischen hängenden Fischernetzen; das hell lachende, herbfrohe Leben der Dorfjugend auf den weißgestrichenen Bänken vor den Marschhöfen, in denen innen und außen alles von einer geradezu holländischen Sauberkeit ist; die ungeheuern Unterschiede zwischen den Erwerbszweigen ganz nahe beieinander liegender Landstrecken, z. B. der hochentwickelte Gemüse- und Obstbau des alten Landes und die berühmte Viehzucht der Vierlande; dann das glitzernde Leben im Winter, wo jung und alt auf den gefrorenen Fleten Schlittschuh läuft und die Elbe mit Grundeis geht, als ob lange Ketten aus großen Silberperlen mit der Ebbe oder der Flut stromab und stromauf getrieben würden! Alles das ist eine Welt voll so frischer Urwüchsigkeit, daß man es begreifen kann, wenn die Hamburger die Mark und Berlin ihr Hinterland nennen und die Hoffnung haben, daß aus dieser fast ungeschmälerten Kraft einmal das größte Gemeinwesen des Deutschen Reiches emporwachsen werde.

Es ist einerlei, ob das so sein wird oder nicht (denn der Hamburger und der Marschbauer neigen von Natur zum Größengefühl). Aber wenn man mich fragen würde, was es außer dem Schwarzwald mit seinen verborgenen Bergwundern landschaftlich noch Unerhörtes und nicht zu Übersehendes in Deutschland gäbe, dann würde ich in der ganzen Ehrlichkeit meines beschränkten Schwarzwaldpartikularismus sagen, nach dem Schwarzwald komme zu allererst die Waterkant in Betracht, d. h. das Land der Marsch, der Geest und der Heide.

Wie man Städte ansehen soll.

Im Schlendern! Ohne Baedeker oder sonstige Führer, die einen mit und ohne Stern zu den berühmten Kirchen, sehenswerten Profanbauten und nicht zu übersehenden Denkmälern geleiten. Das größte Übel beim Besehen der Städte ist der _Zeitgeiz_. Die meisten Wanderer leiden an der Zwangsvorstellung, »alles« gesehen haben zu müssen. Sie empfinden es fast wie eine Gewissenlosigkeit, wenn sie etwas auslassen. Das sind die Sklaven der Kataloge. Wenn sie sich Nürnberg besehen, dann sind sie vorschriftsmäßig von elf bis zwölf im Bratwurstglöckle, bis zwei auf der Burg und bis vier Uhr im Germanischen Museum. An Leib und Seele gerädert, suchen sie dann ihrer Aufnahmefähigkeit durch einige Schoppen in den historisch geheiligten Winkeln des »Posthorns« oder »so wo« aufzuhelfen, was aber zumeist programmwidrig ist.

Wer aber auf gut Glück die Straßen der alten Städte durchwandert, der empfindet auch das Glück aller ersten Entdecker! Es kann ihm nicht viel entgehen, wenn er mit hellen Augen zwei Tage lang den großen und einen Tag den kleinen Städten widmet. Aber wenn er so ganz zufällig, sagen wir, in Bremen sich auf einmal dem steinernen Roland gegenüber sieht und ganz ohne vorhergehendes Studium historischer oder künstlerischer Randglossen zu diesem ebenso merkwürdigen wie wundersamen Denkmal das kindlich freundliche Lächeln des unerschrockenen Helden der deutschen Sage auf sich wirken läßt, dann vergißt er diesen Eindruck nicht mehr so leicht. Ob er dabei den Stil des Kunstwerks für spätromanisch oder frühgotisch hielt, das tut nichts zur Sache. Er hat den Roland von Bremen einfach erlebt und hat tausendmal mehr von ihm als ein anderer, der sich zuerst kunsthistorisch unterrichtete, um sich vor den Kameraden beim Besuch der Statue »nicht zu blamieren«. Der Bock, den jener mit der falschen Stilzuteilung geschossen, ist lange nicht so schlimm als das anempfundene und fremdem Wissen entwendete richtige Stilgefühl des klugen Alleswissers.

Also lieber eine kraftvolle Dummheit als ein schwächliches Prunken mit unredlichen Kenntnissen. Denn es gibt nur _eine_ Art von redlichen Kenntnissen, die _erlebten_, oder um mich chemisch-biologisch auszudrücken, die assimilierten Kenntnisse.

Kein Wanderer wird es als Abfall und als Untreue von seinen eigentlichen Zielen empfinden, wenn er sich einmal aus ganzem Herzen freut, in der Ferne die grünleuchtenden Kupfertürme einer großen, mit altem und doch noch lebendigem Bauwerk gesegneten Stadt zu erblicken und das Heulager in Bauernscheunen mit dem sauberen Bett eines einfachen Gasthauses zu vertauschen. Wer das bestreitet, der prahlt. Man muß nur einmal die komisch feierliche Eßlust gesehen haben, mit der eine Schar von Wandervögeln, die ein freigebiger Gönner zu einem regelrechten Gasthofmahl eingeladen hat, sich ihrer Aufgabe entledigen. Wer das einmal neidlos zu sehen bekam, der begreift, daß auch beim Wandern allein der Wechsel erfreut, und daß ständiges Traben in der Ebene ebenso langweilig wird wie die immer sich gleichbleibenden Lagergerichte aus irgendeinem Wandererkochbuche.

Wenn du also, Wandersmann, nach einem guten Imbiß und einer köstlichen Nacht in einem kühlen, frischen Bett deinen Rucksack in irgendeinem sicheren Verlies aufgehoben weißt, dann schlendere unbeschwert durch die Straßen, schließe immer nur wenige, aber tiefe Freundschaften mit dem Schönsten, was dir von schönen Häusern und feinen Bildnissen, himmelhohen Domen und trotzigen Burgen dein Herz gefangennimmt. Es ist dabei einerlei, ob deine Liebe der geistvoll und fast frivol lächelnden »Fraue Welt« gilt, die am Münster von Basel hoch über dem Rhein ihr Busentuch lüftet, oder dem treuherzig dummen Ritter Georg am Dom von Bamberg, der, steif im hölzernen Sattel sitzend, mit der Unerschütterlichkeit eines Parsivals den Drachen absticht, wie wenn es sich um ein Ferkel handelte; oder ob dir die Madonna von Nürnberg in der wellenhaft aufsteigenden Andacht ihres Gewandes und der beglückt dankenden Reinheit ihrer gefalteten Hände dein Herz erbeben ließ, oder ob du die Augen nicht wenden konntest von dem zierlichen Gitterwerk des Meisters, der aus roten Quadern in der kühnen Pyramide des Freiburger Münsters einen wunderbar lichten Dank für alle Herrlichkeit der Erde dem Himmel entgegenbaute.

Sei also immer Herr deiner Zeit und nicht ihr Sklave! Du darfst sie auch dann und wann souverän _verschwenden_! Denn wenn du z. B. in Verona nichts vom Grab der Julia und nichts von den Reiterstandbildern der Skaligerfürsten und nicht einmal etwas von den Bildern des Paolo von Verona gesehen hast, weil es dich immer wieder nach dem alten Festungshügel jenseits der Etsch zog, wo der Zypressenwald steht und wo du den schönsten Blick auf den farbigen und zugleich kriegerisch drohenden Zauber der Stadt Dietrichs von Berne genießest, so hast du doch mehr von Verona gehabt als alle die Atemlosen, die alles gesehen haben und doch nichts.

Der deutsche Wanderer von Durchschnittsbildung besitzt leider noch zu geringes Verständnis für Architektur und kann deshalb die Schönheit der deutschen Stadt nicht bis auf den Grund auskosten und ihr eigentliches Wesen nicht erfassen. Aber das schließt nicht aus, daß er unbefangen und unabsichtlich den Geist, der in dem Gefüge des Ganzen wie in einzelnen Gebäuden unbewußt sinnliche Form angenommen hat, auf sich wirken läßt. Sowohl in der eigenartigen Gesamtheit des Städteaufbaues und in seinem Grundriß wie auch in den alten Köstlichkeiten verschwiegener Gassen, in der einladenden Wohnlichkeit der von einem Garten umschlossenen behaglichen Bürgerhäuser, aus malerischen Winkeln, murmelnden Brunnen, wuchtigen Plätzen und rhythmisch von Bogen zu Bogen sich schwingenden Brücken gewinnt er ein Bild von der inneren Art der Bewohner einer Stadt. Er _erlebt_ die Stadt. Er wird sich im Innersten bewußt, daß Natur allein es nicht tut, sondern daß der schöpferisch gestaltende Menschengeist, aus den Muttertiefen der Natur heraus schaffend und vom Geist aus den Höhen befruchtet, sich über die Natur hinausheben und die Anfänge einer Welt gestalten kann, zu der ja die vollendenden Kulturwirklichkeiten noch fehlen, aber nicht immer zu fehlen brauchen. Und so viel auf diesen Seiten von den Wunden die Rede war, welche die Halbkultur unserer Gegenwart uns schlägt: aus dem Geist der großen deutschen Künstler, die vor Jahrhunderten ihre ~Sermons in stone~ gehalten haben und ihre kraftvoll schöne Gedankenwelt Fleisch und Blut in Steingestalt gewinnen ließen, wird der mit den Sinnen einer sublimeren Weltanschauung ausgestattete Wanderer bei gelegentlichem Schlendern durch schöne alte Städte den Glauben an die Zukunft des Volkes sich wiedererringen. Und dieses Heilmittels, des großen Zukunftsglaubens, können wir als Heilung gegen die vielen Bisse und Stiche, deren wir uns von der Amphibienwelt unserer Halbkultur nicht erwehren können, am wenigsten entbehren.

Die deutschen Lande.

Wir müssen uns das Paradies selber bauen in der nordischen Heimat -- schreibt Hermann Hesse von seiner Ceylonreise. Diese Heimat ist das Deutschland, wo -- um unbescheiden bei der eigenen Heimat anzufangen -- der Rhein einen zärtlichen Ellenbogen um ein herbes Bergland macht, um ein Land einfacher Linien, aber auch voll grüner Waldverworrenheit und gesegnet mit einer Ruhe, die nicht erschlafft, sondern ermuntert zu tätigem Leben. Daneben lebt auf einer Hochebene das Volk der Sueven, die gerade nicht darauf erpicht sind, ihrem Namen (die Sanften) _unter allen Umständen_ Ehre zu machen, die aber zwischen eintönigen, von schmalen Flüssen durchwundenen Rebbergen und in alten feinen Städten, angefüllt von dem eigensinnigen Formen- und Farbengeschmack der Schwaben, ein Leben voll rüstiger Ehrlichkeit und geschmeidiger Klugheit führen. Das deutliche Selbstbewußtsein, dem deutschen Vaterland eine nicht geringe Zahl von Männern geschenkt zu haben, deren Name lange nicht mit ihrem Todestag verschwand, fehlt ihnen dabei nicht.

Weiter dem Osten zu, auf einer noch rauheren Hochebene, haben die markomannischen Fäuste und die glaubensstarken Köpfe der Oberbayern nicht verhindern können, daß dort ein sonderbares Großstadtgebilde aufblühte, in dem neben einem angeborenen Sinn für Darstellung eine große Zahl von Männern und Frauen in zähem Lebenskampf hochwertige Kulturarbeit leistet, und zwar von solcher Bedeutung, daß die »Kunstmetropole des Südens« den Namen eines modernen »Capua« leicht auf die Achsel nehmen kann. Durch den blauen Alpenkranz, der sich um die Stadt schlingt, kommt Deutschland auch noch in die Reihe jener Staaten, die nicht ohne den Diademschmuck ewigen Schnees geblieben sind.

Das ganze Frankenland von der französischen bis zur österreichischen Grenze ist für den deutschen Wanderer noch immer zu sehr ~Terra incognita~, besonders die Gegend der Main- und der pfälzischen Franken. Doch auch bei den blinden Hessen sind noch die verschwiegenen Malerwinkel und die verzauberten Welten altväterlichen Lebens zu finden, die ihre schlichte Schönheit nicht jedem kecken Wegfahrer offenbaren, sondern gesucht, mit frommem Gemüt durchwandert und in aller Stille geliebt werden wollen. Dort liegen hinter den dichten Wällen schwerbeladener Obstbäume versteckte Dörfer mit launig dicken Kirchtürmen oder vorlaut über das grüne Gewoge schauenden Rokokozwiebeln von Gemeinden mit guten Pfründen; und wer es versteht, sich da hineinzuschleichen, der bekommt zum Lohn den ganzen unberührten Reiz ländlichen Friedens und Segens beschert.

Herbere Töne und tiefere Noten schlägt schon das Land um den Teutoburger Wald herum an, so sehr manche Striche noch an die Milde des Taunus oder der Rhön gemahnen. Wie eine Insel von fremder Eigenart steigen an der Mosel die vulkanischen Eifelberge mit ihren ossianisch-schwermütigen Maarlandschaften hervor. Erst in den hannöverschen Landen, wo die deutsche Tiefebene ernstlich ihre guten Rechte geltend macht und wo auch die rauhen Paradiese der niederdeutschen Heide beginnen, nimmt die Landschaft wieder Formen und Färbungen an, die den Wanderer zunächst überraschen und dann, wenn er seine Augen eingestellt hat, beglücken.