Part 7
»Wie schön, wie ganz wunderbar schön,« entfuhr es dem Manne mit dem »Zustand« fast demütig. Er begann sich regelrecht zu schämen. Mit jedem Schritt wurde er es immer mehr inne, daß er krank war. Nicht gefährlich! Nur bücherkrank und stubenkrank! Die blaßvioletten Skabiosen in den Wiesen mit ihren hübschen Blumenkörben verstanden auch, wie's um ihn stand, und die herrlichen goldgelben Sterne des Ziegenbarts wußten es so gut wie die weißen Dolden und roten Rispen und die blauen Glocken und die braunen Wiesenknöpfe, was mit ihm los war. Sie hatten schon alle lachen wollen über den sonderbaren Menschen, denn sie waren übermütig, weil alle Wiesen so herrlich im Pfingstglanz leuchteten, und der da aussah, als hätte er die ganze Zeit auf dem Mond gelebt, wo es erwiesenermaßen nichts mehr gibt, als griesgrämige Berge, die keine Feuer mehr spucken und auch keine Blumen auf ihren ausgemergelten Felsrippen mehr wachsen lassen konnten. Aber als die Butterblumen und die Ziegenbärte eben verächtlich lachen wollten, da kam auf einmal der Wind vor dem stubenkranken Wanderer her und fuhr all den Gräsern und Kräutern über die übermütigen Köpfe, daß sie sich ganz bescheiden vor ihm neigten, und sagte:
»Wie könnt ihr nur? Das ist doch einer von denen, die über uns Bücher schreiben müssen!«
Da schämten sich die Wiesenblumen; denn so viel wußten sie wenigstens, daß man beim Bücherschreiben, auch über die Blumen und über die Wolken und die Bäche und die Bäume und den Wind, in der Stube sitzen muß, wo es das alles nicht gibt.
Der Mann aber, der zuletzt nur noch ganz langsam gegangen und oft stehen geblieben war, um mit durstigen Augen all den bunten Glanz und all das ruhige Glück sonniger Farbenstille in seine verstaubte Seele hineinzutrinken, fing auf einmal von neuem an zu laufen. Nicht mehr aus Zorn. O nein! Er spürte nun, daß er wieder lebte, lebte _in_ der Welt und _mit_ der Welt, und die Welt in _ihm_. Er fing an zu singen und zu springen. Wie lange, das wußte er selber nicht. Aber plötzlich stand er wieder vor der Tür seines Hauses mit einem mächtigen Strauß aus Feld- und Waldblumen in der Hand, und er wunderte sich sehr, daß ihm sein Weib lächelnd entgegentrat, den Strauß mit wenigen, guten Worten bewunderte und sonst tat, als ob gar nichts gewesen wäre.
Was war denn überhaupt geschehen?
Er hatte nur noch ein dumpfes Gefühl einer wüsten, langen Gefangenschaft in dunkeln Räumen, einer barbarischen Trennung von Licht und Welt und Sonne und Schönheit. Und als er wieder in seinem Bücherkerker angekommen war, da wußte er, was ihm gefehlt hatte.
Von da an ging alles wieder gut im Haus, denn jeden Tag besuchte man mit dem Vater die Holunderbüsche und den Wald und den Bach und die Wolken und überhaupt alles da draußen vor dem Gartenhag, was so schön ist.
Und daß dieser Mann, der ein guter Bekannter von mir war, je einmal den »Zustand« hatte, das ist nun wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und wenn es wieder kommen will und er fragt bei uns um unsere Meinung, dann wird die Parole gegen den Erzfeind aller Stubenhocker, den Sorgengeist, ausgegeben. Die Großen und die Kleinen und die Kleinsten werden in die gute Stube gerufen, ich setze mich ans Klavier, und der böse Geist fährt aus unter den Klängen des Liedes:
Hinaus in die Ferne! Hinaus in die Freiheit, in die Sonne, ins Leben!
An die jungen Männer.
Es braust in den Lüften von Pfingststürmen. Welcher junge Mann hätte es noch nicht verspürt, sei er Student, Arbeiter, Kaufmann oder Kanzlist, der es ernst nimmt mit dem Leben, das tiefe Erbeben, unter dem unser ganzes Leben, das des einzelnen wie das der Familie, das des Staates wie das der Völkerbünde erzittert? Die Zukunft des deutschen Volkes -- und das geht uns zunächst an! -- hat im Hochofen des 20. Jahrhunderts schon fast die Weißglut erreicht, und es braucht _Männer_, um das Schmelzgut ohne Gefahren und Verluste in Formen zu fassen. _Ganze_, _reine_, _tapfere_ und _treue Männer_ braucht es! Unter ihrem Brusttuch muß das Herz der neuen Zeit schlagen, das dem hohen Blutdruck eines intensiveren Lebens gewachsen ist und zugleich über die für unzeitgemäß tiefe Empfindungen unentbehrlichen Nerven verfügt. Es braucht _überall_, in jedem Feldlager der neuen Geisteskämpfe, Männer mit kühnen Stirnen, hellen Augen und nüchternen Gehirnen.
Aber erst die nächste Generation, wenn nicht erst die unserer Enkel, wird die Entscheidungsschlachten zu schlagen haben. Zu dem zähen Körper und dem hellen Geist, deren es dazu bedarf, _kann das Wandern helfen_! Es _kann_, wenn es in keine neue »Meierei« ausartet. Aber es _muß_ es nicht. Die Befreiungskriege im Anfang des letzten Jahrhunderts haben eine gestählte Jugend vorgefunden, ohne daß man vom »Wandersport« eine Ahnung hatte. Denn auch das Wandern ist kein Allerweltsheilmittel gegen jene inneren Schwären, die zur Bewältigung großer Aufgaben unfähig machen, kein unfehlbares Mittel gegen Verweichlichung, Unwahrhaftigkeit und -- in höherem Sinne genommen -- Unsauberkeit. Und doch wird gerade das Wandern eines der ersten Mittel sein zur Erringung jener Eigenschaften, die das Wesen eines jungen Mannes, _wie er sein soll_, ausmachen. An deren Eroberung muß jeder, der sich selbst nicht gut genug ist, das ganze Feuer seiner Seele und die ungeschwächte Zähigkeit seines Willens setzen. _Gut sein, wahrhaftig sein, rein sein, stark sein!_ Das ist's! Wer das hat, der wird nicht unterliegen! Und zwar kommt es gerade auf eben _diese Reihenfolge_ der genannten Eigenschaften an; denn eine ist dabei die natürliche Ursache der anderen.
Ich weiß es wohl, daß viele lächeln werden über dieses unmoderne und »lebensverneinende« Programm. Aber -- abgesehen davon, daß es _lebensbejahend_ im höchsten Sinne ist! -- weiß ich auch ein anderes: Manche _haben_ das schon fertiggebracht! Junge Männer bis in die Mitte der zwanziger Jahre! Und viele andere werden nicht anders _können_, als entschlossen zu nicken zu diesem stillen Aufruf: _Freiwillige vor!_ Und diese werden ohne Anmeldung und ohne Uniform der Welt dem All, oder wie sie das in ihrer Sprache nennen mögen, ihr junges Leben zur Verfügung stellen.
Den Geist und die Kraft aber zu solchem Vorhaben werden sie am ehesten finden in den Bergen, im rauschenden Wald, wenn das erste Morgenlicht durch die Bäume in den zerzausten Rasen des Waldes fliegt oder beim Wandern im roten Mittagszauber der Heide oder wenn ein herber Wind am Abend über sonnenumspielte purpurne Kuppen streicht -- oder überall wo »der Mensch noch nicht ist mit seiner Qual«. Das heißt in der _Natur_, die Spinoza gleichsetzt mit dem Maß des All: »~Natura sive deus~«.
Auf diesem Kampffeld wird der neue Krieg, der heilige Krieg um innere Größe, Reinheit und Stärke beginnen:
Vom Grund bis zu den Gipfeln, So weit man sehen kann, Jetzt blüht's in allen Wipfeln, Nun geht das Wandern an:
Und die im Tal verderben In trüber Sorgen Haft, Der Dichter möcht sie werben Zu dieser Wanderschaft.
Da wird die Welt so munter Und nimmt die Reiseschuh, Sein Liebchen mitten drunter, Die nickt ihm heimlich zu.
Und über Felsenwände Und auf dem grünen Plan, Das wirbt und jauchzt ohn' Ende -- Nun geht das Wandern an!
(Eichendorff.)
An die jungen Mädchen.
Siehe zunächst unter: »An die jungen Männer«. Sodann noch mit der gebührenden Höflichkeit einiges Besondere:
Über das Wandern der jungen Leute mit Mädchen in Horden oder auch in kleinerer Anzahl läßt sich Allgemeingültiges nur schwer sagen. Das ist immer eine _reine Personenfrage_. Auch haben, seitdem die Welt steht, alle jungen Menschenkinder verschiedenen Geschlechtes, welche der Mai des Lebens zusammenführte, auch ohne die Ratschläge von Wanderbüchern und sogar ohne das Einverständnis besorgter Mütter und Tanten es verstanden, ihre Wanderungen durch Wald und Feld zu machen, allein in der verständnisinnigen und verschwiegenen Gegenwart von Bäumen und Wiesen, die sich durch den Glanz ihrer jungen reinen Liebe beglückt fühlten. Aber die Frage des Zusammenwanderns als Normalzustand läßt, nachdem wir noch nicht einmal die Koedukation haben, doch auch bei unbefangenen älteren Leuten einige Bedenken aufkommen.
Vor allem haben mir junge Freunde oft gesagt, mit Mädchen sei (abgesehen von den »technischen Schwierigkeiten beim Übernachten«, wie sie das diskret nannten) _hordenweise_ nicht gut wandern. Die Gründe dafür lassen sich auf einen besonders gelungenen Satz eines der jungen Kameraden, der mir frisch und unbefangen seine Meinung sagte, zusammenbringen: »Nämlich, man befindet sich fortwährend auf einem schmalen Grat mit den Mädels. Auf der einen Seite gähnt die Gefahr, daß sie sich durch gänzliche Gleichstellung in ihren Rechten, aber auch in ihren Pflichten mit den Jungens vernachlässigt fühlen, und im Abgrund auf der anderen Seite lauert die größte Wahrscheinlichkeit, daß die Mädels durch das sogenannte ritterliche Benehmen der Jungens verwöhnt werden, und damit die Möglichkeit von Mißhelligkeiten im Quadrat, sei es der Gleichstellung, sei es der Ritterlichkeit, wächst. Und an Krach fehlt's wahrhaftig, wenn wir ganz unter uns sind, auch nicht, so daß es absolut noch mehr sein müßte!«
So der junge Weltweise und Wandervogel, seines Zeichens dazumal Oberprimaner, Sohn einer kinderreichen Familie und überall geliebt als ein »famoser Kerl«. Er war ein »Kenner«, trotz seiner jungen Jahre. Mir persönlich mangeln eigene Erfahrungen in dieser Richtung. Aber ich halte mich immer daran, daß noch jeder tüchtige junge Kerl, dem es später wahrhaftig an Eroberungen nicht fehlte, sich immer _gegen_ das Zusammenwandern von »Mädels und Jungens« aussprach. Nur die verdächtig Frühreifen und die »Schmachter«, die später, wie damals schon, von der Weiblichkeit nicht recht ernst genommen wurden, nur die waren für »moderne Auffassung« und fürs Zusammenwandern.
Zum Schluß nur noch eine kurze Erzählung einer wirklichen Begebenheit für diejenigen Frauen und Jungfrauen, die immer noch das parlanische »~Mulier taceat in ecclesia~«, das nur in der konzentrierten lateinischen Fassung grob klingt, als eine Kürzung der Frauenrechte auffassen. Ich selber bin für Zulassung der Frau zu allen dem Mann zugänglichen Ständen. Man muß alles _probieren_. Aber die Entwicklung in den Wandervereinen, wo manchmal auch junge Mädchen offizielle Mitglieder sind, spricht sehr _für_ den Apostel Paulus.
Hatten da in einer süddeutschen Universitätsstadt die Mitglieder eines akademischen Wanderklubs das Empfinden, es sei »zeitgemäß«, den weiblichen Mitgliedern auch Stimmrecht und Redefreiheit zu gewähren. Die Diskussionen über die einfachsten Vereinsangelegenheiten hatten nämlich unter den männlichen Mitgliedern bis weit über die Mitternachtsstunde gedauert. Da hoffte man von der Neuerung eine Besserung. Es wurde statt dessen aber »furchtbar«. Da griff eine kluge alte Frau ein und riet den jungen Leuten, sie sollten die »Mädels« an den Sitzungen teilnehmen lassen, aber ohne Stimm- und Rederecht. Der Erfolg war ein solcher Wetteifer der jungen Männer um kurzes, sachliches und treffendes Sprechen angesichts der Damen, daß alles Geschäftliche in längstens einer Stunde erledigt und besser erledigt war als früher.
Ich will keine zu weitgehenden Schlüsse hieraus ziehen, aber die Tatsache spricht -- wie man wohl etwas übertrieben sagt -- Bände.
Von Wiesen und Bäumen.
Der umbrische Wandersmann, der vor acht Jahrhunderten mit einigen Gefährten die oberitalienischen Ebenen und Hügelländer durchstreifte, kommt wieder in Mode. Ich habe das gute Zutrauen zu meinen Lesern, daß sie durch die Tagesmode hindurch zu diesem großen liebenswürdigen Manne von Assisi selbst vordringen, zu diesem sonderbaren Heiligen, der nicht nur mit den Fischen im Wasser, den Vögeln in der Luft wie mit Kameraden sprach und die Sonne und den Mond als Schwester und Bruder anredete, wenn es ihm gerade darum war, sondern auch in einem innigen Verkehr mit Bäumen und Wiesenblumen stand. Das wird manchem verrückt vorkommen. Es ist es auch, wenn man daraus eine schwüle Gefühlsschwärmerei macht, die häufiger nur ein Surrogat für gesunde, aber unterdrückte Triebe ist. Aber in der Wirklichkeit gibt es dieses Verhältnis zwischen Natur und Mensch, und wenn es nicht der holländische Brillenschleifer und Mathematiker Spinoza gehabt hätte, dann wäre es ihm nicht möglich gewesen, in der Natur Gott zu sehen. Ohne dieses Hindurchblicken durch äußere Hüllen hätte aber auch Hermann Hesse seinen Peter Camenzind in dem gleichnamigen Roman nicht alle Abend nach der großen Kiefer auf dem Hügel sehen lassen können, deren Wohl dem Schwärmer noch mehr als das anderer Bäume am Herzen lag. Zu den gleichen heimlichen Jüngern des Franz von Umbrien gehört auch der junge deutsch-amerikanische Mediziner, der einmal in einer Gesellschaft sagen sollte, wie er über die Religion denke, und darauf die allgemein für dumm gehaltene Antwort gab: »~Well~, wenn ich spazierengehe und ich möchte eine Blume pflücken, tue es aber nicht, weil ich gut zu ihr fühle und spüre, daß sie auch möchte geliebt sein und Samen bringen, ~well~, das ist ~my religion~!«
Deutsch schwach, aber Religion zweifellos gut.
Und ich kenne noch so einen. In dessen Tagebuch vom vorigen Frühjahr ist zu lesen: Es will wieder Frühling werden, und ich gehe jeden Morgen von meinem Dorf den Weg zu den nächsten Hügeln hinauf. Links und rechts vom Weg auf den Äckern und Wiesen steht alles voll von Obstbäumen, keiner ist wie der andere. Die Kirschbäume gleichen sich noch am meisten. Aber die Birnbäume, das ist ein Baumvolk von Riesen und Zwergen, Krummen und Buckligen, Übermütigen und Melancholikern. Die zwischendrin versteckten kleinen Apfelbäume sind seltsame Käuze. Sie fahren mit ihren eckigen und in allen Richtungen gekrümmten Zweigen in der Luft herum, daß man meint, sie wüßten nicht, wo hinaus vor Leichtsinn und Übermut. Die bescheidensten sind noch die Kirschbäume. Aber auch unter ihnen gibt es manche, die die Kraft ihres Stammes zu früh in dicken Ästen vergeuden, so daß dann nichts Rechtes mehr für die Höhe übrigbleibt, wie das so gern die Art der Birnbäume ist. Überhaupt sieht man den Bäumen im Frühjahr, kurz vor dem Ausschlagen, am besten an, was sie wirklich sind. In den Formen und Linien des kahlen Gezweigs, in dem der Saft schon quillt, kommt ihr ganzes Temperament zum Ausdruck. Viele stehen da in strotzender Kraft, während andere ihr verfehltes Leben im ganzen Aussehen verraten. Manchen sieht man es an, wie sie sich trotz ärmlicher Verhältnisse gewalttätig durchgesetzt haben, und manche stehen auf gutem Boden und im vollen Licht recht ängstlich da und bekümmert, wie Geizhälse, die mitten im Reichtum verhungern wollen. Über die Baumvölker ragt aber ein Kirschbaum empor wie eine junge Königin. Er steht auf einem ganz kleinen Hügel und gefiel mir auf einem Spaziergang durch die selbstbewußte, frohe Art, wie er von dem glatten runden Stamm seine Zweige mit einer gewissen Feierlichkeit nach allen Seiten in die Luft streckte. Kein bißchen Moos war auf seiner Rinde zu sehen, und seine Zweige verästelten sich zu Tausenden dunkler Fingerchen. Etwas wie frohe Erwartung lag über der gesunden Gestalt dieses Baumes, und das grüngestrichene Bänkchen neben seinem Stamm schien ganz stolz darauf zu sein, gerade hier stehen zu dürfen. Als alle anderen Bäume noch kahl wie im Winter waren, war eines schönen Tags der Kirschbaum über und über mit grünen Spitzchen besetzt, und rund um ihn herum waren Hunderte von Maßliebchen aufgegangen. Es war kein Zweifel, er würde der erste sein, der im Lande blühte. Am gleichen Abend zeigte er schon seine ersten weißgrünen Knospen. Eines Morgens stand er im Brautstaat da.
Ich weiß, man wird nun über mich lachen, weil ich glaube, daß der Kirschbaum genau wußte, wie schön er an diesem Morgen war. Aber ich will zu meiner Entschuldigung doch anführen, daß ein großer deutscher Maler vor einer mächtigen Trauerweide, die gar nicht weit von dem Kirschbaum stand, weinen mußte, so ergriff ihn die hoheitsvolle, tragische Gebärde des Baumes. Und wenn man meint, nur Dichter und Maler und derlei überspannte Leute glaubten an solche Dinge, so weiß ich einen berühmten Musiker, der beim unvorsichtigen Abbrechen von Zweigen ein direktes Schmerzgefühl empfand und in solchen Fällen tat, als ob es sich um eine Verwundung eines lebenden Wesens handelte ... Nur wenige unter den Tausenden von Sommerfrischlern, die jetzt die Bergheiden und Waldwiesen überschwemmen, haben Respekt vor dem _Besitz_ des Bauern und hausen in dieser Richtung oft wie die Tiere. Aber noch weniger Menschen gibt es, die nicht nur aus Furcht vor dem Gesetz, sondern aus einer heiligen Achtung vor einer jeden Art von Leben heraus, auch wenn es nur Pflanzenleben ist, weder unnötig Blumen am Weg abreißen, noch den Rasen der Wiesen zertreten; einfach, weil sie nicht können.
Es wird heute so viel vom Erleben geredet, ohne daß man sich eine Vorstellung davon macht, was nun wirklich ein Erlebnis ist. Daß man auch eine Wiese erleben kann, das scheint vielleicht nicht ohne weiteres wahrscheinlich. Und doch ist es so. Es ist gleichbedeutend mit dem, was Goethe immer wieder das Schauen nannte.
Ein Wanderer tritt aus einem dunklen Tannenwald in eine breite Lichtung. Da blühen zwischen feinem Berggras die goldenen Sterne der Arnika und recken sich hoch über das niedere Volk der Skabiosen, die, fast demütig vor den Majestäten unter den wilden Bergblumen, ihre hellvioletten Blütenkörbe gerade nur über die Grasspitzen in die Höhe halten. Noch weiter unten im grünen Teppich, fast am Boden, bietet der rote Klee den summenden Bienen und Hummeln verborgene Liebeslager dar. Aber alles das sieht der Wanderer nicht nacheinander, sondern zugleich. Daß die Sonne hinter seinem Rücken steht und die eigentliche Veranlassung dazu ist, daß der rote Klee aus den heimlichen Grasgemächern hervor und die bescheidenen violetten Skabiosen und die stolzen Arnikasterne sich wie grüßend zu ihm wenden, das ist ihm gleichgültig. Das Leben verspürt Leben. Des Wanderers Seele tritt in Fühlung mit dem eigentlichen Sein der Pflanzen und Blumen, und ihm ist auf einmal, als ob er entschwand in eine Region des Daseins, wo es keine Trennung mehr gibt zwischen allem Erschaffenen. Das mag ungefähr der Marschendichter Allmers empfunden haben, als er das wunderbare Lied wie von unsichtbaren Elfen ins Ohr gesagt bekam:
»Ich ruhte still im hohen, grünen Gras Und sende lange meinen Blick nach oben; Von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlaß, Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Und schöne, weiße Wolken ziehn dahin Durchs tiefe Blau, wie schöne, stille Träume. Mir ist, als ob ich längst gestorben bin, Und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.«
Vom Wald.
Was das eigentlich ist, der Wald, das vermag ich beim besten Willen nicht zu sagen. Nicht als ob es nicht Forstassessoren und Botaniker genug gäbe, die einem sehr sauber und leichtfaßlich erklären könnten, daß der Wald immer eine Ansammlung von dicht beieinander stehenden Bäumen aller möglichen Arten sei; einige gelehrte Männer sind sogar dahintergekommen, daß der Wald eine Art sozialer Gemeinschaft mit bestimmten Gesetzen ist, daß er einen grimmigen Kampf mit der feindlichen Heide führt, die mit ihrem niederen Fußvolk, den Tausenden von bedürfnislosen Erikasträuchern, in jede Bresche eindringt und den mächtigsten Baumriesen mit den rauschenden Kronen das Leben sauer und schließlich unmöglich macht, so daß die Majestäten fallen unter dem unvermeidlichen Vordringen des Zwergvolkes, das ihren Wurzeln auf eine listige Art -- durch Bodenverfilzung -- Wasser, Licht und Luft entzieht.
Alles das ist sehr interessant, und es gibt z. B. von Francé im Kosmosverlage gute Büchlein, die ein jeder gelesen haben sollte, der den Wald liebt. Aber deshalb liebt man nicht den Wald, und all dies erklärt nicht das, was hinter dem Wald steckt, das eigentliche -- _Walden_.
Ich möchte also nur alle ehrlichen Kameraden vom Wanderstab warnen vor der Einbildung, als wüßten sie, was der Wald ist.
Das haben zu allen Zeiten nur immer wenige Begnadete unter Millionen geahnt, und die sagten es dann, ein jeder in seiner besonderen Art, nicht so klar, daß man es ohne weiteres verstehen konnte. Aber wirklich gewußt, was es mit dem Wald auf sich hat, das hat z. B. Richard Wagner, und gesagt hat er es in den paar hundert Takten im Siegfried, im »Waldweben«, wo der junge Siegfried auf einmal die Stimmen der Waldvögel versteht und das ganze geheime Raunen zwischen Sonnenlichtern und Blätterrauschen. _Gemalt_ hat den Wald eigentlich nur Moritz v. Schwind, dann und wann einmal auch Arnold Böcklin und Hans Thoma. Es gibt ja viele Bilder sehr berühmter Kunstmaler, auf denen die Baumstämme und das Moos und das Blattwerk »viel natürlicher« gemalt sind; aber man sucht in ihnen vergebens nach jenem ruhevollen, auch in der dunklen Schattenkühle allgegenwärtigen Leuchten, das zu uns reden kann wie die tröstenden Worte einer Mutter; vor dem einem aber auch manchmal etwas wie Angst in die Kehle steigt, weil man es gerade in diesem Augenblick unaussprechlich klar empfindet, daß man noch lange nicht ein ordentlicher Mensch geworden ist. Ich meine, der wirklich ordentliche Mensch, den zu werden man sich heimlich vornahm, als man so zwischen vierzehn und zwanzig war und einmal so »ungeheuer edel« werden wollte.
Von den vielen Dichtern, die vom Wald gesungen, war im Grunde nur Eichendorff ein Eingeweihter. Was an Heimlichkeit und stiller Größe, an schlichter Reinheit und unaufdringlicher Stärke im deutschen Wald lebt, das hat er, der so viele der Lieder weckte, die in allen Dingen schlafen, fast als einziger Sänger des deutschen Waldes zu sagen vermocht.
Ich bin kein Teutschtümler und glaube nicht an alleinseligmachendes Ariertum, aber daß die Teutonen in den Wald gehen mußten, wenn sie ihrem Wodan näher sein wollten, das begreife ich ganz ohne Nachdenken. Das Gescheiteste war es schon nicht, als Fridolin vom Oberrhein und andere Bekehrer zum Umhauen der alten Eichen und Taxusbäume ihre Zuflucht nehmen mußten, um sich in Ansehen zu setzen.
Einmal -- vor bald zehn Jahren -- da sind wir zu fünft durch den Bergwald gewandert. Zwei Stunden lang ging's unter den lichtgrünen Dächern des frühsommerlichen Laubwaldes dahin. Die Sonnenstrahlen, die durch das nicht ganz geschlossene Blätterwerk der Baumkronen heimliche Wege fanden, trieben allerhand fröhlichen Unsinn mit dem wenigen Schmuck, den die zwei mitwandernden Frauen am Hals oder an den Fingern trugen. Nahgerückte Berggipfel sahen in das ganz stille, rauschende, lichte Glück des sprossenden Frühsommerwaldes, und zwischen Stämmen hindurch schlang sich ein verhaltenes Singen von einem nie gekannten, in den tiefsten Tiefen des Menschenherzens wohnenden Frieden, den die Welt doch einmal beschert bekommen würde. Einmal sicher! Ein wenig warnungsvoll und mit feierlicher Stille wanderte das Glück zwischen den Schatten der alten Buchen und Eichen mit uns, ohne uns einmal aus den Augen zu lassen, und keines von uns fünf wagte während der seltsamen zwei Stunden mit einem einzigen Wort die duftende Kühle des jungen Waldes zu stören. Wir sahen dem Spiel der Eichhörnchen zu, hörten das siegreiche Jubeln der Waldvögel, vernahmen in der Ferne das behagliche Grunzen eines Wildebers, all das sahen und vernahmen wir mit frohen, wissenden, segnenden Augen -- aber wir wollten nichts für uns selbst.