Part 6
Aus diesen und manchen anderen Gründen greift mancher Wanderer wieder zu Bleistift und zum Skizzenbuch oder trägt anstatt der Kamera eine Blechschachtel mit Wasserfarben und einen guten Papierblock im Rucksack. Goethe hat sich in seinen späteren Jahren manchmal unmutig darüber geäußert, daß zu seiner Zeit »alles gezeichnet« habe. Aber abgesehen davon, daß der alte Herr eben auch manchmal, wohl vom Vater her, schulmeisterliche, engherzige Anwandlungen hatte, ist es doch jedenfalls noch hundertmal besser, alles zeichnet, denn alles knipst! Denn Zeichnen und Malen ist, mag es noch so unbeholfen ausfallen, kein mit dem leichten Schatten künstlerischer Unehrlichkeit behaftetes Knipsen, sondern -- man erschrecke nicht über das neue Wort -- ein Ipsen!
»~Ego ipse!~« Ich selber hab's gemacht! Das kann jeder sagen, der, an einem Rain oder auf einem Baumstamm sitzend, mit der Tücke des Objekts gerungen hat, das sich nur widerwillig den Absichten des Naturfreundes fügt. Aber dieses Bewußtsein ist das geringste. Der Wert des Zeichnens und des Malens liegt vielmehr darin, daß der Wanderer gezwungen wird, einmal das Bild, das er gern mit nach Hause nehmen möchte, intensiv auf sich wirken zu lassen, und zwar nach seinen Helligkeitswerten wie nach den allgemeinen Linien, nach seinen Farbentönen wie nach dem perspektivischen Aufbau. Kurz, er muß den Eindruck in seine Einzelbestandteile zerlegen und dann das erschaute Bild in seinem wesentlichsten Inhalt auf die denkbar einfachste Form in seinem Innern zusammenbringen. Dann erst kann der Vorgang der Wiedergabe beginnen.
So aber lernt man das _Schauen und das Schaffen_. Selbst wenn das, was er auf das Papier mit Blei oder Farben zaubert, auch ein fauler Zauber ist, so hat er doch ein Stückchen der großen Arbeit geleistet, die jedes wirklichen Menschen Aufgabe bildet: die Wunder der Außenwelt in sich aufzusaugen, sich damit das Herz zu erfüllen, so groß oder klein es ist, und das Aufgenommene als eine neue Schöpfung herauszugestalten, sich selber zur Freude, manchmal auch anderen zur Lehre: nämlich zur Lehre, wie man dahinterkommt hinter die verborgenen Herrlichkeiten und Wunder der Welt.
Und das ist schon _etwas_.
Hans Thoma, der große Zauberer, der es mehr als fast alle anderen deutschen Maler verstanden hat, aus der Landschaft die Seele zu lösen und auf Leinwand zu bannen, hat vor nicht gar zu langer Zeit aus einem ähnlichen Gesichtspunkt heraus gegen die sonst sicher sehr schönen Künstlerdrucke geredet, die jetzt in den Schulen zum Schmuck und zur Belehrung die Wände zieren. Er haßt das Mechanische darin, das Unlebendige; und er meinte, auch das schlechteste Ölbild eines sehr bescheidenen Malers gäbe den Kindern mehr als ein Druck, weil sie da eine Idee davon bekommen können, wie solch ein Gemälde entsteht. Die Kinder sehen die Pinselstriche, mit denen die Farbe und damit das Bild auf die Leinwand getragen wurde. So kommen sie dahinter. Diejenigen, welche genügend begabt sind, werden auf diese Weise zum Nachmachen angeregt. Bei einem noch so vorzüglichen Steindruck aber ist der technische Werdevorgang viel schwerer zu erkennen.
Das ist ganz zweifellos so. Die Massenreproduktion zerstört den lebendigen Zusammenhang zwischen künstlerischem Erzeugnis und dem Beschauer. Das lehrt uns aber noch etwas anderes, für unseren Fall Wichtigeres. Kleine Skizzen, sei es mit Bleistift oder in Aquarell, enthalten etwas so Persönliches und haben so viel von dem innersten Ringen um Gestaltung in sich aufgesogen, daß sie, mögen sie auch noch so dürftig sein, für den Dilettanten selber viel bessere Schlüssel zur Erweckung vergessener Eindrücke sind als Photographien. Die Engländer, von denen wir noch manches lernen könnten, haben das Aquarellieren und Zeichnen auf Wanderungen schon lange geübt. Und ich war einmal Zeuge davon, wie ein früherer Zögling einer Ruskinschule einigen Bekannten seine nicht übermäßig gut geratenen Aquarellskizzen zeigte. Bei einer jeden von ihnen brach er, obwohl die Bildchen schon alt waren, in eine lebendige und humorvolle Schilderung der ganzen Situation aus, in der das Aquarell entstanden war. Das künstlerisch Unvollkommene rief seinen Erinnerungsschatz wach; und was er nun in Worten hinzufügte, gab uns allen ein noch viel lebendigeres Bild, als es die beste Skizze vermocht hätte. Ist nun aber einer gar so klug, seine unvollkommenen Bemühungen mit Bleistift und Papier für sich zu behalten und nie zu zeigen, so werden sie ihm in stillen einsamen Stunden die schönsten Geschichten aus seinen Wanderfahrten erzählen, noch besser, als alle Tagebücher dies vermöchten.
Ich habe hier nur gegen die _Knipser_ geredet; gegen jene fatalen Wanderkameraden, die nichts ungeknipst lassen können. Dieser Tage fand ich in der Zeitschrift »Der Wanderer« einen ausgezeichneten Ausdruck für Photographenapparat, einen wahren Kernschuß der Sprachreinigung: »Die Strahlenfalle« nennen die Gesellen eines hannöverschen Wanderbundes den Kodak ebenso bezeichnend als witzig! -- Wie wär's, wenn man auch von den »Strahlengefallenen« reden würde, womit die Leute gemeint wären, die nicht mehr wissen, daß der Mensch bei der Geburt zwei wundervoll arbeitende »Strahlenfallen« mitbekommen hat, die in der Regel kein Licht mehr ausstrahlen, sobald sie das Einstrahlenlassen verlernt haben.
Ich sage nichts gegen das Photographieren einzelner begabter Amateure. Ich besitze selbst eine Sammlung von geschenkten Lichtbildern, deren Durchsicht mir schon mehr als einmal nicht nur immer wieder neue Erinnerungswerte zum so und so vielten Male verschaffte, sondern auch jenen fast an die Grenze des Kunstgenusses grenzenden Genuß bereitete, der von untheatralischen, mit keuschen Sinnen und mit zarten Fingern aufgenommenen und liebevoll »entwickelten« Photos ausgeht. Ich rede also nur gegen die neue Naturkleptomanie der wandernden Nurknipser, gegen jene Filmpest, die nur ein weiterer Schritt zu der Entpersönlichung des Menschen und seiner Entwürdigung zum Maschinisten einer Unzahl von wunderbar feinen technischen Apparaten ist, die ihm aber nach und nach die Hände, die Füße, die Augen und schließlich auch -- das Herz ersetzen. Und der ~Deus ex machina~ taugt auch auf diesem Gebiete nichts. Er gibt scheinbar und raubt dafür um so mehr! Und du _sollst_ dich nicht berauben lassen, du Wanderer, der du einer neuen Zeit der Fülle und der Helle entgegengehst!
Menschliches, Allzumenschliches.
Aphorismen.
Bleib in deiner Haut, wo auch deines Schusters Rappen traben mögen, und sage nicht: »Grüß enk Gott«, wenn du zu Hause den Nächsten mit einem »Juten Tach« begrüßest. Es ist keine Schande, der und _nur der_ sein zu wollen, der man ist, und die Herzlichkeit des Grußes muß der andere aus deinen Augen verspüren. Alles das liegt jenseits von Geographie und Dialekt.
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Machen Kleider wirklich Leute? Leute schon -- aber keine Wanderer und keine -- Menschen. Und der Weg zum Menschen geht über das Wandern.
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»Andere Städtchen, andere Mädchen!« Das ist ganz in der Ordnung. Wenn du im Übermut eines schönen Sommerabends in einen Garten einfällst und von dem Blütenreichtum einige Rosen plünderst und im goldenen Schein deiner Jünglingssehnsucht in jedes Mägdleins Augen, das aus einem altmodischen Giebelfenster schaut, den Himmel siehst, dann ist's, wie wenn ein Blitz nur leuchtet aber nicht trifft, wie wenn eine Sternschnuppe nur vor dir niedergleitet, dir aber nicht auf den Kopf fällt. _So, aber nicht anders_ soll dir ein jedes andere Städtchen ein anderes Mädchen bescheren. Aber -- rühre nicht daran! Dann ist es Glück! Und die Zeit ist nicht so sehr lang, wo man die Baßgeigen am Himmel und diesen selbst in jedes Jungfräuleins Augen sieht.
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Auch die _Unbefangenheit_ hat ihre ewigen Grenzen, wenn nicht aus ihren drei mittleren Silben ganz _verschämt_ etwas anderes werden soll.
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Es ist nichts unmöglich. Ich sah einmal zwei junge Touristen einem Bäuerlein über die Kleeäcker laufen und gleich darauf den Versuch machen, dem alten Mann unter Anbietung von Broschüren über »Ländliche Wohlfahrtspflege« einen kleinen Vortrag zu halten. Ob das Bäuerlein diesen Genuß nicht allein haben wollte -- ich weiß es nicht. Jedenfalls rief _er_ seinen zwei Knechten und sah sich unterdessen in der Scheuer nach dem Nagel um, wo der Geißelstecken hing. Worauf die beiden jungen Herren es vorzogen, ihren Vortrag ohne weitere Begründung abzubrechen und die ungastliche Stätte zu fliehen. Was sie nur hatten?
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Mein Sohn, wenn du gern singst und eine schöne Stimme hast, dann vergiß das eine nicht: Immer hören es auch die anderen!
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Botanik ist eine schöne Sache. Aber wenn dich einer bei jeder Blume, deren er habhaft werden kann, mit ihrem lateinischen Namen und der Zahl der Staubfäden beglücken will, dann laß den Mann allein mit seinem Latein und schüttle seinen Staub von deinen Füßen.
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Wenn dein Rucksack leer ist und auch dein Magen, so bitte deinen Gefährten um nichts. Wenn er es nicht von selber merkt, dann gibt er nur ungern. Und _so lange_ muß dein Stolz _über_ deinem Magen sein.
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Die Teilnahme am Wohl und Wehe seines Wanderkameraden ist ein schöner Zug. Wenn du aber doch durch ein unerbetenes Herumsausen für die anderen, und weil du »so gerne Dienste leistest«, schließlich selber dein Eigenes vergißt und der ganzen Horde zur Last fällst, dann gehört das zum Altruismus, das ein Laster ist.
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Nur nicht immer _erziehen_ wollen beim Wandern in Horden. Es ist schon manchem guten, aber schwerfälligen Burschen das Wandern verleidet worden, weil jeder ihn »erziehen« wollte.
_Aber_ es gibt Muttersöhnchen, Jüngelchen und Brüder voller süßlicher Tücke, die eine ganze Schar von fröhlichen fahrenden Gesellen untereinandermachen und mit den auserlesensten Tricks alle hintereinanderhetzen können.
Ich bin grundsätzlich gegen alle Gewalttätigkeiten, aber da bedarf es nachträglicher Kinderstube: wenn die zwei Gesellen mit den _treuesten Herzen_, aber auch mit den _kräftigsten Armen_ solch einen Knaben hinter einem großen Busch einmal nach alter guter Sitte -- »erziehen«, dann geschehen oft Zeichen und Wunder! Vornehmer aber ist es auf jeden Fall, einen solchen »Unmöglichen« mit dem nötigen Reisegeld versehen postwendend nach Hause zu schicken.
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Wenn du die Berge liebst, so rede nie über ihre Höhe; wenn du die Wolken liebst, so klage nicht über die Regentage; wenn du die Blumen liebst, so reiße sie nicht bei jeder Gelegenheit ab, um sie nachher wieder wegzuwerfen; und wenn du deine Wanderkameraden liebst, dann sehe nicht auf ihre Torheiten und Schwächen. Sie werden es dir danken und sie desto eher ablegen.
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Gott sei Dank, sagte einer vom »A. W. V.«, daß ich nicht bei der Blase »F. K. B.« bin. Die Kerle verkaufen unter der Woche Heringe und mimen am Sonntag Wandersport. -- Da schlug ihn der Vater aller Wanderer mit noch größerer Blindheit als denjenigen, woran er schon litt. Und je weniger er auf seinen Touren sah, desto »pyramidaler« und »phänomenaler« kam ihm alles vor, besonders er aber sich selbst.
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Hab nicht den Ehrgeiz, _beliebt_ zu sein. Die Beliebtheit ist immer die Treppe, auf der einer von seinen ersten Bewunderern heruntergeworfen wird; auch wenn er der Diensteifrigste der ganzen Schar war. Denn alle merken bald, daß er nur aus Eitelkeit uneigennützig und aus Eigennutz liebenswürdig war.
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Du bist ein Witzbold?! Dann vergesse nie das Rezept: morgens und abends _einen_ Eßlöffel voll. Mehr bekömmt dir schlecht und den andern.
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Wenn du eine Scheune beim Nachtlager oder untertags ein Lokal überfüllt findest, dann ist es ein Zeichen von Einsicht, wenn du nicht vergissest, daß du auch selber zu dieser Überfüllung nicht weniger beiträgst wie jeder andere.
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Die Knallprotzen der Nacktkultur! Eher versetzen sie eine alte harmlos im Walde wandernde Jungfer durch ihren entblößten Oberkörper in Aufregung, als daß sie deren Zimperlichkeit zu Hilfe kommen, rasch die Jacke anziehen und auf die Bewunderung ihrer schönen Schultern und Arme verzichten. Das wäre ritterlicher, wenn denn durchaus der Held markiert werden muß.
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Im Paradies wird es sicher einmal keine Polizeivorschriften geben, aber auch nur Menschen, die das Vernünftige von selbst tun. Das mögen sich die jungen Wanderer merken, welche glauben, die sehr wichtigen amtlichen Vorschriften jedes Landes über das Anzünden von offenen Feuern nicht kennen zu brauchen.
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Man kann in aller Gutherzigkeit Dinge tun, die andern sehr schlecht bekommen. Wir haben einmal zu dritt einen Fischernachen benutzt, um an das andre nahe Ufer eines Sees zu fahren, und machten das Schiff ohne Erlaubnis los, weil wir sicher waren, es in kurzer Zeit wieder zurückzubringen. Aber es verging ohne unsere Schuld ein ganzer Tag, und wir kamen gerade dazu, wie ein anderer Junge als vermeintlicher Täter von dem Fischer die Prügel bekam. Es half uns nichts, daß wir uns gleich als Täter bekannten; und wir haben auf jener Wanderung wie im ganzen Leben kaum einen so trüben Abend voller Beschämung gehabt wie damals.
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Wenn dein Deutschtum in dir nicht mit einigen guten Tropfen von Menschheitsgefühl und Weltbürgerempfinden gesalbt ist, dann lasse lieber das Reisen im Ausland.
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Es ist etwas Herrliches um unsere deutsche Wanderbewegung. Aber die Zeit ist nicht fern, wo eine große Anzahl von denen, die heute mit Rucksack und Hakenstock der Natur und den Mitmenschen näher kommen, es für -- unfein halten und mit der gelassenen Empörung der »Vornehmen« wieder in ihren vier Wänden sitzen bleiben werden, weil ja heutzutage »einfach alles, alles mögliche wandert«.
Menschen.
Drei Arten gibt's von _Menschen_, sagt der Koran: den Freund, den Sanften und den Tapferen. Den einen erkennt man in der Not, den anderen im Zorn, den dritten in der Gefahr.
Beim Wandern kann man sie alle drei finden. Häufig sind sie nicht.
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Es war am Titlis. Kaum eine halbe Stunde vom Trübsee aufwärts, wo der Weg steiler und steiniger ist als sonst, da übertrat sich einer den linken Fuß. Der Führer der Schar -- es waren Wandervögel --, ein junger Mediziner, kurz vor dem Examen, stellte Sehnenzerreißung mit starkem Bluterguß fest. Es war ein Tag voll von Glanz und Leuchten. Der blanke Schild des Titlisgletschers winkte verlockend. Da kamen zufällig Berufsführer von oben, die wollten den Verunglückten schon hinunterbringen. Aber einer von der Schar, ein stiller Junge, ließ sich nicht abhalten, den Maroden zu begleiten. Im Trübseehaus massierte er ihn, las ihm vor und wartete, bis der Kranke auf einem Maultier nach Engelberg gebracht werden konnte. Auch da ging er mit. Als die anderen ihn am Tag darauf allein in Engelberg wieder trafen, meinten die meisten: »Na, Franz, so was! Der hätte doch allein seine kaputten Knochen hüten können -- 's war einfach ganz wundervoll da oben! So 'ne Dämlichkeit!«
Der Franz sah ganz verlegen drein und antwortete nichts. Was hätte er auch sagen können? Das waren halt -- zwei Welten.
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In der Hohen Rhön, als es noch zwei Stunden bis zum Rastplatz war, wo abgekocht werden sollte, mußte der »Olympier« -- so hieß er im »Pennal« -- unbedingt Zigaretten rauchen, um »in Stimmung zu kommen«. Der Koch pumpte ihm die letzten Streichhölzer mit der Warnung, ja nicht alle zu verbrauchen. Denn die ganze Bande war zufälligerweise ohne Feuer. Der »Olympier« kannte solche irdischen Lappalien nicht. Nach einer Stunde (seine Zigaretten gingen ihm alle Augenblicke aus) war kein Streichholz mehr in der Schachtel. Der Küchenmeister mag so eine Ahnung gehabt haben, fragte nach den Streichhölzern und konnte nur noch die betrübende Tatsache feststellen. Was tun? Wolken bedeckten den ganzen Himmel. Mit einem Brennglas war also nichts zu machen, Zunder und Feuerstein waren nicht da. Das ganze Dutzend der Kameraden gähnte nur so vor Hunger. Nach einigen Minuten sah man nichts mehr vom Koch. »Der hat sich wohl dünne gemacht!« meinten manche, die von der Geschichte erfuhren. Aber gegen den »Olympier« wurde die Stimmung geradezu drohend. Aber als man am bekannten Rastplatz ankam, prasselte schon ein großes Feuer, der Koch wartete nur auf das Kochgeschirr und die Erbswürste. Er war in aller Stille im Laufschritt in ein nahegelegenes Dorf gerannt, hatte dort Streichhölzer gekauft und war auf einem geliehenen Rad zurückgefahren. Als der »Kohldampf« sich unter der Gegenwirkung des leckeren Mahles verzogen hatte, bot der Koch dem Olympier freundlich Feuer an zu einer für ihn nun natürlich nötig gewordenen Zigarette.
Ein junger Freund, der mir den Vorfall erzählte, wußte nichts über die augenblickliche Wirkung dieser grenzenlos sanften Zurechtweisung des sehr begabten, aber verwöhnten und etwas sehr leicht angelegten Sünders zu sagen. Er schien das damals nur in der Ordnung zu finden. -- Aber von diesem Tage an rauchte er nicht mehr und wurde ein wenigstens so tüchtiger und zuverlässiger Mensch, als es bei seiner Veranlagung möglich war.
Vom Koch aber sagte beim Essen jeder, als er von seinem tollen Trab nach Zündhölzern hörte: »Na, der Bruder, der »Olympier«, hätte mich mal kennen lernen sollen!« Dabei machten sie eine nicht mißzuverstehende Handbewegung, löffelten aber ihre Suppe weiter und fanden das auch ganz in der Ordnung.
Es waren eben -- zwei Welten.
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Beim dritten Erlebnis, am Untersee, war eine Schar von Primanern einer deutschen Stadt bei einem der dort wohnenden Dichter und Fürsprecher der Wanderbewegung zu Besuch gewesen. Auf der Rückfahrt bei vollbesetztem Boote gingen die Wellen während eines der dort ganz unerwartet rasch einsetzenden Föhnstürme ziemlich hoch. Der Schiffmann mahnte zur Ruhe. Als aber eine Welle den Boden des Bootes bis über die Bretter füllte, womit der Kielraum überdeckt war, legte sich über sein altes Landsknechtgesicht ein seltsamer Zug. Ernst, Angst und ein wenig verhaltene Wut über die »Schwadronöre« stand auf den braunen, harten Zügen geschrieben. Er ruderte grimmig drauflos und sagte zu den Gehilfen am zweiten Ruderpaar ganz leise: »Schuh usziehe!«
Dies verstanden nur wenige. Sie erkannten nicht den Ernst der Lage, weil die beiden Ufer dort nicht mehr als einen Kilometer voneinander entfernt liegen. Eine zweite Sturzwelle kam. Das Boot sank bis an den Rand ein. Da sprang einer der wenigen, die verstanden hatten, warum der Schiffsknecht die Schuhe ausziehen sollte, der »lange Mann«, wie sein Übername bei den Kameraden war, ein junger Hüne, dessen Mut geradeso groß war wie seine Geschicklichkeit in allen Arten von Sport, nur mit der Hose bekleidet in den See und schwamm die hundert Meter bis zum Ufer fast so schnell wie das Boot, das nun, um mehr als hundertfünfzig Pfund erleichtert, aus der größten Gefahr war.
Als alle wohlbehalten auf der Ufermauer des alten Hafens mit dem malerischen Stadttor standen, meinte einer: »Aber so 'n Luxus, langer Mann! Sich in solche Unkosten stürzen! Wir wären ja die paar Meter auch so 'rüber gekommen!« Der alte Schiffer sah zuerst den Sprecher verächtlich und dann den Schwimmer mit einem Blick an, der weder seine Bewunderung noch seine Dankbarkeit verbergen konnte. Er hatte eine Frau und sechs Kinder.
Das waren eben auch -- zwei Welten.
Hinaus!
Ich kenne einen Mann, der sonst als leidlich friedvoller Mensch gilt. Von Zeit zu Zeit aber wird er von etwas heimgesucht, das seine Leute den »Zustand« nennen. Dieses Wort ist für die Kleinen wie für die Großen im Hause so etwas ungefähr wie ein Sturmsignal. Alles rettet sich, wenn auf den Stiegen die Kunde geht, der Vater habe seinen »Zustand«. Selbst die Katze und der Hund ziehen sich dann in sichere Winkel zurück, von denen niemand nichts weiß.
Diesen Mann hatte es vor einigen Tagen wieder einmal gepackt. Weshalb, das wußte kein Mensch. Schon um neun Uhr morgens hatte die Kleinste das Unheil geahnt. Sehr besorgt hatte sie zum kleinen Bruder gesagt: »Papa danz bös, Muckel dudu betommt!« Richtig brach auch bald nach dieser Prophezeiung das Unwetter los. Drei Türen fielen kurz nacheinander irgendwo im Haus so kräftig ins Schloß, wie das eigentlich nur angesichts eines bevorstehenden Weltunterganges gerechtfertigt wäre. Wie grollender Donner rollten einige unverständliche, verschiedensprachige Bemerkungen, die wohl als Verwünschungen aufgefaßt sein wollten, hintennach und verhallten hinter der zugehauenen Haustür ungefährlich in der freien Luft. Im Hof stoben die Hühner wild auseinander, und mit fliegenden Rockzipfeln verschwand der Zornige durch die Hoftür. Mit gütigen und nachsichtigen Armen aber nahm die Freiheit der Felder und Wälder den Rasenden auf wie einen Leidenden. Und das war er wohl auch.
Seltsam wurde ihm da draußen zumut, als er immer noch in der fliegenden Hast des »Zustandes« langen Schritts die Landstraße hinab dem Wald zuging. Es war ihm gerade, als ob er zum erstenmal nach Jahrzehnten die Welt wieder erblickte. Das neue Brot des Jahres stand noch auf den grünen, hohen Halmen, links und rechts vom Weg. Ein leiser Wind strich über das grausilberne Ährenmeer hin, und die Kornfelder schlugen leise Wellen, und alle Halme verneigten sich vor dem zornigen Manne.
Drüben am Berg floß das glühende Gold der Ginstersträucher wie ein Strom von Reichtum die Hänge herab. Am Himmel, ringsherum am unendlichen Horizont, ruhten seltsame Wolkengebilde, feierliche, spaßige, gewaltige, und dazwischen kleines Flutterzeug. Was war da nur los? Fast wie eine Wolkenausstellung sah's aus. Wie wilde Anemonen blühte draußen über der Ebene am Himmel ein Feld von weißen Wölkchen, daneben ruhten majestätisch, wie die Staatsschimmel irgendeiner hohen Gottheit, silberglänzende Wolkenballen, und andere noch heller leuchtende und hoch aufgetürmte stiegen, schnaubenden Kriegsrossen gleich, drohend am Himmel in die Höhe. Über den dunkeln Bergwäldern schwenkten ganz langsam Wolken wie Luftschiffe, die gerade landen wollten. Schlanke Zeppeline schwebten da, die immer noch wuchsen und wer weiß was allerhand noch werden wollten, und dicke Parsevale. Leuchtend blau wölbte sich die Himmelskuppel über der Erde. Die vollen Saaten, zwischenhinein mit üppigen Bäumen durchstanden, taten gar selbstbewußt in ihrer reifenden Schönheit unter der strahlenden Sonne. Licht lag über der ganzen Welt, über den Bergen, über den stillen Fluren und den raschen Bächen. Und während des Flüchtigen Schritt immer ruhiger ward, klang durch die Stille eine stumme Verheißung von Hoffnung und Leben und Glück.
Das galt ihm; das wußte er.
Er raste nicht mehr, sondern schaute verwundert um sich über die langvergessene Herrlichkeit. Ein scharfer Beobachter drüben in den Bauernhäusern hätte sogar entdecken können, wie er sich manchmal verlegen hinter den Ohren kratzte. Und vor den braunen Hütten mit den bemoosten Strohdächern hockten wie in der Hitze eingenickte Wächter viele alte über und über in Blust stehende Holunderbüsche.