Part 5
Ach, wenn ich an den Lederranzen, an die ungefügige Reisetasche denke, die auch noch Scheffel, der Bruder Josephus vom dürren Ast als Juniperus durch die Täler da oben trug, und an den damals vorgeschriebenen »achteckigen« Reiseschal, wie groß wird dann die Bewunderung vor dem genialen Erfinder dieser einfachsten aller Wandertaschen, des Rucksacks, dieses Gehäuses für alles, was eines Wanderers Herz begehrt und braucht. Tintenkleckse, Harzflecken, die Spuren zerbrochener Toilettenwasserfläschchen (denn auch ich war einst in Arkadien geboren!) und so vieles andere zeugt vom bewegten Leben seines richtigen Wandererherzens, und an allen Lasten des Erdendaseins hab' ich schwerer getragen als an meinem jetzt graugrünbraunen Rucksack, der -- nach dieser schönen Rede! -- alle Brüder von ähnlich bewegter Vergangenheit hiermit grüßen läßt. Er ist ein Wissender geworden in all den Jahren, aber er liebt das Schweigen -- Gott sei Dank -- mehr wie sein Herr, der über all das »schreiben« muß.
3. Von den Schuhen und den Füßen.
Beide sind des Wanderers eigentlichster Lebensuntergrund. Es ist niemals ganz gleichgültig, auf welchem Fuße wir leben, aber für den Wanderer wird die Fußfrage zur Alternative: Sein oder Nichtsein! In unserem Falle heißt das: Wandern oder Nichtwandern.
Es ist etwas Erhebendes, wenn der Mensch nach dem schönen Wort des Dichters das Haupt in den Wolken trägt; wenn er aber hinter einer morgenfrischen, trittfesten Schar junger Wanderer, bei allem Heroismus der Schmerzüberwindung, doch so vorsichtig einhergeht, als ob die Straße voll frischer Eier läge, so ist solches nicht sehr erhebend. Die Grenzen unserer Bedürfnisse, soweit sie der Rucksack enthält, sind dehnbar und von unserer Persönlichkeit und unserem Vorleben abhängig; aber unerbittlich sind die Satzungen für unsere Füße, die zwar des Wanderers treueste Diener, aber auch seine Despoten sind. Sie entscheiden über sein Wohl und Wehe. Jedem Rekruten wird es unter Mithilfe von ernstlichen Suggestionen in der Richtung von drei Tagen Mittelarrest beigebracht, daß der Schutz des Vaterlandes im innigsten Zusammenhang stehe mit dem Zustande seiner »Untertanen«. Und doch, wie mancher Jüngling und wie manche Jungfrau zogen schon aus, um bereits am ersten Tag der Wanderschaft ihr Damaskus zu erleben, d. h. ihre Bekehrung zum einzigen Götzendienst, den der Wanderer mit den Gliedmaßen seines Körpers treiben darf. Die Fußpflege ist das Abc der Wanderkunst, so peinlich das poetisch veranlagte Gemüter auch berühren mag. Vor allem ist die Ferse jedes Wanderers seine -- man vergebe diesen sachlich einwandfreien Kalauer! -- Achillesferse. Schon manchmal ist einer wegen einer einfachen Wasserblase auf der Strecke geblieben, und andere, härtere Naturen, die sich nicht ergaben, wissen, wie eine solche Lappalie uns völlig genußunfähig machen kann. Keinem passiert es zum zweitenmal.
Der Fuß des Wanderers soll vor dem Antritt jeder größeren Tour eine zweckentsprechende Behandlung erfahren; zunächst durch kleine und stufenweise in Dauer und Schwierigkeit wachsende Märsche, sodann durch Abhärtung und schließlich _durch Gewöhnung an den Wanderschuh_.
Die heute so beliebte Abhärtung durch Barfußgehen oder durch das Tragen von Sandalen macht die Fußhaut zwar unempfindlicher gegen Wind und Wetter, aber desto empfindlicher gegen die während einer langen Zeit nicht mehr in Betracht gekommene Reibung der oberen Fußhaut an den Schäften geschlossener Schuhe. Andere als geschlossene Schuhbekleidung kann aber beim Wandern nicht in Betracht kommen. Das lästige Eindringen von Sand und Steinen in die Sandalen und Halbschuhe ist auf die Dauer nicht auszuhalten.
Wer sodann glaubt, mit Stiefeln, die er am Abend vor dem Abmarsch in der Hast gekauft hat, zum Ziele zu kommen, der kennt noch nichts von der guten Behandlung, auf welche die Füße beim Wandern grundsätzlich Anspruch machen. Sie wollen gut ausgetretene, aber doch noch gut anliegende Schuhe haben, mit denen sie schon _vor_ der Wanderung ein ungestörtes und angenehmes Verhältnis eingehen konnten, und sind auch in bezug auf Socken und Strümpfe gar nicht bescheiden. Fünf Paar wollene Socken von verschiedener Dicke, deren Fersen und Zehenstück mit Salizyltalg eher zu reichlich als zu dürftig einzufetten ist, sind das mindeste für den eisernen Bestand eines ehrlichen Wanderrucksacks. Gelegentliches Waschen der Füße mit Ameisenspiritus oder ähnlichen Hausmitteln ist ebenso zu empfehlen wie Massage. Für einen Unfug halte ich das täglich häufige kalte Baden der Füße in jedem Waldbach wie auch die täglichen heißen Fußbäder (wenn man nicht gerade herzleidend ist). Schweißfüße sind nicht zu heilen. Für den Nebenmenschen und sich selbst sind ihre unangenehmen Kennzeichen nur durch häufigen Wäsche- und Schuhwechsel zu mildern. Das ist eine Forderung der einfachsten Höflichkeit. Darin sind uns andere Völker, z. B. die Japaner, weit überlegen. So störend die Nachsendungen durch die Post für einen Wanderer, der auch dem Zufall sein Recht lassen will, sein mögen, gelegentlicher Ganzersatz von Schuhen und Socken ist auf einer mehr als zwei Wochen dauernden Wanderung _kein Luxus_, sondern _hygienische Selbstverständlichkeit_. Denn die Schweißmengen, die ein Paar 14 Tage lang ohne Wechsel getragene Schuhe aufnehmen und die daraus entstehenden Düfte sind ebenso ungesund als lästig.
Es ist seit einigen Jahren Mode geworden, auch einfache Wanderungen im Mittelgebirge immer in den schwergenagelten, dicksohligen Schuhen zu machen, die für den Alpinisten unentbehrlich, ja eine ~Conditio sine qua non~ sind. Aber wenn man nur die ganz unnötig erhöhte Arbeitsleistung infolge des großen Gewichts der Schwergenagelten in Betracht zieht und ganz absieht von der größeren Bequemlichkeit eines halbleichten Tourenstiefels, dann springt das Unsinnige dieser Mode in die Augen.
»Aber es sieht eben schneidiger aus!« -- Ich kenne den Einwand und weiß, was auch junge Männer opfermutig an Unbequemlichkeit ertragen können um des »_Eindrucks_« willen. Aber diese ja so verständliche und bei jedem wohl einmal auftretende Periode, wo man sich für den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hält, leidet an der genügsamen Einsichtslosigkeit aller Eitelkeit. Die Wanderer der günstigsten Pose vergessen das eine, daß die »_Kenner_« ja lächeln über solche Späße; um aber nur die Bewunderung der ahnungslosen Gelegenheitsausflügler zu erregen, müßte doch der Stolz ein wenig größer sein; ich meine den richtigen Stolz, das saubere Selbstbewußtsein, dem _alle_ Mätzchen verächtlich sind.
Für »Damen« ist die erste richtige Wanderschaft fast immer der erste harte Kursus, in welchem der Fuß sich für alte Sünden rächt und der jungen Wandersmaid den richtigen Respekt vor den ihr nun einmal durch Geburt oder Schicksal verliehenen Fußmaßen beibringt. Denn so viel man wandernden Frauen und Jungfrauen sonst nachsagen mag, _den_ Vorwurf, als lebten sie auf einem großen Fuß, kann man ihnen nie machen.
Gamaschen sind Geschmacks- und Modesache. Wer nicht anders zu können glaubt, als in Gamaschen loszuziehen, der nehme dann wenigstens das Beste, was auf diesem Gebiet existiert, die leichte, saubere, poröse und verblüffend einfach zu bindende Wickelgamasche »Mars«.
Vom Essen und Trinken.
Ich fühle nicht den Beruf in mir, meine Mitmenschen und Mitwanderer auf diesem herrlichen Planeten zu meiner Speisekarte zu bekehren. Wir sonderbaren Kostgänger des Gastgebers unserer Weltenherberge sollen auch hierin ein jeder nach seiner »Fasson selig werden«, und alle Geschmäcke sind zu »tolerieren«. Aber eine kleine Predigt kann ich bei dieser Gelegenheit doch nicht unterdrücken.
Der Antialkoholismus unserer Tage kann nach meiner Ansicht eine ebenso große Besessenheit sein wie sein Gegenteil und verleitet fast noch mehr als dieser zu allerhand Hochmut, der bekanntlich immer vor dem Fall kommt. Während des Wanderns jedoch ist der Alkohol in jeder Form und Menge durchaus vom Übel. Es ist bis jetzt noch nicht erlebt worden, daß einer, der sich aufs Wandern verstanden hat, auch nur dem bekannten »Glas Wein« das Wort geredet hätte. Natürlich nur für so lange, als der Wandersmann noch irgendeine Leistung vor sich hat. Was dieser dann abends tut, das ist wieder ganz und gar seine Privatangelegenheit, und wenn er klug ist, dann hält er sich in diesem Punkt besser nicht unbedingt an den sonst auch fürs Streifen durch Wald und Welt sehr empfehlenswerten Spruch, nicht an den morgigen Tag zu denken.
Wer so steht, der mag im übrigen seinem Feuchtigkeitsbedürfnis auf dem Marsche oder bei den Mahlzeiten mit Sauermilch oder Quellwasser, mit künstlichen Limonaden in Wirtshäusern am Wege oder -- was weit billiger und nützlicher -- mit dünnem Tee und Kaffee aus der Feldflasche nachhelfen. Der natürliche Instinkt bewahrt ihn hier vor vielen Torheiten. Wem aber noch gesagt werden muß, daß er sich nicht mit eiskaltem Quellwasser schädigen soll, und wer nicht weiß, daß er mit einem Minimum von Flüssigkeit am besten fährt, weil er es ja doch wieder herausschwitzen muß, der möge lieber mit seinen Sorgen zu Hause bleiben. Der ist kein geborener Wanderer und wird es auch nie lernen.
Etwas anderes ist es mit dem Essen. Denn das ist wirklich eine noch ganz unbekannte Kunst im Zeitalter der angeblich so hochentwickelten Kultur. Sehr viele und nicht immer anmutige Predigten gegen den Alkoholismus wären überflüssig, wenn die Propheten sich einmal mehr mit den Gefahren des Essens als mit denen des Trinkens beschäftigen wollten. Mit dem zuvielen Essen fängt es an, nicht umgekehrt. Bei den meisten wenigstens. Nur keine Illusionen über diesen Punkt! Denn schon sehe ich in Gedanken einige Leser entrüstet auffahren mit dem zornigen Vorwurf im Herzen, nun wolle man ihnen auch noch -- dieses Wort wird immer im Tone einer edlen Biederkeit ausgesprochen -- ihr tägliches Brot beschneiden! »Heute, in der Ära der sozialen Frage!«
Gemach! Es gibt noch so etwas wie eine Wissenschaft, wenn auch mein Glaube an deren alleinseligmachende Wirkung nicht übermäßig groß ist. Ich halte diesen ernsthaften Predigtschwank durchaus nicht in der Wüste der Not, sondern in jenen Gefilden, wo die Fleischtöpfe Ägyptens gar heftig brodeln. Und da beißt nun keine Maus einen Faden daran ab, daß der »gebildete« Mensch aus dem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, der ja doch ein Übermensch werden will, sich vor allem einmal vom Überessen zurückentwickeln muß zum Essen. Vielleicht hat nichts zu dieser Erkenntnis so sehr beigetragen als die nun zum Glück auch in der Versenkung verschwundenen Rekordmärsche. ~Plenus venter~ studiert nicht nur, sondern marschiert auch nicht gern. Überall kamen die zähen, anscheinend ausgemergelten Läufer immer vor den Herkulesgestalten an. Ein richtiger David ist noch immer einem Goliath über gewesen. Beim Steinschleudern und sonst. Das zeigt sich auch beim einfachen, allem Sportgetriebe abholden Wandern.
Aber wir wollen doch ganz absehen von den äußeren Leistungen und nur von innerem Gewinn reden. Frau Aja erzählte, ihr Wolfgang habe mehr gesehen und erlebt, wenn er von Frankfurt nach Mainz reiste, als andere Leute auf großen Fahrten durch die Welt. _Darum_ handelt es sich aber! Nämlich um die Aufnahmefähigkeit und das persönliche Glücksempfinden beim Wandern. Schon aus reinem Egoismus müßte da jeder, der das Wandern ernst nehmen, als eine Lebensschule betrachten und als einen Quell des Glücks genießen will, einmal in einem guten, von einem verständigen Fachmann geschriebenen Buche die neue Lehre vom Essen studieren. Ob das in einem Werk des Engländers Fletscher, des Dänen Hindhede oder des Amerikaners Dew geschieht, ist gleichgültig. Dann würde er nach einigen praktischen Übungen und Erfahrungen innewerden, daß alle Nahrungsaufnahme zu einem Fest werden kann, wenn man, was bisher für eine Schande und für ein Zeichen von Unbildung gehalten wurde, _ganz und gar bei der Sache ist_. Etwa so, wie es kraftgenialisch und exzentrisch Goethe, der große Lebenskünstler, schildert in seinem Gedicht von den zwei Propheten und dem Weltkind in der Mitten. Dann braucht es sich aber gar nicht um gebackene Hahnen zu handeln wie damals. Beim ebenso bedächtigen wie hingebungsvollen Genießen der einfachsten Nahrung kann man dahinterkommen, daß Reichtümer von Wohlgeschmack in jedem Stück Butterbrot liegen, wenn man sie nur zu heben versteht.
Wir Städter rümpfen in manchen Dingen die Nase über das Landvolk, das von den Dilettanten des Wanderns mit gleichem Unrecht ungebührlich über- wie unterschätzt wird. So beruht zum Beispiel der Vergleich zwischen dem hochentwickelten Appetit eines an einer Table d'hote mit fünf Gängen arbeitenden Essers mit demjenigen eines Scheuerndreschers auf irrigen Voraussetzungen. Wer's nicht glaubt, der möge einmal Bauernknechte oder -mägde beobachten, wie sie am Tisch um eine große Schüssel Milch sitzen, bedächtig löffeln und langsam dazu ihre Kartoffeln kauen und das Mahl höchstens mit einem kraftvollen und nicht für zarte Ohren geeigneten Spaße würzen. Es könnte sich manche Tafel, an der man vor Messerklirren, tollem Durcheinanderreden und Schmatzen fast selbst nichts mehr hört, ein Beispiel daran nehmen. Wer nach einem scharfen Marsch im kühlen Schatten einer alten Eiche oder einer mächtigen Tanne schon einmal allein seinen kargen Imbiß eingenommen hat, umfächelt vom streichenden Wind und unterhalten durch die Tafelmusik der summenden Hummeln, der lispelnden Blätter und der gluckernden Quellen, der weiß, was ich meine. Er weiß, daß man beim Essen nicht beten soll! Das Gebet soll im Essen selber liegen. Alles andere ist vom Übel. Man soll sich freuen. Das ist alles.
Einen anderen Grundsatz aber als denjenigen der größtmöglichen Mäßigkeit gibt es nicht, wenn man dieser einfachen Freuden teilhaftig werden will. Auch hier wirkt in ganz ungeahnter Weise das Naturgesetz von der denkbar stärksten Wirkung bei denkbar geringstem Kraftaufwand. Man muß nur immer die richtige Grenze zu finden wissen, und zwar immer nur für seine Person allein. Denn auch das ist ein unanfechtbarer Grundsatz, der sehr trivial klingt, aber ganz tiefe Geheimnisse enthält, daß, was für den einen gilt, nicht auch zugleich für den anderen richtig zu sein braucht: die eben erwähnte Grenze muß man langsam herausklauben lernen.
Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen Wege durchs Gehirn und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir wieder Ohren bekommen -- innerliche natürlich und nicht zu lange -- Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam -- nicht unseren groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber -- kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern und den großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte.
Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich, wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem soliden ~Filet aux Champignons~ am Abend eines festen Marsches nachgibt und sich dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« meinerseits sicher sein.
Vom Knipsen.
Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen »Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert. Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf. Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus. Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme Schloß gerichtet. Ein paar knipsende Geräusche, wie wenn man einen Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste Film wird aufgedreht.
Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden. Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten.
Es liegt in allem rein Technischen eine merkwürdige Ironie. So etwas wie eine Strafe dafür, daß man sich mit untergeordneten Hilfsmitteln begnügt, wo wir doch alle über viel Größeres verfügen, wenn wir's nur erkennen und pflegen wollten. Ich meine die psychische Fähigkeit, alle äußeren Dinge, vor allem Landschaften und Stimmungen in der Natur, durch unser Auge _unmittelbar_ aufzunehmen und wie durch eine konservierende Lösung den künstlerischen Gehalt des Geschauten durch unsere Seele ins Unterbewußtsein versinken zu lassen. Daß das möglich ist, das zeigt -- um ein möglichst prägnantes Schulbeispiel anzuführen -- der Fall aller jener Maler und Zeichner, die nach dem Gedächtnis reproduzieren. Ich kenne selber einen alten Akademieprofessor, der tagsüber im Café oder abends im Theater interessante Köpfe durch intensives Schauen sich derart tief einverleibt, daß er in der Nacht vor dem Schlafengehen die Gesichter aus dem Gedächtnis zeichnen kann. Sie sind fast immer porträtähnlich. Aus dieser alten bekannten Tatsache ziehen nur leider die allerwenigsten Wanderer den richtigen Schluß: Jeder Mensch ist bis zu einem gewissen Grade Zeichner, Maler, Dichter, Musiker. Denn: es gibt wirklich gar keine menschliche Fähigkeit, die der einzelne nicht in irgendeinem Grade selber besäße. Die Zeichnungen in den Wohnhöhlen unserer Vorfahren aus der Steinzeit lehren uns, wie stark damals schon der Mensch künstlerisch produktiv war. Das bildnerische Talent im Menschen und seine Anlagen zum Zeichnen und Malen werden nun aber durch die handwerksmäßige Liebhaberphotographie am meisten unterdrückt. Daß manche Menschen erst durch das Photographieren zu den ersten Sehübungen gelangen, wird damit gar nicht bestritten, wie denn ein jedes Ding bekanntlich seine zwei Seiten hat.
Da und dort dämmert ja die Ahnung vom Schaden des Knipsens schon auf, und manche Feinfühlige empfinden die Vorspiegelung falscher Tatsachen beim Photographieren recht lebhaft. Die Täuschung seiner selbst und des anderen liegt nämlich darin, daß -- künstlerisch ausgedrückt -- der schöpferische Vorgang zwischen dem Eindruck einerseits, den der Photograph von einer Landschaft hat, die ihn zur Wiedergabe reizt, und zwischen dem Resultat der Wiedergabe andererseits eine ganze Anzahl von Trübungen und Fälschungen durchmachen muß. Wer »nur so zum Spaß« photographiert, wird das natürlich nicht verstehen und es für überspannt halten. Wer aber sich ständig über sein eigenes Photographieren ärgert, auch wenn er künstlerisch schon recht ansehnliche Bilder zustande bringt, und dabei nicht darauf kommt, woran es eigentlich liegt, daß das fatale Gefühl einer ständigen Unbefriedigung nicht weichen will, dem möchte ich auf die Sprünge helfen.
Jeder Amateur weiß, daß die allerbesten Stimmungsbilder sehr häufig Zufallssache sind, wenn nicht die Stimmung bewußt durch kluge Mittel der Technik hineingetont wurde. Daß viele der schönsten Dämmerstimmungen bei ganz grellem Sonnenscheinlicht gemacht sind, dürfte auch weniger Unterrichteten bekannt sein. Jedenfalls gelingt es nicht sehr oft, gerade denjenigen Stimmungswert photographisch aus einer Landschaft herauszuholen, der einen zur Wiederholung des Geschauten durch Negativ und Kopie gereizt hat. So ist es eben keine Ausnahme beim Photographieren, daß man, wie ein französisches Sprichwort sagt, auch Amseln ißt, wenn man keine Wachteln hat. Andererseits ist mancher Kamerajäger sehr erstaunt, wenn er nach scheinbar harmlosen photographischen Streifereien in der Dunkelkammer große Entdeckungen konstatiert. Vielen Liebhaberphotographen kommt es gar nicht zum Bewußtsein, daß eben hier eine im höheren Sinne nicht anders als Unwahrhaftigkeit zu nennende Trübung des künstlerischen Schaffens vorliegt. Aber die bei feineren Gemütern unausbleibliche Wirkung dieses inneren Vorgangs wird eben doch empfunden, genau so, wie der Aquarellist sich schämt, wenn er in Wasserfarben eine duftige Morgenstimmung aufs Papier hauchen wollte, die ihm vorbeigerät, die von einem Ahnungslosen aber als ein sehr hübscher Abendeffekt empfunden und gelobt wird.