Part 4
Vom Kränzewinden.
Wir haben das Kränzewinden verlernt. Allerhöchstens winden und werfen wir sie noch in den Theatern. Aber ist hier nicht mehr als Theater? Auf der bunten Schaubühne der Natur mit ihrer ständigen Wechselszenerie? Nur die Kinder verstehen sich noch aufs Kränzewinden. Oder sie haben wenigstens den dankbaren Sinn dafür, wenn man sie's lehrt. Und neuerdings auch junge Mädchen, wenn sie keine dionysische oder sonstige Mode daraus machen. Denn zu einem Getue, zu dem bei uns so gerne alles wird, sind die Blumen doch zu gut. Wirklich zart können nur unverdorbene Kinder mit Blumen umgehen.
Am rauschenden Bach, der zwischen hellen Matten und dunklem Wald dahinschoß, sah ich gestern ein Mädchen, das reihte an einer dünnen Gerte weiße Gänseblümchen und violettes Knabenkraut auf. Ein zwei- und ein dreijähriges Kind, Mädel und Bub, sahen ihm mit beglückten großen Augen bei der Arbeit zu. Der junge Adam bekam einen Reif aus blühendem Sauerampfer und rotem Klee, und die kleine Eva einen aus Orchideen und Hahnenfuß. Ihr solltet einmal gesehen haben, mit welch würdiger Bescheidenheit so ein kleines Mädchen oder mit wieviel schämiger Andacht der wilde Bube seinen Kranz trägt. Sie wissen noch, daß sie dazu gehören. Zu alledem: zu den blühenden Wiesen und den grünen Hainen, zu den Vögeln, die durch die Lüfte schwirren, und zu den Käfern, die, grüngolden, sich nach allen Seiten hin retten, wenn so ein Niedeckkind aus seiner Burg stampfend und trampelnd in ihre winzige Insektenwelt geraten ist. Das sind noch Königskinder gewesen, verlaufene! Und als das Mädeli mit der dunkeln Krone auf den goldblonden Locken und das Bübli mit dem herberen Schmuck eines Ringes aus rötlichen Kleeblüten über dem kurzen Haar anfingen zu singen:
Alles neu macht der Mai, Macht die Seele frisch und frei,
da tauchte vor mir die versunkene Stadt Vineta wie ein sonniges Nebelbild wieder auf, oder, um es modern auszudrücken, ich erlebte wieder ein Stückchen Himmelreich.
Packet also eure Rucksäcke, ergreift eure Stäbe, gehet hin und tuet desgleichen! Wir wollen _nicht_ werden wie die Kinder. Bewahre! Dies Bemühen hat seine bedenklichen Gefahren; denn vom Kindlichen zum Kindischen ist es nicht weit. Aber »das Himmelreich annehmen als ein Kind« -- das ist es. Das ist die gute Übersetzung des alten Textes vom alten ~Dr.~ Martinus Luther, der zwar keineswegs meine ganze schwärmerische Verehrung besitzt, der aber ein -- Lautherr war und sich auf Deutsch verstand, noch besser sogar als mancher deutsche Oberlehrer oder Gymnasialprofessor.
Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen?
Vom einsamen Wandern will ich nicht reden. Das _muß_ man entweder oder man ist gar nicht dafür geschaffen. Eine Bücherfrage ist das nicht -- sondern Privatsache.
Zu zweit? »~Two is no society~,« sagen die Engländer, und die verstehen sich auf Lebens- und Wanderkunst. Aber es gibt Ausnahmen von dieser Regel. Wenn ein junger Mann mit seiner Braut, ein Mann mit seinem Weib die graue Alltäglichkeit des Lebens vertauschen mit dem freien Wandern über Berg und Tal, dann sind die beiden »~society~«. Sie erfassen die Welt mit einer verstärkten Anziehungskraft der Seelen, und in ihrem doppelten Augenpaar spiegelt sich alles Sichtbare doppelt schön. Die im psychischen Wechselstrom ihrer Empfindungen erzeugte hohe Voltspannung ihrer geeinigten Seelen leuchtet tiefer in die halb milde, halb herbe Verworrenheit der deutschen Landschaft, und ihre Sinne erfüllen sich weit mehr mit den vollen Lauten des rauschenden Daseins, als wenn sie allein wären. So leben sie im Widerspiel gegenseitiger Erhöhung des Innern wie des Äußern. Und darum ist solches Gehen zu zweit die höchste Form des Wanderns.
Solche Zweisamen wandern gar nicht zu zweit. Sie sind _eins_. Sie brauchen nicht unter allen Umständen Mann und Frau zu sein. Es gibt auch Jünglingsfreundschaften, die das Wandern zu einem hochsinnigen Leben machen. Aber sie sind selten. Solche Wandererkameraden sind, wie der Koran sagt, »von Gott gelehrt«. Und der helle Blick des einen läßt aus des anderen Mund wortarme, aber reine Weisheit über die Schönheit der Welt hervorbrechen. Kennt ihr sie nicht, die zwei, die man da und dort einmal sieht und die leichten Schritts und mit leuchtenden Augen die Wonne des Daseins fest und frei, froh und stark ergreifen und genießen? Der Eine und die Eine?
Wenn das Verhältnis nicht ähnlich ist, dann wird das Wandern zu zweit gar leicht gestört durch Reibungen und Meinungsverschiedenheiten, zu deren Schlichtung der dritte Mann fehlt, oder man wird sich bei dem großen Bedürfnis des Menschen nach Wechsel allzurasch überdrüssig, ohne es sich -- was das Schlimmste ist -- zuzugestehen.
Zu dritt oder zu viert geht es sich nur gut, wenn langjährige nahe Beziehungen schon die Linien des Drei- oder Vierecks gezogen haben. Eine gewisse Sicherheit des guten Auskommens fängt erst beim halben Dutzend an, und daß beim Hordenwandern die Mindestzahl zwölf und die Höchstzahl zwanzig beträgt, das hat seine guten Erfahrungsgründe.
In der wandernden Horde läßt sich das Bedürfnis, besonders der jüngeren Menschen, sich einem anderen Gleichgesinnten anzuschließen oder, objektiver und richtiger ausgedrückt, die Lücken seiner besonderen Veranlagung auszugleichen durch den inneren Bestand des entgegengesetzt veranlagten Freundes, viel leichter befriedigen. Dazu kommt noch die Notwendigkeit, sich schon aus reiner Selbstsucht willig ins Ganze einzuordnen und dem Führer unterzuordnen. Aber damit kommen wir schon zu dem Kapitel:
Der Wanderschuh als Erzieher.
Ohne das Wort »Erziehung« geht es heute nun einmal nicht mehr. Es _muß_ erzogen werden. Die Welt ist voller tatenlustiger Schulmeister, die umhergehen, zu suchen, wen sie erziehen könnten.
Warum läßt man denn die jungen Menschen -- und die alten dazu -- nicht unmittelbarer, nämlich durch das Leben selbst, erziehen? Es hat es ja noch kein Schulmeister in der Welt weiter gebracht als dazu, daß seine Schüler nach ein oder zwei Jahrzehnten merkten: »Er hat wahrhaftig recht gehabt!« Der Mensch läßt sich schon von Jugend an eines seiner größten Vorrechte nicht beschneiden, das Recht, nur durch höchsteigenen Schaden klug zu werden.
Wenn man aber von diesen Anzüglichkeiten absieht, dann allerdings muß man sagen, daß es kaum eine bessere Schule fürs Leben gibt als die _gemeinsamen Wanderungen_, die nun alljährlich in immer steigendem Maße von der erwachsenen Jugend aller Bevölkerungsklassen im Sommer wie im Winter unternommen werden. Ich will dabei ganz von den Vereinigungen absehen, die, wie die Pfadfinder und die Freischaren, neben ethisch hochstehenden hauptsächlich militärische Ziele im Auge haben und die -- wohl ganz wider Willen -- in der Richtung der Entwicklung des Heerwesens zur Miliz wirken.
Das Wandern junger (und älterer) Männer zusammen wirkt schon ohne alle aufdringliche Erziehung in hohem Maße erzieherisch, weil es täglich jeden Teilnehmer vor die Lösung des großen Problems der Gegenwart: »_Menschen untereinander_« bringt. Und dies in Lagen, die an das Gemeinschaftsempfinden des einzelnen viel höhere Anforderungen stellen, als es bei der gewöhnlichen Art, wie junge _Menschen_ bisher gewöhnlich _untereinander_ waren, der Fall sein konnte, nämlich auf der Bierbank, wo reichlich Alkohol und Tabak das ursprünglich im Menschen lebende Gefühl des Widereinander lähmten, um allerdings später desto unverhüllter zur Geltung zu kommen. Draußen aber in den Bergen oder auf der Heide wird es jedem unter dem Dutzend angehender Staatsbürger täglich mehrere Male zum Bewußtsein gebracht, daß sein Wohlbefinden und seine gute Stimmung in hohem Maße abhängig sind von der Haltung der Wanderkameraden, die ihrerseits wieder bestimmt wird durch die Art, wie _er_, der einzelne, seine Pflichten erfüllt, und wie er sich auch sonst, rein von der Gemütsseite aus, zum Ganzen stellt. Das Gliedhafte seines Daseins wird dem Wandervogel, dem Gesellen oder wie er heißen mag, zum erstenmal ganz deutlich klar, und zwar weit mehr als in der Schule, wo er leicht ohne große Nachteile ein egoistisch beschränktes Einzeldasein führen konnte. In jedem Augenblick kann an den Wanderer die Entscheidung herantreten, ob er, unter Aufgabe seiner eigenen augenblicklichen Bequemlichkeit, eines Kameraden kleine oder große Not zu der seinen machen will, mag es sich um die Übernahme eines Teils der schweren Traglast des anderen handeln, um ein gutes Wort, wenn des Kameraden Herz ihm etwas Schweres anvertraut, oder um einen Taler, den jener nicht hat.
Aber es ist noch ein anderes. Häufiger als sonst kann es der in Horden ziehende Wanderbursche erfahren, daß das übliche gute Verhältnis auf Gegenseitigkeit: »Wie du mir, so ich dir,« im tiefsten Grunde eine niedrige Stufe des Lebens der Menschen untereinander darstellt. Bereits die häufige örtliche Trennung der Wanderer einer und derselben Schar ist schon Anlaß dazu, daß die Wärme einer empfangenen Freundlichkeit (und wie viele kleine Dienste gibt es da) nicht an den eigentlichen Geber zurückerstattet wird, sondern an einen anderen zufällig anwesenden Kameraden, der ihrer gerade bedürftig ist. So wird beim Wandern das »Revanchieren« (das Wort ist sehr bezeichnend!) einem schwerer gemacht als im Stadtleben. Ein freiwillig und gern hingegebenes Stückchen Herz geht weiter im Kreise herum und wirkt tiefer beim Wandern, als wenn in der Stadt der Herr: »Sehr liebenswürdig!« dem Herrn: »Darf ich Ihnen vielleicht behilflich sein?« die Freundlichkeit postwendend zurückgibt, um ja sofort quitt, d. h. ihm nicht mehr verpflichtet zu sein.
Denn: Man kann nicht wissen!
Draußen in den hellen Buchenhallen, unter den dunkeln Spitzbogen des Tannenwaldes, am Ufer des leichtbewegten blauen Sees oder inmitten des Felsens eines rauschenden Wildbachs fällt so viel von selber ab an Dünkel und Torheit, an Abneigung und Pharisäertum zwischen den Menschen, weil sie dem Leben des ewigen All so viel näher sind als sonst. Beim Einatmen der gleichen reinen Gottesluft würden sie -- wenn ihnen der Vorgang zum Bewußtsein käme -- nicht aus dem Staunen darüber herauskommen, was ein Mensch zwischen Mauern und Dächern doch oft ein fataler Herr und draußen unter grünen Zweigen und freiem Himmel ein lieber Kerl sein kann.
Daß die Protektion und die Beonkelung der Wanderbewegung in der Richtung der _Organisation ganz bedeutende Verdienste_ hat, das wird gern und freudig anerkannt.
Ich will hier nicht die Gelegenheit ergreifen, um zu untersuchen, inwieweit »Wandern« und »Organisation« eigentlich eine ~Contradictio in adjecto~ (ein Widerspruch im Beiwort) sind. Auf die Theorie kommt es hier gar nicht an, sondern nur darauf, inwieweit die organisatorische Zusammenfassung den inneren Kern, die Wander_lust_ und vor allem den _Wert_ des Wanderns erhöht oder vermindert. Und da hat nun die Entwicklung der letzten Jahre eines unzweifelhaft erwiesen: Die Wanderbewegung hat zu einem großen Teil nicht mehr ihren _Zweck in sich selbst_, sondern sie ist Mittel zu Zwecken geworden, welche viele der jungen, frohen Gesellen nicht ahnen. Ein großer Teil der in großen Verbänden organisierten jungen Wanderer befinden sich, ohne es zu wissen, unter einem Einfluß, dessen Tendenzen die schon unter den Erwachsenen vorhandenen Klassengegensätze noch verschärfen. Welche Klasse, ob die »besitzende« oder »nichtbesitzende«, damit angefangen hat, die wandernde Jugend zu bearbeiten, soll hier nicht untersucht werden, ebensowenig, als hier überhaupt _Anklagen erhoben_ werden sollen. Es sollen nur Dinge gesagt werden, die bisher kaum einmal gesagt wurden. Und da _muß_ das _eine_ ausgesprochen werden:
Wir leben denn doch in einem Zeitalter, wo »Persönlichkeit« und »Gewissensfreiheit« doch schon mehr als Worte und Begriffe sind. Für alle Staatsbürger Deutschlands ist die Zeit, wo der Mensch vom Menschen noch nicht getrennt zu _werden brauchte_, die _Jugendzeit_. Die einzige Möglichkeit, wo die erbitternden Gegensätze, die durch die verschiedene Klassenzugehörigkeit und -- was fast gleichbedeutend ist -- verschiedene politische Gesinnung der Menschen hervorgerufen werden, nicht zum Ausdruck zu kommen _brauchen_, weil der Mensch im All der Schöpfung seine Wesensgemeinschaft leichter verspürt als in den Straßen der Stadt, wo Herkommen und Sitte und Agitation die Verschiedenheit zu offener Feindschaft ausarten lassen -- diese einzige Möglichkeit ist _das Wandern_ draußen in der freien Natur.
Und diese letzte Zuflucht des modernen, über die Dinge nicht mehr herrschenden, sondern von »Bewegungen«, »Konstellationen«, »Konjunkturen« usw. regierten Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wird ihm genommen, geraubt in der einzigen Zeit, wo politische Überzeugungen das Gehirn noch nicht erstarren ließen.
Es bedarf nicht vieler Worte mehr, damit man wisse, was ich sagen will.
Es ist das: Man drille nicht die jugendliche Seele auf ein politisches und soziales Dogma ein, auf das sie nicht aus freien Stücken schwört, sondern lasse solchen Knospenfrevel! Auf beiden Seiten! Man lasse den Frieden -- dessen auf die Dauer kein Menschenherz entbehren kann -- wenigstens unter den Laubdächern der Obstbäume, auf den grünen Matten, unter den hellen Buchenhallen und den dunklen Spitzbogendächern des Tannenwaldes -- _Frieden_ sein mit dem ganzen stillen Segen seiner Kraft!
Sonst ist alle Begönnerung des Jugendwanderns -- auf beiden Seiten! -- nichts anderes als jene von aller Welt so grimmig verachtete Schändung der Mittel durch die Heiligung der Zwecke und ein fluchwürdiger Mißbrauch jenes Teils der Schöpfung, nämlich der Natur, den der Mensch noch nicht entehrt hat durch seine Qual und seinen Haß. Es ist der Anfang von der völligen Austreibung des Menschen aus dem Paradies und der Entweihung der letzten Stätten des Friedens, wenn die Wanderbewegung unter der deutschen Jugend nicht sauber gehalten wird von jeder politischen oder sozialen Tendenz.
Ich habe zum Schluß nur noch die eine Bitte an alle, die _er_ angeht: Man überlege sich diese _Sache_ in der Richtung _alles_ Folgerichtigkeiten, bevor man -- lächelt. Denn es ist so leicht und bequem und -- für den Augenblick so erfolgreich, das Lächeln.
Was man braucht.
1. Des Wanderers Kleid.
Gib acht! Das Kleid ist ein Steckbrief, und ahnungslos schreibst du ihn dir selber. Die Hotelportiers und Kellner, die mit einem unbestechlich kalten Blick das Äußere der ankommenden Gäste und besonders den Zustand und die Preislage der Stiefel überfliegen und danach ihren Mann in irgendeinem Schubfach einrangieren, haben so unrecht nicht. Die Methode ist zwar grob, aber fürs Gröbste genügt sie. Damit wollte ich nur auf die Gefahr jedes »Kostüms« hinweisen.
Anderseits geht es nicht gut an, vor einer Wanderung nur deshalb die Wandlung zu einem frischen, schlichten, frohen Menschen durchzumachen, damit nach der einzig richtigen Methode das äußere Gewand uns sozusagen von innen heraus anwachse, die Kleidung sozusagen das Symbol des Herzens werde und ja niemandem der edle Kern unter der angenehm bescheidenen Hülle entgehe.
Und drittens hinwiederum läßt sich das alles eben überhaupt nicht _machen_, sondern es geschieht mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, nach der alles von innen nach außen wird. Da helfen alle Faxen nicht.
Ich kenne einen Mann, der trägt manchmal, obwohl er nicht in Oberbayern wohnt, bei fröhlich festlichen Gelegenheiten »Gamslederne« mit gestickten Hosenträgern, aber niemand käme auf den Gedanken, er habe sich kostümiert. Denn er ist darin der gleiche Mensch wie im Gehrock. Und ein anderer lebt schon jahrelang in den Bergen. Als er aber einmal mit seinem gemildert prätentiösen Asphaltschritt in »Gamsledernen« und im grünem »Hüterl« einem alten Oberbayern begegnete, da blieb dieser mit grinsendem Erstaunen stehen und fragte mit der unzarten Herzenseinfalt solcher Gebirgler: »Ja, sag mei Liaba, wie bist au du nur in des G'wandl eini kimme?«
_Das ist's._ Das G'wandl!
Man erwarte also von mir keine Vorschläge in der Richtung der einzig richtigen Wander»kluft«. Schon deshalb nicht, weil sich ein jeder ja doch so anzieht, wie er es für am wirkungsvollsten hält.
Es gehört ja nicht zu den erfreulichsten Seiten der modernen Wanderbewegung, daß wir im Wald und auf der Heide, in Bahnhöfen und in Großstadtstraßen immer mehr fragwürdige Gestalten von tragikomischer Ausrüstung sehen. Ihre gefärbten Hahnenfedern auf dem grünen Jägerhütchen, ihre mit Bändern von allen Regenbogenfarben geschmückten Zupfgeigen und ihre ausgesucht auffallend gemusterten Strümpfe über den erbarmungswürdigen Waden reizen nur um so mehr zu Spott, als sie die blasierte Fadheit der dazugehörigen Gesichter nur desto mehr hervorheben. Diese Beckmesser der deutschen wandernden Jugend sind zum Glück nicht in der Überzahl. Denn den meisten unter der Jungmannschaft, auf deren Schultern ein großer Teil unserer Zukunftshoffnungen liegt, ist es doch schon aufgegangen, daß nur _der_ beseligt aufgehen kann in der Herrlichkeit und Größe der Allschöpfung, der mit keiner Faser mehr danach strebt, die Aufmerksamkeit auf seinen sonderbar ausstaffierten Leichnam zu lenken.
Also: jeder suche sich _sein_ Wanderkleid! Denn die Einförmigkeit des graugrünen »Sportanzuges« mit Gürtel und Quetschfalten, der für den deutschen »Vergnügungsreisenden« schon so witzblätterhaft typisch geworden ist wie früher der großkarierte Nanking für den Engländer, ist auch nichts Erhebendes. Das erste sei _Haltbarkeit_! Denn wer sich aus Angst für seinen Hosenboden nicht auf jeden Felsen oder Baumstamm setzen kann, der ist ein armer Mann und ein Spott von Wind und Wetter und der eigenen Kameraden. Alles junge Wandervolk, das oft noch am Nachmittag nicht weiß, wo am Abend das Haupt hinlegen, braucht außer einer widerstandsfähigen »Kluft« einen nicht zu schweren Wettermantel, einen Lodenumhang, und womöglich ein Stück von wasserdichtem Mosettigbatist (etwa 1,50 auf 1,50 ~m~ groß), der, auf Handbreite zusammengelegt, sich bequem in die Tasche stecken läßt und bei unvorhergesehenen Freilagern gute Dienste gegen Feuchtigkeit leistet.
2. Der Rucksack.
»Ich han myn Bündel nun gesnallt, Muß snallen noch myn Herz.«
Wer so empfindet, der bleibe lieber zu Hause, bis »syn« Herz wieder ganz frei geworden ist. _Frei_ muß der Bursch sein, wenn er wandern will, vorausgesetzt, daß er nicht lieber allein mit seinem übervollen Herzen loszieht. Denn in solchem Falle gibt es nichts Besseres als seine Gefühle, die wirklichen wie die vermeintlichen, zu verlaufen und -- zu verschwitzen. Das sind gemütlose Bemerkungen -- ich weiß es -- aber sie sind probat!
Beim Rucksackpacken muß Feiertagsstimmung sein, und man muß, wie der alte deutsche Mystiker Ekkehardus so schön sagt, »sich aller Dinge ledig wissen«. Der Deutsche unserer Tage ist gewöhnt, daß ihm in Büchern alles klein vorgekaut wird, und der Ratschläge, was ein richtig gepackter Rucksack alles enthalten müsse, gibt es zahllose. »Je weniger, desto besser,« ist ein schlechter Rat. Noch schlechter aber ist der andere: »Ja nichts vergessen!« Es gibt treffliche Menschen, wahre Ritter der Peinlichkeit, die können vor der Ausfahrt ein ganzes Haus unglücklich machen, weil sie drei Tage lang vorher mit langen Zetteln, worauf »alles verzeichnet ist«, herumgeistern. Wegen einer in ihrem tiefsinnig ausgeklügelten Nähzeug fehlenden Sicherheitsnadel können sie es bei Mutter und Schwester zu geradezu erschütternden Auftritten kommen lassen, die des Hauswesens ruhigen Bestand ernstlich gefährden. Andre wieder sehen selig lächelnd der Stunde des Abmarsches entgegen, und wenn ihnen nicht irgendein guter Geist den Rucksack packt, so nehmen sie ihn eben »so« mit.
Die Wahrheit liegt in der Mitte.
Lerne zu Hause schon entbehren, mache dich unabhängig von dem Beefsteak, ohne das du angeblich nicht leben kannst! Vermeide das »Glas Bier«, ohne das du angeblich nicht schlafen kannst, und lasse die vielen Zigarren und Zigaretten, ohne die du allerdings meist nicht nur angeblich, sondern wirklich den Humor verlierst! Habe den Mut, ihn zu verlieren! Die Bäume draußen im Wald und die grünen Matten werden ihn nicht entbehren, wenn du schnaubend hindurchrasest, um wieder dein eigener Herr zu werden. In alledem aber werde kein Fanatiker und kein Prahlhans deiner Enthaltsamkeit. Hast du dann noch wieder gelernt, was des alten Adam erste Beschäftigung war, als der Herr ihm »einen lebendigen Odem« in die Nase blies, nämlich _atmen_, _richtig atmen_, _menschenwürdig atmen_, das heißt von der Luft zu einem guten Teil _leben_, dann kannst du's wagen, wagen mit einem Rucksack, der nicht mehr enthält als zwei Woll- oder Lahmannhemden (ich kenne keine alleinseligmachende Unterwäsche!), mit zwei leichten Unterbeinkleidern (es gibt jetzt sehr bequeme nur bis an die Knie, die zugleich als Badehose benutzt werden können), einigen Taschentüchern, zwei Halsbinden, Seife, Nähzeug usw., und was außerdem deine persönlichen Bedürfnisse, Skizzenblock, Farbenschachtel usw. sind. Von Strümpfen und Socken ist im nächsten Kapitel besonders die Rede. Hast du noch alle Schul- und Erwerbssorgen so gründlich zu Hause gelassen, daß sie nicht die Lust ankommt, dir nachzureisen, dann bist du ein freierer, fröhlicherer Wanderer als alle, die in jeder Stadt auf ein noch nicht angekommenes oder schon wieder an die besorgte Mutter zurückgegangenes Paket warten und nie ohne Befürchtung und Wünsche sind. Allerdings muß man bei solch leichtem Gepäck manchmal an einem Waldbach einen halben Wäschetag veranstalten, was aber auch seine Reize hat.
Leicht' Gepäck, mein Jung', das ist das halbe Glück auf Erden überhaupt -- und beim Wandern insbesondere.
Es wäre nun auch noch vom Kochzeug zu reden. Ich will gar nicht behaupten, daß es nicht noch besseres Kochgeschirr und praktischere Apparate gebe als die, welche ich im Gebrauch habe. Aber ich persönlich habe nur die besten Erfahrungen mit den Aluminiumausrüstungen von Ecklöh in Lüdenscheid gemacht!
Die Zupfgeige ist kein so unentbehrliches Geräte beim Wandern, daß man da besondere Ratschläge geben müßte. Es wird auch schon so genug gezupft, und bei all dem Guten, was die wiederauflebende einfache Kunst unserer Urgroßeltern mit sich gebracht hat, an dem Stück spielerischer Unwahrheit, dem »Holdrio«-Ton und so manchem anderen Gespielten ist die Zupfgeige zum Teil schuld. Es gibt Wanderer, deren innerer Mensch an ihrer guten Stimme und an ihrer schönen Zupfgeige langsam, aber sicher zugrunde geht.
Also hüte dich! Das Wandern ist mehr als das Zupfgeigen. Und nun noch ein Wort zum Preis des Rucksacks. Das Schönste am Rucksack ist das Glück des Bündelschnallens, jene selige Unrast -- nicht die unselige Hast! --, die uns beschleicht, wenn es endlich nicht mehr zu bezweifeln ist, daß wir gehen können. Denn was kommt nicht immer noch alles dazwischen, besonders bei uns älteren Semestern!
Wenn nun der »Bündelestag«, wie sie im Wald droben sagen, da ist, dann wird der Rucksack lebendig, der alte, treue, höchst unfein dreinschauende Rucksack! Alles, was er mit uns erlebt, schwebt aus seinem wettergebleichten, einmal grasgrün gewesenen Segeltuch heraus und sagt viele, viele Male: »Weißt du noch?«