Der Wanderer

Part 3

Chapter 33,541 wordsPublic domain

Das nimmt uns nicht die Lust, Kämpfer und Eroberer zu sein. Alles ist unser. Die Welt ist unser. Aber wir müssen in ihr bleiben, wie sie in uns -- _bleiben möchte_. Und wenn wir ihr das verwehren, dann werden wir mit der Zeit mürbe, wurmstichig und innerlich zerfallen, trotz aller hohen Ziele.

Wenn wir uns selbst im Lichte stehen.

Das tun wir leider fast alle, ohne es zu wissen. Wir ahnen es nicht, weshalb der »andere in uns«, der ewige Grübler oder -- wie er nicht übel in einem neuen Roman genannt wird -- der »ewige Deutsche«, unserem wirklichen helleren »Ich« so oft beim Schauen das Auge trübt. Wir hören es ja oft genug, daß wir beim Schauen die Sorgen und die Gedanken und die ungelösten Probleme zu Hause lassen sollen! Aber sie haben so lange Beine, unsere Grillen und Sorgen, und haben uns so lieb -- und wandern mit.

Wie wird man sie denn los und dazu den »anderen in uns«, der immer etwas zu befürchten, etwas auszuklügeln hat und sich noch Gott weiß was darauf einbildet, daß er ein so sorgender Mensch ist, der »an alles denkt«? Und dabei stiefelt er _mit den Augen am Boden_ durch die Herrlichkeiten der Welt und über die Freiheit der Berge und wagt es nicht auch einmal, ordentlich zu niesen, anstatt auch einmal in den Tag hineinzuleben wie ein halber Herrgott. -- Wie ein halber, bitte!

Wer ist eigentlich dieser fatale Weggenosse, der uns beim Alleinwandern anhängt wie eine Klette und uns immer zuflüstert: »Ach, laß das alles da draußen, die Berge, Wolken, Felder! Was ist das? _Du_ bist das Wichtigste, der Wichtigste (oder die Wichtigste) bei alledem! _Du_, _deine_ Gedanken, _deine_ Pläne, _deine_ Sorgen!«

Wenn man sich einmal klar darüber geworden ist, daß es sich hier nur um eine der tausend Masken der lieben Eitelkeit handelt, dann ist man der Befreiung von diesem störenden Gesellen schon um ein gutes Stück näher. Und es ist nichts anderes als lächerliche Eitelkeit, wenn wir z. B. beim Beschauen eines herrlich gewachsenen alten Baumriesen oder bei der Entdeckung feiner, für die meisten Wald- und Wiesenbummler verborgener Farbenübergänge auf einmal ganz im stillen bemerken, wie sich in diesen gedankenlosen Vorgang (und _solche_ Gedankenlosigkeit kann nicht genug empfohlen werden!) ein seltsames Sehnen hineinschleicht, ein Etwas, das uns ganz verbindlich mitteilt, es sei doch eigentlich sehr nett, daß wir all diese Herrlichkeiten mit solcher Intensivität des Erlebens erfassen -- _als einer der wenigen unter den vielen_!

Das ist der Vorgang bei der so ziemlich gröbsten Form der Störung des reinen Schauens durch das reflektierende Treiben der Gedanken, die sich zwischen uns und das Geschaute wie eine Nebelwand stellen. Anstatt uns zu helfen und uns die vor Augen liegenden Herrlichkeiten zu offenbaren, strahlen unsere »Gedanken« und »Gefühle« nur ihre eigene Dürftigkeit auf uns zurück. Daher das Wort »Reflexion«! was nichts anderes als wie _Zurückstrahlen_ bedeutet. Der Mensch fühlt sich durch diese Reflexion beleuchtet als _Einzahl_, als »derjenige, welcher!«

So werden wir vom »anderen in uns« ahnungslos um die tiefsten Eindrücke betrogen. Statt objektiv die Natur zu erleben, genießen wir subjektiv uns selbst. Das geschieht bei den meisten Menschen automatisch, ganz ohne ihr Zutun. Aber jedesmal, wenn die Reflexion mit biederer Ehrlichkeit uns auf die Achsel klopft und uns z. B. in der Phantasie ausmalt, wie wir uns ausnehmen würden, wenn dieser oder jener Bekannte uns, in ein solches Landschaftsbild versunken, _so_ in dieser hingerissenen Stellung sehen könnte, dann empfinden wir doch als Warnung ein fatales Gefühl im Hals!

Das ist dann die unwillkürliche Reflexbewegung einer gesunden Psyche. Folge ihr! So viele Wanderer, die über steigende Nervosität auf ihren Fahrten klagen, mögen sich einmal auf diesen Punkt hin selber ausforschen. Wenn nicht anhaltende Überanstrengung die Ursache ihrer verminderten Genußfähigkeit ist, dann treffen sie ganz sicher hier ihre wunde Stelle.

Die Heilung liegt, wie die Heilung der allermeisten seelischen Störungen, in der Befolgung des Losungswortes: _Los von dir selbst!_ Die neueste Psychologie hat ja die Ursache der meisten seelischen Erkrankungen im Bewußtsein entdeckt!

Möglich ist die Heilung aber nur dadurch, daß man diesen _verneinenden_ Imperativ in einen bejahenden verwandelt. Der kann aber immer nur lauten: _Bewußte und innige Hingabe an das Ganze!_

Immer nur an das _andere_ oder an _die_ anderen denken! Nicht an »_den_ anderen in uns«! In unserem Falle heißt das: Mit ganzer Seele und mit allen Kräften die Landschaftsreize auf sich wirken zu lassen und jeden Gedanken (sei es auch nur die bei Malern und Schriftstellern so leicht sich einstellende Überlegung, mit welchen technischen Mitteln der Eindruck des geschauten Naturbildes wiederzugeben wäre) kühl und gelassen übergehen und desto heller aus sich selbst heraussehen!

Das ist gar keine kleine Arbeit.

Aber sie verlohnt sich, und eines schönen Tages wird man ganz unvermutet des Glückes innewerden, das die alten deutschen Mystiker »seiner selber ledig sein« nannten. Da werden Nebelhüllen fallen, und man wird das Schauen lernen. Das Schauen der Natur oder, wie Spinoza sagt, »~naturae sive dei~« (der Natur oder Gottes).

Dann lebt man im All als eines seiner Teile, und keines der geringsten; als ein lebendiges, bewußtes Glied der Schöpfung, aber _in_ ihr, _mit_ ihr und sie _in_ uns, in uns und _mit_ uns. Weiter aber, als in der Natur das wiederzufinden, was man in sich selbst zum eigenen beglückenden Staunen entdeckte, weiter bringt es kein Sterblicher. Das heißt man reif sein! Dann steht man sich nicht mehr im Wege, und der »andere in uns« hat das Schweigen gelernt, das _wir_ allerdings _unter den_ anderen zuvor geübt haben müssen. Wenn er aber nicht mehr _in Gedanken_ mit uns reden kann, ist er tot. Aber oft tut er nur so. Denn er ist zählebig wie alles Niedere.

Vom Horchen in der Stille.

Der Kampf gegen die Klaviere ist in den Städten auf der ganzen Linie entbrannt, wenn auch noch nicht mit dem ganzen wünschenswerten Erfolg. Mit der Zeit wird es an einem ernsten Krieg gegen die Grammophone auf den Dörfern nicht fehlen dürfen. Aber es scheint, daß sich eine neue musikalische Influenza vorbereitet, und zwar besonders unter den Wanderern. Sie ist lange nicht so schlimm. Aber die Gefahr ist da. Die Laute, womöglich mit verschiedenfarbigen Bändern geziert, soll das Instrument der Zukunft werden. Wie aus allem, was aus der Hand künstlerisch interessierter und für das Volkswohl begeisterter Geschäftsleute kommt, so wird auch hier aus einer Wohltat eine Plage. Die Welt der »Fahrenden« wird überschwemmt mit Preislisten von fabelhaft billigen und klingenden Lauten.

Mein Sohn, ich warne dich vor dem Mann mit der Zupfgeige. Er wird sich dir harmlos lächelnd und verbindlich grüßend nahen, und zwar gerade dann, wenn du allein sein möchtest; und er wird dir sein allerneuestes »Liedel vorsingen«. Denn dieses so gern gebrauchte und verballhornte süddeutsche Verkleinerungswort ist ebenso oft Maskerade wie die blaue bayrische Zwilchjacke.

Ich will dem Lautenschlagen und dem Zupfgeigenspielen und dem Klampfenzirpen gewiß nichts Übles nachsagen. Ich schlage sie selbst, die sechs Saiten. Aber ihm irgendwie das Wort reden braucht man nicht. Es wird auf diesen Tonwerkzeugen von lauten Dilettanten viel mehr als von stillen Künstlerseelen gewirkt. Womit der Dank für die vielen hellen Stunden, die ich einzelnen frohen Gesellen bei der Rast unter schattigem Laubdach und Künstlern wie Robert Kothe, Sven Scholander oder auch anderen nur in kleineren Räumen als dem Konzertsaal wirkenden Talenten schulde, nicht unterschlagen werden soll. Den Wanderer, den ich meine und der Ohren hat zu hören, soll in diesen Zeilen nur auf eine herrlichere Laute aufmerksam gemacht werden als die um 10 bis 60 Mark beim Musikalienhändler zu erstehende.

In allen deutschen Volksliedern, in den ältesten am meisten, kommt ein Reichtum von Gefühlen zum Ausdruck, die einem feineren Gehörsinn entstammen, als wir ihn noch besitzen. Mit so vielem anderen haben wir Kulturmenschen auch das Hören verlernt. Die zierlichen Sinneswerkzeuge im Gehörgang des Naturmenschen, Steigbügel, Hammer, Amboß, waren noch nicht durch wüstes Straßenbahngeklingel, Dampfsirenengeheul, Automobilhuppengetute und ähnliche Errungenschaften aus der Kunst des Sichvernehmlichmachens abgestumpft. Wir alle sind harthörig geworden. Nur so konnten Richard Strauß und andere Erfolge haben! Aber es gibt verborgene Wege, um uns aus diesen Orgien der Dissonanz zurückzufinden zu den Harmonien des verlorenen Paradieses, zu den heiteren und beruhigenden Schöpfungen unsichtbarer Schuberts, Mozarte und ähnlichen hellen Tongewaltigen.

Jeder Wanderer, der allein seine Straße dahinzieht und vielleicht geistig und auch körperlich unter einem Übermaß von Eindrücken leidet, die wie eine Flut von Farben und Formen durch das enge Tor der Pupille in die Seele stürmen, versuche einmal in aller Ruhe während des Wanderns die Augen zu schließen und zeitweise blind weiterzumarschieren. Auf einem nicht zu schmalen Weg ist das viel leichter, als man sich's denkt, und außerdem eine ganz gute Übung für den Gleichgewichtssinn. Dann wird er durch die Hilfe des noch frischen, weil bisher fast gar nicht in Anspruch genommenen Gehörsinns eine neue Welt entdecken. Eine Welt, wo es mehr oder weniger tief, je nach dem Grade der Veranlagung des Wanderers, tönt und dröhnt, singt und schwingt von bisher unbemerkten Lebensäußerungen der Natur. Er wird mit der ganzen Frische unermüdeter Empfänglichkeit im Rauschen des Baches den Singsang und den rhythmischen Tanz der Melodien heraushören können, ohne die ein großer Tonsetzer wie Schubert niemals seine wundervollen Lieder wie »Ein Bächlein hört ich rauschen« u. a. hätte komponieren können. Er wird es verstehen, wenn Richard Wagner einmal erzählte, er habe seine Melodien »oft aus der Luft aufgefangen«. Die Achteltöne im leisen Sang der Grasrispen, die zitternden Terzen im Rauschen der Tannenwipfel und tausend kleine und große Lieder, die der Wind auf den unzähligen Harfen der Natur spielt, werden ihn Zeichen und Wunder vernehmen lassen.

Um nur beim Gröbsten zu bleiben: Wie viele Fahrende kennen die Stimmen aller Waldvögel? Und wie wenige erst hören die zitternden Fugen auf der großen Orgel in der verlorenen Kirche des Waldes? Und die Gesänge der Geister über den Wassern? Und so viele andere ganz natürliche und gar nicht überirdische Klänge, die im Wald und auf der Heide, in den Tälern und auf den Bergen ertönen?

Nicht von den Stimmungen ist hier die Rede, die liebende Jünglinge und Jungfrauen aus dem Wald heraushören, so wie sie sie hineinschmachten, denn da schreit's wirklich so heraus, wie man hineinschreit, sondern von dem objektiven Erleben der Lautwelt, die in der Natur ihr Dasein hat, und die wie alles in Farbe und Form Gestaltete uns vertraut werden kann. Es erhöht die Genußfähigkeit beim Wandern, wenn man das schwirrende, säuselnde, klingende und brausende Leben in Feld und Wald vernimmt. Die Indianer legen das Ohr an die Erde und vernehmen einen nahenden Reiter auf eine Stunde Entfernung. Wir müssen wieder Hörer werden, wenn uns Vieles und Großes, Treues und Wahres in der Verworrenheit unseres Daseins nicht verloren gehen soll. Und so wie bei Blind-, Stumm- und Taubgeborenen das Tastgefühl einspringt für die kranken Sinne, bis auch diese Stiefkinder der Natur auf ihre Art sagen können, was ihr Innerstes bewegt (man denke hier nur an Helen Keller), so können wir mit gesunden Sinnen Beglückten durch gelegentliche freiwillige Ausschaltung, sozusagen Außerdienstsetzung des einen Sinnes den andern stärken und kräftigen.

Also lernt hören, ihr Fahrenden! Es gibt viele Sprachen, aber die Muttersprache der _Natur_ wird am seltensten gelernt, und es ist doch das schönste und leichteste _Esperanto_.

Vom »Überhopsen«.

Der alte römische Schriftsteller und Staatsmann Plinius, der als Neffe seines berühmten Onkels sich stark für Naturwissenschaften interessierte, erzählt in einer seiner vielen feinen Briefe, was die Menschen doch für merkwürdige Käuze seien, wenn sie lange Reise zu Land und zu Meer machten, um Neues zu sehen. Er selber sei ein so merkwürdiger und unglaublicher Geselle. Denn auch er unternehme jedes Jahr große Fahrten in die weite Welt und habe dabei noch nicht einmal den Waldsee auf dem Gute seiner Schwiegermutter gesehen, auf dem die Naturerscheinung einer schwimmenden Insel studiert werden könne.

Es wird wohl nicht viele Wanderer geben, die bei dieser Erzählung nicht das Gefühl überschliche: »Auch du gehörst zu dieser Sorte.« Nirgends mehr als auf den in unserer allernächsten Umgebung gelegenen Feldern und in den Wäldern unseres Bannkreises harrt unserer noch manche Offenbarung; und jeder Glaube, daß man im Umkreise von höchstens 20 Kilometern keine neuen Entdeckungen mehr machen könne, erweist sich bei genauem Suchen als eine Oberflächlichkeit. Das Gute liegt auch hier so nah; wir sehen es nur nicht. Es geht uns fast allen wie dem Menschen, der in den Himmel kam und dort, von einem Engel im Paradies herumgeführt, sich an den herrlichen Blumen und Bäumen nicht satt genug sehen konnte, und dann sehr erstaunt war, als ihm der Engel sagte: »Genau dieselben Blumen und Bäume habt ihr drunten auf der Erde. Ihr seht sie nur nicht, ihr armen Menschen!«

Also entdeckt zunächst einmal in euren eigenen Wäldern und auf euren eigenen Fluren die Wunder, bevor ihr so weit hinaus und hinauf wollt. Jeder Wald und jedes Feld hat sein Geheimnis. Aber nur demjenigen wird es enthüllt, der die große tiefe Liebe zu seiner Heimat im Herzen trägt. Der rasche Wegefahrer und der neugierige Rundreisetourist stolpert, mit der Nase in der Luft, immer am schönsten vorbei. Die Nase in der Luft zu haben, ist nicht vom Übel. Im Gegenteil. Aber dann auch die Luft in der Nase haben! Weniger umständlich ausgedrückt: Mund zu und Nase auf! Durch die Nase atmen! Nicht durch den in blödem Erstaunen geöffneten Mund. Die Nase hat viel mit den Geheimnissen der heimatlichen Fluren und Wälder zu tun. Kein Sinn ist, wie die Kundschafter der Seele entdeckten, so eng mit dem Erinnerungsvermögen verknüpft wie der Geruchsinn. Wenn ich z. B. die Schwarzwaldbahn hinauffahre und atme so in der Gegend von Gutach die erste Nase voll echter würziger Schwarzwaldluft, dann taucht eine Welt voll Erinnerungen in den Bergen glücklich verlebter Tage auf; ich vergesse den Dunst, der sich aus den Düften von Zeitungspapier, Tinte und Zigarrenrauch zusammensetzt, und werde wieder ein Mensch -- sozusagen wenigstens. Napoleon I. hat einmal gesagt, er würde blind seine Heimat Korsika wiedererkennen an dem Duft, den das felsige Eiland über das Mittelmeer hin ausströmt. Mit Napoleon I. habe ich sonst -- wie mir meine besten Freunde glaubhaft versichern -- nichts gemein; aber am Geruche würde ich auch meinen Schwarzwald wiedererkennen, wenn ich ihn nicht mehr sehen könnte.

Dem richtigen Wanderer geht es immer, wie Hans Thoma, dem großen Schwarzwälder Sinnierer und Maler, es ging, als er nach seiner ersten italienischen Reise zum erstenmal wieder in Sachsenhausen beim Apfelwein saß und die Zwetschgenbäume im Garten der Wirtschaft aber auch gar nicht mehr schön finden konnte. Dieser Mißmut über den Verlust des Paradieses hielt an, bis die untergehende Sonne ein Goldnetz in die Bäume hing. Da erst entdeckte er wieder von neuem die Schönheit der Sachsenhäuser Zwetschgenbäume. Im Heimatwald ist es jedesmal ebenso wie mit den Zwetschgenbäumen in Sachsenhausen -- unbeschadet deren unbestrittener Vorzüge! In der Heimat sind wir selber und können es sein. Draußen in der kalten Welt sind wir Hotelnummern oder mißtrauisch betrachtete Fremde. Ich will versuchen, deutlicher zu werden. Nicht nur die Sonne spinnt Goldnetze in die Sachsenhäuser Zwetschgenbäume, in die Feldbergtannen oder die schlesischen Birkenalleen oder was sonst noch sein mag. Wir selber tun es auch. Die Schönheit der Natur ist nicht nur etwas Objektives, allen Menschen gleich Sichtbares und Zugängliches; sie ist stark subjektiver Färbung unterworfen. Aber noch mehr. Wir verlegen in unsre Umgebung und in die Natur auch eigne Gemütswerte und empfangen sie wieder zurück von ihr. Ein altes Möbel, das von den Zweckmäßigkeitslinien des modernen Kunstgewerbes nichts an sich hat, kann uns lieber und teurer sein als das schönste von einem modernen Raumkünstler geschaffene Stück. Wir haben mit ersterem etwas zusammen _erlebt_, und besonders, wenn dies etwas Schönes war, so ruht unser Auge mit Wohlgefallen auf ihm. So beseelen wir auch die Natur, die uns vertraut ist, und verweben ihr Äußeres mit unseren inneren Erlebnissen und Stimmungen. Das, was man Heimatgefühl nennt, beruht ganz auf diesem Beseelen der Natur durch den Menschen. Hier sind wir daheim, und selbst wenn wir Fremdlinge sind, können wir uns doch daheim fühlen. Es sind keine das Nervenleben stark in Bewegung setzenden Eindrücke, denen wir hier begegnen, keine geräuschvolle Fremdenindustrie, keine die Seele erschütternde Landschaft. Kraftvolle _Ruhe_ und stille _Sicherheit_ ist's, was der Wald und das Feld der Heimat uns bieten.

Wir waren (das ist jetzt auch schon ein Vierteljahrhundert her) drei Schulkameraden und Freunde, hatten den Übergang aus der Obersekunda an die Unterprima nicht gerade glänzend, aber doch auch ohne Makel bewerkstelligt und standen vor unserer ersten Großtat, einer Reise in die Schweiz, zu der die Mittel durch Aufführungen von Tragödien, bearbeitet für Kinder unter 10 Jahren, das heißt durch Kasperletheaterspielen vor der Jugend der Nachbarschaft verdient worden waren. Der Reiseplan entbehrte nicht der Großzügigkeit, und unser eigentliches Ziel wurde verschwiegen, so weit war's bis dahin. Die Nachbarn und Nachbarinnen bewunderten diese unsere nicht zu bestreitende, offenkundige Begabung zu Weltreisenden. Nur der gute alte Vater der beiden Freunde, der in allen Dingen eine gemächliche Sicherheit an den Tag legte, warnte uns. Wenn man noch nicht einmal das eigene Ländli kenne, wie wolle man da schon in die Schweiz oder gar noch nach Italien reisen. Er hatte für solche Lebensanschauungen einen eigenen Ausdruck: »Überhopst ist so gut wie gelogen,« meinte er.

Natürlich setzten wir's doch durch. Aber wir haben ihm alle drei seither recht gegeben, dem alten, guten Vater. Auch beim Wandern ist das Überspringen ein Stück Unehrlichkeit. Und es ist immer ein Glück, wenn man's später noch gutmachen kann und alles »_Überhopsen_« ehrlich und redlich nachholen.

Mit Kindern.

_Brief einer Mutter an eine »Reform«mutter._

Verehrte Frau, ich werde mich nicht täuschen in der Annahme, daß Ihre unerschütterliche Güte mir für manches von dem, was da kommen soll, pränumerando Verzeihung gewährt. Also:

Sie befinden sich in einer großen Gefahr, und ich möchte Sie allen Ernstes warnen vor den -- Schriftgelehrten! Sie gehören zu den Ahnungslosen, die es haben, ohne es zu wissen, und nun sind Sie auf dem besten Wege, Ihre natürliche Gabe für Kindererziehung hinzugeben gegen ein unnatürliches, wichtigtuerisches Nachdenken und Diskutieren über Kindererziehung und modernes Wandern, wie es sich jetzt in der Gestalt von allerhand klugen Leuten an Sie herandrängt. Werfen Sie sie hinaus, verehrte Frau, die Leute, die immer vom Himmelreich der Kinder reden und selbst den Schlüssel dazu nicht haben, und lassen Sie mich, gewissermaßen stellvertretend, Ihnen sagen, was Sie vor der Zeit Ihrer Infektion mit dem Bazillus der Kindswissenschaft geantwortet hätten, wenn Sie gefragt worden wären, was Sie jetzt hinter den spanischen Wänden einer Ihnen gar nicht liegenden, modernen Bestrebung hervor mich fragen. Sie hätten zum Beispiel der Dame mit den vielen Kindermädchen, die Sie ja kennen und die Ihnen jetzt das Leben schwer macht mit langen überzeitgemäßen Erziehungsreformen, geantwortet:

»Nehmen Sie mir es nicht übel, meine Liebe, aber wie kann man nur so dumm fragen? Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Da reden die Leute den ganzen Tag von der Natur und suchen sie, wie mein Mann oft seine Brille sucht, die er auf der Nase hat. Das geht mir einfach auf die Nerven, diese gelehrten Gespräche über Sport und Regeneration, und wie das dumme Zeug alles heißt. Das ist doch alles so furchtbar einfach, wenn man's nur richtig anfaßt. Vor acht Tagen, da wurde es mir einmal zu eng in der Küche und in der Haushaltung; kurz, ich wollte was anderes haben als das ewige Wäscheaufschreiben, das tägliche Denken, was nun wohl zu Mittag oder zu Abend gekocht werden soll, und ähnliche tiefsinnige Betrachtungen, die aber nun doch einmal sein müssen, so lang als die Welt steht. Nun, da sagte ich meinen Jungen beim Zubettgehen: »Kinder, morgen wird's fein! Vater geht fort, und da werden wir wohl nicht so dumm sein, zu Hause zu bleiben! Gewandert wird, den ganzen lieben Tag.« Und als die Jungen laut aufschrien vor Freude und fragten, wohin, da wußte ich es, offen gestanden, selbst noch nicht. Und am andern Morgen wußte ich es auch noch nicht, und wir liefen einmal drauflos, weil's uns selber wunderte, wohin wir eigentlich kämen. Natürlich in die Berge, die uns am nächsten sind und auf deren grünenden Kuppen mit dem unendlichen Himmel darüber aller Haushaltungskram von mir abfällt wie von selber. Und die Jungen? Ja, wissen Sie, die brachten doch überhaupt erst Stimmung in die Geschichte. Überhaupt, meine Liebe, das Wandern, wenn man's nicht gerade auf dreißig Kilometer im Tag abgesehen hat, ist am wunderbarsten mit Kindern. Nicht unter fünf Jahren, das will ich zugeben. Aber schließlich, wenn ich so denke, wie war das etwas Herrliches, wenn wir zu Hause, als ich noch klein war, mit Vater und Mutter und noch einer anderen Familie zusammen, die ebenso leichtsinnig veranlagt war wie wir, kurz, einer ganzen Bande, mit einem Dutzend Jungen und Mädels und zwei -- erschrecken Sie nicht -- Kinderwagen hinauszogen in den grünen Wald, stundenweit, und an einem Waldbach lagerten, futterten, spielten, lachten und schliefen. Nie hab' ich gesehen, daß die Eltern und die Älteren den Humor verloren hätten. Im Gegenteil. Vater war noch toller als wir alle zusammen, zeigte uns die Vogelnester oder schlug Tannenzapfenschlachten mit uns, einer gegen zwölfe.

Aber schließlich will ich Ihnen doch von uns erzählen. Sie sagten mir dieser Tage einmal, wir müßten die Kinder schauen lernen. Unsinn! Nehmen Sie es nicht übel. Die sehen meist mehr als wir, und ich habe von jeher gefunden, daß es eine Aufdringlichkeit ist, wenn wir uns in die Seelen unserer Kinder hineinschleichen, um sie mit _unseren_ Augen sehen zu lassen. Wir sollten's mit den _ihrigen_ lernen, denn sie sehen sicher klarer, einfacher und reiner.«

Sehen Sie, so würden Sie unbefangen und frisch heraus Ihrer gelehrten Freundin, bei der es kein Kindermädchen drei Monate lang aushält, antworten, wenn Sie sich nicht hätten _imponieren lassen_ und an ihren eigenen gesunden Menschenverstand fest geglaubt hätten.

Mit guten Grüßen Ihre

R. M.