Der Wanderer

Part 2

Chapter 23,364 wordsPublic domain

Was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden von Menschen, die Augen hatten, zu sehen, in alten Scharteken gesagt wurde, das muß endlich einmal für uns Kulturmenschen _eroberte und festgehaltene Wirklichkeit_ werden. Sonst sind wir auch auf diesem Gebiet nicht Erfüller, sondern Vergeuder dessen, was die Vorzeit uns vorgearbeitet hat. Denn wir sollen nicht mehr als blinde Bettler, sondern als sehende Herren einer reichen Schöpfung dankbar über die Erde schreiten.

Von der Heimat.

Es ist eine eigene Sache mit der Heimat. So viele, die alles im Vaterlande über die Maßen gut eingerichtet fanden, solange ihr großes Bedürfnis nach Ellenbogenraum nicht beeinträchtigt wurde durch lieblose Mitmenschen von ähnlicher Gemütsveranlagung, wandten in späteren Jahren der Heimat den Rücken, klagten über »die hohen Steuern« und ähnliche »Mißstände« und kamen schließlich in dem Gedanken an ihre zunehmende Arterienverkalkung nicht mehr aus ausländischen Kurorten heraus. Sie lebten im Winter in Ägypten und im Sommer in der Nähe des Nordpols, und ihre Sonne ging ihnen manchmal unter hinter trübem Gewölke irgendwo in der Fremde.

Andere sind in der Jugend voll von gerechter Empörung gegen die Heimat, suchen die Wahrheit und die Liebe und womöglich auch ihr Auskommen jenseits der deutschen Grenzpfähle, aber eines schönen Tages empfinden sie das unwiderstehliche Bedürfnis, sich vom Schneider ihres Vaterstädtchens -- ja gerade von _dem_ -- einen neuen Anzug anmessen zu lassen, oder wieder einmal Knackwürste mit Kartoffelsalat zu essen, so wie früher bei der Mutter. Wenn sie dann nach tage- oder wochenlanger Reise zu Hause angekommen sind, finden sie die scharfsinnigsten Gründe zu immer neuen Verschiebungen der Abreise. Die Nachbarn nicken wissend mit dem Kopfe und blinzeln einander zu: »Aha, das Heimweh!« Der Heimgefundene nimmt aber am zunehmenden Goldglanz, der sich über die Wiesen und Wälder und Dörfer seiner Jugendstreifereien legt, wahr, daß er erst am Entdecken der Heimat ist. Und dann kommt eine selige Zeit. Dann wird alles Alte -- die kleinen tosenden Bergbäche, aus deren Granitblöcken man als Sekundaner und als neuer Prometheus uneinnehmbare Burgen bauen wollte; die alten, langweiligen Flußdämme, auf denen man im Sturm und Regen hinraste, weil man sich für den unglücklichsten Menschen in der Welt hielt; die wenigen der von den »Anforderungen der Neuzeit« verschont gebliebenen alten Winkel und Gassen der Vaterstadt, die einem damals so trostlos langweilig und uninteressant vorkamen -- all dies Alte wird neu und schöner. Eine ebenso unverstandene wie grenzenlose Dankbarkeit zieht einem durch das Herz, nur dafür, daß man gerade hier, in _dieser_ Heimat, in diesem Winkel, im Wirbel des brausenden Lebens ins Dasein geschoben wurde.

Dieses Stück vom Hängen am Engen ist eine der starken Wurzeln, ohne die der _Mensch_ nicht werden kann. Die _Bodenständigkeit_ ist aber kein Hindernis dafür, daß die Krone des Baums sich ausbreite, weit über den Wurzelgrund hinaus. Das Weltbürgertum ist für lange noch nur eine Sache der Seele, und auch die _echte_ Demokratie ist vorerst nur im Reich des Geistes möglich. In dieser Welt der Erscheinungen hat alles Internationale seine Grenzen schon in der einfachen Tatsache der Stammes- und Rassenverschiedenheit der Menschen. Deshalb sind wir außer Alemannen, Schwaben, Märkern, Friesen usw. _zunächst Deutsche_. Und die Entdeckung _Deutschlands_ ist -- obwohl sogar die beiden Pole keine »weißen Stellen« auf der Weltkarte mehr sind -- für die weitaus meisten Wanderer noch eine Tat der Zukunft. Wir kennen es nicht, unser Vaterland. So viele Dichter auch schon gesungen haben von der Schönheit der deutschen Lande, man hat im besten Falle gefühlvoll mitgesungen, alle die Lieder: »Von Frankreich bis zum Böhmerwald« und »Von dem Nordmeer bis zur Etsch«, aber _gesehen_, sehen _wollen_ haben es wenige, auch die nicht, die es vermocht hätten. »Dann lieber schon was Richtiges!« hieß es. Die Schweiz, Italien oder neuerdings auch Indien und Japan.

Vor wenigen Tagen erst habe ich gelesen, was einer unserer feinsten Wanderer und besten Erzähler, Hermann Hesse, über seine indische Fahrt berichtet hat. Es war so viel Kühlheit, so viel vom Sichfremdfühlen in der Schilderung all der östlich-südlichen Pracht; sein _Herz_ ging erst auf, als er auf dem höchsten Berg Ceylons in herber, großer Felsenlandschaft, umzogen von gewaltigen Wolkengebilden, die wer weiß was alles an Sturm und Donner, an Blitz und Licht gebären wollten, wieder an die Größe unserer nordischen Heimat erinnert wurde, »darin wir uns das verlorene Paradies selber bauen müssen, weil wir dort im alten Eden fremd geworden sind«. -- Gott sei Dank, hätte ich fast gesagt zu dieser ergebenen Entschlossenheit des wehmütigen, wenn auch klaren Heimatsuchers und Dichters.

Vom Rhythmus der Jahreszeiten.

Wir fangen wieder an, etwas vom ewigen und beglückenden Wechsel der Dinge zu verstehen, obwohl uns die farbenschreiende Eintönigkeit des Stadtlebens die Sinne zur Wahrnehmung des Gewöhnlichsten in der Erscheinungswelt langsam geraubt hat. Wir ahnen es wieder, daß Leben nichts als Bewegung und Bewegung nichts als Wechsel ist. In der modernen Tanzkunst wird der Rhythmus, der nichts ist als bewußt geleiteter und organisch geordneter Wechsel, als Erlöser von Gedankenflucht und ähnlichen allgemein verbreiteten Nervenübeln, d. h. unrhythmisch ablaufenden unbeherrschten Körperfunktionen, mit Erfolg verwendet. Die Statistik entdeckt auf allen Lebensgebieten den Rhythmus als wichtiges Gesetz.

Aber vom großen Rhythmus der Jahreszeiten, der besonders in unserer gemäßigten Zone die unterschiedlichsten Bewegungskurven aufweist, kennt die Menschheit, als Ganzes genommen, vorerst nur das grob Sinnfällige, die gegenseitige Erhöhung aller Schönheitsunterschiede. In den vier Jahreszeiten wird zwar auch schon vom harmlosen Gemüte genossen, aber die leisen Übergänge und die zahllosen verstohlenen Kostümwechsel, an denen sich die Natur in jeder Jahreszeit ergötzt, die sind auch Wanderern von langjähriger Vereinsvergangenheit immer noch mit mehr als sieben Siegeln verschlossen. Da gibt's nur eine Hilfe: »Schauen lernen!«

In meiner Heimat fängt's schon an im Vorfrühling, wenn der müde Winter mit dem jungen Lenz seinen Strauß ausficht, und man, wie einmal Goethe seiner Frau v. Stein schrieb, »im streichenden Februarwind den kommenden Frühling riechen kann«. Da blühen bei uns neben schmutzigen Schneezungen ganz schüchtern die ersten blaßgelben Primeln, und in den vom Schneewasser der Berge dunkeln Bächen lassen sich die goldenen Sumpfdotterblumen rütteln, daß man nicht weiß, ob's ihnen dabei eigentlich angst oder wohl ist. Am Rande dunkler Wälder, die in ahnungsvollem Schweigen darauf warten, was denn da wieder kommen will, schluchzen sehnsüchtige Drosseln, die sich nichts mehr weismachen lassen von dem immer schwächer werdenden Tyrannen, obwohl er noch jeden Morgen mit Schneeschauern, seinen letzten Rückzugskanonaden, dem leisen Knospen in allen Tälern bange machen will. Vorsichtig nimmt der große Himmelsmaler von seiner Palette vorerst einmal nur die ganz lichten, dünnen Farben: blasses Smaragdgrün für die sprießenden Wiesen, schüchternes Indischrot für die treibenden Buchenwälder und ein milchiges Blau für das Firmament. Damit lasiert er mehr, als daß er forsch darauflospinselt, denn: man kann nicht wissen!

Aber in irgendeiner lauen, von Feuchtigkeit schwangeren Nacht und gerade dann, wenn natürlich kein Mensch es ahnt, wird heimlich alles neu; zuerst, wie es das Jungfräuliche an sich hat, voll beglückter Verschämtheit, dann aber mit der rasenden Inbrunst und mit der vollen Gewalt der Natur, wenn sie auf nichts mehr aus ist als auf das »Glück des heißen Diebstahls«. Mit satten Farben dringt die Schöpfung ans Licht, und der Himmel feiert wieder Hochzeit mit der alten Mutter Erde, die sich so gut auf die kosmetischen Künste, vielleicht sind es auch kosmische Künste, ewiger Verjüngung versteht.

Und während die Ebene sich schmückt, reicher denn eine Braut, haben die Berge alle Arbeit, mitzukommen. Aber wenn sie einmal in Feststimmung sind, dann geht es da droben in flottem Zeitmaß, und kaum ist die letzte Schneegrube versickert, da verwandelt schon die violette Pracht des mannshohen Wolfsmilchlattichs auch die greulichsten Schluchten in zauberhafte Hochzeitssäle für das leichtsinnige Volk der Mücken und Schmetterlinge. Die schwarzen Tannen regnen aus den Wipfeln Wolken von schwefelgelbem Blütenstaub über ihre eigenen Zweige. Kaum hat man sich's versehen, da bräunt sich schon nach einem kurzen heißen Sommer der spärliche Hafer auf den steinigen Feldern. Und noch einmal so lange, dann glühen die roten Beerenbüschel in dem Gezweig der Ebereschen, die überall im Schwarzwald längs der breiten, sauberen Straßen stehen wie Spaliere für heimliche Fürsten der Wanderkunst, unter denen manch einer oft nichts als eine erheblich flickbedürftige Kluft sein eigen nennt. Drunten in der Ebene vollzieht sich die Zeit des Werbens und der Erfüllung in viel majestätischeren Formen. Da wogen zuerst grün, dann blaßgelb und schließlich braungolden die Fruchtfelder, und überall erklingt das Lied vom Reichtum der Natur und der Armut der Menschen, die das Glück überall da suchen, wo es nicht ist, und es fast nicht mehr für menschenwürdig halten, wenn sie sich nicht in allerhand Sommerfrischen mindestens ebenso gelangweilt haben wie innerhalb ihrer eigenen Pfähle, anstatt in ihrer so nahen und für sie doch so unnahbaren Herrlichkeit. Denn sie haben fast alle Augen, die nicht sehen; Augen, vor allem, die nichts davon wissen, daß alles, was man über Bäume, Wolken, Wälder, Bäche sagen kann, nichts ist als dürftiges Wortgestammel. Sie wissen nichts davon, daß auch der ärmlichste Baum keine Viertelstunde lang am gleichen Tage der gleiche ist, und daß der Wind und die Sonne und die Luft und das in ihr verborgen schwebende Wasser und tausend andere Dinge diesen einfachen Baum fast jede Minute verändern und aus ihm ein wechselndes Schauspiel für jede empfängliche Iris machen.

Auch was wir vom Winter wissen, ist nur erst der Anfang und nicht viel mehr, als was der feine Feuilletonist der Bibel, Jesus Sirach, mindestens auch schon wußte: »Durch des Herrn Wort fällt ein großer Schnee, und er läßt es wunderlich durcheinander blitzen, daß sich der Himmel auftut und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Durch seinen Willen wehet der Südwind und der Nordwind, und wie die Vögel fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander, daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun. Er ist so weiß, daß er die Augen blendet, und das Herz muß sich wundern solches seltsamen Regens. Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz, und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den Stecken. Und wenn der kalte Nordwind geht, dann wird das Wasser zu Eis. Wo das Wasser ist, da wehet er überher und zeucht dem Wasser einen Harnisch an.«

So kannte Jesus Sirach in dem Libanonwinter, der um Damaskus herum sich sogar zum Skilaufen eignen soll, die Winterherrlichkeit, die wir jetzt erst entdeckt zu haben glauben, schon vor zweitausend Jahren.

So ist der Wellengang der Jahreszeiten, von dem ich nur ein dürftiges Bild aus der Heimat selbst geben kann, in allen Gauen Deutschlands ein anderer, je nach der Bodengestaltung, dem Wasser- oder Waldreichtum und der Beschaffenheit der Ackererde. Aber in der gleichen Gegend fällt es keinem Frühling ein, genau so Einzug zu halten wie sein Vorfahre des vergangenen Jahres. Und so wie jeder Sommer und Herbst läßt es sich auch kein Winter nehmen, durch angenehme und unangenehme Überraschungen die Menschen immer wieder das alte »πάντα ῥεῖ« (alles fließt) zu lehren. »Mehr Freude!« heißt heute die Parole. Einverstanden. Aber wenn nur jeder Mensch versuchte, anstatt immer in sein Sorgenherz täglich aus dem Fenster heraus die tausend kalendermäßigen und ordnungswidrigen Szenenwechsel seiner allernächsten Umgebung zu beobachten.

Aber jeder Mensch hat sein Steckenpferd, und so ist denn, wo auch das Wandern im Winter zu den trivialsten Alltäglichkeiten gehört, wird das Bekenntnis nicht mißverstanden werden, daß unter den Jahreszeiten meine heimliche Liebe der Winter ist.

Meine eigen heimliche Liebe ist doch die Zeit, wo in heimlichen Nächten die stille weiße Himmelsware des ersten Schnees auf die Welt herabsinkt, alle Ecken und Kanten in der Welt polstert und wattiert, den Wagen das Knarren und den Öfen das Faulenzen vertreibt, den Gäulen vor den Schlitten das Schellenzeug anhängt, und wo in der weißen Einsamkeit über heimliche Waldwiesen sich der erste Jauchzer eines beglückten Schneeschuhmenschen in die helle, kalte Winterluft schwingt. Das ist Tod und Leben zugleich, der weiße Tod um uns und das blutrote Leben in uns. Der schönste Gegentakt im Rhythmus zwischen Mensch und Natur.

Allerlei Heimatschutz.

Daß die Heimatschutzbewegung eine Kulturangelegenheit von tiefer Bedeutung geworden ist, wird kein ernsthafter Wanderer mehr bestreiten wollen. Der »Heimatschutz« macht so viel im guten von sich reden, daß es nicht von Schaden sein kann, wenn einmal der Empfindung so vieler Stillen im Lande Ausdruck verliehen wird, daß alles Wirken für Heimatschutz vor allem eine Sache persönlicher Begabung in dieser Richtung ist.

Zwei Typen von Heimatschützlern, deren Wirken nach Kräften zu unterbinden die Sache eines jeden Freundes seiner Heimat sein muß, treten in den letzten Jahren besonders stark in den Vordergrund.

Das sind die Herren mit irgendeinem Titel und dann die Herren Privatiers, die sich aus reiner Langweile der »edlen Sache« opfern. Daß es viele hohe Beamte und Professoren ebenso wie im Ruhestand befindliche Geschäftsleute gibt, die geschickt und energisch ihre selbstgewählte Aufgabe als Schützer der Heimat auffassen, das schafft die Tatsache noch nicht aus der Welt, daß gerade Männer dieser beiden Sphären, die einen durch Überschätzung des Vereinswesens beim Heimatschutz und die andern, weil sie nur auf Erwerbung neuer »Freunde der Sache« aus sind, mancherlei Unheil anrichten und wenn auch nicht gerade hemmend, so doch auch nicht fördernd wirken. Die flammende Hingabe eines Rentiers, welcher der Erhaltung irgendeiner alten zerschlagenen wertlosen Sandsteinstatue viel Schweiß und Zeit opfert, in allen Ehren. Aber beides hat mit dem Geist des echten Heimatschutzes ebensowenig zu tun wie der verbindliche Tadel, den ein für alles »Völkische« interessierter Professor in wohlgesetzten und wissenschaftlich einwandfreien Briefen für jede Scheuerntür übrig hat, deren Besitzer oder Verfertiger nach seiner Ansicht nicht genügend stilrein vorgegangen ist. Daß es sich hier um keine Übertreibungen handelt, kann man fast aus jeder Nummer der trefflichen Zeitschrift für Heimatschutz lesen, deren Schriftführer mit achtunggebietender Geduld und Zartheit immer wieder seine beweglichen Klagen in dieser Richtung ausspricht.

Was für den Heimatschutz nötig ist, das sind vor allem Männer, die mit ihrem ganzen Wesen in demjenigen Teil der deutschen Heimat wurzeln, dessen landschaftliche Eigenart sie erhalten wollen. Es sind Männer, welche die Sprache des Volkes verstehen und seine Art lieben und zu achten wissen. Wenn ein solcher die _tiefe Bedeutung_ und die _Notwendigkeit_ der _Naturschutzbewegung_ erkennt und den »Naturschutz« nicht als Konservatorium für einzelne Raritäten, seien es Bäume, Denkmäler oder alte Häuser, anschaut, _sondern im Sinne der Erhaltung des gesamten Landschaftsbildes als einer der Grundlagen unsrer Volkskraft und Volksgesundheit betrachtet_, dann wird er in einem Jahr mehr leisten als ein aus irgendeinem fernen Teil Deutschlands in fremde Verhältnisse versetzter Gelehrter mit all seinen unbestrittenen Kenntnissen und seinem anerkennenswerten sachlichen Eifer für die Sache in einem Jahrzehnt.

Eine praktische Möglichkeit, ganz unauffällig für Heimatschutz zu wirken, wird von unseren »Fahrenden« viel zu wenig benutzt. Wenn sie mit einem nicht offensichtlich zur Schau getragenen, aber mit wenigen Worten harmlos ausgesprochenen Beifall oder Tadel beim Vorüberwandern an einem kleinen alten Bauernhaus, dessen Fenster mit einem Flor blühender Geranien herausgeputzt sind, ihrer Empfindung Ausdruck geben, aber auch am Hof eines sogenannten Herrenbauern, der die Anfangsbuchstaben seines Namens mit Ziegeln meterhoch auf seinem Dach anbringen läßt, ihrem Mißfallen freien Lauf lassen, dann nutzt dies, wenn es häufig in einem Sommer geschieht, besser als Reden für Heimatschutz. Die Bauern sind in dieser Richtung viel feinfühliger, als junge Leute in der Stadt es sich träumen lassen, und alles auffällige Gebaren, besonders aber wohlwollend herablassende Vorträge haben die entgegengesetzte Wirkung. Die Bauern besitzen eine starke Empfindung für alles Gemachte. Ein Heimatschutz im positivsten Sinn des Wortes ist aber der stille Respekt, den die Wanderer vor dem einzelnen Menschen und vor dem ganzen Leben des Bauern auf ihren Fahrten an den Tag legen; der Respekt, der eigentlich nichts andres ist als das stetig wache Bewußtsein, hier zwischen den Äckern und Wäldern einer nicht standes- und vielleicht auch nicht stammesverwandten Bevölkerung _Gastrecht zu genießen_. Rechtlich liegt natürlich die Situation so, daß kein Wanderer den Bauern seiner Gegend, die er durchstreift, irgendwie zu Dank verpflichtet ist, selbst nicht, wenn es sich um Straßen handelt, die aus Gemeinmitteln gebaut sind. Aber die wirkliche Bedeutung des Bauernstandes als der Wurzel der Volkskraft (wohlverstanden nur als Wurzel, die ohne die Krone einer hochentwickelten Kultur in sich selbst nicht überschätzt werden darf!) liegt jenseits aller Sentimentalität, wie denn überhaupt alle _Bauernschwärmerei_ das sichere Zeichen von geistiger Mittelmäßigkeit und von Dilettantismus des nur nach »Kraft« sehnsüchtigen Dekadenten ist. Das schließt aber die sachliche Ehrung der Landbevölkerung und den ökonomischen Sinn für die Bedeutung des oft mit viel Schweiß und Gefahr eroberten Kulturbodens nicht aus. Man denke nur an den erbitterten Krieg, den die Bewohner der Vierlande mit der Schilf- und Rohrwildnis der Unterelbe zu führen hatten, bis jener Boden ihnen das tägliche Brot gab.

Jeder Wandersmann kann auf dem Lande bei den Bauern, die weder die »braven Menschen« noch die »hinterlistigen Brüder« sind, als die sie Oberflächlichkeit und Gescheittuerei gewöhnlich bezeichnen, unsagbar viel lernen, sowohl für den praktischen Sinn als auch für sein innerstes Leben. Denn die Helden des Alltags, die oft einem überschweren Schicksal eine harte Stirn bieten und mit hellen Augen in die unsichere Weite sehen, die sind am ehesten bei den »dummen Bauern« zu finden.

Wer also nicht nur für schöne alte Bäume und malerische Felsstücke sich ins Zeug wirft, sondern für die Härte und Tragik eines rechten Bauernlebens auch Sinn und Achtung hat, erst der ist ein eifriger Schützer der Heimat. Es gibt seit uralten Zeiten einen Sport, und der heißt »das Volk lieben«. Man ist »leutselig«, geht unter die »niederen Klassen«, und wie das alles heißt. Besonders aber den Bauern treten Städter als vorübergehende Sommerfrischlinge mit taktloser Zuneigung nahe oder sie biedern sich, oft auch mit dialektischen Sprachversuchen, in Bauernstuben an, ohne zu ahnen, wieviel _Weltgift_ sie hinaustragen aufs Land und wie sie bei allem guten Willen _Heimatverderber_ sind.

Mögen sie's lassen! Unsre Liebe zur Heimat sei _Liebe_! Aber das persönliche Verhältnis zur Heimat der andern Menschen, besonders der Bauern, sei achtungsvoller Abstand und unaufdringliche Freundlichkeit.

Schauen, nicht schwärmen!

Das Natur_schwärmen_ ist vom Übel. Es ist unmännlich, krankhaft und verschließt uns die Natur, anstatt sie uns zu erschließen. Das Schwärmen ist die letzte Betätigungsmöglichkeit entarteter Menschen. Sie machen aus dem Leiden eine Wollust und nennen sich gefühlvoll, ob es nun wehmütig verzückt auf Werthersche Art oder schmerzlich-frech nach Heine geschieht. Sie sehen die Natur mit _sentimentalen_ Augen und erwählen sie zu ihrer Freundin, weil sie es unter den Menschen und im Kampfgewühl nicht mehr aushalten. Aber über das gewaltige, unbeugsame Leben in der Natur sehen sie hinweg. Sie ahnen nichts von dem heroischen Kampf zartester Keimkräfte gegen die brutalen Gewalten von Kälte und Sturm. Sie sehen nichts von dem ständigen Sieg des nie erschlaffenden Werdenwollens und vernehmen nichts von den ewigen Wehen der unerschöpflich fruchtbaren Gebärerin. Das aber ist _heroische_ Naturbetrachtung. Aus dieser Art des Schauens der Natur kann am ersten der Menschen Zusammenhang mit der großen Macht des Weltalls durchgespürt werden. Sie allein, die _heroische Naturbetrachtung_, ist des jungen Riesen Antäus würdig, der immer wieder lernen kann aus der unbeugsamen Zähigkeit alles Niedergetretenen. Und jeder junge Mann, jeder noch nicht in unveränderlicher Satzung verkalkte Mensch ist ein Antäus, der darauf zu achten hat, daß er auf der Erde bleibe -- der festen.

Aber auch an einem anderen Kraftquell sollte er öfters trinken, der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts.

»Die Welt ist innerlich ruhig und still, und so muß auch _der_ Mensch sein, der sie betrachten will« -- hat einmal einer der tiefsten Erlauscher der Stille der Natur und einer der kraftvollsten Dichter und Kämpfer gesagt, Gottfried Keller. Die Welt der Großstadt, des Tramwaygeklingels, der Schaufenster und der Plakatsäulen hat uns die Zugänge zu der Stille der Welt verschlossen, in der die unterirdischen Quellen alles Seins rauschen. Wir müssen wieder danach auf die Suche gehen. Wir alle, die wir im Zeitalter der Erkenntnis und der kritischen Naturforschung glauben, das Leben zu haben.

Erkenntnis als Resultat spekulativer Dialektik ist etwas Großes. Aber diese Erkenntnis allein tut es nicht. Das Wissen ist eine Macht; aber wenn es meint, alles zu wissen, so wird ein Wähnen daraus, eine blasierte Aufgeblasenheit, von der es zum geistigen Stillstand nicht weit ist.

Es gibt noch andere Organe, um die Natur zu erfassen, als den kritischen Verstand: das unmittelbare Schauen, die tief ursprüngliche Empfindung, das _intuitive Erlebnis_. Diese bewahren uns vor der geistigen Verknöcherung, die sich auf dem Wahn gründet, alles kritisch erlernen zu können.

Wir dürfen das _Staunen nicht verlernen_. Die Großstadt hat es fast so weit gebracht, daß die Menschen glauben, sie könnten alle Rätsel der Natur in kinematographischen Theatern und wissenschaftlichen Vorträgen gegen bescheidenes Eintrittsgeld gelöst bekommen. Wer aber nur einmal auf Bergeshöhen dem schweigenden Atmen der Natur gelauscht, wer je die fragenden Augen geschaut, die uns aus aller großen Einsamkeit ansehen, der legt vor dieser Stille bescheiden seinen Dünkel nieder.