Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Ein im Original unleserlicher Name wurde durch *** ersetzt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Der Wanderer
Von
A. Fendrich
Mit 8 Tafeln und zahlreichen Textabbildungen nach Originalaufnahmen
Sechste Auflage
Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
~Copyright 1920 by Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart~
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
Meinem guten Kameraden in Treue
Weihnachten 1912 Der Verfasser
Inhaltsverzeichnis
Seite
Allgemeines und Historisches.
Das Wandern, ja das Wandern 5
Aus alten Scharteken 12
Von der Heimat 16
Zur Psychologie des Wanderns.
Vom Rhythmus der Jahreszeiten 19
Allerlei Heimatschutz 24
Schauen, nicht schwärmen 28
Wenn wir uns selbst im Lichte stehen 30
Vom Horchen in der Stille 33
Vom Überhopsen 37
Wie man wandern soll.
Mit Kindern 41
Vom Kränzewinden 43
Einsam, zweisam, dreisam oder in Scharen? 45
Der Wanderschuh als Erzieher 47
Was man braucht.
Des Wanderers Kleid 51
Der Rucksack 53
Von den Schuhen und den Füßen 55
Vom Essen und vom Trinken 58
Vom Knipsen 63
Menschlich-Allzumenschliches.
Aphorismen 70
Menschen 73
Hinaus! 76
An die jungen Männer 80
An die jungen Mädchen 81
Vom neuen Wandern.
Von Wiesen und Bäumen 83
Vom Wald 86
Von der Heide, der Marsch und der Geest 89
Wie man Städte ansehen soll 94
Die deutschen Lande 99
An die Alten und die Jungen 106
Die Natur. (Ein Schlußwort) 109
»Das Wandern, ja das Wandern --«
Schlicht, fast dürftig kommen sie dahergezogen, die fünf Wörtlein im alten Liede »vom Wandern«, ja »vom Wandern« -- und bergen unter ihrem unscheinbaren Gewande ganze Welten. Stürmisch und laut jubelnd, dann wieder mit gedankenschwerer Bedächtigkeit oder vor sich hinschlendernd mit leichten Sinnen, dann aber auch einmal ausschreitend in festem Schritt stämmiger Männlichkeit und schließlich leise auf den Zehenspitzen gehend und geheimnisvoll nickend und mahnend, so kommen sie immer anders wieder im Kehrreim des Liedes, die tiefen, schlichten, kleinen Worte.
Was ist's, das aus ihnen singt wie helle, hohe Knabenstimmen an einem keuschen, kühlen Taumorgen? Was ist's, das aus der Zeile schwingt wie dumpfes Geläut von versunkenen Glocken? Was klingt aus ihnen wie klarer, harter Männergesang von rauhem Felsenweg herab? Und was ringt sich aus ihnen los und nickt und winkt wie verborgene Weisheit?
Es ist das Leben, das brausende und sausende, das liebe und trübe; das Leben, in dem nicht weit von den Wiegen die Särge stehen; das Leben, das Glück und Leid nebeneinander auf die gleiche Bank gesetzt hat; das Leben, wo der Männerklarheit sentimentale Schwäche ins Handwerk pfuscht und wo die Weisheit nicht so weit von der Narrheit wohnt, daß sich die beiden nicht die Hände reichen könnten.
Mensch sein, das heißt nicht nur Kämpfer, sondern auch Wanderer sein. In allen Dingen. Wer nicht gelernt hat, _alles_ als Wanderer anzusehen, mit hellen, unbestechlichen Augen, aber auch mit dem warmen Glanz der Güte; wer nicht weiß, stets vor sich hinzusehen auf den Pfad und dessen Hindernisse, anstatt die Nase in der Luft zu tragen; wer nicht ohne Wehmut und ohne Haß alles hinter sich lassen kann, Schönes und Häßliches, an dem er einmal vorbeigeschritten ist, der kennt nicht das Geheimnis des Wanderns.
Leicht und hell sollen wir wandern: über Berg und Tal, im Ringen um die Anhöhe einer befreienden Weltanschauung, im Kampf um Brot und Heim, wie auch im dunkeln, dumpfen Gedränge der feindlichen Gewalten in unserer Brust; immer sollen wir Wanderer sein, vom Frühling bis in den Winter unseres Lebens. Immer müssen wir bereit stehen mit gegürteten Lenden und dem Stab in der Hand, weiter zu gehen, vorwärts zu dringen und aufwärts.
So ist das Leben oder soll es sein. Leben sollen wir und streben, nicht kleben.
Das müßte aber ein schlechter Wanderer sein, der immer nur Sonnenschein und linde Lüfte erwartete für seine Fahrten und es nicht erfahren hätte, daß Regen und Sturm und Nebel und Kälte nichts sind als gütige Gaben, die wir mit ebenso dankbaren Händen nehmen sollten wie die Himmelsbläue und die Balsamdüfte der guten Tage. Denn wir werden der ganzen Herrlichkeit des strahlenden Himmelslichts nur inne, weil es nicht _immer_ scheint. Alles Immerwährende wird Zustand. Und »Zustand« -- hat Goethe einmal gesagt -- »ist ein grauenhaftes Wort«. Leider ist in der Zeit des Goethedienstes das Wort fast unbekannt. Jeder Zustand, auch der schönste, wird auf die Dauer gähnende Langeweile. Wer einmal eine lange Prozession wolkenloser Sonnentage im weiten Süden über sich ergehen lassen mußte, der weiß erst recht den wirren Wechsel unseres Klimas zu schätzen. Nur ständiger _Wechsel_ ist beglückendes Leben, und das Wandern beglückt und entzückt uns nur aus dem gleichen Grunde.
Das Wandern von allem zu allem im Weltall, das allein erhält das Leben und läßt es nicht versinken. Das Eisenmolekül wandert durch die Adern unserer Schläfen; der elektrische Funke wandert in seinem rasenden Tempo durch die Meere von Erdteil zu Erdteil; die Berge wandern, langsam abbröckelnd, in Jahrmillionen durch die Flüsse in die Ebene und ins Meer; und unsere Mutter Erde wandert seit Jahrmilliarden dankbar und treu um ihre Lebenspenderin -- die Sonne.
Das monotone Motto der ständigen Bewegung, wie es der griechische Weise in den zwei Worten: »Alles fließt« geprägt hat, müßte farbiger und richtiger heißen: »Alles wiegt, alles wogt, alles wandert.«
»Das Wandern, ja das Wandern!«
Da kommen sie schon wieder, die fünf klugen, kleinen Worte, wohlgemut und froh. Und es ist auf einmal, als ob ein Tor aufgeschlagen würde, durch das wir aus dumpfer Enge weit hinaussehen in die sonnige Welt; es ist, als ob wir einen einsam über Hügelhöhen schreitend erblickten, einen Wandergesellen, der, aller Abenteuer gewärtig, frohgemut den Stecken schwingt und in die reinen Lüfte singt, was seine Brust erfüllt. Das Wehen und das Rauschen des Walddoms, das übermütige Geglucker der kleinen Wiesenquellen, das Bimmeln und Läuten ziehender Herden -- alles das lebt in den fünf kleinen Worten. Sie singen vom Frohlocken eines heimlichen Königskindes, das sich verlaufen hatte und in Gefangenschaft geraten war und nun jubelt über die wiedergewonnene Freiheit -- des heimlichen Königskindes, das sich nun wieder tragen lassen darf von den Wogen eines größeren Lebens, auf denen es neue Fahrten wagt nach neuen Ufern.
Denn zu den Wogen gehört das Wagen. Etwas einsetzen können, das ist der wirklichen Menschen Lust. Das Leben ist umsonst, der Tod ist umsonst, und da ist es doch verständlich, daß wir uns nicht lumpen lassen wollen und auch mit etwas herausrücken. Und was haben wir zu geben. Nichts als das Leben.
Das macht die Wanderfahrten kühner Menschen so wunderbar, daß sie aus der stumpfen Behaglichkeit ausziehen auf gefahrvolle Entdeckungsreisen, deren Ertrag erst durch den ständigen Einsatz ihres Lebens seinen ganzen, großen Wert erhält.
Die Klage über die Leerheit und Öde des Daseins in so vielen Berufen, besonders in Beamtenkreisen, rührt nicht zum mindesten daher, daß das Leben dieser Unzufriedenen geregelt ist wie ein langweilig pendelndes Uhrwerk. Wenn sie einmal aufgezogen sind, dann wissen sie genau, wie der Tag verläuft, wie ihre Karriere sein wird, wann sie befördert und wann sie pensioniert werden, um »in Ruhe« ihre letzten Tage genießen zu können. Das Unerwartete, das Unerhörte, kurz das Abenteuer spielt in ihrem wohlregistrierten Leben keine Rolle mehr. Ihre Existenz ist ein unveränderliches Programm mit festliegenden Nummern. Ihr Dasein ist so sicher eingeschachtelt, daß es nicht wundernehmen kann, wenn die Sehnsucht nach nervenpeitschenden Sensationen und nach einem schrillen Gegenklang zu ihrem inhaltlosen Normaldasein gerade in diesen Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Das Leben unendlich vieler tüchtiger Menschen ist so »ordentlich«, so grauenhaft ordentlich geworden, daß Unordentlichkeiten bis zu starken Exzessen in aller Heimlichkeit als Ausgleich dienen müssen.
Was wäre für diese Armen das Wandern, ja das Wandern?
Die Lust nach Unvorhergesehenem und der Drang nach zeitweiliger Verrückung des normalen Ablaufs der Dinge nimmt in unserer Zeit deshalb so beängstigend ab, weil wir nichts mehr wissen von dem leichten Sinn und dem sonnigen Humor derer, denen das Wandern eine Kunst war und die auch durch des Lebens Gefilde lieber tanzend schritten als keuchend. Da muß ich an meinen alten Onkel Schang denken, der sein Leben lang ein Wagnergesell war und bis über die Siebzig hinaus wandernd Europa durchzog, von Schweden bis nach Italien und von Paris bis in die Türkei. Er rührte, was nicht unwichtig ist, bis zum fünfzigsten Jahr keine geistigen Getränke an und arbeitete überall nur so lange, bis er wieder einige Monate lang ein freies Leben führen konnte. Alle paar Jahre kam er einmal ins Heimatdorf, aber lange hielt er es nicht aus. Seine alten Kameraden fragten ihn zu viel, und er war sein Lebtag nie fürs viele Reden. Als sie ihn aber einmal gar zu zäh ausforschten, warum er wieder in der Welt umherfahren wolle, er, ein so geschickter Krummholz, der zu Hause doch ein schönes Geld verdienen könnte, da hob er den Zeigefinger in die Höhe und hielt einen seiner ganz seltenen kleinen Vorträge: »Schaut,« sagte er, »es gibt halt zweierlei Menschen auf der Erde: wir, die wandern, und ihr, die andern! Ihr seid einfach ein wenig zu kurz gekommen. Euch fehlt halt etwas, wißt ihr was?« Natürlich brachten's die Zuhörer nicht heraus, was er meinte, und der Onkel Schang fuhr fort: »Euch fehlt das große ~W~! Alles Große fängt mit einem ~W~ an. Das große ~W~ ist das erste, was wir schon von der Geburt an kennen lernen: Das Weh!« Die Bauern lachten, er aber fuhr ganz ernst weiter: »Die Welt fängt mit einem großen ~W~ an und der Wald und das Wandern und die Weibervölker und die Wunder, von denen ihr nichts versteht; und die Weisheit, die ihr noch lange nicht mit Löffeln gefressen habt, wenn ihr's auch meint; und die Wahrheit, die ich euch jetzt um die Ohren schlage!« Er machte eine Pause und sagte zuletzt ganz leise: »Und der Wein!« Denn er hatte bei dieser Rede die Fünfzig schon überschritten.
So wird's mit dem Onkel Schang schon gewesen sein wie mit dem Taglöhner, von dem die Ebner-Eschenbach erzählt. Er war ein lustiger Geselle, spielte gern die Laute und wurde im Dorf für einen Taugenichts gehalten. Er starb zu gleicher Zeit wie ein anderer Sohn des Dorfes, der in die Welt gegangen und ein berühmter Schriftsteller und Dichter geworden war. Beide wurden zu gleicher Stunde begraben. Kein Mensch gab dem »Dorflumpen« die letzte Ehre. Da trat eine große, schöne Frau in wallendem Gewand an sein Grab, legte einen Lorbeerzweig auf den Tannensarg und sagte mit einer Stimme, wie sie nur den Göttinnen eigen ist: »Das war ein Dichter!« Dann ging sie hinüber an das Grab des berühmten Mannes, das von einer großen Menschenmenge umstanden war, schritt auf den reichgeschmückten Sarg zu, blickte die Menschenmenge ruhig an und sprach: »Das war ein Taglöhner!«
Ja, die Dichter, die haben's mit dem Wandern. Wenn sie durch Wald und Felder ziehen, dann offenbart sich ihnen das Leben. Aber ein anderes. Es wird schon so sein, daß es mehr als eines gibt; nicht im Jenseits, von dem wir nichts wissen, sondern im Diesseits.
Ich weiß einen Arzt, der nie eine Rose in seinem Garten schneidet, ohne das Messer vorher so gut geschliffen zu haben, als ob er es bei der Operation eines seiner Patienten brauchte. Und ich weiß einen großen deutschen Maler, der von der wehmutvollen Gebärde einer alten Silberpappel am Bodensee so ergriffen wurde, daß ihm ein paar Tränen über die Wangen rollten. Und ich weiß einen Dichter, den einmal nach einem fröhlichen Gelage in einer kühlen Weinlaube am Schwäbischen Meer einige zu Gast geladene Bekannte fragten, was er eigentlich über Gott und die Natur denke. »Blödsinnige Frage!« Das war zunächst seine Antwort. Als sie aber nicht abließen, gab er nach und sagte: »Na ja, wenn ich eben einmal draußen herumlaufe und nicht an blühenden Büschen und Hecken vorbeikomme, ohne ihnen mit der Hand über die Schöpfe zu fahren und ihnen ein gutes Wort zu sagen, dann, na ja, dann spür' ich eben etwas.« Die anderen sahen ihn, was nicht allein von den zu vielen Schoppen kam, starr und verständnislos an; der Dichter aber ärgerte sich darüber, daß er doch nachgegeben und Perlen verschleudert hatte, und fügte seiner Antwort noch vier kraftvolle Worte hinzu, an denen wir jedoch lieber in raschem Schritt und Tritt vorüberwandern wollen.
Und zu guter Letzt, da die fünf kleinen, wissenden Wörtchen hören, daß von Dichtern die Rede ist, kommen sie noch einmal auf leisen Zehen herbeigeschlichen und sagen still und feierlich:
»Das Wandern, ja das Wandern!«
Und wieder geht ein Tor auf, und ich sehe, wie ein anderer Dichter, der erst vor kurzem heimgegangen ist und von dessen Existenz die Welt jetzt erst durch seine posthumen Werke erfahren hat, zusammen mit mir in einer warmen Sommernacht ausruht auf einer weiten Bergwiese. Wir sahen in das Zucken und Lodern der Welten am Himmelszelt und schwiegen miteinander. Da kam ihn auf einmal die übermütige Laune derer an, die mit lebendiger Seele sterben, und er sagte: »Eigentlich sind wir doch hier nirgends als in einer Weltallsherberge -- Allerweltsherberge«, korrigierte er sich lachend. »Diejenigen, welche zu tief in der Kreide stehen oder sich der Hausordnung nicht fügen wollen, werden nach mehrmaliger Verwarnung hinausgeworfen vom Hausknecht -- dem Herrn Mors. Ich meine immer, sie lassen mich nicht mehr lange sitzen.« So sprach er mit tragischem Humor! Er wußte, wie es um ihn stand. Dann spürte ich seine Hand an der meinigen und hörte seine immer noch metallen klingende Stimme einen Reim sagen wie eine Strophe, die aus einem neuen Wanderlied in die warme Sternennacht hinausklang:
»Komm, wir wollen wandern, Von einem Stern zum andern ...«
Bald darauf ging er, ein kosmischer Wanderer. Wir aber, die anderen, die noch nicht so weit sind, wollen zuerst einmal das Wandern auf _unserem_ Stern und auf gutgesohlten, irdischen Stiefeln erlernen.
Aus alten Scharteken.
Der Sinn zum Wandern kann nicht erworben werden, auch nicht durch die Mitgliedschaft zu einem der vielen Wandervereine, wie sie jetzt unter dem warmen Regen der »Naturbewegung« aus dem Boden schießen. Es ist mit dem Wandern wie mit dem Glauben. Es muß etwas Angeborenes sein, ein Geschenk -- wenn man will, eine Gnade. Daß die moderne Naturschwärmerei ein Erzeugnis unserer Großstadtkultur ist und daß dabei oft nur das Abenteuer, wie zum Beispiel eine im Heuschober zugebrachte Nacht, den Hauptreiz bildet, das wissen _alle Nüchternen_. Im Grunde ist das _modische_ Wandern eigentlich nur die Reflexbewegung der in öden Straßen, steinernen Mietkasernen und im Gewirr eines mit Licht- und Schallreklame arbeitenden Großhandels ermüdeten Menschen. Wer wollte das leugnen? Der Mensch der Großstadt streckt eben wie ein Kind die sehnsüchtigen Hände hinaus nach den Blumen und Bächen und Vögeln und Schmetterlingen eines verlorenen Paradieses.
Aber erklärt das alles?
Haben denn vor anderthalb Jahrhunderten die tobenden Universalgenies und die schmachtenden Werthers der »Sturm- und Drangperiode« nicht auch versucht, ihren Weltschmerz und ihre stürmischen Leidenschaften zu vergessen und zu ertränken im wonnigen Meer der blühenden Feldeinsamkeiten und im beredten Schweigen des Waldgeflüsters? Und all das, obwohl die lächerliche Ländlichkeit des Verkehrs in den Kleinstädten jener Zeit nicht so nervenzerrüttend war, daß der Durst nach dem »Busen der Natur« daraus hätte entstehen können. Das war die Zeit, wo man nach Einbruch der Nacht sich ohne Laterne im Schmutz auch der hochansehnlichsten Straßen von Residenzstädten nicht zurechtfinden konnte, und wo die damaligen Stadtpläne mit ihrem heimeligen Durcheinander von lauschig duftenden Gärten und kühl verschwiegenen Häusern geradezu ein Ideal für die heute so bescheiden gewordene Gartenbewegung darstellten.
Das Wandern steckt dem Menschen eben von Anbeginn an in den Gliedern. Als Adam seine erste, überraschend schnell nötig gewordene Reise antrat -- wer weiß, ob ihm trotz des Abschiedsschmerzes schließlich nicht das Herz aufgegangen ist ob all des Neuen, was er zu sehen bekam?! Um so mehr, als er seine Freude teilen und sie dergestalt doppelt genießen konnte. Wenn man es innewerden will, daß das Wandern eine alte Sucht, vielleicht auch eine alte Tugend eines Teils der Menschen ist, so braucht man nur die ersten Bücher aufzuschlagen, darinnen von der Menschheit Glück und Schmerz die Rede ist, den Pentateuch, die alten Propheten und -- ja nicht zu vergessen -- das Hohelied des Königs Salomo und die Weisheit des Jesus Sirach. Wenn es da irgendwo einmal ans Wandern geht, sei es bei dem Auszug aus Ägypten, was immerhin schon eine ganz ansehnliche Leistung gewesen sein muß, oder wenn der junge Tobias mit seinem kleinen Schnauzer und dem inkognito ihm als Führer dienenden Erzengel auf die Brautschau geht, jedesmal weiß der Chronist mit den einfachen Mitteln jener wuchtigen, schlichten Sprache eine Reisestimmung zwischen die Zeilen hinzuzaubern, wie sie eben nur der geborene Wanderer kennt und wie sie mit ihrem vorausleuchtenden Schein alles noch viel schöner vorauserleben läßt, als es in der Wirklichkeit wird. Und -- wohlgemerkt, die alten Mannen des Volkes Israel, die ja später das Wandern wie kein anderes Volk sozusagen als Schicksal lernen mußten, verstanden sich auf das genußfreudige, anspruchslose Wandern, ohne großes Getöse zu machen, und hatten dabei die Augen immer weit offen. Ich habe für diejenigen, die es nicht für Wert halten oder nicht die Zeit haben, die Originale selber nachzulesen, an anderer Stelle (im Kapitel vom Rhythmus der Jahreszeiten) Proben von Naturschilderungen im Alten Testament gegeben. Denn -- darüber sollten wir uns klar sein -- Wandern ohne eine innige Aufnahme der Natureindrücke durch ein »unbescholtenes, freies Auge«, wie es Gottfried Keller so wundervoll einfach nennt, das ist kein Wandern.
In unserer germanischen Literatur sind die Beweise eines hochentwickelten Wandersinns zahlreich genug für jene Lust am Wandern, die nur eine andere Art von Frömmigkeit ist. Diese Frömmigkeit hat sich bei unseren Altvordern besonders in der Vergeistigung und in der plastischen Gestaltung der Naturgewalten und Naturschönheiten in Zwergen und Kobolden, Halbgöttern und Riesen, Waldfeen und Göttern gezeigt und ist nichts anderes als die Empfindung der eigenen Kleinheit und das Streben über sich hinaus. Der »Wanderer« -- wie oft tritt Wodan unter diesem Namen auf! -- was will er anderes, als das All liebend in sich aufnehmen und in das dunkle Haus des eigenen, trotz seiner Göttlichkeit der Zeit und dem Raum unterworfenen Wesens die Lichtfluten und Farbenwellen der ganzen Schöpfung einströmen lassen?!
Wir besitzen in irischen Heldengedichten, die erst vor kurzer Zeit entdeckt wurden, Naturschilderungen von einer überraschenden Innigkeit. Dagegen sind alle historischen Urkunden, die über Wanderungen ganzer Völker oder auch einzelner Persönlichkeiten, besonders von Dichternaturen aus der Zeit von der Völkerwanderung bis zum 12. Jahrhundert, vorliegen, fast ohne jede Andeutung dafür, daß das Anschauen der Natur als Genuß empfunden wurde. Das Naturgefühl, d. h. der bewußte sehnsüchtige Drang, über das eigene Dasein hinaus nun am Leben der _ganzen_ Schöpfung teilzunehmen, flammt erst mit Franz von Assisi und dann allerdings mit einer Gewalt auf, wie sie nur zu erklären ist aus der jahrhundertelangen Unterdrückung eines menschlich seelischen Bedürfnisses.
Die Technik des Wanderns und ihre Beschreibung in alten Scharteken, deren die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, lassen in ihrer spießbürgerlichen Umständlichkeit und in der altjüngferlichen Schreckhaftigkeit vermuten, daß die vorangehende Zeit der Renaissance mit ihrer ausgeprägten Wirklichkeitsphilosophie für Natur nicht viel übrig hatte. Daß dieser Sinn bei den Menschen der Renaissance stark zurückgegangen ist, darauf läßt u. a. auch die dürftige Behandlung der Landschaft in den großen Erzeugnissen der bildenden Kunst jener Zeit schließen, die eigentlich nur »den Menschen« kannte. Der Dreißigjährige Krieg und die darauffolgende Zeit des deutschen Barocks haben ihr übriges getan zur Vernichtung des erwachten Naturempfindens. Was wir dann später aus den Denkwürdigkeiten berühmter Leute aus dem 18. Jahrhundert kennen -- ich denke gerade an die Ängste der Markgräfin von Bayreuth, der Schwester des alten Fritz, als sie »durch die fürchterlich beengenden Schluchten« des uns heute so sanft erscheinenden Thüringer Ländchens fuhr -- und was wir aus ähnlichen zeitgenössischen Schilderungen wissen, das ist für uns Menschen des Wanderns und Reisens, der Hochtouristik und der großen geographischen Entdeckungen einfach von erfrischendem Humor.
Nicht weniger bekömmlich, besonders beim Eingeregnetsein in Gasthäusern oder Hütten oder als mittelbar wirkende Anregung vor Touren, ist das Lesen von alten Schmökern, wie z. B. »Die Kunst des Reysens im Schweyzergebirge« (1794) oder die Beschreibung der Fahrt, welche die Abgeordneten zum ersten badischen Landtag im Jahre 1806 vom Bodensee nach Karlsruhe zu unternehmen hatten, bei welcher Gelegenheit »außer vier höchlichst ermattenden Reysetagen in der Extrapost so an die sechzig Reichsgulden benebst Trinkgeldern« draufgingen.
Alles das und vieles andre soll dem Leser nur zum Bewußtsein bringen, daß wir am Anfang einer ganz neuen Periode der Naturbetrachtung stehen und daß für uns bei aller Hochachtung vor dem hohen Stand vieler Naturbeschreibungen von Dichtern vergangener Zeiten das meiste doch zu den alten »Scharteken« gehört. Wir befinden uns eben auf der Schwelle einer Zeit, in deren Tempeln nicht nur einzelnen Bevorzugten, sondern einem großen Teil des Volkes die Tore geöffnet werden zu zergliedernd-populärwissenschaftlichem Erkennen der Natur als einheitlicher Schöpfung (was hat in dieser Richtung nicht allein schon die Kosmosgesellschaft getan!) wie auch zu seelischer Aufnahme der Naturschönheiten als Mittel der Daseinsbereicherung. Jedes soziale Streben, das dem industriellen Proletariat mit der Verkürzung der Arbeitszeit auch den Ersatz für grobsinnliches Genießen gibt, wirkt von selbst in dieser Richtung. Uns muß die analytisch erkannte Natur wieder _erlebte Offenbarung_ werden, so wie es Byron in einem für unsere rasche Zeit nun auch schon zur »Scharteke« gewordenen Buche aussprach:
»Sind Berge, Wellen, Himmel nicht ein Teil Von mir und meiner Seele, ich von ihnen?«