Der Waldbrand

Part 5

Chapter 53,732 wordsPublic domain

Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen! Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie. Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana, versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das d'Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. --

Der gute d'Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte mich.

Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter dem Arme hielt. »Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!« sprach d'Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie herführte. »Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen, denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!« »Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht, auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden _Sachem_, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! -- Und was mir gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm, immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt -- daß heißt bei Euch: alt, -- die Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht -- --«

Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen Hosen.

Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes, erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt, hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins) beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr Wuchs, _der_ einer indianischen Schönheit -- einer Sqaw -- ließ mich an Eoo denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum Zeichen meiner Erhörung.

Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte; und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn sang und schrie -- und wir Menschen fuhren dahin.

Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für Kinder. Ich gedachte der Heimath! -- Aber am Morgen war das verlassene Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen herübergeholt. Die Freude war groß!

Aber was sollt' ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte -- die d'Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.

»Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,« sprach er, mich weich begrüßend. »Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch _Weiber_ geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne begraben werden. Denn _nur um Lebensunterhalt_ ward hier Krieg geführt. Aus der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden -- Nomaden. _Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen_, bis der gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des Besitzes. _Der_ Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch' ich für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will ich daran arbeiten, _nur mich zu beherrschen_ und mir als wahrer Monarch zu befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an; nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab' ich hier erworben -- sie will ich als _meinen_ Reichthum hinübernehmen und ausstreuen -- mit milden Händen! Und könnt' ich, ach könnten wir alle da drüben, _bei_ Geschicklichkeiten und Wissen, _diesen_ Charakter behaupten, was fehlte uns dann -- verklärte Wilde zu sein? nicht _allein_ durch die Stärke des Leibes zu leben, nicht _allein_ durch die Kräfte des Geistes, sondern _durch beide vereint!_ -- Das war mein Lehrbrief! schloß er, den die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als Denkzeichen an die Schnüren -- mein Fathom of Wampum reihen! --«

Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. »Ich bin ohne ein wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!«

Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen, schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.

»Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt: Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur zur _Gewohnheit:_ die_ äußeren_ Erscheinungen stören uns nicht, unser _inneres_ Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen, oder gar aufschrecken -- wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben, vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher, als an Millionen _vorüberziehen_, deren Herz und Schicksal uns verschlossen ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen, die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser Welt -- den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen, dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern lernen, ist mehr werth als -- Auswandern! als fremde Meere und Länder, fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth -- als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist. Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat _seine Zeit_ dort gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder _Wohlleben_ nur Leben nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod auf das Auswandern setzen -- die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!«

-- Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.

-- »Euch wundert meine Weisheit?« sprach er und sah mich selbst Gerührten und schwer Betroffenen an. »Wundert Euch nicht -- das war der Extract aus 35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen _Fackeldistel_; des meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken, welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben, wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das _Herunterklettern_ geschieht dann _umsonst_; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der Zunge!« --

Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns freundlich begrüßten.

So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht weiter; Okki war unwohl; d'Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal nicht vergeblich geworden.

Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem Lande _verwandelt_ -- die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.

* * * * *

Von Glangory in Obercanada, so wußt' ich aus der Sage, hatte der Wald bis an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien -- ach, und die Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum hinsehen, und mein Aug' schweifte verlegen und irr' in ihrer Umgebung, feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im Strome umher -- bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome _die blauen Berge_ brennen, Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht' ich am Wasserfall bis zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden Sonne -- dann rosig -- dann purpurn -- dann violet; und als sie sich bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.

Ich war durchnäßt, ohn' es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung -- sie hatten mich auch für umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.

Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische erscheinen -- _sie!_ -- Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! --

Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend: »Dein Weib kommt doch nach?« --

Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große Umwege, lange Aufenthalte gemacht -- und sie war nicht hier.

Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war. Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer in mir litt -- lange Tage und Nächte -- das war ich nicht mehr. Und doch! denn -- --

»Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst beschwerliche Reise nach Saint-Réal's Wohnung. Sie war nicht mehr. Die Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit versengten Pelzen. -- Mein Haus -- es stand! Die Papageien flogen umher. Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. -- Da sah mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf -- ich seufzte, ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. -- Ich ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller -- _da saß Eoo!_ und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg -- ich ergriff ihre Hand -- sie war kalt. Eoo war todt! -- und doch schlug sie -- wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie drückte mir lange die Hand -- dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust und war todt.« --

Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein fröhliches, aber gedämpftes Rufen: »Der Vater erwacht! er schlägt die Augen auf!« --

Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein dämmerte das Wissen: _Alaska_, meine Tochter sei hier! _Sie_ sei gerettet. So lag ich wieder still.

Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer _öffentlichen_ Schule gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt »Freeman's Journal« aus Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der alten Welt »mittheilt,« war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen -- worüber er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind -- von der Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. -- --

Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen -- denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des _Mannes_ jenes Weibes gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte -- ihre fünf _Sünden_ genannt -- und _diese_ fünf Sünden habe das _Weib_ den fünf Wölfen geopfert, nicht die _Mutter_ ihre fünf _Kinder_.

Ich fühlte -- ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf's Bett gelegt, und manchmal leckte er mir die Hand. -- Unsere Ariadne war da! Gott, und mein Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu _Eoo:_ Nicht wahr, Mutter, ich bin _dein_ Kind!

Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.

Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand -- und d'Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander geschlungen, mit gesenktem Kopfe.

Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun wußt' ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein -- und Okki sprach: »Komm' in den Garten!« Aber d'Issaly sprang auf und wehrte dem Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh' er erstickt. Eoo war zur rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte ich mir Alaska's Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen -- Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D'Issaly hörte von dem Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten, die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.

Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen Garten übersehen ließ -- man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt, und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.

Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? -- hatte sie erblassend gefragt. Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen -- und eh' sie gehört, war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie ihre Alaska bei sich gewußt -- und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie -- ach, sie noch einmal zu sehen in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!

Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. -- -- Sie hat den heiligen Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder werde genesen. --

-- -- »Die Gesänge« habt Ihr selber gehört, setzte d'Issaly hinzu, und wißt sie zu deuten!

* * * * *

-- Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch zu den Kalmien ging.

Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn an. Und jetzt bemerkt' ich erst -- sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel -- ich kniete hin, ich umfaßte die kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete die Welt -- Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah, mußt' ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter! nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt -- sondern wirklich: -- _ihre_ fromme Seele, _ihre_ Liebe steht schauernd da und schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend wie ein Engel. _Die Liebe lebt!_ Sie ist nicht allein ein Geist! sondern sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine Locken ihr streut, ist nicht die Tochter -- _nicht sie allein_ -- sondern heilig verschmolzen: _auch die Mutter!_ ein goldenes Werk mit Asbest geschmolzen, mit Silber versetzt -- aber das Silber ist Alaska -- das Gold ist Eoo -- das Feuer aus Asbest aber ist _die Liebe!_ --