Der Waldbrand

Part 2

Chapter 23,706 wordsPublic domain

Und so mußt' ich im Hause mit ansehen, wie sich die eigene Tochter mit ihrer Mutter wie mit einer Fremden unterhielt und sie umherführte wie irgend ein anderes Weib; oder den kleinen Bruder auf dem Schooß wiegte, ohne ihn mehr als -- _ein Kind_ zu lieben! Ich mußte sehen, wie sie groß geworden war ohne uns. Denn Eoo stöberte aus einem Schranke noch aufgehobene zerspielte Puppen auf! Sie war allein. Ich beschlich sie und sah, wie sie unbändige Thränen über die kleinen stillen Engelsgesichter weinte, und schlich so leise wieder fort. -- Ich merkte, wie sie gern noch Alles heimlich an dem erwachsenen Mädchen nachthat, was sie andere Mütter hatte sehen an ihren Kindern, alle schönen Verwandlungen durch, bis in Alaska's Jahre, thun. Ja, als ihre Tochter einst neben Okki im Grase kniete und die Haare ihr aufgegangen, kniete sie zu ihr hin, flocht es ihr wieder, wand es um das gesenkte Köpfchen und küßte sie dann in den Nacken! Es ging in dem mütterlichen und kindlichen Boden, warm anquellend, rasch hervorgelockt von verborgener und ungekannter Liebe -- wie von einer in Wolken verschleierten Sonne -- und schnell emportreibend, eine _neue_ Freundschaft auf, knospete, blühte bald und betäubte mich durch ihren geheimnißvollen Glanz und Duft! Und so gab mir wider Willen mein Weib zu bedenken: daß Liebe _bewahren_ nicht Liebe _üben_ sei! Daß Mütter die Kinder nicht aus Nöthigung, sondern aus eigenem reinen Bedürfniß lieben und warten und pflegen. Daß ihre Mühe und Sorge ihr Glück ist, ihr Leben! Daß, wenn eine reiche Mutter ihr Kind von einer Fremden in abgelegener Kinderstube erziehen läßt, sie sich selbst um das heiligste Mutterglück beraubt, und nur um -- leer, hohl und frei zu sein, um Freuden einzutauschen, welche die ärmste, aber _wirkliche_ Mutter nicht entbehrt und entbehren nicht kann noch mag! Und wer _die_ Freuden verschmäht, die ihm als Naturwesen heilig und selig gegeben sind, was kann der in der ganzen reichen Welt noch Anderes erlangen, als -- was ihn nicht selig macht, ja oft unselig, gewiß aber immer das Geringere, Schlechte! Ich mußte empfinden: Wer sein Kind einem Andern dahin läßt, als Gott, oder dem eigenen Leben desselben, der ist sein eigener Kinderräuber, ein Liebemörder. Denn wenn auch Er aus Verblendung ungeliebt so hin zu leben vermag, darf er dem Kinde die Liebe, das Lieben rauben? Ach, und was es lernen, gewinnen und werden mag in fremdem Hause -- die Liebe erzieht allein am zartesten, sichersten, frömmsten. Sie kräftigt und stärkt für die Leiden des Lebens, sie erweckt und beseelt für alle Freuden; sie trägt und erhält schwebend in eigener Fülle und Sonnenklarheit über allen Zuständen und Wechseln des Menschen auf Erden; sie ist die reichste, die genügendste Mitgift für sie! Und Wer vermag solche Liebe ins Herz des Kindes zu senken als Vater und Mutter! Lehren können Andre, aber das Herz belehren durch Liebe, erfüllen mit Liebe, die ein wahrer ätherischer Stoff ist, himmlischer als Wärme und Sonnenstrahl, das kann kein Erzieher, weil Er ja so nicht lieben kann! Er bildet Talente aus, den Verstand, das Wissen -- nicht so das Herz und die Seele! Liebe nur gießt Liebe ins Herz. Und nur Eltern sind so reich daran, sie stündlich, unermüdlich darein überzuströmen, darin aufzufachen, schon im kürzesten Morgen- und Abendgebet! Ja ein Dieb als Vater, eine Ehebrecherin als Mutter haben noch tausendfache Vorzüge _für Kinder_ an sich. Sie werden noch dringender lehren und warnen! Denn sie sind Eltern! und was sie selber nun dulden: Schuld und Unglück, das sollen einst ihre Kinder nicht dulden, nein, rein und glücklich sein und bleiben. Und ahnen die Kinder der Eltern Leben, so weinen sie nur -- und lieben doch! und was ist nöthiger im Herzen zu haben als Liebe? Durch sie wird wahrer Gehorsam ins Herz gepflanzt, selbst Duldung des Härtesten, sogar ohne Vorbild und lebendes Beispiel. Und was erhält die Millionen Menschen doch alle so ruhig? Was läßt die ärmsten Holzschläger im Walde den Reichen nicht tödten, der mit goldenen Steigbügeln zu ihnen reitet und die Gerte über sie schwingt? Was erhält den Essenkehrer ehrlich, und die Magd, die saure Arbeit verrichtet am Silberschrank? den Tagelöhner, der mit seinen paar Groschen in der Hand forteilt aus dem Pallast, seelenvergnügt, sie seinem Weibe und seinen Kindern zu bringen -- was macht ihn zufrieden, als die _Liebe_ zu den Seinen, die er als Kind gelernt, die _Ehrlichkeit_ gegen sie, die er nun aller Welt angedeihen läßt und alle Welt mit denselben Augen ansieht, die auf Weib und Kindern geweilt, _wie die Augen seiner Eltern auf ihm!_ -- Was macht ihn zufrieden als das Kennen und Tragen eines inneren Gutes, die Milde und ihre Gewöhnung, ihre jahrelange selige Last! Sie beugt den Menschen vor Gott, dem Geber der Liebe, und erhebt ihn über die Menschen, die sie ihm alle nicht rauben können.

-- Und unsere Tochter hatte ein Fremder erzogen! --

Erst am Abschiedsmorgen gab sich Eoo der Tochter, _schon ferne von ihr_, zu erkennen. »Das war Deine Mutter! mein Kind!« rief sie zurück und hielt die Fingerspitze aufs Herz.

Die Tochter wankte mit bebenden Knieen ihr nach; der Mutter nach! Aber die Füße versagten ihr allen Dienst; sie war blaß wie ein Engel, und mit ausgestreckten Armen sank sie nach vorwärts, mit Brust und mit Angesicht in die Blumen.

Eoo's Augen leuchteten. Ihr Gesicht war finster und ernst. -- »Fort!« sprach sie nun hastig, »nun fort!« und drängte, zu fliehen.

Aber Okki streckte die Hände nach Alaska. Zu schwach, ihn zu halten, ließ ihn die Mutter zur Erde; er lief zu der Schwester.

Die Mutter stand. Alaska richtete sich auf und saß knieend auf ihren Fersen und seufzte: »Du bist meine Mutter wohl nicht?« -- Okki wand seine Händchen um ihren Hals, die Mutter flog hinzu -- der Vater zu Mutter und Kind, drückte die Geschwister an einander, die Kinder an die Mutter, die Mutter, von den Kindern umfaßt, an die Brust -- und wir blieben noch bis in den Mai!

* * * * *

Der Frühling war schön. Die Pfirsiche blühten rosig um unser Haus, die Apfelbäume prachtvoll, wie mit Rubinen geschmückt, im Baumgarten. Unsere Bienen trugen bis in die Nacht. Sie hatten nicht weit zu den blühenden Fichten, die wie eine grüne pallasthohe Wand den eingezäunten Acker umragten. Wir wohnten in einem endlosen Naturpark, den Ein unermeßliches hohes zusammenhängendes Walddach bedeckte. Und wenn ich am Saume des Waldmantels stand und einen Zweig faßte, so tauchte der letzte Zweig des letzten Baumes am Waldrand drüben ins stille Meer! So verschränkte sich Zweig in Zweig, und ein Eichhörnchen hatte nicht den kleinsten Sprung zu thun und konnte auf dem grünen Waldmeer hinlaufen wie eine Spinne über ein dichtgewebtes Kleefeld. Und welches Wunder war schon nur Ein Baum! Gerad aufgeschossen aus der fruchtbaren Erde wie eine grüne Flamme! thurmhoch, zweigevoll, vom Wipfel bis an den Boden; und die Zweige blüthenvoll an allen Spitzen wie von göttlichem Feuer angeglommen. Ein luftiger duftiger Pallast für ein Vögelpaar, ja geräumig genug für eine ganze Familie. Was für den Menschen eine Reise auf den Chimborasso ist, das war für eine Ameise ein Ersteigen des wie an die Wolken rührenden Gipfels. Ich beneidete manchmal das kleine Thier, das herabkam! denn so Etwas giebt es für _Menschen_ nicht! So wohnt kein König, wie der Papagei in diesen tausend Schattenhallen! Und daß ich größer in Gedanken war, um das zu überschauen und klein zu finden -- das machte mich klein, und man sage mir nicht, daß der Mensch alle Genüsse der Erde erschöpfen kann, daß die Natur nicht andere eigene Geschlechter gebildet, denen sie nicht eigene unnachträumbare Freude vorbehalten, ihnen andere Brunnen der Wonne geweiht, unverstanden und unverständlich ihrem Menschen, geheimnißvoll selig neben und um ihn, im Meer, Fluß, im Wald, in der Rose! im Wassertropfen! Ja, wenn ich das ahnte, sah ich die Gestalten des Wolkenzugs mit Erstaunen an, ich hörte mit stiller Bewunderung die Flamme im Holz auf dem Herde sausen und hielt die schimmernde Taubenfeder, die sich wie furchtsam noch vor der Adlerfeder krümmte, mit Lächeln gegen die Sonne; oder das geflügelte Samenkorn des Zuckerahorns, und den befruchtenden Blüthenstaub, ja die elastische Nadel der Sprusselfichte auf meinem Handteller -- und nun erschien mir der _unermeßliche Wald_ erst ein göttlicher Zauberpallast voll geheimen seligen Lebens, ein Wunderwerk der Fee Natur voll eigener Kraft und Herrlichkeit! Und dieß ahnen, dieß träumen -- war _meine -- die menschliche_ Wonne.

Und dieß Feenreich wollte doch jetzt die Natur zerstören -- vielleicht ihrem Menschen zu Nutz und Frommen! Was sollt' ich denken? Denn nur durch Gedanken war diese Feuersündfluth zu beherrschen, zu deuten, wenn auch der Geist nicht erliegen, erblinden sollte, wie Leib und wie Auge!

Zu Noah kamen _Engel_, die ihm den Untergang alles Lebendigen, um sich zu retten, verkündeten. _Wer_ kam zu uns in die Wüste des Waldes? Doch nein, die Boten des Herrn kamen auch zu uns. Ein Komet! ein Zweiter! ein Dritter! -- Wir Menschen verstanden sie nicht! Es ward Sommer; es war Trockene, Dürre, erstickende Hitze. Meine Pfirsiche, meine Apfelbäume hatten umsonst geblüht! Umsonst der ganze, königreichgroße Wald. Aber zum _letzten Male_, wie war er schön! _Wer_ wird das hier wiedersehen? -- vielleicht selber die Sonne nicht! die ihr Auge nicht zuthun muß wie der Mensch, vielleicht wie das Menschengeschlecht! das Auge, das sie _vor_ ihm aufgethan! Wir konnten das Unheil uns _denken!_ denn die von Gott uns gegebene _Vernunft_ ist gewiß und wenigstens, dem mächtigsten immer uns gegenwärtigen, mit uns lebenden, schauenden, uns leitenden Engel ähnlich. Und so hat Jeder Einen, den Seinen! Das Getreide war vor der Zeit -- ohne Körner gereift; die Brunnen versiegten, die Bäche vertrockneten ganz, die Flüsse rannen nur sparsam, das Wasser des Weihers war breit vom Rande zur Mitte gewichen. Die Natur lechzte und schmachtete. Selbst der die Nächte, wie Regen, sonst fallende Thau, der bis auf die Haut näßt, daß die Blätter der Bäume wie nach dem stärksten Gewitterregen perlen und tröpfeln, daß es im Walde des Morgens rauscht -- er erquickte die Bäume nicht mehr. Die Stämme waren heiß, selbst des Morgens noch warm, die Zweige matt, die Nadeln bleich und welk, das Laub verfärbt wie im Herbst, fahl und kraftlos, es fiel ohne Herbststurm, ohne Lufthauch! Die Tannen, Fichten und Pechkiefern schwitzten Harz wie vor Angst; der Honig floß aus den hohen natürlichen Bäuten zur Freude der Ameisen. Das hohe Gras raschelte dürr, wenn ein Hauch es bewegte, wie Stroh. Ein Blitz konnte den Wald entzünden! ein Sturm die Wälder entflammen. Sollten wir ruhig sitzen in dem beschränkten Wahne: »_Uns_ wird ja kein Unglück treffen! _Wir_, wir vor Allen, sind ja Gottes Kinder« wie manche fromme Frau sagt -- (auch meine!) wenn ein Gewitter am Himmel wüthet, und -- _den Nachbar todtschlägt_, der auch so gesagt, und auch Gottes Kind war. -- Sollten wir unser Leben dem Wahne vertrauen: kein Hauch werde vom Himmel wehen? Denn nur von dem Hauche und der Kohle eines Indianers hing unser Leben, das Leben von Millionen Waldbewohnern, das Dasein der Wälder ab, die zu Schatten, zu Staube wurden durch ihn. Aber der Mensch, jeden Augenblick von des Himmels Huld abhängend, vertraut ihm auch, wo er ihn warnte, so leicht, so sicher in seiner gewohnten Ruh bis zum äußersten Augenblick!

Er kam.

Eh' wir noch Etwas _sahen_, verbreitete sich in der Nacht ein eigener Wohlgeruch; nach einigen Tagen zu herb, zu bitter, zuletzt brandig. Die Augen fühlten sich gedrückt, ja einige weinten, ohne zu wissen worüber, und lachten! Unabsehbare Züge der Tauben flogen, den Himmel verfinsternd und auf der Erde einen flirrenden, wie dahin rauschenden Schatten werfend, über uns weg. Und sie kamen doch sonst erst im Herbste auf unsere reifenden Felder zurück! »Wo ist denn ihr Taubenschlag?« fragte Okki, der sie zum ersten Mal sah. Wilde, schwere Truthühner folgten ihnen tiefer; sie waren so müde, daß sie in unsre Gehöfte fielen, und die Menschen sie fangen konnten; sie duckten die rothen Köpfe an den langen schwarzen Hälsen auf die Erde und zogen vor der sie fassenden Hand nur das weiße Augenlied über das Auge. Jetzt war in Westen ein Rauch wie Hegerauch zu sehen, der in der Morgensonne erschreckend glühte. Lange, lange weiße Streifen flossen davon wie Ströme in die Thäler. Dünner, dann dichter, und dichterer Rauch überzog das Gewölbe des Himmels; die Sonne schien roth, dann düster und matter hindurch, bis sie ganz aus den Tagen verschwand.

Der Rauch, schwerer und schwerer, senkte sich tiefer und tiefer, bis er wie ein Nebel über uns fiel, Alles ausfüllte wie eine Flut und jedem nachwallte, der in ihm schritt. Alles Leben stockte; ein jeder ging müßig, und nichts mehr wurde gethan als noch gekocht.

Und _Ich_ war der Mann, dem die Sorge für dieses verlorene Dorf anvertraut war! Aber gerade die Erfahrensten beruhigten mich. Neue Ansiedler konnten sich, wie alle Jahre geschieht, Plätze zu Wohnungen, Gärten und Feldern leer brennen, und brenne die Flamme auch weiter als ihr Gebiet sei, wen kümmere das? Zuletzt stehe der Brand an baumleeren Savannen, an Seen, Flüssen, Felsengebirgen; oder Regen und Frost lösche ihn endlich aus. Einer trage des Anderen Last!

Als aber nicht allein Hasen und Rehe, selbst am Tage, vor uns in der Rauchdämmerung wie Schatten vorüber flohen, sondern Hirsche, wilde Ochsen und Büffel; als die Bären brummten, die Wölfe heulten, als selber die schlauen Füchse kamen: da mußte der Waldbrand uns nahe sein, denn Feuer war nicht zu sehen. Als aber ein Elenthier sich gezeigt, aus dem _nördlich_ gelegenen Wald; als Jemand einen Caguar, oder eine Tigerkatze, aus dem _südlichen_ wollte gesehen haben: da mußte der Waldbrand _groß_ sein! Als aber die Menschen aus dem _westlich_ gelegenen Kirchspiel kamen, mit andern noch ferner von ihnen Wohnenden -- als sie Menschen _begegneten_, die aus dem nächsten _östlichen_ Kirchspiel geflohen: da schien es, als habe der Waldbrand uns schon um_ringt_.

Wir hielten einen Rath. Die Nothglocke erscholl.

Wir versammelten uns auf dem freien Platz vor der Kirche. Die Fremden saßen und ruhten, manche selbst ohne ihre Bürden abzulegen, oder ihre Bündel aufzumachen. Unsre Weiber und Kinder vertheilten indeß still Speise und Trank an die Flüchtigen. Niemand dankte; so natürlich war Geben und Empfangen. Andere schlichen in die geöffnete Kirche, den Himmel anzuflehen, und knieten ermüdet, sanken hin und schliefen hart und fest.

In den _brennenden_ Wald können wir nicht! sprach Einer. Aber nur ein Adler, oder ein Mann im Luftball könnte uns führen, wo er _nicht_ brennt! O es giebt einen Ausweg, hundert -- gewiß -- aber wir wissen sie nicht und fehlen sie! --

Haben wir Lebensmittel genug, rieth ein Anderer, so suchen wir gerade den _abgebrannten_ Wald auf! Die Stämme stehen, wie Ihr wißt, nach dem Waldbrand noch; alle Millionen Schlangen, alle wilden Thiere, alles Ungeziefer der Erde ist dort vertilgt, und nur die Baumstürze sind dort zu fürchten, denn die Wurzeln der Bäume sind mit verkohlt. Aber wie wissen wir den _schwarzen Wald!_

»Auf die Savannen!« rief eine Stimme. -- »Führe uns!« erscholl's aus der Menge. »Wer an den Lorenzostrom gelangte! Das wär' ein gefüllter Wallgraben der Natur! Das Meer ist zu weit! Und selber die Städte sind vor solcher Feuergewalt nicht sicher. Man hat _nicht genug_ gesengt und gebrannt -- nun thut es der Himmel!«

Neue Klagen! alte Rathlosigkeit! Menschliches Wissen und Verstand war blind geworden, Klugheit verschwunden, wie es keine Wolken mehr gab. Und so folgte die ängstliche Menge nur Eingebungen, ja wahren Täuschungen -- ihrem Glauben. Ein Häuflein ließ sich von einem lichten Streifen am Himmel, vom Winde dort aufgedeckt -- nach Norden hin ziehen. »Dort ist es feuchter!« trösteten sie sich. Sie nahmen kaum Abschied. Niemand sah ihnen nach. -- Andre beschlossen, der Richtung der wilden Thiere nachzuziehen. -- »Aber die begegnen sich ja!« warfen Einige ein. »Das ist albernes Vieh!« riefen Andre. So zogen sie fort. Ja die Meisten folgten einem alten Manne -- bloß weil er _Noah_ hieß! als führe er seine Söhne und sie und alles Vieh in die bergende Arche! --

_Und doch lachte Niemand._ Das war wohl entsetzlich!

Nun hatt' ich bloß für mich nur zu sorgen, das heißt für die Meinen. Eoo saß zu Hause und weinte um ihre Tochter Alaska. Aber sie befolgte eilig, was ich rieth: Jagdkleider, wo möglich Alles von Leder, anzuziehen. Auch Hüte sollten uns gut thun. Wie sollten wir fortkommen, hätten wir viele Lebensmittel zu tragen? Fanden wir überall Wasser! -- So war beschlossen, die milchende Eselin nur mit dem Nöthigsten schnell zu beladen. Alle Dienstbarkeit hatte aufgehört; kein Mädchen, kein Diener war mehr im Hause zu finden. »Ich gehe fort!« meldete Eine, nur in die Thür tretend. »Geh' mit Gott,« sprachen wir. Eoo ließ die Kühe los, sie machte den Hühnern und Tauben den Vorrathsboden auf, den Papageien das Fenster. Ja sie ordnete Alles und stellt' es an seinen Ort, als sollten hohe himmlische Gäste das Haus betreten! Und als sie nun Alles besorgt, was ihr Pflicht schien, trug sie uns zur letzten Mahlzeit den großen gebratenen Truthahn auf, dessen rother Kopf noch glänzte. Der kurzen Sicherheit froh, aßen wir still und hätten gern das Mahl noch Jahre wo möglich verlängert! Mich hieß die Wehmuth: den schönen menschlichen Zustand, im eigenen Hause, umgeben von meinen Lieben, ganz mir bewußt, noch recht zu genießen und zu erschöpfen! Aber es mußte geschieden sein. Eoo sprach mit Thränen ein inbrünstiges Dankgebet nach Tische. Sie fiel mir um den Hals. »Gott geb' uns das wieder!« fleht' ich; »wieder so zu sitzen wie heut -- nach überstandener Angst!« Uns sahe ein Gott, er sahe selbst, wie der kleine Okki die Händchen erhob und weinte, weil er Thränen in unsern Augen sah -- aber, ich hatte gefehlt -- _mein_ Gebet erhörte er nicht.

Ach, es fehlt uns Jemand! seufzte Eoo. Nur das treibt mich fort. Wir fänden den Tod hier so gut wie da draußen! Wir nährten hier die verlassen zurückgebliebenen Alten! wir pflegten die Kranken -- o Gott, sie bleiben! Sie bleiben mit sich und mit Gott allein. Doch ich -- ich muß fort!

Und so geschahe nun eilig. Die Eselin war mit Tüchern für die Nacht, einem kleinen Bett unter Okki's Kopf, und mit Bouillon-Tafeln, wie ich sonst mit auf Reisen nahm, und mit wenig anderem Geräthe beladen. Eoo war wie ein Jäger gekleidet -- und schien gleichsam von sich selber Abschied zu nehmen; denn sie sah in den Spiegel, und sah über ihre Achsel mich; ihre Augen füllten sich -- ich sahe das wohl. Doch Fassung war nöthig. Wir sahen im Zimmer umher -- vergessen war nichts, als Alles. Okki freute sich zu reiten, und Eoo konnte dem kleinen eingeborenen amerikanischen Esel nicht wehren, der Mutter zu folgen, besonders da er schon abgewöhnt war, da beide, wo sie leben konnten, auch leicht ihr Futter fanden, und für Okki gesorgt war. _Laufen_ konnte uns doch nicht retten!

Als wir nun schieden, trat ich noch einmal dicht an ein Fenster, hielt die Hände neben das Gesicht wie Scheuleder vor, um nicht geblendet zu sein, und übersahe noch flüchtig das Zimmer, den Aufenthalt von Menschen, die lange darin so glücklich gewesen! In der Mitte stand der Tisch von gesprenkeltem Ahorn! am Kamin der verlassene -- Sorgenstuhl! Dort Eoo's kleines Mahagonitischchen, darauf lag der halbfertige kleine Strumpf! Am Kamin stand Okki's braungemaltes Wiegenpferd und machte ein schweigendes finstres Gesicht! und im Spiegel sah Jemand, mir gegenüber, herein -- der Ich war, und der wunderliche Geist sah mich selber an und äffte mich still. O Unerforschlichkeit des Stillebens! des Scheidens! -- Ich schied.

Aber nun selbst wohin in dem Labyrinth der Wälder? Nur nach Umständen konnt' ich mich richten; sonst hatt' ich den Compaß. Aber wie Jene dem Allvater _Noah_ gefolgt, so folgten wir jetzt -- Ariadne, dem Hunde, der glaubte: wir reisen wieder zu unsrer Alaska!

* * * * *

Wer nun die Scenen dieses großen Naturschauspiels beschreiben könnte, der muß es nicht gesehen haben! Denn wer es erlebt hat, der konnt' es nicht fassen, nicht überschauen, vor Größe, vor Schrecken, vor eigenem Jammer oder vor Mitleid; wie Jemand die Schlacht nicht, bei der er in Reih und Glied gekämpft.

So zogen wir hin! Und als der Weg ausging; als die Laschen und Mahle an den Stämmen sich auch verloren; als der Bach eine Wendung machte, war der Hund unser Wegweiser auf der Fährte des Wildes, und wir Menschen nahmen sie an. Es war ein tiefes Schweigen im Walde, und nur aus der Ferne hörten wir zu Zeiten einen verhallenden Schall von Fliehenden, die sich anriefen, um sich nicht zu verlieren im Nebel des Rauches.

So zogen wir bis an den Abend. Eoo breitete nun Tücher, hing Tücher über Zweige, und unsere Hütte war fertig. Wir aßen, wir schliefen, oder glaubten zu schlafen, wir wachten -- und glaubten zu träumen, so verworren war unser Bewußtsein. Furcht jagte vielleicht uns schon in der Nacht auf, denn durch den Nebel brach ein sanfter Feuerschein und Glanz, wie wenn man im Flusse unter dem Wasser die Augen aufthut, wenn brennendes Abendroth auf ihm liegt. Nur oben rauscht' es leis in den Wipfeln; drunten war schauernde Stille.

Am Mittag traten wir wider Vermuthen in einen Eichen- und Buchenwald, der _aus_gebrannt war. _Ab_gebrannt ließ sich nicht sagen; denn die Bäume standen noch, aber die Stämme schwarz, unabsehbar, ein Anblick wie ein Trauergefolge aus Millionen Trauernden. Aller Unterwuchs war verschwunden; Kräuter, Gerank und Gesträuch; der Wald war _eine_ schwarzgraue Wüste. Nur die Wurzeln oder die Rinde der Bäume glühte noch auf, wenn der Wind daherfuhr. Dann leuchtete und knisterte es tausendfältig. Auch das Laub der Kronen war verbrannt; manches geschwärzt, nur gebräunt, aber Alles versengt und dahin; und nur hin und her erschien eine jüngere Eiche noch mit einigem Grün, wie der Wind die Flammen getrieben und sie verschont, zu andrer Verderben. Graue Eichhörnchen, Füchse und Luchse hatten auf diese verschonten Bäume sich scheinbar gerettet, aber sie saßen still, als wir nahten -- sie waren todt, von der Hitze darunter erstickt. Sie hatten die Augen zu -- sie schliefen! Ja von dem äußersten Ast einer der Buchen hing, mit der Klapper angewickelt, verkehrt mit dem Kopfe nach unten, eine Klapperschlange herab; ihre schaukelnde Bewegung war nur vom Winde, und sie glänzte und troff von ihrem Fett. Weiterhin fanden wir ein auf dem weißen Gesicht liegendes Opossum, das sich _todt gestellt_, in der tödlichen Gefahr; aber die Glut war an dem, seinem rettenden Triebe getreuen, Thier nicht vorüber gezogen, ohn' es mit ihrem Hauche zu tödten! Eins seiner Jungen hatte Athem schöpfen wollen, aber glühenden Tod geschöpft. Der Anblick der treuen Mutter, des armen Opossum-Kindes ergriff Eoo. Sie stand; sie blickte zum Himmel, der nicht zu erblicken war. Hierzu kamen die Fragen des Kindes, dem wir von allem Auskunft geben sollten, oder das uns bat, nach Hause zu kehren, es habe genug gesehen und sei so müde! Dann nahm ihn die Mutter vom Thier und trug ihn, bis er einschlief, und trug den Schlafenden; und wenn ich ihn nehmen wollte, wehrte sie still mir mit ihrer Hand und lächelte mich an. Fühllos aber sprang der kleine Esel mit seinem großen Kopfe tölpisch hinter uns drein. Ich gönnt' ihm sein Glück.