Der Waldbrand

Part 1

Chapter 13,509 wordsPublic domain

Leopold Schefer

Der Waldbrand

Der Waldbrand.

_Quebec_, am 1. März 1826.

Sehr geliebter Bruder!

Bruder! -- so nenn' ich Dich noch -- nach fünfzehn Jahren Trennung -- und nenn' ich Dich _hier_, in tausend Meilen Entfernung. Ich dachte wohl sonst in meiner Einsamkeit, nun müß' ich Dich erst recht Bruder nennen, mit Dir wie mit einem Nahen, Lebendigen leben, ja als den Nächsten im Herzen Dich tragen, und Deine Gestalt durch feurige Liebe an jedem Morgen lebendig und rege, freundlich und wiederliebend mir aufglühen, mir frisch erhalten und aufschaffen, wie eine Hyazinthe, die ich als Zwiebel von deinem Fenster mit mir herüber nahm und durch mühsame Pflege zu einer immerwährenden Blume so fortgesetzt. -- Aber, o Bruder! Wirken ist Leben! Wir leben nur denen, auf welche wir wirken; und die auf uns wirken, die leben uns nur. Und so umschweben uns auf der Erde viel Millionen Lebendiger zwar, doch nur wie Todte! Es ist uns nur tröstlich, zu wissen: sie wohnen und wandeln mit uns und genießen wie wir das heilige Leben und sehen den Mond und die Sonne; und darum sind uns Mond und Sonne, die Tag und Nacht in ihre Gärten, ihre Wohnungen, ja in ihre Augen leuchten, wieder so unaussprechlich lieb, hold, freundlich und gewärtig! Gute Menschheit, geheimnißvoller Verband der Sterblichen, erquickende Nähe der Ferne! Aber wie wir Menschen sind, lebt uns doch der Entfernte nicht, sein Leben schließt sich uns mit der Stunde zu, sein Herz, sein Wandel, sein Sinnen und Streben bleibt uns verschlossen, seitdem wir ihm zum letzten Male ins Auge sahen! Seine strebende leibhafte Gestalt ist uns nur ein farbiges flüsterndes Schattengebild, seitdem wir im Händedruck zum letzten Mal die wohlthuende heilige Wärme seines Daseins empfanden. So bin ich Entfernter Dir -- hin! hinüber! Du mir zurück! ewig dahinten! Und nur _einbilden_ kann ich mir noch, wie Du wohl lebst -- was Du am Morgen thust -- wie Du die Nacht schlummerst -- wenn es so ist -- ich rathe es nur, doch ich weiß es nicht! Und nur jenes nun feste, unwandelbare Gebild, das Du in jenen Tagen warst, die über unsern Kinderspielen, über unsern Jünglingswanderungen verloschen -- das bist Du mir noch, und bleibst Du mir fort. Wie in einem wahreren Reiche des Traumes weck ich Dein -- Traumbild auf und rede und lebe mit ihm -- im Traum. Denn damit der Mensch ganz dem Tag' und der Gegenwart gehöre, deshalb verschattet ihm die Natur sein früheres Leben, wie sie dem Neugebornen sein ganzes früheres Dasein in die innere Tiefe versenkt und gewiß ihm da geheim bewahrt! O wie viel schlummert dort! -- und eine gegenwärtige kleine Lust überbietet alle vorigen hohen Freuden! und ein gegenwärtiger Schmerz verdrängt alles frühere Leid! Um den _heut_ Begrabenen weinen wir neue Thränen und denken _des_ Lieben nur noch wie im Traum, auf dessen _begrüntem_ Hügel wir stehen, indeß wir den Frischentrissenen bang und wie betäubt versenken sehen! Auch das ist gut, ja es ist schön, damit jedes Gefühl sein volles Recht in uns erlange, daß wir es Jedem zollen, sei dieß Recht nun Mit-Leid, oder Mit-Freude.

Und so bitt' ich Dich heut, zolle mir Dein -- Mit-_Leid!_ Du wirst es _nach_-empfinden können, auch wenn Du Dir nur einbildest: das traurige Geschick habe Den betroffen, den _eine_ Mutter mit Dir sonst oft zugleich umarmte! Denke, es habe den Freund, den Bruder betroffen, den eben, der Dir nun -- fehlt!

Du hast mir einmal aus Deinem Lüneburg einen verzweifelt kurzen Brief geschrieben: auf der ersten Seite zwölf Zeilen, die andern alle leer! Wie oft hab' ich ihn umgewendet, um nicht zu glauben, Du seist doch wirklich nicht recht klug! Indeß hielten die zwölf Zeilen zwölf Jahre wider. Euer europäischer Zustand ist verjährt und weltbekannt, und man darf nur Rom oder London, Wien oder Berlin nennen, um gleich zu wissen, _wo_ und _woran_ man ist! Dagegen hast Du von mir denken können, wie jene alte nachsichtige Mutter von ihrem Sohne, der in der Fremde gestorben sein sollte, und die ihn entschuldigte und sagte: So schlecht ist mein Sohn ja nimmer! _Das_ wenigstens hätt' er mir gewiß geschrieben! -- Ich will jetzt auch so schlecht nicht sein und Dir melden -- wie ich _nicht_ umgekommen bin! -- Doch wahrlich, seit der Sündfluth ist ein so großes Elend auf Erden nicht gewesen! Ach, die Natur kann ewig neu sein im Schönen, und neu im Schrecken! Ihr denkt: es ist Alles in ihr schon so in der Ordnung, und so wird sie sich ableben wie ein altes Weib. Aber! -- Wo konnte so etwas geschehen als in der jungen Welt? Denn hier ist das Land des Neuen und Großen! des Werdenden! Nicht des Gewordenen und des Vergehenden -- wie bei Euch!

Doch ich muß nachholen!

Als nach der, Napoleon's Zauber lösenden, Schlacht bei Aspern -- die der, darum nie genug zu würdigende, biedre, altdeutsche Held Erzherzog Karl gewann -- unser kleines muthathmendes Häufchen braunschweiger Husaren gleichsam von der Pfanne gebrannt, Allarm- und Nothschüsse that -- in nasses Pulver, -- als Deutschland noch nicht sich entzündete, noch nicht _losging_ -- und Wir, wie ein Kirschkern zwischen zwei Fingern gedrängt, durch Deutschland fliehen, fast fliegen mußten, die Nordsee, die Schiffe und England zu erreichen, da kam ich verwundet dort an. Doch nicht so unheilbar, um nicht lieber ein ruhiges militärisches Amt zu bekleiden -- und sei's in Canada, als 100 Guineen Pension mit Ingrimm zu verzehren, daß ich mit Tausenden _umsonst_ geblutet, wie es _damals_ schien! Denn wir hatten das Ausholen der Weltuhr für das Sausen des Schlages genommen, sie verhört und schon gesagt: »Seine Stunde ist kommen!« Was in uns entschlossen und entschieden war, das sollte gleich fertig da draußen in der Welt stehen! Indeß horcht die Natur erst, ob wir's auch Alle redlich wollen, und dann erst läßt sie den Kindern ein Weilchen den Willen. Ein Weilchen! Wie ihr nun seht! Denn sie horcht, ob Ihr das Weitere auch nun Alle ernstlich wollt.

Ich ging also in die bessere Welt als Milizcapitain eines Kirchspiels in Unter-Canada. Diese Art Dörfer heißen _verlorene_, nämlich, als wenn ein Kind des Mikromegas die Kirche, die Häuser und Hürden, durch den unermeßlichen Wald hinwandelnd, aus seiner geöffneten Schachtel nach und nach hier verloren hätte. Und so stehen denn die Häuser alle allein, jedes mit seinem Garten, seinen Aeckern und Wiesen, jedes wohl 1000 Schritt von dem andern, getrennt durch Wald, und nur verbunden durch einen Fluß oder Weg -- wie ein armes Mädchen einige wenige Perlen recht weit auseinander auf einen Faden Seide reiht! An mich kamen die Befehle der Regierung durch den Milizobersten. Du kannst Dir das Schwierige der Polizei denken! So ein Dorf ließe sich kaum durch _Luftballons_ bequem regieren! und wenn Sonne, Mond und Kometen etwa dergleichen sind, so läßt sich Einiges von der göttlichen Weltregierung entfernter Maßen begreifen!

Mir fehlte, außer meinem Hunde, ein freundliches Wesen, das mich empfing, wenn ich nach Hause kam. Tausend Dinge fehlten, des Morgens, des Mittags und, um nicht _mehr_ zu sagen: _des Abends!_ Mir fehlte die Gegenwart; mir fehlte die Zukunft, das heißt: ein Kind, oder Kinder, kurz mir fehlte ein _Weib!_ wenn ich jetzt hier dauern und im Alter noch hier glücklich sein wollte.

Nun ist es gewiß die entschiedenste Thorheit, ein Weib zu begehren, das uns ganz gleich sei an Sinn, Bildung, Kenntnissen, Richtung; denn die Erfüllung dieses Begehrens ist durch die Natur dem Manne unmöglich gemacht und geht auf Männer, auf Freunde. Das Weib soll alles Das sein, was der Mann nicht ist; eine Frau soll grade alles Das nur _haben_, was der Mann _nicht_ hat; er soll sich mit ihr, sie durch ihn ergänzen, damit _Ein Mensch_ daraus werde! Und eine mit mir ganz disparate Frau hätt' ich gewiß bei uns unter den Engeln in Lüneburg gefunden -- aber alle die Engel waren nicht hier! Indessen schien es doch gut: wenn ein _inneres_ Band uns Gatten knüpfte, so daß wir gleich die Ehe beginnen konnten in _einem_ Sinne, mit _ähnlichem_ Streben -- wenn unsere Stimmung uns durch _dieselbe Vorzeit_, die in unserm Gemüthe wiederklang, gegeben war. Am liebsten hätt' ich also ein Weib genommen, das, _auch_ vom Vaterlande losgerissen, hierher verschlagen war wie ich! Aber zu ihrem Glück gab es keine solche Unglückliche hier.

Nach dieser also schien mir ein Wesen das beste, das, aus den Urvölkern dieser Gegend entsprossen, unsern Kindern Gedeihen und guten Bestand versprach, wenn sie wie fremde Aepfel auf dem -- gutgemachten Quittenstrauch wuchsen, dem diese Erde seine mütterliche war!

Zu dieser Wendung hatte mich ein siebzehnjähriges Mädchen von dem verlöschenden Stamme der _Algonkinen_ gebracht. Sie lebte in unserm Hause und hieß _Eoo_. Ohne eine Sklavin zu sein, verrichtete sie fast Sklavendienste. Denn jenes Urvolk der Algonkinen, kaum hin und wieder durch einigen Maisbau an die Scholle geknüpft, lebt in den endlosen Wäldern meist von der Jagd, und selbst eine Mutter überläßt, von den Sorgen um Nahrung umhergetrieben, mit schmerzlicher Freude die Kinder an Fremde, um sie nicht zu tödten! Den Vater der Eoo kannt' ich; denn ich selbst war einst Abgeordneter an die freien Indianer gewesen, und ich hatte ihnen, wegen Erhaltung des Friedens, wollene Decken, Zeuche, Gewehre, Messer, Spiegel, Scheeren, Kessel, Brillen, Töpfe und Rum von Seiten der englischen Regierung schenken müssen. Damit ziehen die armen Kinder ab, als wenn sie uns betrogen!

Eoo's Reize, ihr liebreiches Wesen leiteten mein Selbstgespräch bei der Eheberathung. Von einem Weibe (dacht' ich) verlang' ich vor Allem zuerst: _Gesundheit!_ Ist die Frau gesund -- dann ist sie heiter, willig, stets wohlgelaunt, zu allen Freuden und Leiden stark und verheißt dem neuen Zustande _Dauer_. Ohne Gesundheit sind all' ihre anderen Gaben -- keine!

-- Und gesund ist Eoo!

_Zweitens_ sei das Weib _zuverlässig_ in jeder Art. Denn all ihr Gutes wird zum entgegengesetzten Bösen, wenn es mit ihr nicht uns gehört. Bei den Liebenden aber ist Sanftmuth und Duldung und Zuverlässigkeit.

-- Und _wen_ Eoo liebt, den liebt sie bis in den Tod getreu. --

_Drittens_ fühle und wisse sie, was nöthig und schicklich sei im Hause zu aller Zeit und wolle lernen, es herzustellen (denn jede Jungfrau wird erst als Weib ein Weib). Dann sorgt sie, daß Alle immer haben, weß sie bedürfen, das liebe Kind in der Wiege, und selbst der Hund an der Kette!

-- Und Eoo ist die Seele und das Auge des Hauses!

_Viertens_ habe sie _kein_ eigenes Vermögen, als die drei ersten Güter. Denn -- war mein Grund:

-- Eoo ist nur so reich als Eva im Paradies!

_Fünftens_ und Letztens erst sei sie meinetwegen auch schön! Das soll mich nicht _hindern_, ein Mädchen zum Weibe zu nehmen. Aber diese Fünf ist schon in der Eins -- der Gesundheit, dem Ebenmaß aller Kräfte, enthalten, und das schönste Gesicht ist nach 365 Tagen dem Mann ein alltägliches; und vielleicht -- Andern nicht!

-- Aber Eoo war schön. --

So erbaut' ich denn ein Haus, und sie war mein liebes sanftes Weib Eoo!

Ich war glücklich mit meinem Naturkinde, ja ich empfand eine gewisse Verehrung vor ihr, gleich wie vor der Natur. Denn ich hatte sonst immer gedacht: nur Bildung gebe dem Menschen, dem Weibe den Werth, sie sei Etwas! Hier aber fehlte sie, und _dennoch_ war meine Eoo Alles, was ich nur wünschen konnte vom Weibe! Und so sehr ich die Wirkungen ihrer Liebe empfand, so sah ich doch deutlich, daß in ihrem Herzen noch ein unermeßlicher Schatz, eine Kraft, ein ungenützter ungemünzter Reichthum derselben geborgen lag, den sie und ich in unserem sicher begründeten Zustand, unseren sanft verrinnenden Tagen gar nicht gebrauchen konnten! So rinnt aus einem unerschöpflichen See nur ein kleiner stiller Bach durch die grünenden Wiesen hinab und ernährt nur die Blumen da, wo er fließt, indeß seines Sees Fülle, wie mit einem Spiegel bedeckt, in ruhiger Gnüge glänzt!

O wie that dieß Wissen mir wohl, und ich hoffte vom Schicksal und betete: daß sie nie den verborgenen Schatz angreifen dürfe, in keiner Noth!

* * * * *

Der Ehesegen blieb nicht aus. Wir erhielten vom Himmel ein Mädchen, das, nach Eoo's Mutter, _Alaska_ genannt ward. Als sie drei Jahre alt war -- -- --

Doch beurtheile mich menschlich! Wer aus Europa hierher kommt, bringt unermeßliche Wünsche mit, aus Verdruß ja Gram und Scham über unermeßlichen Mangel an geistigen und leiblichen Gütern unentbehrlicher Art; ihm steht der ganze Reichthum, das schöne geschmückte Leben schon erworben und fertig vor Augen, Alles, was hier sich entfalten wird -- _dereinst!_ wenn Gott auch hier über seine Menschen noch fürder waltet. Und Er waltet! Der Flüchtling aber ist schon elend, dadurch, daß er sein Vaterland dahinten lassen mußte, wenn er es sonst auch nicht war. Er wäre nicht geflohen, hätte er Reichthum genug besessen, um zu allem Elend -- behüte mich Gott -- zu lachen, und sich eine Art Hausfreiheit und Hausleben zu gründen. Nun kommt er hierher -- und nun ist der erste, der heimlich ihn treibende, leitende Wunsch: großen Besitz, großes Vermögen zu haben! Nur dadurch glaubt' er erst hier sein Geschlecht gesichert, daß aus ihm erstehen soll. Er will nicht der Letzte des alten Geschlechtes sein, sondern gleichsam sein neuer Gründer, ein Saatkorn, das endlich sein wahres Klima gefunden zu endlosem -- Wucher!

Nun lebte drei Tagereisen von uns ein Franzose, Mr. Saint-Réal, ein _Freund_ von mir, weil ich einst bei einem Besuche sein Kind aus dem Wasser gerettet, das nach schwimmenden Lilien sich über das Ufer gedehnt. Er besaß ein herrliches Wohnhaus, große Gärten voll Obstbäume, reiche Gefilde rund und um sein Haus weit umher, Wald, Feld, Seen, kurz ein Fürstenthum -- um das Wort hier zu mißbrauchen -- der Sache nach. Sein Töchterchen aber war später dennoch gestorben! Und in seinem Schmerz sich zu zerstreuen, besuchte er uns!

Da lief meine kleine Tochter _Alaska_ dem freundlichen Manne entgegen. Er hob sie empor, er drückte sie an sich, er sank auf einen Sitz mit ihr hin, er weinte -- sahe das Kind an und weinte, das Kind war betreten, es trocknete ihm die Thränen, es seufzte schwer und schlang seine kleinen Arme um seinen Hals.

Eoo fühlte das tiefste Mitleid mit ihm. Sie sah mich an, als wenn ich unser Mädchen verloren, und hob die schönen Augen zum Himmel, ihm dankend, daß wir es glücklich besaßen!

Da ergriff der Freund jeden von uns an einer Hand und bat: »das Kind müßt' ihr mir lassen! Mein Weib ist schon todt.«

Was konnten wir sagen? Das Wort: »mein Weib ist schon todt!« stürzte Eoo in den bittersten Jammer -- um mich! als sei _sie_ mir gestorben; und sie trug ihn still auf den Freund über, auf dessen gramblassem weinenden Angesicht er stand!

Und o Himmel, Eoo gebar mir in diesen Tagen einen _Knaben_, und die ganze mütterliche Liebe und Zärtlichkeit fiel, wie der Sonne ganze Kraft durch eine beschränkende Wolkenlücke, _jetzt_ auf das holde Neugeborene hernieder! Sie sah es nur immer an. Es war aller mütterlichen Sorgfalt so ganz, so gar bedürftig, sie glaubte alle Liebe jetzt für den Säugling allein zu brauchen; ja, wie sie ihr Leben im zweifelhaften Falle für ihn gegeben, so war ich ihr selbst in diesen Tagen -- nicht Alles, nur der Vater; aber sie die Mutter! und ach, die Mutter nur durch das Kind, um des Kindes willen! Die kleine Tochter Alaska war gleichsam mündig gesprochen; wie früher schon von der Brust, nun auch vom Schooße verdrängt; und das kleine Ding war still betreten, ja eifersüchtig, so sorglos zurück gesetzt, und flüchtete sich auf des Vaters Schooß, oder an die Brust des fremden Vaters, der in ihr alle Freude wiederzufinden glaubte, oder doch den Traum derselben wirklich genoß!

Unser neues Glück that ihm weh; er wollte nach Hause. Aber er drang nun in _mich um das Kind!_ Ach, jetzt hätte ich sollen über die segenschwere Frühlingsgewitterzeit der mütterlichen Liebe meiner Eoo hinwegsehen und ihm das Mädchen nicht geben, dessen sie jetzt nicht so zu bedürfen schien wie zuvor! Ich überraschte sie mit der Bitte. Sie erröthete zwar, sie verneinte es, zitternd mit schnell bewegtem Haupt -- da schlug ihr Okki die Augen auf, und begehrte seinen Morgentrank an ihrer Brust! Sie drückte ihn sanft mit der Linken an, sie umschlang mit der Rechten die arme kleine Alaska, die in kleinen Reisekleidern schon fertig angezogen sich an sie schmiegte, nicht wußte, was sie that, als sie der Mutter die Hand küßte; nicht wußte, was ihr geschah, als Eoo sie, mit wie erzürnter flacher Hand vor die Stirn schlug, vor heiligem Mißmuth, daß sie von ihr gehen könne! und so ging denn das holde unwissende Kind von der Mutter, ach nur auf ein Augenblickchen! wie es meinte; von einer engbegränzten Neugierde gelockt -- nur die _Lämmer_ des neuen Vaters zu sehen! Und Er eilte so, als raub' er sie mir, und als schlafe die Mutter und ich wie beraubte Chinesen, denen die Räuber durch Opiumrauch von der Decke herab Reglosigkeit und Trunkenheit in das Zimmer geblasen, und die dann betäubt selbst ruhig und lächelnd zusehen, wie ihnen vor Augen der beste Schatz geraubt wird! So regten wir keine Hand. So eilt' er mit unserem Schatze davon!

Ich aber habe Dir gestanden, was mich überwältigte, nicht zu widerstehen: Mein Kind als _reiche_ Erbin zu sehen! Sie _wohlerzogen_ zu sehen! Denn der Freund war brav, gelehrt und edel. Er wollte durch ein in Quebec niedergelegtes Testament Alaska zu seiner Erbin einsetzen -- und er war schon bei Jahren, und er war kränklich! Das sah ich damals; denn ich hatte die Augen des Bösen, oder doch des Leichtsinnigen -- ich empfand es wie im Schlummer -- ich mocht' es nicht denken! Kurz, der Mensch, selbst der Vater wird durch Begierden -- abscheulich, widerspricht seinem wahrsten Bestreben selbst und hebt sein schönstes Glück auf. Du wirst die Folgen sehen -- von Unnatur!

* * * * *

Die Tochter war fort! Aber wie zur Strafe starb unser kleiner Okki -- unser Schutzgeist! denn das bedeutet der Name. Mit seinem Verlust war Eoo's Liebe gebrochen, und die Mutter langte von dem kleinen Grabe zurück nach ihrem gebliebenen Kinde, das ihr im Herzen nun wundersam wiederum auferstanden war, und so bald! so begehrt! -- Und es war fort! Sie war wie kinderlos, und sie war es durch mich. Und in der Sehnsucht nach der Tochter verlosch der Schmerz um den kleinen Sohn, den sie nur wenige Monde gekannt und, wie der Seidenwurm um die Knospe, nur wenige Fäden der Liebe erst um das kleine Geschöpf gesponnen, wenige Blicke in das holde Blau seiner Augen versenkt!

Der Schlag war mir unerwartet. Auf das Leben des Sohnes hatt' ich gezählt in meiner -- Rechnung. Mein Wort konnt' ich nicht zurücknehmen! Mein edlerer Trost war, daß doch dort drüben ein Vater glücklich sei, glücklich durch unser Kind! Unsere Jugend versprach uns bald einen neuen kleinen Schutzgeist des häuslichen Glücks. Aber ich betete umsonst zu dem Himmel um ihn. Denn Eoo hatte ein tiefer Mißmuth durchdrungen; sie wünschte sich nicht mehr, vielleicht zu neuem Verluste, ein Kind -- und so lebten wir denn ohne Ehesegen! Sieben langer Jahre lang! Ich vermied, mein Weib in ein kindervolles Haus zu führen, und sie schien es _mir_ zu Liebe von selbst zu meiden, denn das Haus mit Kindern, nur mit einem Mädchen machte ja _ihr_ Leid. So liebte sie mich! so glaubte sie sich von mir geliebt, und mit Recht. Ich rieth meinem alten Freunde, uns nicht mit Alaska zu besuchen! Wir reisten nicht hin. -- Eoo ließ mich nichts entgelten! höchstens seufzte sie: »wenn unser Okki lebte!« Sie ließ sich nichts merken, ja sie bestrebte sich selber, nichts zu empfinden, um immer mir heiter ins Auge zu sehen, immer freundlich-begnügt zu _sein_, auch wenn sie allein war. Solche Geschöpfe heißt man nun »Wilde« -- aber das Weib ist überall der Liebe fähig, und Liebe bildet es überall.

Für solche Ueberwindung belohnte sie endlich der Himmel mit einem neuen Schutzgeist. Der Knabe wurde wiederum Okki genannt, als sei er der Erste, Wiedergeschenkte! Mit Thränen ward er begrüßt -- zur Freude wuchs er uns auf. Er war zwei Jahre alt, als die Mutter es nicht mehr ertrug, daß Okki nicht sein Schwesterchen sehe! Alaska nicht den lieblichen Bruder! Nun reisten wir durch den alten jungfräulichen Wald.

Gleichwohl bestrafte Eoo mich hart! sehr hart! zu hart! -- aus Wohlwollen und Gutmüthigkeit, muß ich denken und kann ich glauben von Ihr! Sie nahm mir nämlich, erst kurz vor dem Eintritt in das Gehöft, das Gelöbniß mit feuchten Augen und bebender drängender Stimme ab: Uns dem Töchterchen nicht zu erkennen zu geben! Sie, nicht als Mutter! Ich, nicht als Vater! -- Als Vater! Wir wollten unser Kind ja nur sehen, nur besuchen; es sollte nicht mit uns zurück in die Heimath, ins Vaterhaus! Und würde es bleiben, wenn es uns -- seine wahren Eltern erkannt? _gern_ bleiben, wenn allmächtige Erinnerungen der Kindheit über das arme Mädchen wie stille, selige Sonnen vom Himmel hereinbrachen und ihre spätern Tage alle bis zu diesem, zu diesem ersten seligen Tage wieder an der Mutter Brust, in des Vaters Armen -- umnachteten! und, so schön und lieb sie ihr vielleicht, ja gewiß gewesen, nun zu beweinenswürdigen machten! -- Oder soll man, sollen Eltern selbst ihre Kinder -- ich muß schrecklich reden -- nur als Vieh ansehen, als Sklaven aus der Fremde, und auf ihre süßen treuen zarten kindlichen Gefühle und Neigungen gar keine Rücksicht nehmen? -- Und wenn Ich -- wenn Eoo, die Mutter, des _Töchterchens Liebe_ gesehen -- konnt' ich sie dann zurücklassen? --

Ich selber konnte nur schließen, daß das liebliche Mädchen, das uns, den Fremden entgegengeeilt und sie freundlich-sinnend betrachtete -- unser _Kind_ sei! Ich glaubte, nur ein Kind von drei Jahren an Alter, Größe und Wesen wiederzufinden, und sah überrascht, ja mit Bewunderung ein Mädchen von dreizehn Jahren, fein, herzlich, schon geschmückt und schon erröthend. Was -- wie viel süße Wechsel, wie viel holde Verwandlungen hatte ich da verloren! Ich mußte Eoo ansehen. Sie merkte das wohl, aber sie sahe nur auf das -- Kind. Ihr Busen hob sich, sie holte Athem lang und tief, um sich still zu beschwichtigen. Und sie verschwieg. --