Der Wahnsinnige: Eine Erzählung aus Südamerika
Part 12
»Ha, Gott zu Gruß, Compañero,« rief er lachend, indem er mit der Rechten sein Messer halb aus der Scheide ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit der Linken auf die Schulter klopfte; »schon fertig mit der Besichtigung jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, Dich gerade jetzt hier zu finden, ich habe Lust zu einer Spazierfahrt, und _Du_ sollst mich begleiten -- Ruhe, Bursche, Ruhe!« zischte er drohend zwischen den Zähnen durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach dem Gürtel zu schleichen suchte, »die erste verdächtige Bewegung, und Du bist ein Kind des Todes -- _so_ und nun fort.«
Und damit den Schlüssel aus der widerstandslosen Hand nehmend, ohne diesen jedoch aus dem Bereich seines Armes zu lassen, schloß er rasch die Thür hinter ihnen und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter haltend, die steile Treppe nieder, die sie bald zur Außenthür brachte.
Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren Führer in solcher Begleitung zurückkomme zu sehen, Morelos war aber nicht der Mann, einem gewonnenen Vortheil auch einen Moment nur zu entsagen.
»Zurück, Caballeros!« rief er barsch, als die beiden Wächter nach innen, jedoch wie im Zweifel, zuspringen wollten, und das Messer schaute drohend wieder aus seinem Versteck, »zurück, oder dieser Herr da ist eine Leiche -- freiwillig werde ich mich dem Gericht überliefern, und Don Manuel wird mich begleiten -- Sie aber gehen zurück und sagen das dem Herrn des Hauses -- wenn er mich zu sprechen wünscht, werde ich auf dem Polizeigebäude zu finden sein. -- Kommen Sie, Don Manuel,« und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte, ob der entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, schritt er mit ihm die Straße hinunter, während die Diener der Gerechtigkeit, vollkommen verdutzt durch das ernste, zuversichtliche Benehmen des Mannes -- dem sie überdieß nur zu gern aus dem Weg gingen, zurückblieben.
Rasch schritten indeß die beiden Männer die kleine Straße nieder, die nach der Hauptstraße der Stadt zu führte, als sie eine der dort überall haltenden Droschken überholten.
»Halt an, Kamerad!« rief Morelos, dem Kutscher winckend, »fünf Dollar, wenn Du mich, so rasch Deine Pferde laufen, die Almendral hinunterfährst -- hier, Dein Geld!« --
»Darf nicht galoppiren, Señor,« sagte der Mann.
»Trabe dann.«
»Die Almendral hinunter?« frug Don Manuel erschreckt, dorthin lag nicht das Polizeigebäude, ein Blick seines Begleiters aber und ein leises Drücken von dessen Arm überzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu gehorchen habe. -- Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber ehe ihm Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an dem Schlag des Wagens fest, er sah todtenbleich aus und es war augenscheinlich, wie er mit einem furchtbaren Schmerz rang.
»Caracho, Señor!« rief der Kutscher, der sich nach ihm umschaute, »Sie sind verwundet.« --
»Ich will eben zum Doktor, Amigo,« lächelte der Kranke, und sich gewaltsam zusammenraffend, hob er sich in den Wagen an Don Manuels Seite.
»Fort, mein Bursche, fort -- und was die Pferde laufen können.«
Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen Trab rasselten sie eben um die nächste Ecke, als von des Konsuls Haus die Verfolger niedersprangen.
»Schneller -- schneller, Amigo.«
»Ich darf nicht galoppiren, Señor.«
»Ich zahle die Strafe, Freund -- Du weißt, Ärzte und Polizei dürfen, und Kranke werden dasselbe Recht haben.«[23]
23: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den Ärzten erlaubt, in der Stadt zu galoppiren.
Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber gereizt durch das stete Strafen der Peitsche, griffen aus in vollem Carrière die Straße hinunter.
»Halt an, Compañero,« schrie ein an der nächsten Ecke ihnen begegnender Polizist entgegen, und versuchte dem Wagen vorzuspringen, aber das Handpferd biß nach ihm und er fuhr zurück, während der leichte Wagen vorbeistob, als ob ihn die Winde führten.
»Wo ist das Haus, Señor, die Almendral ist beinah zu Ende,« frug der Kutscher, die Zügel fest in der Hand, den Kopf halb herumwendend.
»Weiter!« war die einzige Antwort, die er erhielt, und donnernde Hufschläge wurden schon hinter ihnen laut.
Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und über eine kleine Brücke hin donnerte der Wagen den letzten Häusern entgegen.
»Ist es hier?« frug der Kutscher noch einmal, und wandte sich seinem wunderlichen Passagiere zu.
»_Weiter!_« tönte die monotone Antwort -- aber die Worte klangen hohl und unheimlich.
»_Weiter?_ -- ich fahre nicht weiter!« rief der Kutscher erstaunt, »hier ist meine Grenze.«
»Du fährst,« sagte Morelos eintönig, und er hätte das Messer nicht gebraucht, das er aus der Scheide zog; der Blick, mit dem er dem entsetzten Rosselenker ins Auge schaute, trieb diesem das Blut als Eis ins Herz zurück.
Wilder hieb er in die Pferde, den schrägen Hügel hinauf keuchten die Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend und in die Zügel knirschend. -- Don Manuel sah sich um -- zehn oder zwölf Reiter waren in kaum hundert Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher Satz aus dem Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich seines Feindes bringen. Aber dessen Hand lag auf seinem Arm und ein eignes, unheimliches Lächeln spielte um seine Lippen.
Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan -- jetzt hatten sie den Gipfel erreicht, aber nur einen scheuen Blick warf der Peon zurück und hieb mit neuer Kraft auf die armen, schon zum Tod erschöpften Thiere.
»Halt -- Caracho, verdammter!« schrie die Stimme eines der vordersten der Verfolger in wildem Grimm, »halt, oder ich reiße Dich mit dem Lasso vom Wagen herunter.«
Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere war die Antwort -- das blanke Messer lag neben dem armen Teufel von Peon und er fürchtete weniger die Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden Stahl des entsetzlichen Fremden.
Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhöhung hinan, und der Kutscher hieb aufs Neue in seine Thiere, aber deren Kräfte waren erschöpft. Das Sattelpferd, mit dem kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte dem geschwungenen Arm entgehen -- noch einmal warf es sich mit der Anstrengung aller Sehnen vorwärts, aber die Glieder versagten ihm den Dienst, und wie es stürzte, war es nicht mehr im Stand, sich wieder zu erheben.
In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter neben dem Wagen, und zwei davon, mit geschwungenem Lasso heranreitend, wandten sich gegen den entflohenen Mörder.
»Im Namen des Gesetzes!« rief der Erste, »Ihr seid mein Gefangener, Señor Morelos!«
Don Manuel blickte scheu zu ihm auf -- noch immer ruhte seine Hand auf seinem Arm, und dasselbe kalte Lächeln spielte um die bleichen Lippen und stieren Augen -- er war _todt_.
Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und es dem Kutscher überlassend, seine abgehetzten und fast aufgeriebenen Thiere nachzubringen, sprengten die Polizeidiener mit der Leiche in die Stadt zurück.
* * * * *
Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen -- es war Frühling in Valparaiso. -- Die Pfirsichen blühten und der Feigenbaum schoß seine saftigen Blätter; die Natur, durch eine lange Regenzeit wieder frisch gekräftigt, trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und die Vögel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu Ehren, und das große Fest einer neuen Auferstehung mit zu feiern in Liedern und Liebe. Warm und sonnig lag der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den Gräsern, die jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen Licht.
In der von Schiffen überstreuten Bai regte es sich ebenfalls von gar geschäftigem Leben. -- Boote und kleine Fahrzeuge schossen herüber und hinüber und besonders um ein mächtiges Schiff drängte die kleine Flotte bunt bemalter Nachen, Früchte und Provisionen an Bord zu schaffen für eine lange Reise.
Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs flatterte lustig die englische Flagge; das Vormarssegel war schon gelöst, der zweite Anker schon driftig geworden und die Raaen flogen herum, die Schothörner der gelösten Segel wurden ausgezogen unter dem fröhlichen, jubelnden Singen der Matrosen, die ja _heimwärts_ gingen.
Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, liebe Bekannte von uns, aber der Tod hatte eine tiefe Wunde in die Familienbande der armen Leute gerissen, und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterländische Luft den Schlag vernarben könne, der hier wieder und immer wieder aufbrach in bitterem Weh.
Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten sie ihr Töchterlein hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, zwischen die hohen beengenden Mauern, die den Schlummer der Todten bewachten.
Bills Vater war wieder in See gegangen und sie nahmen den Kleinen mit nach England, ihn dort zu einem braven und wackeren Mann heranzuziehen -- bis sie selber der Todesengel abrufen würde.
Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmückten Grab ihrer Jenny Abschied genommen und jetzt drückten sie dem letzten Freund die Hand, der in den letzten schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch schwerer als sie selbst getragen hatte. -- Es war Stierna, der junge Schwede. Bill wollte den jungen Mann gar nicht von sich lassen, und die alte Dame hatte seine Hand gefaßt und flüsterte leise.
»Und _ihr_ Grab?«
»Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,« sagte der junge Arzt mit halb abgewandtem Antlitz -- er wollte das Herz der alten Frau nicht noch schwerer machen als es war -- »aber ich will ihr hier eine Heimath von Blumen bauen, in der fremden Erde -- im _Tode_ wenigstens -- da es die _Lebende_ dem Freund verweigerte.«
Der alte Mr. Newland drückte dem jungen Mann schweigend und tief ergriffen die Hand.
»Señor, es ist Zeit,« sagte da der Bootsmann, den Stierna mit herausgenommen hatte in den Hafen, ihn zurückzubringen ans Land, wenn das Schiff unterwegs sein sollte -- die Segel waren gebläht und mit einer leichten, aber günstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem schmalen Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten erreichen mußte.
Stierna griff noch einmal den Knaben auf und küßte seine Stirn, seine kleinen, schwellenden Lippen, und das Herz wollte ihm fast brechen, wenn er in _die_ Augen schaute -- noch einmal drückte er die Hände derer, die ihm Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, und wenige Minuten später schoß der stolze Bau, von den schwellenden Segeln geführt, hinaus in die freie, wogende, offene See -- im Heck des kleinen Bootes aber, die Augen in den fest dagegen gepreßten Händen bergend, saß der junge Arzt und weinte wie ein Kind.
_Altenburg_, Druck der Hofbuchdruckerei.
TRANSCRIBER'S NOTE
The table of contents has been moved to the beginning. The spelling of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious misspellings have been corrected. A few words appear in two different spellings; these have been retained. Some words now used with the accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time; period usage has been retained where contemporary reference books show this to have been the case.
The following additional changes were made; the original appears in the first line, the altered version in the second.
ANMERKUNGEN
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen Fällen treten Wörter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstäckers Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen ließ, wurde der damalige Usus beibehalten.
Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu lesen:
breitschlüchtiges breitschlächtiges
die schon lange durgefeilten Eisenstäbe die schon lange durchgefeilten Eisenstäbe
diesem selbst in seinen Plänen entgegenwirkt diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt
gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen, gegen die Gewalt, die ihm geschehen
Zwei Lootenfische Zwei Lootsenfische
tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen
Sr. Excellenz führt den trostlosen Krieg Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg
auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterklaffte auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterkläffte
das monotone Picken der großen Wanduhr das monotone Ticken der großen Wanduhr
»Ill' be damned if I did« »I'll be damned if I did«
auf ihn auszuüber auf ihn auszuüben
Sr. Excellenz, der Gouverneur Se. Excellenz, der Gouverneur
das Erzählte mit Akkorden (...) seine Geige zu begleiten das Erzählte mit Akkorden (...) seiner Geige zu begleiten
er hätte keins von alle diesem wissen mögen er hätte keins von alle diesem missen mögen
ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder
ihrem ersten Aprall kräftigen Widerstand leistete ihrem ersten Anprall kräftigen Widerstand leistete
und den Arm des also Überraschten, der gar nicht wußte (...) und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte (...)