Der Wahnsinnige: Eine Erzählung aus Südamerika
Part 10
»Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,« tönte in diesem Augenblick die Stimme des jungen Arztes klar und deutlich zu ihnen herauf, »ich habe selber mit --« und die Worte wurden hier leiser und undeutlich.
»Es scheint doch ein Besuch zu sein,« meinte Don Gaspar lauernd; Don Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe zwischen die Zähne und die Brauen zusammenzog, gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:
»Unser junger Freund hätte die guten Leute auch können herauf kommen lassen, sie würden uns nicht genirt haben; doch wie dem auch sei, sehn Sie, Don Gaspar -- dort in jener Ecke können Sie noch die Spuren der schon erwähnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend einer meiner Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres schönen Vaterlandes, aber ich bedauere jene furchtbaren und leider oft unnütz gewesenen Grausamkeiten, durch die sie theilweis mit erkauft werden mußten.«
In diesem Augenblick öffnete sich dicht neben ihnen leise und geräuschlos eine Thür, und ein Kopf schaute heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er noch eine Gestalt auf der Schwelle der Thüre bemerkte, Don Gaspar hatte jedenfalls nur den flüchtigen Schein desselben bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung und wieder nur spielte das Lächeln um seine Lippen. Es war kein Zweifel, er kannte die Gefahr, in der er sich befand, zu ihrer vollsten Größe, aber gerade _das_ schien ihn zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und unter die Hufen der wüthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er damit, den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, erwartend, wo sie in ihrer Macht über ihn hereinbrechen würde -- was wußte er von _Furcht_?
»Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen hier wenigstens zu Zeiten,« bemerkte der Spanier, auf fünf oder sechs erst kürzlich weggeworfene Stümpfe von Cigarillos[21] deutend, die nicht weit von der Thür am Boden lagen.
21: Papiercigarren.
»Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,« erwiederte der Chilene, »die Regierung soll es aber, wie ich kürzlich gehört habe, nicht gern sehn, wenn besonders Fremde hierher kommen; solche Grausamkeiten machen immer böses Blut, und man vermeidet gern, jetzt, wo überdieß die Zeit auch schon so lange vorüber ist, jede Erinnerung daran.«
»_Diesem_ Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls zu handeln,« lächelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenüber liegenden vergitterten Fenster deutend, das den inneren Hof überschaute. Dort wurden eben die beiden Männer sichtbar, die über den Hof schritten und diesen, allem Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel auch, wie sie schon fast die Thür erreicht hatten, an das kleine Fenster sprang, hinaus rief und sie bat, zurück zu kommen.
»Es sind Bekannte von mir, Señor,« sagte er dabei, sich wieder zu diesem wendend, brach aber in der fast entschuldigend gehaltenen Rede kurz ab und sprang nach der Thür, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar durch dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrückte. Zu spät warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch von außen vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, einen _Wahnsinnigen_ zu halten, und spottete all seiner Anstrengungen.
Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die zweite Thür, aus der er vorher lauschend den Kopf gesehn und ohne weiter zu untersuchen, wer oder was darinnen sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand gegen die Pforte warf und deren Verschließen freilich vergeblich, zu verhindern suchte.
»Zwei Vögel mit einem Schlag fest,« rief er dabei höhnisch Don Manuel zu, als er an diese Thür auch noch rasch das Vorlegeschloß hing und eindrückte und dann der Treppe zuschritt -- »aber ich sah _noch_ mehr Augen. _So_, Compañero,« setzte er dann hinzu, »fest und richtig verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt in der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem _Tollen_ überlistet, hahahaha!«
»Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, das ist schlechter Spaß -- Don Federigo -- Pedro -- Fernando!« schrie der Gefangene.
»Hahahaha!« lachte Don Gaspar, aber seine Hand lag an dem Griff des langen Messers, das er vorsichtig und versteckt unter der Weste an seiner linken Seite trug, denn die Treppe herauf klangen rasche, elastische Schritte. Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand zurückziehend, begegnete dem _Freund_ an dem oberen Treppensims.
»Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht hier vor?« rief dieser, mit dem Arm den Gang hinabdeutend, von woher die lauten, fast ängstlichen Laute der Chilenen tönten.
»Komm, Federigo,« entgegnete ihm aber der Spanier, zugleich seine Hand ergreifend und ihn mit sich die Treppe hinabführend, »komm, wir wollen den Señor Don Manuel de San José oder wie er sonst heißen mag, ruhig der Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen überlassen -- er hat auch noch Gesellschaft dort oben, aber in einer Viertelstunde« -- setzte er dann rascher und bedeutungsvoller hinzu, »erwarte mich in unserem Hotel auf meinem Zimmer, lieber früher als später, ich habe Dir _Wichtiges_ zu entdecken -- wirst Du kommen?«
»Gewiß, aber --«
»Kein _aber_ jetzt, Amigo -- jener Bursche hatte Arges mit mir im Sinn -- beruhige Dich, ich weiß Alles, und die kleine Lehre wird ihm gut thun, laß mich nur nicht zu lange warten. Du wirst dort über Manches Aufklärung bekommen, so säume nicht und überlaß den Señor da oben seinem Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die Probe dessen sein, was er mir für eine Lebenszeit zugedacht.«
Sie hatten indessen den Fuß der Treppe erreicht und begegneten hier den beiden Peons, die allerdings etwas überrascht stehen blieben, als sie den in so ruhigem Gespräch die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer Meinung nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lärm vollführt hatte, Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch mehr verwirren, denn dem ersten freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend:
»Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt und gut ausgeführt -- da, verzehrt das in der nächsten Pulperia.« Dem ersten einen Dollar in die Hand drückend, nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch über den Hof der Thüre zuschreitend, blieb er nur einen Moment noch an der Pforte stehn, zurückzuschauen, warf dem jetzt wüthend in den Hof hinab tobenden Don Manuel einen lächelnden Kuß mit den Fingerspitzen zu, und war wenige Sekunden später in dem schmalen dunklen Ausgang verschwunden.
11.
Der Spanier und das Mädchen.
Eine merkwürdige Ruhe, nur manchmal von einem eigenthümlichen kecken Humor durchblitzt, hatte das Betragen des Spaniers die ganze Zeit, und zwar von dem Augenblick an charakterisirt, wo er das ihm verdächtige Gebäude in der Gesellschaft der beiden Männer betreten, bis zu da, wo er dessen Schwelle -- allein -- wieder überschritt, wie verwandelt aber schien er selbst in dem Moment, als er die dunkle, finstere Mauer, als er die Gefahr damit, hinter sich ließ. Wie nach jeder übergroßen, übernatürlichen Anspannung und Überreizung der Sehnen, stellte sich eine um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so plötzlich war -- der Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn und förmlich gewaltsam mußte er sich aufraffen, noch Kraft genug zu behalten, in flüchtigen Sätzen die Straße hinab zu fliehn.
Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewöhnlichen Wagen mit zwei Pferden, das eine in der Gabel, das andere am Gurt befestigt, den Kutscher halb schlafend auf dem Bock.
»#Ahi, amigo!#« rief er dem mechanisch bei dem Ruf in die Zügel greifenden zu und schwang sich, ohne die Thüre zu öffnen, in das Innere -- »kennst Du die Wohnung des alten englischen Señors, Don Guillelmo Nulando?«
»#Si, Señor!#«
»Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes Trinkgeld ist Dein.«
Der Kutscher berührte seine Thiere mit der schwanken Peitsche, und der Wagen klapperte in scharfem Trab die Almendral hinauf, der Wohnung Mr. Newlands zu, den Passagier kaum zehn Minuten später, vor dessen Thüre abzusetzen.
Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die ihm öffnete, die Treppe hinauf. »Mr. Newland war auf der Börse, das Dampfschiff ankommen zu sehn, was diesen Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor Abend zurück erwartet werden; Mistreß war ebenfalls ausgegangen und Miß Jenny allein oben im Parlour -- der junge Mann hatte sie ja schon so oft besucht, Miß Jenny würde sich gewiß freuen, ihn zu sehn, sie brauchte ihn gar nicht mehr zu melden.«
Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwätzige Alte nur die Hälfte ihrer Rede vollendet hatte, oben an der Treppe und im Vorsaal. Was er hier wollte, schien er selber nicht recht zu wissen -- Abschied nehmen? -- sich rechtfertigen? -- das Mädchen noch einmal sehen, von dem ihm der Freund gesagt, daß ihre Seele an ihm hinge in heißer Liebe? -- Es waren das dunkle Bilder, die ihm wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel entgegentrieben, ohne daß er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu geben gewußt hätte. Er fühlte mehr den Augenblick nahen, der sein Schicksal überhaupt entscheiden sollte, und -- er mußte der Stelle noch ein Lebewohl sagen, wo er seit langen, langen Jahren wieder die ersten Stunden heiteren stillen Glücks verlebt. War es aber das Haus allein, das ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten worden, der derbe Händedruck des biederen alten Mannes, das geschwätzige, aber so herzliche Wesen der Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das ihm sonst halbe Straßen lang entgegen lief und an seinem Hals hing -- er hätte keins von alle diesem missen mögen -- oder _Jenny_? Seine Hand hielt schon die Klinke erfaßt, und zögernd noch stand er und starrte vor sich nieder -- und Jenny? hatte sich denn durch das Wort des Freundes eine ganz neue fremde Welt so plötzlich ihm erschlossen? Er wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder tanzten vor seinem Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drängten aus ihrem blutigen Hintergrund und wetterschwangere Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, spielende Kinder jagten sich auf dem grünenden Rasen, der alte Feigenbaum, der vor der Thür stand, warf seinen freundlichen Schatten auf ein glückliches Paar, dessen Züge er kannte. War das Blut, was dort auf dem grünen, sonnigen Rasen so röthlich blitzte und funkelte, warmes verströmtes Blut? -- Nein, die Sonne hatte den Thau noch nicht weggeküßt von den Halmen, sie spiegelte sich jedoch selber so gern in der blitzenden, strahlenden Herrlichkeit. Aber das Paar dort -- es waren Jennys Züge, und der Mann? das war er _selber_ -- nein, das Haar schimmerte licht und golden in den einzelnen Strahlen, die sich durch das dicht verschlungene, zitternde Laub des Baumes stahlen -- das war _Stierna_. Was sollte auch _ihm_ eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, _ihm_, dem Verlassenen, Verstoßenen.
Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den zusammengepreßten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und schmiegten sich rasch und gefügig in wunderliche Form und Gestalt -- _Heimath_? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes, ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, düsteren, vergitterten Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nähe, kein Mensch -- ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, die Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, stand ein Mann -- es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen -- das war er selber -- und die Welt lag vor ihm, _frei, frei_ im glühenden, jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen Kacktusarmen _frei_ ihr Futter; drüben über den Häusern konnte er die grasenden Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten Feldern der nächsten Saladeros[22], dort jene Reiter galoppirten _frei_, _frei_ über die weite, grünende Steppe, und nur _er_ -- nur _er_ -- -- Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus stehen blieb und so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar -- jetzt wandte sie sich nach ihm her --
22: Schlachtbänke.
»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er noch immer gefaßt gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft, mit der sich die Hand auf ihr schloß in krampfhafter Wuth -- »Don Luis!« -- ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei des zum Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er den Wagen verlassen, zu sich selbst zurück.
»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« sagte Jenny, die sich zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen, Sie schauen todtenbleich aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie mich so an? Don Gaspar?«
»Entschuldigen Sie, Señorita -- entschuldigen Sie,« stammelte der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken zurückzuzwingen in die alte Bahn -- »die Aufregung heute, mit einem leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt -- der Schmerz der Trennung.«
»Trennung? Sie wollen fort?« -- rief das Mädchen rasch und augenscheinlich erschreckt, denn ihre Wangen verließ jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden mit so viel mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen -- »und wohin? weshalb?« --
»Wohin? -- weshalb?« -- wiederholte der Gefragte, kaum bewußt, daß er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu halten vermochte -- »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« setzte er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm willenlos zu nehmen gestattete, »werden Sie den Fernen -- _Fremden_ nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?«
Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« das von den Lippen der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken lassend, starrte er wehmüthig lächelnd vor sich nieder und fuhr mit halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen Mädchen redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wäre, hätte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt.
»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit draußen in der Ferne umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt. Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos, den kalten Willkommen des Fremden zu hören, und sich dabei noch bewußt zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. Jeder in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in das arme Herz. Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb herzig in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem tiefen, schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so mächtigeren Weh zusammen, und die beiden Worte »_allein_« -- allein und »_heimathlos_« wären schon in sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch außerdem von den Eltern auf das -- aber halt -- was ich gleich sagen wollte,« unterbrach er sich da plötzlich mit ganz verändertem Ton und Ausdruck, während seine Hand fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der Druck zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren suchte, »wie ist mir denn, fürchteten Sie sich nicht vor einem -- vor einem _Wahnsinnigen_?«
»Wie kommen Sie _jetzt_ zu der Frage?« hauchte das Mädchen, das Haupt erbleichend von ihm abwendend.
»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute« --
»O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,« fiel ihm die Jungfrau rasch und bittend in's Wort, »mir gerinnt das Blut in den Adern, nur bei dem eigenen Gedanken daran, und fremde Worte könnten die Bilder heraufbeschwören, die es Monate brauchen würde, wieder zu verwischen.«
»Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,« sagte der Spanier, ihre Hand loslassend und sich das feuchte lange Haar aus der Stirn streichend.
»O, Don Gaspar,« bat das Mädchen.
»Fürchten Sie Nichts. Señorita,« beruhigte sie aber dieser mit leisem Kopfschütteln, »ich bin weit davon entfernt, Sie ängstigen oder quälen zu wollen mit thörichten Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im Munde trägt; nein, ein Vorurtheil wünschte ich bei Ihnen zu besiegen, das Ihnen über kurz oder lang doch vielleicht einmal vielen Schmerz machen dürfte. -- Mein _Vater_ war wahnsinnig.«
»Aber, Señor.«
Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder ihre Hand. »Er _war_ es ja nur, habe ich Ihnen gesagt, und zwar auf eine wunderliche Art -- er glaubte, meine Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte -- rannte er den Degen durch den Leib -- wie es ein neckischer Zufall gerade wollte, traf es sich, daß das sein -- eigener Bruder war.« --
»Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nächte, meines Lebens nur das Geringste gilt, so hören Sie auf,« bat aber jetzt in wirklich tödtlicher Angst das Mädchen und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie jetzt wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. -- »Ich begreife Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit Ihnen vorgegangen? und sehen Sie nur, wie entsetzlich Sie mich gedrückt haben,« setzte sie dann hinzu und hielt ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepreßte kleine Hand halb scheu noch, halb lachend entgegen.
»Schelten Sie mich -- schelten Sie mich _recht_ aus, Señorita,« rief da der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, »ich bin ein arger Thor, ja ich bin boshaft genug, mich gerade daran zu freuen, wenn ich die -- die mir die _liebsten_ sind, ärgern und quälen kann -- und zuletzt habe ich doch nur mich selber geschlagen, wie ein thörichtes Kind. -- Aber ich muß wahrlich fort,« setzte er dann rascher hinzu, »und in der Scheidestunde ist das Herz ja doch stets trüb und traurig und beschwört die Bilder herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten Welt.«
»Aber weshalb wollen Sie fort? -- was treibt Sie -- was treibt Sie so plötzlich aus unserer Mitte, aus einem Kreis von Freunden, der Ihnen -- zu Dank verpflichtet -- so gern noch beweisen möchte, wie -- wie werth Sie ihm sind« -- sagte die Jungfrau schüchtern und zuletzt mit leiser bewegter Stimme hinzu.
»Weshalb?« wiederholte Don Gaspar tonlos, und schaute rasch und forschend zu dem Mädchen auf -- »weshalb? -- ja, wie war mir denn, weshalb kam ich doch -- ach -- Ihr Vater -- ja doch -- ist Mr. Newland nicht zu Hause? -- _er_ wird mir die Auskunft geben können.«
»Weshalb Sie fort von uns müssen,« sagte Jenny wehmüthig lächelnd und den Kopf schüttelnd, »o Sie wunderlicher Mann, wie läge das in seinen Kräften, und wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll, der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund geworden?« --
Don Gaspar schüttelte traurig mit dem Kopf.
»Glauben Sie das nicht, Señorita -- was hätte Don Guillelmo an dem wilden, launischen Gesellen, der unstät wie ein Frühlingstag, bald seine Nachsicht, bald sein Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn ärgerte und reizte in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird den Fremdling bald vergessen, den einst die gütige Vorsehung wohl einmal benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge noch länger auf dieser Erde zu halten, den Seinen zum Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o, recht weit von hier fort sein sollte -- und es auch wäre -- hielten ihn nicht Banden -- heilige, feste Banden.« --
»Heilige Banden?« rief Jenny rasch und erschreckt emporfahrend, und den Blick mit durchbohrender Schärfe auf ihn heftend -- »feste Banden? -- Sie?« --
»_Banden?_« wiederholte der Spanier und sein Geist sprang augenscheinlich auf dem Wort ab, nach anderer Richtung hin -- »mich? -- nein -- noch nicht, hahaha -- sie waren nicht schlau genug dazu.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte das Mädchen, und das Blut schoß ihr in Strömen in die Schläfe, und färbte ihr Wangen und Nacken.
Don Gaspar schwieg erschreckt -- fast instinktartig fühlte er, daß er wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er fürchtete fast eben so, es zu widerrufen. Schweigend stand er dem holden Mädchen einige Sekunden gegenüber, jetzt zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete sein Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zügen, und er sah, wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen Wimpern zwei große, schwere Thränen zitterten und langsam niedertropften.
»Jenny,« sagte er da weich und leise, und ihr näher tretend, ergriff er wieder ihre Hand -- »ich habe Sie wohl recht gekränkt mit meinen harten, ungestümen Worten -- und -- ich war doch hergekommen aus einem ganz, ganz anderen Grunde -- weshalb? weiß ich mir eigentlich selber keine Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute die Stadt noch nicht, aber mir war, als ob ich _vor_ der nächsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher Entscheidung mein wartet, _Ihr_ holdes Antlitz noch einmal sehen, den Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele prägen _müsse_, sollte ich im Stande sein, zu ertragen, was -- was nun eben der wunderliche Herr Gott da droben über mich auszuschütteln im Begriff ist, und dann --« er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte einen leisen, leisen Kuß darauf -- »mit leichtem Muth der nächsten Zeit zu begegnen. Ich glaubte mich _durch_ diesen Augenblick gegen Alles gewappnet, und -- finde nun, daß ich mich bös, o, bös geirrt.« --
»Halloh, Kinder!« rief in diesem Augenblick eine fröhliche Stimme, und der alte Mr. Newland stand in der geöffneten Thür, die traurige Gruppe der Beiden, die ihn gar nicht kommen gehört, halb erstaunt, halb lachend betrachtend.
Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bösen That betroffen worden, und wurde todtenbleich, Don Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem alten Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:
»Sie kommen wie gerufen, lieber Señor, mir liegt etwas auf dem Herzen, daß ich nicht länger allein tragen kann und will, und Sie gerade sind der Mann --«
»Segne meine Seele!« unterbrach ihn aber der Alte mit lautem Lachen, »wenn der nicht mit Leesegeln an beiden Seiten vor dem Winde, zehn Knoten die Stunde geht, offene See und keine Leeküste, o! -- aber darauf kommen wir nachher zurück, jetzt erst, Kinder, eine fröhliche Botschaft, daß ich die los werde, und nicht auseinanderspringe vor lauter Vergnügen -- Bill kommt.«
»Bill?« rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten Thränen hervorlächelnd, »aber wenn, Papa, wenn?«
»Übermorgen, morgen vielleicht schon!« rief der alte Mann fröhlich, »der Dampfer hat das Schiff an der Küste, gar nicht weit vom Hafen mehr getroffen, und wenn der Wind nur noch ein wenig aufräumt, können sie vielleicht morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln lassen. -- Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, Señor, den Sie retteten, und einen warmen, dankbaren Freund werden Sie an dem finden.«
Zwei Reiter galoppirten die Straße hinab -- es war Polizei, und Don Gaspar schaute ihnen lächelnd nach -- er hörte gar nicht, was der alte Herr in seiner Herzensfreude zu ihm gesagt hatte.
»Und du warst am Bord des Dampfers, Väterchen?« frug die Jungfrau, froh, einem Gespräch enthoben zu sein, das ihr das Herz zusammen zu schnüren gedroht -- »hatten sie Bills Schiff signalisirt?«