Der violette Tod, und andere Novellen
Chapter 4
Das Fieber
Alchimist: Wer bist du, trübes Ding im Glase hier, sag an. Der Stoff in der Retorte: #Ater corvus sum.#
Es war einmal ein Mann, den verdroß die Welt so sehr, daß er beschloß, im Bette liegen zu bleiben. Jedesmal, wenn er aufwachte, wälzte er sich auf die andere Seite, und so gelang es ihm, jedesmal noch ein bißchen weiterzuschlafen.
Aber eines Tages ging es durchaus nicht mehr. Es ging nicht mehr und ging nicht mehr.
Da lag der Mann im Bette und blieb ganz unbeweglich, aus Furcht, es werde ihn frösteln, wenn er seine Lage verändere.
Von seinem Kopfkissen aus war er gezwungen, durch das Fenster ins Freie zu sehen, und eben jetzt, wo er ganz ausgeschlafen war, ging es dem Sonnenuntergang zu.
Eine breite, goldgelbe Wunde klaffte quer über den Himmel unter einem dunkeln Wolkenkopf hervor.
Es geht nicht an, gerade um diese unglückselige Stunde herum aufzustehen, sagte der Mann zähneklappernd -- und fürchtete sich noch mehr vor dem Frösteln als vorher -- auch für einen, den das Leben nicht so verdrießt, wie mich.
Elend stierte er wieder in das Abendgelb unter dem glimmenden Nebelsaum.
Eine schwarze Wolke hatte sich losgetrennt, wie ein geschwungener Flügel geformt, mit befiedertem Rand.
Da kroch langsam im Hirn des Mannes -- mit den flaumigen Umrissen eines pelzigen Muffs eine Erinnerung an einen Traum aus ihrer Höhle heraus. An einen Traum von einem Raben, der ein Herz ausgebrütet.
Und die ganze Zeit seines Schlafes über hatte er sich mit diesem Traum herumgeschlagen. Dessen war sich der Mann jetzt deutlich bewußt.
Ich muß es herausbekommen, wem dieser Flügel gehört, sagte er, stieg im Hemd aus dem Bett -- und die Treppe hinunter auf die Straße. Immer weiter ging er so, immer dem Sonnenuntergang zu.
Die Leute aber, denen er begegnete, raunten: »Pst, pst, leise, leise, er träumt doch alles bloß!«
Nur der beeidete Hostienbäcker Vrieslander glaubte sich einen Spaß machen zu dürfen. Er stellte sich ihm in den Weg, spitzte den Mund und machte runde Augen wie ein Fisch. Sein dünner Schneiderbart schien noch gespenstischer als sonst. Mit den magern Armen und Fingern machte er eine verrenkte sinnlose Geste und verdrehte die Beine ganz seltsam. »Ssst, ssst, nur gemach, hörst du,« flüsterte er dem Manne giftig zu, »ich bin das Kichern, weißt du, das Kich...« und schnellte plötzlich das spitze Knie zur Brust empor, riß den Mund auf und wurde bleifarben im Gesicht, als habe ihn mitten in seiner tänzelnden Stellung der Tod ereilt.
Dem Manne im Hemde sträubte sich das Haar vor Grauen, und er lief aus der Stadt hinaus. -- -- Über Wiesen und Stoppelfelder, immer dem Sonnenuntergange zu, und immer mit bloßen Füßen.
Zuweilen trat er auf einen Frosch.
-- -- -- -- Erst in der Nacht, als sich längst der glühende Riß am Himmel wieder geschlossen, erreichte er die weiße, langgestreckte Mauer, hinter der der Wolkenfittich verschwunden war.
Er setzte sich auf einen kleinen Hügel. Ich bin hier auf dem Friedhof, je nun, sagte er sich und sah um sich, je nun, das kann ein arger Kitsch werden. Aber ich muß doch erfahren, wem der Flügel eigentlich gehört!
Als die Nacht vorrückte, wurde ihr Schein allmählich heller, und der Mond kroch langsam über die Mauer. Eine gewisse Art dämmernden Erstaunens legte sich an den Himmel.
Wie der Mondglanz grell auf den Flächen schwamm, schlüpften hinter den Grabsteinen, an den Seiten, die dem Licht abgewandt waren, blauschwarze Vögel aus der Erde und flogen lautlos in Scharen auf die kalkbetünchte Mauer.
Dann lag eine lange Zeit eine leichenhafte Unbeweglichkeit auf allem.
Es ist der dunkle Wald in der Ferne, der aus den Nebeln taucht, natürlich, und in der Mitte der runde Kopf: das ist der Hügel mit seinen Bäumen, träumte der Mann im Hemde, doch als seine Augen schärfer sahen, da war es ein riesiger Rabe, der mit ausgespannten Schwingen auf der anderen Mauer saß.
Ah, der Flügel -- besann sich der Mann und war sehr zufriedengestellt, der Flügel -- -- -- Und der Vogel brüstete sich: »Ich bin der Rabe, der die Herzen ausbrütet. Wenn einem Menschen ein Sprung am Herzen geschieht, so fahren sie ihn schnell heraus zu mir.« Dann flog er von der Mauer herab auf einen Marmorstein, und der Wind von seinem Flügelschlag roch wie verwelkte Blumen.
Unter dem Marmorstein aber lag einer seit heute morgen bei seiner Familie.
Der Mann im Hemde buchstabierte einen Namen und wurde sehr neugierig, was für ein Vogel aus diesem gesprungenen Herzen kriechen werde, denn der Verstorbene war ein bekannter Menschenfreund gewesen, hatte sein ganzes Leben für Aufklärung gewirkt, nur Gutes getan und gesprochen, die Bibel gereinigt und erhebende Bücher geschrieben. Seine Augen schlicht und ohne Falsch -- wie Spiegeleier, -- stets hatten sie Wohlwollen gestrahlt im Leben, und auch jetzt noch im Tode stand:
»Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit vom Weg des Rechten ab«
in goldenen Lettern auf seiner Gruft.
Der Mann im Hemde war sehr gespannt. Aus dem Grabe drang leises Knistern, wie sich der junge Vogel aus dem Herzen löste -- und da flog's auch schon -- pechschwarz -- mit Gekrächz hinauf zu den andern auf die Mauer.
»Das war aber doch wirklich vorauszusehen; -- oder? Haben Euer Liebden vielleicht ein Rebhuhn erwartet?« spottete der Rabe.
»Etwas Weißes hat er doch,« sagte der Mann verbissen, und meinte damit eine leichte helle Feder, die deutlich abstand.
Der Rabe lachte. »Der Gänseflaum? -- Der ist doch nur angeklebt. Vom Daunenkissen, worauf der Tote immer schlief!« und weiter flog er von Grab zu Grab und brütete da und brütete dort, und überall wurde es flügge und kam schwarz aus dem Boden geflattert.
»Alle, alle sind sie schwarz?« fragte der Mann beklommen nach einer Weile.
»Alle, alle sind sie schwarz!« brummte der Rabe.
Da bereute der Mann im Hemde, daß er nicht in seinem Bette geblieben war.
Und wie er empor zum Himmel blickte, standen die Sterne voll Tränen und blinzelten. Nur der Mond glotzte vor sich hin und begriff nicht.
Auf einem Kreuz aber saß mit einemmal regungslos ein Rabe, der glänzte schneeweiß. Und es schien, als käme all der Schimmer der Nacht von ihm. Der Mann sah ihn erst, als er zufällig den Kopf nach ihm wandte. Auf dem Kreuz die Inschrift nannte den Namen eines, der war ein Müßiggänger gewesen ein Leben lang.
Der Mann im Hemde kannte ihn gut. Und er sann lange nach.
»Welche Tat hat denn sein Herz so weiß gemacht?« fragte er endlich.
Der schwarze Rabe aber war mürrisch und mühte sich unablässig, über seinen eigenen Schatten zu springen.
»Welche Tat, welche Tat, welche Tat?« quälte der Mann ruhelos.
Da fuhr der Rabe zornig auf: »Glaubst du, Taten können weiß machen? Du... Du... kannst ja nicht einmal eine Tat tun! -- Eher spränge ich noch über meinen Schatten. Der morsche Hampelmann auf dem kleinen Grab -- siehst du ihn? er gehörte einst dem Kinde dort unten -- der morsche Hampelmann glaubte auch eine lange Zeit, er fuchtle in der Welt herum. Weil er die Schnüre nicht sah, an denen er hing, und es nicht wahr haben wollte, daß ein Kind mit ihm spiele. Und du!? Und du!? Was glaubst du wohl, wird mit dir sein, wenn das -- -- >Kind< ein anderes Spielzeug sucht! -- Wirst alle viere von dir strecken und ver-- -- --«, der Rabe blinzelte listig zur Mauer hin, -- »und ver-- -- --«
»-- -- --recken!« krächzte die Rabenschar, fröhlich, daß sie auch einmal dran kam.
Da erschrak der Mann im Hemde ganz außerordentlich.
»Und was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht? Hörst du denn nicht -- was denn sonst hat sein Herz so weiß gemacht?« fragte er.
Unschlüssig trat der Rabe von einem Bein aufs andere: »Es muß wohl die Sehnsucht gewesen sein. Die Sehnsucht nach etwas Verborgenem, das ich nicht kenne und auf der Erde nirgends gefunden habe. Wir alle sahen seine Sehnsucht wachsen wie ein Feuer und begriffen es nicht; -- es verbrannte sein Blut und endlich sein Hirn -- -- wir begriffen es nicht -- --«
Den Mann im Hemde faßte es eiskalt an: -- -- -- -- Es Schien Das Licht In Der Finsternis, Und Die Finsternisse Haben Es Nicht Begriffen -- --!
-- -- -- »ja, wir begriffen es nicht,« fuhr der Rabe fort, »doch einer der gigantischen schimmernden Vögel, die im Weltenraume unbeweglich schweben seit Anbeginn, erspähte die flammende Lohe und stieß herab. -- Wie Weißglut. Und er hat auf jenes Menschen Herz gebrütet Nacht um Nacht.«
Scharfe Bilder traten dem Mann im Hemde vor das Auge, Bilder, die in seinem Gedächtnis nicht hatten sterben können -- Geschehnisse im Schicksal des Müßiggängers, die immer noch von Mund zu Mund gingen unter den Leuten: -- Er sah jenen Menschen unter dem Galgen stehen -- -- der Henker zog ihm die leinene Maske übers Gesicht -- -- die Feder, die das Brett unter den Füßen des armen Sünders kippen sollte, weigerte sich -- da führten sie ihn weg und rückten das Brett zurecht.
Und wieder ordnete der Henker die leinene Maske -- -- und wieder versagte die Feder. Und als nach einem Monat abermals der Mensch dort stand, die leinene Maske über den Augen -- -- da brach die Feder.
Die Richter aber ergrimmten und bissen die Zähne zusammen über -- -- den Zimmermann, der den Galgen so schlecht gezimmert hatte.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Dann verschwand die Vision. --
»Und was ist aus dem Menschen geworden?« fragte voll Grauen der Mann im Hemde.
»Ich habe sein Fleisch gefressen und seine Gebeine, die Erde ist kleiner geworden um das Stück, das sein Leib groß war,« sagte der weiße Rabe.
»Ja, ja,« flüsterte der schwarze, »sein Sarg ist leer, er hat das Grab betrogen.«
-- -- Das hörte der Mann, und sein Haar sträubte sich, er zerriß sein Hemd über der Brust und lief hin zu dem weißen Vogel, der auf dem Kreuze saß: »Brüte mein Herz, brüte mein Herz! Mein Herz ist voll Sehnsucht -- -- --!«
Doch der schwarze Rabe warf ihn mit den Schwingen zur Erde und setzte sich schwer auf ihn -- -- die Luft roch nach sterbenden Blumen -- -- »Daß Euer Liebden nur nicht irren: Gier und nicht Sehnsucht schläft in Euer Liebden Herz! Ja, das möchte mancher gerne probieren vor dem Kre-- -- --,« listig blinzelte er zur Mauer hin, »-- vor dem Kre-- -- --?«
»-- -- --pieren!« pfiff die Rabenschar, entzückt, daß sie schon wieder dran kam.
-- Die Hitze seines Leibes ist fremdartig und erregend wie das Fieber, fühlte der Mann, dann zerflatterte sein Bewußtsein.
Als er nach langem Schlaf erwachte, da stand der Mond gerade im Zenit und starrte ihm ins Gesicht.
Der Glanz hatte die Schatten getrunken und troff an den Steinen herab von allen Seiten.
Die schwarzen Raben waren fortgeflogen.
Noch hatte der Mann ihr hämisches Gekrächz in den Ohren und verdrossen stieg er über die Mauer in sein Bett.
Schon stand da auch im schwarzen Rock der Herr Medizinalrat, faßte seinen Puls, schloß die Augen hinter der goldenen Brille und babbelte lang und unhörbar mit der Unterlippe. Suchte dann umständlich in seinem Taschenbuch und schrieb auf einen Zettel heraus:
#Rp: Cort. chin. reg. rud. tus 3beta coque c. suff. quant. vini rubri, per horam j ad colat 3viij cum hac inf. herb. abs. 3j postea solve acet. lix 3j tunc adde syr. cort. aur 3beta M. d. ad vitr. s.# 3 mal täglich ein Eßlöffel.
Und als er damit fertig war, schritt er mit Weihe zur Türe, sah noch einmal zurück und sagte geheimnisvoll, den Zeigefinger würdig erhoben: »Gögön das Fübör, gögön das Fübör.«
Der violette Tod
Der Tibetaner schwieg.
Die magere Gestalt stand noch eine Zeitlang aufrecht und unbeweglich, dann verschwand sie im Dschungel.
Sir Roger Thornton starrte ins Feuer: Wenn er kein Sannyasin -- kein Büßer -- gewesen wäre, der Tibetaner, der überdies nach Benares wallfahrtete, so hätte er ihm natürlich kein Wort geglaubt -- aber ein Sannyasin lügt weder, noch kann er belogen werden.
Und dann dieses tückische, grausame Zucken im Gesichte des Asiaten!?
Oder hat ihn der Feuerschein getäuscht, der sich so seltsam in den Mongolenaugen gespiegelt?
Die Tibetaner hassen den Europäer und hüten eifersüchtig ihre magischen Geheimnisse, mit denen sie die hochmütigen Fremden einst zu vernichten hoffen, wenn der große Tag heranbricht.
Einerlei, er, Sir Hannibal Roger Thornton, muß mit eigenen Augen sehen, ob okkulte Kräfte tatsächlich in den Händen dieses merkwürdigen Volkes ruhen. Aber er braucht Gefährten, mutige Männer, deren Wille nicht bricht, auch wenn die Schrecken einer anderen Welt hinter ihnen stehen.
Der Engländer musterte seine Gefährten: -- Dort der Afghane wäre der einzige, der in Betracht käme von den Asiaten -- furchtlos wie ein Raubtier, doch abergläubisch!
Es bleibt also nur sein europäischer Diener.
Sir Roger berührt ihn mit seinem Stock. -- Pompejus Jaburek ist seit seinem zehnten Jahre völlig taub, aber er versteht es, jedes Wort, und sei es noch so fremdartig, von den Lippen zu lesen.
Sir Roger Thornton erzählt ihm mit deutlichen Gesten, was er von dem Tibetaner erfahren: Etwa zwanzig Tagereisen von hier, in einem genau bezeichneten Seitentale des Himavat, befinde sich ein ganz seltsames Stück Erde. -- Auf drei Seiten senkrechte Felswände; -- der einzige Zugang abgesperrt durch giftige Gase, die ununterbrochen aus der Erde dringen und jedes Lebewesen, das passieren will, augenblicklich töten. -- In der Schlucht selbst, die etwa fünfzig englische Quadratmeilen umfaßt, solle ein kleiner Volksstamm leben -- mitten unter üppigster Vegetation --, der der tibetanischen Rasse angehöre, rote, spitze Mützen trage und ein bösartiges satanisches Wesen in Gestalt eines Pfaues anbete. -- Dieses teuflische Wesen habe die Bewohner im Laufe der Jahrhunderte die schwarze Magie gelehrt und ihnen Geheimnisse geoffenbart, die einst den ganzen Erdball umgestalten sollen; so habe es ihnen auch eine Art Melodie beigebracht, die den stärksten Mann augenblicklich vernichten könne.
Pompejus lächelte spöttisch.
Sir Roger erklärt ihm, daß er gedenke, mit Hilfe von Taucherhelmen und Tauchertornistern, die komprimierte Luft enthalten sollen, die giftigen Stellen zu passieren, um ins Innere der geheimnisvollen Schlucht zu dringen.
Pompejus Jaburek nickte zustimmend und rieb sich vergnügt die schmutzigen Hände.
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Der Tibetaner hatte nicht gelogen: dort unten lag im herrlichsten Grün die seltsame Schlucht; ein gelbbrauner, wüstenähnlicher Gürtel aus lockerem, verwittertem Erdreich -- von der Breite einer halben Wegstunde -- schloß das ganze Gebiet gegen die Außenwelt ab.
Das Gas, das aus dem Boden drang, war reine Kohlensäure.
Sir Roger Thornton, der von einem Hügel aus die Breite dieses Gürtels abgeschätzt hatte, entschloß sich, bereits am kommenden Morgen die Expedition anzutreten. -- Die Taucherhelme, die er sich aus Bombay hatte schicken lassen, funktionierten tadellos.
Pompejus trug beide Repetiergewehre und diverse Instrumente, die sein Herr für unentbehrlich hielt.
Der Afghane hatte sich hartnäckig geweigert mitzugehen und erklärt, daß er stets bereit sei, in eine Tigerhöhle zu klettern, sich es aber sehr überlegen werde, etwas zu wagen, was seiner unsterblichen Seele Schaden bringen könne. -- So waren die beiden Europäer die einzigen Wagemutigen geblieben.
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Die kupfernen Taucherhelme funkelten in der Sonne und warfen wunderliche Schatten auf den schwammartigen Erdboden, aus dem die giftigen Gase in zahllosen, winzigen Bläschen aufstiegen. -- Sir Roger hatte einen sehr schnellen Schritt eingeschlagen, damit die komprimierte Luft ausreiche, um die gasige Zone zu passieren. -- Er sah alles vor sich in schwankenden Formen wie durch eine dünne Wasserschicht. -- Das Sonnenlicht schien ihm gespenstisch grün und färbte die fernen Gletscher -- das »Dach der Welt« mit seinen gigantischen Profilen -- wie eine wundersame Totenlandschaft.
Er befand sich mit Pompejus bereits auf frischem Rasen und zündete ein Streichholz an, um sich vom Vorhandensein atmosphärischer Luft in allen Schichten zu überzeugen. -- Dann nahmen beide die Taucherhelme und Tornister ab.
Hinter ihnen lag die Gasmauer wie eine bebende Wassermasse. -- In der Luft ein betäubender Duft wie von Amberiablüten. Schillernde handgroße Falter, seltsam gezeichnet, saßen mit offenen Flügeln wie aufgeschlagene Zauberbücher auf stillen Blumen.
Die beiden schritten in beträchtlichem Zwischenraume voneinander der Waldinsel zu, die ihnen den freien Ausblick hinderte.
Sir Roger gab seinem tauben Diener ein Zeichen -- er schien ein Geräusch vernommen zu haben. -- Pompejus zog den Hahn seines Gewehres auf.
Sie umschritten die Waldspitze, und vor ihnen lag eine Wiese. -- Kaum eine viertel englische Meile vor ihnen hatten etwa hundert Mann, offenbar Tibetaner, mit roten spitzen Mützen einen Halbkreis gebildet: -- man erwartete die Eindringlinge bereits. -- Furchtlos ging Sir Roger -- einige Schritte seitlich vor ihm Pompejus -- auf die Menge zu.
Die Tibetaner waren in die gebräuchlichen Schaffelle gekleidet, sahen aber trotzdem kaum wie menschliche Wesen aus, so abschreckend häßlich und unförmlich waren ihre Gesichter, in denen ein Ausdruck furchterregender und übermenschlicher Bosheit lag. -- Sie ließen die beiden nahe herankommen, dann hoben sie blitzschnell, wie ein Mann, auf das Kommando ihres Führers die Hände empor und drückten sie gewaltsam gegen ihre Ohren. -- Gleichzeitig schrien sie etwas aus vollen Lungen.
Pompejus Jaburek sah fragend nach seinem Herrn und brachte die Flinte in Anschlag, denn die seltsame Bewegung der Menge schien ihm das Zeichen zu irgendeinem Angriff zu sein. -- Was er nun wahrnahm, trieb ihm alles Blut zum Herzen:
Um seinen Herrn hatte sich eine zitternde wirbelnde Gasschicht gebildet, ähnlich der, die beide vor kurzem durchschritten hatten. -- Die Gestalt Sir Rogers verlor die Konturen, als ob sie von dem Wirbel abgeschliffen würden, -- der Kopf wurde spitzig -- die ganze Masse sank wie zerschmelzend in sich zusammen, und an der Stelle, wo sich noch vor einem Augenblick der sehnige Engländer befunden hatte, stand jetzt ein hellvioletter Kegel von der Größe und Gestalt eines Zuckerhutes.
Der taube Pompejus wurde von wilder Wut geschüttelt. -- Die Tibetaner schrien noch immer, und er sah ihnen gespannt auf die Lippen, um zu lesen, was sie eigentlich sagen wollten.
Es war immer ein und dasselbe Wort. -- Plötzlich sprang der Führer vor, und alle schwiegen und senkten die Arme von den Ohren. -- Gleich Panthern stürzten sie auf Pompejus zu. -- Dieser feuerte wie rasend aus seinem Repetiergewehr in die Menge hinein, die einen Augenblick stutzte.
Instinktiv rief er ihnen das Wort zu, das er vorher von ihren Lippen gelesen hatte: »Ämälän --. Äm--mä--län,« brüllte er, daß die Schlucht erdröhnte wie unter Naturgewalten.
Ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles wie durch starke Brillen, und der Boden drehte sich unter ihm. -- Es war nur ein Moment gewesen, jetzt sah er wieder klar.
Die Tibetaner waren verschwunden -- wie vorhin sein Herr --; nur zahllose violette Zuckerhüte standen vor ihm.
Der Anführer lebte noch. Die Beine waren bereits in bläulichen Brei verwandelt, und auch der Oberkörper fing schon an zu schrumpfen -- es war, als ob der ganze Mensch von einem völlig durchsichtigen Wesen verdaut würde. -- Er trug keine rote Mütze, sondern ein mitraähnliches Gebäude, in dem sich gelbe lebende Augen bewegten.
Jaburek schmetterte ihm den Flintenkolben an den Schädel, hatte aber nicht verhindern können, daß ihn der Sterbende mit einer im letzten Moment geschleuderten Sichel am Fuße verletzte.
Dann sah er um sich. -- Kein lebendes Wesen weit und breit.
Der Duft der Amberiablüten hatte sich verstärkt und war fast stechend geworden. -- Er schien von den violetten Kegeln auszugehen, die Pompejus jetzt besichtigte. -- Sie waren einander gleich und bestanden alle aus demselben hellvioletten gallertartigen Schleim. Die Überreste Sir Roger Thorntons aus diesen violetten Pyramiden herauszufinden, war unmöglich.
Pompejus trat zähneknirschend dem toten Tibetanerführer ins Gesicht und lief dann den Weg zurück, den er gekommen war. -- Schon von weitem sah er im Gras die kupfernen Helme in der Sonne blitzen. -- Er pumpte seinen Tauchertornister voll Luft und betrat die Gaszone. -- Der Weg wollte kein Ende nehmen. Dem Armen liefen die Tränen über das Gesicht -- Ach Gott, ach Gott, sein Herr war tot. -- Gestorben, hier, im fernen Indien! -- Die Eisriesen des Himalaja gähnten gen Himmel -- was kümmerte sie das Leid eines winzigen pochenden Menschenherzens? -- -- -- -- -- -- --
Pompejus Jaburek hatte alles, was geschehen war, getreulich zu Papier gebracht, Wort für Wort, so wie er es erlebt und gesehen hatte -- denn verstehen konnte er es noch immer nicht --, und es an den Sekretär seines Herrn nach Bombay, Adheritollahstraße 17, adressiert. -- Der Afghane hatte die Besorgung übernommen. -- Dann war Pompejus gestorben, denn die Sichel des Tibetaners war vergiftet gewesen.
»Allah ist das Eins und Mohammed ist sein Prophet,« betete der Afghane und berührte mit der Stirne den Boden. -- Die Hindujäger hatten die Leiche mit Blumen bestreut und unter frommen Gesängen auf einem Holzstoße verbrannt. -- -- -- --
Ali Murrad Bei, der Sekretär, war bleich geworden, als er die Schreckensbotschaft vernahm, und hatte das Schriftstück sofort in die Redaktion der »Indian Gazette« geschickt.
Die neue Sintflut brach herein.
Die »Indian Gazette«, die die Veröffentlichung des »Falles Sir Roger Thornton« brachte, erschien am nächsten Tage um volle drei Stunden später als sonst. -- Ein seltsamer und schreckenerregender Zwischenfall trug die Schuld an der Verzögerung:
Mr. Birendranath Naorodjee, der Redakteur des Blattes, und zwei Unterbeamte, die mit ihm die Zeitung vor der Herausgabe noch mitternachts durchzuprüfen pflegten, waren aus dem verschlossenen Arbeitszimmer spurlos verschwunden. Drei bläuliche gallertartige Zylinder standen statt dessen auf dem Boden, und mitten zwischen ihnen lag das frischgedruckte Zeitungsblatt. -- Die Polizei hatte kaum mit bekannter Wichtigtuerei die ersten Protokolle angefertigt, als zahllose ähnliche Fälle gemeldet wurden.
Zu Dutzenden verschwanden die zeitunglesenden und gestikulierenden Menschen vor den Augen der entsetzten Menge, die aufgeregt die Straßen durchzog. -- Zahllose violette kleine Pyramiden standen umher, auf den Treppen, auf den Märkten und Gassen -- wohin das Auge blickte.
Ehe der Abend kam, war Bombay halb entvölkert. Eine amtliche sanitäre Maßregel hatte die sofortige Sperrung des Hafens, wie überhaupt jeglichen Verkehrs nach außen verfügt, um eine Verbreitung der neuartigen Epidemie, denn wohl nur um eine solche konnte es sich hier handeln, möglichst einzudämmen. -- Telegraph und Kabel spielten Tag und Nacht und schickten den schrecklichen Bericht, sowie den ganzen Fall »Sir Roger Thornton« Silbe für Silbe über den Ozean in die weite Welt.
Schon am nächsten Tage wurde die Quarantäne, als bereits verspätet, wieder aufgehoben.
Aus allen Ländern verkündeten Schreckensbotschaften, daß der »violette Tod« überall fast gleichzeitig ausgebrochen sei und die Erde zu entvölkern drohe. Alles hatte den Kopf verloren, und die zivilisierte Welt glich einem riesigen Ameisenhaufen, in den ein Bauernjunge seine Tabakspfeife gesteckt hat.
In Deutschland brach die Epidemie zuerst in Hamburg aus; Österreich, in dem ja nur Lokalnachrichten gelesen werden, blieb wochenlang verschont.