Der violette Tod, und andere Novellen
Chapter 2
Und fiel das Urteil, so würde er sich erhenken -- bei der nächsten besten Gelegenheit -- und sein Traum wäre in Erfüllung gegangen, den er in der ersten Nacht in diesen verfluchten Mauern gehabt.
Seine drei Gefährten lagen schon lange still; -- sie hatten nichts Neues zu hoffen, daß sie wach geblieben wären, und die langen Freiheitsstrafen kürzt nur der Schlaf. -- Er aber konnte nicht schlafen, seine trübe Zukunft und trübe Bilder der Erinnerung zogen an ihm vorbei: anfangs, als er noch ein paar Kreuzer besaß, hatte er sein Los verbessern, sich hie und da eine Wurst und etwas Milch, manchmal einen Kerzenstummel kaufen können, solange er mit Untersuchungsgefangenen beisammen bleiben durfte. -- Später hatte man ihn zu den Sträflingen gesteckt, aus Bequemlichkeitsgründen -- und in diesen Zellen wird es bald Nacht -- auch in der Seele.
Den ganzen langen Tag sitzt man und brütet vor sich hin, die Ellbogen auf die Knie gestützt -- nur ab und zu eine Unterbrechung, wenn der Schließer die Tür öffnet und ein Sträfling schweigend den Wasserkrug bringt oder die Blechtöpfe mit den gekochten Erbsen.
Da hatte er stundenlang gegrübelt, wer den Mord wohl mochte begangen haben, und immer klarer war es ihm geworden, daß nur sein Bruder der Täter sein könnte. -- Der Bursche war nicht umsonst so schnell verschwunden.
Dann dachte er wieder an die morgige Gerichtsverhandlung und den Advokaten, der ihn verteidigen sollte.
Er hielt nicht viel von ihm. Der Mann war immer so zerstreut gewesen und hatte nur mit halbem Ohr zugehört und so devot wie möglich gekatzenbuckelt, wenn der Untersuchungsrichter hinzugetreten war. -- Aber offenbar gehörte das schon so mit dazu.
Jürgen hörte noch von weitem das Rasseln der Droschke, die immer um dieselbe Stunde am Gerichtsgebäude vorbeifuhr. -- Wer wohl darin sitzen mochte? -- Ein Arzt -- ein Beamter vielleicht. -- Wie scharf die Hufeisen auf dem Pflaster klangen.
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Die Geschworenen hatten Jürgen freigesprochen, -- -- aus Mangel an Beweisen -- und jetzt ging er zum letzten Male hinunter in die Zelle.
Die drei Sträflinge sahen stumpf zu, wie er mit zitternden Händen einen alten Kragen am Hemde befestigte und seinen dünnen schäbigen Sommeranzug anlegte, den ihm der Aufseher hereingebracht hatte. -- Die Zuchthauskleider, in denen er acht Monate gelitten, warf er mit einem Fluche unter die Bank. -- Dann mußte er in die Kanzlei beim Eingangstor -- der Kerkermeister schrieb etwas in ein Buch und ließ ihn frei.
Es kam ihm alles so fremd vor auf der Straße: die eiligen Menschen, die gehen durften, wohin sie wollten, und das so selbstverständlich fanden -- und der eisige Wind, der einen fast umwarf.
Vor Schwäche mußte er sich an einem Alleebaum halten, und sein Blick fiel auf die steinerne Aufschrift über dem Torbogen:
»#Nemesis bonorum custos.#« -- Was das wohl heißen mag?
Die Kälte machte ihn müde; zitternd schleppte er sich zu einer Bank in den Parkgebüschen und schlief ermattet fast ohnmächtig ein.
Als er erwachte, lag er im Krankenhause -- man hatte ihm den linken Fuß amputiert, der ihm erfroren war. -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Aus Rußland waren zweihundert Gulden für ihn gekommen -- wohl von seinem Bruder, den das Gewissen gemahnt haben mochte, und Jürgen mietete ein billiges Gewölbe, um Singvögel zu verkaufen.
Er lebte kümmerlich und einsam und schlief hinter einem Bretterverschlag in seinem armseligen Laden.
Wenn des Morgens die Bauernkinder in die Stadt kamen, kaufte er ihnen die kleinen Vögel um einige Kreuzer ab, die sie in Schlingen und Fallen gefangen hatten, und steckte sie zu den übrigen in die schmutzigen Käfige. -- -- --
Von dem eisernen Haken in der Mitte des Gewölbes hing an vier Stricken befestigt ein altes Brett herab, auf dem ein räudiger Affe kauerte, den Jürgen von seinem Nachbarn -- dem Trödler -- gegen einen Nußhäher eingetauscht hatte.
Tag für Tag blieben die Schuljungen stundenlang vor dem blinden Fenster stehen und starrten den Affen an, der unruhig hin und her rückte und mürrisch die Zähne fletschte, wenn ein Käufer die Tür öffnete.
Nach ein Uhr kam gewöhnlich niemand mehr, und dann saß der Alte auf seinem Schemel, blickte trübselig auf sein hölzernes Bein und brütete vor sich hin, was wohl jetzt die Sträflinge machen möchten und der Herr Untersuchungsrichter, und ob der Advokat noch immer auf dem Bauch vor ihm läge.
Wenn dann ab und zu der Polizeibeamte, der in der Nähe wohnte, vorüberging, wäre er am liebsten aufgesprungen, um ihm ein paar mit der Eisenstange da über seine bunten Schandlappen zu hauen.
O Gott, daß doch das Volk einmal aufstünde und die Schurken erschlüge, die arme Teufel einfangen und für Taten bestrafen, die sie selbst insgeheim und mit Lust begehen.
An den Wänden übereinandergeschichtet standen die Käfige bis fast zur Decke, und die kleinen Vögel flatterten, wenn man ihnen zu nahe kam. -- Viele saßen ganz traurig und still und lagen frühmorgens mit eingesunkenen Augen tot auf den Rücken.
Jürgen warf sie dann achtlos in den Schmutzkübel -- sie kosteten ja nicht viel -- und da es Singvögel waren, hatten sie auch kein schönes Gefieder, das man noch hätte verwenden können.
Ruhig war es eigentlich im Laden nie -- ein ewiges Scharren und Kratzen und leises Piepsen -- doch das hörte der Alte nicht -- er war zu sehr daran gewöhnt. -- Auch der unangenehme faule Geruch störte ihn nicht weiter.
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Einmal hatte ein Student eine Elster verlangt, und als er fort war, bemerkte er Jürgen, dem an diesem Tage ganz eigentümlich zumute war, daß der Käufer ein Buch hatte liegen lassen.
Obwohl es deutsch war, wenn auch aus dem Indischen übersetzt, wie es auf dem Titelblatte hieß, verstand er doch so wenig davon, daß er den Kopf schütteln mußte. -- Nur eine Strophe las er immer wieder flüsternd durch, weil sie ihn so schwermütig stimmte:
Das ganze Sein ist flammend Leid. Wer dies mit weisem Sinne sieht, Wird bald des Leidensleben satt. Das ist der Weg zur Läuterung!
Als dann sein Blick auf die vielen kleinen Gefangenen fiel, die elend in den engen Käfigen saßen, zog es ihm das Herz zusammen und er fühlte mit ihnen, als ob auch er ein Vogel sei, der um seine verlorenen Fluren trauert.
Ein tiefer Schmerz zog in seine Seele, daß ihm die Tränen in die Augen traten. -- Er gab den Tieren frisches Wasser und schüttete ihnen neues Futter zu, was er sonst nur frühmorgens tat.
Dabei mußte er der grünen, rauschenden Wälder im goldenen Sonnenglanz gedenken, die er schon lange vergessen hatte wie alte Märchen aus früher Jugend.
Eine Dame in Begleitung eines Dieners, der ein paar Nachtigallen trug, störte ihn in seinen Erinnerungen.
»Ich habe diese Vögel bei Ihnen gekauft,« sagte sie, »da sie aber zu selten singen, müssen Sie mir sie blenden.«
»Was? blenden?« stotterte der Alte.
»Ja, -- blenden. -- Die Augen ausstechen oder brennen, oder wie man das macht. -- Sie als Vogelhändler müssen das doch besser verstehen. -- Sollten auch vielleicht ein paar eingehen, so schadet das nichts, ersetzen Sie mir die fehlenden Stücke einfach durch andere. -- Und schicken Sie sie mir bald zu. -- Meine Adresse wissen Sie doch? -- Adieu.«
Jürgen dachte noch lange nach und ging nicht schlafen.
Die ganze Nacht saß er auf seinem Schemel -- stand auch nicht auf, als der Nachbar -- der Trödler --, den es befremdete, daß der Laden so lange offen blieb, an die Fensterscheibe klopfte.
Er hörte es in der Dunkelheit in den Käfigen flattern und hatte die Empfindung, als ob kleine weiche Fittiche an sein Herz schlügen und um Einlaß bäten.
Als der Morgen graute, öffnete er die Tür, ging ohne Hut bis auf den öden Marktplatz und sah lange in den erwachenden Himmel.
Dann kehrte er still zurück in seinen Laden, machte langsam die Käfige auf -- einen nach dem andern -- und wenn ein Vogel nicht sogleich herausflog, holte er ihn mit der Hand aus dem Bauer.
Da flatterten sie in dem alten Gewölbe umher, alle die kleinen Nachtigallen, Zeisige und Rotkehlchen, bis Jürgen lächelnd die Tür öffnete und sie ins Freie, in die luftige, göttliche Freiheit ließ.
Er sah ihnen nach, bis er sie aus den Augen verlor, und dachte an die grünen, rauschenden Wälder im goldenen Sonnenglanz.
Den Affen band er los, nahm das Brett von der Decke, daß der große eiserne Haken freiwurde.
Den Strick, den er daran hängte, wand er zu einer Schlinge und legte sie sich um den Hals. -- Nochmals zog der Satz aus dem Buche des Studenten durch seinen Sinn, dann stieß er mit dem Stelzfuß den Schemel unter sich fort, auf dem er stand -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Das Automobil
»Sie erinnern sich meiner wohl gar nicht mehr, Herr Professor?! Zimt ist mein Name, Tarquinius Zimt; vor wenigen Jahren noch war ich Ihr Schüler in Physik und Mathematik --«
Der Gelehrte drehte die Visitkarte unschlüssig hin und her und heuchelte verlegen eine Miene des Wiedererkennens.
»-- und da ich gerade durch Greifswald komme, wollte ich die Gelegenheit, Ihnen einen Besuch abstatten zu können, nicht versäumen --«
(Einige Minuten verstrichen in peinlichem Stillschweigen.)
»-- -- ehüm -- -- -- nicht versäumen...«
Mißbilligend musterte der Professor den Lederanzug des jungen Mannes. »Sie sind wohl Walfischfänger?« fragte er mit leisem Spott und tippte seinem Besuch auf den Ärmel.
»Nein, Automobilist; ich selbst habe die bekannte Automobilmarke >Zimt< -- -- --«
»Also Schauspieler!« unterbrach ungeduldig der Gelehrte; »aber weshalb haben Sie denn früher Physik und Mathematik studiert? Wohl umgesattelt, junger Freund, umgesattelt!? Nun sehen Sie!«
»Aber keineswegs, Herr Professor, keineswegs. Im Gegenteil. Sozusagen im Gegenteil! Ich bin Konstrukteur von Automobilen -- -- von Motoren -- von Benzinmotoren, -- Ingenieur -- --!«
»Ah, Sie stellen die Phantasiebilder für die Kinematographen zusammen, ich verstehe. Aber das kann man doch nicht Ingenieur nennen!«
»Nein, nein, ich baue selber Automobile. Oder Kraftfahrzeuge, wenn Ihnen dieses Wort lieber ist. Wir verkaufen jährlich bereits -- -- --«
»Ich darf beide Namen, mein lieber Herr Zimt, Automobil und Kraftfahrzeug, nicht gelten lassen; denn weder kann so eine Maschine sich vom Fleck fortbewegen -- diese Bedeutung soll doch wohl im Worte Automobil liegen -- noch ist aus demselben Grunde der Ausdruck Fahrzeug zulässig,« sagte der Gelehrte.
»Wie meinen Sie das: >kann sich nicht vom Fleck fortbewegen<? Vielleicht nur noch zehn Jahre, und wir werden überhaupt kein anderes Landfuhrwerk mehr benutzen. Fabrik um Fabrik wächst aus dem Boden, und wenn es auch vielleicht in Greifswald noch kein Automobil gibt, so -- -- --«
»Sie sind ein Phantast, junger Mann, und verlieren den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen! Frönen Sie wohl gar dem Spiritismus? In der Tat wohl das bedauerlichste Zeichen unserer Zeit, immer wieder das Gespenst des Perpetuum mobile unerfreulicherweise sein häßliches Haupt erheben sehen zu müssen. Rein als ob die Lehrsätze der Physik gar nicht existierten. Traurig, fürwahr sehr traurig! Und auch Sie, obschon noch vor wenigen Jahren mein Schüler, konnten den klaren, besonnenen Weg unserer Wissenschaft verleugnen, um den schwülen Fieberphantasien roher, gedankenloser Empirie nachzujagen! Nun ja, mag wohl das heutige Treiben der Großstadt erschlaffend auf die Denkkraft unserer Jugend wirken, aber bis zum krassen Aberglauben, bis zur Wahnidee, man könne mittels Benzinmotoren einen Wagen von der Stelle bewegen, ist denn doch ein gewaltiger Schritt. So sollte man wenigstens glauben!« Und erregt putzte der Gelehrte seine Brillengläser.
Tarquinius Zimt war fassungslos.
»Aber um Gottes willen, Herr Professor! Sie werden doch nicht die Existenz der Motorwagen leugnen wollen. Heute, wo bereits viele Tausende im Verkehr sind! Wo jeder Monat eine Neuerung brachte. Ich selber bin doch mit meinem Automobil, einem fünfzigpferdekräftigen >Zimt<, den ich selber konstruiert und gebaut habe, von Florenz hierher gefahren! -- Wenn Sie einen Blick aus dem Fenster werfen wollen, können Sie es vor dem Haustor stehen sehen. Um Gottes willen! Ich sage nur: um Gottes willen!«
»Junger Freund, #omnia mea mecum porto#, wie der Lateiner so trefflich sagt. Ich sehe keinen zureichenden Grund, aus dem Fenster zu blicken; und weshalb auch -- trage ich doch den alles umfassenden mathematischen Verstand stets in mir. -- Dem schwankenden Boden der Sinneswahrnehmung sich anvertrauen? Sagt mir nicht mehr -- mehr, als die Sinne je vermögen -- die schlichte Formel, die jedes unmündige Schulkind begreift -- gewiß sind Sie ihrer noch aus der Studienzeit froh eingedenk! -- die Formel:
M = My * Integral von p*d*F*y
= 2*My*r*r * l * Integral von 0 bis Phi0 von p * d * Phi1
= 2*Pi* P * r * sin(Phi0) / (Phi0 + sin(Phi0)* cos(Phi0))
und so weiter! Nun sehen Sie?«
»Das hilft nun aber alles nichts,« antwortete gereizt der Ingenieur, »denn ich selber bin mit meinem Automobil von Florenz bis Greifswald -- bis vor Ihr Haus gefahren!«
»-- und wenn selbst die zitierte Formel nicht wäre,« fuhr der Gelehrte unbeirrt fort, »deren Ergebnis hinsichtlich des sogenannten zylindrischen Zapfens gewiß das noch günstigst Zulässige ist, indem die mit der Verminderung des Umschlingungsbogens der Lagerschale verknüpfte Steigerung der Flächenpressung nicht auf eine Erhöhung von My hinwirkt und, insoweit sie überhaupt zulässig erscheint, den Aufwand zur Überwindung der Reibung bei Phi_0 < Pi / 2 verringert, gäbe es noch eine Reihe wirksamer Einwürfe, deren jeder einzelne die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens -- --«
»Aber um Gottes willen, Herr Professor --«
»Pardon! -- -- -- die reine Möglichkeit denkbaren Gelingens in überaus in die Augen springender Weise entkräften müßte. Wie könnte es, um laienhaft zu sprechen, beispielsweise in das Bereich mechanischer Möglichkeiten verlegt werden, der durch die schnell aufeinanderfolgenden Benzingasgemischexplosionen in den Zylindern #a#, #b#, #c#, #d# stets anwachsenden beträchtlichen Erhitzung und hierdurch resultierenden Ausdehnung und wiederum hieraus sich ergebenden Anpressung an die Zylinderwände bis zur Unbeweglichkeit des metallischen Kolbenmaterials anders als durch immerwährende großmengige Zufuhr behufs ausreichender Kühlung stets neu zu beschaffenden Wasserquantitäten, was wiederum angesichts des verkehrten Verhältnisses des Gewichtes zum Krafteffekte des Motors das Resultat des Versuches im negativen Sinne klar zutage treten läßt, vorzubeugen? -- Fassen wir ferner -- -- --«
»Ich bin von Florenz bis Greifswald gefahren --,« warf verbissen der andere ein.
»-- -- fassen wir ferner unter Zugrundelegung der Formel:
P = (n/30)^2 * r (cos(Phi) ± r/e cos(2 * Phi)) (G_1 + G_2)
+ (n/30)^2 * r * G_3 cos (Phi)
ins Auge, daß durch Erzitterungen und sonstige der Ruhe des Ganges nachteilige Schwingungen infolge ihrer eigenartigen zur Wachrufung von Massenkräften unliebsame Veranlassung gebende Bewegungen von Maschinenteilen, in diesen, seien sie auch elastisch, fortgesetzt Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich -- -- --«
»Ich bin aber dennoch von Florenz bis Greifswald gefahren!«
»-- -- -- Formveränderungen vor sich gehen müssen, so ergibt sich -- -- -- --«
»Ich -- bin -- aber -- von -- Florenz bis Greifswald ge--fah--ren!«
Der Gelehrte warf einen verweisenden Blick über seine Brille auf den Sprecher. »Es könnte mich nichts hindern -- gestützt auf zwingende mathematische Formeln --, meinen Zweifel an Ihren Aussagen mit direkten Worten Ausdruck zu verleihen, doch ziehe ich es vor, nach Art der alten Griechen lieber alles Verletzende zu vermeiden, und will bloß, wie schon Parmenides, hervorheben, daß es dem Weisen nicht zukommt, seinen eigenen Sinnen, geschweige denn denen eines Fremden, irgendwelche Beweiskraft einzuräumen.«
Tarquinius Zimt dachte einen Augenblick nach, dann griff er in die Tasche und reichte dem Professor schweigend einige Photographien.
Dieser betrachtete sie nur flüchtig und sagte: »Nun, und Sie glauben, junger Freund, durch derlei Lichtbilder von scheinbar in Fahrt befindlichen Automobilen die Gesetze der Mechanik in Mißkredit bringen zu können!? -- Ich erinnere nur der Ähnlichkeit der Fälle wegen an die Abbildungen animistischer Phänomene durch Crookes, Lombroso, Ochorowicz, Mendelejeff! Wie genau versteht man heutzutage solche Photographien durch allerlei Kunstgriffe hinsichtlich des wahren Tatbestandes täuschend zu gestalten. Im übrigen, wußte nicht schon Heraklit, daß nach den Gesetzen der Logik ein abgeschossener Pfeil auf jedem mathematischen Punkte seiner Flugbahn sich in vollkommener Ruhe befindet? Nun, sehen Sie! Und mehr als das -- im übertragenen Sinne -- können auch im besten Falle Ihre Lichtbilder nicht beweisen.«
In den Augen des Ingenieurs glomm eine tückische Freude. »Gewiß werden Sie mir als Ihrem ehemaligen, Sie so sehr bewundernden Schüler, hochgeehrter Herr Professor, die Bitte aber nicht abschlagen,« sagte er mit heuchlerischer Miene, »mein vor Ihrem Hause stehendes Automobil wenigstens anzusehen?«
Der Gelehrte nickte gütig, und beide begaben sich auf die Straße.
Eine Menge Menschen umstand den Wagen.
Tarquinius Zimt zwinkerte seinem Chauffeur zu. »Ignaz! Der Herr Professor möchte unser Automobil besichtigen, zeigen Sie doch mal die Maschine.«
Der Mechaniker, in der Meinung, es handle sich um einen Verkauf des Wagens, begann eine Lobeshymne:
»Hundertfünfzig Kilometer können wir mit unserem >Zimt< machen, und von Florenz bis hierher haben wir nicht einen einzigen Defekt gehabt. Wir fahren -- --«
»Lassen Sie das nur, guter Mann,« wehrte der Professor überlegen ab.
Der Chauffeur klappte die Haube des Motors auf, daß die Maschine frei lag, und erklärte die Bestandteile.
»Wie bringen Sie, Herr Professor,« fragte Tarquinius Zimt mit verhaltenem Spott, »eigentlich die Tatsache, daß heute von den Fabriken Daimler, Benz, Dürkopp, Opel, Brasier, Panhard, Fiat und so weiter und so weiter Tausende solcher Wagen gebaut werden, mit Ihrer Behauptung, die Maschinen könnten unmöglich funktionieren, in Einklang? Übrigens, Ignaz, lassen Sie den Motor angehen!«
»In Einklang? Junger Freund, ich bin lediglich Fachgelehrter, und so interessant die Lösung dieser Frage einem Psychologen dünken mag, so wenig, ich muß es gestehen, liegt es mir zu wissen am Herzen, aus welchen Gründen wohl diese Fabriken solch anscheinend müßiger Beschäftigung frönen mögen.«
Das Schwirren des leerlaufenden Motors unterbrach die Rede des Professors. Die Menschenmenge wich einen Schritt zurück.
Tarquinius Zimt grinste. »Also Sie glauben noch immer nicht, daß der Wagen fahren wird, Herr Professor? Ich brauche nur diesen Hebel anzuziehen, die Kuppelung setzt ein, und das Automobil saust mit hundertfünfzig Kilometer Geschwindigkeit dahin.«
Der Gelehrte lächelte mild. »Oh, Sie jugendlicher Schwärmer! Nichts dergleichen kann sich ereignen. Unter dem Drucke der Explosion -- die Festigkeit der Kuppelung vorausgesetzt -- werden vielmehr augenblicklich die Zylinder #a#, #b# und #d# springen. Mutmaßlich bleibt hingegen der Zylinder #c# unversehrt nach der Formel -- nach der Formel -- wie lautet sie doch nur! -- -- nach der Formel -- --«
»-- Los,« jauchzte Zimt, »los! Fahren sie los, Ignaz!«
Der Chauffeur zog den Hebel an.
Da! -- Ein lauter, dreifacher Knall -- und die Maschine steht still!
Tumult!
Ignaz springt aus dem Wagen. Lange Untersuchung. Da! die Zylinder eins, zwei und vier sind geborsten! Geborsten in einer Weise, wie niemals Zylinder, und wenn Nitroglyzerin in ihnen gewesen wäre, bersten können.
Mit glanzlosem Blick starrt der Professor ins Weite, seine Lippen bewegen sich murmelnd: »Warten Sie, nach der Formel -- -- nach der Formel --«
Zimt faßt ihn am Arm und schüttelt ihn -- weint fast vor Wut. »Es ist unerhört, unglaublich; seit es ein Automobil gibt, ist so etwas noch nicht vorgekommen. Es ist hirnverbrannt. Zum Verstandverlieren. Ich telegraphiere sofort um Ersatzzylinder. -- Das geht so nicht, Sie müssen sich mit eigenen Augen hier überzeugen, Sie müssen!«
Ärgerlich reißt sich der Gelehrte los: »Junger Mann, das geht zu weit, Sie vergessen sich. -- Glauben Sie wirklich, ich hätte Zeit übrig, Ihren kindischen Versuchen ein zweites Mal beizuwohnen! Sind Sie denn noch immer nicht überzeugt? Danken Sie lieber Ihrem Schöpfer, daß es nicht ärger ausfiel, Maschinen lassen nicht mit sich spaßen. Nun sehen Sie!«
Und er eilt ins Haus.
Noch einmal dreht er sich im Tor um, erhebt abweisend den Finger und ruft zürnend zurück:
»#Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant.#«
Blamol
»Wahrhaftiglich, ohne Betrug und gewiß, ich sage dir: So wie es unten ist, ist es auch oben.«
#Tabula smaragdina.#
Der alte Tintenfisch saß auf einem dicken blauen Buch, das man in einem gescheiterten Schiffe gefunden hatte, und sog langsam die Druckerschwärze heraus.
Landbewohner haben gar keinen Begriff, wie beschäftigt so ein Tintenfisch den ganzen Tag über ist.
Dieser da hatte sich auf Medizin geworfen, und von früh bis Abend mußten die beiden armen kleinen Seesterne -- weil sie ihm soviel Geld schuldig waren -- umblättern helfen.
Auf dem Leibe -- dort wo andere Leute die Taille haben -- trug er einen goldenen Zwicker -- ein Beutestück. Die Gläser standen weit ab -- links und rechts --, und wer zufällig durchsah, dem wurde gräßlich schwindelig.
-- -- -- -- Tiefer Friede lag ringsum. -- --
Mit einemmal kam ein Polyp angeschossen, die sackförmige Schnauze vorgestreckt, die Fangarme lang nachschleppend wie ein Rutenbündel, und ließ sich neben dem Buche nieder. -- Wartete, bis der Alte aufschaute, grüßte dann sehr tief und wickelte eine Zinnbüchse mit eingepreßten Buchstaben aus sich heraus.
»Sie sind wohl der violette Pulp aus dem Steinbuttgäßchen?« fragte gnädig der Alte. »Richtig, richtig, habe ja Ihre Mutter gut gekannt -- geborene >von Octopus<. (Sie, Barsch, bringen Sie mir mal den Gothaschen Polypenalmanach her.) Nun, was kann ich für Sie tun, lieber Pulp?«
»Inschrift -- ehüm, ehüm -- Inschrift -- lesen,« hüstelte der verlegen (er hatte so eine schleimige Aussprache) und deutete auf die Blechbüchse.
Der Tintenfisch stierte auf die Dose und machte gestielte Augen wie ein Staatsanwalt: »Was sehe ich -- Blamol!? -- Das ist ja ein unschätzbarer Fund. -- Gewiß aus dem gestrandeten Weihnachtsdampfer? -- Blamol -- das neue Heilmittel -- je mehr man davon nimmt, desto gesünder wird man!
Wollen das Ding gleich öffnen lassen. Sie, Barsch, schießen Sie einmal zu den zwei Hummern rüber -- Sie wissen doch, Korallenbank, Ast #II#, Brüder Scissors -- aber rasch.«
Kaum hatte die grüne Seerose, die in der Nähe saß, von der neuen Arznei gehört, huschte sie sogleich neben den Polypen: -- -- Ach, sie nahm so gerne ein; -- ach, für ihr Leben gern!
Und mit ihren vielen hundert Greifern führte sie ein entzückendes Gewimmel auf, daß man kein Auge von ihr abwenden konnte.
Hai--fisch! -- war sie schön! Der Mund ein bißchen groß zwar, doch das ist gerade bei Damen so pikant.
Alle waren vergafft in ihre Reize und übersahen ganz, daß die beiden Hummern schon angekommen waren und emsig mit ihren Scheren an der Blechbüchse herumschnitten, wobei sie sich in ihrem tschnetschenden Dialekt unterhielten.
Ein leiser Ruck, und die Dose fiel auseinander.
Wie ein Hagelschauer stoben die weißen Pillen heraus und -- leichter als Kork -- verschwanden sie blitzschnell in die Höhe.
Erregt stürzte alles durcheinander: »Aufhalten, aufhalten!«
Aber niemand hatte rasch genug zugreifen können. Nur der Seerose war es geglückt, noch eine Pille zu erwischen und sie schnell in den Mund zu stecken.
Allgemeiner Unwillen; -- am liebsten hätte man die Brüder Scissors geohrfeigt.
»Sie, Barsch, Sie haben wohl auch nicht aufpassen können? -- Wozu sind Sie eigentlich Assistent bei mir?!«