Der versiegelte Engel, und andere Geschichten
Part 4
»Sie sind heute,« berichtete ich ihm weiter, »sehr selten, und selbst damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im Dorfe Mstera lebt ein Meister namens Chochlow, aber er ist schon hoch in den Jahren und kann die weite Reise nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns weder die Msterer noch die Palichower Meister.«
»Weshalb denn das?« forschte er weiter.
»Weil sie,« antwortete ich, »eine andere Manier haben: bei den Msterern ist die Zeichnung schwerfällig und der Farbton trüb, bei den Palichowern dagegen ist der Ton türkisfarbig, alles schimmert bei ihnen bläulich.«
»Was soll man nun machen?« fragte er.
»Ich weiß es selbst nicht,« antwortete ich. »Ich habe zwar gehört, es gäbe in Moskau noch einen guten Meister, namens Ssilatschow. Er hat in ganz Rußland, auch bei den Unsrigen einen guten Namen, aber er entspricht mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen Art. Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung mit den klarsten heiligsten Farben, so daß uns einzig der Meister Ssewastian von der Wolga helfen könnte, aber der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch ganz Rußland, macht bei den Altgläubigen Ausbesserungen, und niemand weiß, wo er zu finden ist.«
Der Engländer hatte meinen ganzen Bericht mit Vergnügen angehört, lächelte ein wenig und antwortete:
»Ihr seid sehr wunderliche Leute,« sagte er, »aber wenn man euch zuhört, wird es einem wohl, denn ihr scheint alles, was euch angeht, gut zu kennen und sogar in der Kunst Bescheid zu wissen.«
»Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfaßt haben, Herr?« sage ich: »Hier handelt es sich doch um Gotteskunst, und bei uns gibt es unter den ganz einfachen Bauern so große Liebhaber dieser Kunst, daß sie nicht nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum Beispiel eine von der anderen unterscheidet, die Ustjuger oder die Nowgoroder, die Moskauer oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower, sondern die sogar in derselben Schule die Werke der berühmten, alten russischen Meister fehlerlos unterscheiden.«
»Kann denn das sein?«
»Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen von der eines anderen unterscheiden, so auch jene«, antwortete ich. »Sie schauen nur hin und sehen gleich, ob es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.«
»An welchen Merkmalen?«
»Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in der Raumverteilung, in den Gesichtszügen und in den Bewegungen.«
Er hörte immerfort zu, und ich erzählte ihm, was ich über die Malerei eines Uschakow und eines Rubljow wußte, und vom ältesten russischen Maler Paramschin, dessen Heiligenbilder unsere gottesfürchtigen Fürsten und Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie sogar in ihren Vermächtnissen befahlen, diese Ikonen wie ihren Augapfel zu hüten.
Der Engländer zog gleich sein Notizbuch heraus, ließ mich den Namen dieses Malers wiederholen und fragte, wo man Arbeiten von ihm sehen könnte. Aber ich antwortete:
»Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine Erinnerung an sie zurückgeblieben.«
»Wo sind sie denn geblieben?«
»Ich weiß nicht,« sagte ich, »ob man sie zum Pfeifenreinigen verwendet oder bei den Deutschen gegen Tabak eingetauscht hat.«
»Es kann nicht sein!«
»Im Gegenteil,« antwortete ich, »es kann sehr wohl sein, es gibt Beispiele dafür: der römische Papst hat im Vatikan ein Triptychon, das unsere russischen Ikonenmaler Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten Jahrhundert gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so wunderbar sein, daß selbst die größten ausländischen Maler, die sie sahen, vor diesem wundervollen Werk in Begeisterung gerieten.«
»Aber wie ist es nach Rom gekommen?«
»Peter der Erste hat es einem ausländischen Mönch geschenkt, und der hat es verkauft.«
Der Engländer lächelte ein wenig, wurde dann nachdenklich und sagte leise, daß bei ihnen in England jedes Bildchen von Geschlecht zu Geschlecht bewahrt werde und daß es so für seine Herkunft selbst Zeugnis ablege.
»Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte,« sagte ich, »das Band der Überlieferungen der Vorfahren ist zerrissen, damit alles neu erscheine, als sei das ganze russische Geschlecht erst gestern von der Henne in den Nesseln ausgebrütet worden.«
»Wenn die bei euch gezüchtete Unwissenheit so groß ist, warum bemühen sich dann nicht wenigstens diejenigen, die die Liebe zum Heimatlichen bewahrt haben, die einheimische Kunst zu erhalten?«
Ich antwortete: »Es ist niemand da, Herr, der uns unterstützen würde, denn in den neuen Kunstschulen verfault allerorts das Gefühl, und der Verstand unterwirft sich der Eitelkeit. Die Fähigkeit zur hohen Begeisterung ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler haben damit begonnen, den Erzengel Michael nach dem Bildnis des Fürsten Potjomkin von Taurien darzustellen, und jetzt sind sie so weit, daß sie Christus den Erlöser als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schließlich noch andere Dinge malen und verlangen, daß man die als Gottheit verehre. Hat man doch in Ägypten einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet; nur wir werden uns nicht vor den fremden Göttern beugen und werden das Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlösers anerkennen. Ja, so kunstfertig diese Bilder auch sein mögen, wir halten sie für eine herzlose Frechheit und wollen von ihnen nichts wissen, weil es in der Überlieferung der Väter heißt, daß die Ergötzung der Augen die Reinheit der Vernunft zerstört, wie ein schadhafter Wasserspeier das Wasser trübt.«
Damit schloß ich und schwieg, aber der Engländer sagte:
»Fahre fort, mir gefällt es, wie du urteilst!«
Ich antwortete: »Ich habe schon alles erzählt.« Er aber erwiderte:
»Nein, erzähle mir noch, was ihr unter einem beseelten Bilde versteht.«
Diese Frage, meine werten Herren, war für einen einfachen Menschen ziemlich schwierig, aber es war nichts zu machen, und ich begann zu erzählen, wie in Nowgorod der Sternenhimmel gemalt ist, und dann berichtete ich von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflügelte Erzengel stehen, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem Fürsten Potjomkin haben, und auf den Stufen der Vorhalle die Erzväter und Propheten dargestellt sind, unter ihnen Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra und Stab, und auf der anderen Seite der Stufen König David mit der Krone, der Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, Hesekiel mit der Geschlossenen Pforte, Daniel mit dem Stein, und um diese Fürbitter, die den Weg zum Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die der Mensch diesen Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das Buch mit den sieben Siegeln als die Gabe der Allweisheit, der siebenarmige Leuchter als die Gabe der Vernunft, die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben Posaunen als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten von sieben Sternen als die Gabe der Gesichte, die sieben Räucherbecken als die Gabe der Frömmigkeit und die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. »Sehen Sie,« sagte ich, »eine solche Darstellung ist erhebend.«
Der Engländer antwortete: »Verzeih mir, mein Lieber, ich verstehe nicht, weshalb du dies erhebend nennst.«
»Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, daß es dem Christenmenschen ansteht, zu beten und darnach zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes unsagbarem Glanze zu erheben.«
»Ja,« erwiderte er, »das kann aber doch ein jeder aus der Schrift und aus dem Gebete erfassen.«
»Nein, durchaus nicht,« antwortete ich, »es ist nicht jedem gegeben, die Schrift zu verstehen, und dem, der sie nicht versteht, gibt auch das Gebet nur Finsternis. Mancher hört die Verheißung der großen und reichen Gnade und schließt daraus, daß damit Geld gemeint sei und betet voller Habsucht; sieht er aber vor sich den himmlischen Glanz dargestellt, so vergißt er hierüber das höchste irdische Glück und sieht ein, daß er dieses Ziel erreichen müsse, weil dort alles so klar und einleuchtend geschildert ist. Hat dann der Mensch für seine Seele zunächst die Gabe der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie sich gleich, von der irdischen Schwere befreit, von Stufe zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr vom Überfluß der göttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint dem Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer Ruhm nur als verabscheuungswürdig vor dem Herrn.«
Der Engländer erhob sich von seinem Platze und sagte lächelnd: »Und ihr, Sonderlinge, was erbetet ihr euch?«
»Wir beten,« antwortete ich, »um ein christliches Ende und um ein mildes Gericht am jüngsten Tag.«
Er lächelte wieder und zog plötzlich an einer goldgelben Schnur; ein grüner Vorhang ging auf, und hinter ihm saß seine Frau, die Engländerin, auf einem Sessel und strickte vor einer Kerze mit langen Stricknadeln. Sie war eine schöne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und hatte gewiß unser Gespräch mit ihrem Manne über die Religion mit anhören wollen.
Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, der sie verdeckt hatte, zurückgezogen, als die Gute sogleich wie erschrocken aufstand, an mich und Luka herantrat und uns Bauern ihre beiden Händchen entgegenstreckte. In ihren Augen blinkten Tränen, und sie sagte:
»Gute Menschen, gute russische Menschen!«
Ich und Luka küßten ihr für dieses gute Wort beide Hände, aber sie drückte ihre Lippen auf unsere Bauernköpfe.
Der Erzähler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem Ärmel, wischte sie still und flüsterte dann: »Sie war eine rührende Frau.« Nachdem er sich gefaßt hatte, fuhr er fort:
Nach ihrer freundlichen Tat begann die Engländerin ihrem Manne etwas in ihrer Sprache auseinanderzusetzen. Wenn wir es auch nicht verstanden, so hörten wir an der Stimme, daß sie ihn für uns bat. Und der Engländer freute sich über die Güte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte der Frau immerfort das Köpfchen und girrte in seiner Sprache wie eine Taube: »Gut, gut«, oder was er ihr sonst gesagt haben mag; aber es war ersichtlich, wie er sie lobte und sie in etwas bestärkte. Dann trat er an seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine heraus und sagte:
»Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, damit er euch anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch für meine Frau etwas in eurer Art malen; sie will ihrem Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch für eure Bemühungen und Auslagen das Geld.«
Sie aber lächelt durch die Tränen und entgegnet rasch: »Nein, nein, nein, das ist von ihm, aber ich will von mir extra.« Und mit diesen Worten geht sie zur Tür hinaus und bringt einen dritten Hunderter.
»Mein Mann,« sagt sie, »hat mir das für ein Kleid geschenkt, aber ich will kein Kleid, ich stifte es euch.«
Wir weigern uns natürlich es anzunehmen, aber sie will davon gar nichts hören und läuft hinaus, während er sagt:
»Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, was sie euch gibt.« Damit wendet er sich weg und sagt: »Geht jetzt, ihr Sonderlinge!«
Wir waren durch diese Verabschiedung natürlich nicht beleidigt, weil wir wohl bemerkt hatten, daß sich der Engländer von uns weggewandt hatte, nur um seine Rührung vor uns zu verbergen.
So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen Landsleute in ihrer Herzensfinsternis verurteilt, und die englische Nation hat uns getröstet und unserer Seele den Eifer wiedergegeben.
Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzählung dem Ende zu, und ich will Ihnen in Kürze berichten, wie ich meinen lieben, »silbergezäumten« Lewontij mitnahm, wie wir nach dem Ikonenmaler auszogen, welche Ortschaften wir durchwanderten, was für Leute wir sahen, welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt fanden, was wir verloren hatten und womit wir zurückkehrten.
ZEHNTES KAPITEL
Für einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der Weggefährte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen Kameraden sind selbst die Kälte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir ward diese Gabe durch den wunderbaren Jüngling Lewontij zuteil. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Wir trugen unsere Bündel, hatten eine hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens und auch des Geldes einen alten, kurzen Säbel mit breiter Klinge mit, der uns für den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie Handelsleute unseres Wegs und hatten für alle Fälle Ausflüchte bereit, hatten aber natürlich stets nur unsere Sache im Auge.
Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat, nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir schließlich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir, ruhmvolle Zarin des alten Rußlands! Aber wir Altgläubigen haben in dir keinen Trost gefunden!
Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, daß wir in Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir überzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, daß die Altgläubigkeit dort nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanständigkeit begründet ist, sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darüber zu schämen, weil wir dort nur solches sahen, was für den friedlichen Gläubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schämten, schwiegen wir darüber.
Es gab natürlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige, aber was nützte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten, von dem die väterlichen Überlieferungen berichten. Bevor sich die gottesfürchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten, fasteten und beteten sie, und sie leisteten für viel und für wenig Geld das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber jene malen nur für eine kurze Zeit, nicht mehr für die Dauer, grundieren nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und selbst fünfmal mit wasserdünner Farbe zu malen, wodurch jene die wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und über der Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so daß sich jeder vor dem anderen rühmt und einer den anderen zu erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, daß sie sich in den Schenken zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrügereien verüben, Wein trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber gotteslästerlich und »Teufelsmalerei« nennen. Und um sie herum sitzen die Altertumshändler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und fälschen, räuchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfraß hinein. Aus Kupfer gießen sie alle möglichen Beschläge, nach den Vorbildern der alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altüberlieferten Art auf. Aus gewöhnlichen Schüsseln schmieden sie Taufbecken mit den alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene Leichtgläubige als echte Taufbecken »aus den Zeiten des Grausamen«. Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Rußland, aber es ist alles Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrügen einander mit Heiligtümern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und treiben es so, daß man sich für sie schämen muß, wenn man überall die Sünde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich für diesen unehrlichen Handel interessieren und sich damit brüsten: hier habe einer einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niederträchtige Weise ein gefälschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Gläubigen mit den Heiligtümern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als bäuerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unerträglich, daß wir uns darüber grämten und erschraken:
»Ist es denn möglich,« denken wir uns, »daß unser alter unglücklicher Glaube derartig entstellt worden ist?« Und indem ich mir das denke, sehe ich, daß auch er dasselbe in seinem betrübten Herzen trägt. Aber wir sprachen nicht miteinander darüber, und ich bemerkte nur, wie sich mein Jüngling immer mehr in die Einsamkeit flüchtete.
Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, daß er jetzt in der Verwirrung seines Herzens nur nicht auf unnötige Gedanken kommen möge; und ich sage ihm:
»Was hast du, Lewontij, worüber grämst du dich?«
Und er antwortet:
»Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.«
»Komm, gehen wir in die Boscheninstraße, in die Eriwaner Schenke und versuchen dort einen Ikonenmaler zu überreden. Heute haben zwei versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.«
Aber Lewontij antwortet:
»Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.«
»Warum gehst du nicht mit?« frage ich.
»So,« antwortet er, »mir ist heute nicht ganz wohl.«
Einmal, zweimal nötigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich ihn wieder auf:
»Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.«
Aber er verneigt sich rührend und bittet:
»Nein, Onkelchen, weißes Täubchen, laß mich zu Hause bleiben.«
»Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner Hilfe, mein Täubchen.«
»Nun, du Teurer, Väterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich nicht auf, dorthin zu gehen, wo man ißt und trinkt und unziemliche Reden über das Heilige führt, ich könnte der Versuchung unterliegen.«
Das war das erste bewußte Wort über seine Gefühle, und es traf mich ins Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend hatte ich ein langes Gespräch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit mir gemacht haben. Der eine hatte mir für vierzig Rubel eine Ikone verkauft und ging weg; der andere aber sagte:
»Schau zu, Mensch, daß du vor dieser Ikone nicht betest.«
Ich frage: »Warum?«
Er antwortet: »Weil es Teufelsmalerei ist.« Damit kratzt er mit dem Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fällt die Farbschicht ab, und auf dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist wieder ein Teufelchen.
»Großer Gott, was ist denn das?« Ich begann zu weinen.
»Das bedeutet, daß du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst«.
Da sah ich klar, daß sie derselben Bande angehörten und verabredet hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich ließ ihnen die Ikone zurück und ging fort, die Augen voller Tränen, und lobte Gott, daß mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gären war, dies nicht gesehen hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stübchens, das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern höre von dort ein leises, zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Tränen badete. Ich trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hört, vor der Türe stehen und höre, wie er die Josephsklage singt:
»Wem soll ich meine Trauer sagen, Wen rufe ich zum Weheklagen?«
Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll, daß man ihn nicht gleichgültig anhören kann, und Lewontij singt ihn und weint und schluchzt dabei:
»Meine Brüder haben mich verkauft.«
Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage über die Sünde der Brüder.
Diese Worte können einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber jetzt besonders, da ich doch eben von ähnlich streitenden Brüdern weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerührt, daß ich selbst aufschluchzte. Lewontij hört es, verstummt und ruft: »Onkel, hör Onkel!«
»Was denn, mein guter Junge?« sage ich.
»Weißt du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird?« fragt er.
»Rahel,« antworte ich.
»Nein,« entgegnet er, »in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.«
»Wieso geheimnisvoll?« frage ich.
»Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.«
»Du Kind,« sage ich, »paß auf: ist es nicht gefährlich, was du hier grübelst?«
»Nein,« erwidert er, »ich fühle es in meinem Herzen, daß unser Erlöser sich unseretwegen kreuzigen läßt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen und einigen Lippen suchen.«
Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich sage ihm:
»Weißt du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu suchen; ich habe heute gehört, daß er dort umherzieht.«
»Gut, gehen wir,« antwortet er, »hier in Moskau quält mich schmerzhaft ein böser Geist, aber dort sind Wälder, die Luft ist reiner, und dort, hörte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und Zorn, den ich gern gesehen hätte.«
»Der Einsiedler Pamwa,« erwidere ich ihm streng, »dient der herrschenden Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?«
»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet er: »Ebendeshalb will ich ihn ja sehen, um zu begreifen, was für ein Segen auf der herrschenden Kirche ruht.«
Ich wasche ihm den Kopf und sage: »Was ist denn das für ein Segen?,« aber ich fühle selbst, daß er mehr Recht hat als ich, da er darnach drängt, zu erforschen, während ich einfach verwerfe, was ich nicht kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn entgegne.
»Die Angehörigen der herrschenden Kirche,« sage ich, »richten sich in ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt gemeinsam haben?«
Aber Lewontij antwortet: »Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit geschaffen.«
Daraufhin werde ich noch dümmer und sage: »Die Kirchlichen trinken Kaffee«.
»Nun, was ist das für ein Unglück?« antwortet Lewontij; »Der Kaffee ist eine Bohne und wurde dem König David als Geschenk dargebracht.«
»Woher,« sage ich, »weißt du denn das alles?«
»Ich hab es in Büchern gelesen.«
»Nun, wisse dann: alles steht in den Büchern nicht geschrieben.«
»Was ist dort nicht geschrieben?« fragt er.
»Was? Was dort noch nicht geschrieben ist?« Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen soll, und poltere los:
»Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.«
»Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Sünde.«
»Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes, melancholisches Blut erzeugt?«
Aber Lewontij lacht nur und sagt:
»Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.«
Ich muß Ihnen gestehen, daß ich damals noch nicht klar wußte, was in der Seele dieses gesegneten Jünglings vorging; ich war nur sehr erfreut, daß er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, daß mein Herz nichts von dem wußte, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte mir nur, während ich mich niederlegte:
»Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm zerstreuen.« Für alle Fälle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen, einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, daß ich noch sehr zornig auf ihn sei.