Der Verschwender

Chapter 6

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Valentin. Verdruß habt ihr mir schon genug gemacht. Seid mit dem Herrn da drin recht gut und höflich. Er wird bei uns im Haus bleiben. Ich laß ihn nimmer fort. Und redet der Mutter auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gäh.

Kinder. Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit ihr.

Valentin. So? Ja was die Eltern jetzt den Kindern für Kummer und Sorgen verursachen, das ist außerordentlich. Also geht hinein zu ihm. Ich komm gleich wieder, ich muß nur die Tür in Wirtshaus machen. Und vergeßt nicht, was ich gesagt hab. Er ist unglücklich. Mit unglücklichen Menschen muß man subtil umgehen. Die glücklichen können schon eher einen Puff aushalten.

(Kinder ab ins Kabinett.)

Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch denkt, der Himmel lenkt.

Lied Da streiten sich die Leut herum Oft um den Wert des Glücks, Der eine heißt den andern dumm, Am End weiß keiner nix. Da ist der allerärmste Mann Dem andern viel zu reich. Das Schicksal setzt den Hobel an Und hobelt s' beide gleich. Die Jugend will halt stets mit Gwalt In allen glücklich sein, Doch wird man nur ein bissel alt, Da find man sich schon drein. Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus! Das bringt mich nicht in Wut. Da klopf ich meinen Hobel aus Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub Und zupft mich: Brüderl, kumm! Da stell ich mich im Anfang taub Und schau mich gar nicht um. Doch sagt er: Lieber Valentin! Mach keine Umständ! Geh! Da leg ich meinen Hobel hin Und sag der Welt Adje. (Ab.)

Repetition Ein Tischler, wenn sein War gefällt, Hat manche frohe Stund, Das Glück ist doch nicht in der Welt Mit Reichtum bloß im Bund. Seh ich soviel zufriednen Sinn, Da flieht mich alles Weh. Da leg ich nicht den Hobel hin, Sag nicht der Kunst Adje! (Ab.)

Siebenter Auftritt

Flottwell mit einem Bilde in der Hand, sein Bild in jungen Jahren vorstellend. Liese. Hans. Hiesel.

Flottwell. Wie freut mich das, mein Bild in eurem Haus zu finden. Ich könnt es nicht in bessern Händen wissen. Wie ist es an euren Vater gekommen?

Liese. Der Vater hat uns erzählt: Er hats im Schloß gekauft. Wie alles gerichtlich lizitiert ist worden.

Flottwell (seufzt). Ja so!

Hansel. Und es hat nicht viel gekostet. Es hat kein Mensch was geben wollen dafür.

Flottwell (für sich). Schändlich!

Liese (heimlich). Bist still! Weißt du nicht, was der Vater gesagt hat?

Hiesel (deutet an den Rand des Bildes). Da steht der Datum, wenn Euer Gnaden geboren sein.

Liese (sieht nach). Den letzten Julius. (Freudig.) Da ist ja heute Ihr Geburtstag? Ah! das ist schön. Gerade fünfzig Jahr.

Alle drei. Wir gratulieren!

(Liese läuft fort)

Flottwell. Als die Sonne sank, ward ich geboren. Wenn sie wieder sinken wird? Wo werd ich sein? (Versinkt in Nachdenken.)

Hiesel (zu Hans). Du, da bin ich vergnügter, wenn mein Geburtstag ist.

Hansel. Ja, er ist ja schon fünfzigmal geboren. Da gwöhnt mans halt.

Liese (fahrt Pepi herein, der jetzt als Knäbchen reinlich gekleidet ist und einen großen Blumenstrauß trägt). Da bring ich noch einen Gratulanten.

Hansel (sieht zum Fenster hinaus). Just kommt die Mutter! (Läuft hinaus.)

Liese (herzlich). Möchten Euer Gnaden noch viele solche Blumen auf Ihrem Weg erblühen! Das wünschen wir Ihnen alle von ganzem Herzen.

Flottwell (nimmt tief ergriffen den Blumenstrauß, sagt) Ich dank euch, liebe Kinder! (und legt ihn auf den Tisch.) Ach, warum kann ich euch nur mit Worten danken!

Achter Auftritt

Vorige. Rosa, schlicht bürgerlich gekleidet, gealtert. Sie trägt einen bedeckten Korb. Hans und Michael mit ihr.

Rosa (erzürnt zu Hans). Was dableiben? Erhalten ein fremden Menschen? Wenn man so viel Kinder zu ernähren hat! Ist dein Vater närrisch? Das ging' noch ab! (Erblickt Flottwell.) Da ist er ja. (Für sich.) Nu, der sieht sauber aus!

Flottwell (der am Tische saß und auf Rosas Reden nicht horchte, steht auf). Guten Tag, liebe Frau!

Rosa (boshaft grüßend). Guten Tag, Herr von Flottwell! Freut uns, daß Sie Ihre alte Dienerschaft aufgesucht haben. So können Sie sich doch wenigstens überzeugen, daß wir arme, aber ehrliche Menschen sein. In unserm Haus hat nie ein Schmuck existiert, wie Sie sehen. Wir haben uns auch in Ihrem Dienst nicht so viel erwirtschaften können als wie gewisse Personen, die sich ein Schloß davon gekauft haben. Ich glaub, Sie werden mich verstanden haben.

Flottwell. Ich verstehe Sie nicht ganz, liebe Frau. Ich erinnere mich nicht genau an alle Ereignisse meines Hauses. Nur das weiß ich gewiß, daß keinem meiner Diener, mit meinem Willen, eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Rosa (fein). Ah was! Verhältnisse bestimmen die Äußerungen der Menschen. Ich kann Ihnen gar nichts sagen, Herr von Flottwell, als: Sehen Sie sich bei uns um! Können Sie von uns fordern, daß wir in unserer eingeschränkten Lage noch einen Mann erhalten, dem wir nichts zu danken haben als unsern richtigen Lohn, so steht es Ihnen frei, bei uns zu bleiben. Mein Mann ist ein guter Lappe, der läßt sich zu allen überreden. Der nähmet die ganze Welt ins Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab zu entscheiden, ich kenn unsere Verhältnisse, unsere Ausgaben und unsere Einnahmen. Ich muß für meine Kinder sorgen, wenn sie nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht geben. Es wird uns freuen, wenn Sie uns heut auf Mittag beehren wollen. Wir werden uns nicht spotten lassen. Aber für immer? Verzeihen S'! das kann ich nicht zugeben! Heut in meinem Haus und nimmer!

Flottwell (mit empörtem Erstaunen). Nein! Ich hab es nicht gehört! Es war ein Traum! So sprach sie nicht zu Julius von Flottwell, ihrem einstgen Herrn. Zu jenem Flottwell, der im goldumstarrten Saale hundert Schmeichler an der Tafel sah! Zu dem gepriesnen Vater seiner Diener! Zum edelsten der Freunde! Zum besten, schönsten, geist- und goldbeglücktesten der Menschen, und wie die Lügen alle heißen, die ihre Süßigkeit ans volle Glas hinschrieb. So sprach sie nicht zu mir, den dieser Blumenstrauß schon zu so heilger Dankbarkeit entflammen konnte, als hätte ihn ein Engel in des Paradieses Schoß gepflückt? O Weib! Könnt ich den zehnten Teil meines verlornen Glücks zurückbeschwören und zehnfach Elend auf dein altes Haupt hinschmettern, das dich zu meinen Füßen führen müßte, dann sollte meine Großmut dich belehren: wie ungerecht du warst, daß du in meinem Unglück mich so bitter hast gekränkt. (Gebt ab.)

Liese (betrübt). Das hätt die Mutter aber doch nicht tun sollen.

Rosa (zornig). Still sei und marsch in die Kuchel hinaus! (Liese geht ab. Zu den Buben.) Nu habt ihr nichts zu tun?

Hansel (schluchzt). Das sag ich den Vatern, wann er zu Haus kommt. (Geht mit den andern ab.)

Rosa (allein). Das wär eine schöne Wirtschaft! Und wie der Mensch schreit in einem fremden Zimmer! Und er hat ja was von einem alten Haupt gsagt. Hab denn ich ein altes Haupt? Der Mensch muß gar keine Augen im Kopf haben. Das nutzt einmal alles nichts, reden muß man um seine Sach. Wer 's Maul nicht aufmacht, muß den Beutel aufmachen. Ah, da kommt mein Mann nach Haus, den werd ich meine Meinung sagen.

Neunter Auftritt

Vorige. Valentin.

Valentin. So! Jetzt ist die Tür auch wieder in der Ordnung. Ah, bist schon zu Haus, liebes Weib? Das ist gscheid.

Rosa. Ja zum Glück bin ich noch zur rechten Zeit zu Haus gekommen, um deine voreiligen Streiche wieder gutzumachen.

Valentin. Was denn für Streich? Wo ist denn der gnädige Herr?

Rosa. Wo wird er sein? Wo es ihm beliebt.

Valentin. Was? Was hast gesagt? Ist er nicht in der Kammer drin?

Rosa. Such ihn!

Valentin (schaut hinein). Wo ist er denn? (Heftiger.) Wo ist er denn?

Rosa. Was gehts denn mich an? Was kümmern mich denn fremde Leut?

Valentin. Fremde Leut? Hast denn nicht gesprochen mit ihm?

Rosa (unwillig). Ah was!

Valentin. Was ist denn da vorgegangen? Kinder! Kommt alle her.

(Liese. Hans. Hiesel. Michael, der den Pepi führt.)

Valentin. Wo ist der gnädige Herr?

Liese (verlegen). Ja ich--

Rosa (keck). Nun, was stockst? Fort ist er. Was ists weiter?

Valentin. Fort ist er? Wegen was ist er fort? Wann ist er fort? Wie ist er fort? Um wieviel Uhr ist er fort?

Liese. Ja die Mutter--

Valentin. Heraus damit!

Rosa. Nu sags nur! Was fürchtest dich denn?

Liese. Die Mutter hat zu ihm gsagt: Sie behalt ihn nicht im Haus.

Hansel (weinend). Und der Vater machet lauter so dumme Sachen.

Valentin. Das hast du gesagt?

Hiesel. Drauf ist er fortgelaufen und hat geweint.

Valentin (bricht in ein ironisches Lachen aus). Ha! ha! (Klatscht in die Hände.)

Rosa. Nu was sein das für Sachen?

Valentin. Still sei! Kinder, gehts hinaus.

Rosa. Warum nicht gar--

Valentin. Still sei--da setz dich nieder!

Rosa. Du!--

Valentin (drängt sie auf den Stuhl). Nieder setz dich! Kinder, gehts hinaus.

(Die Kinder geben ab.)

Hansel (im Abgehen). Nein, wies in unserm Haus zugeht, das ist schrecklich. (Ab.)

Rosa (springt auf). Jetzt was solls sein?

Valentin. Nur Geduld! Ich hab dich nicht vor den Kindern beschämen wollen, wie du mich! Was ist dir jetzt lieber? Willst du meinen gnädigen Herrn im Haus behalten, oder ich geh auch fort.

Rosa. Was? Was willst du für Geschichten anfangen, wegen einem fremden Menschen?

Valentin. Ist er dir fremd? Mir nicht! Einen Menschen, den ich Dank schuldig bin, der kann mir gar nicht fremd werden.

Rosa. Du bist Vater. Du mußt auf deine Kinder schauen.

Valentin. Er ist auch mein Kind, ich hab ihn angenommen.

Rosa. Nu das ist ein junges Kind.

Valentin. Ja, so jung als du ist er freilich nicht, denn du betragst dich, als ob du vier Jahr alt wärst.

Rosa. Kurz und gut: Ich leid ihn einmal nicht im Haus.

Valentin. Du leidest ihn nicht? Kinder! kommts herein.

(Alle Kinder.)

Alle Kinder. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Ziehts euch an, ihr geht mit mir!

Hiesel. Wohin denn, Vater?

Valentin. Das werds schon sehen. Auf die Schleifen gehn wir nicht. Nehmt alles mit. Eure Studien. Das Namenbüchel. Die ganze Bibliothek. Den Hobel. Das ganze Arbeitszeug. Alles!

Rosa. Ah, das ist mir ja noch gar nicht vorgekommen!

Valentin. Gelt? Oh, es gibt Sachen, wovon sich unsere Philosophie nichts träumen läßt.

Hansel. Aber heut nimmt sich der Vater zusammen, das ist gscheidt.

Rosa (stemmt die Hände in die Seite). Du willst die Kinder aus dem Haus nehmen?

Valentin. Ich bin die Ursach, daß sie ins Haus gekommen sind, folglich kann ich s' auch aus dem Haus nehmen.

Liese. Aber Vater, was soll denn das werden? Das wär ja ganz entsetzlich.

Valentin (zu Liese). Willst du bei deiner Mutter bleiben?

Liese. Ja, das ist meine Schuldigkeit.

Valentin. So geh zu ihr! (Liese geht hin.) Buben, gehts her zu mir! (Die Buben treten auf seine Seite.) Das sind die Stützen meines Reiches. Die gehören mir zu. Machts euch fertig!

(Die Buben nehmen alles.)

Hiesel. Was soll denn ich noch nehmen?

Valentin. Den Zirkel, runder Kerl.

Rosa. Er macht wirklich Ernst. Das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt.

Liese. Liebe Mutter, gib die Mutter nach.

Valentin. So, jetzt ist der Auszug fertig. Jetzt gebts acht. Jetzt werd ich kommandieren: Rechtsum, kehrt euch, marsch! (Will fort.)

Rosa (ruft ihm reumütig nach). Du Mann! Halt!

Valentin. Was gibts?

Rosa. Ich muß dir noch was sagen!

Valentin (für sich). Aha! jetzt fangen die Unterhandlungen an. (Laut.) Nur kurz! das sag ich gleich.

Rosa (leise). Laß die Kinder hinausgehn.

Valentin. Kinder, gehts hinaus!

Liese (für sich). Nu Gott sei Dank!

Hansel. Mir scheint, die Mutter gibt doch nach. Ja, wann wir Männer einmal anfangen, da muß es brechen oder gehn.

(Die Kinder ab.)

Valentin. Also was willst du jetzt?

Rosa (gutmütig). Schau, überleg dirs doch, du wirst dich überzeugen, ich hab recht.

Valentin. Still sei, sag ich. Oder ich ruf die Kinder herein.

Rosa. So laß doch drauß. Sie zerreißen ja zu viel Schuh, wenn sie immer hin und wieder laufen.

Valentin. Das nutzt dir alles nichts. Aut Aut! Oder, entweder--

Rosa. Gut, ich will mirs überlegen.

Valentin. Nichts überlegen. Heut muß er noch ins Haus, und eine Mahlzeit muß hergerichtet werden, daß die ganze Menschheit die Händ über den Kopf zusammenschlagen soll.

Rosa. Nu mir ists recht! Aber er verdients um uns nicht.

Valentin. Was sagst? Er verdients nicht? Wer ist denn schuld, daß wir so friedlich miteinander leben? Daß ich hab Meister werden können und das Häusel da gebaut hab, als die zweihundert Dukaten, die ich so nach und nach von ihm zu schenken gekriegt hab. Wem haben wir also unser bissel zu verdanken?

Rosa. Mich hat er aber nie mögen.

Valentin. Ist nicht wahr! Der Kammerdiener hat dich nur verschwärzt bei ihm. Sonst wären wir noch in seinem Haus.

Rosa. Ja wenn er eines hätte.

Valentin. Ja so. Da hab ich ganz vergessen drauf.

Rosa. Er hat mich bei jeder Gelegenheit heruntergesetzt. Einmal hat er sogar vor einer ganzen Gesellschaft gesagt--

Valentin. Was hat er denn gesagt?

Rosa. Das sag ich nicht.

Valentin. Geh, sag mirs, liebe Alte. Geh! Wer weiß, ists wahr?

Rosa. Ja es ist auch nicht wahr. Er hat gesagt: ich bin ausgewachsen.

Valentin. Das hat er gsagt? Und das hast du dir seit zwanzig Jahren noch gemerkt.

Rosa. Oh, so etwas vergißt ein Frauenzimmer nie.

Valentin. Nu das mußt ihm halt verzeihen. Mein Himmel! Ein junger Mensch. Er hat halt damals lauter so schiefe Ansichten gehabt. Dann ists ja auch nicht wahr. Du bist ja gebaut wie eine ägyptische Pyramiden. Wer könnt denn dir in deiner Gestalt etwas nachsagen? Das wär ja wirklich eine Verleumdung erster Gattung.

Rosa. Nu, der Meinung bin ich auch.

Valentin. Gelt, Alte, ja, wir behalten ihn da im Haus. Du wirst es sehen, ich werd recht fleißig arbeiten. Es schadt uns nichts. Im Gegenteil, 's geht mir alles besser von der Hand.

Rosa (nach einem kurzen Kampf). Nu meinetwegen. So solls denn sein.

Valentin (springt vor Freude). Bravo Rosel! das hab ich auch von dir erwartet. Ich hätt dich nicht verlassen, wenn ich auch heut fortgegangen wär. Oh! morgen auf die Nacht wär ich schon wieder nach Haus gekommen. Jetzt ist aber alles in der Ordnung. Kinder! kommts herein zum letzten Mal. (Alle Kinder.) Kinder, legt alles wieder hin. Wir ziehen nicht aus. Ich hab mit der Hausfrau da einen neuen Kontrakt abgeschlossen. Vater und Mutter sind versöhnt. Der gnädige Herr kommt ins Haus.

Kinder (alle freudig). Das ist gscheid! das ist gscheid!

Valentin. Drum lauft, was ihr könnt. Kein Mensch darf zu Haus bleiben. Ich nehm den kleinen Buben mit. (Er nimmt Pepi auf den Arm.) Geht zu alle Nachbarn. Fragt, ob sie ihn nicht gesehen haben. Sie sollen euch suchen helfen. Und wenn ihr ihn findet, so bringt ihn her.

Rosa. Der Mann wird närrisch vor lauter Freuden.

Kinder. Bravo! jetzt gehts lustig zu. (Ab.)

Hansel. Vater, verlaß sich der Vater auf mich. Wenn ich ihn pack, mir kommt er nimmer aus. (Geht stolz ab.)

Valentin. Der Bub kann einmal ein großer Mann werden, wenn er so fortwachst. Weib, jetzt komm! Du hast mir viel Verdruß heut gmacht, aber jetzt ist dir wieder alles verziehen. Kein Mensch ist ohne Fehler, wenn einem nur zur rechten Zeit der Knopf aufgeht. Wer weiß, wers noch vergilt, und ich denk mir halt, wenn ich einmal recht alt werd, so möcht ich doch auch andere Erinnerungen aufzuweisen haben, als daß ich einen Stuhlfuß geleimt hab und einen Schubladkasten gemacht. Jetzt komm!

(Beide ab.)

Zehnter Auftritt

Verwandlung

Die Ruine des alten Schlosses Flottwell. Zerfallne Gemächer und Türme, auf Felsen gebaut, zeigen sich rechts. Links die Aussicht, gleichsam von der Höhe des Schloßberges, auf entferntere gegenüberstehende Berge, hinter welchen die Sonne untergeht.

Flottwell in Verzweiflung. Klettert über einen der Felsen, als käme er aus dem Tal.

Flottwell. Ich bin herauf! Ich habe sie erreicht, Die letzte Höhe, die in dieser Welt Für mich noch zu erklimmen war. Ich steh auf meiner Ahnen Wieg und Sarg, Auf Flottwells altem edlen Herrenschloß. Wir sind zugleich verhängnisvoll gestürzt. Hätt ich dich nicht verlassen, stündest du Und ich. Zu spät! (Wirft den Hut und Bettelstab von sich.) Verfaule, Bettelstab! Mein Elend braucht nun keine Stütze mehr. Ich kehre nie zu eurer Welt zurück, Denn mein Verbrechen schließt mich aus dem Reich Des Eigennutzes aus. Ich habe mich Versündigt an der Majestät des Goldes. Ich habe nicht bedacht, daß dies Metall Sich eine Herrschaft angemaßt, vor der Ich hätt erbeben sollen, weil es auch Mit Schlauheit, die bewundrungswürdig ist, Das Edle selbst in seinen Kreis gezogen. Wer fühlt sich glücklich, der durch Wohltun einst Ein Arzt der Menschheit war, und dem es nun Versagt, weil ihm die güldene Arznei Gebricht, wodurch die kranke Welt genest. Ich stand auf dieser segensvollen Höh, Ich konnte mich erfreun an anderer Glück, Wenn freudenleer mein eigner Busen war. Ich hab mich selbst von diesem heilgen Thron Gestürzt. Dies Einzge ists, was ich mit Recht Beweinen darf, sonst nichts. Zum Kinderspott, Zum Hohngelächter des gemeinen Pöbels Darf nie ein Edler werden, drum fahr hin Mein Leben, dessen Pulsschlag Ehre war. Ich könnte mich in jenen Abgrund stürzen, Doch nein! des letzten Flottwells Haupt, es beug Sich nicht so tief. Mein Leben ist ja noch Das einzge Gut, das mir Verschwendung ließ, Mit dem allein will ich nun sparsam sein, Der Hunger soll mich langsam töten hier. Aus Straf, weil ich die undankbare Welt Zu viel gemästet hab. O Tod, du bist Mein einzger Trost. Ich hab ja keinen Freund--

(Ein Stein weicht zurück, und der Bettler ohne Hut und Stab steht vor ihm, spricht.)

Bettler. Als mich!

Flottwell (erschrickt). Als wen? Ha! schreckliche Gestalt, Die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen Und die ich nun für meine erst erkenn, Weil mich die Zeit auf gleiche Stufe stellt Und ich wie du in jeder Hinsicht nun Bejammernswert und elend bin. Weh mir! Nun wird mirs klar, du solltest mir Ein schauervolles Bild der Warnung sein.

Bettler. Dies war mein Zweck. Du hast mich nicht erkannt, Weil Leidenschaft nie ihre Fehler sieht. Erkenne mich nun ganz, ich bin ein Jahr Aus deinem viel zu rasch verzehrten Leben, Und zwar dein fünfzigstes, das heute noch Beginnen wird, wenn jene Sonne sinkt. Du hast an Cheristanen einst ein Jahr Verschenkt, und diese edle Fee, die sich Für dich geopfert hat, sah in dem Buch Der Zukunft, daß, wenn du zurück nicht kehrst Von der Verschwendung Bahn, das fünfzigste Jahr deines Lebens dir den Bettelstab Als Lohn für deinen Leichtsinn reichen wird. Glaub nicht, daß du geendet hättest hier. Wer so wie du gestanden einst und auf So niedre Stufe steigt, sinkt tiefer noch Als einer, der im Schlamm geboren ist. Zu warnen warst du nicht, drum konnte ich Dich nur von deinem tiefsten Sturz erretten. Bis jetzt hat niemand noch dir eine Gab Gereicht: Ich hab für dich bei dir gebettelt. Ein Jahr lang hab ich den Tribut durch List Und schaudervolle Angst von dir erpreßt. Die letzte Stunde hab ich aufbewahrt, Sie schlief in diesem Stein und spricht zu dir:

(Ein Stein teilt sich, und ein Haufen Gold und der Schmuck zeigt sich in einem silbernen Kästchen.)

Nimm hier dein Eigentum, das du mir gabst, Zurück. Du wirst es besser schätzen nun, Weil du die Welt an deinem Schicksal hast Erkannt. Was du dem Armen gabst, du hasts Im vollen Sinne selber dir gegeben. Leb wohl! Ich hab vollendet meine Sendung. (Versinkt.)

Flottwell (allein). Ists Traum, ists Wahrheit, was ich sah und hörte? Woher die überirdische Erscheinung?

(Sanfte Musik. Die Ruinen verwandeln sich in eine Wolkengruppe mit vielen Genien. Cheristane in reizender Feenkleidung in der Mitte auf einem Blumenthron.)

Cheristane (sanft). Mein Julius! Es war Azur, der Geist Der letzten Perle, die ich einst für dich So freudig hingeopfert hab, als ich Die süße Lieb zu dir mit bitterer Verbannung büßen mußte. Ach! Mir wars ja Vom Schicksal nicht gegönnt, dich zu erretten, Er hat für mich erfüllt, was meine Treu Dir einst gelobt.

Flottwell (kniet). O Cheristane! Dich Erblicke ich auf dieser Erde wieder? Du Himmelsbild aus meiner Rosenzeit! Kaum wagt mein welkes Aug den Blick zu heben Zur Morgenröte deiner ewgen Jugend. Oh, zieh nicht fort, verweile noch! Sieh, wie Die Wehmut um vergangne Zeit mich tötet.

Cheristane. Verzweifle nicht, mein teurer Julius, Und dulde noch dein kurzes Erdenlos. Wir werden uns gewiß einst wiedersehen Dort! in der Liebe grenzenlosem Reich, Wo alle Geister sich begegnen dürfen.

(Sie fliegt unter klagender Musik ab. Die Ruinen zeigen sich wieder. Flottwell sieht Cheristane nach.)

Elfter Auftritt

Voriger. Liese. Dann Valentin, Rosa, Kinder. Nachbarsleute. Bauern.

Liese (ist die erste auf der Szene). Vater! Vater, nur herauf! Da ist der gnädige Herr, ganz gesund und wohlbehalten noch.

Flottwell. Wer sucht mich hier? (Schließt das Kästchen.)

Valentin (kommt). Wir alle, gnädiger Herr. Das ganze Dorf ist in der Höh.

Flottwell. Was willst du, guter Valentin?

Valentin. Was ich will? Mein Wort will ich Euer Gnaden halten und um Verzeihung bitten für mein ungeschliffnes Weib. Gehst her, Verbrecherin, und kniest dich nieder da.

Rosa (herzlich). Lieber gnädiger Herr! Ich hab mich sehr vergessen heut. Doch mach ich meinen Fehler wieder gut. Sie dürfen nimmermehr aus unseren Haus. Ich werd Sie gwiß wie eine Tochter pflegen.

Die Kinder. Verzeihen S' ihr, gnädiger Herr!

Pepi (kniet nieder). Lieber Herr, sei wieder gut, Die Mutter weiß nicht, was sie tut.

Valentin (weint). Das hab ich gedichtet, Euer Gnaden.

Flottwell. Steht auf, ihr guten Leute! Ich habe schon verziehen. Und freue mich, daß ich euch eure Treue nun vergelten kann. Ich bin kein Bettler mehr. Unter diesen Mauern hab ich einen kleinen Schatz gefunden, den mein Vater hier für mich bewahrte.

Valentin. Ah, das ist ein Malheur, und ich hab mich schon gefreut, daß Euer Gnaden nichts haben, damit ich Euer Gnaden unterstützen kann.

Flottwell. So ist es besser, lieber Valentin. Du kannst dein Leben nun in Ruh genießen. Ich nehme dich und deine Frau nun in mein Haus und will für die Erziehung deiner Kinder sorgen!

Rosa, Liese (erfreut). Wir danken herzlich, gnädger Herr!

Hansel (zu den Kindern). Buben, jetzt werden wir lauter gnädige Herrn!

Valentin. Ich werd der Haustischler bei Euer Gnaden. Ich wix und politier das ganze Haus. Aber eins muß ich noch sagen. Ein Menge meiner alten Nachbarn haben sich auch hier angetragen, Euer Gnaden zu unterstützen. Und freuen sich, ihren vorigen Gutsherrn wiederzusehen. Euer Gnaden haben ja allen Guts getan, und einen guten Herrn vergißt man nicht so leicht.

Alle. Vivat, der gnädige Herr soll leben!

Schlußgesang

Valentin. Wie sind wir doch glücklich, wir stehn auf dem Berg, Jetzt zeigt sich der Kummer so klein wie ein Zwerg. Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus, Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Der Chor wiederholt die zwei letzten Verse.)

Chor. Und kommt er uns wirklich auch noch mal ins Haus, Der Valentin jagt ihn zum Tempel hinaus.

(Auf den Bergen sieht man, wie in der Ferne die Senner und Sennerinnen die Kühe von den Alpen treiben, und sie singen wie Echo.)

Senner und Sennerinnen. Dudeldide dudeldide! Die Küh treibts von der Alm.

Valentin. Die Küh treibn die Sennrinnen just von der Alm. Genügsamkeit bleibt doch die köstlichste Salm, Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal, Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Chor. Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal, Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.

Senner und Sennerinnen (in der Ferne). Dudeldide dudeldide! Wie freut die Kuh der Stall.

Valentin. Jetzt gehn wir zur Tafel, die macht erst den Schluß. Für heut ist beendet ein jeder Verdruß. Doch heb ich bei Tische den Ehrenplatz auf, Vielleicht setzt sich Ihre Zufriedenheit drauf.