Der Verschwender

Chapter 4

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Flottwell (mit Herzlichkeit). Mein verehrungswürdiger Herr Präsident! Die höchste Gunst, die ich vom Glück erlangen konnte, ist die Ehre, Sie auf meinem Schlosse zu begrüßen. Mein holdes Fräulein! Flottwell wird es nie vergessen, daß Ihr edles Herz es nicht verschmähte, seines kleinen Festes Königin zu sein.

Amalie (sich verbeugend). Herr von Flottwell--

Klugheim. Genug der Zeremonie. Es kommt der Freund zum Freunde.

Flottwell. Ist das wirklich so, Herr Präsident?

Klugheim. Zweifeln Sie daran? Dann wär es nur zur Hälfte so.

Flottwell. Ach, wie sehnlich wünscht ich, daß es ganz so wäre! Daß ich Sie--

Klugheim (fein). Herr von Flottwell, jeder Ausfall auf frühere Verhältnisse ist gegen die Bedingung, unter welcher ich Ihre heutige Einladung angenommen habe.

Amalie. Bester Vater, lassen Sie sich doch erweichen! Wenn Ihnen das Leben Ihres Kindes etwas gilt.

Klugheim. Was soll das sein? Ist ein Komplott gegen mich im Werke? hat man mich hieher geladen, um eine Sache zu erneuern, die ich für beendet hielt?

Flottwell. Sie irren sich, Herr Präsident. Ihr Fräulein Tochter--

Klugheim. Ist eine Schwärmerin. Ihres Lebens Glück ist mir von Gott vertraut, und niemand kann es mir verargen, wenn ich sie nicht in ihres Unglücks Arme führe.

Flottwell. Herr Präsident, Sie verkennen mich zu sehr.

Klugheim. Ich sehe klar, was Ihnen erst die Zukunft einst enthüllen wird.

Flottwell. Ich bin verleumdet.

Klugheim. Durch niemand--

(Flitterstein öffnet die Tür.)

Flottwell. Durch den hinterlistigen Baron Flitterstein--

Baron Flitterstein (mit Erstaunen, ohne den Anstand zu verletzen). Ist hier von mir die Rede?

Flottwell (frappiert). Nein--

Flitterstein (faßt sich und lächelt fein). Ah so. Also von einem Verwandten von mir. Das wollte ich als Edelmann nur wissen.

Flottwell (verlegen). Herr Baron! Ich bin erfreut--

Flitterstein (schnell). Ich verstehe. Meine Freundschaft zu dem Herrn Präsidenten--

Flottwell. Ist die Ursache, daß Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken. Ich bin von allem unterrichtet. (Nach einer Pause, durch welche sich die Verlegenheit aller ankündigt.) Ist es nun gefällig, sich zur Gesellschaft zu begeben?

Flitterstein. Nach Belieben.

Flottwell (reicht Amalien den Arm). Mein Fräulein! (Führt sie fort.)

(Flitterstein folgt.)

Klugheim. Ich fürchte, wir haben den Frohsinn gerufen und dem Mißmut unsre Tore geöffnet. (Ab.)

Elfter Auftritt

Verwandlung

Herrlich mit Gold und Blumen geschmückter Gartensaal. Die Hinterwand geschmackvoll traperiert.

Alle Gäste sind versammelt. Nobel gekleidete Herren und Damen. Dumont. Walter. Während des Chores treten der Präsident, Flitterstein, Flottwell und Amalie ein und setzen sich. Wolf.

Chor. Froh entzückte Gäste wallen Durch die reich geschmückten Hallen. Will sich Lust mit Glanz vermählen, Muß sie Flottwells Schloß sich wählen. Nur in seinen Sälen prangt, Was das trunkne Herz verlangt.

(Tänzer und Tänzerinnen im spanischen Kostüm führen einen reizenden Tanz aus, und am Ende bildet sich eine imposante Gruppe, bei welcher Kinder in demselben Kostüme die Vase, mit Blumen geschmückt, auf ein rundes Postament in die Mitte des Theaters stellen.)

Flottwell (für sich). Was hat doch Wolf gemacht, jetzt sollte sie sie nicht erhalten.

Klugheim. Sehen Sie doch, Baron, hier die berühmte Vase, welche ein Franzose dem Minister um zwanzigtausend Frank anbot.

Flitterstein. Wahrhaftig, ja, sie ist es.

Mehrere Gäste (betrachten sie). Wirklich schön!

Walter. Sehn Sie doch hier, Chevalier, die Vase aus Paris.

Dumont (in einem Stuhl hingeworfen, ohne hinzusehen). O charmant! Sie sein ganz außerordentlick.

Walter. Sie haben sie ja gar nicht angesehen.

Dumont. Ick brauchen sie gar nick zu sehen, ick brauchen nur zu hören de Paris, kann gar nick anders sein als magnific.

Flitterstein. Fürwahr, Sie sind um dieses Kunstwerk zu beneiden, Herr von Flottwell.

Flottwell (für sich). Nun kann ich nicht zurück. (Laut.) Es ist nicht mehr mein Eigentum. Ein unbedeutendes Geschenk, das ich der Königin des Festes weihe.

Amalie (erfreut). Ach Vater! wie erfreut mich das.

Klugheim (strenge). Nicht doch, mein Kind! Verzeihen Sie, Herr von Flottwell, das geb ich nicht zu. Das Geschenk hier ist durchaus zu kostbar, um es anzunehmen.

Flitterstein. Ja, ja, es ist zu kostbar.

Flottwell. Das ist es nicht, mein Herr Baron. Die Welt erfreut sich keines Edelsteines, der zu kostbar wäre, ihn diesem Fräulein zum Geschenk zu bieten.

Klugheim. Auch weiß ich nicht, wie wir zu solcher Ehre kommen.

Flitterstein (halblaut). Die mehr beleidigend als--

Flottwell (fängt es auf). Beleidigend?

Flitterstein. Ich nehm es nicht zurück!

Flottwell (verbissen). Wie kömmt es denn, mein Herr Baron, daß Sie das Wort so eifrig für des Fräuleins Ehre führen?

Klugheim. Er spricht im Namen seiner künftgen Braut.

Einige Gäste. Da gratulieren wir!

Flottwell (vernichtet). Dann hab ich nichts mehr zu erwidern!

Klugheim. Nehmen Sie die Vase hier zurück, so beschenkt ein Fürst, kein Edelmann.

Flottwell (stolz). Ich beschenke so! ich bin der König meines Eigentums. Dieses Kunstwerk hatte seinen höchsten Wert von dem Gedanken nur geborgt, daß diese schöne Hand es einst als ein erfreuend Eigentum berühren werde, es soll nicht sein! Ich acht es nicht. Wolf! (Wolf tritt vor) nimm sie hin! Ich schenke diese Vase meinem Kammerdiener.

(Wolf macht eine halbe verlegene Verbeugung. Die Vase wird weggebracht.)

Flitterstein. Welch ein Tollsinn!

Klugheim. Unbegreiflich!

Dumont. Der Mann sein gans verrückt.

Amalie. Wie kann er sich nur so vergessen!

Die Gäste (klatschen). Bravo! so rächt sich ein Millionär!

Flottwell. Dies soll unsere Freude nicht verderben. Da Frankreichs Kunst so schlechten Sieg errungen, will ich vor Ihrem Auge nun ein deutsches Bild entrollen, dessen Schönheit Sie gewiß nicht streitig machen werden. Sie sollen sehen, was ich für eine vortreffliche Aussicht habe. (Klatscht in die Hand.)

(Musik.--Der Vorhang schwindet, und über die ganze Breite des Theaters zeigt sich eine große breite Öffnung, durch deren Rahmen man eine herrliche Gegend perspektivisch gemalt erblickt. Ein liebliches Tal, hie und da mit Dörfern besäet, von einem Fluß durchströmt und in der Ferne von blauen Bergen begrenzt, erstrahlt im Abendrot. Die Basis des Rahmens bildet eine niedre Balustrade. Im Vordergrunde links von dem Zuschauer sitzt wie eine geheimnisvolle Erscheinung unter dunklem Gesträuch, von der untergehenden Sonne beleuchtet, der Bettler mit unbedecktem Haupte und gegen Himmel gewandtem Blick in malerischer Stellung. So daß das Ganze ein ergreifendes Bild bietet.)

Flottwell (ohne genau hinzusehen). Gibt es eine schönere Aussicht? (Er erschrickt, als er den Bettler sieht.) Ha! welch ein Bild. Ein sonderbarer Zufall! (Diese Worte spricht Flottwell schon unter der leise beginnenden Musik.)

Chor von Gästen (für welche sämtlich der Bettler nicht sichtbar ist). Oh, seht doch dieses schöne Tal, Wo prangt die Erd durch höhern Reiz? Dem Kenner bleibt hier keine Wahl, Der Anblick übertrifft die Schweiz.

Bettler. Nicht Sternenglanz, nicht Sonnenschein Kann eines Bettlers Aug erfreun. Der Reichtum ist ein treulos Gut, Das Glück flieht vor dem Übermut.

Flottwell (welcher immer nach dem Bilde hingestarrt hat, zu Wolf). Jagt doch den Bettler fort, warum laßt ihr ihn hier so nah beim Schloß verweilen?

(Der Bettler steht auf und geht an der Seite, wo er sitzt, über den Hügel durch das niedere Gesträuche in die Szene.)

Wolf. Welch einen Bettler? Wir bemerken keinen.

Flottwell. Da geht er hin! (Starrt ihm nach.)

Wolf. Er spricht verwirrt.

(Amalie wird unwohl.)

Klugheim. Gott im Himmel! meine Tochter.

Flottwell. Amalie? Was ist ihr?

(Alle Gäste in Bewegung.)

Klugheim. Sie erbleicht!

Flottwell (stürzt zu ihren Füßen). Amalie, teures Mädchen! höre deines Julius Stimme.

Flitterstein (schleudert ihn entrüstet von ihr). Zurück, Verführer! nun entlarvst du dich!

Flottwell (ergreift ergrimmt seine Hand). Genugtuung, mein Herr! Das geht zu weit.

Flitterstein. Ists gefällig? (Zeigt nach dem Garten.)

Flottwell. Folgen Sie!

(Beide links ab.)

Mehrere Gäste. Haltet! (Eilen nach.)

Klugheim. Holt den Arzt!

(Bediente fort.)

Wolf. Ins Kabinett!

Mehrere. So endet dieses Fest.

(Die andere Hälfte gehen mit Klugheim und Wolf, welche Amalie nach dem Kabinett rechts führen, ab. Nur)

Dumont (welcher sich während der Verwirrung an das Fenster begeben hat und durch das Gewühl der Gäste verdeckt war, bleibt zurück, er hat sich in der Mitte des Fensters in einen Stuhl geworfen, springt, wenn alles weg ist, auf, lehnt sich auf die Fensterbrüstung, sieht durch die Lorgnette und ruft begeistert). Göttliche Natur!

Zwölfter Auftritt

Kurzes Kabinett fällt vor.

Valentin und Rosa.

Valentin. So laß mich aus, ich muß ja sehen, was geschehen ist. Alles lauft davon, und die Fräulein Amalie, sagen s', ist umgefallen wie ein Stückel Holz. Sie hat Konfusionen kriegt.

Rosa. Da bleibst. Mein Schicksal ists, um das du dich zu kümmern hast. (Weint bitterlich.) Ich bin die gekränkteste Person in diesem Haus.

Valentin. Was haben sie dir denn schon wieder getan?

Rosa. Aber nur Geduld! Morgen geh ich zu Gericht. Alles wird arretiert. Der gnädge Herr, der Kammerdiener. Alle Gäst, das ganze Schloß und du.

Valentin. Mich läßt s' nicht aus. Was hats denn gegeben?

Rosa. Ohrfeigen hätts bald gegeben.

Valentin. Ah, da bin ich froh, daß ich nicht dabei war.

Rosa. Der Kammerdiener hat mir Ohrfeigen angetragen. Hat mich eine Diebin geheißen, hat einen Schmuck von mir verlangt. Uns im Namen des gnädgen Herrn den Dienst aufgekündigt und hat mich wollen durch die Bedienten hinauswerfen lassen.

Valentin. Das ist ja eine ganze Weltgeschichte. Wann ist denn das alles geschehen?

Rosa. Vor einer Viertelstund, wie sie die Vasen im Saal oben geholt haben.

Valentin. Das ist schrecklich!

Rosa. Der Mensch glaubt ja, man hat seine Ehr und Reputation gestohlen.

Valentin. Und den Schmuck auch dazu. Nein! das kann man nicht so hingehn lassen.

Rosa. Du mußt dich annehmen. Ich bin ein Weib. Ich bin zu schwach.

Valentin. Auf alle Fäll. Du bist zu schwach.

Rosa. Du bist ein Mann, dir ist die Kraft gegeben.

Valentin. Freilich, mir ist die Kraft gegeben, drum werd ich mirs auch überlegen.

Rosa. Ich geh noch heut, und morgen klag ich.

Valentin. Und ich geh morgen, und klag heut noch! und wo? beim gnädgen Herrn, denn das ist eine Beschuldigung, die man nicht auf sich sitzenlassen darf!

Rosa (weinend). Nicht wahr, du glaubst es nicht, daß ich die Diamanten genommen hab?

Valentin. Nein! Du bist zu tugendhaft. Du gehst nur auf die Augen los, nicht auf die Diamanten. Doch jetzt mach dich auf.

Rosa. Wir packen zusamm und gehen.

Valentin. Die Livree bleibt da, die gehört dem Herrn. Mir ghört mein Tischlerrock, den ich mit hergebracht hab. Die andere Bagage brauch ich nicht, ich bin mit dir allein zufrieden.

Rosa. Wir bringen uns schon fort.

Valentin. Ich geh zu meiner Tischlerei zurück. Aber vorher will ich mein Meisterstück noch machen.

Rosa. Was wirst denn tun?

Valentin. Den Kammerdiener werd ich in die Arbeit nehmen. Ah, der ist zu ungehobelt. Über den muß ein Tischler kommen.

Rosa. Nimm dich zusamm.

Valentin. Oh, du kennst mich nicht, ich bin der beste Mensch, aber wenn es sich um Ehr und Reputation handelt, so kann ich in eine Wut kommen wie der rollende Rasand. Ich will dem Kammerdiener zeigen--(Der Kellermeister eilt über die Bühne.) He! Herr Kellermeister, wo gehn Sie hin?

Kellermeister. Mir ist am großen Faß ein Reif abgesprungen, ich muß den Wein abziehen.

Valentin. Ha! Das ist ein Wink des Schicksals. Mann! Ich folge dir.

(Geht tragisch mit dem Kellermeister ab.)

Rosa (allein). Ah Spektakel! jetzt muß sich der ein Spitzel antrinken, wenn er eine Courage kriegen will. Nein, was das für miserable Mannsbilder sein bei der jetzigen Zeit, das ist nimmermehr zum Aushalten. (Ab.)

Dreizehnter Auftritt

Verwandlung

Ein anderes Kabinett.

Amalie. Der Arzt. Präsident Klugheim.

Arzt. Fühlen Sie sich leichter, Fräulein?

Klugheim. Wie ist dir, liebes Kind?

Amalie. Ganz wohl, mein Vater! es ist schon vorüber.

Klugheim. Ein Unstern hat uns in dies Haus geführt.

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Betti.

Betti. Zu Hülfe! Ach Herr Doktor, der Baron ist schwer verwundet. Man suchet Sie!

Klugheim. Heilger Gott, mein Freund! Bleib Sie bei meiner Tochter hier! Kommen Sie, Herr Doktor! Ach, ich bin an allem schuld.

(Eilt mit dem Doktor ab.)

Amalie. Was ist vorgegangen?

Betti. Sie haben duelliert! der gnädge Herr und der Baron.

Amalie. Ist Julius auch verwundet?

(Flottwell tritt aus einer Tapetentür. Er ist bleich und spricht halblaut und schnell.)

Flottwell. Nein, er ist es nicht. (Zu Betti.) Geh auf die Lauer!

(Betti geht vor die Tür.)

Amalie. Gott, wie siehst du aus!

Flottwell. Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt. Doch noch ist nicht mein Glück von mir gewichen, weil ich dich nur sprechen kann. Jede Minute droht. Du mußt mit mir noch diese Nacht entfliehn.

Amalie. Unmöglich, nein! ich kann den Vater nicht verlassen.

Flottwell. Du hasts geschworen. Denk an deinen Eid.

Amalie. Doch heute, und so plötzlich--

Flottwell. Heute oder nie! Schon lang ist deine Dienerschaft von mir gewonnen. Nimm Laura mit und nichts von deinem Eigentum. Dein Vater ist erschöpft, er wird sich bald zur Ruhe legen, und wenn auch nicht, verbotne Liebe ist erfinderisch. Ich harr auf dich, nah an der Stadt, bei der verfallenen Kapelle, wo wir uns oft getroffen haben.

Amalie. Wird sich mein Vater je versöhnen?

Flottwell. Er wirds. Das weite Meer, das seiner Rache trotzt, wird seinem Stolz gebieten. Entschließe dich.

Amalie. Oh, könnt ich leben ohne dich--

Flottwell. Wenn dus nicht kannst, so sind wir ja schon einig.

Amalie. Und doch--

Flottwell. Ja! oder Nein! Nein! ist ein Dolch, den du ins Herz mir drückst. Ja! eine Sonn, die uns nach England leuchtet.

Amalie. Nur eine Frage noch!

(Betti schnell.)

Betti. Der Präsident!

Flottwell. Sprich schnell!

Amalie. Erwarte mich.

Fünfzehnter Auftritt

Präsident Klugheim. Vorige.

Klugheim (empört, strenge). Was wollen Sie bei meiner Tochter hier?

Flottwell. Ich war besorgt.

Klugheim (nimmt Amalie auf die linke Seite. Kummervoll). Sie sind zu gütig gegen mein Haus. Komm, meine Tochter, der Wagen wartet, dann geleit ich den Baron. Mein Herr! Sie haben uns zu einem Fest geladen, (mit Wehmut) und wir danken Ihnen mit gebrochenem Herzen für die großen Freuden, die Sie uns bereitet haben. (Führt seine Tochter ab.)

(Betti folgt.)

Flottwell (allein). O Starrsinn eines alten Mannes! Was rufst du doch für Unglück auf so vieler Menschen Haupt. (Wolf tritt ein.) Ha Wolf! Gut, daß du kommst. Der Augenblick ist da, wo du mirs danken kannst, daß ich dir mehr ein Freund als Herr gewesen bin. Ich will in dieser Nacht noch mit Amalien nach England fliehen. Es steht dir frei, ob du uns auf der Flucht begleiten willst.

Wolf. O mein gütger Herr! Mein Wille ist an Ihren Wunsch gekettet. Und wo Sie hinziehn, find ich meine Heimat.

Flottwell. Ich habe große Summen in der englischen Bank liegen. Was ich von Gold und Kostbarkeiten retten kann, will ich jetzt zu mir nehmen. Was ich in meinem Pulte zurück noch lasse, verteilst du unter meine Diener doch ohne etwas zu verraten. Ich wünsche, daß sie einen Herrn finden mögen, der es so gut mit ihnen meint als ich. Die beiden Schiffer an dem See, die ich auf diesen Fall seit längerer Zeit gedungen habe, sollen sich bereit halten. In einer Stunde längstens muß alles geordnet sein. Dann erwart ich dich bei der alten Kapelle. Dein Geschenk bring in Sicherheit, sein Wert ist dir bekannt. Sei vorsichtig. Ich baue ganz auf deine Treue. (Ab.)

Sechzehnter Auftritt

Wolf.

Wolf (allein). Du schiffst nach England. Günstgen Wind! Ich bleibe hier und will mein Schifflein in den Hafen lenken. Wie doch die Sonne auf und nieder geht! Wer ist nun zu beneiden? Er? der stolze, der gepriesene Mäzen, der seines Glückes Reste, mit zerfallenem Gemüt, dem ungetreuen Meer vertrauen muß? oder ich, der sanfte, der bescheidene Kammerdiener, der sein still erworbnes Schäfchen demütig ins trockne bringen kann. Und wem verdank ich diesen Sieg? (schlägt sich an die Stirn) dir, Klugheit! vielseitigste der Göttinnen! Die Natur hat mir nur eine starke Gallenblase gegeben, die nicht zerplatzt ist bei all dem Unsinn, den ich seit fünf Jahren in diesem Haus hab sehen müssen. Aber die Klugheit hat mich lächeln gelehrt. Oh, es ist eine große Sache um das Lächeln! Wie viele Menschen haben sich ihr Glück erlächelt, und ein Schwachkopf kann eine Minute lang für einen vernünftigen Mann gelten, wenn er mit Anstand zu lächeln weiß. Darum will ich lächeln über die Erbärmlichkeit, solang ich noch zu leben habe, und dann eine laute Lache aufschlagen--auf welche Grabesstille folgt. (Ab.)

(Als er schon in der Kulisse ist, drängt ihn Valentin zurück. Er hat seinen Tischlerkaputrock an und einen wachsleinwandenen Hut auf. Ein Parapluie und einen Spazierstock zusammengebunden unter dem Arm und ein kleines Felleisen auf dem Rücken, aus dem Sack steht ihm das kurze Tabakrohr seiner eingesteckten Pfeife. Er ist benebelt, ohne zu wanken oder zu lallen.)

Valentin. Halt! Barbar, wo willst du hin? Du kommst nicht von der Stell. Wie kannst du dich unterstehen, meine Geliebte zu verleumden? Was hat sie dir getan? Sie hat deine Liebesanträge nicht angenommen, weil du ihr zu häßlich bist. Kann es eine größere Tugend geben? Sie ist meine Verlobte, und du hast geglaubt, ich bin der Gfoppte! Sie soll einen Schmuck gestohlen haben. Diese schmucklose Person? Pfui, schäme dich!

Wolf. Jetzt hast du die höchste Zeit, aus dem Hause zu gehen, du Trunkenbold!

Valentin. Oh, ich hab Zeit genug! Ich hab eigentlich gar nichts mehr zu tun auf dieser Welt, als Ihnen meine Meinung zu sagen. Glauben Sie mir, Herr von Kammerdiener--ich will Ihnen nichts Unangenehmes sagen, ich versichre Sie, Sie sind ein niederträchtiger Mensch. Sie haben zwei arme Dienstboten aus dem Haus gebracht, die von ihrer Herrschaft treu und redlich bedient worden sind. (Schluchzt.) Aber der Himmel wird Sie dafür bestrafen.

Siebzehnter Auftritt

Vorige. Rosa, auch zum Fortwandern gerüstet, mit einigen Bändeln, einem Sonnenschirm.

Rosa. Was tust denn, Valentin? So laß ihn gehn. Ich hab ja ghört, du bist betrunken?

Valentin. Wer hat dir das entdeckt? Ha! ich bin verraten.

Wolf. Jetzt packt euch! Beide.

Valentin. Sollen wir uns selber packen? Nein! wir packen ihn.

Rosa. Schäm dich doch!

Wolf. He Bediente! (Bediente kommen.) Jagt dieses Lumpenpack hier aus dem Haus. Ich befehl es euch im Namen unsres gnädigen Herrn. (Geht ab.)

Valentin (geht auf einen Bedienten los, welcher mit dem Kammerdiener Ähnlichkeit in der Kleidung haben muß). Was? hinauswerfen willst du uns lassen? du schändlicher Verräter!

Rosa. Was treibst denn da?

Valentin. Laß mich gehn. Der Kammerdiener hier muß unter meinen Händen sterben.

Rosa. Es ist ja nicht der Kammerdiener!

Valentin. Nicht? das macht nichts. Es wird schon ein anderer Spitzbub sein.

(Bediente lachen.)

Rosa (will ihn fortziehn). So geh doch nur!

Valentin. Er soll sich nicht für den Kammerdiener ausgeben. Dieser Mensch, der in die Kammer gar nicht hinein darf.

Bediente. Jetzt fort! wir haben mehr zu tun.

Chor. Fort, nur fort! Packt euch hinaus! Ihr gehört nicht in dies Haus. Denn das heißt man zu viel wagen, So gemein sich zu betragen, So zu trinken Bis zum Sinken. Fort hinaus Aus dem Haus! Rosa. Daß ein wenig Saft der Trauben, Einen Menschen, sanft wie Tauben, Des Verstandes kann berauben, Um ihn so hinaufzuschrauben, Daß er 'n Hut nicht von der Hauben Kann mehr auseinanderklauben, Das ist stark doch, wenn S' erlauben. Valentin. Glaubt mir doch, ihr lieben Leutel, Auf der Welt ist alles eitel, Denn kaum trinkt man vierzehn Seidel, Hat man schon kein Geld im Beutel, Schnappt vom Fuß bis zu dem Scheitel Zsamm als wie ein Taschenfeitel, Alles eitel. Noch ein Seidel! Chor. Ei, was nützt denn dieses Gaffen, Fort mit euch, ihr dummen Laffen! Rosa. Geh und leg dich lieber schlafen! Valentin. Ich hab einen schönen Affen. Chor. Macht uns nicht so viel zu schaffen, Ihr müßt euch zusammenraffen, Denn das wird uns schon zu kraus, Fort mit euch zum Schloß hinaus! (Führen sie hinaus.)

Achtzehnter Auftritt

Verwandlung

Musik. Das Innere einer ganz verfallenen gotischen Kapelle. Es stehen nur die Mauern noch. Der Mond leuchtet am bewölkten Himmel, und sein Licht strahlt gerade durch das Eingangstor, so daß der Bettler, wenn er die letzte Rede spricht, von ihm beleuchtet wird.

Der Bettler sitzt an der Ecke der Hinterwand im Dunklen auf einem niedern Stein. Flottwell, in einen Radmantel gehüllt, tritt ein.

Flottwell. Die Nacht ist kühl. Auch zieht in Westen ein Gewitter auf. Wenn es nur bald vorübergeht! Was rauscht? Bin ich hier nicht allein? Wer kauert in der Ecke dort? Hervor!

Der Bettler (steht auf). Ich bins, mein gnädger Herr, und habe Sie schon lang erwartet.

Flottwell. Was tritt mir dieser Bettler heut zum drittenmal entgegen? (Der Bettler tut einen Schritt vor, nun bescheint ihn der Mond.) Ha! wie der Mond sein Antlitz graß beleuchtet. Was willst du hier von mir, du grauenhaftes Bild des selbstgeschaffnen Jammers?

Bettler (kniet). Ach, das verzweiflungsvolle Los meines geheimnisvollen Elends und meine Herzensangst, daß Sie dies Land verlassen, zwingen mich, den morschen Leib aufs neue in den Staub zu werfen. Sie sind der einzige in dieser unbarmherzgen Welt, auf dessen Großmut ich noch bauen kann.

Flottwell. Hinweg von mir! je länger ich dich schaue, je greulicher kommt mir dein Anblick vor. Dring ihn nicht auf, ich will dich nie mehr sehen.

Bettler. Es steht bei Ihnen, gnädger Herr, mich gänzlich zu verscheuchen. Doch müßten Sie dafür ein großes Opfer bringen. Oh, geben Sie die Hälfte dieses Schatzes nur, den Sie auf Ihrer Brust verbergen, und niemals hören Sie mich mehr zu Ihren Füßen wimmern.

Flottwell. Habgieriges Gespenst! Hat Satan dich verflucht, daß du der Erde Gold sollst nach der Hölle schleppen? So ein frech Begehren kann ja Wahnsinn kaum erfinden. Ein Bettler, der um Millionen flehet!

Bettler. Vernünftger ists, sie zu begehren, als sie wie du vergeuden.

Flottwell. Wie wagst dus, mich zur Rechenschaft zu ziehen? Du undankbarer Molch, den ich so reich beschenkt!

Bettler. Nie wird ein Bettler müd, den Reichen zu beneiden.

Flottwell. Wie Hundgeklaffe bei des Diebs Erscheinen schallt sein Gebelfer durch die Nacht!

Bettler (gegen den Eingang rufend). Oh, hör es, Welt! Oh, hört es, Menschen alle! Der überreiche Mann läßt einen Bettler darben.

Flottwell (halblaut). Dies gräßliche Geschrei wird mich am End verraten. Schweig doch und nimm dies Gold, um deine Gier zu stillen. (Er wirft ihm einen Beutel hin.)

(Ferner Donner.)

Bettler (hebt ihn auf. Laut jammernd) Zu wenig ists für mich, mein Elend ist zu groß. Ich laß nicht ab, der Welt mein Leid zu klagen (zwischen dem Eingang) und ruf die Menschheit zwischen uns zum Richter auf.

Flottwell. Verstummst du nicht durch Gold, so mach dich Stahl verstummen. Schweig! oder ich durchbohre dich! (Er zieht den Degen und durchsticht ihn.)

Bettler (bleibt stehen). Mörder! Dein Wüten ist umsonst! Du hast mich nicht verwundet. Was ich begehrt, kann mich versöhnen nur. (Nochmal bittend.) Oh, möchtest du doch jetzt in meine Bitte willgen.

Flottwell (hartnäckig). Du willst mich zwingen? Nie!

Bettler (halblaut rufend). So flieh, Verschwender, flieh! Doch mir entfliehst du nicht, und an der Themse sehen wir uns wieder! (Ab.)

(Der Mond verbirgt sich hinter den Wolken. Man hört den Wind brausen. Blitze leuchten.)