Chapter 3
Rosa. Bei dem ists ganz ein andrer Fall. Das ist ein Ehrenmann. Der halt ein bessere Ordnung in sein Haus als unser Herr. Ich bin sehr gut bekannt dort, denn das Stubenmädel ist meine beste Freundin.
Valentin. Ich auch. Der Kutscher schätzt mich ungemein. Und der führt das ganze Haus.
Rosa. Ich hör fast jedes Wort. Der Herr Präsident mag unsern Herrn nur darum nicht, weil er so großen Aufwand macht, er fürcht sich halt, er geht zugrunde Der Baron Flitterstein ist ganz ein anderer Mann und fast so reich wie unser Herr. Den muß das gnädge Fräulein heiraten.
Valentin. Das darf nicht sein. Da muß ich mit dem Kutscher drüber reden. Einen bessern kann sie gar nicht kriegen als unsern Herrn. Er ist so wohltätig, so gut.
Rosa. Zu gut ist auch ein Fehler. Ich bin viel zu gut mit dir. Und kurz und gut, der Herr Präsident gibts halt nicht zu.
Valentin. Sie ist ja wahnsinnig in ihm verliebt. Sie laßt ihn nicht.
Rosa. Sie muß. Da hats schon viele Auftritt geben. Sie kommen immer heimlich zusammen, der Herr Präsident darfs gar nicht wissen. Daß du nur niemand etwas sagst.
Valentin. Ich werd doch nicht meinen Herrn verraten. Aber warum ladet er denn den Baron Flitterstein heut ein? Er steht ja auf der Liste.
Rosa. Weil er muß. Der Herr Präsident wär ja nicht gekommen ohne ihn. Drum war schon gestern große Tafel, weil heut der Fräulein Amalie ihr Geburtstag ist. Aber gestern sind sie nicht gekommen. Da war der gnädge Herr desperat, hat einen langmächtigen Brief geschrieben an den Herrn Präsidenten. Der Kammerdiener ist damit in die Stadt geritten, ist ganz erhitzt nach Haus gekommen und hat die Nachricht gebracht, daß sie heut erscheinen werden; aber der Baron kommt mit.
Valentin. Das ist doch erschrecklich, was sie mit dem Herrn treiben. Wann ich nur wüßt, was da zu tun ist. Soll sich denn diese Sach gar nicht ausputzen lassen?
Rosa. Putz du deine Kleider und deine Stiefel aus und kümmere dich nicht um Sachen, die sich nicht für dich schicken.
Valentin. Ich fürcht nur, wenn ihm s' der Baron wegheirat, er tut sich ein Leid an. Am End wirds noch das beste sein, daß ich selber mit dem Herrn Präsidenten vernünftig darüber red.
Rosa. Du? Nu das würd ein schöner Diskurs werden. Untersteh dich, das wär ja eine Beleidigung für einen solchen Herrn.
Valentin. Ja es ist nur, daß man sich hernach keine Vorwürf zu machen hat. Wenn heut oder morgen ein solches Unglück passiert.
Rosa. Nu geh nur, du einfältiger Mensch!
Valentin. Ja man kann nicht vorsichtig genug sein, weil das eine große Verantwortung wär.
(Beide ab.)
Zweiter Auftritt
Flottwell und sein Haushofmeister aus dem Schloß.
Flottwell. Wie stehts mit uns, mein alter Haushofmeister? Ist alles so, wie ichs befohlen habe? Ich will an Glanz durchaus nicht übertroffen werden, und für Amaliens Freude ist kein Opfer mir zu groß.
Haushofmeister. Jawohl ein Opfer, gnädger Herr. Da sich das Gastmahl heute glänzender noch wiederholt, so wird die Rechnung ziemlich stark ausfallen.
Flottwell. Drum ists ein Glück, daß Er sie nicht zu zahlen braucht. Der reiche Flottwell wird doch keinen Heller schulden? Wie ist es mit dem Schmuck, den ich bestellt, hat ihn der Juwelier noch nicht gebracht?
Haushofmeister. Noch weiß ich nichts.
Flottwell (auffahrend). Den Augenblick schickt nach der Stadt. Es ist die höchste Zeit, er sollte schon die vorge Woche fertig sein.
Haushofmeister. Hätten Euer Gnaden ihn bei dem braven Mann bestellt, den ich Euer Gnaden empfohlen habe, so würden Sie ihn schon besitzen. Er würde schön und billig ausgefallen sein. Allein der Kammerdiener hat--
Flottwell. Mir einen bessern anempfohlen. Ists nicht so?
Haushofmeister. Das glaub ich kaum.
Flottwell. Die Meinung steht Ihm frei. Doch lieb ichs nicht, wenn meine Diener mir als Lehrer dienen wollen. Dies für die Zukunft. Nun den Juwelier. (Wendet sich von ihm.)
Haushofmeister (für sich, gekränkt). O Treue, was bist du für ein armer Hund, daß Undank dich mit Füßen treten darf. (Ab.)
Dritter Auftritt
Flottwell. Der Bettler, welcher immer mit unbedecktem Haupt erscheint.
Flottwell. Ein altes Möbel aus des Vaters Nachlaß. Der Mann ist immer unzufrieden mit allem, was ich tue. Die alten Leute sind doch gar zu wunderlich. Ich bin so schlecht gelaunt. Heut wird ein heißer Tag auf Flottwells Schloß, ein groß entscheidender. Ich kann Amalie nicht verlieren, sie nicht in eines andern Arm erblicken, ich hab es ihr geschworen; und gelingt es mir nicht, ihren Vater zu gewinnen, läßt er nicht ab, sein Kind dem Starrsinn aufzuopfern, so müßte ich zu einem bösen Mittel greifen. Schon gestern hab ich einen Brief erwartet. Gott! wenn sie wanken könnte. (Erblickt den Bettler, der nachdenkend mit seinem Stabe in den Sand schreibt.) Was macht der Bettler dort! Ich hab ihn heut vom Fenster schon bemerkt, und sein Gesang hat mich ganz sonderbar ergriffen. Mir wars, als hätt ich ihn schon irgendwo gesehn und als wollt er meiner Lust ein Grablied singen. Mich wunderts, daß ihn meine Dienerschaft hier sitzen läßt. Was schreibst du in den Sand mit deinem Bettelstab?
Bettler. Die Summen Goldes, die ich einst besaß.
Flottwell. So warst du reich?
Bettler (seufzend). Ich wars.
Flottwell. Daß du Verlust betrauerst, zeigt die Trän in deinem Auge.
Bettler. Was ich betraure, spiegelt sich in meiner Träne!-- Ein Palast.
Flottwell (betroffen). Oho!--Was warst du, und wie heißest du?
Bettler. Es ist die letzte Aufgabe meines Lebens, beides zu vergessen. Das einzge Mittel, das mich vor Verzweiflung retten kann.
Flottwell. Sonderbar. (Wirft ihm ein Goldstück in den Hut.) Hier nimm dies Goldstück! (Will nach dem Garten gehen.)
Bettler (springt auf und stürzt zu seinen Füßen, ohne ihn je zu berühren). O gnädger Herr, schenken Sie mir mehr, schenken Sie mir eine Summe, welche Ihrer weltberühmten Großmut angemessen ist.
Flottwell. Bist du beweibt, hast du so viele Kinder?
Bettler. Ich bin allein, nur Gram begleitet mich.
Flottwell (wirft ihm noch ein Goldstück hin). So sättge dich und jag ihn fort.
Bettler. Er läßt sich nicht so leicht verjagen als das Glück.
Flottwell. Er ist nur Wirkung, heb die Ursach auf.
Bettler. Vermögen Sie die Ursach Ihrer Lieb zu tilgen?
Flottwell. Wer sagt dir, daß ich liebe?
Bettler. Wer denket groß und liebet nicht?
Flottwell. Willst du mir schmeicheln, Bettler? Schäme dich!
Bettler. Soll Schmeichelei denn nur ein Vorrecht reicher Menschen sein? Sie stammt von Bettlern ab, weil sie von Geistesarmut zeigt.
Flottwell. Ich frag dich nicht, um deines Mißmuts Spott zu hören. (Beiseite.) Mir ist so bang in dieses Mannes Nähe. Du kannst mit dem Geschenk zufrieden sein. (Will gehn.)
Bettler (flehend). Nein, gnädger Herr! ich bin es nicht, ich darfs nicht sein. Erbarmen Sie sich meiner Not. Nicht Habgier ists. Nicht Bettlerlist. Beschenken Sie mich reich, ich werde dankbar sein!
Flottwell. So nenn mir deinen frühern Stand.
Bettler. Ich nenn ihn nicht. Der Armut Rost hat meinen Schild zernagt, wer frägt darnach, was ihn einst für ein Sinnbild zierte. Ich weiß es, ich begehre viel, und meine Forderung kann mich in Verdacht des Wahnsinns bringen. Doch ist er fern von meinem Geist, und werd ich noch so reich bedacht, so hab ich einst viel größere Summen selbst gegeben.
Flottwell. Oh, schäm dich, so um Geld zu jammern, es ist das Niedrigste, was wir beweinen können. Du hast genug für heut, ein andermal komm wieder.
Bettler. Ich bin ein Bettler und gehorche. (Verbeugt sich und geht langsam fort.)
(Ein Diener eilig mit einem Brief.)
Diener. Gnädger Herr! ein Brief. (Übergibt ihn und geht wieder fort.)
Flottwell (sieht die Aufschrift). Von Amalie, von meiner himmlischen Amalie. (Liest.) "Mein teurer Julius! Verzeih, daß ich Dir gestern nicht geschrieben habe, allein der große Kampf in meinem Herzen mußte erst entschieden sein. Doch nun gelob ich Dir, Dich niemals zu verlassen. Ich willge nicht in meines Vaters strenge Forderung, und kann kein Flehen sein sonst so edles Herz erweichen, so mag geschehen, was wir beschlossen haben."--Amalie mein! oh, könnt ich doch die Welt umarmen! He du! (Der Diener kommt.) Ruf mir den Bettler dort zurück, der eben sich in jene Laube setzt. (Zeigt in die Kulisse.)
Diener. Ich sehe keinen Bettler, gnädger Herr!
Flottwell. Bist du denn blind! Geh fort! (Bedienter ab. Ruft.) He Alter, komm!
Bettler. Was befehlen Sie, mein gnädiger Herr!
Flottwell. Ich habe eine frohe Botschaft hier erhalten, und Flottwell kann sich nicht allein erfreun. Verzeih, ich habe dich zu karg behandelt. Nimm diesen Beutel hier, auch diesen noch. (Wirft sie ihm in den Hut.) Nimm alles, was ich bei mir habe. Was ich verschenken kann, hat eines Sandkorns Wert gen den unendlichen Gewinn, der mir durch diesen Brief geworden ist. (Nach dem Garten ab.)
Bettler (allein). O Mitleid in des Menschen Brust! Wie bist du oft so kränkelnder Natur, als hätte dich ein weinend Kind gezeugt. Begeistrung ists, die alles Edle schnell gebiert, sie hat mit des Verschwenders Gold des Bettlers Hut gefüllt.
(Geht ab.)
Vierter Auftritt
Dumont, elegant gekleidet, kommt aus dem Schloß.
Dumont. Ach, wie sein ick doch vergnügt! Ein ganzer Jahr hab ich der Gegend nicht gesehen. Die Nacht war mir zu lang. Ich hatte fünfzig Dukaten auf eine Karte gesetzt, hatt sie gewonnen, da schlug der Nachtigall, ich lief davon, der Geld blieb stehn und war perdu. Doch was sein Dukatenglanz gegen Morgenrot! Prächtiger Tag! Die Natur legen heut aller ihrer Reize zur Schau. (Blickt durch die Lorgnette in die Szene.) Da kommt ein altes Weib!
Fünfter Auftritt
Voriger. Ein altes zahnloses Mütterchen, zerrissen gekleidet, auf dem Rücken einen großen Bündel Reisig.
Dumont. Bon jour, Madame! Wo tragen du hin das Holzen?
Weib. Nach Haus. Gleich ins Gebirg, nach Blunzendorf.
Dumont. Blonsendorf? O schöner Nam! Du wohnen wohl sehr gerne im Gebirge?
Weib. Ah ja, 's Gebirge wär schon schön. Wenn nur die Berg nicht wären! Man steigt s' so hart.
Dumont. Das sind der Figuren, die der Landschaft beleben. O, mir gefallen das Weib sehr.
Weib (beiseite). Ich gfall ihm, sagt er. Ja, einmal hätt ich ihm schon besser gfallen.
Dumont. Sie sein so malerisch verlumpt. Ich kann sie nicht genug betrachten. (Er sieht durch die einfache Lorgnette und drückt das linke Auge zu.)
Weib. Er hat im Ernst ein Aug auf mich; aber 's andre druckt er zu.
Dumont. Du seien wohl verheiratet?
Weib. Schon über dreißig Jahr.
Dumont. Und bekümmern sich dein Mann doch noch um dich?
Weib. Ah ja. Er schlagt mich fleißig noch.
Dumont. Er slagen dich? O! Das sein nick schön von ihm.
Weib. Ah, es is schon schön von ihm. Das ist halt im Gebirg bei uns der Brauch. Ein schlechter Haushalt, wo s' nicht raufen tun.
Dumont. Unschuldige Freuden der Natur. Von dieser Seit muß sich das Bild noch schöner machen. Stell dich dort hin. Ich will dich gans von ferne sehen.
Weib. Hören S' auf! Was sehen S' denn jetzt an mir? Hätten S' mich vor vierzig Jahren angschaut. Jetzt bin ich schon ein altes Weib.
Dumont. Das machen deiner Schönheit eben aus. Du sein vortrefflich alt. Au contraire, du sollen noch mehr Falten haben.
Weib. Warum nicht gar. Mein Mann sein die schon zu viel.
Dumont. Du sein wahrhaft aus der niederländischen Schule.
Weib. Ah beleib. Ich bin ja gar nie in die Schul gegangen.
Dumont. Ick hab einer ganzer Sammlung solcher alter Weiber zu Haus.
Weib. Jetzt ists recht. Der sammelt sich die alten Weiber, und die andern wären froh, wenn sie s' losbringeten.
Dumont (nimmt einen runden kleinen schwarzen Spiegel aus der Tasche, dreht sich um und läßt die Gegend abspiegeln). O quel contraste! Das Schloß! Der Wald! Der Weib! Der Ochsen auf der Flur! O Natur, Natur! Du sein groß ohne Ende.
Weib. Der Mensch muß narrisch sein. Jetzt schaut er sich in Spiegel und sieht Ochsen drin.
Dumont. Hier hast du einen Dukaten. Jetzt hab ich dich genug gesehen. (Gibt ihr ein Goldstück.)
Weib (rasend erfreut). Ah Spektakel! Ah Spektakel! jetzt schenkt er mir gar ein Dukaten. Euer Gnaden, das ist ja z'viel, ich trau mir ihn gar nicht zu nehmen. Für was denn? sagen S' mirs nur.
Dumont. Dein Anblick hat mir sehr viel Vergnügen verschafft.
Weib. Nein, das hätt ich meinen Leben nicht geglaubt, daß ich mich in meinen alten Tagen sollt noch ums Geld sehn lassen. Ich dank vieltausendmal. (Küßt ihm die Hand.) Euer Gnaden verzeihen S'--Ich bitt Ihnen--hab ich Ihnen denn wirklich gfallen?
Dumont (muß lachen). O, du gefallen mir außerordentlich.
Weib (verschämt). Hören S' auf. Sie konnten ein altes Weib völlig verruckt machen. Nein, wenn das mein Mann erfahrt, der erschlagt mich heut aus lauter Freud. Ich sags halt. Wenn man einmal recht schön war und man wird noch so alt, es bleibt doch allweil noch a bissel was übrig. (Trippelt ab.)
Dumont (sieht ihr nach). Ha! wie sie schwankt. Wie ein alter Schwan! Ich sein so aufgeregt, daß mir jeder Gegenstand gefallen.
Sechster Auftritt
Voriger. Rosa will mit einem Kaffeegeschirr nach dem Garten.
Dumont. Ah ma belle Rosa!
Rosa. Guten Morgen, Herr Chevalier!
Dumont (hält sie auf). O, Sie kommen nicht so schnell von mich. Der Alt sein charmant, aber der jung gefallen mir doch noch besser. Das sein Malerei für der Aug, das sein Malerei für der Herz.
Rosa. Herr Chevalier, ich hab kein Zeit, der gnädige Herr wünscht noch Kaffee zu trinken.
Dumont. Ah! Schöne Ros'! (Umfaßt sie zärtlich.)
Rosa (windet sich los). Ah was generos. Was hab ich von Ihrer Generosität. Ich muß in Garten hinaus.
Dumont. O, Sie dürfen nicht. Ich sein zu enchanté. Dieser Wangen! Dieser Augen! Dieser Augenblicken! O Natur, was haben du da geschaffen, ich kann mick nicht enthalten. Ich mussen Sie embrasser.
Rosa. Herr Chevalier, lassen Sie mich los, oder ich schrei.
Dumont. Ich will den Mond versiegeln. (Will sie küssen, sie schreit und läßt das Kaffeegeschirr fallen.)
Siebenter Auftritt
Vorige. Flottwell und Wolf aus dem Garten.
Flottwell. He, he, Herr Chevalier! Was machen Sie denn da?
Dumont. Ich bewundre der Natur!
Flottwell. Bravo! Sie dehnen Ihre Liebe zur Natur auf die höchsten und auf die gemeinsten Gegenstände aus.
Wolf. Schön oder häßlich, das gilt dem Herrn Chevalier ganz gleich.
Dumont. Was sagen Sie da von Häßlichkeit! Der Natur sein der höchster Poesie, und wahre Poesie kann nie gemein noch häßlich sein. Ich wollen mich für ihrer Schönheit schlagen, und schlagen lassen; und fallen ick, so schreib der Welt mir auf mein Grab:
Es schlafen unter diesem Stein Chevalier Dumont hier ganz allein, Er haben nur gemacht der Cour Auf Erd der himmlischen Natur. Nun seien tot. Welch glücklick Los! Er ruhn in der Geliebten Schoß Und wird, kehrt er im Himmel ein, Naturellement willkommen sein. (Geht stolz ab ins Schloß.)
Rosa (lest das Geschirr zusammen). Abscheulich! Allen Zudringlichkeiten ist man ausgesetzt in diesem Haus.
Flottwell. Weich Sie den Gästen aus, wenn sie Champagner getrunken haben. Ich bin sehr unzufrieden mit Ihr, Herr Wolf hat sich auch beklagt, daß Sie sehr unartig mit ihm ist und ohne Achtung von mir spricht.
Rosa. Der gnädige Herr Kammerdiener? Ah, jetzt muß ich reden--
Wolf (fein). Das soll Sie nicht, mein Kind, Sie soll nur Ihren Dienst versehen.
Rosa. Ich stehe bei dem gnädgen Herrn in Diensten und nicht bei gewissen Leuten.
Wolf. Schweig Sie nur--
Rosa. Nein, nichts will ich verschweigen. Alles muß heraus.
Wolf. Welche Bosheit!
Flottwell. Still! die Sache wird zu ernsthaft.
Rosa. Wissen Euer Gnaden, was der Kammerdiener gesagt hat?
Flottwell. Was hat er gesagt?
Rosa. Er hat gesagt--
(Valentin schnell.)
Valentin. Der Juwelier ist da.
Flottwell. Ah bravo! Nur geschwinde auf mein Zimmer. (Geht schnell ab.)
(Der Juwelier tritt von der Seite ein, und)
Wolf (führt ihn ins Schloß, vorher sagt er zu Rosa). Wir sprechen uns, Mamsell. (Ab.)
Rosa (steht wie versteinert). Da steh ich jetzt!
Valentin. Da steht sie jetzt.
Rosa. An wem soll ich nun meinen Zorn auslassen?
Valentin. Wart, ich besorg dir wem. (Will fort.)
Rosa. Du bleibst! An dir will ich mich rächen, du verhängnisvoller Mensch. (Geht auf ihn los.)
Valentin. An mir? Das ging' mir ab. Ich hab ja gar nichts gesagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Still sei! oder--(Reibt auf und will ihm eine Ohrfeige geben, wird aber plötzlich schwach.) Weh mir! mich trifft der Schlag.
Valentin. Das ist ein Glück, sonst hätt er mich getroffen.
Rosa (springt). Der Juwelier soll hingehn, wo der Pfeffer wächst.
Valentin. Das kannst ihm selber sagen. Ich weiß nicht, wo er wächst.
Rosa. Schweig! ich weiß mich nicht zu fassen.
Valentin. Nu schimpf nur zu, der Juwelier wird dich schon fassen.
Rosa. Gleich geh mir aus den Augen (tut, als wollt sie ihm die Augen auskratzen), du bist an allem schuld!
Valentin. Ich hab ja gar nichts gsagt als: Der Juwelier ist da.
Rosa. Das ist ja dein Verbrechen eben. Du hättest gar nichts sagen sollen, wenn du siehst, daß meine Tugend auf dem Punkt steht, ihre Rechte zu verteidigen. (Ab.)
Valentin. Das ist schrecklich. Da darf ja eine noch so viele Untugenden haben, so kann man nicht soviel Verdruß haben als wegen derer ihrer unglückseligen Tugend. Und ich weiß mich gar nichts schuldig. Ich muß nur grad das Gesetzbuch aufschlagen lassen, um zu erfahren, was denn das für ein Verbrechen ist: Wenn einer sagt, der Juwelier ist da! (Ab.)
Achter Auftritt
Verwandlung
Kurzes Kabinett Flottwells. Durch die Fenster sieht man in eine Kolonnade und durch diese ins Freie.
Flottwell und der Juwelier treten ein.
Flottwell (sehr fröhlich.). Wo haben Sie den Schmuck? Geben Sie! Ich freue mich schon wie ein Kind! Wie wird sich erst Amalie freuen!
Juwelier. Hier ist er!
Flottwell (besieht ihn und wird ernst). Mein Gott, was haben Sie denn gemacht?
Juwelier. Wieso?
Flottwell. So kann ich ihn nicht brauchen!
Juwelier. Er ist nach Ihrer Angabe, gnädger Herr!
Flottwell (wird immer heftiger). Nein, nein! das ist er nicht!
Juwelier. Ganz nach der Zeichnung, ich versichere Sie!
Flottwell. Nein, nein, nein, nein. (Mißmutig.) Er ist zu altmodisch, auch sind es nicht die Steine, die ich ausgewählt.
Juwelier. Herr von Flottwell! das betrifft ja meine Ehre.
Flottwell. Die meine auch, ich kann den Schmuck nicht brauchen.
Juwelier. Ich nehm ihn nicht zurück.
Flottwell. Das müssen Sie.
Juwelier. Ich will ihn ändern.
Flottwell. Zu spät. Er ist ja ein Geschenk zum heutgen Fest. Sie haben meine schönste Freude mir gemordet durch Ihre Ungeschicklichkeit.
Juwelier (etwas beleidigt). Herr von Flottwell--(Faßt sich) Ich versichere Sie, es ist nur eine Grille.
Flottwell. Versichern Sie mich nicht, der Schmuck ist schlecht.
Juwelier. Betrachten Sie ihn nur.
Flottwell. Nein, er ist mir so zuwider, daß ich ihn zum Fenster hinauswerfen könnte.
Juwelier. Das werden Sie wohl bleibenlassen, denk ich!
Flottwell. Das werd ich nicht. Da liegt er! (Schleudert ihn zum Fenster hinaus.)
Juwelier (erschrocken). Ums Himmels willen! der Schmuck beträgt zweitausend Taler!
Flottwell (stolz). Ist Ihnen bange? Lumpengeld! Sie sollen es erhalten! Warten Sie! (Er eilt ins Kabinett.)
Juwelier. Das ist ein Wahnsinn, der mir noch nicht vorgekommen ist. Ich hol den Schmuck herein! (Läuft ab.)
(Man sieht den Bettler vor dem Fenster, welcher den Schmuck aufgehoben hat, ihn gen Himmel hält und singt.)
Bettler. Habt Dank, habt Dank, ihr guten Leute, Daß ihr so reichlich mich beschenkt, Mein Herz ist ja des Kummers Beute, Durch eigne Schuld bin ich gekränkt.
(Er entfernt sich durch die Säulen und wiederholt noch die letzten Worte in der Ferne.)
Juwelier (kommt bestürzt zurück). Der Schmuck ist fort, ich find ihn nicht.
(Flottwell aus dem Kabinett. Er hat sich Besinnung geholt, und sein Betragen zeigt, daß er seine Heftigkeit bereut und sich ihrer schämt. Er trägt zwei Rollen Gold.)
Flottwell (edel freundlich). Hier haben Sie Ihr Geld, mein Herr!
Juwelier (artig). Herr von Flottwell, ich bedaure sehr--
Flottwell. Bedauern Sie nichts--An mir ist das Bedauern meiner unverzeihlichen Heftigkeit. Mein Blut spielt mir manch tollen Streich. Ich muß zur Ader lassen nächster Tage.
Juwelier. Ein gütig Wort macht alles wieder gut.
Flottwell (drückt ihm gutmütig die Hand). Nicht wahr, Sie nehmen es nicht übel, lieber Freund--und Sie vergessen es--Sie sprechen auch nie mehr davon? Ich wünschte nicht, daß Sie es irgendwo erzählen möchten.
Juwelier. Ich geb mein Ehrenwort--
Flottwell. Ja, ja, ich weiß, ich kann mich ganz auf Sie verlassen. Auch werd ich Ihre Kunst gewiß sehr bald in Anspruch wieder nehmen. Gewiß, gewiß, ich werde bald etwas bestellen lassen. Sehr bald. Und nun Adieu, mein Freund, und keinen Groll.
Juwelier (mit einer tiefen Verbeugung). Wie könnt ich das, ich bin so tief gerührt. (Im Abgehen.) Wenn er doch nur bald wieder etwas machen ließe! (Ab.)
Flottwell (allein). Ein sturmbewegter Tag! Wär er doch schon vorüber. (Wirft sich vor sich hinstarrend in einen Stuhl.)
(In der Ferne klingen die letzten Verse von des Bettlers Gesang.)
Bettler. Mein Herz ist stets des Kummers Beute, Durch eigne Schuld bin ich gekränkt.
Flottwell (springt auf). Welch Gesang--
(Wolf tritt ein.)
Wolf. Ach liebster gnädger Herr! Wie hat der Juwelier doch seine Sache schlecht gemacht, ich hab ihn eben ausgezankt. Doch stellen Sie sich vor, der Schmuck ist weg, und niemand will ihn aufgehoben haben.
Flottwell. Das wäre mir sehr unlieb--denn er kostet viel.
Wolf. Er muß sich finden, ich sah ihn aus dem Fenster fliegen. Niemanden gewahrt ich in der Nähe als das Kammermädchen Rosa. Ich eilt sogleich herab, da war sie fort, und als ich sie befragte, wollt sie nichts gesehen haben.
Flottwell. Das kann ich doch nicht von ihr glauben.
Wolf. Man muß die Sache untersuchen lassen.
Flottwell. Nur heute nicht. Das macht zu großes Aufsehen; und dann wer weiß, ists wahr.
Wolf. Gewiß, ich hab es ja beinahe gesehen.
Flottwell. Wenn es wahr ist, muß sie fort, sonst wünsch ich keine Strafe.
Wolf. Wie der Himmel doch die Menschen oft verläßt! Es ist schon alles zu dem Fest bereitet, die Gäste sind im Gartensaal versammelt. Ich habe die schöne Aussicht nach dem Tal mit Traperien verhängen lassen. Wir wollen warten, bis die Sonne untergeht, und wenn sie plötzlich schwinden, wird es einen imposanten Anblick geben.
Flottwell. Sind die Tänzer schon bereitet?
Wolf. Ja. Der Herr Präsident ist auch schon hier.
Flottwell. Amalie hier! Was sagst du das erst jetzt?
Wolf. Ich habe sie in das blaue Zimmer geführt, der Baron ist aber nach dem Garten gegangen.
Flottwell (auffahrend). Der Baron? Schändlich, daß ich meinen Nebenbuhler noch zu Gaste bitten muß. Was soll ich nun Amalien verehren, der Schmuck ist fort.
Wolf. Schenken Sie ihr die kostbare Vase, die Sie erst gekauft haben, das ist doch ein Geschenk, das eines Millionärs würdig ist.
Flottwell. Sie ist von großem Wert, doch eben recht, der Präsident ist ein Freund der Künste. Vielleicht gewinnt ihn das.
Wolf (für sich). Da irrst du dich.
Flottwell. Laß sie mit Blumen schmücken, kurz, besorge alles. Ich muß zu ihr, zu ihr.--
(Beide ab.)
Neunter Auftritt
Verwandlung
in ein nobles Gemach.
Der Präsident von Klugheim und Amalie.
Klugheim. Beruhige dich doch, meine Tochter, und laß mich nicht bereuen, daß ich so schwach war, deinen Bitten nachzugeben.
Amalie (ihren Schmerz bekämpfend). Ja, mein Vater, ich will ruhig sein.
Klugheim. Nun seh ich erst, du hast mich durch erzwungne Fröhlichkeit getäuscht. Du solltest ihn nicht wiedersehen.
Amalie. Im Gegenteil, mein Vater, es wird auf lange Zeit mich stärken, meine Leiden zu ertragen.
Klugheim. Vergiß nicht, daß wir in Gesellschaft sind und daß dich der Baron mehr als sein Leben liebt.
Zehnter Auftritt
Vorige. Flottwell.