Der Verschwender

Chapter 2

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Flottwell. Und was hat dir geträumt, Freund Valentin?

Valentin. Mir hat geträumt, Euer Gnaden hätten mir vier Dukaten geschenkt.

Flottwell (lachend). Das ist ein eigennützger Traum, doch will ich ihn erfüllen.

Valentin. Ich küß die Hand Euer Gnaden.

Flottwell. Was mir geträumt hat, kann ich euch noch nicht entdecken. Es war ein süßer Traum, dienstfertig meinem höchsten Wunsch, er hat mir meines Lebens Zukunft rosig abgespiegelt.

Helm. Dir hat gewiß von einem Rendezvous geträumt. Spitzbub! Was? Von Augen wie Rubin und solchem dummen Zeuch.

Flottwell (lachend). Du kannst etwas erraten haben, Herzensbruder. Es soll ein Rendezvous fürs ganze Leben werden. Doch still davon, mein Herz ist übermütig heut, es könnte sich verraten.

Pralling. Wir kennen Ihre Schliche schon, Sie haben andre Jagd im Sinn als wir.

Flottwell. So ist es auch. Jagt euren Freuden nach, um mich braucht ihr euch nicht zu kümmern. Wir haben jeder andre Leidenschaft.

Pralling. Ich leide an der Gicht.

Helm. Ich bin ein passionierter Jäger.

Walter. Ich spreche dem Champagner zu.

Dumont. Und ick bewundre der Natur.

Helm. Das nimmt mich wunder, Chevalier. Sie sind ja kurzsichtig.

Dumont. Das sind der Menschen alle.

Pralling. Und wenn Sie fahren, schlafen Sie im Wagen.

Dumont. O, das macken nichts. Ein wahrer Naturfreund müssen ihrer Schönheit auch im Schlaf bewundern können.

Helm. Das kann ich nicht. Mein Liebling ist die Jagd.

Flottwell. Heda! bringt uns Bordeaux. Die Herren sollen sich begeistern.

Dumont. Mackt mir der Fenster auf, daß ick der Landschaft kann betrachten. (Sieht durchs Glas.)

Wolf. Hier ist Bordeaux!

(Er ordnet die Diener, welche schon bereitet standen und ihn in gefüllten Stengelgläsern auf silbernen Tassen präsentieren.)

Walter (ruft). Herrlicher Wein!

Dumont (am Fenster entzückt rufend). Himmlischer Wasserfall!

Flottwell (schwingt das Glas). Auf ewge Freundschaft und auf langes Leben, meine Herren!

Alle. Der reiche Flottwell lebe lang!

Dumont (wie vorher, ohne ein Glas genommen zu haben). Ha! der Kirchhof macken sich dort gut.

Flottwell. Oh, wär ich überreich! Ich wünscht es nur zu sein, um meine Schätze mit der Welt zu teilen. Was ist der Mammon auch! das Geld ist viel zu sehr geachtet. Drum ists so stolz. Es will nie in des armen Mannes Tasche bleiben und strömt nur stets dem Reichen wieder zu.

Helm (enthusiasmiert). Wer ist so gut wie unser edler Flottwell hier?

Walter. Ich kenne kein Gemüt, das seinem gleicht.

Alle. Jawohl!

Dumont. Un enfant gâté de la nature.

Flottwell. Oh, lobt mich nicht zu viel. Ich habe kein Verdienst als meines Vaters Gold. Will mirs die Welt verzeihn, ists wohl und gut, und tut sies nicht, mag sie sich selbst mit ihrem Neid abfinden. Ich kämpfe nicht mit ihm. Mein Glück ist kühn, es fordert mich heraus, darum will ich mein Dasein großartig genießen, und wollen Sorgen mich besuchen, laß ich mich verleugnen. Düstern Philosophen glaub ich nicht. Nicht wahr, Freund Helm, man muß das Leben von der schönen Seite fassen? Der Himmel ist sein herrlichstes Symbol. Die glühnde Sonne gleicht dem heißen Brand der Liebe, der mildgesinnte Mond der innigen Freundschaft, die reiche Saat der Sterne ist ein Bild der Millionen Freuden, die im Leben keimen. Die ernsten Wolken sind zwar kummervolle Tage, doch Frohsinn ist ein flüchtger Wind, der sie verjagt.

Sockel. Ein Göttermann! Ein wahrer Göttermann! Verstanden!

Flottwell. Gebt doch ein Glas auch unserm wackern Baumeister. Oh, das ist gar ein wichtger Mann hier, meine Herren, der wird ein neues Schloß uns bauen, und diese Hallen wollen wir der Zeit nicht länger vorenthalten. Flottwells Haus solls heißen, noch ein Glas auf dieses Ehrenmannes Werk! (Zu Sockel, barsch.) Trinken Sie!

Sockel (erschrickt, daß er das Glas fallen läßt). Verstanden!

Alle (schwingen die Gläser). Flottwells Haus! Lang solls bestehn!

Flottwell (stürzt ein Glas hinein). Und nun zur Jagd, Ihr Herren! Werft die Gläser hin und nehmt 's Gewehr zur Hand! Der Wald ist euer Eigentum und all mein Wild. Doch hetzt mirs nicht zu sehr, ich kanns nicht leiden, denn der Hirsch weint wie ein Mensch, wenn er zu Tod gepeinigt wird. Und seit ich dieses Schauspiel sah, hab ich die Jägergrausamkeit verloren. Nun Glück zur Jagd! Der Abend führt uns wieder hier zusammen, dann wollen wir beim vollen Glas besprechen, wer eines edlern Sieges sich zu freuen hat? Ihr! oder ich!

Alle. Holla zur Jagd! (Alles ab.)

(Hörner tönen.)

Dumont (verweilt noch am Fenster, bis die andern alle zur Tür hinaus sind, dann ruft er) Himmlische Natur! (und folgt den andern nach).

Zehnter Auftritt

Dann unter rauschender Musik Verwandlung in eine goldene Feenhalle, rückwärts die Aussicht in eine reizende Berggegend. In der Mitte der Halle ein großer runder Zauberspiegel, vor ihm ein goldner Altar mit einer Opferschale auf Stufen.

Cheristane, in ein lichtblaues faltiges Gewand gehüllt, welches mit Zaubercharakteren geziert ist, und das Haupt mit einer goldnen Krone geschmückt, kommt von der Seite, ein goldnes Buch und einen Zauberstab tragend.

Cheristane. Der Kampf ist aus, ich habe mich besiegt. Beschlossen ists, ich scheide von der Erde. Wenn auch mein Herz dem Kummer unterliegt, Ich leide nur, daß er gerettet werde.

(Sie nimmt von dem mittleren Zacken ihrer Krone eine blaue Perle.)

Komm, teure Perle, die den Geist umschließt, Den letzten der sich beugt vor meiner Macht, Die bald für ihn in eitles Nichts zerfließt! Ich opfre dich in diesem goldnen Schacht.

(Sie wirft die Perle in die goldne Schale. Eine blaue Flamme entzündet sich in ihr, der Donner rollt. Kurze passende Musik. Der Spiegel überzieht sich mit Rauch.)

Nun zeig dein Haupt, umkränzt von Zauberschein, Und blick mich an mit holden Demantaugen! Erschein! Es soll Azur dein Name sein! Laß Hoffnung mich aus deinen Worten saugen!

(Musik.--Fürchterlicher Donnerschlag. Der Rauch hebt sich und in dem Spiegel erscheint Azur, in Silberdock ägyptisch gekleidet, das Haupt umhüllt, die halbentblößten Arme und das Antlitz ist mit blauer Folie überzogen, statt der Augen leuchten zwei glänzende Steine. Magische Beleuchtung.)

Azur. Du! die du mich durch Zaubermacht geboren, Gebietest du mir Segen oder Fluch?

Cheristane. Zu Flottwells Schutzgeist hab ich dich erkoren.

Azur. Darf ich das sein? Blick in des Schicksals Buch!

(jetzt folgt eine zitternde Musik darunter.)

"Kein Fatum herrsch auf seinen Lebenswegen, Er selber bring sich Unheil oder Segen. Er selbst vermag sich nur allein zu warnen, Mit Unglück kann er selbst sich nur umgarnen, Und da er frei von allen Schicksalsketten, Kann ihn sein Ich auch nur von Schmach erretten."

Cheristane. Mir ist bekannt des Schicksals strenger Spruch, Der, mich zu strafen, tief ersonnen ist. Empfange hier mein goldnes Zauberbuch. Es wird dich lehren, welche schlaue List Mein liebgequälter Geist erfunden hat. Doch ich muß machtberaubt von hinnen fliehn. Darum vollziehe du statt mir die Tat Und laß mich trostlos nicht nach meiner Heimat ziehn.

Azur (nimmt das Buch). Zieh ruhig heim, treu will ich für dich handeln, Als Retter sollst du wieder mich erblicken.

(Die Wolke schließt sich. Musik.)

Cheristane. Oh, hätt ichs nie gewagt auf Erd zu wandeln, Zu bitter straft sich dieser Lust Entzücken!

(Sie sinkt aufs Knie und beugt ihr Haupt kummervoll vor dem Altar.)

Elfter Auftritt

Unter klagender Musik Verwandlung in einen kurzen Wald. An der Seite ein Hügel mit Gesträuche. Jäger ziehen über die Bühne.

Jagdchor.

Gilts, die Wälder zu durchstreifen, Hebet freier sich die Brust. Kühn den Eber anzugreifen, Ist des Jägers höchste Lust. Holla ho! Holla ho! Weidgesellen froh! Ist die Fährte aufgefunden, Wälzt er sich im schwarzen Blut, Spiegelt sich in seinen Wunden Noch des Abends letzte Glut. Holla ho! Holla ho! Jägerbursch ist froh!

Zieht man heim nach Jägersitte, Winkt die Nacht uns traut zur Ruh, Sucht man seines Liebchens Hütte, Schließt das Pförtlein leise zu. Holla ho! Holla ho! Jägersbraut ist froh! (Alle ab.)

(Valentin, der im Gesträuch versteckt war, kommt hervor.)

Valentin. Wegen meiner jagt ihr fort, solang ihr wollt. Ich werd mich da so wildschweinmäßig behandeln lassen. Ich schießet alle zusammen, die Sappermenter, wenn ich nur einen Hahn auf der Flinten hätt. Ich kann gar nicht begreifen, was denn die vornehmen Leut mit der verdammten Jagd immer haben.

Lied Wie sich doch die reichen Herrn Selbst das Leben so erschwern! Damit s' Vieh und Menschen plagen, Müssen s' alle Wochen jagen. Gott verzeih mir meine Sünden, Ich begreif nicht, was dran finden, Dieses Kriechen in den Schluchten, Dieses Riechen von den Juchten. Kurz, in allem Ernst gesagt: 's gibt nichts Dummers als die Jagd. Schon um drei Uhr ist die Stund Für die Leut und für die Hund. Jeder kommt mit seinem Stutzen, Und da fangen s' an zum putzen. Nachher rennen s' wie besessen, Ohne einen Bissen z' essen, Ganze Tage durch die Waldung, Und das ist a Unterhaltung! Ah, da wird eim Gott bewahrn, D' Jäger sind ja alle Narrn.

Kurz, das Jagen laß ich bleiben. Was die Jägerburschen treiben, Wie s' mich habn herumgestoßen, Bald hätt ich mich selbst erschossen. Über hunderttausend Wurzeln Lassen eim die Kerls purzeln, Und kaum liegt man auf der Nasen, Fangen s' alle an zu blasen, Und das heißen s' eine Jagd! Ach, dem Himmel seis geklagt.

Müd als wie ein ghetzter Has Setzt man sich ins kühle Gras, Glaubt, man ist da ganz allein, Kommt ein ungeheures Schwein. Und indem man sich will wehren, Kommen rückwärts ein paar Bären, Auf der Seiten ein paar Tiger, Und weiß Gott noch was für Vieher, Und da steht man mitten drin! Dafür hab ich halt kein Sinn. (Läuft ab.)

Repetition Nein, die Sach muß ich bedenken. D' Jäger kann man nicht so kränken. Denn, wenn keine Jäger wären, Fräßen uns am End die Bären. 's Wildpret will man auch genießen, Folglich muß doch einer schießen. Bratne Schnepfen, Haselhühner, Gott, wie schätzen die die Wiener! Und ich stimm mit ihnen ein: Jagd und Wildpret müssen sein. (Ab.)

Zwölfter Auftritt

Verwandlung

Eine reizende Gegend, im Hintergrunde ein klarer See, von lieblichen Gebirgen eingeschlossen. Rechts ein Fels, über ihm der Eingang in Cheristanens Felsenhöhle, vor welcher sie in ihrem früheren Kostüm, doch ohne Krone steht und in die Ferne blickt.

Cheristane. Nun hat er bald die steile Höh erklommen und wird den süßen Blick nach Minnas Hütte senden, von der er wähnt, daß sie sein Liebstes stets umschirme. So mag er denn zum letztenmal sich ihres Anblicks freuen.

(Kurze Musik. Sie verwandelt sich in ein liebliches Bauermädchen, im italienischen Geschmacke zart gekleidet, und sinkt rasch in den Fels, welcher zu einer freundlichen Hütte wird, die von Reben und Blumen umrankt ist und aus deren Tür sie schnell überraschend tritt. Zugleich verwandeln sich die Kulissen in orientalische hohe Blumen und goldgesäumte Palmen, die noch praktikabel gegen die Mitte der Bühne reichen. Nachdenkend setzt sie sich im Vordergrunde auf eine mit Blumen behangene Rasenbank.)

Ach! selber darf er sich nur warnen, Mit Glück und Unglück selbst umgarnen, Und da er frei von allen Schicksalsketten, Kann er nur selbst von Schmach sich retten.

O trüber Schicksalsspruch, der einem Kinde Flügel leihet und sie seinem Engel raubt.

Dreizehnter Auftritt

Vorige. Flottwell.

Flottwell (froh). Heitern Tag, mein teures Mädchen, sei nicht böse, daß ich selbst so spät erscheine, denn meine Sehnsucht ist schon lang bei dir. Doch--sag! was ist dir? Du bist traurig! Wer hat dir was zu Leid getan? Quält dich die Eifersucht? Bist du erkrankt? Betrübt? Sprich! Oder willst du mich betrüben?

Cheristane (steht bewegt auf). Dich? mein Julius, nein, das will ich nicht! (Schlingt ihre Arme um seinen Hals und legt ihr Haupt an seine Brust.)

Flottwell. So bist du halb nur die, die mich sonst ganz beglückt. Die frohere Hälfte fehlt, und nur die trübe ruht an meiner Brust. Komm, laß uns Frieden schließen, trautes Kind. Du ahnest nicht, was mich so freudig stimmt. Du sollst nicht länger hier in deiner Hütte weilen. Du mußt mir morgen schon nach meinem Schlosse folgen. Zu lange schmückt der Brautkranz deine seidnen Locken, er könnte sonst auf deiner Stirne welken. Die Welt muß als mein treues Weib dich grüßen, du darfst durchaus nicht länger widerstreben.

Cheristane. Oh, mehr' mein Leid nicht! Zieh mich nicht auf diese Höhe, sie zeigt ein Paradies mir, das ich nie betreten darf. Ich habe dich getäuscht! ich bin nicht das Geschöpf, das du in diesem Augenblick noch in mir suchst.

Flottwell. Sei, was du willst. Hör nur nicht auf, die Liebenswürdigkeit zu sein. Drei Jahre sind es, als ich auf der Jagd mich bis hieher verirrt und dich zum erstenmal erblickte. Befremdend glänzte deine Schönheit in der niedern Hütte wie ein Edelstein in eines Bettlers Hand. Du weihtest mir dein Herz. Doch durft ich niemals forschen, woher du kamst und wer du seist. Und sieh! ich war so folgsam wie ein Kind, nie hast du eine andre Frag gehört, als ob du mich auch immer lieben wirst. Du hast die Gegend in ein Eden hier verwandelt und pflanztest Blumen wie sie nur des Indiers Träume schmücken. Ich hab dich nie befragt, woher dir solche Macht geworden ist, mir wars genug, daß dus für mich getan.

Cheristane. Dir waren sie geweiht, doch blühten sie umsonst. Sie sollten dein Gemüt in ihre duftgen Kreise ziehn und dich den wahren Wert des Glückes lehren. Ich hab es nicht erreicht. Zu wild ist deine Phantasie, zu hochbegehrend. Du willst, dein Leben soll ein schimmernd Gastmahl sein, und ziehst die Welt an deine goldne Tafel. Ach, möchte sie dirs einst mit Liebe lohnen!

Flottwell. Sie wird es tun, zeig nicht so düstern Sinn. Komm, folg mir gleich, du bist durch Einsamkeit erkrankt.

Cheristane. Umsonst. Zu spät! Du kannst mich länger nicht besitzen, umarmst mich heut zum letztenmal.

Flottwell (wild und heftig). Es darf nicht sein. Wer wagt den Raub an meinem liebsten Gut?--

Cheristane. Das Schicksal!

Flottwell. Glaub es nicht! Mein Glück hat Mut, so schnell läßt es sich nicht besiegen. (Umschlingt sie.) Ich laß dich nicht aus meinem Arm, selbst wenn du treulos bist, ich will dich lieben, bis du zu mir wiederkehrst.

(Musik.--In diesem Augenblick fliegt ein roter Adler mit einer goldnen Krone auf dem Haupte über den See.)

Cheristane. Hinweg von mir, (für sich) schon fühl ich meiner Macht Vergehen. Siehst du den purpurroten Aar, der sein befiedert Haupt mit einer Kron geschmückt?

Flottwell. Was sprichst du da? Kein Vogel regt sich hier!

(Musik.--Eine Gruppe von Nebelgestalten, deren Auge drohend auf Cheristane gerichtet ist, fliegt über den See.)

Cheristane. Auch nicht die drohenden Gestalten, die mich an meine Heimkehr mahnen? Zieht nur voraus, ich folge bald. (Blickt starr nach.)

Flottwell. Mein teures Kind, wie bist du schwer erkrankt! Sag an, was sind das für Gestalten? und wer ist der gekrönte Aar?

Cheristane (feierlich). Illmaha, die Feenkönigin. (Sie sinkt nieder und beugt ihr Haupt. Dann fährt sie fort.) Wisse denn, kein menschlich Wesen hast du an dein Herz gedrückt. Cheristane ist mein Name, ich bin aus dem Feiengeschlechte, meine Heimat sind die fernen Wolken, die in ewgen Zauberkreisen über Persien und Arabien ziehen.

Flottwell. Ist in den Wolken Lieb Verbrechen, straft sie dort des Schicksals Fluch? dann wär ja die Erd ein Himmel und die Ewigkeit Exil?

Cheristane. Oh, höre mich, bevor du lästerst! Schon dreimal sind es sieben Jahre, daß ich euren Stern betrat. Um Wohltat auf der Erd zu üben, sandte mich die Königin. Sie drückte eine Perlenkrone auf mein ewig junges Haupt und sprach: In jeder dieser Perlen ist ein Zauber eingeschlossen, welchen du benützen kannst in jeglicher Gestalt. Verwende sie mit Weisheit zu der Menschen Heil. Wenn du die letzte Perle hast geopfert, ist auch dein Reich zu Ende, und du kehrst zurück, um Strafe oder Lohn vor meinem Throne zu empfangen. Weh dir, wenn du Unwürdige beglückst und so den edlen Schatz dem Dürftigen entziehst.--(Pause, in der sie Julius wehmütig und bedeutungsvoll anblickt.) Ob ichs getan, wird mir die Zukunft zeigen!--Ich hatte viele Perlen noch, als ich vor deines Vaters Schloß den siebzehnjährgen Julius erblickte. Du warst so hold wie Frühlingszeit, und ich vermochte nicht, mein liebgereiztes Aug von dir zu wenden. Von diesem Augenblick hatt ich dein Glück in mir beschlossen, und viele Perlen löste ich von meiner Krone ab und streute sie auf dein und deines Vaters Haupt. Daher der unermeßne Reichtum, den er sich in kurzer Zeit erwarb. Oh, hätt ichs nie getan! Er starb. Vom Undank nicht beweint, von dir allein. Du wardst der Güter Herr, und nun erkannt ich erst, daß alles, was ich für dein Wohl zu tun gedachte, durch deine Leidenschaft dir einst zum Unglück werden kann. Ich konnte meinem Herzen länger nicht gebieten, ich führte dich hieher und hab seit dieser Zeit mein höchstes Glück in deiner Lieb gefunden. Nun ist der Traum vorüber. Meine Perlen sind verschwendet, und die letzte mußt ich heut noch deinem Wohle opfern. Einst hab ich nicht bedacht, daß sie das Sinnbild bittrer Tränen werden könnte.

Flottwell. O Cheristane! was hast du getan? Ich laß dich nicht und werfe alles hin, wenn du mir bleibst. Und ziehst du fort, nimm auch mein Leben mit.

Cheristane. Oh, du bist freigebig gleich einem König, du könntest eine Welt verschenken, um einer Mücke Dasein zu erhalten. Doch ich will deine Großmut nicht mißbrauchen. Schenk mir ein Jahr aus deinem Leben nur. Ein Jahr, das ich mir wählen darf, auf das du nie mehr Anspruch machst.

Flottwell. Oh, nimm es hin! Nimm alles hin! Nimm dir das glücklichste, das einzige, das die nichtswürdge Seligkeit umfängt, die ich noch ohne dich genießen kann.

Cheristane. Ich danke dir, ich werde dich nicht hart berauben. Und nun bin ich gefaßt, fall ab, du irdscher Tand! Nur dieser Fels mag ein geheimnisvoller Zeuge sein, daß Cheristane einst auf Erden hat geliebt. (Wehmütige Musik. Sie verwandelt sich in die Gestalt einer reizenden Nymphe. Zugleich verwandelt sich die Hütte in einen Fels, der mit Blumen umwunden ist, von Palmen gleich Trauerweiden überschattet wird und in welchem der Name Cheristane eingegraben ist. Die praktikablen Blumen neigen sich, und aus den Gesträuchen heben sich zarte Genien und sinken trauernd zu Cheristanens Füßen.) Die Sonne sinkt, die Blumen neigen ihre Häupter, und meine Genien weinen still, weil sie mit mir die schöne Erde meiden müssen. Die Zeit ist da! Verbannung winkt!

(Musik.)

Flottwell (stürzt bewegt zu ihren Füßen). O Cheristane! Töte mich!

Cheristane. Hab Dank für deine süße Treu, mein teurer Erdenfreund! Was mich betrübt, ich darf es dir nicht sagen, darf dir nicht unser künftig Los enthüllen, doch könntest du des Donners Sprache und des Sturms Geheul verstehen, du würdest Cheristane um dich klagen hören. Oh, könnt ich meine Lieb zu dir in aller Menschen Herzen gießen, ich würde reich getröstet von dir ziehn! (Sie geht in die Kulisse. Die Genien folgen ihr. Musik beginnt. Cheristane fliegt auf Rosenschleiern, die ein geschwelltes Segel formen, von Genien, welche zart gemalt sind, umgeben, so daß das Ganze eine schöne Gruppe bietet, langsam aus der Kulisse über den See, in welchem sich plötzlich die ganze Gruppe abspiegelt. In diesem Augenblick blickt sie noch einmal wehmutsvoll auf Flottwell und ruft.) Julius, gedenke mein! (Dann verhüllt sie sich schnell in den dunklen Schleier ihres Hauptes, das sie trauernd beugt, und plötzlich verwandeln sich die rosigen Segelschleier in Trauerflöre, sowie die Gruppe der Genien nun in abendlicher Beleuchtung gemalt wie durch einen Zauberschlag erscheint. Der rosige Himmel umwölkt sich düster, und nur aus einem unbewölkten Feld schimmern ihr noch bleiche Sterne nach. Indem Cheristane in die entgegengesetzte Kulisse schwebt und)

Flottwell (auf den Fels sinkt und ausruft) O Gott, laß mich in meinem Schmerz vergehn! (fällt der Vorhang langsam.)

Zweiter Aufzug

Drei Jahre später

Erster Auftritt

Morgen. Im Hintergrunde die Hauptfronte von Flottwells neuerbautem Schlosse. An dem Fuße der breiten Stufen, welche zu dem palastartigen Portale führen, sitzt ein Bettler. Abgetragne Kleider, doch nicht zerlumpt. Wanderstab. Sein Haar ist grau, und tiefer Gram malt sich in seinen Zügen. Die Morgensonne beleuchtet ihn. Seitwärts ist ein Gittertor, durch welches man in den Schloßgarten sieht. In der Ferne erblickt man auf einem Hügel das früher bewohnte Schloß Flottwells. Die Fenster des neuen Schlosses sind geöffnet, in dem großen Saale brennen noch Lichter.

Flottwell und einige Gäste lehnen am Fenster.

Chor (im Tafelsaale). Laßt brausen im Becher den perlenden Wein! Wer schlafen kann, ist ein erbärmlicher Wicht. Und guckt auch der Morgen zum Fenster herein, Ein rüstiger Zecher lacht ihm ins Gesicht. Ha! ha! ha! ha! (Schallendes Gelächter.)

Der Bettler (zugleich mit dem Chor). Oh, hört des armen Mannes Bitte Und reicht ihm einen Bissen Brot! Der Reichtum thront in eurer Mitte, Mich drückt des Mangels bittre Not. (Das Gelächter beantwortet gleichsam sein Lied.)

Chor. Die düsteren Sorgen werft all über Bord! Ein Tor, der die Freude nicht mächtig erfaßt. Das Leben hält ja nur dem Fröhlichen Wort, Wer niemals genoß, hat sich selber gehaßt. Ha! ha! ha! ha!

Bettler. Oh, laßt mich nicht vergebens klagen, Seid nicht zu stolz auf eure Pracht! Ich sprach wie ihr in goldnen Tagen, Drum straft mich jetzt des Kummers Nacht. (Er senkt sein Haupt.)

(Valentin und Rosa kommen aus dem Garten.)

Valentin. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, daß du mit dem Kammerdiener nicht so grob sein sollst. Du weißt, was er für ein boshafter Mensch ist, am End verschwärzt er uns beim Herrn.

Rosa. Still sei und red nicht, wenn du nichts weißt. Ich muß grob sein, weil ich eine tugendhafte Person bin.

Valentin. Ah, das ist ja keine Konsequenz. Da müßten ja die Sesseltrager die tugendhaftesten Menschen auf der Welt sein.

Rosa. Bist du denn gar so einfältig? Merkst du denn noch nicht, daß mir der Kammerdiener überall nachschleicht, daß ich nicht einmal in der Kuchel a Ruh hab.

Valentin. Ja was will er denn von dir?

Rosa. Er will mich zu seiner Kammerdienerin machen.

Valentin. In der Kuchel drauß? Er soll in seiner Kammer bleiben, wenn er ein ordentlicher Kammerdiener ist. Du gibst ihm doch kein Gehör?

Rosa. Du willst ja nicht, daß ich ihm meine Meinung sagen soll.

Valentin. Aber wohl! Das hab ich ja nicht gewußt. Wirf ihm deine Tugend nur an Kopf! Es schadt ihm nicht. Übrigens ist das sehr schön von dir, daß du mir das sagst.

Rosa. Nun warum soll ichs denn nicht sagen? Ich mag ihn ja nicht. Wenn er mir gfallet, so saget ich nichts.

Valentin. Bravo! Das sind tugendhafte Grundsätze. Aber der duckmauserische Kammerdiener! Der geht mir gar nicht aus den Kopf.

Rosa. Es ist nicht mehr zum Aushalten mit ihm. Alles will er dirigieren. Um die dümmsten Sachen bekümmert er sich.

Valentin. Jetzt lauft er gar dir nach.

Rosa. Überall muß er dabeisein.

Valentin. Nu neulich haben s' für unsern Koch Stockfische gebracht, da war er auch dabei. Wenn nur mit unsern gnädgen Herrn etwas zu reden wär, aber der ist seit einiger Zeit verstimmt als wie ein alts Klavier.

Rosa. Weil nichts aus seiner Heirat wird. Der Herr Präsident von Klugheim gibt ihm seine Tochter nicht. Er kann ihn gar nicht leiden.

Valentin. Wie soll er ihn denn nicht leiden können? Er kommt ja heut zur Tafel.

Rosa. Ja wenn sich die Leute alle leiden könnten, die miteinander an einer Tafel sitzen, da wär die ganze Welt gut Freund. Was außer dem Herrn Präsidenten da in unser Haus hergeht, das heißt man Tafelfreunde. Das sind nur Freunde von der Tafel, aber nicht von dem, der Tafel gibt.

Valentin. Und der Herr Präsident?