Chapter 1
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Der Verschwender
Ferdinand Raimund
Original-Zaubermärchen in drei Aufzügen (1834)
Personen:
Erster Aufzug: Fee Cheristane Azur, ihr dienstbarer Geist Julius von Flottwell, ein reicher Edelmann Wolf, sein Kammerdiener Valentin, sein Bedienter Rosa, Kammermädchen, dessen Geliebte Chevalier Dumont, Flottwells Freund Herr von Pralling, Flottwells Freund Herr von Helm, Flottwells Freund Herr von Walter, Flottwells Freund Gründling, Baumeister Sockel, Baumeister Fritz, Bedienter Johann, Bedienter Dienerschaft Jäger. Gäste in Flottwells Schoß. Genien
Zweiter Aufzug (spielt um drei Jahre später): Ein Bettler Julius von Flottwell Wolf, Kammerdiener Valentin, Bedienter Rosa, Kammermädchen Präsident von Klugheim Amalie, seine Tochter Baron Flitterstein Chevalier Dumont Herr von Walter Ein Juwelier Ein Arzt Ein altes Weib Ein Haushofmeister Ein Kellermeister Ein Diener Betti, Kammermädchen Max, Schiffer Thomas, Schiffer Gäste. Bediente. Tänzer. Tänzerinnen
Dritter Aufzug (spielt um zwanzig Jahre später): Fee Cheristane Azur, ihr dienstbarer Geist Julius von Flottwell Herr von Wolf Valentin Holzwurm, ein Tischlermeister Rosa, sein Weib Ihre Kinder Liese, Michael, Hansel, Hiesel und Pepi (vier Jahre alt) Ein Gärtner Ein Bedienter Bediente. Nachbarsleute. Bauern. Senner und Sennerinnen. Genien
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Vorsaal in Flottwells Schloß. Mit Mittel- und vier Seitentüren, vorne ein Fenster. Dienerschaft in reichen Livreen ist im Saale beschäftigt. Einige tragen auf silbernen Tassen Kaffee, Tee, Champagner, ausgebürstete Kleider nach den Gemächern der Gäste. Fritz und Johann ordnen an. Ein paar Jäger putzen Gewehre.
Chor. Hurtig! Hurtig! Macht doch weiter! Holt Champagner! Kaffee! Rum! Bringt den Gästen ihre Kleider, Tummelt euch ein wenig um. Alles sei hier vornehm, groß In des reichen Flottwells Schloß.
(Im Hofe ertönen Jagdhörner. Alle ab bis auf Fritz und Johann, welche ans Fenster treten.)
Fritz. Ja blast nur zu! Da könnt ihr noch lange blasen. Die Herrschaften sind erst aufgestanden. Heute wird es eine späte Jagd geben.
Johann. Das Spiel hat ja bis zwei Uhr gedauert.
Fritz. Ja wenn sie nach dem Souper zu spielen anfangen! Da ist kein Ende.
Johann (lachend). Aber heute Nacht haben sie den Herrn schön gerupft.
Fritz. Ich kann mich ärgern, daß er so viel verspielt.
Johann. Warum denn? Er wills ja nicht anders. Die reichen Leute sollen die Langeweile bezahlen, die sie andern verursachen.
Fritz. Ah, über den gnädgen Herrn ist nichts zu sagen. Das ist ein wahrhaft nobler Mann. Er bewirtet nicht nur seine Freunde, er unterstützt die ganze Welt. Die Bauern, hör ich, zahlen ja fast niemals eine Abgabe.
Johann. Er hat mir nur zu heftige Leidenschaften. Wart, bis du ihn einmal in Wut erblickst. Da schont er weder sein noch eines andern Glück. Da kann alles zugrunde gehen.
Fritz. Aber wenn er sich besinnt, ersetzt ers sicher dreifach wieder.
Johann (achselzuckend). Ja! Wenns nur immer so fortgeht.
Fritz. Wer ist denn der junge Mann, der gestern angekommen ist? Ein scharmanter Mensch.
Johann. Das weiß ich nicht. Das wird sich schon noch zeigen. Für mich gibt es nur zweierlei Menschen. Menschen, die Trinkgeld geben, und Menschen, die keines geben. Das bestimmt meine Dienstfertigkeit.
Fritz. Ich finde, daß er sehr höflich ist.
Johann. Da wird er vermutlich sehr wenig geben. Wer mich mit Höflichkeit beschenkt, macht mich melancholisch. Aber wenn mir einer so einen Dukaten hinwirft und zuruft: Schlingel, heb ihn auf! da denk ich mir: Ha! welch eine Lust ist es, ein Schlingel zu sein!
Zweiter Auftritt
Vorige. Pralling.
Pralling (tritt einen Schritt aus seinem Kabinett und ruft). He! Bediente!
Beide (sehen sich um). Ja! Befehlen?
Pralling. Ich habe schon zweimal geklingelt. Wollen Sie so gefällig sein, mir Rum zu bringen?
Johann (vornehm nickend). Sogleich, mein Herr! (Zu Fritz.) Hast du den gehört? Der hat mir in sechs Wochen noch keinen Pfennig Trinkgeld gegeben, und ein solcher Mann hat bei mir keinen Anspruch auf Rum zu machen. Den laß ich warten.
Fritz. Oh, auf den acht ich auch nicht. Der Herr hält ja nicht viel auf ihn.
Johann. Das ists, auf was man sehen muß. Auch der Kammerdiener mag ihn nicht.
Fritz. Nun, wenn ihn der nicht mag, da kann er sich bald aus dem Schlosse trollen. Der wird ihn schon gehörig zu verleumden suchen.
Johann. Ja, der reitet auf der Gunst des gnädgen Herrn, und niemand kann ihn aus dem Sattel werfen.
Fritz. Du kennst ja seinen Wahlspruch: Alles für den Nutzen meines gnädgen Herrn, und dabei stopft er sich die Taschen voll.
Johann. Das wird aber auch eine schöne Wäsche geben, wenn dem seine Betrügereien einmal ans Tagslicht kommen. Ich kenne keinen raffinierteren Schurken. Da ist unsereiner gerade nichts dagegen.
Dritter Auftritt
Vorige. Wolf aus dem Kabinette rechts. Sein Betragen ist gegen Diener sehr nobel stolz, gegen Höhere sehr demütig.
Wolf (hört die letzten Worte). Schon wieder Konferenz? Von wem war hier die Rede?
Johann. Von einem guten Freund.
Wolf. Nu ihr seid solcher Freundschaft wert! Ist alles besorgt? Die Gäste bedient?
Johann. Auf das pünktlichste!
Wolf. Der gnädge Herr läßt euch verbieten, von den Gästen Geschenke anzunehmen. Ihr habt sie von seiner Freigebigkeit zu fordern.
Beide. Dann haben wir dadurch gewonnen.
Wolf. Seid uneigennützig. Das ist eine große Tugend.
Johann. Aber eine sehr schwere--nicht wahr, Herr Kammerdiener?
Wolf. Wo ist der Valentin? Hat er die Quittung von der Sängerin gebracht?
Fritz. Er ist noch nicht zurück, obwohl der gnädige Herr befohlen hat, er müßte bei der Jagd erscheinen, damit die Herren auf der Jagd etwas zu lachen hätten.
Wolf (lächelnd). Ein wahrhaft unschädlicher Bursche.
Johann. Da sollten doch der Herr Kammerdiener ein Werk der Barmherzigkeit ausüben und den gemeinen Kerl aus dem Hause bringen.
Wolf. Gott bewahre mich vor solcher Ungerechtigkeit. Das wäre gegen die Gesinnung meiner gnädgen Herrschaft. Der Bursche ist zwar plump und roh, doch gutmütig und treu. Dann steht er in der Gunst des Herrn, der seine Diener alle liebt wie eigne Kinder. Ja das ist wohl ein seltner Mann, der in der Welt nicht seinesgleichen findet. Und wollte man sein Lob in Büchern schreiben, man würde nie damit zu Ende kommen. Drum dankt dem Himmel, der euch in dies Haus geführt, denn wer ihm treu dient, der hat sich wahrlich selbst gedient. Das Frühstück für den gnädgen Herrn!
Fritz. Sogleich! (Geht ab.)
Johann (im Abgehen). Die Moralität dieses Menschen wird mich noch unter die Erde bringen. (Ab.)
Wolf. Das sind ein paar feine durchgetriebne Schufte. Die muß ich mir vom Halse schaffen.
Vierter Auftritt
Voriger. Baumeister Gründling.
Gründling. Guten Morgen, Herr Kammerdiener, kann ich die Ehre haben, Herrn von Flottwell meine Aufwartung zu machen?
Wolf. Herr Baumeister, ich muß um Verzeihung bitten, aber Seiner Gnaden haben mir soeben befohlen, Sie bei jedermann zu entschuldigen, denn Sie machen heute eine Jagdpartie.
Gründling. Wissen Sie nicht, Herr Kammerdiener, ob Herr von Flottwell meinen Plan zu dem Bau des neuen Schlosses für gut befunden hat?
Wolf. Er hat ihm sehr gefallen. Nur hat sich der Umstand ereignet, daß ihm auch ein anderer Baumeister einen ähnlichen Plan vorgelegt hat und sich erbietet, das Schloß in derselben Größe um zehntausend Gulden wohlfeiler zu bauen.
Gründling. Das tut mir leid, aber als ehrlicher Mann kann ich es nach seinen Anforderungen nicht wohlfeiler bauen. Ich übernehme diesen Bau überhaupt mehr aus Ehrgeiz als aus Gewinnsucht, hat aber Herr von Flottwell einen Künstler gefunden, von dem er sich Schöneres oder Besseres verspricht, so werde ich mich zu bescheiden wissen.
Wolf. Das heißt, es ist Ihnen nichts daran gelegen.
Gründling. Im Gegenteil, es ist meiner Ehre sehr viel daran gelegen.
Wolf. Ja dann müssen Sie Ihrer Ehre auch ein kleines Opfer bringen.
Gründling. Es wäre sehr traurig für die Kunst, wenn es mit ihr so weit gekommen wäre, daß die Künstler Opfer bringen müßten, um Gelegenheit zu finden, ein Kunstwerk hervorzubringen. Die Kunst zu unterstützen, ist ja der Stolz der Großen, und eine ökonomische Äußerung wäre an dem geldberühmten Herrn von Flottwell etwas Unerhörtes.
Wolf. Sie verstehen mich nicht, Herr Baumeister.
Gründling. Genug! Morgen will ich mit Herrn von Flottwell selbst darüber sprechen. Glauben Sie aber nicht, Herr Kammerdiener, daß ich ein Mann bin, der nicht zu leben versteht. Sollten Sie sich für die Sache bei dem gnädgen Herrn glücklich verwenden, so werde ich mich sehr geehrt fühlen, wenn Sie ein Geschenk von hundert Dukaten nicht verschmähen wollen.
Wolf. Sie verkennen mich. Eigennutz ist nicht meine Sache, ich spreche nur zum Vorteil meines gnädgen Herrn!
Gründling. Den werden Sie durch mich besser bezwecken, als wenn das Schloß von einem andern wohlfeiler und schlechter gebaut wird.
Wolf. Nun gut. Ich will versuchen, was mein geringer Einfluß zugunsten eines so großen Künstlers vermag, und gelingt es mir, so werde ich Ihr Geschenk nur unter der Bedingung annehmen, daß Sie mir erlauben, es auf eine wohltätige Weise für andere zu verwenden.
Gründling. Ganz nach Ihrem Belieben. (Beiseite.) Die Kunst mag mir diese Herabwürdigung verzeihen. (Laut.) Morgen erwarte ich einen günstigen Bescheid. (Will ab.)
Wolf (blickt zum Fenster hinaus). Teufel! der andere. (Schnell.) Wollen Sie nicht so gefällig sein, sich über die Nebentreppe zu bemühen, weil die Bedienten auf der großen Möbel transportieren. Ich empfehle mich ergebenste (Läßt ihn durch eine Seitentür hinausgehen. Wolf allein.) Diese Zitrone gibt wenig Saft, jetzt wollen wir die andere pressen.
Fünfter Auftritt
Voriger. Baumeister Sockel.
Sockel. Guten Morgen, Herr von Wolf! Sie haben mich rufen lassen, ich wäre schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus stützen müssen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab. Verstanden? Ich sag Ihnens, man möcht jetzt lieber Holz hacken als Häuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander. Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter Zimmer, keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne Häuser auch so dünn, als wenn s' bloße Futteral über die alten wären. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide Einwohner rechnen können, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Stühl umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?
Wolf. Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns vernünftig reden.
Sockel. Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph der Vernunft. Verstanden?
Wolf. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, daß Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.
Sockel. Hören Sie auf, oder ich stürz zusamm wie eine alte Gartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht möglich! Verstanden?
Wolf. Der gnädge Herr will den Baumeister Gründling nehmen.
(Ein Bedienter, der Flottwell das Frühstück gebracht hat, kommt zurück.)
Sockel. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja tausend G--
Wolf (rasch auf den Bedienten blickend). Nun ja, Sie haben mir da tausend Gründe gesagt, die--
Sockel. Nein, ich habe Ihnen versprochen--
Wolf. Ja (stampft unwillig mit dem Fuß), Sie haben versprochen, gute Materialien zu nehmen. Fritz, dort hat jemand geläutet. (Der Bediente geht in ein Kabinett ab.) Aber ich kann nicht dafür, daß ein anderer gekommen ist, der noch größere Versprechungen gemacht hat und das Schloß um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.
Sockel. Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher, und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?
Wolf. Es macht Ihnen sehr viel Ehre, daß Sie so über Ihren Kollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!
Sockel. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. (Beiseite.) Ich kann den Bau nicht auslassen, er trägt mir zu viel ein. (Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzählens.) Verstanden? (Laut.) Liebster Herr Kammerdiener, ich weiß, es hängt nur von Ihnen ab. Der gnädige Herr bekümmert sich nicht darum, er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden Konventionsmünze.
Wolf. Herr!--Was unterfangen Sie sich--
Sockel. Ich unterfange mich, Ihnen noch fünfhundert Gulden zu bieten.
Wolf. Sie häufen ja Beleidigung auf Beleidigung--
Sockel. Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt. Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich muß Ihnen noch fünfhundert Gulden antragen.
Wolf. Halten Sie ein! Sie empören mich mit solchen unmoralischen Zumutungen!
Sockel (beiseite). Ah, da möcht man sich selber köpfen.
Wolf. Ich sehe ein, daß Ihre Ehre--
Sockel. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande, wenn man ein Schloß baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht vergolden deswegen. (Beiseite.) Nur das Geld ist verloren!
Wolf. Man wird Sie auslachen!
Sockel. Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.
Wolf. Wie war das möglich?
Sockel. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.
Wolf. Ja sind Sie denn verheiratet?
Sockel. Leider! Verstanden?
Wolf (ängstlich). Haben vielleicht Kinder!
Sockel. Jawohl.
Wolf. Ach, das ist ja sehr traurig. Wie viele?
Sockel. Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur den Bau.
Wolf. Ja das muß ich wissen.
Sockel. Fünf, und zwei noch zu erwarten! Verstanden?
Wolf. Entsetzlich! Das rührt mich!
Sockel. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausend Gulden.
Wolf (mit Bedauern). Sie sind Familienvater! Sie haben fünf Kinder! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und der andere Baumeister hat vielleicht keine Kinder.
Sockel. Kein einziges.
Wolf. Ah, da müssen Sie ja den Bau erhalten. Das wäre ja die höchste Ungerechtigkeit.
Sockel. O Sie edelmütger Mann!
Wolf. Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen. Aber Sie müssen mir versprechen, ein Meisterstück für die Ewigkeit hinzustellen--
Sockel. Zehn Jahre keine Reparatur--
Wolf. Denn der Vorteil meiner gnädgen Herrschaft geht mir über alles.
Sockel (weinend). Große Seele!
(Beide in Flottwells Kabinett ab.)
Sechster Auftritt
Valentin.
Valentin. Lied Heissa lustig ohne Sorgen Leb ich in den Tag hinein, Niemand braucht mir was zu borgen, Schön ists, ein Bedienter z' sein. Erstens bin ich zart gewachsen Wie der schönste Mann der Welt, Alle Säck hab ich voll Maxen, Was den Mädchen so gefällt. Zweitens kann ich viel ertragen, Hab ein lampelfrommen Sinn, Vom Verstand will ich nichts sagen, Weil ich zu bescheiden bin. Drittens kann ich prächtig singen, Meine Stimme gibt so aus, Denn kaum laß ich sie erklingen, Laufen s' alle gleich hinaus.
Viertens kann ich schreiben, lesen, Hab vom Rechnen eine Spur, Bin ein Tischlergsell gewesen-- Und ein Mann von Politur. Fünftens, sechstens, siebntens, achtens Fallt mir wirklich nichts mehr ein, Darum muß meines Erachtens Auch das Lied zu Ende sein.
Ah! heut kann ich einmal mit Recht sagen: Morgenstund tragt Gold im Mund. Hat mir die Sängerin, die neulich bei unserm Konzert eine chinesische Arie gesungen hat, für das Honorar, was ich ihr von dem gnädigen Herrn überbracht hab, zwei blanke Dukaten geschenkt. Der gnädige Herr hat ihr aber auch für eine einzige Arie fünfzig Dukaten bezahlen müssen. Das ist ein schönes Geld. Aber das ist doch nichts gegen Engeland. In London, hör ich, da singen s' gar nach dem Gewicht. Da kommt eine von den großen Noten auf ein ganzes Pfund, drum heißt man s' auch die Pfundnoten. Da verdient sich eine an einen einzigen Abend einige Zenten. Die müssen immer ein Paar Pferd halten, daß sie ihnen das Honorar nachführen. Aber es war auch etwas Göttliches um diese Sängerin. Ich versteh doch auch etwas von der Musik, weil ich in meiner Jugend öfter nach den Noten geprügelt worden bin, aber im Distonieren kommt ihr keine gleich. Ich hab die ganze Arie nicht hören können, weil ich im Hof unten war und die Jagdhund besänftigt hab, damit s' nicht so stark dreingeheult haben, aber einmal hat sie einen Schrei herausgelassen--Nein, ich hab schon verschiedene Frauenzimmer schreien ghört, doch dieser Ton hat mein Innerstes erschüttert. Aber den schönsten Wohlklang hat sie doch erst gezeigt, wie sie die zwei Dukaten auf den Tisch geworfen hat, das macht sie unsterblich. Und wenn ich ein Theaterdirektor wär: die engagieret ich unter den schönsten Bedingungen. (Rosa schleicht sich herein, tritt langsam vor und steht bei den letzten Worten mit verscblungenen Armen neben ihm.) Und gelächelt hat sie auf mich--gelächelt hat sie--
Rosa. Nun und wie hat sie denn gelächelt? (Lächelt boshaft.) Wie denn? Hat sie so gelächelt--so?
Valentin. Ah, hör auf! Das ist ja nur eine Travestie auf ihr Lächeln. Du wirst dir doch nicht einbilden, daß du das auch imstand bist?
Rosa. Warum? Warum soll sie besser lachen können als ich?
Valentin. Nun, eine Person, die für eine Arie fünfzig Dukaten kriegt, die wird doch kurios lachen können?
Rosa. Ja, aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, und die werd ich sein. Ich brauch keinen solchen Liebhaber, der in die Stadt hineinlauft und den Theaterprinzessinnen die Cour macht.
Valentin. Ich muß tun, was mir mein Herr befiehlt. Punktum!
Rosa. Du und dein Herr ist einer wie der andere.
Valentin. Nu das wär mir schon recht, da wär ich auch ein Millionär wie er.
Rosa. Du hast deine Amouren in der Stadt, und er hat s' im Wald draus. Und wie schaust denn wieder aus? Den ganzen Tag hat man zu korrigiern an ihm! Ist denn das ein Halstuch gebunden, du lockerer Mensch? Geh her! (Bindet es ihm.)
Valentin. So hör auf, du erwürgst mich ja, schnür mich nicht so zusamm!
Rosa. Das muß sein.
Valentin. Nein, das Schnüren ist sehr ungesund. Es wird jetzt ganz aus der Mod kommen. Du sollst dich auch nicht so zusammradeln.
Rosa. Das geht keinen Menschen was an!
Valentin. Aber wohl! Das Schnüren hätt sollen gerichtlich verboten werden, aber die Wirt sind dagegen eingekommen.
Rosa. Wegen meiner! Ja apropos, du stehst ja da, als wann ein Feiertag heut wär? Wirst gleich gehn und dich anziehn auf die Jagd!
Valentin. Jetzt muß ich wieder auf die verdammte Jagd.
Rosa. Ja wer kann dafür, daß du so ein guter Jäger bist?
Valentin. Ah, ich jag ja nicht, ich werd ja gejagt. Sie behandeln mich ja gar nicht wie einen Jäger. Ich ghör ja unters Wildpret. Das letztemal hat der gnädige Herr eine Wildente geschossen, und weil kein Jagdhund bei der Hand war, so hab ich sie müssen aus den Wasser apportieren, und wie ich mitten drin war, haben sie mich nimmer herauslassen.
Rosa. Und das laßt du dir so alles gfallen?
Valentin. Ja weil ich halt für meinen Herrn ins Feuer geh, so geh ich halt auch für ihn ins Wasser.
Rosa. Nu so tummel dich, es wird gleich losgehen.
Valentin. Die verflixte Jagd! Wann man nur nicht so hungrig würd, aber ich versichere dich: Ein Jäger und ein Hund frißt alle Viertelstund.
Rosa. Schäm dich doch!
Valentin. Du glaubst nicht, was man auszustehen hat. Was einem die Gäst alles antun. Meiner Seel, wenn mir nicht wegen dem gnädigen Herrn wär, ich prügelt sie alle zusamm.
Rosa. So red doch nicht immer vom Prügeln in einem vornehmen Haus. Da sieht man gleich, daß du unterm Holz aufgewachsen bist.
Valentin. Wirf mir nicht immer meinen Tischlerstand vor.
Rosa. Weil du gar so pfostenmäßig bist.
Valentin. Schimpf nicht über mein Metier.
Rosa. Laß mich gehn. Ich nehm mir einen andern. Ich weiß schon, wem ich heirat.
Duett Rosa. Ein Schlosser ist mein schwache Seit, Das ist der erste Mann, Der sorgt für unsre Sicherheit Und schlagt die Schlösser an. Valentin. Mein Kind, da bist du schlecht bericht, Der Tischler kommt zuvor, Der Schlosser ist der Erste nicht, Der Tischler macht das Tor. Rosa. Ein Schlosser ist zu schwarz für mich Und seine Lieb zu heiß. Valentin. Verliebt sich ein Friseur in dich Der macht dir nur was weiß. Rosa. Nein! nein! ein Drechsler! o wie schön! Der ist für mich gemacht. Valentin. Der kann dir eine Nasen drehn, Da nimm du dich in acht. Rosa. Ein Bäck, der ist mir zu solid, Ich fürcht, daß ich mich härm. Valentin. So nimm dir einen Kupferschmied, Der schlagt ein rechten Lärm. Rosa. Mit einem Schneider in der Tat, Da käm ich prächtig draus Valentin. Doch wenn er keine Kunden hat, So geht der Zwirn ihm aus. Rosa. Ein Klampfrer ist ein sichrer Mann, Dem fehlt es nie an Blech. Valentin. Ich ratet dir ein Schuster an Es ist halt wegnem Pech. Rosa. Ein Hutrer wär wohl nicht riskiert, Der hat ein sichres Gut. Valentin. Ja wenn die Welt den Kopf verliert, Da braucht kein Mensch ein Hut. Rosa. Ein Spekulant, o welche Pracht-- Doch hätt ich kaum den Mut. Valentin. Ah, wenn er pfiffig Krida macht, Da gehts ihm erst recht gut. Rosa. Kurzum, ich wend im Kreis herum Vergebens meinen Blick. Drum kehr ich zu dem Tischler um, Er ist mein einzig Glück. Valentin. Verlaß dich auf den Tischlerjung, Der macht dir keinen Gram. Und kriegt das Glück einmal ein Sprung, Der Tischler leimts zusamm. Beide. Ein schöner Stand ist doch auf Ehr Ein wackrer Handwerksmann. Seis Schneider, Schuster, seis Friseur, Ich biet das Glas ihm an.
(Beide ab.)
Siebenter Auftritt
Helm, im Jagdkleide, tritt aus seinem Kabinett. Wolf aus Flottwells Zimmern.
Helm. Nun wie stehts, Herr Kammerdiener, gehts bald los?
Wolf (sehr geschäftig). Jawohl, der gnädge Herr wird gleich erscheinen. (Läuft zum Fenster.) Heda, Jäger, laßt euch hören! Pagen, führt die Pferde vor! Büchsenspanner, schnell herauf!
(Man hört Jagdhörner.)
Helm. Holla, holla, hurtig, meine Herren! kommt heraus, der Tanz geht an.
(Mehrere Gäste kommen teils zur Mitte, teils aus den Seitentüren, auch Pralling. Valentin. Alle sind jagdmäßig gekleidet.)
Pralling. Guten Morgen allerseits!
Alles (gegenseitig). Guten Morgen! Gut geschlafen?
Helm. Potz Donnerwetter, war das eine schlechte Nacht!
Pralling. Mein Schlaf ist wie ein liederlicher Diener, wenn ich ihn rufe, kommt er nicht.
Helm. Er ist ein freier Mann und kommt nur, wenn er will.
Walter. Eine Kokette ist er, die sich ziert, bevor sie uns umarmt.
Achter Auftritt
Vorige. Chevalier Dumont im eleganten Jagdanzug.
Dumont (blickt durch eine einfache Lorgnette). Ah bon jour, mes amis! (Er spricht gebrochen deutsch.) Wie aben Sie geschlafen?
Alle. Ah, unser Naturfreund!
Dumont. Ja, Messieurs, der Natur sein groß. Ick aben wieder geschwelgt in ihren Reizen. Der ganzen Nacht bin ick am Fenster gelegen, um der Gegend zu betrachten. O charmant!
Neunter Auftritt
Vorige. Flottwell. Sockel.
Flottwell. Guten Morgen, edle Freunde!
Alle. Guten Morgen!
(Einige schütteln ihm die Hand.)
Flottwell. Wir kommen spät zur Jagd. Ich hoffe, daß die Herren, die heut zum erstenmal in meinem Schloß geruht, mit der Bedienung so zufrieden waren, als ichs nur immer eifrig wünschen kann. Gern hätt ich Ihren Schlaf mit süßen Träumen auch bewirtet, doch leider stehn die nicht in meinem Sold.
Ein Gast. Mir hat von Lilien geträumt.
Helm. Und mir von einer wilden Sau, der ich den Fang gegeben hab.
Walter. Ich hab die Gastfreundschaft an einem goldnen Tisch gesehen, und deutscher Lorbeer hat ihr Haupt geschmückt.
Pralling. Ich habe all mein Glück auf die Coeur-Dame gesetzt, und als ich es verloren hatte, bin ich aufgewacht.