Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
Part 8
Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.
Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick wandte sich der Oberst an Lodoiska:
»Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen, und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.«
-- Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe finden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? --
»Von welcher Frau?« fragte Alfred lebhaft.
-- Wissen Sie es denn nicht? Haben Sie sie denn nicht gesehen, wie sie mit ihrem Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine Schuld, wenn sie nicht ihrer drei sind; warum hat sie mich verhindert, mein Geschäft gänzlich zu vollenden! --
»Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner Liebe, erholen Sie sich; Sie machen mich zum unglücklichsten aller Männer. Was fehlt Ihnen? Was wollen Sie?«
-- Ich habe Durst, großen Durst! --
»Er ist ja leicht zu befriedigen.«
-- Oh, nicht so leicht! Blut muß ich haben! Blut! und zwar das deinige, Alfred! --
»Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand Sie so gänzlich verlassen! Beruhigen Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist, und bedenken Sie, daß wir für einander bestimmt sind.«
-- Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich schon einmal geruht habe. --
»Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen Sie jetzt, um das Letzte zu erfüllen.«
Mit diesen Worten schlang er seinen Arm um Lodoiska, und zog sie schnell zur Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei ausstieß, das sich in das Heulen des Sturmwindes mischte.
»Alfred! mein Alfred! so bald willst du sterben? .... Ja, ja, du gehörst mir an, und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt werden!«
Unter so unerklärbaren Ausrufungen der halb bewußtlosen Lodoiska gelangte der Oberst endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war die erste Wirkung, die der Anblick des erleuchteten Altars und des Geistlichen auf sie machte.
»O, grausames Schicksal! rief sie aus; so ist es denn wahr, daß du erfüllt werden mußt?«
Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor den Altar. Jetzt leistete sie keinen Widerstand mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß in Thränen; dann schienen ihre Gesichtszüge sich zu verzerren, und der Kreislauf ihres Blutes sich zu hemmen. Nur an einem dünnen Faden schien das Leben Lodoiska's noch zu hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt werden; aber Lodoiska's Hand war mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon mehrmals erwähnten. Voll heftiger Ungeduld riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe es Lodoiska verhindern konnte .... und die Abscheu erregenden knöchernen Gebeine eines Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen in die Augen! --
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen Zeugen dieses schrecklichen Schauspiels. Lodoiska fiel leblos auf den Fußboden nieder, und aus drei geöffneten Wunden quoll ein unreines, stinkendes Blut hervor. --
Am dritten Tage ward der Leichnam der Fremden zur Erde bestattet. Aber mit den ersten Strahlen des Mondes, die ihr Grab beschienen, erhob sie sich abermals aus ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen fand man den Obersten todt in seinem Bette ..... An drei verschiedenen Orten waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem ganzen Körper war auch kein Blutstropfen mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen Dasein zeugte. --
Ende.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 71]: ... könnnen Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ... ... können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...
[S. 88]: ... »Von allem Diesen ist durchaus nicht ... ... »Von allem Diesem ist durchaus nicht ...
[S. 101]: ... Obersten ein solches Beben zn verursachen, ... ... Obersten ein solches Beben zu verursachen, ...
[S. 122]: ... und diese ließ sich vor Niemanden ... ... und diese ließ sich vor Niemandem ...
[S. 138]: ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antworwortete ... ... »Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete ...
[S. 139]: ... Ruderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ... ... Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...
[S. 176]: ... dich vor dem Dämon beschützen werden, der ... ... dich vor dem Dämon beschützen werden, das ...
[S. 183]: ... ich nicht; nur hätten sie vielleicht mit ... ... ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit ...
[S. 188]: ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüden ... ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben ...