Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 7

Chapter 73,668 wordsPublic domain

-- Nun, so will ich dir Alles erzählen. Wilhelm und meine gute Mutter haben mich heute Nacht besucht. Sie blieben fast die ganze Nacht zu beiden Seiten meines Bettes sitzen, um, wie sie sagten, mich gegen den Dämon zu vertheidigen, der ihnen den Tod gegeben hat, und der sich auch an meinem Blute sättigen will. Anfangs fürchtete ich mich sehr, ward aber nachher vollkommen beruhigt. Wilhelm sahe so glücklich und selig aus! Meine Mutter blickte mich mit so großer Zärtlichkeit an! Sie haben mir versprochen, mich nicht mehr aus den Augen zu verlieren, und mit Anbruch des Morgens verließen sie mich erst, indem sie versicherten, daß ich bei Tage nichts zu fürchten hätte. Sie sprachen mit mir von vielen Dingen; aber glaubst du wohl, lieber Vater, daß sie dich mit keiner Silbe erwähnten? Ich sagte ihnen, wie sehr du über ihren Verlust weintest; aber sie schüttelten den Kopf, und lächelten, ohne mir zu antworten. --

Das Kind hätte noch lange in seiner Erzählung fortfahren können, ohne daß sein Vater daran dachte, es zu unterbrechen. Stumm vor Verwirrung, durch Schrecken und Verzweiflung im Innersten seines Herzens ergriffen, saß er unbeweglich in seinem Lehnstuhle da. Die unbegreifliche Uebereinstimmung zwischen dem, was er selbst gesehen hatte und was seine Tochter ihm jetzt erzählte, versetzte ihn in einen Wirrwarr von Gedanken, aus welchem er sich nicht wieder herausfinden konnte. Zum ersten Male unterlag er einem abergläubischen Schrecken. Indessen stand Julie noch immer vor ihm, seine Antwort erwartend, und er brach endlich das Stillschweigen, indem er mit bewegter Stimme ihr für die Mittheilung der nächtlichen Scene dankte.

»Du mußt, sagte er, diesen Traum als eine Wohlthat Gottes betrachten. Er hat dich dadurch belehren wollen, daß deine Mutter und dein Bruder vom Himmel herab dich vor dem Dämon beschützen werden, das heißt, vor der Sünde; dieß ist der Sinn der Worte, die du gehört hast.«

-- O, lieber Vater, ich schlief nicht, als sie in mein Zimmer kamen. Von der Sünde haben sie mir nichts gesagt, sondern bloß von einem abscheulichen Wesen, das uns alle verderben will, und das sie einen _Vampyr_ nannten. Ich weiß recht gut, was dieß ist; denn der arme Werner hat uns von diesen bösen Geistern erzählt. Ich habe noch jedes Wort behalten, denn die Vampyre ... --

»Mein Kind, ich kenne ihre Geschichte besser als du; aber man hätte sie dir ersparen sollen, weil dadurch deine Einbildungskraft erhitzt wurde, und dieß vielleicht die Ursache deines Traumes ist. Glaube mir, Julchen, vergiß ihn gänzlich; denn man würde dich auslachen, wenn du davon erzähltest; man würde dich für ein kleines furchtsames Mädchen halten, oder dich wohl gar der Lüge beschuldigen, wenn du behauptest, nicht geschlafen zu haben. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht an deiner Wahrheitsliebe; du glaubtest wirklich zu sehen, was doch nur Täuschung war; vor allen Dingen aber bitte ich, gegen Lodoiska darüber das tiefste Stillschweigen zu beobachten.«

-- O, sei unbesorgt, lieber Vater, ich weiß es schon, daß ich ihr nichts davon sagen darf. Wilhelm hat es mir sehr dringend anempfohlen; denn er behauptet, sie sei meine ärgste Todfeindin. --

Dieser neue Schlag verwundete den Obersten mitten im Herzen. Er sprang heftig auf und entließ seine Tochter, um sich wieder zu sammeln. Unerklärlich war es ihm, wie so viel Seltsames so genau übereinstimmen, wie es möglich sei, daß ein Traum eines Kindes so viel Wahres enthalten könne. Ach, er selbst hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Stiefmutter fast immer die Feindin der Kinder ist, die sie nicht selbst geboren hat. Sein eigener Vater hatte sich zum zweiten Male verheirathet, und seine ganze Jugend wurde deßhalb durch täglichen Zank, ungerechte Beschuldigungen, und Versuche, ihn mit seinem Vater zu entzweien oder ihm den größten Theil seines Vermögens zu entziehen, vergiftet. Zum ersten Male dachte er jetzt an das Unrecht, was er seiner Tochter zufügen würde, wenn er sich jemals wieder vermählte, und die väterliche Zärtlichkeit erhob einen neuen Kampf in seinem Herzen.

Nicht ohne das größte Erstaunen sahe er zur Frühstückszeit Lodoiska in's Speisezimmer treten. Sie schien zeigen zu wollen, daß sie jetzt völlig zufrieden sei, aber dennoch blickte ein tiefer Verdruß durch ihre verstellte Freude. Die kleine Julie sahe sie mit dem finsteren Ausdruck des heftigsten Zornes an, aber nur, wenn Alfred's Blicke nicht auf sie gerichtet waren. Sie scherzte über ihre lange Zurückgezogenheit, und sagte, daß sie von nun an ihren Schmerz zwar nicht vergessen, aber doch zerstreuen wolle. Sie ließ ihren Verstand mit so vielem Vortheile glänzen, und betrug sich so liebenswürdig, daß der Oberst, anfangs auf seiner Hut, dennoch bald dem Einflusse nachgab, den sie über ihn ausüben wollte. Die Vergangenheit stellte sich gänzlich in den Hintergrund. Alfred sah in Lodoiska nur das Mädchen seiner ersten heftigsten Liebe, und sein Entzücken stieg auf's Höchste, als sie ihre Harfe nahm, und durch ihre hinreißende Stimme ihn gleichsam aus den Grenzen des irdischen Daseins hinauszauberte.

In diesem Augenblicke war Wildenau, den man übrigens gar nicht erwartete, im Schlosse angekommen. Voll Erstaunen, harmonische Töne an einem Orte zu hören, wo die äußern Zeichen der Trauer noch nicht verschwunden waren, stand er in dem Vorzimmer still, und ein der offenen Thür gegenüberhängender Spiegel zeigte ihm, was vorging. Der Arzt kam in der Absicht, sich mit dem Obersten in Betreff Lodoiska's eine Erklärung zu verschaffen; was er aber jetzt sahe, überhob ihn jeder weiteren Unterhaltung über diesen Gegenstand. Das Entzücken des Obersten, die Blicke Lodoiska's, die so leicht zu erkennende Uebereinstimmung zweier gleichfühlenden Herzen, Alles gab ihm den Beweis, daß beide schon durch eine frühere Liebe vereinigt gewesen. Bei diesem Gedanken entstand der fürchterlichste Verdacht in seinem Herzen; doch unterdrückte er ihn wieder voller Scham vor sich selbst. An der Rechtschaffenheit des Obersten konnte er nicht zweifeln; aber die finstere, wilde Lodoiska flößte ihm nicht ein gleiches Vertrauen ein, und mancherlei Geheimnisse erklärten sich ihm jetzt so deutlich, daß er davor schauderte.

Lodoiska hörte jetzt auf zu singen, und nun hielt es Wildenau für passend, sich zu zeigen. Seine Gegenwart schien der Fremden höchst ungelegen zu sein, daher sie bald darauf die Gesellschaft verließ, und der Oberst, dadurch gewissermaßen dem Arzte Preis gegeben, fühlte sich in großer Verlegenheit, so daß er sogleich wünschte, ein neuer Besuch möchte ihm zu Hülfe kommen. Aber es geschah nicht, und der Arzt, der seinen Zustand sehr genau beobachtete, fühlte Mitleiden mit ihm, so daß er seiner Verwirrung ein Ende machen wollte, und ohne weitere Umschweife seinen Angriff begann:

»Sie sind ein Mann von Ehre, Herr Oberst, und ich glaube einiges Recht auf Ihre Achtung zu haben. Haben Sie daher die Güte, mir nur eine einzige Frage zu beantworten; sie enthält nichts Feindseliges, sondern soll nur dazu dienen, mein künftiges Betragen zu bestimmen. Haben Sie die schöne Fremde schon gekannt, ehe sie zum ersten Male in dieser Gegend erschien?«

-- Herr Doktor, antwortete der Oberst sehr bewegt, wenn jeder Andere mich so fragte, so würde ich gegen ihn ein vollkommenes Stillschweigen beobachten. Aber ich weiß, wie sehr ich mich gegen Sie vergangen habe, und ich kann mein Unrecht nur durch meine Aufrichtigkeit wieder gut machen. Lodoiska war das erste weibliche Wesen, das mir Liebe einflößte. Ich befand mich damals in ihrem Vaterlande; ich konnte über ihre Tugend nicht siegen, und dennoch vergaß ich sie, nachdem ich ihr das feierlichste Versprechen gegeben hatte, sie zur Gattin zu nehmen. Aber sie leistete nicht auf mich Verzicht, sondern hat mich bis hierher nach Deutschland verfolgt; so lange indessen meine unglückliche Frau gelebt hat, ermuthigte ich ihre Leidenschaft auf keine Weise. Dieß, schwöre ich Ihnen, ist reine Wahrheit. --

»Es ist genug, Herr Oberst, mehr verlange ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit diesem Geständniß gegen mich nicht so lange zögern sollen.«

-- Konnte ich anders? Ist das Geheimniß anderer Menschen auch das unsrige, und konnte ich daher das Geheimniß Lodoiska's wider ihren Willen entdecken? Jetzt habe ich es nur für Sie allein entschleiert, und ich hoffe, Sie werden es Niemanden anvertrauen. --

»Leben Sie wohl, Herr Oberst; möchten Sie glücklich sein! Möge die Zukunft Sie die Vergangenheit nicht vermissen lassen.«

Nach diesen Worten entfernte sich Wildenau, ungeachtet der dringenden Bitten des Obersten, zum Mittagsessen da zu bleiben.

»Nein! sagte er; erlauben Sie, daß ich mich entferne; denn ich darf durch meine Gegenwart der Fremden keine unangenehmen Empfindungen verursachen. Sie würde in meiner Gesellschaft nur verlegen, ich aber keinesweges bei ihr in guter Laune sein. Nochmals, leben Sie wohl! Empfangen Sie meine aufrichtigsten Wünsche für Ihr Glück.«

Diese Worte des Arztes waren ohne Zweifel sehr natürlich und der Sache völlig angemessen; aber dennoch glaubte der Oberst darin eine Art von Vorwurf zu erblicken, der ihn in Unmuth setzte. Er unterdrückte ihn indessen, indem er das vermeintliche Bittere in dem Betragen seines Freundes auf Rechnung seiner verschmäheten Liebe verzeihen zu müssen glaubte.

Mehrere Wochen vergingen nach dieser Unterhaltung, und Lobenthal, der sich immer mehr seiner Neigung hingab, machte die jungfräuliche Lodoiska zum zweiten Male zur Gebieterin seines Herzens. Diese schien bald überaus glücklich zu sein, bald sich wieder ihrer wilden Schwermuth zu überlassen; je mehr Gewalt sie über ihren alten Liebhaber erhielt, desto mehr überließ sie sich den eigensinnigsten Launen. Vorzüglich zeigte sie eine außerordentliche Abneigung gegen die kleine Julie, so daß schon ihr bloßer Anblick ihr einen geheimen Unmuth verursachte, den sie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken suchte. Dem Obersten konnte dieser Haß nicht lange unbekannt bleiben, und er machte ihr darüber sein Erstaunen, selbst sein Mißvergnügen bemerklich.

»Ach Alfred, antwortete die Fremde, ich mache mir selbst mehr Vorwürfe darüber, als du dir vorstellen kannst; ich fühle, wie ungerecht mein Haß gegen dieses liebenswürdige Geschöpf ist; aber kann man den Empfindungen seines Herzens befehlen? Ich will allein in dem deinigen herrschen, und Alles, was dich an eine Andere erinnert, ist mir daher unerträglich. Mit der Zeit werde ich ohne Zweifel vernünftiger werden, aber jetzt kann ich den Sieg über mich selbst noch nicht erringen. Indem ich dich mehr liebe als je, habe ich alle menschliche Schwachheiten wieder angenommen. Habe Mitleiden mit mir und mit meinem Kummer, der mich schon seit so langer Zeit, seitdem du mich verlassen, gequält hat.«

Diese Worte und die dazu reichlich vergossenen Thränen beruhigten den Obersten; er glaubte den Augen der Gebieterin seines Herzens einen Gegenstand unwillkührlichen Widerwillens entziehen zu müssen, und ohne Lodoiska vorher davon zu benachrichtigen, fuhr er eines Morgens mit Julien nach Prag, wo er sie in eine der besten Erziehungsanstalten that.

Die unerklärbare Lodoiska zeigte den größten Kummer, als sie Juliens Abreise erfuhr. »Wenn Sie Ihre Tochter aus dem Hause schaffen, sagte sie zum Obersten, so zwingen Sie mich dadurch, mich ebenfalls daraus zu entfernen. Ihretwegen allein war ich hier: sie ist fort, unter welchem Titel kann ich nun noch hier verweilen?«

-- Unter dem Titel, der mir der theuerste sein würde, liebe Lodoiska, erwiederte Alfred voller Zärtlichkeit, und den ich Ihnen schon angeboten hätte, wenn der äußere Anstand mich nicht abhielte. Es hat der Vorsehung gefallen, die früheren Hindernisse unserer Vereinigung hinwegzuräumen; werden Sie mir jetzt abschlagen, was Sie früher vielleicht glücklich gemacht hätte? --

Lodoiska mußte ohne Zweifel schon lange auf eine solche Erklärung gefaßt sein; aber dennoch stand sie wie erstarrt, als Lobenthal so zu ihr sprach. Ihr Inneres ward von verschiedenen Empfindungen bewegt, und sie fühlte zu gleicher Zeit die höchste Glückseligkeit und die tiefste Verzweiflung. Sie sahe den entscheidenden Augenblick sich nähern; sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben oblag; sie hätte eigentlich nichts als Rache in ihrem Busen tragen sollen; aber die Alles besiegende Liebe hatte auch sie unterjocht. Durch ihre Sinne gehörte sie noch der Erde an, und sie kämpfte daher hartnäckig, obgleich vergebens, gegen die höhere Macht, die ihre Handlungen gebieterisch leitete. Endlich faßte sie sich, und rief:

»Nein, Alfred, nein! Reden Sie mir nicht mehr von einer Feierlichkeit, an welcher ehemals meine ganze Glückseligkeit hing! Kann ich Ihnen jetzt noch angehören, da ich mir selbst nicht mehr angehöre? Und habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß ich durch einen fürchterlichen Fluch von den Tempeln und Dienern des Herrn entfernt bin? Sie lieben mich, sagen Sie? Wohl, so geben Sie mir den Beweis davon, indem Sie mich nicht länger mit ihren Wünschen bestürmen.«

-- Grausame! hören Sie doch endlich auf, sich und mich durch nichtige Truggestalten Ihrer Einbildungskraft zu quälen. Zwar ist schon der Versuch zum Selbstmorde ohne Zweifel vor dem Angesichte Gottes ein Verbrechen; aber es giebt ja keine Sünde, welche nicht durch die Reue getilgt wird, und warum sollten Sie allein mit so unerbittlicher Strenge verfolgt werden? --

»Armer Sterblicher! Sie wissen nicht, was Sie wünschen! Wenn nun der Augenblick, wo Sie unsere Glückseligkeit zu befestigen glauben, gerade der unserer ewigen Trennung würde? Hier können wir noch beisammen bleiben .... aber dort unten (fuhr sie mit leiser Stimme fort) gehen wir beide unseren eigenen Gang. Und was würde der Geistliche sagen, dem ich mich zur Trauung vorstellen wollte!«

-- Kann er allwissend sein? Kann er hier von dem Vergehen wissen, zu welchem Ihre Liebe Sie in Ihrem entfernten Vaterlande trieb? --

»Alfred! Gott zeichnete die Stirn des Brudermörders Kain mit einem fürchterlichen Zeichen; auch ich trage ein solches auf der meinigen; obgleich Sie es nicht sehen, so würde es doch der Geistliche sogleich erblicken.«

-- Armes Mädchen! Wie sehr muß ich Sie beklagen! So weit können die Vorurtheile Ihrer Erziehung Sie irre führen! Doch ich will für jetzt nicht weiter in Sie dringen, und ich hoffe, daß Sie später meinen Wünschen nachgeben werden. --

Ein schwermüthiges Lächeln, ein leichtes Kopfschütteln waren die ganze Antwort der Fremden; Alfred schien nicht darauf zu achten, er hoffte Alles von der Zeit und von der Macht seiner Zärtlichkeit.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska'n durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.

Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.

Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper, und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.

»Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?«

-- Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie unauflöslich wird? --

»Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.«

-- O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich stoßen? --

»Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht, wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.«

Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu traurige Erinnerungen hervorrief.

Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb, äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden, bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht erwehren konnte.

Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.

»Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er dort empfängt.«

-- Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn? --

»Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm nach dem Schlosse geht.«

»Das ist eine abscheuliche Lüge,« sagte Johann, der Bediente des Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger Aberglauben besaß.

-- Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam, begegnete ich der alten Mutter Rieben. »Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist, der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.«

Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast sinnlosen Zustande.

Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke verließ, um Lodoiska'n seine Ankunft anzukündigen.

Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes, einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte.

Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel, und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.

Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.

Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart anzukündigen, daß Alles bereit sei.