Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
Part 6
Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. --
Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
»Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht früher nach der Stadt?«
-- Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden. Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand zu finden? --
Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also über deren Sonderbarkeit beklagen?
Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen; er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.
Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen; es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen.
Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche, und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte leise an die Thür.
»Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?«
-- Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. --
»Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen Anblick ich nicht mehr ertragen kann?«
Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
»Aber von wem sprechen Sie denn?« fragte der Oberst.
-- Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart von seines Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. --
Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.
»Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun können!«
Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.
»Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung gemacht, und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben lassen kann.«
-- Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch Lodoiska's Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und deine Wünsche selbst erfüllen können. --
»Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede andere Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.«
Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten; aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
-- Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. --
Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht, Lodoiska'n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: »Du willst es, allmächtige Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!«
Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in's Herz; doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: »Verlassen Sie wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.«
Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf entfernte sie sich aus dem Zimmer.
Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien zerrüttet würde.
Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst spät wieder verließ.
Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens, deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten Wildenau's zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem, aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
»Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß beizuwohnen.«
Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre Ruhestätte fand.
Zwei und zwanzigstes Kapitel.
Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief.
Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über Lodoiska's hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler -- -- was er selbst sich nur erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich vergeblich; Lodoiska's Bild, das Andenken an Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte. Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins, und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte Finsterniß.
Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte, knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich, und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja die Einbildungskraft Alfred's stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung, der jungen Fremden.
»Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es also dem bloßen Zufalle verdanken?«
-- Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. --
»Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages nicht mehr leuchtet?«
-- Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige Menschen. --
»Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht empfänglich sein?«
-- Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an _einen_ festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska's Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich bleibt. --
»Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird Ihnen nicht stets entgegen sein.«
-- Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen habe? --
»Mein Versprechen, sagen Sie?«
-- Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das Sie unwiderruflich an mich fesselt. --
»Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem Statt fand?«
-- Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben; dieß ist der einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere, der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! --
»Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!«
Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke Alles wieder zerstörte. Lodoiska's Blick wurde wilder, und sie legte ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu unterdrücken.
»Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.«
-- Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge Ihrer Seele? --
»Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung, die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr Zorn belastet hat!«
-- Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst wieder vereinigen, und dann .... --
»Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!«
-- Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? --
Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
»Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.«
Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um, und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt, die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den Erscheinungen in's anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht .... und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer zurück.
Drei und zwanzigstes Kapitel.
Der Oberst fand in dieser Nacht keine Ruhe. In angstvollen Gedanken versunken ging er mit heftigen Schritten auf und nieder, bis endlich die Morgenröthe anbrach, und mit ihr die Ruhe in seine stürmisch bewegten Adern zurückkehrte.
Die kleine Julie pflegte jeden Morgen in das Zimmer ihres Vaters zu kommen, um ihm einen Kuß zu bringen; auch heute erschien sie zur gewöhnlichen Zeit, aber ihre sonst immer lachende Physiognomie war traurig, und man bemerkte eine auffallende Blässe in ihren Gesichtszügen.
»Bist du krank, mein Kind?« fragte ihr Vater sie beunruhigt.
-- Nein, lieber Vater; aber ich habe schlecht geschlafen.
»Wer hat dich denn daran verhindert? Lisette sagt ja, daß du sonst ganz vortrefflich schläfst.«
-- O, lieber Vater, ich wollte es dir wohl sagen, wenn es mir Lisette nicht verboten hätte. --
»So muß ich wohl alle weitere Fragen einstellen? Dennoch bin ich sehr neugierig, die Ursache deiner Schlaflosigkeit zu wissen; sie muß sehr böse sein, da du plötzlich deine frische Gesichtsfarbe dadurch verloren hast.«
-- Weinst du auch nicht, Väterchen, wenn ich dir die Wahrheit sage? --
»Ich hoffe so viel Gewalt über mich zu besitzen, daß ich meine ersten Gefühle überwinde, wenn deine Erzählung traurig ist.« Der Oberst sagte dieß, sich zum Lächeln zwingend, obgleich eine böse Ahnung sein Inneres schon mit Schrecken erfüllte.