Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 5

Chapter 53,691 wordsPublic domain

Unter der Unterschrift, welche bloß aus dem Namen Lodoiska bestand, befanden sich noch einige Höflichkeitsformeln für den Obersten.

»Wahrhaftig, sagte Helene, nachdem sie den Brief mit lauter Stimme vorgelesen, eine sonderbare Art uns zu verlassen. Und wie ist es möglich, daß sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen kann, bloß um einen Mann zu fliehen, den ein einziges Wort von ihr zurückgehalten haben würde! Wir wollen ihr aber sogleich ihre Sachen schicken, von denen sie ohne Zweifel nichts mitgenommen hat.«

Der Oberst suchte eine Antwort hervorzubringen, welche gleichgültig sein sollte; zu seinem Glücke achtete aber Helene nicht auf ihn, sondern ging, um Lisetten zu klingeln, welche mit der Nachricht eintrat, daß zugleich mit dem Briefe auch ein Wagen angekommen sei, der die Sachen der Fremden abholen sollte. Dadurch fand der Oberst einen Vorwand, sich aus dem Zimmer zu entfernen, um Befehl zum Aufladen dieser Sachen zu geben, in der That aber, um wieder freien Athem zu schöpfen; und während sein Körper sich im Schlosse befand, irrten seine Gedanken in ungeheuren Räumen umher.

Das plötzliche Verschwinden Lodoiska's aus dem Schlosse gab der Neugierde der Nachbarn neue Nahrung. Herr von Krauthof, der diesem schönen Frauenzimmer nicht gewogen war, verbreitete zuerst die boshaftesten Gerüchte über die Nothwendigkeit dieser schnellen Veränderung der Wohnung, und bald erzählte man sich allgemein in der Umgegend, daß die Eifersucht der Oberstin sie verursacht habe. Glücklicherweise kamen diese Gerüchte den betheiligten Personen nicht selbst zu Ohren; aber der Arzt erfuhr sie ebenfalls, und nahm sie nicht mit völliger Gleichgültigkeit auf. Er erinnerte sich einer Menge Umstände, die er in dem Augenblicke selbst nicht beachtet hatte, die ihm aber jetzt als ein Lichtstrahl zu sein schienen; doch hütete er sich, von seinen Entdeckungen irgend Jemanden etwas mitzutheilen, und zog es vor, sich mit dem Obersten selbst darüber freimüthig zu erklären, sobald er die Gelegenheit dazu finden würde.

Zu dieser Zeit wurden Helenens Gesundheitsumstände immer bedenklicher. Vorzüglich empfand sie eine große Schwierigkeit, Athem zu holen; sie verlor ihre Kräfte, und verfiel allmählich in eine Abzehrung, die sie zum Grabe führen konnte.

Wildenau, der wirklich ein Arzt von großen Verdiensten war, studirte mit der größten Genauigkeit alle Symptome dieser Krankheit, welche dieselbe zu sein schien, wodurch der kleine Wilhelm dem Leben entrissen worden war. Eine außerordentliche Abspannung und Schwäche, ein beständiges Bedürfniß zu essen, ein anhaltender Schweiß; alle Zeichen waren dieselben. Helene ward still und schwermüthig, ohne die Gefahr zu kennen, die ihr drohte; ihren Gatten schien sie mehr als je zu lieben, und dieser war weit entfernt, an ihren nahen Tod zu glauben.

Seit der Flucht Lodoiska's bemerkte der Oberst mit Schrecken, daß dieses junge Mädchen immer mehr die Oberhand in seinem Herzen gewann, und aus Furcht vor den Folgen dieser zunehmenden Neigung hätte er vor sich selbst fliehen mögen. Bald war er froh darüber, daß Lodoiska sich aus dem Schlosse entfernt hatte, indem er sich schmeichelte, daß dadurch die Ruhe seines Lebens gesichert worden sei; bald seufzte er nach der Rückkehr der Fremden, und es schien ihm, daß das Schloß jetzt nichts als eine große Einöde sei. Oft ging er in das Zimmer, welches sie bewohnt hatte, und bildete sich ein, sie dort wiederzusehen; er setzte sich in ihren Lehnstuhl, oder auf ihr Bett, und wer ihm zugesehen hätte, würde geglaubt haben, daß er wahnsinnig geworden sei.

Oefters führte ihn ein edles Gefühl zu seiner Pflicht zurück, und voller Scham über seine Schwäche, über den ihn entehrenden Wahnsinn, suchte er in Gesellschaft seiner Frau, seiner Tochter, reinere Gedanken zu sammeln. In diesen Augenblicken verschwand das Bild Lodoiska's allmählich aus seinem Herzen, und die tugendhafte Helene nahm alle ihre Rechte wieder ein; aber leider dauerten diese Augenblicke nicht lange: Lodoiska, mit dem mächtigen Reiz eines Gegenstandes, in dessen Besitz man noch nicht gewesen ist, kehrte siegreich in sein Herz zurück.

Mehrere Tage vergingen, während der Oberst fast beständig unter diesen Kämpfen mit seinem Innern zubrachte, seine Gattin aber immer schwächer wurde. Sie war nicht im Stande, wie sie es wünschte, Lodoiska'n in ihrer neuen Wohnung einen Besuch abzustatten, und diese ließ sich vor Niemandem blicken. Sie begnügte sich damit, sich von Zeit zu Zeit durch einen Bauer nach dem Gesundheitszustande Helenens erkundigen zu lassen.

Wildenau fand sich täglich im Schlosse ein, um der Oberstin seine ganze Kunst zu widmen. Er vervielfältigte seine Fragen, um die erste Ursache ihrer Krankheit kennen zu lernen, aber die Antworten, die er erhielt, waren weit entfernt, ihn zu befriedigen.

»Ich erinnere mich durchaus keines Umstandes, sagte sie, der meinen jetzigen Zustand verursacht haben könnte, und Sie werden sehen, daß ich eben so wie mein Sohn, unter gleichen Umständen, sterben werde.«

-- Um Gottes willen! unterbrach sie der Arzt, glauben Sie so etwas nicht! Schon dieser Gedanke allein ist im Stande, Ihren Zustand zu verschlimmern, und überdieß sind Sie weit entfernt von der Krankheit ihres Kindes. --

Helene erwiederte mit einem schwermüthigen Lächeln: »Ich weiß, daß man mich in dieser Hinsicht täuschen will; wenn ich alle meine Gedanken offenbaren wollte, so würde man mich für kindisch halten; allein ich bin überzeugt, daß ich mich nicht irre, und ich weiß am besten, welches Uebel mich peinigt.«

-- Diese Worte, erwiederte Wildenau, beweisen, daß Sie uns irgend Etwas verschweigen wollen. Aber das ist nicht gut, es könnte die gefährlichsten Folgen haben. Scheuen Sie sich nicht, uns Ihr Geheimniß zu entdecken, was es auch sei; Sie leiten mich dadurch vielleicht auf die richtige Spur, Ihnen Ihre Gesundheit wiederzugeben. --

Helene weigerte sich lange hartnäckig, die Meinung, welche sie von ihrem Zustande hatte, zu entdecken, bis sich der Oberst mit dem Arzte vereinigte, und sie so dringend bat, daß sie endlich erklärte: sie wolle ihr Geheimniß ihrem Manne mittheilen, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser es gänzlich für sich behalten wolle. Dieß war zwar nicht das, was Wildenau wünschte, allein er mußte sich darein fügen, und entfernte sich augenblicklich, mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen.

Als Helene sich mit ihrem Manne allein befand, verbarg sie ihr Gesicht in ihren Händen, gleichsam aus Furcht, befragt zu werden. Auch Alfred fürchtete, sie zu fragen, weil er glaubte, daß seine Frau vielleicht von seinen früheren Verhältnissen zu Lodoiska Kenntniß erhalten habe, und daß der Kummer darüber die Ursache ihres langsamen Dahinschmachtens sei. Indessen mußte er sich doch endlich entschließen, das Wort zu nehmen, und er fragte daher Helenen, ob sie ihm nun ihr Geheimniß anvertrauen wolle.

»Ach Alfred! wie kann ich mich entschließen, dir meine Gedanken mitzutheilen? Was wirst du von mir denken, wenn du erst meinen Wahnsinn kennst?«

-- Wie so, liebe Helene? Ich hoffe doch nicht, daß du an meiner Liebe zu dir zweifelst? --

»Nein, Alfred, warum sollte ich dieß thun? Es ist keinesweges bei meinen Träumereien von ähnlichen Gegenständen die Rede, sondern ich werde von einer schrecklichen Erscheinung verfolgt ..... O, wie lächerlich werde ich dir vorkommen!«

-- Nein, nein, Helene! fürchte nichts, sagte der Oberst mit der äußersten Zufriedenheit, da er gewiß war, daß sie gegen ihn keinen Verdacht geschöpft habe. --

»Nun wohlan! Sei es nun Schwäche, oder Aberglauben, oder irgend eine andere Ursache, genug, es scheint mir, als wenn ich alle Nächte von einem schrecklichen Ungeheuer verfolgt werde, das sich über mich hinlegt, mit seinem häßlichen stinkenden Munde den meinigen berührt, und mir so das Blut aus den Adern saugt. Kurz, ich werde von einem _Vampyre_ gequält. Glaube es mir sicher, derselbe Dämon hat schon den Tod unseres Sohnes, so wie einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe verursacht, obgleich bei der letztern auf eine plötzliche und gewaltsame Weise.«

-- Sprichst du wirklich im Ernst, Helene? Suchst du nicht vielleicht mit mir durch eine solche Entdeckung zu scherzen? --

»Ich wußte es wohl, daß du über mich spotten würdest; allein dem sei, wie ihm wolle, ich habe die schreckliche Gewißheit von meinen nächtlichen Qualen. Es ist nicht eben ein bloßer Traum, der alle Nächte wiederkehrt; nein, der Schmerz, den ich empfinde, das Gewicht des Wesens, das mich fast erdrückt, entreißt mich meinem Schlafe. Aber eine höhere Macht hemmt alle meine Bewegungen, schließt mir die Augenlieder, und überwältigt meine Anstrengungen, mich von meinem Verfolger loszumachen. Vergebens suche ich zu schreien, die Töne ersterben in meiner Brust; ich fühle die auf mir liegende Last und das Verschwinden meines Blutes aus den Adern.«

-- Du setzest mich in Erstaunen, Helene, und ich weiß nicht mehr, was ich dir antworten soll. Fühlst du nicht, daß du bloß das Spiel einer traurigen Täuschung bist, die nur durch deine Krankheit verursacht wird, die sie verschlimmert, aber nicht hervorbringt? Ich will nicht versuchen, dir die Unmöglichkeit zu beweisen, daß ein solches Wesen, wie du es fürchtest, existiren kann; nie wird die Vorsehung erlauben, daß die Gesetze der Natur auf eine so schreckliche Weise verletzt werden. Aber du hast Zerstreuung nöthig; unser jetziger Aufenthalt taugt nicht mehr für uns, und mit dem morgenden Tage wollen wir nach Prag reisen, um dort deine völlige Genesung abzuwarten. --

»Nein, Alfred, ich kann nicht einwilligen, dieses Schloß zu verlassen. Ich bitte dich, hier zu bleiben, weil eine allzutheure Ursache mich hier fesselt.«

-- Diese Ursache kann dir nur traurige Erinnerungen bringen. Wenn du willst, so wollen wir nach Dresden, deiner Vaterstadt, reisen, oder wohin du sonst wünschest. Aber der Anblick neuer Gegenstände muß dich diejenigen vergessen machen, die deine Schwermuth verursacht haben. --

»Ich will mich nicht von hier entfernen, weil ich sonst nicht neben dem Grabe meines armen Wilhelm würde ruhen können.«

Diese rührende Antwort, mit einem Strom von Thränen begleitet, drohte Alfreds Herz zu brechen. Er vermischte seine Thränen mit denen seiner Frau, aber gab dessenungeachtet ihren Wünschen nicht nach, sondern stellte ihr die wichtigsten Gründe vor, um sie zur Veränderung ihres Aufenthalts zu überreden. Nach vielen Bitten mußte sie endlich nachgeben, und sie ertheilte ihre Einwilligung zu einem vierzehntägigen Aufenthalte in Prag.

Zwanzigstes Kapitel.

Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.

Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.

Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.

»Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern vermögen sie zu spuken.«

Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen, fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?

»Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.«

Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in's Theater zu führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.

Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.

Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.

Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte.

Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei, als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.

Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau's, der bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben; aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.

Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß zu setzen.

Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden, fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.

Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder Nachricht von ihr habe?

»Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen Erfahrung?«

-- Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? --

»Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.«

-- So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen. --

Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu lassen.

»Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten sein.«

Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. »Sie kommen meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.«

Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche für ihn aus Lodoiska's Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene, über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse entgegenständen?

Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. »Da du aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren. Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.«

Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:

»Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.«

Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte, fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach, am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten Abschied.

Ein und zwanzigstes Kapitel.

Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.

Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska's Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.

Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen Lodoiska's hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem wilden Lachen hob sie an:

»Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.«