Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 3

Chapter 33,651 wordsPublic domain

-- Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska mit einem schauerlichen Tone, deren Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich giebt es kein Glück und keine Ruhe mehr auf der Erde; auch werde ich beides im Grabe nicht finden, und Sie allein muß ich als die Ursache dieses Unglücks betrachten. Sie wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen Sie? Dieses Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. Gehörten Sie mir nicht schon früher an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen darüber, mit Ihrem eigenen Blute geschrieben? --

»Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen dieses Andenken meiner Liebe zurückgelassen habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch dienen? Es ist ein nichtiges Papier, das unsere Gesetze nicht anerkennen.«

-- Ihre Gesetze! Was gehen mich die Förmlichkeiten an, die die Willkühr der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem Innersten zu verwunden? --

»Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie, daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.«

-- Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen Worte hörte, die mir in's Innerste drangen, und die ich noch nicht vergessen habe! --

»Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen, und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen Briefe fürchten ließen.«

-- Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! --

Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach, flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald, und sagte, Lodoiska'n die Hand reichend:

»Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau nicht stören wollen.«

-- Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen; nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich gewesen sind. --

Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.

»Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie den Zorn des Himmels.«

Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in's Schloß zurückkam, sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.

Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in's Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen. Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der geringsten Veranlassung erneuerte.

Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden Krankheit befallen wäre.

Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und mit welcher Freude sahe er Lodoiska'n, welche die kleine Julie auf dem Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:

»Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen. Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft. Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit, die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.

»Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu bringen.«

-- Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. --

»Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?«

Ungeachtet der ernsten über Lodoiska's Gesicht verbreiteten Kälte und ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?

»Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.«

-- Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der großen Masse der Vorurtheile. --

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält. Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es _Vampyre_ im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen, sobald es finster ist.«

-- Vampyre! Hier sollen Vampyre sein? rief der Oberst. Wer kann die scheußlichen Mährchen Ungarns und Griechenlands hierher verbreitet haben? --

Bei diesen Worten konnte der Oberst sich nicht enthalten, seinen Blick auf Lodoiska zu richten. Er sahe, daß sie außer aller Fassung war. Ihre Gesichtszüge drückten den höchsten Schrecken aus, ihr Mund stand halb geöffnet, ihre Augen waren unbeweglich, und mit einer schnellen Bewegung, die sie aber wieder unterdrückte, schien sie im Begriff gewesen zu sein, sich zu entfernen.

Der Oberst erklärte sich mit Leichtigkeit diesen Schrecken Lodoiska's. Es war fast unmöglich, daß ein Mädchen aus der Wallachei nicht an die Vampyre glaubte, und sehr häufig hatte sie mit ihm darüber gesprochen, ihm die seltsamsten Geschichten über diesen Gegenstand erzählt. Konnte er sich also wundern, daß sie außer sich gerieth, als so unerwartet die Rede auf die fürchterlichen Vampyre kam? Aus Rücksicht für sie hätte er gern dem Gespräche abermals eine andere Wendung gegeben; aber es war zu spät. Herr von Krauthof beantwortete die an ihn gerichtete Frage.

»Einem Unglücklichen, der nicht mehr am Leben ist, verdanken wir den in dieser Gegend verbreiteten Schrecken. Ihr Bedienter Werner erzählte seinen Freunden die Geschichte von diesen Unholden, welche nach dem menschlichen Blute dürsten, bei Gelegenheit des sonderbaren Todes einer jungen Bäuerin aus dem Dorfe. Aber mein Gott, fuhr er fort, sich an Lodoiska wendend, Madame, fürchten Sie sich denn auch vor solchen Narrheiten? Sie haben ohne Zweifel zu viel Verstand, als daß Sie an diese Unholde, diese Vampyre glauben könnten, die ohne Zweifel nur in dem Gehirn desjenigen ihr Dasein hatten, der zuerst von ihnen sprach.«

Hier warf die Fremde einen so finsteren Blick auf den Herrn von Krauthof, von einem so scheußlichen Lächeln begleitet, daß er ungeachtet seiner Zuversichtlichkeit ganz erschrocken in seiner Rede inne hielt, und mit der Sprache zugleich die Lust zum Plaudern verlor, die ihn sonst nie verließ.

Der Arzt glaubte nun gleichfalls über diesen Gegenstand sprechen zu müssen, und scherzte über diese abscheulichen Mährchen. Er forderte die Vampyre heraus, den Schlaf eines muthigen Mannes zu stören, und hätte noch lange so fortgefahren, wenn ihn nicht die wiederholten Winke des Obersten davon abgehalten hätten. Hierauf folgte ein Augenblick des Stillschweigens, als plötzlich auch Helene das Wort nahm:

»Warum, sagte sie, wollen wir so hartnäckig diese Geheimnisse bestreiten? Wie abscheulich sie auch sein mögen, kennen wir alle Mittel der Vorsehung, wodurch sie uns zu betrüben im Stande ist? Ich glaube an die Möglichkeit, daß es Vampyre geben kann, und vielleicht habe ich gar einem Ungeheuer dieser Art den unerwarteten Tod meines Sohns zu verdanken .....«

Die Fremde stößt bei diesen Worten einen lauten durchdringenden Schrei aus. Sie steht mit Heftigkeit auf, will einen Schritt vorwärts thun, und fällt ohne Bewußtsein auf den Fußboden nieder. --

Siebenzehntes Kapitel.

Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt eifrig beschäftigt, Lodoiska'n in's Leben zurückzurufen. Aber ihre Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke, den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.

»Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist; in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen können.«

Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse, und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten, da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?

»Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben, antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.«

-- Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen Willens bedeckt? --

»O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse, vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.«

Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.

Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und seiner Gemahlin folgende Erklärung: »Ich weiß nicht recht, fing er an, wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben, giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.«

Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau's Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben verbittere.

»Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.«

Helene, von Wildenau's Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.

Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.

Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag in's Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.

Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch, und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.

Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.

Lodoiska trat in's Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.

Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. --

»Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat sie mir eingegeben.«

-- Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? --