Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Zweiter Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
Part 2
Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred, der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und entfernte sich augenblicklich.
In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.
»Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt hat?«
Ein Seufzer, der von Lodoiska's Lippen erschallte, machte den Obersten aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.
»Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich verabscheuen!«
-- Alfred! liebst du mich? --
Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war, fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken, und schweigen.
»Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod geben, dem ich jetzt entrinne?«
O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen! Sie schien nur in's Leben zurückzukehren, um vom ersten Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer Lodoiska's seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.
Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.
»Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen denken soll!«
Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska's Zimmer zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska's eine Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska's Beständigkeit gab ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! --
Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in's Gedächtniß zurückrief, daß sie beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen. Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.
Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden. In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen Gesichtszügen Lodoiska's den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.
Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.
Das Erstaunen der Wächterin, als sie in's Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe ihren Besuch annehmen könne.
Funfzehntes Kapitel.
Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu erwarten, begaben sie sich zu ihr.
»Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne seine Erlaubniß aufgestanden!«
-- Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften richten, die meine Genesung nur verzögern würden? --
Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska'n zum ersten Male wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.
Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man, um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.
Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem Eintritte in's Schloß erfuhr er, wie wenig die Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er in's Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung bewies.
»Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.«
-- Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden. --
Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger, und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen gegeben haben.
Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte, die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska'n entgegen zu nehmen.
Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und Lodoiska erzählte nun Folgendes:
»Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie verloren hat.«
Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich folgendermaßen.
»Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert. Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich. Ohne Zweifel waren die Räuber durch's Fenster eingestiegen; denn ich hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des Todes unterrichtet werden.« --
So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte, auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte gesetzt habe.
Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige Spuren hinterlassen hatte.
Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen schien. --
Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.
Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß. Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter Stimme sang.
Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.
So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.
Sechszehntes Kapitel.
»Sollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb erstickter Stimme an, durch meine Gegenwart lästig werden? Können Sie mich nicht anders mehr als mit Furcht erblicken? Muß ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um mit Ihnen zusammen zu treffen?«
Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf etwas zu erwidern; aber er fürchtete auch, in seinen Worten nicht die richtige Mittelstraße beobachten zu können, und das Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die größte Verlegenheit.
»Ach! antwortete er, ist es gut für uns beide, daß wir uns wiedergefunden haben? Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, Sie hier in Deutschland zu sehen, nachdem die Bande, die uns an einander knüpften, längst aufgelöset sind?«
-- Und wer hat sie zerrissen, Alfred, diese Bande? Verdiene ich oder Sie diesen Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; ich konnte meine schwachen Reize verlieren, aber mein Herz hat sich nicht geändert, und Sie sehen den Beweis davon vor sich! --
»Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen, die ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. Die Verirrungen meiner Jugend haben sich meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten Farben dargestellt. Aber was kann jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist kummervoll; aber es bleibt uns nichts übrig, als sie mit Fassung und Muth zu ertragen: so will es das Schicksal.«
-- Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, Alfred. Reden Sie offen zu mir, sagen Sie mir Alles, was Sie denken, und ich werde aufrichtig Ihrem Beispiele folgen. --
»Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, was jetzt in meinem Herzen vorgeht? Und dürfte ich es thun, wenn ich es könnte? Bin ich nicht durch unauflösliche Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger als ich, Lodoiska, und bringen Sie freiwillig ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie mich, wenn Sie können ....«
-- Sie haben Recht, wenn Sie daran zweifeln. Ich bin Ihnen völlig ähnlich, Alfred; auch ich habe meine Schwächen, mein Unrecht vielleicht. Sie haben nicht gefürchtet, mich zu verlassen, und einer Andern die Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; ich dagegen kann meine Empfindungen nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß sie vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart Sie belästigt, und dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln Hoffnung täuschen kann. Warum wollen Sie, daß ich Sie an Geistesstärke übertreffen soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten können, und ich fühle mich unfähig, Ihnen das meinige zu entreißen. --
»Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch meine Verzweiflung. Ich würde mein Leben dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, damit Sie ruhig und glücklich Ihr Leben genießen könnten.«