Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 6

Chapter 63,617 wordsPublic domain

»Wahrhaftig, lieber Mathes, sagte Werner, du läßt mir auch gar keine Ruhe; da du es denn doch willst, so sollst du Alles erfahren; aber schiebe nicht die Schuld auf mich, wenn du dich vielleicht heute Abend fürchtest. Die Schrecken der Moldau und Wallachei, deren ich vorher erwähnte, sind nämlich gewisse Wesen, die des Nachts aus den Gräbern auferstehen, um die Lebendigen zu morden. Wie ich gehört habe, sollen sie auch in Ungarn und in Griechenland allgemein sein; kurz diese Wesen, welche weder todt noch lebendig sind, kommen des Nachts selbst in die Wohnungen ihrer Verwandten und Freunde. Sie legen sich dann neben ihnen in's Bett, öffnen ihnen die Adern, und saugen ihnen das Blut aus, was ihnen zur Erhaltung ihres schändlichen Daseins nöthig ist. Diese Handlung wiederholen sie alle Nächte von zwölf bis ein Uhr, so lange, bis alles Blut aus dem Körper verschwunden ist, und so den Tod ihres Schlachtopfers verursacht. Sobald eins dieser Wesen, welche man dort _Vampyre_ nennt, sich in einem Dorfe eingefunden hat, ist allenthalben Furcht und Trauer verbreitet; man ruft die Priester zu Hülfe, aber ihre Beschwörungen bleiben fruchtlos, und der Vampyr treibt ungestört sein Wesen fort. Nur ein Mittel ist vorhanden, sich von ihm zu befreien: man muß nämlich suchen, seinen Körper im Grabe aufzufinden. Beim ersten Anblick scheint dieser Körper leblos zu sein; aber an seiner Wohlbeleibtheit, an der Röthe seiner Wangen und Lippen, die oft noch mit Blute beschmutzt sind, erkennt man ihn dann leicht. Sogleich entreißt man dieses verabscheuungswürdige Ungeheuer seinem Sarge, haut ihm die Hände, die Füße und den Kopf ab; aber damit wäre noch nichts geschehen, wenn man nicht zuletzt sein Herz mit einem spitzigen Pfahle durchbohrte. Dann entströmt der Wunde, unter einem schrecklichen Schrei des Vampyrs, eine Menge von blutiger Materie, und mit ihm das Leben. Sämmtliche Theile des Körpers werden nun in's Feuer geworfen und verbrannt, worauf das Land ruhig wird, bis ein neuer Vampyr aus dem Grabe aufersteht. Diese schreckliche Plage der Menschen ist um so furchtbarer, als es scheint, daß die Vampyre sich fortpflanzen, indem oft ein Mensch, der durch sie geopfert wurde, ebenfalls ein Vampyr wird. Uebrigens giebt es sowohl männliche als weibliche Vampyre, und ich würde gar nicht fertig werden, wenn ich dir Alles erzählen wollte, was ich darüber bei meinem Aufenthalt in jenen Ländern gehört habe.«

Werner hätte noch lange fortsprechen können, ohne von seinem Zuhörer unterbrochen zu werden; dieser verlor kein Wort von seiner Erzählung, und wendete schon in Gedanken den fürchterlichen Vampyrismus auf den plötzlichen Tod des jungen Röschens an.

»Herr Jesus! rief er aus, ist dergleichen möglich? Sieh, Werner, es ist mir jetzt schon leid, daß ich dich danach gefragt habe, obgleich ich dadurch über etwas belehrt worden bin, was ich bisher noch nicht wußte. Gott sei Dank! wir hatten hier in unserm Lande bis jetzt nur einige Gespenster, die manchmal den Lebendigen einen Schreck einjagten, ohne ihnen weiter ein Leid zuzufügen. Aber sich von Blut zu nähren! man könnte bei dem bloßen Gedanken daran schon vor Furcht sterben. Armes Röschen! ja gewiß, ein Vampyr hat dich gemordet, es ist nicht daran zu zweifeln!« --

Ungeachtet Werner im Geheimen selbst daran glaubte, so suchte er doch seinen Freund Mathes zu überreden, daß Röschens Tode eine andere Ursache zum Grunde liege; aber Mathes war zu begierig, die neu erlangten Kenntnisse weiter zu verbreiten, als daß er seine Voraussetzung hätte aufgeben können.

»Du magst mir sagen, was du willst, rief Mathes aus; ich bin und bleibe überzeugt, daß hier ein Vampyr sein Wesen getrieben hat, und ich will es sogleich im ganzen Dorfe bekannt machen.«

Mit diesen Worten rannte er aus dem Zimmer, ungeachtet Werner ihn gern zurückhalten wollte. Den ersten Bekannten, denen er begegnete, eilte er, seine wunderbare Geschichte von den Vampyren zu erzählen, welche so allgemein Eingang fand, daß man bald in der ganzen Gegend von nichts Anderem sprach, und darüber die Fremde im Häuschen im Walde und ihre Sonderbarkeiten vergaß.

Unterdessen drückte Wernern die Sorge, zu erforschen, wie es Lodoiska möglich gemacht habe, sich heimlichen Eingang in's Schloß zu verschaffen. Er fing damit an, alle Bewohner desselben auf das Genaueste zu beobachten, und wachte über jede ihrer gleichgültigsten Handlungen; ganze Stunden lang blieb er in einem Winkel seines Zimmers versteckt, um Jemanden zu ertappen, der sich vielleicht hineinschleichen würde. Alle seine Bemühungen blieben indessen fruchtlos, und er fand nicht einmal Veranlassung, gegen irgend Jemanden gerechterweise den kleinsten Verdacht zu hegen.

Weit entfernt, deßhalb seine Nachforschungen jetzt schon einzustellen, richtete er sie nach einer andern Seite hin. Er wußte nämlich, daß die alten Schlösser fast immer mit unterirdischen Gewölben und geheimen Gängen versehen waren, welche dazu dienen konnten, Werke der Finsterniß dem Tageslichte zu entziehen; um sich daher auch in dieser Hinsicht zu beruhigen, hielt er, unter dem Vorwande, die Festigkeit der Grundmauern und des Gebälkes zu untersuchen, in Gesellschaft eines geschickten Maurers eine genaue Besichtigung des Schlosses. Zwei ganze Tage brachten sie damit zu, die Wände, die Fußböden und alle Mauern zu untersuchen; allenthalben, wo man durch Klopfen eine Höhlung wahrnahm, überzeugte man sich sogleich, was etwa daselbst verborgen sein könnte.

Die Genauigkeit dieser Untersuchung führte endlich zu der Kenntniß eines unterirdischen Ganges, welcher in einem Winkel eines der Zimmer des untersten Stockwerks seinen Anfang nahm, von hier auf einer sehr engen Treppe hinabführte, und sich sehr weit unter der Erde hin, in der Richtung nach Nordwesten, erstreckte. Bei der Entdeckung dieses Ganges, und noch mehr an der Richtung desselben, glaubte Werner den Weg entdeckt zu haben, auf welchem man sich heimlich ins Schloß schleichen könnte. Von seinem Gefährten begleitet, jeder mit einer Laterne versehen, trat er die Wanderung in diesem unterirdischen Gang an; allein als sie ungefähr hundert Schritte weit vorgedrungen waren, sahen sie sich durch große Felsenmassen aufgehalten, die nirgends einen Ausweg zeigten. Nachdem sie versucht hatten, dieses Hinderniß zu beseitigen, überzeugte sie endlich der Widerstand, den diese Felsen ihren Werkzeugen entgegensetzten, daß ihre Bemühungen vergeblich seien. Sie kehrten daher um, und Werner ließ nun den innern Eingang mit einer Mauer verschließen; denn dieser unterirdische Gang schien ihm dennoch gefährlich, weil er leicht durch irgend eine geheime Thür, die sie nicht bemerkt hatten, mit dem Häuschen im Walde zusammenhängen konnte. Jetzt erst war er zufrieden, weil er sich schmeichelte, nun die Pläne der Feindin seiner Ruhe vernichtet zu haben.

Neuntes Kapitel.

Schon war man dem Ende des Monats Oktober nahe. Alle Verbindung der Familie Lobenthal mit der Fremden hatte aufgehört, und Helene verlor nach und nach einen Theil der Neugierde, welche ihr anfangs ihre geheimnißvolle Nachbarin einflößte; aber der Zeitpunkt war gekommen, der sie näher als je mit derselben in Berührung bringen sollte.

Helene saß eines Abends noch ziemlich spät, mit einem neuen sehr anziehenden Buche beschäftigt, als sie plötzlich einen hellen rothen Schein am Himmel erblickte. Sie sprang auf und näherte sich dem Fenster; da hörte sie die Sturmglocke im Dorfe läuten, und unten im Schloßhofe erscholl das Geschrei: Feuer! Feuer! und Helene erkannte an der Richtung des hellen Scheines, welcher über dem Walde schwebte, daß es nur das Haus der Fremden sein könne, welches jetzt in Flammen stand. Sogleich eilte sie zum Zimmer hinaus, die Treppe hinab, über den Schloßhof und dem Walde zu. Vergebens stellte sich ihr Werner entgegen; vergebens bewies er ihr unterweges, daß sie Unrecht habe, selbst dem Orte der Feuersbrunst zuzueilen: sie beschleunigte ihre Schritte, ohne auf seine Vorstellungen zu hören, und überließ sich ganz dem edlen Gefühle ihres mitleidigen Herzens.

Mit welchem Schmerze betrachtete sie die Fortschritte der helllodernden Flammen, als sie an den Ort der Feuersbrunst gelangte! Es war keine Hoffnung mehr übrig, das Haus zu retten. Vergeblich strengten sich einige von den herbeigeeilten Bauern an, dem Feuer Einhalt zu thun; es mangelte ihnen an den nöthigen Mitteln, und man mußte zuletzt der völligen Zerstörung des Hauses ruhig zusehen.

Helene war kaum angekommen, so suchte sie eifrig nach der Fremden, und bei der schauerlichen Helle, die das Feuer umherwarf, entdeckte sie sie bald, wie sie, in ein großes weißes Bettlaken eingewickelt, an einen Baum angelehnt stand. Dieß gab ihr das schreckliche Ansehen eines Gespenstes; ihr Gesicht war leichenblaß, ihre Augen stier und ohne irgend einen Ausdruck, so daß ihre völlige Unempfindlichkeit, ihre kalte Ruhe Jedermann auffiel. Man irrte um sie her, beklagte und tröstete sie, aber sie antwortete nicht; und bei Allem, was man auch sagen mochte, beharrte sie in ihrem Stillschweigen. Nur Helenens Ankunft weckte sie aus ihrem dumpfen Hinstarren, und kaum hatte sie dieselbe erkannt, so schwebte ein schreckliches Lächeln über ihre Lippen, verschwand aber sogleich wieder, worauf Lodoiska in ihren vorigen träumerischen Zustand zurückkehrte.

»Bis jetzt, redete Helene sie an, habe ich Ihren Willen befolgt, und Sie völlig Ihrer Einsamkeit überlassen; da aber nun das Unglück mit neuer Wuth über Sie ausgebrochen ist, so bewilligen Sie mir die Bitte, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen. Es ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß Sie je wieder in diesem Hause wohnen können; nehmen Sie daher den Zufluchtsort an, den Ihnen die aufrichtigste Theilnahme anbietet.«

Lodoiska schien jetzt völlig aus ihrer Träumerei zu erwachen, und suchte sogar ihrer finsteren Miene einen angenehmern Ausdruck zu geben. Ohne Weigerung nahm sie das ihr gemachte großmüthige Anerbieten an. Sie erzählte Helenen: daß das Feuer auf dem Heerde schlecht ausgelöscht gewesen sein müsse, und wahrscheinlich einige Kohlen in einem Bunde Flachs Feuer gefaßt haben könnten, das in der Nähe des Heerdes befindlich gewesen sei. Bald darauf wäre die ganze Küche und der anstoßende Hausflur in Flammen gewesen. »Kaum hatte ich noch so viel Zeit, fuhr sie fort, einige Kleider, meine Börse und Kostbarkeiten zum Fenster hinauszuwerfen. Dann eilte ich die Treppe hinab, welche bereits brannte, und suchte hier im Freien einen Zufluchtsort. Aber was mag aus meinem alten Bedienten geworden sein? Ich sehe ihn nirgends.«

-- Ich habe ihn nach dem Dorfe eilen sehen, antwortete Helene, die der Fremden die Wahrheit, welche sie vermuthete, verhehlen wollte. Aber kommen Sie jetzt in's Schloß; die Nacht ist kalt, und Sie sind nicht angezogen; dieses Betttuch kann Sie unmöglich vor den schädlichen Eindrücken der Nachtluft beschützen. --

Ohne weiter eine Einwendung zu machen, nahm Lodoiska, jedoch mit vielen Danksagungen, das Anerbieten an. Werner, der in der Nähe stand und Alles mit anhörte, gerieth darüber in eine unbeschreibliche Verwirrung. Den Gedanken, daß Lodoiska mit seiner Gebieterin unter einem Dache wohnen sollte, konnte er kaum ertragen; ein besonderes Vorgefühl ließ ihn die schrecklichsten Auftritte, die daraus entstehen würden, voraussehen, und zwei Mal hatte er schon den Mund geöffnet, um der Oberstin die Wahrheit zu entdecken, damit sie erführe, welche Schlange sie an ihrem Busen erwärmen wollte; aber immer hielt ihn die Furcht vor den Folgen einer solchen Entdeckung wieder zurück, und er behielt das Geheimniß in seinem Herzen verschlossen. Ein Blick des Triumphs, den ihm seine Feindin zuwarf, brachte ihn vollends zur Verzweiflung; indessen nahm er sich vor, sie so genau zu bewachen, daß es ihr unmöglich werden würde, ihre geheimen Triebfedern in Bewegung zu setzen. Schweigend folgte er den beiden Damen nach dem Schlosse zurück.

Am andern Morgen entdeckte man unter den Trümmern des Hauses die Ueberbleibsel eines fürchterlich verstümmelten und verbrannten Leichnams, der schon in Verwesung übergegangen war. Er verpestete die ganze Luft umher; übrigens konnte man keine Spur mehr von seinem Gesichte erkennen. Da man jedoch den Körper nicht weit von den Ueberbleibseln eines Bettes fand, so zweifelte man keinen Augenblick, daß es der Bediente der Unbekannten sei, vorzüglich da er nie wieder im Dorfe gesehen wurde.

Als die beiden Damen auf dem Schlosse angekommen waren, bat Helene die Fremde, sich unverzüglich zu Bett zu legen, und Lisette trat näher, um sie von ihrer Umhüllung zu befreien. Allein Lodoiska stieß sie lebhaft zurück, und äußerte den Wunsch, einige Minuten allein zu bleiben. Man willfahrtete ihr. Als man voraussetzen konnte, daß sie sich niedergelegt haben würde, trat Helene wieder zu ihr ins Zimmer, um ihr einige Erfrischungen anzubieten, die Lodoiska indessen hartnäckig ausschlug; und da Lisette ihr ein Glas mit Glühwein darreichen wollte, gab sie mit ihrer linken Hand ein Zeichen, daß sie auch dieses Getränk verschmähe. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Helene, daß die linke Hand der Fremden noch immer mit einem Handschuhe versehen sei; noch mehr erstaunte sie aber, als Lisette das Betttuch, in welches Lodoiska eingehüllt gewesen, aufnahm, und man nun bemerkte, daß es von Blut benetzt sei.

»Sie haben sich verwundet, sagte Helene mit lebhafter Besorgniß; warum wollen Sie nicht zugeben, daß man Ihnen die bei solchen Zufällen gewöhnliche Hülfe leiste? Warum wollen Sie eine so natürliche Sache ausschlagen? Die Blässe Ihres Gesichts beweiset, daß Sie derselben höchst nöthig bedürfen.«

-- Nein, nein! rief die Fremde voller Schrecken aus, wofür man gar keine gerechte Ursache auffinden konnte; ich will, ich mag keine Hülfe! Es ist wahr, daß ich verwundet bin; aber ich bin es schon seit sehr langer Zeit, und ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten. Um Alles in der Welt wollte ich Niemanden meine blutende Wunde zeigen; glauben Sie mir, daß ich mir selbst genug bin. Lassen Sie mich jetzt allein, wenn ich bitten darf, und beruhigen Sie sich, denn für mich ist keine Gefahr mehr zu befürchten. --

In der Stimme, womit sie diese Worte aussprach, lag eine so unbegreifliche Mischung von Gefühl und Gefühllosigkeit, ja selbst von Ironie, daß man nicht ohne einen geheimen Schauder zuhören konnte. Helene glaubte sich ihren Wünschen nicht länger widersetzen zu dürfen, und ließ sie daher allein.

Am andern Morgen stand sie erst sehr spät wieder auf; man wagte nicht, eher in ihr Zimmer einzutreten, als bis man sie darin umhergehen hörte; dann klopfte Helene leise an, und erhielt die Einladung, hineinzukommen. Die Fremde war bereits völlig angezogen; das schwarze Kleid, das sie heute trug, machte die außerordentliche Blässe ihres Gesichts noch bemerkbarer.

Die Nachricht von dem Tode des alten Ladislaus war schon im Schlosse bekannt, und Helene glaubte nicht, daß es möglich sein würde, sie vor der Fremden stets geheim zu halten. Um sie aber nicht zu sehr zu erschüttern, wandte Helene alle mögliche Vorsicht an, und bereitete sie nur ganz allmählich darauf vor. Sie gab sich eine völlig unnütze Mühe. Schon bei den ersten Worten ward sie von der Fremden errathen, und sowohl in ihren Gesichtszügen, als in ihrer Antwort bemerkte man nichts als die ruhigste Gleichgültigkeit. Sie schien völlig gefühllos bei Helenens Erzählung zu sein, und zeigte nicht einmal das gewöhnliche Gefühl des Mitleidens, welches dergleichen Unglücksfälle sonst bei den Menschen hervorbringen.

Ueber ein solches Benehmen mußte Helene natürlich auf's Höchste erstaunen; Lodoiska bemerkte es, und gleichsam als wenn sie ihren Fehler hätte wieder gut machen wollen, sagte sie: »Frau Oberstin, Sie wundern sich über mich, und fassen vielleicht eine schlechte Meinung von mir, daß ich nicht mehr Gefühl bei dem Tode des armen Ladislaus zeige; aber glauben Sie mir, ihm ist wenig an solchen Zeichen des Mitleids gelegen. Ich stand mit ihm durchaus nicht in näherer Verbindung; wir kamen Beide von demselben Orte her, und fanden uns zusammen, weil es so sein mußte. Jetzt hat uns der Wille des Allmächtigen wieder getrennt, aber wir werden zum zweiten Male, und dann auf ewig, mit einander vereinigt werden. Warum sollte ich daher Thränen vergießen? Ich habe keine Thränen mehr; sie sind ausgetrocknet für jede Art von Schmerz: denn ich habe während meines sterblichen Lebens zu viel geweint. Jetzt, da ich nur noch ein Dasein besitze, weil ich mich nicht in ein Grab legen kann, ungeachtet ich das sehnlichste Verlangen nach dieser kühlen Wohnung trage, soll ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich nichts angehen? Nein, nein! Nur ein einziger Zweck belebt mich noch, nur eine einzige Absicht strebe ich zu erreichen! Dann werde ich ohne Freude, wie ohne Leid, einen Körper verlassen, in welchem ich mich selbst nicht mehr leiden mag.«

Lodoiska hätte noch lange so fortsprechen können, ohne von der Oberstin unterbrochen zu werden. In Allem, was jene junge Person sagte, lag immer etwas so Unbegreifliches und Unzusammenhängendes, daß man nicht wußte, ob man sie bemitleiden oder fürchten sollte. Die Worte kamen so eintönig aus ihrem Munde, daß dadurch immer die Wirkung zerstört wurde, welche sie sonst hätten machen können; das unbewegliche Hinstarren ihres Auges schien zu beweisen, daß sie dem, was sie sprach, völlig fremd war; kurz, bei ihr wich Alles von der gewöhnlichen Regel ab, und man konnte sich nicht erinnern, je etwas ihr Aehnliches gesehen zu haben.

Helene war so erstaunt über die Rede der Fremden, daß sie darauf nichts zu antworten wußte; sie suchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und fragte: ob sie vielleicht jetzt einige Nahrungsmittel zu sich nehmen wolle. Lodoiska machte ein bejahendes Zeichen, worauf die Oberstin Befehl gab, das Frühstück hereinzubringen.

Jetzt traten auch die Kinder herein, die schon ungeduldig darauf gewartet hatten, bei ihrer Freundin vorgelassen zu werden. Lodoiska empfing sie mit einem Lächeln, welchem sie den Ausdruck des Wohlwollens zu geben strebte, und eine plötzliche Röthe überflog ihr Gesicht, das zu gleicher Zeit so verzerrt wurde, als wenn ihr Herz von einem tödtlichen Stiche durchbohrt worden wäre. Alles dieses wurde jedoch von Niemanden bemerkt. Helene, stolz auf ihre Kinder, überhäufte dieselben mit ihren zärtlichsten Liebkosungen, während die Fremde heimlich Blicke voll Zorn und Verachtung auf diese allerliebste Gruppe warf. Um zu verbergen, was in ihrem Innern vorging, bedeckte sie oft ihr Gesicht mit beiden Händen, von denen die eine stets mit einem Handschuh bedeckt war, und lange Zeiträume hindurch schien sie in das tiefste Nachdenken versunken zu sein.

Zehntes Kapitel.

Bei den russischen Truppen, die im Jahre 1812 die Moldau und Wallachei besetzt hatten, befand sich auch das Regiment, in welchem Alfred Lobenthal damals als Rittmeister diente. Er war einer der kühnsten und tapfersten unter allen Offizieren, und sein Muth verwickelte ihn öfters in die gefährlichsten Unternehmungen; auch war ihm das Glück, welches gern die Kühnheit krönt, gewöhnlich hold, bis die unbeständige Göttin ihn einst auf einige Zeit verließ: der Rittmeister Lobenthal erhielt in einem Gefechte, in dem Augenblicke, wo der Feind die Flucht ergriff, einen Flintenschuß in den Leib, der ihn vom Pferde stürzte.

Werner, der brave Unteroffizier, den die Dankbarkeit auf immer an ihn gefesselt hatte, befand sich in der Nähe, und eilte sogleich zur Hülfe herbei. Von einigen Soldaten unterstützt, brachte er den Rittmeister in das benachbarte Haus eines Pächters, der einer gewissen Wohlhabenheit genoß, und da die Ankunft eines verwundeten Offiziers für die Einwohner eine Schutzwehr war, so nahmen sie ihn mit Freude und Wohlwollen auf. Der Hausvater, ein ehrwürdiger Greis, ließ ihm das beste Zimmer einräumen, und ihm alle Hülfe leisten, die ihm zu Gebote stand. Der Wundarzt des Regiments ward herbeigeholt; nach dem ersten Verbande erklärte er, daß die Wunde zwar nicht tödtlich sei, aber nur langsam wieder heilen würde.

Beinah vierzehn Tage lang befand sich Lobenthal in einer fast völligen Bewußtlosigkeit; er hörte kaum das Geräusch, was man um sein Bett her machte, und da seine Augen stets geschlossen waren, so sahe er nicht, wie sorgsam man ihn pflegte; sonst hätte er sogleich bemerkt, wie unter den Personen, die über die Erhaltung seines Lebens wachten, sich vorzüglich die junge Tochter des Hauses auszeichnete, die nicht nur durch ihre außerordentliche Schönheit, sondern auch durch ihr liebenswürdiges, unschuldiges Wesen Jedermann auffiel. Von einem Mitleiden bewegt, dessen wahre Ursachen sie selbst noch nicht kannte, brachte sie ganze Tage am Bette des Kranken zu, der ungeachtet seiner Todtenblässe, dennoch in seinen Gesichtszügen die Spuren einer hohen Schönheit verrieth.

Lodoiska fand stets einen neuen Vorwand, in das Krankenzimmer zurückzukehren, aus welchem man sie öfters forttrieb; mehrere Stunden brachte sie häufig bloß mit einem Anschauen zu, dessen Folgen für sie höchst gefährlich werden konnten. Sobald aber befreundete Offiziere Lobenthals oder Soldaten von seiner Schwadron kamen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, floh das unschuldige Mädchen, voller Scham, hier überrascht worden zu sein, so leicht wie ein junges Reh von dannen, und wartete mit Ungeduld, bis die lästigen Besuche sich wieder entfernt haben würden.

Die ersten Blicke, welche Lobenthal aufschlug, fielen auf diesen irdischen Engel; wie konnte er sie anders, als mit der höchsten Bewunderung ansehen? Er fühlte bald das Bedürfniß eines Vertrauten, mit welchem er nach Herzenslust von derjenigen sprechen könnte, die seine ganze Seele erfüllte; hierzu wurde Werner erwählt, und stolz auf diese Auszeichnung eilte er, sich derselben würdig zu machen, indem er Gelegenheit suchte, die schöne Lodoiska von den glänzenden Eigenschaften seines Rittmeisters zu unterhalten, ohne ihr jedoch auf eine bestimmte Art zu erklären, was dieser schöne junge Offizier von ihr dachte.

Werners Erzählungen nahmen die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf eine außerordentliche Art in Anspruch. Mit welcher Spannung hörte sie der Beschreibung einer Schlacht zu! Sie folgte in Gedanken dem Rittmeister bis mitten in die sich immer erneuernden Gefahren; bald erblaßte, bald erröthete sie; ihr Athemzug wurde kürzer, wenn die Gefahr am augenscheinlichsten war. Endigte aber dann die Erzählung mit einem Siege, den Lobenthal nicht mit einer Wunde bezahlt hatte, so erhob sie ihre ausdrucksvollen Augen gen Himmel, und stattete der Vorsehung tausend Mal ihren wärmsten Dank ab.

In der Stille der Nacht, so wie am Tage mitten unter ihren Arbeiten, war sie nur von einem einzigen Gedanken beschäftigt: der schöne und tapfere Rittmeister war ihrer Einbildungskraft, so wie ihrem Herzen, unaufhörlich gegenwärtig. Je länger dieß dauerte, desto tiefer drang der Pfeil in's Innere; schon empfand sie das ganze Entzücken der Liebe, und doch hatte der Gegenstand derselben noch kein Wort mit ihr davon gesprochen. Indessen beobachtete Lobenthal nicht lange diese Zurückhaltung, die weder mit seinem Stande noch mit seinem Charakter übereinstimmte; er erklärte sich endlich, und ward sogleich erhört. Lodoiska befand sich in jenem Alter, wo das Mißtrauen noch unbekannt ist; sie liebte mit Leidenschaft, und es schien ihr ganz natürlich, daß sie eben so wieder geliebt würde. Sie kannte weder den Unterschied der Stände noch des Vermögens; ihr Geliebter war schön und jung, sie war beides ebenfalls: alles schien ihr daher gleich, und für sie konnte die Zukunft nichts sein, als eine glückliche Verlängerung der Gegenwart.