Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen
Part 5
Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe er den alten Bedienten Lodoiska's sich gegenüber stehen. Dieser war von einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann, verachtete.
»Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?«
-- Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut mit mir sprechen darfst? --
Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward. Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:
»Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage richtig zu beantworten?«
-- Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. --
»Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind, ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska selbst sprechen. Verstehst du mich?«
-- Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. --
»Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um mich zum Rückzuge zu zwingen?«
-- Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe, ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger Entfernung wieder niedersetzte.
Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war, mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig an. »Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf. Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.«
Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst seltsames Ansehen gab, heraustrat.
»Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen wünschen?«
Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln, und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil gehabt hätte.
Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das Erscheinen Lodoiska's. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen, und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres Bedienten zu erkennen zu geben.
»Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.«
-- Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend, geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf dich selbst zurückfallen. --
»Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?«
-- Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten, mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist, elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! --
»Teufel noch einmal! Lodoiska, Sie gehen ja rasch zu Werke! Doch, ich mache mir nichts daraus, weil Sie ein Weib sind, und was schon vor so vielen Jahren geschehen ist, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Wenn Sie leichtgläubig waren, so ist es nur Ihre Schuld. Aber woraus ich mir viel mache, und was ich nie erlauben werde, ist: wenn man in meine Geheimnisse eindringt, wenn man meinen Briefwechsel stört, und sich auf eine strafwürdige Art in das Haus meiner Herrschaft einschleicht.«
Lodoiska antwortete nicht; sie warf nur einen Blick auf Werner, in dem sich die auffallendste Bosheit malte, gleichsam als Triumph einer schon gewissen Rache.
»Ich wiederhole es Ihnen, fuhr Werner fort, daß ich Ihrer Ränke und Spielereien müde bin. Schon zwei meiner Briefe haben Sie aufgehalten; denn wer anders, als Sie, könnte es gethan haben? Ich weiß zwar noch nicht, durch welche Mittel Sie Ihre Absicht erreichten; aber sein Sie überzeugt, wenn ich einst Jemanden auf der That ertappen sollte, sein Prozeß würde nicht lange dauern, und sein Rücken würde sich über meine Dazwischenkunft eben nicht zu erfreuen haben.«
-- Wie! so grausam wolltest du verfahren, und selbst mit dem armen Ladislaus? sagte Lodoiska spottend und mit einem boshaften Lächeln. --
»O, bei allen Teufeln! lassen Sie ihn kommen -- mit ihm vor allen Andern. Ich habe eine gute Jagdflinte, mit welcher er genaue Bekanntschaft machen, und gegen welche seine Faust nichts ausrichten soll.«
-- Werner, ich wiederhole es dir zum letzten Male, du gehst mit starken Schritten deinem nahen Untergange entgegen. --
»Und Sie, Lodoiska, dem Ende Ihrer verbrecherischen Intriguen. Ich werde sie nicht länger ertragen, und wenn auch ein vierter Brief nicht an den Obersten gelangt, so wollen wir sehen, ob ich mit Hülfe der Obrigkeit nicht Recht erlangen kann.«
-- Unsinniger! worauf willst du deine Klage gründen? Soll ich für deine Thorheit verantwortlich gemacht werden? Wem willst du es einbilden, daß ich im Stande bin, den Briefwechsel zwischen dir und deinem Herrn zu hindern? Du wirst vor den Augen der Welt zum Gelächter werden! Armer Schwächling, die Strafe für deine Kühnheit soll dir dann auf dem Fuße folgen. --
»Lodoiska, Sie können mir vorreden, was Sie wollen. Ich weiß, daß ich einiges Unrecht gegen Sie begangen habe, wenn es nämlich unrecht ist, einen jungen Offizier und ein hübsches Mädchen einander näher zu bringen; aber ich beschwöre Sie, vergessen Sie das Geschehene, und lassen Sie mich in Ruhe.«
-- Ich habe dir versprochen, dich in Ruhe zu lassen, ja, habe dir Belohnungen angeboten, wenn du dich anheischig machen wolltest, den Obersten nicht von meinem Hiersein zu benachrichtigen. Wie kannst du mir eine solche Kleinigkeit abschlagen? Laß ihn zurückkommen, und erlaube, daß ich ihn zum letzten Male sehen darf; sein Glück, seine Ruhe, ja sein Leben hängt davon ab. Uebrigens wirst du mir vergeblich entgegenstreben, denn mir stehen Mittel zu Gebote, denen du nicht zu widerstehen vermagst. Aber zittere, wenn dir ein einziges Wort entschlüpft, wodurch die glückliche Nebenbuhlerinn, welche meine Stelle an Alfreds Seite einnimmt, von meinem Verhältnisse benachrichtigt wird. Deine Unvorsichtigkeit würde dir das Leben kosten; ja Werner, ich würde dich auf der Stelle aufopfern! --
Bei diesen Worten machte Lodoiska eine so heftige Bewegung, daß dadurch ein Theil ihres Kleides zerrissen wurde, und Werner unter ihrer linken Brust eine Wunde erblicken konnte, aus welcher einige Tropfen Blut hervorrieselten. Der unwillkührliche Schrecken, in welchen ihn dieser unerwartete Anblick versetzte, entging der Fremden nicht, und da sie ohne Mühe die Ursache davon errieth, so suchte sie mit ihrer Hand die zerrissene Stelle des Kleides zu bedecken.
Sobald Werner sich von seiner Erstarrung erholt hatte, fühlte er sein Herz von plötzlichem Mitleiden bewegt. »Unglückliches Mädchen! rief er, was haben Sie gethan? Wie können Sie sich in Ihrem jetzigen Zustande noch einer so gefährlichen Leidenschaft hingeben? Eilen Sie schnell nach Ihrer Wohnung; Ihre Wunde ist wieder aufgebrochen, und Sie kennen wahrscheinlich die Gefahr nicht, in der Sie sich befinden.«
-- Von welcher Gefahr sprichst du? Ich kenne keine mehr auf der Erde. --
»Aber Ihr Blut fließt ja aus der Wunde, von welcher wahrscheinlich der Verband losgegangen ist. Eilen Sie, ihn wieder herzustellen, und wenn Sie meiner Hülfe bedürfen, so zögern Sie nicht, sie anzunehmen.«
-- Beunruhige dich meinetwegen nicht. Mein Blut kann nicht mehr fließen, denn ich habe keines mehr, und schon vor langer Zeit verlor ich es bis auf den letzten Tropfen. An Blut, um das verlorne zu ersetzen, mangelt es mir nicht; denn ich weiß, wo ich es finden kann. Laß dieses Blut hier nur fließen, und kümmere dich deßhalb nicht. --
Bei diesen seltsamen Worten zweifelte Werner, gleich wie die Oberstin, nicht länger, daß Lodoiska's Unglücksfälle sie um den Verstand gebracht haben möchten, und sein ganzer Zorn gegen sie war verschwunden. Er wollte es daher versuchen, sie durch gelinde Worte zu beruhigen, und da er bemerkte, daß ihr Gesicht schon von einer schauerlichen Todtenblässe bedeckt ward, so eilte er auf sie zu, um sie unter den Arm zu fassen und nach ihrem Hause zu geleiten.
»Keinen Schritt weiter! rief sie ihm mit heiserer und schwacher Stimme entgegen. Rühre mich nicht an, oder eile vielmehr, zu entfliehen! Was jetzt vorgehen wird, darfst du nicht erblicken! Ladislaus! Ladislaus! komm geschwind, oder ich bin nicht ferner im Stande, die Absichten meiner Sendung in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen!«
Ladislaus hörte diesen Ruf, und kam noch schnell genug herbei, um Lodoiska, die ohnmächtig in seine Arme sank, zu halten. Nachdem der Greis sie einen Augenblick betrachtet hatte, sahe er mit wilden Blicken um sich her, und ohne ein Wort zu sprechen, gab er Wernern ein Zeichen, sich zu entfernen. Dieser schien anfangs nicht geneigt, ihm Folge zu leisten; allein er entschloß sich dazu, als er bedachte, daß er vielleicht durch seine Hartnäckigkeit den Tod der Fremden herbeiführen könnte. Er kehrte daher auf den Fußsteig zurück, der nach dem Schlosse führte. Bei einer Krümmung des Weges, wodurch der Ort, wo Lodoiska auf dem Grase ausgestreckt lag, ihm wieder zu Gesichte kam, blieb er stehen und sahe nun, wie der alte Bediente sich über die Ohnmächtige hinbeugte, und ihr eine rothe Flüssigkeit in den Mund goß. In demselben Augenblick aber erhielt Werner einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß er davon zu Boden stürzte. Er raffte sich schnell wieder auf, um dem Feinde, der ihn geschlagen hatte, die Spitze zu bieten; aber keine lebendige Seele war rings um ihn her zu erblicken, und er mußte daher seinen Fall einem Stoße an einen Baumast zuschreiben, da er eben durch einen Wald ging.
Seine Neugierde bewog ihn, zum zweiten Male nach der Gruppe auf der Wiese hinzublicken; aber er sahe sie nicht mehr. Dieses plötzliche Verschwinden setzte ihn in das größte Erstaunen, und in tiefes Nachdenken versunken, kam er nach dem Schlosse zurück. »Gebe Gott! sagte er zu sich selbst, daß dieß Alles eine natürlichere Wendung nimmt; denn was ich gesehen habe, ist unbegreiflich; und ich wünschte wohl, die Geheimnisse zu durchdringen, mit denen wir umgeben sind.« --
Achtes Kapitel.
Da die Fremde immer fortfuhr, in der größten Zurückgezogenheit zu leben, so ward am Ende auch die Neugier der Nachbarn müde, sich mit ihr zu beschäftigen, und schon sprach man kaum mehr von den Bewohnern des Hauses im Walde, als eine neue Begebenheit die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf sich zog, und Lodoiska ganz bei ihnen in Vergessenheit brachte.
Es gab in der Gemeinde ein junges Mädchen von ausgezeichneter Schönheit, das auch ziemlich wohlhabend war, und daher allen jungen Leuten in der Umgegend den Wunsch einflößte, sie zu heirathen. So oft _Röschen_ sich bei einer öffentlichen Lustbarkeit sehen ließ, bildete sich sogleich ein Kreis von Anbetern um sie her, die ihr nach ihrer Art den Hof machten; allein sie blieb lange Zeit völlig gleichgültig. Röschen nahm die ihr dargebrachten Huldigungen an, ohne einen von den Anbetern im Geringsten auszuzeichnen, bis endlich ein junger Pächter das Herz der schönen Gleichgültigen zu rühren verstand.
Sobald Röschens Wahl bekannt wurde, setzte dieß die übrigen nun hoffnungslosen Anbeter in Wuth, und man brach in die schrecklichsten Drohungen gegen das glückliche Paar aus. Es wurden mehrere Verträge geschlossen, um dieser Heirath alle möglichen Hindernisse in den Weg zu legen; aber ohne sich an alle diese Anfeindungen zu kehren, traf das junge Paar Anstalten zu seiner Hochzeit, und schon war der Tag der Trauung in der Kirche auf den nächsten Sonntag festgesetzt.
Der Sonnabend vor der Hochzeit war derselbe Tag, wo Werner seinen Besuch bei Lodoiska abgestattet, und so wenig befriedigt nach dem Schlosse zurückkehren mußte. Auch er war zur Hochzeit Röschens eingeladen, und sollte sich am andern Morgen schon mit Tagesanbruch mit den Freunden des Bräutigams vereinigen, theils um mit ihnen vergnügt zu sein, theils um, mit ihnen vereint, die wüthenden Versuche zu vereiteln, welche die verschmähten Nebenbuhler etwa machen könnten.
Nach dem Abendessen begab sich Werner auf sein Zimmer, noch ganz mit dem Gedanken an das beschäftigt, was er heute gesehen und gehört hatte. Unaufhörlich fiel ihm immer wieder die riesenmäßige Stärke des alten Bedienten ein, und es schien ihm, als wenn er vor seinen Augen das Blut aus Lodoiska's Wunde fließen sähe. Während er so, in ein peinliches Nachdenken vertieft, in seinem Lehnstuhl saß, warf er seine zerstreuten Blicke hier und da im Zimmer umher, bis sich seine Augen endlich starr auf einen Punkt hefteten, und er in einen lauten Angstruf des Schreckens ausbrach. Seine Flinte, mit welcher er dem alten Ladislaus gedroht hatte, war in hundert Stücke zerbrochen, und was ihn am meisten in Erstaunen setzte, auch selbst der Lauf war eben so zerstückelt, wie die übrigen Theile des Gewehres.
Bei diesem unerwarteten Anblick, wobei er sich überzeugen mußte, daß eine übermenschliche Kraft gewirkt habe, fühlte er sich von einem eiskalten Schauer ergriffen, und eine gute Zeit lang blieb er wie versteinert vor seiner zerbrochenen Flinte stehen. Diese Begebenheit überstieg seine Fassungskraft, da er keine natürliche Ursache dafür auffinden konnte; und in seinem unwillkührlichen Schrecken hätte er fast bei sich selbst angelobt, sich nicht mehr in Lodoiska's Angelegenheiten zu mischen, da er einsahe, daß er einer höheren Kraft, als die schwachen Mittel, die ihm zu Gebote standen, bedurfte, um mit Vortheil gegen sie in die Schranken zu treten. Es dauerte lange, ehe er einschlafen konnte. Bei jedem leisen Geräusch schreckte er hoch empor, bis endlich seine Abspannung so hoch stieg, daß er in eine Art von Schlafsucht verfiel; denn es war schon sieben Uhr, als er von dem starken Lärm, den eine heftig an seine Thür klopfende Person verursachte, erwachte. Jetzt fiel ihm die Hochzeit ein, zu welcher er eingeladen war, und da er glaubte, daß man ihn dazu herbeiholen wollte, stand er schnell auf, voller Scham über seinen langen Schlaf. Als er die Thür öffnete, sahe er einen seiner guten Bekannten aus dem Dorfe, dessen Miene so traurig war, daß er darüber erschrak. Schon war er im Begriff, ihn nach der Ursache zu fragen, als dieser ihm zuvorkam.
»Ach, lieber Werner, sagte er mit halb erstickter Stimme, welche fürchterliche That ist in dieser Nacht geschehen! Röschen ist todt, auf die schrecklichste Art ermordet!«
-- Was sagst du da, Mathes? Wer hat dieses schändliche Verbrechen begangen? Du machst mich vor Schrecken erstarren! --
»Ach, leider ist es nur allzuwahr! Der Mörder ist noch völlig unbekannt. Er hat sich auf eine unbegreifliche Art in's Zimmer geschlichen, und dem armen Mädchen zwei Adern geöffnet; aber das Sonderbarste dabei ist, daß durchaus kein Blut mehr in dem Körper der Unglücklichen gefunden wird, und kaum hat man einige kleine Blutflecke an ihrem Bette bemerkt.«
-- Kein Blut mehr! rief Werner, wie vom Blitz getroffen. Kein Blut mehr! O Himmel, sollten sich denn die Schrecken der Moldau und Wallachei auch hier nach Deutschland fortpflanzen! --
Er schwieg, vielleicht bereuend, daß er schon zu viel gesagt habe; aber das Uebel, was er gern vermieden hätte, war schon geschehen. Voller Neugierde bestand Mathes auf die Erklärung dessen, was er nicht verstand, und vergebens suchte Werner das Gespräch auf andere Dinge zu bringen, indem er sich näher nach den Umständen bei der Mordthat erkundigte; sein Freund ließ sich nicht abweisen, und nachdem er ihm erzählt hatte, was er wußte, drang er abermals darauf, zu wissen, von welchen Schrecken der Moldau und Wallachei Werner gesprochen habe. Er zeigte dabei eine solche Hartnäckigkeit in seinen Fragen, daß Werner ihn wohl befriedigen mußte, wenn er sich nicht mit ihm gänzlich erzürnen wollte.