Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 4

Chapter 43,708 wordsPublic domain

Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. --

Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.

Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne einer melodischen Harfe erschallten.

Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und sich neben ihr in's Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte: anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.

Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward, war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer Arme immer noch den Handschuh trug.

Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte. Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung von einigen Schritten geben wollte.

Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen, nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall, erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.

Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme, verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab. Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten? Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster, ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.

Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe, daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen ihrer Kinder beigetragen habe.

Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen, kleinen Mund zum Sprechen.

»Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen? Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner Erholung übrig.«

-- Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. --

»Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod mit sich.«

Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.

»Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.«

Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen. Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.

»Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?«

Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist, sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen gefunden zu haben.«

-- Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt. --

Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska's Lippen, und ihre Augen nahmen einen sanften Ausdruck an.

»O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.«

-- Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich Ihnen wieder zu nähern. --

»O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es? tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen könnten.«

Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.

»Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?«

-- Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr, was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen erklären, was die Menschen nicht begreifen. --

Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge, wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe, wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete, daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.

Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? -- Da die Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem Schlosse zurückgeführt zu werden.

»Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer verursachen.«

Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen Gebüsche.

Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können. In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an, und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.

Siebentes Kapitel.

Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten, gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der Bote endlich an das Schloßthor klopfte.

»Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht wiederkommen.«

-- Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein mag, den Sie erwarten. --

Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten, indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.

Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht, sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern, und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.

Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf Werner, als daß er sich länger hätte halten können.

»Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O, Herr Bote, wart' er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er es verdient hat!«

Helene war im Begriff, Werner's Zorn zu besänftigen, als dieser sich plötzlich besann und fortfuhr:

»Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!«

Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in Verdacht hatte. --

Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien -- -- es war sein eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte Folgendes auf den Umschlag geschrieben:

_Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen der Landwirthschaft unterhältst._

Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden, die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.

Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete, irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen; wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind, umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder, und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.

Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor, seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.

Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen hartnäckiger fortsetzen?