Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 3

Chapter 33,668 wordsPublic domain

»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.«

-- Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben. --

»Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?«

-- Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an, um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred's Händen, und kann er vor Gott der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan? Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! --

Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens, welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte, ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten. Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.

Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter, welchen Lodoiska's Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder, sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.

»Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt. Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?«

-- Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen, wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht darauf nehmen. --

»Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin gewiß, sie zu erhalten.«

-- Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. --

»Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du mir in Alfred's Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in Zukunft von mir erhalten sollst.«

Die seltsamen Worte Lodoiska's machten das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers, nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich nicht schmeicheln, ihn zu verführen.

»Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben, und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu schreiben, daß Sie hier sind.«

-- Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und du hast schon versucht, sie auszuführen. --

Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen, versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort, und er rief voller Unwillen:

»Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie, unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen? Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.«

Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska's ganze Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:

»Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.«

Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog. Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn Wilhelm aus seiner Träumerei.

»Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein Gewitter geben.«

-- Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so schnell in Erfüllung gehen? -- Er erblickte nun ebenfalls die heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen, so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.

Fünftes Kapitel.

Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe?

»O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt voll Zorn verließ.«

Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein, daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden, und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab, bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen Wink entfernt hatte, sagte er:

»Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung, daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.«

Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich niedergelassen hatte.

»Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.«

-- Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner; aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre Höflichkeiten nachzuahmen. --

Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück, während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn zu schreiben.

Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war. Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig.

Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska's aussetzen wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem guten Buche. Werners Eintritt in's Zimmer belebte die beiden Mädchen wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen, und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen.

Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen, der ihm als Bote dienen sollte.

Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen! Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal möglich war, die Aufschrift zu lesen! --

Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen; unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte er in's Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke weit begleitete. --

Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein, und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese Gedanken wieder. »Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie einmal auf der That ertappe.«

Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska's Wirksamkeit bis in's Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine gewöhnlichen Geschäfte.

Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R.... lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf, als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.

Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte. Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft auch heute beim Eintritt in's Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. --

»Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig, obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe, deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht, und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme, weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten, als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und einen völlig verpesteten Athem.«

-- Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. --

»Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft, der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr vorgelassen werden will. -- Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde; aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.«

-- Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit, Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. --

»So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.«

Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor, sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht schuldig gemacht haben.

Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er, eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen, anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann! Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe der Oberstin unerschöpflich war.

»Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt sie her? -- Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel ist!« --

Sechstes Kapitel.