Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut. Erster Theil. Ein Roman nach neugriechischen Volkssagen

Part 2

Chapter 23,780 wordsPublic domain

-- Da hat sie sich eine sehr einsame Wohnung gewählt, und sie muß entweder viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge bei sich haben, wenn sie ohne Furcht in diesem Hause bleiben kann. --

»Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz allein; denn ein alter Bedienter kann hier gar nicht in Anschlag kommen, weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem Lebendigen, als einem Bewohner der andern Welt ähnlich sieht. Was die Dame betrifft, so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre Miene etwas ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres davon berichten, weil ich sie noch nicht gesehen habe; aber am nächsten Sonntage müßte ich sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie genau betrachten, daß ich Ihnen einen vollkommnern Bericht abstatten kann, wenn Sie selbst zufällig nicht im Stande sein sollten, sie zu sehen.«

-- Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du sie genau betrachten wirst; aber was spricht man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem Grunde sie sich gerade gegen den Winter eine so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? Ist sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? --

»Man hat alle diese Fragen schon an ihren Bedienten gerichtet, ohne die geringste genügende Antwort zu erhalten; denn dieser Bediente soll ein mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: Ja, nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; was er kauft, bezahlt er, ohne weiter ein Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich wieder. So viel weiß man indessen schon gewiß, daß diese Leute keine Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, und unter sich bedienen sie sich fremder, unverständlicher Worte.«

-- Ist denn diese Dame schon lange hier? fragte Helene, die schon den Wunsch fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin zu finden, die einige Abwechselung in ihrer einfachen, gleichförmigen Lebensart hervorbringen könnte. --

»Sie ist an demselben Tage hier angekommen, wo der Herr Oberst abreisete. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, und fragte ihn, ob nicht in der Nähe irgend ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? Paul erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Walde verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit ihnen, und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Wohnsitze. Paul und die beiden Gierschmann haben anfangs aus dieser Begebenheit ein Geheimniß gemacht, wahrscheinlich weil sie der armen Dame eine übermäßig große Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch Alles heraus: die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben, wenn ich Ihnen nicht sogleich Alles mitgetheilt hätte.«

Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten Willen, und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft mit der fremden Dame zu machen.

Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls gegenwärtig war, und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Diese Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf, daher sie ihn fragte, ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame hege?

»Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben nichts Gutes in ihrem Erscheinen in hiesiger Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hier her, um sich in ein abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß ganz in der Ordnung zu sein? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie nicht eine Abentheurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnißvollen Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke scheuten, und sich sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend einen Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am hellen Tage, und zeigten ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; hatten sie nun die Frucht rein ausgesogen, so verschwanden sie plötzlich, wie die Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Moraste erblicken.«

-- Ich glaube es wohl, antwortete Helene, daß man in einer großen Stadt solche unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen desto bessern Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel zu reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R...., mein guter Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der reiche Partikulier, den sie verführen könnte? Ich weiß in der ganzen Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben, und überdieß binnen Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer verlassen werden. Kann aber diese Dame nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu leben, als ihr früher ihrem Range nach zukam? und wird wohl eine heutige Sirene mitten im Walde, fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen? Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden besucht sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man muß von seinem Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn offenbare Gründe dazu vorhanden sind. --

Werner erwiederte nichts, aber er schien keinesweges überzeugt zu sein. Ihm diente seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er Alles beurtheilen zu können glaubte, was ihm jetzt begegnete.

Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie nach dem nahe gelegenen Walde, während Helene selbst sich nicht so weit vom Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem Dorfe hinunter ging, wo sie mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden Erndte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, und man belauschte daher jeden ihrer Schritte. Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; so lange aber die Sonne noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag brachte sie in einem Zimmer ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand sie zu sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämmtliche Geschäfte des Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, daß man keine Lust fühlte, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann in's Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen.

Jemehr Helene von der Unbekannten sprechen hörte, desto fester nahm sie sich vor, sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren vortrefflichen Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer eine Tochter unserer gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. Indessen wußte sie ihren geheimen Wunsch unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit zu verbergen, und als es finster zu werden anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück.

Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voll Freude entgegen. »Ach, Mutter! liebe Mutter! riefen beide zugleich; wir haben die schöne unbekannte Dame gesehen, und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch ist sie!«

Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten Helenens Neugierde noch mehr. »Still, liebe Kinder, sagte sie, sprecht nicht beide zugleich; Eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen ist, und das Andere kann dann nachholen, was vielleicht das Erste vergessen hat.«

Dieser Vorschlag war ganz angemessen, aber es boten sich nur Schwierigkeiten dar, ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Aeltern in Anspruch nahm, um der Erzähler des kleinen Abentheuers zu sein. Hieraus entstand ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der Güte: sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht schweigen wollte: die Mutter sah sich endlich genöthigt, ihr ganzes Ansehen zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches Gesichtchen in den Händen verbarg, indem sie versicherte, daß ihr Bruder falsch erzähle, daß sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, um ihn zu berichtigen.

Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zu Theil werden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine Erzählung an: »Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Thal hinabzugehen, um von den schönen Blumen, deren so viele auf der dortigen Wiese wachsen, abzupflücken. Ich bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen, und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus allen Kräften nach dem Walde zu.«

-- Das ist nicht wahr! rief Julie, voll Aerger über die Beschuldigung ihres Bruders; ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling, und du thatest dasselbe. -- Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von Wilhelmen nichts Ordentliches erfahren wirst? Ich will dir daher erzählen, was geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen. --

»Ich habe dir befohlen zu schweigen, antwortete die Mutter sanft, aber ernsthaft; und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich also meinen Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muß!«

Die Strenge dieser Worte, welche übrigens so wenig mit Helenens Liebe zu ihrem niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte dem letzteren so viel Schmerz, daß Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, und ihre kleinen Arme ihrer Mutter um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, daß sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen, streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter, und drückte dann einen Kuß auf ihre Stirn, worauf die Heiterkeit sich bei derselben wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen fuhr Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er seiner Schwester habe nachlaufen wollen, die sich mitten in das dickste Gebüsch begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten habe, welche letztere sich dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben nicht zu lieben schiene. Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, womit sie immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Beben zu verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen Gütigkeit. Vergebens wollte Werner mehrmals mit uns nach Hause zurückkehren, sie hielt uns immer noch auf, weil sie stets noch einige Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber sie ist erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen Handschuh auf der linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr beschwerlich sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte es mit einer sehr heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und meine Schwester in Schrecken setzte; so böse schien er uns zu sein.

Diese Erzählung ward in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt, das nun ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie fügte noch eine Menge Einzelnheiten hinzu, und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche Dame ihr mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde hervorgekommen wäre.

»Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie fort, und da die Dame es bemerkte, so schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann lächelnd auf mich zu, und ihre freundlichen Worte machten mich nun bald dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste Frage an mich gerichtet, wie es sonst wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich zum ersten Male sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen, und wie sehr sie meine Freundin zu werden wünschte. Von dir und von meinem Vater hat sie nicht ein Wort erwähnt.«

Werner, der nun ebenfalls befragt ward, bestätigte Alles, was die Kinder gesagt hatten. Aber über sein ganzes Wesen schien die größte Verwirrung verbreitet zu sein, und vergebens suchte er sie zu verbergen; sie ward wider seinen Willen so sichtbar, daß Helene aufmerksam werden mußte.

»Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht eben so sehr für die fremde Dame eingenommen, als Wilhelm und seine Schwester. Hast du immer noch dein früheres Mißtrauen gegen sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder erkannt?«

-- Ich! sie wieder erkannt haben! rief der alte Soldat, dessen Gesicht in diesem Augenblick alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, Frau Oberstin, wie mein Betragen Sie auf solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich kenne jene Person nicht; aber dennoch beharre ich bei der Meinung, daß ihre Ankunft hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas Gutes davon zu versprechen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollten, so würden Sie Ihren Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle des Schlosses setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu thun haben. Wenn ich aber an Ihrer Stelle wäre, so würde ich auch nicht einmal zugeben, daß sie auch nur den Hof überschreitet. --

»Um so strenge gegen sie zu verfahren, erwiederte Helene, müßte ich überzeugt sein, daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich paßt, und dieß werde ich vielleicht bald erfahren. Aber da du sie heute zum ersten Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen sie gar keine gegründete Ursache hat, so kann ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber Werner, auf deinen Rath zu hören, wenn du von dieser Dame irgend etwas weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich für mich sein, mit ihr umzugehen.«

Werner schien einen Augenblick lang ungewiß zu sein, was er der Oberstin antworten sollte; plötzlich hörte indessen diese Ungewißheit auf, und er versicherte dann mit fester Stimme, daß seine Furcht nur auf Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei, und daß seine Herrschaft völliges Recht habe, zu handeln, wie es ihr gut dünke.

Helene kannte die edle Freimüthigkeit des alten Soldaten, und sie zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen unter allen Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der Anschein es am Wenigsten vermuthen läßt. Nur in der Zurückgezogenheit lernt das menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, das noch durch Nichts getäuscht wurde, und nur der häufige Umgang mit Menschen lehrt sie fürchten.

Viertes Kapitel.

Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu verschweigen, und wo man mit der Lüge in's Bündniß treten muß, um großen Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte.

Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier vorgegangen war.

»Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie erfahren, daß _Lodoiska_ jetzt hier in R.... wohnt, und die nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt, nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten? Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten. Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.« --

Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete.

Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe, verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor; dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte, erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth, denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben.

Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in's Feuer zu werfen.

Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen; höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder, wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.

Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen, und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter wünschten.

Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist, sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden, und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten Geschenke.

Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter zuvorkommen sollte.

Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis in's Innerste ergriffen fühlte.

»Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht endlich einmal aufhören?«

Auf's Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte, und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und sagte: