Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis: Aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg

Part 8

Chapter 83,217 wordsPublic domain

Ich habe schon die Gründe aufgeführt, weshalb ich es für wahrscheinlich halte, daß Heidelberg M 2 dext. ebenfalls fünfhöckerig ist. -- Bei den Unterkiefern von Spy und Ochos sind diese Verhältnisse infolge der starken Abnutzung der Kaufläche nicht genügend zu erkennen. Dagegen war es möglich, an den Zähnen des Krapinamenschen wertvolle Beobachtungen anzustellen, die GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER in seiner Monographie S. 194 und 200, sowie im Anatomischen Anzeiger 1907 S. 100-103 veröffentlicht und bezüglich der unteren Molaren in folgende Tabelle zusammengefaßt hat:

M 1 M 2 M 3 Anzahl Anzahl der Zähne Höcker der Zähne Höcker 9 5 1 5 Variabel oder 2 4½ 5 4½ die Krone 1 4 5 4 stark gefurcht.

Über die =Anzahl der Höcker der Molaren bei den recenten Menschenrassen= finden sich in der Literatur zahlreiche Angaben. Aus den von M. DE TERRA, Beiträge zu einer Odontographie der Menschenrassen, S. 136, aufgestellten Tabellen seien hier nur einige Zahlen angeführt, die auf den Fünfhöckertypus Bezug haben:

=Molaren mit fünf Höckern haben=: ------------------------------------------------------------------------- |Anzahl| M 1 |Anzahl| M 2 |Anzahl| M 3 | der | % | der | % | der | % |Zähne | |Zähne | |Zähne | ------------------------------+------+--------+------+------+------+----- Prähistorischer Schweizer | 26 | 88,4 | 26 | 7,69 | 17 |64,7 Recente Europäer | 26 | 88,4 | 31 | 6,25 | 31 |38,7 Nordamerikanische Indianer | 8 | 8mal | 8 | 6mal | 5 |5mal | |[XXXIX.]| | | | Südamerik. Indianer (Peruaner)| 12 | 12mal | 8 | 4mal | 4 |4mal Negroide Afrikaner | 108 | 93,4 | 104 | 33,6 | 95 |68,4 Nicht negroide Afrikaner | 71 | 81,6 | 76 | 14,5 | 61 |47,37 Malaien | 49 | 100,0 | 46 | 26,1 | 43 |67,4 Chinesen | 26 | 88,4 | 24 | 25,0 | 25 |60,0 Papua | 18 | 83,3 | 20 | 30,0 | 14 |85,7 Australier | 15 | 100,0 | 15 | 73,3 | 9 |66,6

[XXXIX.] DE TERRA hat hier wegen der geringen Anzahl der zur Verfügung gewesenen Zähne den Prozentsatz nicht ausgerechnet.

IV. Die Pulpahöhlen.

Es sollen nun noch die offen liegenden =Pulpahöhlen= der auf Taf. VIII, Fig. 23 abgebildeten linken Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis einer Betrachtung unterzogen werden: Bei P 1 verläuft die Bruchfläche auf der lingualen Seite horizontal, auf der buccalen senkt sie sich schräg nach unten, so daß das Cavum dentis schräg durchschnitten ist. Man kann aber noch die Gestalt desselben in der Horizontale an der Grenze zwischen Wurzel und Krone rekonstruieren, die ein linguobuccal 3,5 mm langes und mesiodistal 1,9 mm breites Oval darstellt, das einem Ameisenpuppenkokon in der Form ähnelt. Die Krone von P 2 ist horizontal abgeschlagen. Der ähnlich wie bei P 1 gestaltete Durchschnitt mißt linguobuccal 4,0 mm, mesiodistal 2,0 mm. Die Stärke der Wandung schwankt zwischen 2,0-2,5 mm.

Von den beiden Molaren sind die Kronen ebenfalls nahezu horizontal abgetrennt. Die linguale und buccale Wand der Pulpenkammern sind nahezu geradlinig und parallel zueinander. Bei M 1 zeigt die mesiale Wand eine distalwärts, also in das Innere des Cavum dentis gerichtete Biegung, während die gegenüberliegende Wand distalwärts nach außen gebogen ist. Infolgedessen vollzieht sich innerhalb der Zahnhöhle der Übergang in die Parallelwände bei der mesialen Wand in einem spitzen Winkel, bei der distalen stumpfwinkelig. Außerhalb der Pulpenkammer sind die Ecken abgerundet. Im Querschnitt zeigt diese mesiodistal gemessen 4,3 mm, linguobuccal sogar 4,8 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 2,1 und 2,2 mm.

Der Boden der Pulpenkammer ist unregelmäßig höckerig. Es läßt sich nicht entscheiden, inwieweit fremde Ablagerungen auf demselben stattgefunden haben. Die Eingänge zu den Wurzelkanälen sind nicht ordentlich erkennbar. Das Dach der Pulpenhöhle zeigt, von unten betrachtet, wie bereits erwähnt, fünf der Kaufläche zugewendete Ausstülpungen, die den Höckern entsprechen und von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind.

Bei M 2 verläuft die mesiale Wand der Pulpenkammer geradlinig, während die gegenüberliegende distalwärts gleichmäßig gewölbt ist. Der Übergang von der mesialen Wand in die Parallelwände vollzieht sich daher in einem leicht abgerundeten rechten Winkel, während die distale Wand mit den Parallelwänden einen Rundbogen bildet. Diese zeigen entsprechend der Wurzelteilung in der Mitte eine leichte Einsenkung, die auf der buccalen Seite nach unten hin zu verfolgen ist, ähnlich wie bei M 1. Der Pulpenboden läßt deutlich traubenförmig aufgelagerte mineralische Bestandteile erkennen. Von unten betrachtet zeigt das Pulpenkammerdach die bereits erwähnten, den Höckern entsprechenden fünf Ausstülpungen, die wie bei M 1 von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind. Im Querschnitt mißt das Cavum dentis mesiodistal 6,3 mm und linguobuccal 5,7 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 1,8 und 2,4 mm.

=Maßangaben des Querschnittes der Pulpahöhle und der Dentinwand an der Grenze zwischen Wurzel und Krone (Kronenbasis) beim Unterkiefer des Homo Heidelbergensis und des recenten Europäers=.

Spaltenüberschriften: [A] Durchmesser der Pulpahöhle [B] Dicke der Wandung

| Erster | Zweiter | Erster | Zweiter | unterer | unterer | unterer | unterer | Prämolar | Prämolar | Molar | Molar ----------------------+-----------+-----------+-------------+------------ | [A] | [B] | [A] | [B] | [A] | [B] | [A] | [B] ----------------------+-----+-----+-----+-----+-------+-----+-----+------ =Homo Heidelbergensis=| | | | | | | | Linguobuccal. |3,5 |2,5 |4,0 |2,1 | 4,8 |2,2 |5,7 |2,4 Mesiodistal. |1,9 |2,0 |2,0 |2,0 | 4,3 |2,1 |6,3 |1,8 =Rec. Europäer=[XL.] | | | | | | | | 6-14 Jahre | -- | -- | -- | -- | 4,087 |1,687|4,000|1,700 | | | | | [XLI.]| | | 17-23 » |2,260|2,160|2,475|2,087| 4,125 |2,012|3,900|2,037 | | | | |[XLII.]| | | 23-32 » |2,412|2,200|2,550|2,171| 3,750 |2,200|4,275|2,087 32-43 » |1,940|2,340|2,120|2,086| 3,625 |2,300|3,685|2,157 44-52 » |2,050|2,200|2,166|2,133| -- | -- |3,933|2,300 53-66 » |1,850|2,100|2,300|2,166| -- | -- |3,760|2,500

[XL.] Diese Zahlen geben das arithmetische Mittel an, das von K. TRUEB aus Einzelmaßen (jeweils bis zu acht) an Schliffpräparaten gewonnen wurde, wie solche auch J. SZABÓ für seine Arbeit »Die Größenverhältnisse des Cavum pulpae nach Altersstufen«, Österr. ungar. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, Wien 1901, verwendet hat. Die von TRUEB benutzten Zähne wurden in dem unter Leitung von Prof. PORT stehenden zahnärztlichen Institut der Universität Heidelberg extrahiert.

[XLI.] 6-9 Jahre.

[XLII.] 11-14 Jahre.

V. Röntgenbilder.

Auf Taf. IX sind in Fig. 32 und 36 =Röntgenbilder= der rechten und linken Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis wiedergegeben, denen zum Vergleich in Fig. 39 und 40 die mittels Röntgenstrahlen durchleuchteten Kieferhälften eines recenten Europäers beigefügt sind, der annähernd dasselbe Lebensalter erreicht hat, wie das Individuum von Heidelberg. Da bei der bedeutenden Dicke des Unterkieferkörpers des letzteren die Wurzeln der Molaren nicht deutlich genug hervortreten, so wurden die betreffenden Stellen nochmals durchleuchtet. Von diesen Aufnahmen, sowie von denjenigen der Incisiven bringen Fig. 33, 34, 35, 37 und 38 eine Reproduktion.

Der in der Seitenansicht sehr breite Wurzelkanal der =Incisivi= (Fig. 34, 35 und 38) zeigt am untersten Viertel eine Verbreiterung mit einer centralen Einlagerung, so daß es den Anschein hat, als ob sich der Kanal gabelt. In der Vorderansicht verschwindet die Erscheinung durch Deckung.

Die =Canini= zeigen auch im Wurzelteil einen sehr breiten Kanal, der indes keine Andeutung einer Gabelung aufweist. Bei einem Vergleich mit Fig. 39 tritt der beträchtliche Unterschied in der Weite der Pulpahöhle und des Wurzelkanals sehr deutlich hervor.

Was die =Praemolares= und =Molares= unseres Fossils anbelangt, so verweisen wir bezüglich der Weite der Pulpahöhlen auf die von uns angeführten Maße von P 1 und 2, sowie M 1 und 2 der linken Kieferhälfte. Bei der Betrachtung des Röntgenbildes ergibt sich, daß P 1 sin. (Fig. 36) an der Grenze zwischen dem oberen und zweiten Drittel der Wurzel eine Einlagerung zeigt, welche den Wurzelkanal in zwei Teile zu trennen scheint. Diese Gabelung läßt sich ziemlich weit nach unten verfolgen, wird dann aber undeutlich. Bei P 1 dext. (Fig. 32) findet man die gleiche Einlagerung, aber erst in der Mitte der Wurzel beginnend. Bei den beiden zweiten Prämolaren ist diese Erscheinung auf dem Röntgenbilde nicht zu beobachten.

Während bei den =ersten und zweiten Molaren= die beiden Wurzelspitzen (Fig. 32, 33, 36 und 37) ziemlich parallel verlaufen mit einer distal gerichteten Krümmung, divergieren sie nicht unbedeutend bei M 3: die vordere steht ziemlich senkrecht, die hintere ist distalwärts gebogen. Die Wurzelspitzen sind vom Canalis alveolaris bei M 1 beträchtlich weit entfernt, bei M 2 kommen sie dem Kanal bedeutend näher -- es ist jedoch immer noch eine Spongiosaschicht zwischen Wurzelspitze und Kanal zu erkennen --, bei M 3 ragen sie Fig. 33 und 37 zufolge in den Kanal hinein. Ob dies jedoch wirklich der Fall ist, oder ob nicht vielmehr durch die Projektion bloß der Anschein, daß dem so sei, erweckt wird, entzieht sich exakter Entscheidung.

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