Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis: Aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg
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DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS
AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG
EIN BEITRAG
ZUR PALÄONTOLOGIE DES MENSCHEN
VON
OTTO SCHOETENSACK
MIT 13 TAFELN, DAVON 10 IN LICHTDRUCK
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1908
ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN.
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VORWORT.
Der den Gegenstand vorliegender Abhandlung bildende menschliche Unterkiefer wurde in den 10 km südöstlich von Heidelberg anstehenden, in der Literatur als Sande von Mauer bekannten fluviatilen Ablagerungen aufgefunden. Das Alter dieser Sande wird nach den darin angetroffenen Säugetierresten gemeinhin als altdiluvial angegeben; einige darin vertretene Arten lassen aber auch deutliche Beziehungen zu dem jüngsten Abschnitte des Tertiärs, dem Pliocän, erkennen. So durfte man vermuten, daß etwa in diesen Schichten sich findende Menschenknochen bedeutsame Aufschlüsse über die Morphogenese des menschlichen sowie überhaupt des Primatenskelettes geben würden. Diese Annahme hat nunmehr durch den Fund der Mandibula Bestätigung erfahren.
Ich habe mich bemüht, in dieser Schrift vor allem eine möglichst erschöpfende Beschreibung des Fundobjektes und der -- bei fossilen Menschenresten äußerst wichtigen -- Fundumstände zu geben. Bei den vergleichenden Studien habe ich mich im wesentlichen auf das von den Direktoren der hiesigen Universitätssammlungen, den Herren O. BÜTSCHLI, M. FÜRBRINGER und W. SALOMON, sowie von Herrn H. KLAATSCH in Breslau mir in entgegenkommendster Weise zur Verfügung gestellte Material gestützt. Letztgenannter Freund sowie Herr G. PORT standen mir bei meinen Untersuchungen mit ihren reichen Erfahrungen bei, die mir insbesondere bei den diagraphischen und Röntgenaufnahmen sehr zustatten kamen. Die Herren GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER in Agram und J. FRAIPONT in Brüssel waren so liebenswürdig, mir Gipsabgüsse fossiler Unterkiefer zu überlassen. Ferner lieh mir Herr Assistent W. SPITZ bei den photographischen Aufnahmen freundlichst seinen Beistand. -- Allen diesen Herren sei hiermit herzlicher Dank ausgesprochen.
Universität Heidelberg im September 1908.
OTTO SCHOETENSACK.
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DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS
AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG
GEOLOGISCHER TEIL
ANTHROPOLOGISCHER TEIL
ANHANG ZUM ANTHROPOLOGISCHEN TEIL
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I. Geologisch paläontologischer Teil.
Das Dorf Mauer, auf dessen Feldmark unser Fund am 21. Oktober 1907 gemacht wurde, ist 10 km südöstlich von Heidelberg und 6 km südlich von Neckargemünd, dicht an der südlichen Grenze des Odenwaldgebirges gelegen. Dieses wird in seinem südlichen Teile von dem aus dem schwäbischen Muschelkalkgebiete kommenden Neckar durchbrochen, der unterhalb Neckarelz auf den Buntsandstein stößt, den er bis zum Eintritt in die Rheinebene in vielfach gewundenem Laufe erodiert hat. Diese Talbildung reicht, worauf E. W. BENECKE[8] zuerst hingewiesen hat und was auch A. SAUER[70] in den Erläuterungen zur geologischen Spezialkarte des Großherzogtums Baden, Blatt Neckargemünd, bestätigt, bis in die Tertiärzeit zurück.
Wenige Kilometer südlich von Neckargemünd verschwindet der Buntsandstein dauernd unter der Oberfläche, und das Muschelkalkgebirge stellt sich ein. Mannigfach zergliedert und reichlich mit Löß und Lehm bedeckt, bietet es fruchtbares Ackerland dar, das, von der bei Neckargemünd in den Neckar sich ergießenden Elsenz durchflossen, frühzeitig zur Besiedelung einlud. -- Schon in alter Zeit führte eine Verkehrsstraße von hier aus in das Schwabenland, der jetzt auch die Eisenbahnlinie Heidelberg-Neckargemünd-Jagstfeld folgt, die uns von Heidelberg in 30 Minuten an den Fundort bringt.
Die geologischen und topographischen Verhältnisse des unteren Elsenztales lassen sich an der Hand der oben genannten Karte, von der auf Taf. I, Fig. I ein Ausschnitt auf 1:50000 reduziert gegeben ist[I.], leicht übersehen. Im nördlichen Teile herrscht der Buntsandstein vor, der in ostwestlicher Richtung von dem Neckar durchfurcht wird. Senkrecht zu diesem Flusse erblicken wir zwei parallel verlaufende Täler, die »in ihrer engen felsigen Beschaffenheit dem Haupttale des Neckars unter- und oberhalb Neckargemünds gleichen«. Es sind dies, wie SAUER gezeigt hat, Teile einer alten =Neckarschlinge=, die weiter südlich, wo sie in das leichter zerstörbare Muschelkalkgebirge eintrat, eine beträchtliche Talerweiterung erfuhr und den terrassenförmigen Absatz der unter dem Namen »=Sande von Mauer=« bekannten, von SAUER als altdiluvial bezeichneten Aufschüttungen veranlaßte, deren Ursprung auch durch typische =Neckargerölle= bezeugt wird.
[I.] Die Signaturen auf dieser Karte sind mit Hilfe eines Vergrößerungsglases lesbar.
Von den beiden vom Neckar verlassenen Paralleltälern wird das westliche von der Elsenz zum Abfluß benutzt, während das östliche, durch welches jetzt die Landstraße von Wiesenbach nördlich zum Neckar führt, trocken liegt. Daß dies schon seit der mittel-diluvialen Zeit der Fall ist, wird durch die Verbreitung der Ablagerungen von älterem und jüngerem Löß erwiesen, die sich auf und nahe der Sohle des Wiesenbacher Tales vorfinden.
Die »Sande von Mauer«, auf der Karte (Taf. I, Fig. 2) mit der Signatur »dun« versehen und großpunktiert eingezeichnet, sind namentlich an dem rechten Elsenzgehänge durch Gruben erschlossen, die schon zu BRONNS Zeiten (in den dreißiger und vierziger Jahren des vor. Jahrh.) paläontologisches Material lieferten.
Seit 30 Jahren hat die etwa 500 m nördlich vom Dorfe Mauer im Gewann Grafenrain gelegene, von Herrn J. RÖSCH in Mauer zur Gewinnung von Bausand betriebene Sandgrube zahlreiche Tierreste ergeben, die von dem genannten Herrn mit großer Sorgfalt geborgen und in uneigennütziger Weise, hauptsächlich durch Schenkung an badische Staatssammlungen, der Wissenschaft zugänglich gemacht wurden.
Bei dem lebhaften Abbau des Sandes, von dem nach gütiger Mitteilung des Herrn RÖSCH seit 1877 159750 cbm gewonnen sind, wobei 182250 cbm Abraum beseitigt, insgesamt also 342000 cbm bewegt werden mußten, entstehen beständig frische Anbrüche, die entsprechend dem wechselnden Bilde, das fluviatile Ablagerungen darzubieten pflegen, in den einzelnen Schichten wohl stark variieren, in der Gesamterscheinung aber, wie die von E. W. BENECKE und E. COHEN[9] gegebene Beschreibung und die von A. SAUER mitgeteilten Profile erkennen lassen, Übereinstimmung mit dem nachstehenden Profile zeigen, das 12 Tage nach Auffindung des menschlichen Unterkiefers unter freundlicher Mitwirkung von Prof. W. SALOMON, Herrn W. SPITZ und den Praktikanten des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts aufgenommen wurde:
=Profil der Sandgrube im Grafenrain (Grundstück Nr. 789), Gemarkung Mauer (Amtsbezirk Heidelberg), aufgenommen am 2. November 1907= (vgl. Taf. III, Fig. 5).
Richtung der Grubenwand Nord 26 West. Fußpunkt 1,40 m nördlich von der Fundstelle des menschlichen Unterkiefers.
Ordnungszahl Mächtigkeit der Schichten in Metern
Jüngerer { 27 5,74 Jüngerer =Löß=, unten mit kleinen Löß { Lößkindeln.
{ 26 2,25 Brauner =Lehm= ohne sandige Lagen. { 25 1,30 Brauner =Lehm=, stellenweise etwas Älterer { sandig, aber ohne ausgesprochene Löß bzw. { Sandschmitzchen. Sandlöß { 24 1,63 =Letten=, meist stark sandig, mit { vereinzelten Sandschmitzchen und { Lagen von Lößkindeln.
{ 23 etwa 1,80 Grauer, mittelkörniger =Sand=, in { abwechselnden Lagen ± verfestigt { (etwa 15 Gesimse). { 22 0,36 Graue feste =Sand=bank, { mittelkörnig, mit HCl ganz schwach { brausend, gesimsbildend. { 21 1,30 Lockerer eisenschüssiger =Sand=, { bald gröber, bald feiner, mit HCl { ganz schwach brausend. { 20 0,07 Festere, sehr eisenschüssige { mittelkörnige =Sand=bank. { 19 0,40 Eisenschüssiger =Sand=. { 18 0,70 Grauer mittelkörniger =Sand=, mit { HCl nicht brausend, unmittelbar { über dem Letten stark { eisenschüssig. { 17 0,70 Brauner =sandiger Letten= und { lettiger Sand; oben reiner, unten { ziemlich reiner Letten; { gesimsbildend. { 16 0,22-0,25 =Sand=schicht mit dünnen { eisenschüssigen Lagen nach S. { anschwellend, nach N. auskeilend. { 15 etwa 0,20-0,23 =Geröll=schicht mit { Eistransportblöcken und { Unioresten. { 14 etwa 0,34 Grauer bis gelbbrauner =Sand= mit { Andeutung von Schrägschichtung und { Neigung zur Windpfeilerbildung. { 13 etwa 0,50 =Sand=, reich an kleinen Geröllen, { z. T. eisenschüssig. { 12 etwa 0,50 Grauer mittelkörniger =Sand= mit { einer schwach eisenschüssigen { Schicht. { Lettenbank. { 11 2,25 Sehr fester =Letten=, mit HCl { schwach brausend. { 10 1,65 Abwechselnde Schichten von schwach { eisenschüssigem =Sand= und grauem, Mauerer { manchmal auch braunem Letten. Die Sande. { jüngste der nach oben an { Mächtigkeit zunehmenden etwa 9 { Lettenschichten enthält nur sehr { wenig Sand. { 9 etwa 0,55 Reiner =Sand= mit unregelmäßig { verteilten eisenschüssigen { Stellen. { 8 etwa 0,25 Mittelkörniger, grauer =Sand= mit { vereinzelten kleinen Geröllen und { vielen Lettenbrocken. { 7 1,35 Mittelkörniger =Sand= mit { vereinzelten kleinen Geröllen und { Lettenbröckchen. { 6 0,60-0,65 Grauer, mittelkörniger =Sand= mit { vereinzelten Geröllen und kleinen { Geröllschmitzchen. (Die Lage mit { den vereinzelten Geröllen tritt { nur stellenweise auf.) { 5 etwa 0,23 Grobkörniger, mit HCl nicht { brausender =Sand= mit { eisenschüssigen Bändern. { 4 etwa 0,10 =Geröll=schicht, durch { kohlensauren Kalk etwas verkittet, { mit ganz dünnen Lagen von Letten, { der mit HCl schwach braust. { $(Fundschicht des menschlichen { Unterkiefers.)$ { 3 0,22 Gröberer =Sand=, mit HCl nicht { brausend. { 2 etwa 0,20 =Geröll=schicht, z. T. deutlich { zu einem Conglomerat verkittet. { Der verkittende Sand ist stark { eisenschüssig, mit HCl nicht { brausend. Weiß-Juragerölle und { Reste von Unio sind häufig. { 1 etwa 0,45 Mittelkörniger, mit HCl nicht { brausender =Sand=.
Grubensohle.
Hiernach wurde der menschliche Unterkiefer etwa 0,87 m über der Sohle und etwa 24,10 m =unter der Oberkante der Sandgrube= aufgefunden, welch letztere Zahl der vom Geometer festgestellten 24,63 m (vgl. Taf. II, Fig. 3) bis auf 0,53 m nahekommt. Um diesen Punkt für die Zukunft festzulegen, ließ ich auf dieser Stelle einen kubischen Sandstein mit der eingemeißelten Inschrift »Fundstelle des menschlichen Unterkiefers 21. Oktober 1907« errichten. Dieser Stein soll liegen bleiben, auch wenn die Grube wieder zugeworfen wird. Es soll dann oben ein neuer Stein mit entsprechender Inschrift gesetzt werden.
Die in dem vorstehenden Profil mit No. 23-1 bezeichneten, von 5,18 m älterem Löß und 5,74 m jüngerem Löß überlagerten Mauerer Sande haben wegen ihres Reichtums an Tierresten seit langer Zeit die Aufmerksamkeit der Geologen auf sich gelenkt. So führt A. BRAUN[13] in der auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Mainz 1842 gegebenen vergleichenden Zusammenstellung der lebenden und diluvialen Molluskenfauna des Rheintals mit der tertiären des Mainzer Beckens unter der Rubrik »Ältere Diluvialbildung« die Sande bei Bruchsal, =bei Mauer im Elsenztal= und bei Mosbach zwischen Mainz und Wiesbaden an. Während er von Mosbach auf Grund der Untersuchungen des Bergsekretärs RAHT 66 Conchylienarten zu verzeichnen in der Lage ist, muß er sich für Mauer auf folgende Bemerkung beschränken: »Der dortige, durch seine interessanten Säugetierknochen bekannte, hoch von Löß bedeckte Sand enthält eine Menge von Unionen und größeren Helices, jedoch sämtlich so weich und mürbe, daß eine vollständige Herauslösung und genaue Bestimmung bis jetzt nicht möglich war.«
FR. SANDBERGER[69] bemerkt sodann in seinem 1870/75 erschienenen Werke »Die Land- und Süßwasserconchylien der Vorwelt«, in dem über die Binnenmollusken der Mittelpleistocänschichten handelnden Kapitel folgendes: »Im Neckartale selbst sind in keiner sonstigen unter dem Tallöß gelagerten Ablagerung Binnenmollusken nachgewiesen, wohl aber in dem bei Neckargemünd in dasselbe einmündenden Elsenztale. Hier finden sich bei Mauer etwa 100' über dem Spiegel der Elsenz Sand- und Geröllbänke, welche schon A. BRAUN als Lagerstätte fossiler Wirbeltiere und Binnenmollusken bekannt waren. Im Jahre 1868 beobachtete ich hier von oben nach unten in einer Sandgrube:
1. Tallöß mit zahlreichen Conchylien 20 Fuß.
2. =Rötlichen Sand= mit diagonaler Schichtung und einzelnen Stücken von =Helix rufescens=, =Helix hispida= und =Succinea oblonga=, an der Grenze gegen 3 auch mit zerbrochenen Unionen 36 »
3. Groben Kies, bestehend aus Geröllen von Buntsandstein, Wellenkalk, Muschelkalk, Hornstein und Feldspatbrocken mit Equus caballus und Elephas primigenius (?) 40 »
Da von Binnenmollusken nur die oben genannten Arten, von Säugetieren aber nur noch Rhinoceros Merckii Jaeg. und Ursus spelaeus gefunden worden sind, so läßt sich das Alter der Sande noch nicht genauer feststellen, doch deutet das Fehlen von Rhinoceros tichorhinus, Felis spelaea und Hyaena spelaea auf ein höheres Alter, als das des Cannstatter Tuffes, und vielleicht hat A. BRAUN recht, wenn er den Sand von Mauer mit jenem von Mosbach bei Wiesbaden parallelisiert.«
BENECKE und COHEN[9] erwähnen bereits 12 Conchylienarten von Mauer, die auf einigen Exkursionen gesammelt wurden, und weisen darauf hin, daß man hier eine reiche Fauna zusammenbringen könne, welche wahrscheinlich für die schon mehrfach gemachte Annahme, daß der Sand von Mauer mit dem Sande von Mosbach bei Wiesbaden gleichalterig sei, sichere Anhaltspunkte ergeben würde.
A. ANDREAE[5] hat nun in seiner für das Gebiet der Diluvialgeologie und der Malakozoologie gleich wichtigen Abhandlung über den Diluvialsand von Hangenbieten im Unterelsaß, Straßburg 1884, dieses Desiderat namentlich in bezug auf die Mollusken erfüllt, indem er in einer tabellarischen Übersicht der Fauna des Diluvialsandes von Hangenbieten, verglichen mit der Fauna des Diluvialsandes von Mosbach bei Biebrich und von Mauer bei Heidelberg, sowie mit der recenten Fauna des Elsaß und des Oberrheingebietes, =von Mauer= 35 Arten angibt, welche Zahl aber, wie er bemerkt, noch sehr der Vervollständigung bedarf; denn von Hangenbieten sind 79 und aus dem Diluvialsand von Mosbach 93 Molluskenarten bekannt geworden. Von Mauer werden folgende angeführt, die sämtlich auch in Mosbach vertreten sind:
Hyalinia (Polita) nitidula Drap. sp. » » radiatula Ald. sp. » (Vitrea) crystallina Müll. sp. * Patula (Goniodiscus) solaria Menke sp. » (Patulastra) pygmaea Drap. sp. Helix (Vallonia) pulchella Müll. » » costata Müll. * » » tenuilabris Braun. * » (Petasia) bidens Chemn. sp. » (Trichia) hispida L. » » rufescens Penn. » (Eulota) fruticum Müll. » (Arionta) arbustorum L. Buliminus (Ena) montanus Drap. Cochlicopa (Zua) lubrica Müll. sp. Pupa (Pupilla) muscorum L. sp. » (Vertigo) pygmaea Drap. * Clausilia (Pirostoma) pumila (Ziegl.) C. Pfeiff.? Succinea (Tapada) putris L. sp.? » » Pfeifferi Rossm. » » oblonga Drap. Valvata (Concinna) antiqua Sow. » » piscinalis Müll. sp. * » » naticina Menke. Bythinia tentaculata L. sp. Limnaeus (Limnophysa) palustris Müll. sp. Planorbis (Gyraulus) Rossmaessleri [II.] (Auersw.) S. Schm. Ancylus fluviatilis Müll. Unio pictorum L. sp. » batavus Lam. * Sphaerium rivicola Leach sp.? * » solidum Norm. sp. Pisidium amnicum Müll. sp. * » supinum A. Schm. » Henslowianum Shepp.
NB. Die mit ? bezeichneten Arten sind in Fragmenten oder angezweifeltem Vorkommen vorhanden.
[II.] Nach gütiger Mitteilung von O. BOETTGER eine zweifelhafte Art, auf die keine Schlüsse zu bauen sind.
Wie ANDREAE bemerkt, fehlen die mit einem Stern bezeichneten Mollusken jetzt in der Fauna des Oberrheingebietes. Um darüber Klarheit zu erhalten, ob dies auch auf das Neckargebiet zutrifft, wandte ich mich an den ausgezeichneten Kenner desselben, Herrn D. GEYER in Stuttgart, der so freundlich war, hierüber, sowie über die weitere Frage Auskunft zu geben, welche Schlüsse auf das derzeitige Klima die in den Sanden von Mauer abgelagerten Mollusken gestatten. Ich teile das Wesentlichste aus diesem Berichte hier mit: Es handelt sich bei den Ablagerungen von Mauer offenbar um fluviatile Bildungen, welche durch den Neckar zustande gekommen sind. Nun wäre es aber durchaus irrig, anzunehmen, daß die in den Sanden abgelagerten Schalen aus größeren Entfernungen bzw. aus einem weiten Gebiete hierher geführt und Vertreter der gesamten Fauna seien. Die große Masse stammt vielmehr aus der nächsten Nähe, da die zahlreichen scharfen Windungen bzw. Schleifen des Neckars ebenso viele Dämme bildeten, welche die auf den Fluten schwebenden leeren Schalen zur Ablagerung nötigten; denn nur um solche handelt es sich, da die mit lebenden Tieren gefüllten Schalen untersinken und im Sande und Geröll zerrieben werden. Felsen-, Berg-, Heide- und großenteils auch Waldbewohner sucht man vergeblich in Ausspülungen; diese setzen sich zusammen aus Wasser-, Ufer-, Wiesen- und Gebüschbewohnern, denen nur einzelne Waldschnecken sich zugesellen.
Von den in obiger Liste angeführten 35 Arten sind 21 Land- und 14 Wassermollusken. Von ersteren sind nur 3 Baumtiere: Helix fruticum, eigentlich Buschtier; Helix arbustorum, die aber auch gern auf dem Boden am Wasser lebt, und Buliminus montanus, der sich am meisten von den dreien an Bäume hält. Helix rufescens lebt meist am Boden und steigt nur zuweilen an Krautpflanzen auf. Die übrigen =Landschnecken= sind alle ausschließlich Bodentiere. Die Busch- und Baumtiere leben heute noch in nächster Nähe von Mauer.
Die in obiger Liste mit einem Stern bezeichneten Arten fehlen heute auch im Neckargebiete bis auf Sphaerium rivicola, Sph. solidum und Pisidium supinum. Sie leben aber größtenteils noch im Osten, wie aus den in der Fußnote[III.] auszugsweise wiedergegebenen Mitteilungen des Herrn D. GEYER hervorgeht. Sein Resumé lautet: »=Sollen Folgerungen in bezug auf das Klima aus den in den Sanden von Mauer zur Ablagerung gelangten Molluskenschalen gemacht werden, so kann man allenfalls auf ein mehr kontinentales Klima, als wir es heute haben, schließen=.«
[III.] =Patula solaria Menke=, auch aus den diluvialen Kalktuffablagerungen von Cannstatt bei Stuttgart bekannt, fehlt jetzt dem ganzen Neckargebiete. Es ist eine östliche Art, verbreitet in Siebenbürgen, Nordungarn, Galizien, Mähren (ferner relictoid auf dem Zopten und im Moschwitzer Walde in Schlesien), Erzherzogtum Österreich (von hier in die südöstliche Ecke Bayerns übergreifend), Steiermark, Kärnten, Krain, Dalmatien und Lombardei. Die Art lebt am Boden, im Grase, unter Laub und Steinen im Walde.
=Helix tenuilabris Braun= fehlt dem Neckargebiete, lebt in Sibirien. Man hat bis in die neueste Zeit die in den schwäbischen Juratälern lebende H. adela Westerl. fälschlich für tenuilabris Braun gehalten.
=Helix bidens Chemn.= gehört Mittel- und Osteuropa an, lebt in sehr feuchten schattigen Orten, besonders gern an Bachrändern, im Erlengebüsch. Sie fehlt dem deutschen Nordwesten, ist aber sonst in Norddeutschland nicht selten, auch in Thüringen nicht; sie geht bis zum Main, im Regnitztal auch über den Main nach Süden über Erlangen hinaus. Aus den bayr. Alpen und dem ganzen Jurazuge ist sie nicht bekannt, findet sich dagegen auf der zwischen beiden Gebirgszügen liegenden bayerischen Hochebene; sie fehlt in Württemberg, Baden und im Elsaß.