Der Untergang des Abendlandes, Erster Band
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
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DER UNTERGANG DES ABENDLANDES
ERSTER BAND: GESTALT UND WIRKLICHKEIT
DER UNTERGANG DES ABENDLANDES
UMRISSE EINER MORPHOLOGIE DER WELTGESCHICHTE
VON
OSWALD SPENGLER
ERSTER BAND
GESTALT UND WIRKLICHKEIT
23.-32., UNVERÄNDERTE AUFLAGE 37.-50. TAUSEND
C. H. BECK’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG OSKAR BECK MÜNCHEN 1920
Copr. München 1919. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Wenn im Unendlichen dasselbe Sich wiederholend ewig fließt, Das tausendfältige Gewölbe Sich kräftig ineinander schließt; Strömt Lebenslust aus allen Dingen, Dem kleinsten wie dem größten Stern, Und alles Drängen, alles Ringen Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.
+Goethe+
VORWORT
Dies Buch, das Ergebnis dreier Jahre, war in der ersten Niederschrift vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling 1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein Erscheinen weiterhin verzögert.
Obwohl mit einer allgemeinen Philosophie der Geschichte beschäftigt, bildet es doch in tieferem Sinne einen Kommentar zu der großen Epoche, unter deren Vorzeichen die leitenden Ideen sich gestaltet haben.
Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte, in deren Anfang wir gegenwärtig stehen.
Die Ereignisse haben vieles bestätigt und nichts widerlegt. Es zeigte sich, daß diese Gedanken eben jetzt und zwar in Deutschland hervortreten mußten, daß der Krieg selbst aber noch zu den Voraussetzungen gehörte, unter welchen die letzten Züge des neuen Weltbildes bestimmt werden konnten.
Denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nicht um eine neben andern mögliche und nur logisch gerechtfertigte, sondern um die, gewissermaßen natürliche, von allen dunkel vorgefühlte Philosophie der Zeit. Das darf ohne Anmaßung gesagt werden. Ein Gedanke von historischer Notwendigkeit, ein Gedanke also, der nicht in eine Epoche fällt, sondern der Epoche macht, ist nur in beschränktem Sinne das Eigentum dessen, dem seine Urheberschaft zuteil wird. Er gehört der ganzen Zeit; er ist im Denken aller unbewußt wirksam und allein die zufällige private Fassung, ohne die es keine Philosophie gibt, ist mit ihren Schwächen und Vorzügen das Schicksal -- und das Glück -- eines Einzelnen.
Ich habe nur den Wunsch beizufügen, daß dies Buch neben den militärischen Leistungen Deutschlands nicht ganz unwürdig dastehen möge.
München, im Dezember 1917
Oswald Spengler
INHALT
Seite
Vorwort VII
Inhaltsverzeichnis IX
Einleitung 1
Das Thema. Vorausbestimmung der Geschichte. Der historische Vergleich. +Morphologie der Weltgeschichte+ -- eine neue Philosophie. +Für wen+ gibt es Geschichte? Der antike Mensch ahistorisch. Sein Verhältnis zur Chronologie und Astronomie. Das Weltbild des indischen und ägyptischen Menschen. Mumie und Totenverbrennung als Zeitsymbole. Der westeuropäische Mensch extrem historisch veranlagt.
+Die Form der Weltgeschichte.+ „Altertum-Mittelalter-Neuzeit.“ Flachheit des Schemas, Mangel an Proportion. Das Linienförmige. Herkunft aus dem Orient; Addition einer „Neuzeit“ im Abendlande. Zunehmende Zersetzung des Bildes. Westeuropa kein Schwerpunkt. Vollkommener Relativismus. Goethes Methode die einzig historische. „Weltgeschichte“ als Geschichte einer Gruppe hoher Kulturen. Kulturen als Organismen.
+Das Römertum als Schlüssel zum Verständnis der westeuropäischen Zukunft.+ Unser bisheriges Verhältnis zur Antike ideologisch oder materialistisch (Nietzsche und Mommsen). Enge +beider+ Standpunkte. „+Untergang des Abendlandes+“: +Das Problem der Zivilisation.+ Zivilisation als das Ende jeder Kultur. Griechentum und Römertum: Kultur und Zivilisation. Weltstadt und Provinz. Das Imperium Romanum: der normale Endzustand jeder Zivilisation. Gegenwart und Imperialismus.
Notwendigkeit des Grundgedankens. Seine Tragweite. Verhältnis zur Philosophie. Inferiorität des heutigen Philosophierens: kein lebendiges Verhältnis zur Zeit. Gibt es noch eine echte Möglichkeit? Nach der systematischen und der ethischen Periode eine letzte, skeptische (historisch-relativistische). Statt des Erkenntnis- und des Wertproblems das Formproblem als Schwerpunkt. Erweiterung der historischen Morphologie zu einer universellen Symbolik.
Entstehung des Buches. Anlaß. Inhalt. Ordnung.
Tafeln zur vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte 73
I. Kapitel: Vom Sinn der Zahlen 75
Grundbegriffe. +Richtung und Ausdehnung: chronologische und mathematische Zahl.+ Die Zahl als Prinzip der Grenzsetzung. Keine „Zahl an sich“. Mehrere Mathematiken. Kants Begriff des a priori. Die Form des Erkennens weder konstant noch allgemeingültig: eine Funktion der jeweiligen Kultur. Stile des Erkennens. Innere Verwandtschaft jeder Mathematik mit der Formensprache der gleichzeitigen Künste: euklidische Geometrie und Statuenplastik, Analysis und Kontrapunkt.
+Die antike Zahl als Größe (Maß).+ Körperliche, nicht räumliche Ausgedehntheit. Fehlen irrationaler und negativer Zahlen. Weltsystem des Aristarch. Mathematik und Religion. Zahl und Tod. Diophant und die arabische Zahl (Algebra). Descartes und die Analysis des Unendlichen. +Die abendländische Zahl als Funktion.+ Die Geschichte der abendländischen Mathematik eine fortschreitende Emanzipation vom Größenbegriff. Das Irrationale antihellenisch.
Weltangst und Weltsehnsucht. Ursprung der mathematischen, religiösen, künstlerischen Formensprache: Ausdruck der Angst vor dem Unbekannten.
Geometrie und Arithmetik (Messung und Zählung) veraltete Namen. +Die Quadratur des Kreises das klassische antike Grenzproblem.+ Die Mathematik des Kleinen (der antike Staat). Konstruktion und Operation. +Das klassische abendländische Grenzproblem: der Grenzwert der Infinitesimalrechnung+ (Beziehung zum Barockstil). Überschreitung der Grenze des Sehsinnes durch die Analysis. Das antike Parallelenaxiom und die nichteuklidischen Geometrien. Mehrdimensionale Räume (Punktmannigfaltigkeiten). Letzte Fassung des faustischen Zahlendenkens: Transformations- und Invariantenlehre. Erschöpfung der formalen Möglichkeiten und Ende der westeuropäischen Mathematik.
II. Kapitel: Das Problem der Weltgeschichte 133
I. Physiognomik und Systematik 135
Notwendigkeit einer neuen historischen Methode. Ausschaltung der Ideale und Moralen als Wertmesser der Entwicklung. +Geschichte und Natur = Gestalt und Gesetz = Richtung und Ausdehnung.+ Physiognomik und Systematik als die beiden Arten morphologischer Weltbetrachtung.
+Was ist eine Kultur?+ Aufbau der höheren Geschichte. Goethes Urphänomen. Tempo, Lebensdauer, Stil, Tod hoher Kulturen. Wiederholung des Kulturganges im zugehörigen Einzeldasein. Begriff der Homologie von Epochen. Gleichartiger Bau aller Kulturen. Möglichkeit morphologischer Vorausbestimmung und Rekonstruktion historischer Perioden.
II. Schicksalsidee und Kausalitätsprinzip 164
Zwei Formen kosmischer Notwendigkeit: +organische und anorganische Logik = Schicksal und Kausalität+ (Lebensgefühl und Erkenntnisform). Beziehung zu Weltsehnsucht und Weltangst. Die kausale Weltform als Versuch des Verstandes, das Schicksal zu überwinden. Schicksal als Daseinsart des Urphänomens.
+Das Zeitproblem.+ Mißverständnisse der Systematiker: „Zeit und Raum“. +Zeit (Nichtumkehrbarkeit) als Schicksal.+ Zeit kein Begriff, wissenschaftlich nicht zugänglich. Raumrechnung und Zeitrechnung (das Was und das Wann): die naturhafte und die historische Weltfrage. Mathematik und Chronologie.
Zeit, Schicksal und Tragödie. Euklidische und analytische Tragik (Situations- und Entwicklungstragik). +Jede Kultur eine eigne Schicksalsidee.+ Grenzen der Möglichkeit, die „Weltgeschichte der andern“ zu verstehen. Die großen Zeitsymbole als einzige Hilfsmittel: Die Uhr. Bestattungsformen. Kalender. Erotik. +Staatsform und Zeitgefühl+: der antike, ägyptische und abendländische Staatsgedanke. Stoizismus und Sozialismus: Beziehung zu Plastik und Musik.
Schicksal und Zufall. Kausalität und Prädestination. Tragik des Zufälligen (Shakespeare). Tyche und der Stil des antiken Daseins. Astrologie und Orakel. Die antike Schicksalstragödie. Logik der Geschichte: Kolumbus und das spanische Jahrhundert. „Epoche“ und „Episode“. Anonyme und persönliche Form der Geschichte. Das Schicksal Napoleons. Luther.
Gibt es eine wirkliche Geschichtswissenschaft? Verwechslung physikalisch-kausaler und historisch-physiognomischer Methoden. Geschichte als „Prozeß“. „Hunger und Liebe.“ Das soziale Drama als Seitenstück zur materialistischen Geschichtsauffassung. Mangel an Skepsis. Letzte Aufgaben.
III. Kapitel: Makrokosmos 221
I. Die Symbolik des Weltbildes und das Raumproblem 223
Was ist ein Symbol? Idee des Makrokosmos. Die Welt als Inbegriff von Symbolen in bezug auf eine Seele. Jeder Mensch hat eine eigne Umwelt. Raum und Tod. „+Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.+“ +Das Raumproblem.+ Nur die Tiefe („dritte Dimension“) raumbildend. Kants Theorie. Unabhängigkeit der Mathematik von der Anschauung. Variabilität des Sehbildes. Mehrzahl möglicher Raumarten. +Raumtiefe = Richtung (Zeit).+ +Identität des Tiefenerlebnisses mit dem Erwachen des Innenlebens.+ Idealtypus der Ausdehnung: jede Kultur besitzt ein eignes Ursymbol. Das abendländische Ursymbol: der +unendliche Raum+. Kants Problem für die Griechen gar nicht vorhanden. Der Parallelensatz Euklids und die Vielzahl der Raumstrukturen in der westeuropäischen Mathematik. Das antike Ursymbol: +der stoffliche Einzelkörper+.
II. Apollinische, faustische, magische Seele 254
Olymp und Walhall. Magisches und faustisches Christentum. Der antike Polytheismus (Gott als Körper) und der abendländische Monotheismus (Gott als Raum). Das ägyptische Ursymbol +der Weg+. Sinn der Pyramidenarchitektur.
Doppelsinn der Kunst: +Imitation und Symbolik+ (Weltsehnsucht und Weltangst). Jede Frühkunst Architektur: Stein und Ursymbol. Staatsform und Architekturform; Ausdruck des Willens, der Sorge, der Dauer. Hohenstaufen und Pharaonen. Außenarchitektur und Innenräume. +Das Problem des Stils.+ Einheit und Lebensdauer innerhalb einer Kultur. Der ägyptische Stil als Musterbeispiel einer Stilgeschichte. Koinzidenz seiner Phasen mit denen des abendländischen Stils. +Stileinheit von der Romantik bis zum Empire.+ Verlagerung des Schwerpunkts der Stilbildung von der frühen Architektur in eine der bildenden Künste. Dorik und Ionik, Gotik und Barock als Jugend- und Altersphase desselben Stils. Aufgabe der Kunstwissenschaft: vergleichende Biographien der großen Stile. Psychologie der Kunsttechnik. Der wahre Umfang der arabischen Kunst: die altchristlich-„spätantike“ Kunst als Frühzeit, die islamische als Spätzeit. Mosaikmalerei, Arabeske. Verbindung von Rundbogen und Säule arabische Motive.
IV. Kapitel: Musik und Plastik 295
I. Die bildenden Künste 297
Unmöglichkeit einer Einteilung der Künste nach stationären technischen Prinzipien. +Musik eine bildende Kunst.+ Auswahl der innerhalb einer Kultur möglichen Künste. Tendenz aller antiken Künste zur Rundplastik (650-350). Beziehung zur euklidischen Geometrie. Die Freskomalerei als Vorstufe. Dementsprechend 1500 bis 1800 Ausbildung der Instrumentalmusik. Kontrapunkt und Analysis: Sieg der Musik über Malerei und Baukunst: Rokoko.
Charakter der Renaissance als +antigotischer+ (+antimusikalischer+) Bewegung. Fresko und Statue in Florenz vom gotischen Formgefühl bestimmt (Bildraum). Linear- und Luftperspektive. Der Park. Die historische Landschaft.
+Symbolik der Farben.+ Farben der Nähe und Ferne. Das hellenische Vierfarbenfresko. Blau und Grün Raumfarben. Behandlung des Bildhintergrundes: Verneinung im antiken Fresko, Goldgrund im Mosaik, Tiefenperspektive in der Ölmalerei. Der sichtbare Pinselstrich der Venezianer +als Ausdruck des historischen Gefühls+. Das Rembrandtbraun.
II. Akt und Porträt 351
Das antike und das abendländische Menschenideal: der Körper nach Grenzflächen oder physiognomisch behandelt. Köpfe antiker Statuen. Faustische Akte ein Widerspruch. Das Porträt in Florenz und Venedig. Michelangelo und das Ende der abendländischen Plastik. Lionardo frei von Renaissanceidealen; der Entdecker; Physiologie statt Anatomie. Raffaels sixtinische Madonna die letzte große Linie in der abendländischen Kunst.
+In jeder Kultur eine Gruppe großer Künste.+ In der faustischen die Instrumentalmusik, in der apollinischen die Aktplastik als Mitte. Gleichzeitigkeit der Ausbildung; identische Dauer. +Begriff des Impressionismus+: Physiognomik des Pinselstrichs. Parallele zur chinesischen Kunst: Park, Musik. Perspektive. +Das Freilichtproblem+; sein Gegensatz zum Impressionismus von Lionardo bis Rembrandt: Kultur und Zivilisation. Ausgang der westeuropäischen Malerei.
Mit Tristan und Parzifal die faustische Musik zu Ende. +Bayreuth und Pergamon+: Ende der antiken Skulptur. Unmöglichkeit einer organischen Fortentwicklung. Alexandrinismus. Letzte Stadien der ägyptischen und antiken Kunst.
V. Kapitel: Seelenbild und Lebensgefühl 403
I. Die Form der Seele 405
Unmöglichkeit einer Wissenschaft von der Seele. +Das Bild der Seele in jeder Kultur eine Funktion des Weltbildes.+ „Seelenkörper“ und „Seelenraum“ der antiken und abendländischen Psychologie. +Der „Wille“ als Repräsentant des historischen Gefühls.+ Der Wille zur Macht: seelische Dynamik. Wille und „Charakter“ (Porträt, Biographie). Antik die „Haltung“ (Statue). Apollinische und faustische Tragik: Attitüdendrama und Charakterdrama (anekdotisch und biographisch). Der Held als Dulder oder Täter. Der Begriff der Katharsis und der Stoizismus. Die drei Einheiten: Formideal der Statue. Tages- und Nachtkunst.
Popularität und Esoterik, Hingabe und Überwindung. „Kenner und Laie“ als Ausdruck der Distanzenergie. +Steigende Esoterik der westeuropäischen Geistigkeit.+ Verhältnis des Kunstwerkes zum Betrachter: arabische, chinesische, abendländische Malperspektive. Das astronomische Weltbild. Raumerweiternde Kraft des Fernrohrs. Segelschiffahrt. Kolumbus. Die Antike und die Umschiffung Afrikas. Antikes und nordisches Heimatgefühl. +Der apollinische und faustische Staatsgedanke.+ Zwei Arten von Kolonisation. Weltmachtpläne unantik.
II. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus 465
+„Du sollst“ die spezifisch faustische Form der Moral+ (Wille zur Macht, Tat, Raum). Antik die Interesselosigkeit an einer Umwandlung der Welt (Ataraxia). +Moral die unveränderliche Struktur des lebendigen Seins.+ Jede Kultur besitzt eine eigne und einzige Grundform. Beziehung zur Mathematik: „euklidische“ (Haltungs-) und „analytische“ (Willens-)ethik. Katharsis und Nirwana. Moralische Theorie und Praxis. Nicht Mitleids-, sondern „Herrenmoral“ faustisch: +praktische Dynamik+. Verhältnis von Ethik und Logik.
+Buddhismus+, +Stoizismus+, +Sozialismus+. Verwandlung von Kultur in Zivilisation. +Buddha, Sokrates, Rousseau die Wortführer anbrechender Zivilisationen.+ Tragische und Plebejermoral: Äschylus und die Stoa, Shakespeare und die Gegenwart. Der Kulturbegriff der Tat und der zivilisierte Begriff der +Arbeit+. „Rückkehr zur Natur“ in allen drei Fällen. Der ursprüngliche Buddhismus keine Religion, dem Christentum nicht verwandt. Kultur und Religion, Zivilisation und Irreligion. Buddhismus, Stoizismus, Sozialismus +formverwandte praktische Weltstimmungen+. Die metaphysisch-systematische und die sozialethische Periode jeder Philosophie (Indien, Antike, Abendland). Der Weltstadtmensch Objekt der neuen Denkweise. Rhetorik und Journalismus. Die buddhistische Agitation. Paulus gegen Bonifacius.
Zwei richtige Auffassungen des Sozialismus: +als Form der Zukunft und als Form des Niedergangs+. Der unbewußte Sozialismus. Alle Römer unbewußte Stoiker. Ausgang des Sozialismus von Kant: der kategorische Imperativ auf das Politische, Soziale, Wirtschaftliche angewandt. Das Recht auf Arbeit als faustisches Gegenstück des antiken „_panem et circenses_“. +Praktische Statik und Dynamik.+ Der Wille zur Zukunft und das „dritte Reich“ (Ibsen). Ursprung des abendländischen Bildes der Weltgeschichte: Altertum -- Mittelalter -- Neuzeit: Richtungsenergie.
Geschichte der Philosophie ein morphologisches Problem. +Kulturphilosophie und zivilisierte Philosophie.+ Die ethische Periode der „Philosophie ohne Mathematik“. Wachsende Bedeutungslosigkeit metaphysischer Fragen seit Aristoteles und Kant. +Der nationalökonomische Charakter der westeuropäischen Ethik+: die Schule Hegels. Schopenhauers System eine Antizipation des Darwinismus. Darwins Theorie nationalökonomischer Herkunft. Der Übermensch. Nietzsche und Shaw: die Züchtungsidee als letzte Konsequenz der ethischen Dynamik des „Du sollst“. Gang der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Letzte Möglichkeit: der historisch-psychologische Skeptizismus.
VI. Kapitel: Faustische und apollinische Naturerkenntnis 525
Das Ziel der Naturwissenschaft, reine Mechanik zu werden: eine Illusion. Jedes Naturgesetz Zahl und Bild. Alle Grundbegriffe der modernen Physik rein faustischer Natur. Jedes „Wissen“ von der Natur von einer voraufgegangenen Religion abhängig. +Die antike Physik Statik, die arabische Alchymie, die abendländische Dynamik.+ Alchymie und Chemie. Antike und westeuropäische Atomtheorie: Miniaturformen und Minimalquanta (Gestalteinheit und Wirkungseinheit). Stoizismus und Sozialismus der Atome; Beziehung zu politischen Formen.
+Das Bewegungsproblem Mittelpunkt jeder Physik.+ Seine Unlösbarkeit. Die Eleaten. Die Mechanik von Hertz. Der physikalische Begriff der Notwendigkeit. +Kausalität (Naturgesetz) eine spezifisch westeuropäische Fassung.+ Andre Möglichkeiten. Das Bedingte in unserm Begriff der Erfahrung.
Gottgefühl und Naturerkenntnis. „Kraft und Masse“ und der Barockstil. Die Bewegung Ausgangspunkt für Religion +und+ Physik. +Die Theorie als Mythus.+ „Stoff und Form“ -- „Kraft und Masse“: Gott als höchste Gestalt oder als höchste Kraft. +Entstehung des großen Mythus in der Frühzeit jeder Kultur.+ Der faustische Mythus 900-1200 entstanden: Identität katholischer, heidnisch-nordischer und ritterlich-epischer Vorstellungen. Der olympische Mythus und die Körpergeometrie. Apollinische und faustische Naturwesen: +beseelte Dinge+ (Nymphen) und +seelenerfüllte Räume+ (Elfen). Altrömische Gottheiten. Der Kaiserkult die letzte religiöse Schöpfung der Antike. Die spätantiken Kulte als magischer Monotheismus: Auflösung aller Gestalten in ein +Prinzip+.
Der Atheismus als Negation einer bestimmten Form von Religiosität. Das Christentum vom antiken Standpunkt atheistisch. Antike Intoleranz gegen Kultfrevel, abendländische gegen dogmatische Abweichungen (Scheiterhaufen, Guillotine), +Kultfreiheit und Gewissensfreiheit+.
+Die faustische Physik als Dogma von der Kraft.+ Der Kraftbegriff religiösen Ursprungs. Seine Entwicklung. Galileis Übergang von der Renaissancestatik zur Dynamik.
Die moderne Physik an der Grenze ihrer formalen Möglichkeiten. Steigende Zweifel an +allen+ Grundbegriffen. Bedeutung der Relativitätstheorie: +Zerstörung des newtonischen Weltbildes+. Die Entropielehre: Mit dem Phänomen der Nichtumkehrbarkeit der Kreisprozesse dringt ein historisches Motiv in das Naturbild. Dementsprechend Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung statt exakter Mathematik. Die Atomzerfallhypothese und die Schicksalsidee. +Die Entropie und der Mythus der Götterdämmerung.+
Ausgang der westeuropäischen Wissenschaft: Selbstvernichtung durch intellektuelle Verfeinerung. Wachsende Konvergenz von Physik, Chemie, Mathematik und Erkenntnistheorie. Endziel: Auflösung der gesamten wissenschaftlichen Substanz in einen Komplex von Funktionen. +Reine Morphologie mathematisch-logischer Erkenntnisformen.+ Rückkehr der Erkenntnis zum Ausgangspunkt: Skeptizismus.
EINLEITUNG
1
In diesem Buche wird zum ersten Male der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen ist, derjenigen Westeuropas, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.
Die Möglichkeit, eine Aufgabe von so ungeheurer Tragweite zu lösen, ist bis heute offenbar nicht ins Auge gefaßt und wenn dies der Fall war, die Mittel, sie zu behandeln, nicht erkannt oder in unzulänglicher Weise gehandhabt worden.
Gibt es eine Logik der Geschichte? Gibt es jenseits von allem Zufälligen und Unberechenbaren der singulären Ereignisse eine sozusagen metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären, geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist? Die diese Wirklichkeit geringeren Ranges vielmehr erst hervorruft? Erscheinen die großen Momente der Weltgeschichte dem verstehenden Auge vielleicht immer wieder in einer Gestalt, die Schlüsse zuläßt? Und wenn -- wo liegen die Grenzen derartiger Folgerungen? Ist es möglich, im Leben selbst -- denn menschliche Geschichte ist der Inbegriff von ungeheuren Lebensläufen, als deren Ich und Person schon der Sprachgebrauch unwillkürlich Individuen höherer Ordnung wie „die Antike“, „die chinesische Kultur“ oder „die moderne Zivilisation“ denkend und handelnd einführt -- die Stufen aufzufinden, die durchschritten werden müssen und in einer Ordnung, die keine Ausnahme zuläßt? Haben die für alles Organische grundlegenden Begriffe Geburt, Tod, Jugend, Alter, Lebensdauer in diesem Kreise vielleicht einen strengen Sinn, den noch niemand erschlossen hat? Liegen, kurz gesagt, allem Historischen allgemeine biographische Urformen zugrunde?
Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Unterganges der Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das, in seiner ganzen Schwere begriffen, alle großen Fragen des Seins in sich schließt.