Der Untergang der Deutschen Juden: Eine Volkswirtschaftliche Studie

v. Rhyn, ein gewiß unvoreingenommener Historiker:

Chapter 117,445 wordsPublic domain

„Dieser von religiöser Beschränktheit freie und mit den grössten Verdiensten um die Kultur begabte grosse Herrscher sah in den Juden, welche bereits den Welthandel in der Hand hatten, nicht zu unterschätzende finanzielle Stützen seiner Macht. Er liess gebildete Juden aus Italien nach Deutschland kommen, die Kalonymos aus Lucca, um auf ihre roheren dort lebenden Glaubensgenossen günstig einzuwirken. Gewiss lebten damals schon seit langem Juden in Deutschland, wenn auch verschiedene Angaben über ihre vorchristliche Einwanderung zu dem Zwecke erfunden sind, um nachzuweisen, dass sie an der Hinrichtung Jesu unschuldig wären und um sie hierdurch gegen Verfolgungen zu schützen!”

Karl der Große, der einen jüdischen Leibarzt hatte, (Zedekias,) räumte den Juden gleiche Rechte mit den Christen ein, ebenso wie sein Sohn Ludwig, dessen Liebling, der Geistliche Bodo, zum Judentum übertrat (ein Beweis, daß das Judentum nicht gering geschätzt wurde). Erst der Uebertritt des Kaplans Wecelinus zum Judentum am Anfang des XI. Jahrhunderts und dessen Angriff auf das Christentum brachten Kaiser Heinrich II., der mehr Mönch als Monarch war, in das Lager der sich mehrenden Judengegner und inhibierten das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen. Hatten diese nach der Historia Francorum noch im Jahre 585 in Orleans dem König in hebräischer Sprache Huldigungslieder gesungen, so treffen wir zum Ausgang dieser Periode jüdische Minnesänger in deutscher Sprache, deren bekanntester Jud Süßkind von Trimberg gewesen sein mochte, von dem uns die Münchener Staatsbibliothek Lieder aufbewahrte. Der Regensburger Jude Liwa unternahm im 13. Jahrhundert die Uebersetzung der Geschichte des König David.

Verschiedene erlassene Gesetze und Aufzeichnungen versuchen die Vermischung mit der übrigen Bevölkerung aufzuhalten und beweisen diese Epoche als Zeit der Assimilation, die durch die Kreuzzüge unterbrochen wird. In ihrer Folge führen die absolute Abschließung der Juden in eigene Stadtbezirke, (in die „Ghetti”), die besondere Bekleidung (der Judenhut und der gelbe Judenfleck) und andere Maßregeln eine scharfe Absonderung der Juden kulturell, beruflich und territorial herbei. Die Hauptmasse der Juden aus Deutschland wurde nach Polen abgedrängt, wo sie die deutsche Mundart, die sie aus dem Rheinland mit sich nahmen, zum Jüdisch-Deutsch entwickelten. Bevölkerungspolitisch interessant ist die Bemerkung eines Berichterstatters (zitiert bei J. $Elbogen$, Bevölkerungspolitik im alten Judentum, Gemeindeblatt d. J. Gem. Berlin, 12. März 1920,) daß es damals in Polen keine armen unverheirateten Mädchen unter 18 Jahren gab. In Deutschland wird es ähnlich gewesen sein. Die von hier zurücksickernden Elemente verstärkten die in Deutschland von Ort zu Ort vertriebenen Juden und gaben ihnen das Jüdisch-Deutsch, das wir als die Sprache der deutschen Judengemeinden von ca. 1400-1800 antreffen. Die Memoiren des Ascher Levy und der Glückel von Hameln, die jüdischen Privatbriefe aus den Jahren 1619 u. a. beleuchten die Verhältnisse jener Zeiten.

Die deutsche Judenheit wurde mit wenig Ausnahmen bis an das Ende des 18. Jahrhunderts von der jüdischen Kultur beherrscht. Sie ging auf im Studium hebräischer Schriftwerke und nahm den stärksten Anteil an allen Ideen und Vorgängen des Lebens des jüdischen Volkes. Die Hoffnung auf den Messias, die insbesondere in den Zeiten nach dem Friedenschluß zu Münster die Juden erschütterte, hat sie noch lange Zeit später (siehe auch Jakob Wassermanns Juden von Zirndorf) aufs lebhafteste erregt. Wirtschaftlich befaßten sich die Juden ausschließlich mit dem Handel. Im eigenen Kreis richteten sie sich nach ihren eigenen Gesetzen. Der Schulchan-Aruch, das bürgerliche Gesetzbuch der Juden, hatte über alle seine Macht und wer Mitglied der Gemeinde sein wollte, mußte auch sein privates Leben dem jüdischen Gesetz anpassen. Die Macht ihrer religiösen Gemeinschaft und ihrer Organisation war eine so straffe, daß sich Absplitternde nur schwer im Leben zurecht fanden. Der persönliche Zusammenhang, der kleine Spielraum, den das Ghetto ließ, förderte den Einfluß aller Vorstellungen, aller Volkssitten und Gebräuche. Es darf uns daher nicht verwundern, daß alle religiösen Forderungen bei der seelischen Primitivität, insbesondere des Sexuallebens ein überaus ursprüngliches und naturwüchsiges Darin-Aufgehen fanden, so daß gleich beim Eintritt der ersten Reife Knaben mit kindlichen Mädchen verheiratet wurden. Dem Ablauf der Fruchtbarkeit fiel niemand in den Arm und diese möglichst starke Vermehrung war gewissermaßen eine Notwendigkeit. Die ständigen Massakers und die Volkstaufen, die Ghettoluft mit ihren Miasmen, mit den häufigen Todesfällen an Typhus, Fleckfieber, an Pocken, Pest, Cholera, an Influenza und an anderen Infektionskrankheiten verlangten eine möglichst starke Vermehrung, da nur durch diese die Erhaltung der Art gewährleistet werden konnte. Die Ziffern $Hanauer's$ über die Sterblichkeit der Frankfurter Juden, erschienen mir früher unwahrscheinlich groß. Sie sind aber durch die unsäglich ungesunden, unhygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Stadt erklärlich, von denen unter anderem $Gottstein$ nachwies, daß die Bevölkerung der Städte in wenigen Generationen ausstarb und daß die Existenz einer Einwohnerschaft nur durch den Zuzug vom Lande gesichert wurde. Dementsprechend ist es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl der Juden in der ganzen Welt zum Ausgang des Mittelalters mit nur einer halben Million veranschlagt, während sie heute mit ungefähr 14 Millionen gemessen wird.[7]

Das Ende des 18. Jahrhunderts stand wesentlich unter dem Einfluß der französischen Philosophen und Staatsräte, unter den Maßnahmen der aufgeklärten Fürsten, Friedrich II. und Joseph II., und der Gedankenwelt eines Lessing und Schillers.

Insbesondere wurde durch die Erschütterungen der französischen Revolution in den Beziehungen der Menschen zu einander eine ungeahnte Umwälzung hervorgebracht, die die starken Scheidewände zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung niederriß. Mendelssohn und seine Nachfolger drängten die ausschließliche Beschäftigung der Juden mit ihrer Nationalliteratur zurück, bekämpften die Erhaltung der eigenen Mundart und sorgten für die Eingliederung der Juden in alle deutsche Kulturkreise. Die Zeit der deutschen Erneuerung unter Stein und Hardenberg, die französische Verwaltung in Westdeutschland wie die Freiheitskriege, bedingten eine politische Befreiung des jüdischen Elementes. Aber erst die Revolution von 1848 und letztmalig die Reformen der 60er Jahre verhießen den Juden offiziell alle Rechte, wenn auch viele nur auf dem Papier standen. Gleichwohl, der deutsche Jude fand Wege zum Eintritt in die Oeffentlichkeit, in die Umgebung. Die ausschließlich jüdischen Interessensphären wurden gesprengt. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ideen der Umwelt lockten den Juden zur Anteilnahme. Die jüdische Nationalität erfuhr mit ihrer ausgeprägten völkischen Religionsverfassung eine Umänderung zu einer Religionsgemeinschaft. An die Stelle bindender Gesetze traten verstandesmäßig gehaltene, allgemeine ethische Prinzipien. Eine nie gekannte Verwirrung über das Wesen der jüdischen Religion setzte ein. Hundertfach schillerte die jüdische Religion. Sabbathheiligung, Speisegesetze, viele der Feste und Feiern verloren an Glanz und Macht über die Seelen des Volkes. Und auch die Richtlinien der Theologen, Rabbiner und Vorkämpfer eines liberalen Judentums konnten den religiösen Bau nicht neu verankern. Als $Gemeingut$ aller, als bindendes Band blieb eine an fast keine Form gebundene Weltanschauung, eine theistische Ueberzeugung, wie wir sie bei ganz liberalen Christen und in Kreisen der ethischen Kultur finden. Gegen diese rationalistischen Juden traten die gesetzestreuen immer mehr in den Hintergrund. Wohl erzeugte der in den 80er Jahren einsetzende Antisemitismus einen neuen Zusammenschluß vieler freisinnigen Elemente. Er ist der Vater fast aller modernen jüdischen Organisationen und verhalf letzten Endes der national-jüdischen Bewegung zur Blüte. Außerdem belebten die Eigenheit der jüdischen Namen und die religiöse Katasterbildung, wie sie der deutsche Staat bis vor kurzem liebte, die Erinnerung an das Vaterhaus und die alten Sitten! Die aktivierenden Kräfte, welche das Fortbestehen der jüdischen Eigenart förderten, beruhen hauptsächlich in:

1. Der Tatsache eines unterschiedlichen Typus, welche das Aufgehen der Juden rein körperlich in ihrer Umgebung erschwert.

2. Der Erziehung in der Ideenwelt der jüdischen Religion, die Heranwachsende mit den Gefühlen der Beharrung ausfüllte.

3. In der Einwirkung des Elternhauses und der Literaturerzeugnisse, welche eine gewisse historische Kenntnis und eine seelische Gebundenheit ans Judentum verursacht; endlich des Einflusses der Organisationen, welche die Individuen und die Vereine an die Gemeinschaft ketten.

4. In den Ausstrahlungen des familiären Zusammenhanges, der aus der Inzucht entspringt, die es als selbstverständlich erscheinen läßt, daß Ehen nur unter den Söhnen und Töchtern Israels geschlossen werden.

Die Entkleidung der jüdischen Religion von vielem ihrer Eigenart, die Aufgabe der jüdischen Schulen, das Eindrängen in andere Kreise sind unbewußte Empfindungen und Tendenzen, welche das Assimilationsbegehren stärken. Anderseits führt Beharrungsgefühl, religiös und nationales Empfinden zum Judentum zurück. Dieser Kampf um die Erhaltung der Eigenart drückt der deutschen Judenheit den Stempel auf, er läßt sich in nuce in vielen der Geschehnisse als die eigentliche Triebfeder erweisen; oft nur erahnen.

Die Abkehr von dem naiven Typus des Judentums, vom religiös verankerten Volkstum[8] zu einer losen Glaubensgemeinschaft, die ihre nationalen Wünsche und Interessen nicht mehr in der eigenen Mitte zu finden und zu lösen wünscht, hat die Judenheit Deutschlands in eine neue Situation gebracht. Die deutschen Juden unterstehen in ihrer Majorität nicht mehr den alten Sexual- und Lebensgesetzen des Judentums, sondern den Einflüssen, welche die allgemeinen Verhältnisse Deutschlands bedingen, vermehrt oder vermindert durch retardierende jüdische Momente. Unter diesen Gesichtspunkten ist auch ihre Entwicklung zu betrachten. --

KAPITEL III.

DIE BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IM REICH.

Preußen einverleibte sich bekanntlich polnische Gebietsteile zum Ausgang des XVIII. Jahrhunderts und beschenkte sich dadurch selbst mit einer großen Zahl jüdischer Untertanen. Die Stimmung der Regierung war seit Jahrhunderten nicht gerade judenfreundlich[9]. Und einer der ersten Erlasse an die Juden der neuen Gebiete war die Ausweisungsordre an die unglücklichen jüdischen Bewohner des Netzedistriktes. Das Edikt wurde nicht inhibiert wegen seiner Brutalität, wonach alte Gemeinden mit einem Federstrich von den Usurpatoren einfach vernichtet und ihre Mitglieder in die Fremde gestoßen wurden, sondern aus dem einfachen Grund, weil sich aus ihrer Vertreibung zu starke wirtschaftliche Schädigungen ergeben hätten. Die durch das Gesetz beengte Freizügigkeit drängte die Juden im Osten sowohl wie in den kleinen Orten Süd- und Mitteldeutschlands zusammen und veranlaßte einen Teil des Ueberschusses zur Auswanderung. Die Angleichung der wohlhabenden Kreise an das deutsche Kulturleben, der immer stärker werdende liberale und demokratische Gedanke förderten schließlich ihre volle Emanzipation. Mühselige Kämpfe, die in der friederizianischen und napoleonischen Zeit begonnen, hatten sie in der Mitte der 60 er Jahre so weit gefördert, daß alle negativen Bestimmungen, alle Ausnahmegesetze, alle Beschränkungen fielen. Gewisse Vorteile, die mit dem Militärdienst, mit öffentlichen Aemtern und Würden verknüpft waren, blieben den Juden, abgesehen von Ausnahmefällen, vorenthalten. Neben der Emanzipation veranlaßte ein inneres Moment die Umgruppierung der Juden. Im Zeitalter der Postkutsche konnte der Handel in kleinen Orten fast ebenso florieren wie in den damals auch nicht überragenden Hauptstädten. Die neuen Schienenwege schufen Industrie- und Handelszentren, die nicht nur neue Möglichkeiten erschlossen, sondern auch die alten Betriebe in den abseits von den Verkehrspunkten gelegenen Orten zur Uebersiedelung in die aufblühenden Großstädte zwangen, die die sich zusammenballenden Massen in den Dörfern und Märkten und das von der starken Fruchtbarkeit gelieferte Heer Jugendlicher die Städte überfluten ließ. Daher resultierte die plötzliche Einwanderung in die Großstädte und stärkte die judenfeindliche Stimmung. Der Antisemitismus der 80er Jahre ist wohl die politische Reaktion auf die Herrschaft des Liberalismus, der auf die Dauer mit dem Bismarckschen Junkertum nicht harmonieren konnte, auf die soziale Not, die durch den mangelhaften Schutz des wirtschaftlich Schwächeren, bei den nichtjüdischen Massen viel stärker in Erscheinung trat und von den Juden, die sich des Kapitals zu bemächtigen schienen, herzurühren gedeutet wurde. Der fleißige, auffassungsfähige Jude kam wirtschaftlich empor. Trotz des starken Zuzuges nichtjüdischer Kreise in die Hauptstädte, trotz der Abwanderung der Juden ins Ausland, nimmt bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts der städtische und großstädtische Anteil der Juden gewaltig zu und führt zur „Verjudung” der Städte. Ihre intensive Betätigung im Wirtschaftsleben besonders im Zwischenhandel, ihre Beweglichkeit, ihr starker Individualismus, ihr Bildungsstreben und ähnliche Eigenschaften ließen sie als noch mehr erscheinen, als sie wirklich waren.

In jener Zeit trat die Verjudung einzelner Erwerbszweige hervor. Der Viehhandel war eine alte jüdische Domäne, auch das Warengeschäft. Im Getreidevertrieb dominierte lange schon die jüdische Note, ebenso im Ledergeschäft. Es entstehen in jener Zeit industrielle Unternehmen, die die Schuhfabrikation, die Konfektion, die chemische Industrie in Deutschland groß machen. Juden beherrschen die Börse und das Bankwesen, monopolisieren die Anwaltschaft, z. T. die Presse, die großstädtische Aerzteschaft, die Theater, das Verlagswesen und vieles andere. Immer neue Enklaven sucht die erfinderische Zeit aufzutun: jüdischer Einfluß amerikanisiert das Kaufmannswesen (Warenhaus), merkantilisiert Zweige der Industrie (A. E. G. -- Hapag) schafft die moderne Reklame (Mosse). In einem demnächst erscheinenden Werke „$Die Juden im deutschen Wirtschafts- und Kulturleben$” zeige ich die überragende Bedeutung dieses einen Prozent der deutschen Bevölkerung.

Nebenbei geht bis in die 80er Jahre eine beträchtliche Auswanderungsbewegung, die deutsche Juden in Frankreich, England und Amerika zu hoher Bedeutung bringt. Die Haute finance der ganzen Welt ist z. T. made in Germany. Die Rothschilds waren die Vorläufer, die Hirsch in Paris, Beit auf Speyer, Speyer-Ellisen, Löb, Kuhn, Warburg, Schiff, Strauß, Sachs, Guggenheim, Marschall in Wallstreet in New York haben u. a. das Aufblühen Amerikas, wie auch $Sombart$ in seinem Werke „Die Juden und das Wirtschaftsleben” anerkennt, mit bewirkt. Jüdische Wissenschaftler und Künstler hat die ganze Welt aus Deutschland bezogen. Weit über die Grenzen des deutschen Landes hinaus, machten sich die Folgen der uneingeschränkten Fruchtbarkeit geltend.

Das ist nun anders geworden.

Der Geburtenrückgang der deutschen Juden hat die Auswanderung immer mehr eingeschränkt. Segall hat die Auswanderung in der Zeitschrift f. Dem. u. Stat. d. J. Bd. 5, S. 58, und Bd. 8, S. 164 der letzten Jahre beziffert. $Dr. Wlad. W. Kaplun-Kogan$, der ein erster Kenner des jüdischen Wanderungsproblems ist, spricht von „Wanderungen, die wirkungslos sind unter den großen Gesichtspunkten. Daß im Laufe der letzten 34 Jahre 10000 Juden aus Deutschland nach Amerika eingewandert sind, hat auf die Lage der deutschen Judenheit und der deutschen Volkswirtschaft gar keinen wesentlichen Einfluß ausgeübt.”

Die Entwicklung der Judenheit im ganzen deutschen Reich kann erst von 1871 ab übersehen werden, da wir erst seit dieser Zeit eine Reichsstatistik besitzen.

Es betrug die Zahl der Juden in Deutschland:

1871 1880 1890 1900 1905 1910 512153 561612 567884 586833 607802 615021

Bei den deutschen Juden war die Zunahme also:

In den 70er Jahren ca. 50000 „ „ 80er „ „ 6000 „ „ 90er „ „ 20000 1900 bis 1910 „ 30000

Jedem, der eine Statistik zu lesen vermag, fällt die geringe Zunahme in den 80er Jahren und die plötzliche Zunahme in den 90er Jahren und gar die noch stärkere von 1900 auf 1910 auf. Leider besitzen wir keine umfassende Ermittlung der jüdischen Einwanderung in ganz Deutschland, sondern nur einzelne Ziffern für die Gebiete Hamburg, Sachsen, Hessen, Berlin usw. Danach geht ganz klar hervor, daß die Einwanderung 1900-1910 bestimmt über 30000 Juden betrug, nach allen Berechnungen ca. 40000-50000, so daß die Zunahme selbst unter Berücksichtigung der Abwanderung keine eigentliche Volksvermehrung bedeutet, sondern einem zufälligen äußeren Zuwachsgewinn aus dem Osten entspricht. Proportionell sinkt der Anteil der Juden erheblich. Wenn wir die Juden auf 1000 Deutsche berechnen, gab es ihrer (in 0/00):

1871 1880 1890 1900 1905 1910 1920 125 124 115 104 100 95 (92?)

Der Anteil der Juden ging somit unter der Gesamtbevölkerung in einem Menschenalter um 30% zurück. Der jüdische Einschlag wurde um über ein viertel zurückgedrängt (Judenfeinde müssen diese Ziffern mit Befriedigung lesen). $Sombart$ und andere Wirtschaftspolitiker glaubten letzthin auch ein deutliches Zurückweichen und eine sinkende Einwirkung der Juden im Wirtschaftsleben angezeigt zu finden. Ihre prominierende Stellung in einzelnen Wirtschaftsformen: im Bankwesen, im Textilfach, im Produktenhandel hat nicht nur durch die Angleichung an das übrige Wirtschaftsgetriebe zu einer Erschütterung geführt. Sie haben nicht mehr die ausreichende Zahl von Individuen, um neuökonomische Existenzmöglichkeiten zu erschließen und die alten Positionen sich zu erhalten. So ergibt der relative Rückgang der Juden im Reich bedeutsame Perspektiven. Ein deutliches Bild gewinnen wir durch Eingehen auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesstaaten.

In dem inzwischen abgetretenen $Elsaß-Lothringen$ gab es Juden (detailliertere Ziffern gab ich in allen diesen Fragen in meiner ersten Auflage dieses Buches):

1881 39278 = 2,5% 1911 30483 = 1,6%

Damit verlor Elsaß-Lothringen 8995 = 29% seiner Juden.

$Hessen$ hatte Juden:

1858 1905 1910 12630 24699 24063

Es wurden Ausländer 1910 ermittelt in Offenbach 1131, Darmstadt 512, Mainz 360. Die (1905) ermittelten 1787 ausländischen Juden erfuhren bis 1910 eine Zunahme von 715, so daß ohne ihren Zuzug ein doppelt so großer Verlust eingetreten wäre. Die ausländischen Juden, die 1905 noch 7,2% der Judenheit bildeten, waren in 5 Jahren schon 10%. Dabei hat Hessen viele kleine Landgemeinden, deren Fruchtbarkeit wir noch berühren werden. $Knöpfel$ schloß seine Betrachtung in den „Mitteilungen der gr. hess. Zentralstelle f. d. Landesstatistik”, Sondernr. 1910 mit den vorsichtigen Worten:

„Die jüdische Bevölkerung Hessens ist nicht wie die nichtjüdische im raschen Wachstum begriffen, liefert vielmehr das Bild der Stagnation. Ein Hauptzeichen besteht darin, dass sie kinderarm geworden sind.”

Das anschließende $Baden$, das 1890 noch 27278 Juden = 1,74% auf wies, hatte

1905 25893 Juden = 1,29% 1910 25896 „ = 1,21%

Leider veröffentlicht Baden keine Ziffer über den Zuzug fremder Juden. Stärker ist die Abnahme in $Württemberg$, wo die Juden in konstantem Rückgang

1880 13331 = 0,67% und 1910 11982 = 0,49% zählten,

und in $Mecklenburg-Schwerin$ mit

1880 2580 = 0,53% Juden 1910 1413 = 0,22% „

Selbst für dieses kleine Land weist $Max Grünfeld$ nach, daß ausländische Juden sich niederlassen und die Abnahme der Juden aufhalten (Zeitschrift f. Stat. u. D. d. J. 8. J. Heft 1). Von den 12 Gemeinden, die bis 1850 noch über 100 Juden aufwiesen, blieben nur zwei übrig, die allerdings die Hälfte der Juden an sich rissen (Rostock und Bütow), dafür wuchs die Zahl der Zwerggemeinden mit weniger als 26 Juden von 3 (1860) auf 31.

Seit 1880 verloren die Juden in einzelnen Kleinstaaten z. T. bis über 100 Prozent.

Es hatten Juden

1880 1910

$Anhalt$ 1752 1382 in % 0,93 0,42

$Sachsen- Meiningen$ 1627 1137 in % 0,86 0,41

$Oldenburg$ 1654 1525 in % 0,47 0,32

$Lippe$ 1030 780 in % 0,93 0,45

$Braunschweig$ 1824 1757 in % 0,39 0,36

$Lübeck$ 670 626 in % 0,69 0.54

$Bayern$ hatte 1840 bereits 59168 Juden, von denen viele durch die bedrückenden Ausnahmegesetze zur Auswanderung verurteilt waren. Bis Anno 1870 hatte sich ihre Zahl auf 50000 gemindert. Bis in die 90er Jahre steigt ihre Ziffer. In der neuesten Zeit (etwa seit dem Jahre 1900) geht die Bevölkerung wie ehedem in der Zeit der großen Auswanderung wieder zurück.

Ihre Ziffer betrug:

1840 1852 1871 1880 1900 1905 1910 59168 56168 50162 53526 54928 55341 55065

Ich habe überall Erkundigung über die Wanderung der bayrischen Juden angestellt. Insbesondere die Münchener, Nürnberger, Fürther, Würzburger Juden, die knapp die Hälfte der bayrischen ausmachen, sind recht seßhaft. Allerdings besteht unter den Landjuden eine beträchtliche Abwanderung, die aber hauptsächlich in nahe liegende Städte führt. Die Zahl der Amerikafahrer ist jetzt im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten zusammengeschrumpft. Dagegen ist das emporblühende Bayern eine Wanderetappe der Ostjuden geworden. Frau Dr. $Weiner-Odenheimer$ gibt in ihrem Buch „Die Berufe der Juden in Bayern” eine Auszählung der erwerbstätigen Juden in München, von denen unter 100 geboren waren (1907)

in Bayern 44 b) im übrigen Deutschland 26,5 c) im Ausland 29,5

Von der erwerbstätigen Bevölkerung im ganzen sind nur 5% im Ausland geboren gegenüber 29,5% bei den Juden! Die Tatsache der überragenden Einwanderung geht aus der Weinerschen Arbeit klar hervor. Sie gibt sich dann auch aus der eingehenden Statistik Bayerns zu erkennen. Es hatten Juden

1895 1910

Oberbayern 7411 11625 + 4214 Niederbayern 240 339 + 139 Mittelfranken 12291 14219 + 1928 Unterfranken 14157 11925 - 2232 Rheinpfalz 10423 8998 - 1425 Schwaben 4286 3462 - 826 Oberfranken 3516 2946 - 560 Oberpfalz 1451 1395 - 86

Die Zunahme betrifft also nur München, da es außerhalb dieser Stadt keine oberbayrischen Juden gibt und für Mittelfranken: Nürnberg. --

Während in Bayern das flache Land die umliegenden Städte mit reichlichem Nachwuchs versorgt und kleine Orte wiederum an die größeren Städte ihre Juden abgeben, ist $Hamburg$ ohne bedeutendes jüdisches Hinterland. Schleswig-Holstein ist selbst judenarm, ebenso wie das Elbgebiet. Wir treffen Juden in Hamburg:

1871 1880 1890 1900 1905 1910 13796 16024 17877 17945 19602 19472 4,1% 3,5% 2,9% 2,3% 2,2% 1,9%

Die Ziffern für 1905 und 1910 schließen 804 resp. 540 jüdische Auswanderer, die auf der „Veddel” (Hafen) lagen, ein. Diese müssen abgerechnet werden, so daß wir es mit 19000 Juden zu tun haben, von denen (1910) (siehe die Zusammenstellung von $Dora Weigert$ in der Zeitschr. f. St. u. D. 15. Jahrg.) 21,6% aus nichtdeutschen Ländern stammten (gegenüber 4,8% bei der übrigen Bevölkerung). Dora Weigert schreibt: „Es war selbst in den 80er Jahren zur Zeit der grauenhaften Judenbedrückungen von einer verstärkten russischen Einwanderung in Hamburg nichts zu merken. Der Staat hatte Maßnahmen getroffen, um die eintreffenden Flüchtlinge nach England und Amerika weiter zu befördern”. Trotz der neuesten starken ostjüdischen Einwanderung, trotz eines nicht unbeträchtlichen Zuzuges aus dem übrigen Deutschland erhält sich die jüdische Bevölkerung Hamburgs auf ihrer absoluten Höhe; im Verhältnis zum Wachstum der übrigen Bewohnerschaft ist sie aber um 100% zurückgegangen.

Aber ein Staat in Deutschland hat eine Entwicklung seines jüdischen Bevölkerungsmassivs erfahren: In Sachsen fand man Juden[10]

1871 1880 1890 1900 1910 3357 6518 9368 12416 17587 0,1% 0,2% 0,3% 0,3% 0,4%

Im Jahre 1900 wurden 5637 ausländische Juden und 1910: 10378 ermittelt. Ohne diesen Zuzug der Ostjuden gäbe es also auch keine eigene Zunahme. Wie die sächsischen jüdischen Gemeinden aussehen, erkennen wir aus Leipzig, das 1871: 731 Ostjuden und 1905: 4843 hatte, ferner Dresden (anno 1905) 1715 Ostjuden neben 1799 in Deutschland geborenen, von denen viele nur die Kinder der ersteren waren. Jetzt soll mehr als die Hälfte der sächsischen Juden auf die Einwanderung aus dem Osten zurückzuführen sein.

Die übrigen $Kleinstaaten$ haben eine nur unbeträchtliche jüdische Bevölkerung (z. B. Reuß ä. L. mit 54 Juden (1900) und 44 (1910)). Nur Bremen, das um 1900 in seiner jüdischen Bevölkerung stagnierte, bekam neuerdings (1910) einen Zuwachs von 400 Köpfen, wohl ein Wanderungsgewinn, der sich ähnlich wie in anderen Städten hauptsächlich auf ausländische Einwanderung resp. sogar Durchwanderung zurückführen lassen dürfte.

Trotz der Zuwanderung von Ostjuden, die für die süddeutschen Staaten auf 10-20% der einheimischen Bevölkerung und mehr betragen, entstand eine deutliche Stagnation resp. ein auffallender Rückgang des jüdischen Anteils.

Die süddeutschen Staaten, die zusammen 1880: 160159 zählten, wiesen 1910 nur noch 147489 auf.

In den mitteldeutschen Kleinstaaten sind analoge Verhältnisse.

Die Juden der Hansastädte, deren allgemeine Bevölkerung sich seit 1880 durchschnittlich verdoppelte, konnten sich nur durch den Einwanderungsgewinn der Ostjuden minimal entwickeln.

Die Zunahme der Juden in Sachsen ist durch die russische und österreichische Immigration erfolgt.

Somit ist abgesehen von Preußen ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung eingetreten resp. der Zuwachs durch die ausländische Wanderungsbewegung bedingt.

$DIE JUDEN IN PREUSSEN.$

Vor hundert Jahren (1816) hatte Preussen 123938 = 11,9 0/00 Juden, die sich trotz des starken Abströmens und keiner nennenswerten Einwanderung bis 1861 verdoppelt hatten und 251145 = 13,6 0/00 ausmachten. Nach der Einverleibung von Schleswig und der 1866 annektierten Gebiete treffen wir 1867: 313156 Juden, die in 45 Jahren um ein schwaches Drittel zunahmen, d. h. um 100000 Seelen, von denen 50000 in 13 Jahren bis 1880 gewonnen wurden und in den darauffolgenden 30 Jahren wiederum 50000. Es gab ihrer

1871: 325426 = 13,2 0/00 1880: 363790 = 13,3 0/00 1890: 372059 = 12,4 0/00 1900: 392372 = 11,4 0/00 1910: 415867 = 10,7 0/00

In dem Jahrzehnt 1871/80 betrug die Zunahme 38400 „ „ „ 1881/90 „ „ „ 8300 „ „ „ 1891/1900 „ „ „ 20300 „ „ „ 1901/10 „ „ „ 23500

Nach einem Rückgang in den 80er Jahren erfolgt wieder eine stärkere Bevölkerungszunahme in den nächsten Jahrzehnten. Leider besitzen wir nur eine unvollkommene Erfassung der Einwanderung. 1880 ermittelte die amtliche Untersuchung 11390 und 1905 38844 nichtdeutsche Israeliten. Berlin hat folgende drei Auszählungen veranstaltet:

Berlin ermittelte für seinen Stadtbezirk

1890 5077 ausländische Juden 1900 11651 „ „ 1905 18316 „ „ 1910 fehlt!

Mit Charlottenburg und den übrigen Vororten dürfte Groß-Berlin bereits 1905 ca. 23000 ausländische Juden beherbergt haben. Wenn nun Segall diese Einwanderung für eine vorübergehende Erscheinung nimmt, so entspricht das weder der ganzen Entwicklung, noch der Analogie in Sachsen etc., noch den inzwischen zur Geschichte gewordenen Tatsachen. Alle Kenner haben die Zunahme der Ostjuden bestätigt. Nachdem 1905 knapp 40000 ermittelt waren, werden es 1910 50-60000 gewesen sein, so daß der Zuwachs an preußischen Juden seit 1880 auf ihr Konto fällt; da von 1905 auf 1910 eine Zunahme von insgesamt nur 6366 jüdischen Seelen in Preußen gezählt wurde, ist dieser Ueberschuß wohl fraglos allein von dem Zuzug der Ostjuden getragen. Ohne den Andrang vom Ausland hätte die Volkszählung von 1910 auch für Preußen eine Abnahme an Juden ergeben.

$Segall$ läßt die Ostjuden nur in dem Pogromjahre 1904 vorübergehend nach Berlin flüchten. Das ist unrichtig. Die Industriebezirke in Oberschlesien und Rheinland, die Grenzorte wie Königsberg, Großstädte und zwar Frankfurt, Hannover, Breslau etc., haben seit 20 Jahren ständigen ausländischen Zuzug bekommen. Ein Zuzug, der in der Million Ausländer, im Deutschen Reich (anno 1910) an sich nicht gewaltig ist, bei der mangelhaften Fruchtbarkeit der deutschen Juden doch für diese ins Gewicht fällt.[11]

Der Centralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gab eine Schrift „Die Juden im Heere” von Dr. W. Leiser heraus, in der die ausländischen Juden auf mindestens 70000 zu Beginn des Krieges geschätzt wurden. Nach den preußischen Ermittlungen, die 1880 10000 ausländische Juden in Preußen ergaben, können damals noch keine 20000 in Deutschland gewesen sein. $Auch darnach ist der Zuwachs der deutschen Juden seit dem Jahre 1880 auf die Ostjüdische Einwanderung zurückzuführen$.

Bereits W. Bambus hat in einem Artikel, der mir erst jetzt in die Hände fiel (Nr. 5 jüd. Presse von 1902), berechnet, daß die Volkszählung mehr Seelen ergab, als der Ueberschuß der Geborenen über die Ausscheidenden betrug. Und er spricht in dem Artikel, den er bezeichnungsweise „Warnende Zeichen” nannte:

„Eine ernste Prüfung dieser Frage, bei der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, wäre wahrhaftig des Schweisses der Edlen wert und verdienstlicher als manche Geistesarbeit unserer Gelehrten, auf welche Zeit und Mühe ohne Nutzen für die Gesamtheit verschwendet wird. Caveant consules!”

KAPITEL IV.

$DAS WANDERUNGSPROBLEM$.

_„Es ist klar, dass in dem beständigen Wechsel, dem die Judenschaft ausgesetzt war, nicht die behaglich bodenständigen, sondern die rastlos nomadialen Elemente diejenigen waren, die sich am widerstandsfähigsten erhielten, und darum überlebten.”_

_Werner Sombart._

Die deutsche Judenheit saß vor einem Jahrhundert in einer Unzahl kleiner, aber in sich geschlossener Judengemeinden des Elsaß, in Unterfranken, im Schwabenländchen und am gesegneten Rhein. Wir trafen Judendörfer in den drei Hessen; sporadisch finden wir jüdische Siedelungen in Thüringen, Westfalen, im Hannoverschen und insbesondere im Badischen. Die Stärke dieser Gemeinschaften trat zurück gegen die Bedeutung der Kolonien in der Ostmark, aus der immer wieder neue Ströme von jüdischen Menschen hervorbrachen, und seit Jahrhunderten die westlichen Gemeinden mit frischen jüdischen Impulsen versahen. Berlin, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts 3000 Juden aufwies, maß sich mit Kempen, Lissa u. a. jüdischen Gemeinden. Die Assimilation in Berlin war solange von sekundärer Bedeutung, als es hundert andere große Gemeinden gab, in denen man von der Assimilation kaum den Namen kannte. Die Kleinstadt, in der die jüdische Bevölkerung dominierte, war für die Juden von dreierlei Bedeutung:

1. Sie bot eine gleichmäßige soziale Verteilung auf verschiedene Berufe.

2. Die Nähe der Natur und das einfache Leben brachten hygienisch bessere Verhältnisse mit als das aufreibende Milieu der Großstadt.

3. Vom $jüdischen$ Gesichtspunkt. Hier entfaltete sich ein ausgesprochenes jüdisches Leben. Hier wurden die Sabbathe gehalten, die Feste bildeten den Kulminationspunkt des Jahres, die Lebenshaltung war eine selbstverständlich rituelle. Taufen, Mischehen waren ebensolche Unmöglichkeiten, als sie in der Großstadt Selbstverständlichkeiten geworden sind.

Wie stark die Judenheit im Osten an kleinen Orten gewesen ist, läßt ein Vergleich beobachten. Es waren

in 1817 1905

insges. in % in % Juden Einw. d. B. Juden d. B.

1) Fordon[12] 1290 1972 65,4 181 6,5 2) Kempen[13] 2406 4588 52,4 739 11,5 3) Schwersenz 1091 1974 55,5 208 6,6 4) Cchodziesen 906 1706 51,5 300 4,7 5) Zempelbg. 1160 2304 50,7 393 20,3 6) Wreschen 1210 2414 50,1 386 6,6 7) Märkisch Friedland 1151 2301 50 200 9,4 8) Hohensalza 1784 3804 46,9 1157 5 9) Grätz 1455 2983 48,8 250 4,4 10) Lissa 3644 7934 46 196?? 6,2 11) Filehne 1231 2788 44,2 378 12) Zülz 1050 2433 43,3 8 0,3 13) Kurnick 774 1809 42,8 108 4,3

Erst die Ziffern des Jahres 1920 werden die volle Umgruppierung der Juden ergeben, wie sie das Beispiel des Ortes Zülz angibt. Auch ohne die Abtretung der Posenschen Provinzen an Polen wäre das ursprünglich unerschöpfliche Reservoir der deutschen Juden zum Versiegen gekommen. Noch im Jahre 1880 finden wir 100 000 Juden in den drei Ostprovinzen. 1910 gerade die Hälfte, sodaß ihr Anteil rasch verkümmert ist. Zwischen 1900 und 1910 verminderte sich z. B. die Judenheit in

Kempen um 320 Juden Lissa „ 359 „ Krotoschin „ 200 „ Samter „ 50 „

So rasch löste sich die preußische Ostjudenheit auf. Ihre ehemals gesunde gewerbliche Struktur beschreibt N. M. $Gelber$ an den westpreußischen Städten des XVIII. Jahrhunderts: „Durchschnittlich finden wir in den (s. Zeitschr. f. St. d. J. 9. Jahrg. Nr. 4) genannten Ortschaften 3-10 Brauereipächter, 2-6 Krämer, 1-10 Schneider, 1-3 Fleischer, 1-15 Kürschner, 1-4 Glaser, Barbiere usw. Es scheint, daß das jüdische Proletariat sehr stark vertreten war.”

Die Posener Kammer erfaßte Gewerbetreibende im

Jahre 1797 jüdisch christlich Schneider 923 676 Schlosser 238 638 Schankwirte und Brenner 81 1048 Barbiere 47 163 Musikanten 26 126 Bäcker 51 607

Ebenso stark waren die Juden unter den Goldschmieden, Buchbindern, Posamentieren, Mützenmachern, Knopfmachern und in anderen Gewerben vertreten. Der Einfluß der körperlichen Arbeit, das Leben in der kleinen Stadt und auf dem Dorfe brachte sie in persönlichen Konnex mit der Mutter Erde. Sowohl im Osten wie auch in Süddeutschland besaßen viele dörfische Juden Land. Mit der Abwanderung vom Land geht proportional ein Absinken der in der Landwirtschaft beschäftigten Juden vor sich. Die Verknüpfung der Juden mit dem Grund und Boden wurde gerade zu Beginn des XIX. Jahrhunderts stärker, als $ihnen$ der Ankauf gesetzlich gestattet wurde. Häufig bestellten Handwerker und Händler, die mit Vieh, Pferden, Getreide und mit Waren einen Teil ihres Lebensunterhaltes sich erwarben, ihren Hof und ihr Feld und gewannen ihren Eigenbedarf, ihr Brot und die Kartoffeln, Milch und Eier sich selbst. --

Berechnungen haben ergeben, daß der deutsche Osten 1/4 Million Juden auswandern ließ, von denen wir ungefähr allein 100000 in Berlin wiederfinden. Die Politik Deutschlands ist oft ohne Verstand gemacht worden. Es wurde aber wenigstens Politik -- wenn auch schlechte -- gemacht. Die Judenpolitik fara da sé. Was kümmerte irgend einen Minister das jüdische Ostmarkenproblem. Mochte das gesunde Volksleben der Juden in der Ostmark ersterben, die deutschen Interessen dabei einen empfindlichen Schlag erleiden: Haß macht blind. -- Für die Oeffentlichkeit und für die Gesamtheit der Juden selbst existierte keine jüdische Frage.

Vor vielen Jahren fand die Renegatin $Fanny Lewald$, die Vielgelesene, in ihrer Lebensgeschichte die beherzten Worte:

„In Frankreich und wohin die französische Herrschaft sich ausbreitete, waren die Juden emanzipiert. In Preussen lastete Unfreiheit und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, dass in jener Zeit sich in vielen Juden die Frage regte, ob Freiheit unter einem fremden Herrscher nicht der Knechtschaft unter einem heimischen Fürstenbauer vorzuziehen sei? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie gross die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen ist, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfen gegen Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder erobern zu helfen, welches ihnen keine Freiheit, wohl aber Kränkungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot.”

Trotzdem ergab die Zählung in der Provinz Posen

Juden mit deutscher polnischer Muttersprache

anno 1900 35011 176 1905 30036 70 1910 26444 22

Der Rückgang der Juden im Osten stellte somit einen Verlust für den deutschen Volksteil dar. $Swart$, einer der besten Kenner dieser Frage betont: „Die Juden haben in der Provinz Posen überall die deutsche Muttersprache und gehören kulturell und politisch zu den Deutschen ...” „Solange die Juden”, schrieb Leo $Wegener$, „einen großen Teil der städtischen Bevölkerung ausmachten, waren sie nicht nur in den Zweigen des Handels, sondern auch in denen des Handwerks zu finden und ließen kein polnisches Handwerk aufkommen”. $Bernhard$ unterstrich die Bedeutung des jüdischen Elements für die Loyalität der Ostprovinzen und spricht den Auswanderern einen proletarischen Charakter zu, da sie meist ein Handwerk erlernt hätten. An einer anderen Stelle nennt Bernhard die in den letzten 20 Jahren emporgekommenen Organisationsformen der Polen, die Banken, Einkaufs-, Verkaufsgenossenschaften, Berufsvereine die Mittel, die ein polnisches Gemeinwesen schufen und zur Ertötung des deutschen und jüdischen Einflusses führten. Sogar die amtliche Denkschrift „20 Jahre deutsche Kulturarbeit” bringt den Rückgang des Deutschtums ausschliesslich mit der Abwanderung der Juden zusammen und in der im Auftrag des Vereins zur Sozialpolitik gefertigten Studie steht der vom Bürgermeister Zitzlaff von Marienwerder formulierte Satz: „Man kann über den nationalen Wert der Juden denken wie man will, jedenfalls ist die Abwanderung als Verlust auf deutscher Seite zu buchen.”

Ein jüdischer Autor ($Kassel$) führt die Ursache weiter aus: „Wurden die Juden heute verhöhnt, so wurden sie morgen abgestoßen. Bei dem Hin- und Herstoßen wurden die Juden jedoch wirr- und planlos, was sich durch den Mangel an jeder Organisation unter ihnen schließlich bis in die heutige Zeit hinein fühlbar machte. Hinzu kam, daß die Juden den christlich deutschen Kulturträgern eine billige Gelegenheit boten, den Aerger über das Mißglücken aller anti-polnischen Maßregeln an einem geduldigen Prügelknaben auszulassen ...” Lautete die Losung für die Ostjuden „Auswandern und Aussterben”,[14] so ist jetzt die Frage gelöst. Die letzten Reste der ostdeutschen Juden strömen im Jahre 1920 nach Berlin und von einigen Nachzüglern abgesehen, existieren im Osten nur noch Trümmer von kleinen Siedelungen. Mit der antisemitischen Politik hat Preußen die Juden zwar aus dem Osten vertrieben, selbst aber dazu beigetragen, das Polentum zu stärken und ihren Abfall begünstigt.[15]

Ebenso bedeutsam ist die Verstädtichung, die Ueberführung der Dorf- und Kleinstadtjuden in die Großstädte. Viele Ziffern illustrieren diese Umstellung. Es waren z. B. in Preußen in Orten mit weniger als 20000 Einwohnern Juden:

1895 1900 1910 1920 160106 141736 117881 80000?? in % d. Juden 42,2 36,1 28,4 18??

dagegen in Großstädten:

164110 193204 247518 300000?? in % 43,2 49,3 59,5 72,0??

Mindestens 3/4 der preußischen Juden dürften 1920 in den Großstädten leben, wahrscheinlich 50% allein in Berlin, das 1910 schon über 1/3 beherbergte.

$Das Tempo, in dem sich dieser Umzug vollzieht, ist Expreßzugsgeschwindigkeit$. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung bleibt die Masse der ländlichen Bevölkerung ungefähr konstant, die kleinen Orte vermehren sich, wenn auch der größte Teil der Volksvermehrung den Hauptstädten zugute kommt. Man kann aber nicht von einer Dezimierung des flachen Landes und der Kleinstadt sprechen. Bei den Juden entstand aber eine Auflösung der Dorfgemeinden und der Landstädte. Allein in der kurzen Frist von 5 $Jahren$ änderte sich die Bevölkerungszahl der Juden in

1900 1905 (Westpreußen): Zempelburg 792 393 (Posen): Schrimm 593 396 (Brandenburg): Landsberg 568 479

In Bayern waren in unmittelbaren, d. h. größeren Städten Juden

1875 1900 1905 1920 in % 31,6 50 60 70?

auf dem Lande

1840 1895 1905 1920 51097 24065 15053 10000?

in % d. J. 86,2 41,8 27,2 18?

Durch das Abfluten der Dorfjuden sollte man meinen, würde sich die Zahl der Juden in den Städten vermehren; dem ist aber nicht so. Es gab zu Beginn unseres Jahrhunderts über 70 Städte in Preußen, die mehr als 500 Juden zählten. Von diesen verloren 1900-1910 an Juden:

1. Hohensalza 440 2. Gnesen 391 3. Posen 382 4. Lissa 359 5. Stettin 371 6. Gleiwitz 298 7. Beuthen 204 8. Krotoschin ca. 200 9. Ratibor 187 10. Oppeln 161 11. Altona 182 12. Glogau 147 13. Schneidemühl 155 14. Thorn 161 15. Rogasen 150 16. Breslau 144 17. Danzig 170 18. Bromberg 170 19. Liegnitz 132 20. Memel 114 ---- 4518 21. Frankfurt O. 121 22. Tilsit 102 23. Stolp 98 24. Ostrowo 78 25. Mülheim 41 26. Görlitz 41 27. Krefeld 67 28. Trier 72 29. Graudenz 113 30. Magdeburg 82 31. Kreuznach 54 32. Samter 50 33. Schönlanke 50 34. Halberstadt 28 35. Hanau 20 36. Hildesheim 20 37. Königshütte 24 38. Aachen 17 39. Bochum 10 40. Eschwege 13 ---- 1101

Außerdem schieden aus der Reihe der Großgemeinden mit über 500 jüdischen Gemeindemitgliedern aus im Jahre 1905 resp. 1910: 41. Czarnikau, 42. Rawitsch, 43. Myslowitz, 44. Coblenz, 45. St. Johann, 46. Zempelburg, 47. Krotoschin, 48. Landsberg a. W. Ueber 500 Juden hatten neu 1900/10 nur vier Orte (also nur die Hälfte der Ausfallenden), Hagen, Zabrze, Marburg, Kattowitz. Insgesamt nahmen in ihrer absoluten Zahl ca. 24 Großgemeinden Preußens in ihrer Bevölkerung zu und in 48 -- das ist die doppelte Zahl -- ging die jüdische Einwohnerschaft zurück. Die Zersetzung der kleinen Gemeinden hier anzuführen, ist leider zur Zeit wegen Platzmangels unmöglich.

Es handelt sich um die Großgemeinden. Wir finden die niedergehenden jüdischen Großgemeinden in Städten mit über 100000 Einwohnern, wie Danzig, Stettin, Posen, Krefeld, Altona, sodann von bedeutenden Industriezentren Beuthen, Bochum, Königshütte, Magdeburg, Görlitz, Mülheim und Breslau, das Zentrum der schlesischen Juden. Insgesamt verloren in nur 10 Jahren allein 40 der judenreichsten $Städte$ über 6000 ihrer Seelen.

Nun sollte man in den restlichen 24 Städten einen großen Zuwanderungsgewinn vermuten, der die Juden über ihr Verhältnis stärkte; das gerade Gegenteil $ist richtig$. Trotz des Zuzugs vom Lande, der Kleinstadt, der zu erwartenden eigenen Vermehrung und der ausländischen Einwanderung, ist auch hier $ein relativer Rückgang der Juden$ in der Bevölkerung eingetreten.

Es waren Juden unter 100 der Bevölkerung in

1900 1910

1. Frankfurt a. M. 7,6 6,3 2. Köln 2,6 2,4 3. Königsberg 2,1 1,9 4. Wiesbaden 3,5 2,5 5. Kassel 2,3 1,8 6. Essen 1,1 0,9 7. Dortmund 1,4 1,2 8. Bonn 1,7 1,4 9. Münster 0,8 0,7 10. Duisburg 0,9 0,7 11. Gelsenkirchen 2,2 0,7 12. Bielefeld 1,3 1,1 13. Emden 4,6 3,5 14. Erfurt 0,8 0,7 15. Kattowitz 7,1 6,9 16. Hannover 1,9 1,7 17. Hagen 18. Zabrze 19. Marburg 2,55 2,37 20. Düsseldorf 1,14[16] 1,11

Bei einer Reihe von ihnen zeigt sich in 10 Jahren eine relative Abnahme der jüdischen Bevölkerung von 20-40%. Handelt es sich auch stellenweise um Orte, die durch Eingemeindung rasch anschwellen, die Tatsache bleibt dieselbe. Die kolossale Abnahme der Landbevölkerung hat zu keiner Vermehrung des jüdischen Anteils in den Städten geführt. Nur ein Ort in Preußen konnte sich von 1900 bis 1910 den gleichen prozentualen Stand der Juden wahren. Nämlich München-Gladbach 1900 und 1910 = 1,26%.

Eine relative Zunahme finden wir in zwei Orten, in Fulda und Elberfeld, und selbst bei diesen beiden Orten ist der prozentuale Zuwachs minimal.

Fulda 1900 : 1910 4,0 : 4,25 % der Bevölkerung Elberfeld „ : „ 1,06 : 1,13 % „ „

Wir haben bis jetzt der Entwicklung von Groß-Berlin noch nicht gedacht. Die verschiedenen Vororte von Berlin bilden bekanntlich mit der alten Hauptstadt längst ein organisches Ganze. Groß-Berlin insgesamt zählte[17] im Jahre 1900 4,35% Juden und 1910 nur noch 4,05% oder um ca. 7,5% weniger.

Die jüdischen Gemeinden in Deutschland haben sich somit relativ überall und selbst in den Großstädten und Industriecentren vermindert. Hier sank durchschnittlich der jüdische Anteil um 25%. In der Hälfte der Groß-Gemeinden trat auch eine absolute Abnahme der Bevölkerung ein, so daß ein Teil von ihnen zur baldigen Bedeutungslosigkeit verurteilt ist. Dieser Prozess ist keine auf Preußen beschränkte Erscheinung. Wir finden analoge Verhältnisse in den übrigen deutschen Staaten:

in Hessen: Mainz 3104 (1900) 2906 (1910) im Elsaß: Mülhausen 2466 „ 2287 „ in Braunschweig: Braunschweig: 861 „ 720 „

In Bayern hatten eine Abnahme

Fürth 3017 auf 2826 Würzburg 2567 „ 2514 Kaiserslautern 741 „ 726 Landau 874 „ 785 Regensburg 571 „ 493 Speyer 520 „ 478

Bamberg blieb seit 1880 stationär.

Die Volksverschiebung und Konglomeration gibt die Entwicklung der einzelnen Provinzen wieder: Es hatten Juden

1880 1910

Ostpreußen 18218 13027 Westpreußen 26547 13954 Pommern 13886 8862 Posen 56603 26512 Schlesien 52682 44985 Schleswig-Holst. 3522 3343 Sachsen 6700 7833 Hannover 14790 15545 Westfalen 18810 21036 Hessen-Nassau 41316 51781 Rheinland 43694 57287 Berlin und Brandenburg 66245 151298

$Die Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig verloren seit 1880 bis 1910 somit neben ihrem Geburtenüberschuß an ihrer absoluten Ziffer den dritten Teil$ (= 60000 $Juden$). Auf der anderen Seite hatten die übrigen Provinzen einen Gewinn von 113000, der sich in folgender Weise verteilte:

Berlin-Brandenburg gewann 85000 Juden,[18] die Rheinlande 14500, Hessen-Nassau über 10000, Westfalen 2000, Sachsen und Hannover je 1000.

Damit beteiligten sich an der Volksvermehrung der deutschen Juden Berlin mit 75%, die Rheinlande mit 13%, Westfalen, Sachsen und Hannover mit etwas über 3%.

Wohnten von hundert preußischen Juden 1880 noch 46% im Osten, so waren es 1910 25,8%. (Im Jahre 1817 wurden im damaligen Preußen 127345 Juden angetroffen, von denen 41% = 52568 $allein$ in Posen ansässig waren, gegenüber 6% im Jahre 1910).

Die Zunahme betrug

in 1905 gegen 1900 1910 gegen 1905

Hessen Nassau 1911 1675 Rheinland 3157 1879

Davon gewann Köln (in den Rheinlanden) 1900 auf 1905 allein 1300 Juden, Frankfurt in derselben Zeit 1500. Auch diese Provinzialstatistik zeigt, daß die Zunahme der Juden nur die bekannten Immigrationspunkte der Ostjuden berührt.

Von den 150000 Juden in Brandenburg und Berlin wohnten 144000 in Groß-Berlin, $somit ebenso viele Juden in Berlin, als in folgenden Provinzen zusammen: nämlich in Posen, Westpreußen, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Schleswig-Holstein, Sachsen und Hannover$. Eine Volkszählung um 1920 wird durch die erneute Umgruppierung und bei der Zunahme für Berlin hierfür ebensoviel Juden ergeben, wie für das übrige ganze Preußen. Nehmen wir die zehn größten Judengemeinden Preußens zu Berlin, so umfassen die paar Gemeinden über 2/3 aller Juden Preußens! --

Auch für die Bevölkerung existiert das Großstadtproblem. Gleichwohl verfügt Deutschland über eine bedeutende sich gleich bleibende Landbevölkerung, die ihren Geburtenüberschuß auf kleine und Großstädte verteilt. Immerhin nehmen im Reiche kleinere und größere Orte an Bevölkerung zu. Das jüdische Problem kann aber in ihren Tendenzen soziologisch in die Worte gekleidet werden, daß es sich um eine völlige Entvölkerung des Landes und um eine Volkswanderung in wenige Hauptstädte, insbesondere Berlin, handelt.

„Der nivellierende und teilweise abstumpfende Einfluss,” schreibt Paul Drey am Schlüsse seiner „Juden in Stadt und Land,” Berlin 1906, „städtischen Lebens macht sich aber in der ganzen Lebenshaltung auch in religiösen Anschauungen geltend. Mit den bewegenden Ideen der modernen Kultur und durch die Besserung der wirtschaftlichen Lage schwinden manche mitgebrachten religiösen Vorstellungen, vollzieht sich langsam eine Entfremdung gegenüber dem ererbten Bekenntnis.”

Auch kein orthodoxer Jude kann bestreiten, daß das großstädtische Wirtschaftsleben der stärkste Feind der Sabbathheiligung ist, daß die breiten Massen in ihrer jüdischen Lebensweise durch die Einflüsse der Großstädte einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt sind. Wir wollen die allgemeinen Nachteile und die Schädigungen für das Judentum sondern und auseinanderhalten. Die allgemeinen Großstadtprobleme sind in der medizinischen und nationalökonomischen Literatur häufig behandelt. O. $Amon$ und $Roese$ haben der Großstadtbevölkerung nachgesagt, daß sie rasch ausstirbt. Roese hat den Beweis an Dresden erbracht, Stubenluft, Alkoholismus, kalkarme Nahrung sind die Totengräber. Ich selbst konnte in meinem „sterilen Berlin” die gewaltige Ehe- bezw. Kinderlosigkeit und Kinderarmut der Großstadtbevölkerung in ihrer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung darlegen. $Woltman$ hat auf die Bedeutung der Reservekräfte hingewiesen, die in gesunder Lebensanschauung und Lebensführung auf dem Lande gelegen sind. $Dade$ hat den minder physiologischen Wert der Berliner Bevölkerung aufgedeckt. Ferner sei an die $Westergaardschen$ Spezialuntersuchungen erinnert. Nur großzügiges Erfassen kann diese volksgesundheitlichen Schädigungen feststellen und ihre Wurzeln bloßlegen (Gesetz von Ursache und Wirkung); denn die Völker verfaulen, wie $Dode$ meint, ohne daß sie es merken.

* * * * *

$Napoleone Colajanni$ hat in seinem Werke Latini e Anglosassoni gezeigt, daß der Verfall der Nationen begann, ehe er nach außen deutlich wurde. Dem moralischen Rückgang soll der geistige und wissenschaftliche folgen.

Die Generation, die heute in den Städten wohnt, ist größtenteils noch auf dem Lande geboren, zum mindesten stammen die Eltern oder Großeltern vom Dorfe. Der Jude des platten Landes war ein Muster an Einfachheit. Sein Leben war ein natürliches, von keinerlei „Ueberkultur” beleckt. Tätigkeit und Aufenthalt brachten die Ausübung rein physischer Arbeit mit sich. Der einfache, religiöse, mäßige Jude stellte ein Kapitel „Volksgesundheit” dar.

Daß ihre ersten Nachkommen noch von deren zähen Lebenskraft zehren, erscheint selbstverständlich. Die Urwüchsigkeit kann sich aber erschöpfen. Die Geschichte gibt Beweise des Niederganges tüchtiger Rassen. An den Adelsgeschlechtern der ganzen Kulturwelt ist nachgewiesen, daß nur das Einströmen bislang Namenloser die Kaste vor dem Verfall bewahrt hat.

Die Schattenseiten der Großstädte gelangen bei der Mehrzahl der preußischen Juden vorerst noch nicht voll zur Erscheinung. Erst in der Descendenz der Zugewanderten machen sich die Einflüsse der großstädtischen Sitten und Verhältnisse frei geltend. Ist nun der Zug nach Berlin nur eine vorübergehende Erscheinung und ein durch Zufälligkeiten bedingtes Ereignis, das morgen einem plötzlichen Abbruch unterliegt? Es gehört ein großer Mangel an sozialem Verständnis dazu, diese organische, zu einem Orkan anwachsende Volksbewegung für eine Zufälligkeit zu halten. Diese Verschiebung in den Wohnsitzen der Juden in Deutschland bedingen hauptsächlich folgende Ursachen:

1. Im jüdischen Volkscharakter liegt das Streben nach Geselligkeit. Wie ein Schmetterling, der um das Licht herumflattert, so sucht der Jude mit seinem sensitiven nervösen Charakter die Reize der Großstadt. Ihn locken die Stätten der materiellen und geistigen Genüsse. Der geistige und ökonomische Aufstieg der ersten Emigranten wirkt anreizend auf die zurückbleibenden.

2. Seit Jahrtausenden hat der Jude eine Vorliebe für geistige Beschäftigung. Bei keinem anderen Volk wurde das Studium so kultiviert und hochgehalten. Die Universität, hohe Schulen, die Akademien ziehen die Schüler und ebenfalls die um ihr Fortkommen besorgten Familien an.

3. Der Kaufmann findet das vielfältigste Betätigungsfeld in der Großstadt. Mit Recht führt der stellungslose Kaufmann dorthin, wo er überhaupt leichter (und als Jude besonders) Arbeit findet.

4. Da der Jude seltener Grund und Boden besitzt, und, wo es der Fall ist, mit ihm nicht sehr lange verwoben ist, so löst er sich von seiner Heimat leichter wie der bodenständige deutsche Bauer[19]. Umsomehr als der Jude erst seit 100 Jahren Land erwerben durfte und gerade in dieser Zeit die ausländischen Agrar-Produkte die Arbeit der deutschen Landwirte unterboten. Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft sah wenig rosig aus. Selbst die Nachkommen der alt eingesessenen Bauern, die nichts anderes gesehen und gelernt hatten, wandten sich anderen Berufen zu. Und nur aus Sport oder Liebhaberei steckten einige Reiche neues Geld in Grund und Boden. Trotz der kolossalen Volksvermehrung Deutschlands nahm die Landwirtschaft nicht zu. Und auch vom goldenen Boden des Handwerkerstandes war kein Schimmer. Die, welche die Berufsumschichtung der Juden mit zu geringen Mitteln ohne staatliches Verständnis und Hilfe betrieben, erlitten Schiffbruch. Nicht nur aus seelischen Einstellungen mußte der Jude sein Fortkommen im aufblühenden Handel suchen. Es wäre daher ein Wunder, wenn die Berufsstellung der Juden sich anders eingestellt hätte, als wir sie historisch erfassen.

5. In der Großstadt verschwindet der Jude. Der antisemitische Geist der Kleinstadt kann ihm hier nichts anhaben, im Gegenteil, in Berlin z. B. gilt sogar der Jude etwas. Eine Zurücksetzung im öffentlichen Leben, insbesondere in den großen kaufmännischen Organisationsformen, ist hier weniger zu spüren als in der Kleinstadt, in der der Jude immer um seine Anerkennung ringen muß. Eine Reihe von ähnlichen und prädisponierenden Momenten, die Herrschaft des demokratischen und sozialistischen Gedankens in der Großstadt gegenüber der konservativ-klerikalen Cliquenherrschaft, gegenüber den fühlbaren Einflüssen des Junkertums auf dem Lande und vieles andere lassen den Prozeß, der einmal in Fluß gekommen ist, nicht so rasch mehr zum Stillstand kommen. Wo so viele psychologische, ökonomische und soziale Einflüsse am Werk sind, versagen Ermahnungen und Appelle, sowie Beschwörungen. Wir müssen den zurückgebliebenen Teil in der Provinz mit einer Gesellschaft vergleichen, die sich in Liquidation befindet.

So lange Berlin nur einen Teil der Juden und zwar einen kleinen darstellte, hatte es schon eine über ihre Größe bedeutsame Beeinflussung auf die Entwicklung der deutschen Juden ausgeübt. Sobald es an Zahl die übrigen deutschen Juden überholt haben wird, werden die Vorgänge in Berlin umsomehr bewußt und unbewußt die kleinstädtischen Verhältnisse im Berliner Geist beeinflussen. Dieses Abfärben großstädtischen Geistes und großstädtischer Sitten läßt sich schon heute nachweisen.

Bei den bekannten Wechsel-Wirkungen zwischen Berlin und der Provinz, die bei den Juden besonders erstarkt sind, bleibt es nicht nur bei der Nachahmung der Mode, bei der Aufnahme großstädtischer Lektüre und bei dem Anschluß an die Organisationsformen, welche hier das Licht der Welt erblicken, sondern tausend Imponderabilien, die den äußeren Erscheinungsformen anhaften, werden mit übernommen und bestimmen auch das „dabei” der Kleinstadt und so wird der Provinzjude gewissermaßen nur noch ein Vorposten der Gemeinde Groß-Berlin. Wenn wir mit der Geschichte Berlins die Geschichte vorerst der Hälfte der preußischen Juden schreiben, so ist das nur mathematisch richtig.

KAPITEL V.

$DAS SEXUALPROBLEM$.

_Die vernunftmässige Ueberlegung erobert auch die Sexualsphäre. Die Zeit, wo die Rassen instinktmässig dahinlebten und neben der Stillung des Hungers keinen anderen intensiven Lebensgenuss als den ehelichen Verkehr kannten, ist vorbei._

_Dr. Mensinga._

$1. Die Ehelosigkeit.$

Mit der Umwälzung, welche die Judenheit durch die Lösung ihrer religiösen Gebundenheit und durch Umstellung in Beruf und Wohnort erfahren hat, traten Sexualverhältnisse auf, die wir zusammenfassend folgendermaßen kennzeichnen können:

$Von 100 Juden, heiraten 25 überhaupt nicht. Ein weiteres Viertel bleibt kinderlos, das dritte Viertel begnügt sich mit ein oder zwei Kindern und nur beim letzten Viertel treffen wir drei und bei einem kleinen Prozensatz mehr Geburten.$ Diese vorweggenommenen Resultate bedürfen der näheren Untersuchung. Wir werden zuerst die Frage der Ehelosigkeit berühren.

Die Ehelosigkeit ist aus verschiedenen Gründen bedingt. In den Wirtschaftsverhältnissen ist ein Teil der Hindernisse gelegen. Die Großstadt verfügt über tausende von jungen Beamten und kaufmännischen Angestellten die nach ihrem Stand sich zur Schicht des Mittelstandes rechnen, und ihrem Einkommen nach Proletarier sind. Während der Arbeiter frühzeitig eine Lebensgefährtin nimmt, die mit ihrem Verdienst -- wo es nötig ist -- die Einkünfte der Familie sicher stellt, hat der Jude den Uebergang in das moderne Wirtschaftsleben noch nicht vollkommen gefunden. Bei ihm soll die Frau nur im Heim ihre Fertigkeit entfalten und da der jüdische Kastengeist eine gewisse Stufe, resp. Höhe der Lebenshaltung zum ungeschriebenen Gesetz erhoben hat, ist es für den niederen Angestellten eine Schwierigkeit, mit einer produktiv kaum gewinnreich tätigen Frau und mit kostspieligem Nachwuchs das armselige Budget zu belasten. Wie jeder Soldat angeblich den Marschallstab im Tornister trägt, so glaubt mancher Kaufmann es noch zu einem kleinen Rothschild zu bringen. Es ist daher in den Kreisen der jüdischen Handlungsgehilfen Sitte, mit der Vermählung zu warten, bis der Herr Kommis sich aus dem kümmerlichen Lohnverhältnis herausgearbeitet hat und selbst Unternehmer geworden ist. Was vor wenigen Jahrzehnten verhältnismäßig einfach war, ist in dem Zeitalter der Konglomeration des Kapitals eine Schwierigkeit geworden. Und wenn der 30jährige noch immer auf die passende Gelegenheit lauert, so hat der 40jährige schon die Hoffnung aufgegeben, im Kampf ums Dasein den ökonomischen Aufstieg für sich günstig zu entscheiden. Er bleibt das, was ihm als eine vorübergehende Periode erschien, sein Lebtag ein Gehilfe. Zu spät hat er seinen Beruf erfahren und damit zum Teil verfehlt. Und die meisten können sich auch dann nicht in den Gedanken finden, Proletarier zu sein. Die echten Proletarier haben manches vor ihnen voraus. Der einfache Arbeiter baut sein Leben auf seine derzeitigen Existenzverhältnisse auf, der jüdische kommerzielle Angestellte rechnet mit Größen aus dem Reiche der Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit.

Der $Arbeiter$ heiratet im Durchschnitt recht früh. Er erlangt schon Anfang der Zwanziger das Maximum seines Einkommens. Er vermietet seine Arbeitsleistung, seine Kraft, seine Arme an den Unternehmer und gewinnt damit durch $rein physische Leistung$ den Lebensunterhalt. Also erreicht der Proletarier etwa mit der Volljährigkeit, in der Zeit der sexuellen Vollreife die wirtschaftliche Höhe seines Einkommens, die die Unterlage für Ehen seines Standes zu bilden pflegt.

$Der jugendliche Handlungsangestellte und der Beamte$ bekommt nicht wie der Arbeiter den Lohn, den auch die älteren Berufsgenossen beziehen. Er vermietet zwar seine volle Arbeitsleistung, sein Hauptkapital das er besitzt, wird aber im jugendlichen Alter nur insoweit entlohnt, daß er knapp allein sein Leben fristen kann. Je länger er ausgebildet ist, Schulen besucht, Sprachen gelernt hat, das Ausland bereiste, in anderen Unternehmungen sich betätigte, Erfahrungen und Zeugnisse sammelte, desto größer wird die Chance seines Einkommens. Das schließt für diese Berufsangehörige den Verzicht in sich, frühzeitig viel zu verdienen. Seine ökonomischen Verhältnisse türmen der Familienbildung Widerstände entgegen, die sich im Laufe der Jahre verringern, insbesondere, wenn der niedere Angestellte eine gehobene Stellung erreicht oder den Traum seines Lebens, den Weg zum Unternehmertum, gefunden hat.

Der $Unternehmer$ arbeitet nicht nur mit Kraft und Intelligenz, sondern besonders mit seinem Kapital. Das Kapital gibt ihm die Ware, die Unterlagen, Räume zu mieten, Kräfte einzustellen, Reklame zu treiben, Kunden anzulocken. Der Besitz des Kapitals gibt ihm Arbeitsmöglichkeiten. Der kapitalarme Unternehmer kann höchstens durch besondere Intelligenz, durch glücklichen Kredit (was dem eigenen Kapital nahekommt) den Kampf mit kapitalskräftigen Konkurrenten aufnehmen. Es ist klar ersichtlich, daß jeder Händler, jeder Inhaber eines Ladengeschäftes, jeder größere Agent das Geld nicht nur um des Geldes willen, sondern als Arbeitskraft, als Vorausbedingung braucht. Daher ist es erklärlich, daß der Jude als das nach Erfahrungen und Statistiken am meisten zur Selbständigkeit und Unternehmertum strebende Element im Tanze um das goldene Kalb sich verzehrt. Mit dem immer schwieriger werdenden wirtschaftlichen Kampfe rückt das Alter hinaus, in dem der Kaufmann sich eine selbständige Position errungen hat. Und da er hinwiederum erst dann auf eine Mitgift rechnen kann, wenn er schon selbst sich eine kleine Basis, eine Position geschaffen hat, ist sein Heiratsalter um so später. In den Kreisen aber, in denen die jungen Leute wissen, daß sie jahrelang nicht an eine Ehe denken können, wird der Anreiz immer stark sein, mit Surrogaten der Liebe vorlieb zu nehmen. Umsomehr als der jüdische Kaufmann auf den vielen Reisen, bei der leichten Lebensauffassung seines Standes, bei der großen Zahl der Mädchen, die ihn umgeben, die gleichfalls die Möglichkeit einer Ehe für nicht allzu groß erachten, Auswahl und Anreiz in Menge vor sich sieht. Deshalb ist die freie sexuelle Betätigung des jüdischen Kaufmannes und Studierenden eine ökonomisch besonders bedingte und bei aller Bewunderung, die wir denen zollen, welche sich in Aufrufen an das Verantwortlichkeitsgefühl der jungen Leute abmühen, ist es doch ausgeschlossen, daß dadurch der starke sexuelle Trieb unterdrückt wird. Die Frühehe der alten Juden mochte den Menschen Genüge tun. Sie verzichtete auf das törichte Verfangen, naturam expellere furca. Wo die jüdische Lehre aber in zu starkem Widerspruch mit den Voraussetzungen des Lebens geriet, erlitt auch sie eine Niederlage. Ein Beispiel mag es bezeugen: Verpönt war die Geldehe, (Eben Haezar 2, 1). Die gesetzestreuen Juden haben sich nicht daran gekehrt. Die alten jüdischen Weisen rechneten wenigstens mit der Gewalt des Geschlechtstriebes und gaben ihm Unterlagen. Die modernen Prediger in der Wüste vertrösten erwachsene Menschen.

Die Aussicht auf die Spätehe muß die Verseuchung der großstädtischen kaufmännischen Bevölkerung auslösen. Die Folge zahlreicher Infektionen ist aber wiederum ein Anschwellen impotenter Ehemänner und Dauerzölibatäre. Immer größer wird die Zahl der jüdischen Junggesellen. In der Großstadt ist die Heirat keine Lebensnotwendigkeit. Die Gründe für die Ehelosigkeit sind im Zunehmen begriffen. Niemand findet heute an dem Junggesellentum einen sittlichen Mangel. (Selbst unter den Rabbinern und orthodoxen Juden befinden sich ledige Juden.)

Für Hessen hat $Ruppin$ bereits für 1905 die geringere Heiratsneigung der Juden nachgewiesen. (Zeitschr. f. St. der Juden, Band III.) Nach meiner Preisarbeit der Gesellsch. f. Rassenhygiene waren von hundert Berliner Juden verheiratet:

1895 1900 1910 männl. weibl. männl. weibl. männl. weibl.

Bis 25 J. alt 2,0 21,4 3,3 21,5 18-20 J. 0,1 10,0 „ 30 „ 20,6 52,9 19,0 52,7 20-30 12,0 35,4 „ 35 „ 47,0 65,5 43,7 66,0 30-40 57,9 69,6 „ 40 „ 70,0 71,3 57,4 69,8 40-50 77,7 70,2 „ 45 „ 78,0 73,0 78,3 68,1 50-60 81,5 56,8 „ 50 „ 82,6 68,3 82,0 67,1 „ 55 „ 83,7 62,7 68,6 54,6 „ 60 „ 81,2 50,6 66,9 52,7

Danach waren bis zum dreißigsten Lebensjahr (1910) 12,4% der Männer verheiratet gegen 20,6% im Jahre 1895, vom 35.-40. etwas über die Hälfte. Die älteren Jahrgänge entstammen einer früheren Zeit, sodaß wir heute wohl mit geringeren Ziffern zu rechnen haben. Gleichwohl ergab sich, daß von $100 männlichen und weiblichen Juden in den Jahresklassen der 40- bis 50-jährigen 22,3% resp. 29,8% unverheiratet$, ($darunter$ über 20% $ledige$) eine Zahl, die nach dem Stand von 1920 auch ohne Berücksichtigung der schweren wirtschaftlichen Verhältnissen der neuen Zeit zugenommen hätte.

Die Statistik zeigt, daß die Jahrgänge 25-40 der Berliner Juden durchschnittlich mit 1700 bis 1800 Personen besetzt waren (1910), während an jüdischen und nichtjüdischen Eheschließungen zwischen 1910 und 1913 ca. 1200 Eheleute jährlich beteiligt waren, von denen wir die Witwen und Geschiedenen abziehen. Es heirateten also vor dem Krieg keine 2/3 der jüdischen Berliner Bevölkerung. Bei der allgemeinen Berliner Bevölkerung gab es von den 40- bis 50jährigen nur 10,7% männliche und 14,7% weibliche ledige, gegenüber 22 und 27% bei den Juden. Wie wir aus der vorliegenden Statistik ersehen, betrifft bei den Juden ein großer Teil der geschlossenen Ehen, Spätehen. Von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren war nur ein Drittel verheiratet. Die Folge muß eine geringe Ziffer von Geburten sein. Auch ein Heiratsalter von über 45 Jahren von Seiten des Mannes kann unmöglich zur Erzeugung einer großen Zahl von Kindern führen: unbeachtet von der Frage, ob diese späte Eheschließung noch physisch und geistig gutgeartete Kinder zuläßt. Die Erschwerung der Eheschließung, welche durch den Krieg ausgelöst wurde, betrifft die jüdischen Kreise stärker wie die nichtjüdischen, weil die Juden viel rationeller alle Fragen des Familienlebens überdenken. Die Gründung eines eigenen Heims wird auf Jahre hinaus eine schwere ökonomische Frage für alle Heiratenden sein und während bei der nichtjüdischen Bevölkerung viel eher Einschränkungen vollzogen werden, hält der Jude an dem Auftreten, an dem Schein und Zeigen eines gewissen Wohlstandes fest. Jugendliche Idealisten scheinen den Weg der Jugend zu beeinflussen. Rücksichtslos wollen sie ihre Verbindungen anknüpfen, gegen den Stachel der Gesellschaft löcken und ein Heim, wenn auch auf wirtschaftlichem Nichts, begründen. Aber können sie zum Prototyp einer Zeit werden, in der alle Nöte, Teuerung und späte Selbständigkeit ihrer Klasse so sehr die Stunde regieren? Einen Gradmesser der sexuellen Nöte verraten allein schon die jüdischen $unehelichen Geburten$.

In Preußen wurden uneheliche Geburten bei Juden betroffen:

in % in % d. jüd. Geburten d. Geburten

1821/30 94 1,7 1891/95 237 3,0 1831/40 127 2,0 1896/00 259 3,4 1841/50 162 2,4 1901/05 261 3,6 1861/65 250 3,6 1906/10 318 4,2 1881/90 248 2,5 1910/14 318 5,0

In Berlin allein waren uneheliche Geburten:

1875/81 518 1882/91 789 1892/01 847 1902/11 1051

In den letzten Jahren vor dem Krieg bildeten die unehelichen Geburten 10 Prozent der ehelichen Geburten der Juden Berlins gegen 5% in den 70er Jahren.

Weder Entrüstung noch der Ausdruck irgend welcher sonstiger krasser moralischer Werturteile ist hier am Platze. Die in der Enge des jüdischen Familienlebens erzogene Jüdin, ihre an alten Beispielen verankerte Sittlichkeit und ihre im Kreise der Kleinstadt und der Ihrigen behütete und bewachte sexuelle Auffassung hat eine völlige Ummodelung in dem Augenblick erfahren, wo das junge Mädchen in das Erwerbsleben eintritt. Eine neue Umgebung läßt neue Anschauungen aufkommen. Die Emanzipation vom Elternhaus, die Möglichkeit sich selbst den Unterhalt zu verdienen, gibt ihr die Kraft sich von aller Konvention, von aller Abhängigkeit vom Hause freizumachen, ein eigenes modernes Leben zu führen und nicht nach dem zu fragen, was einst für gut und böse gehalten wurde. Die völlige Freiheit des jüdischen Mannes ist seit langem geduldet. Vor hundert Jahren war es auch darin anders und es ist keine Unwahrscheinlichkeit, daß sich auch die Frau dasselbe laisser-faire, laisser-passer erringen wird. Ob wir es wünschen oder nicht -- ist dabei gleichgültig. Der Einfluß der Civilisation, die Neuzeit mit ihrer breit ausladenden Sinnlichkeit, das Großstadtmilieu, die Einwirkungen des Kapitalismus, die unglückliche Verteilung der wirtschaftlichen Güter und die ungerechte Bezahlung der Arbeitsleistungen der einzelnen Stände und der Geschlechter u. a. bringen Einflüsse mit sich, welche eine Umwälzung in der Psyche des Weibes vornehmen. Die Ausschließung lebensfreudiger Elemente von der Ehe muß eine natürliche Reaktion sinnlicher Individuen hervorrufen und die Prediger der Enthaltsamkeit warnen so lange vergebens, als der natürlichen Regung des Weibes, ihrem unbewußten Sehnen, ihrem selbstverständlichen Trieb das eigentliche Objekt: Ehe und Mutterschaft entzogen wird. Mit dem Steigen der Ehelosigkeit der Jüdinnen nimmt die Zahl der unehelichen Geburten zu, soweit sie die Geburtenpraevention nicht verhütet, was in noch stärkerem Maße der Fall ist. Trotz allem ist ihre Ziffer nicht groß genug, um von Bedeutung für die Erhaltung der Judenheit zu sein. Die 300 unehelichen Kinder in Preußen sind eigentlich lächerlich wenig an und für sich, nur das Sinken der allgemeinen Geburtenziffern und die frühere relative Seltenheit unehelicher Kinder bei den Juden überhaupt lassen sie zu einer soziologischen Bedeutung werden. Moralstatistisch ist sie hochbedeutsam; Bevölkerungstechnisch ist ihr Wert zu übersehen.

Es ist sicher, daß die Ziffer der unehelichen Geburten absolut keinen erschöpfenden Ueberblick über das sexuelle Leben der unehelichen Jüdinnen gibt. Die Jüdin der Großstadt, insbesondere das Mädchen von Berlin W, das den Weg zur Ehe nicht findet, hat keine große Vorliebe für außereheliche Mutterfreuden, die sie zu hintertreiben weiß. Wer aber dem berühmten Schrei nach dem Kinde Leben verleiht, den überläßt die Oeffentlichkeit der Aechtung. Aber alle Schuld rächt sich auf Erden. Die Entwicklung, die heute nur ein Fünftel der jüdischen Mädchen in dem angemessenen Alter zum Altar führt und die Aussicht für eine Heirat überhaupt immer unsicherer gestaltet, modelt die berühmte altjüdische Sittlichkeit des Weibes um, nachdem die des Mannes längst zum Teufel ging. Ist es Schicksalswende der Juden oder Entwicklung des Sexualismus: Liebe, Ehe, Sexualbefriedigung finden ihre Umwälzung und der Prozeß, der sich anbahnt, ist noch lange nicht zum Abschluß gekommen. Eine weibliche Jugend mit eigenen starken Impulsen wächst heran, die ihr Leben sich selbst einrichten will, ohne Rücksicht auf die Philistermoral. Und mit einer Energie, die der Sexualtrieb verstärkt und die logische Ueberlegung stützt, nimmt sich die Jüdin ihr Recht auf das Leben, das nun einmal der Güter höchstes ist, das Recht auf ihr eigenes Leben.

KAPITEL VI.

$DIE EHESCHLIESSUNG$.

_Die alte Ehe war der beste Hort des Konfliktes zwischen der individuellen und generativen Leistung. Eine neue Ehe muss die glückliche Harmonie bringen, die beide Geschlechter als Eltern und Menschen zur vollen Entfaltung bringt. Dann wird jede neue Generation das biologische und traditionelle Erbgut reicher an die Zukunft weiter geben._

_M. Vaerting._

Alle Untersuchungen ergeben, daß der Bevölkerungsaufbau der Juden eine 10-20% $stärkere$ Besetzung ihrer Bevölkerung im $heiratsfähigen Alter$ aufweist. Das hat seine Ursache in der herabgeminderten Säuglings- und Kindersterblichkeit. Wir besitzen Untersuchungen von Großstädten (Berlin, München, Leipzig), ferner eine Auszählung von Hessen, die uns die falsche Auffassung zurückweisen läßt, als ob eine große Auswanderung die Zahl der Heiratsfähigen geschwächt hätte. Trotzdem ergibt sich, daß auch mit den Elementen, welche eine Mischehe eingehen, die Zahl der Eheschließungen um durchschnittlich 20-50% geringer ist, als bei den Nichtjuden. Die Ursachen, die in den vorigen Kapiteln bereits angedeutet wurden, führen zu folgenden Erscheinungen:

1. Die Eheschließung der Juden nimmt immer mehr ab. Dieser Rückgang dauert ständig an.

2. Die eheschließenden Juden sind durchschnittlich höheren Alters als die Nichtjuden, insbesonders auch im Vergleich zum Heiratsalter ihrer eigenen Großeltern. Besonders wird das Heiratsalter der Jüdinnen immer mehr hinausgeschoben.

3. Für die Forterhaltung des Judentums spielen fast nur die jüdischen Ehen eine Rolle. Die Zahl der außerehelichen Mütter ist numerisch fast belanglos. Aus den Mischehen werden ziffernmäßig nur wenige Kinder dem Judentum zugeführt.

Spät geschlossene Ehen sind weniger fruchtbar, als jung eingegangene Ehen. Zwischen dem Alter der Eheschließenden und der Kinderzahl besteht ein natürliches Verhältnis. Das urwüchsige sexuelle Bedürfnis wird im fortgeschrittenen Alter eher allen Hemmungen, Ueberlegungen und Vernunftsgründen unterworfen. Die Impotenz ist eine Begleiterscheinung des höheren Alters, insbesondere wenn Jahre und Jahrzehnte vorehelichen Sexuallebens vorausgegangen sind.

Liebe ist in jüdischen Kreisen ein Faktor, der stark von äußeren Einwirkungen beeinflußt ist. Damit ist noch nicht gesagt, als ob wir nicht ähnliche Einstellung auch bei gewissen Bevölkerungsschichten des deutschen Volkes beobachten würden. Der Adlige legt sich gleichfalls Beschränkungen in der Auswahl der Zukünftigen auf. Der mit dem Kapital arbeitende Christ übersieht ebenso immer mehr den Nutzen, den ihm eine materiell gut fundierte Heirat einbringt. Ein Sprichwort sagt, daß der Jude bei der Eheschließung nicht nur an die Kinder, sondern schon an die Enkel denke und dieses Verantwortlichkeitsgefühl ist wohl löblich, hat aber für die Erhaltung der Art Nachteile. Die große nichtjüdische Masse pflegt noch heute eine Eheschließung viel unbekümmerter um die Fragen der Zukunft einzugehen. Sie ist weniger berechnend, weniger überlegend, weniger besorgt. Dazu kommt noch die Belastung, welche dem jüdischen Mittelstand dadurch erwächst, daß die verheiratete Jüdin nicht im Erwerbsleben stehen soll, daß sie oft verwöhnt ist und in der Ehe eine Verbesserung ihrer Stellung und ihrer Bedürfnisse sucht. Die frühere allgemeine Verehelichung der Töchter stellte ihre Versorgung dar. Das Einkommen des Heiratskandidaten spielte naturgemäß eine ausschlaggebende Rolle über Schönheit und Gestalt. Wenn heute die Liebe, d. h. das erotisch-psychische Empfinden bei der Eheschließung der Jüdin mitwirkt, so kann dieses Gefühl doch nicht bei der Gebundenheit der Ehemöglichkeit an Geld und Einkommen über alle traditionelle Gedankengänge und reale Ueberlegungen sich hinwegsetzen. Vielmehr wirken auch diese Faktoren mehr oder weniger stark mit ein. Die Jüdin von heute möchte einen Mann, den sie liebt und eine wirtschaftliche Sicherstellung ihrer Person. Man kann ihr beides nicht verübeln. Große nichtjüdische Massen folgen dagegen stärker ihren erotischen Trieben und heiraten ohne Rücksichten auf die ökonomischen Voraussetzungen und Folgen. (Im christlichen Mittelstand hat sich die Rationalisierung zusehends und die Angleichung an die Verhältnisse bei den Juden vollzogen).

Wir haben schon betont, daß der Arbeiter, der Lohnempfänger und der Bauer frühzeitig die volle Höhe seines Einkommens, das ihm die Arbeit seiner Hände einbringt, erreicht. Der Jude, der zumeist Träger des Kapitalismus ist, oder es werden will, unterwirft sein Liebesleben diesem Idol. Er ist Herr und Sklave des goldenen Kalbes. Die Bewegungsfreiheit ist auf diesem Altar geopfert und der Einzelne machtlos gegen die überwältigenden Einflüsse dieses Götzen. Wenn er die Schranken des Wirtschaftsgesetzes durchbrechen will, in dessen Schatten er steht, so wird er nur persönliche Nachteile erfahren, die sein aufopferndes Beispiel nicht als begehrenswertes Vorgehen vielen Jüngeren erscheinen lassen wird ...

* * * * *

Bedeutsam sind inbesonders diese und weitere Punkte, die wir kurz andeuten wollen:

1. Der deutsche Jude ist durchschnittlich bereits seit 15 Jahren geschlechtsreif und seit 10 Jahren geschlechtlich tätig, ehe er in die Ehe tritt. Durch sein Vorleben sind seine erotischen Instinkte ihrer Ursprünglichkeit beraubt, so daß uns die Erschütterung der inneren Gebundenheit vieler jüdischen Ehen nicht überraschen kann.

2. Dem späten Eheschluß gehen venerische Krankheiten in erhöhtem Maße voraus, die proportional mit der Länge der Wartezeit ansetzbar sind. Aus ihr entspringt ein entsprechender Prozentsatz von Infektionen der Ehefrauen und eine Verseuchung des Nachwuchses.

3. Je größer der Altersunterschied zwischen den Eltern und Kindern ist, desto stärker klafft die Weltanschauung zwischen ihnen. Jede Generation spricht eine andere Sprache, die das gegenseitige Verständnis zum mindesten erschwert und die die über das Maß der blutsverwandtschaftlichen Beziehungen hinausgehende Freundschaft zwischen beiden Teilen verkürzt. Jede Erweiterung des Altersabstandes erweitert die psychische Kluft.

Die häusliche Erziehung der Kinder wird durch die Erschwerung des Wirtschaftslebens in der Großstadt auf eine neue Basis gestellt. Die Einwirkung der Eltern im jüdischen Sinne, wie sie in der Kleinstadt Usus war, erfährt in der Großstadt eine Minderung. Selbst in Kreisen, die der Religion großes Interesse entgegenbringen. Dadurch entsteht eine geistige Entjudaisierung, über welche sich insbesondere die Lehrer entsetzen und über die allgemein geklagt wird, die aber selbstverständlich ist. Ob den altjüdischen Einfluß des Elternhauses jüdische Schulen und eigene Schulgemeinden ganz ersetzen, ob bei der $Abnahme der Geschlossenheit der Ehe und dem Rückgang des Konnexes zwischen den Generationen, insbesondere im großstädtischen$ Milieu, $die neuen Edukationsformen den alten Geist übermitteln können, ist recht fraglich.$ --

Die Entwicklung der Eheschließungen verraten uns einige Ziffern.

Es fand statt eine Eheschließung von Juden

================================================================ im Durchschnitte der Jahre | in Preußen | Bayern | Deutschland ----------------------------+------------+--------+------------- 1875-84 | 2517 | 362 | 1885-94 | 2577 | 360 | 1895-00 | 3131 | 384 | 1901-05 | 2534 | | 3908 1906-09 | 2672 | | 3978 1910 | 2667 | 367 | 3880 1911 | 2581 | 390 | 1912 | 2546 | 372 | 1913 | 2482 | 389 | 3883

In $Deutschland$ betrug die Zahl der Eheschließungen 1901-1909 durchschnittlich bei der allgemeinen Bevölkerung 8,0% bei der jüdischen Bevölkerung 7,2%.

In Berlin in den 10 Jahren vor dem Krieg (incl. Mischehen) trotz Konstanz der heiratsfähigen Bevölkerung:

1904 1504 1905 1533 1906 1524 1907 1562 1908 1451 1909 1433 1910 1429 1911 1438 1912 1356 1913 1251

KAPITEL VII.

$DIE GEBURTEN BEI DEN JUDEN.$

_Die Entwicklung geht dahin, die Zeugung von der Befriedigung des Geschlechtstriebes zu trennen._

_Forel._

_Das Konstante ist nicht der Fortpflanzungstrieb, sondern der Begattungstrieb._

_Pothoff._

Vom Jahre 1875 bis zum Jahre 1914 hat die jüdische Bevölkerung in Preußen um 75000 und damit um ca. ein Fünftel zugenommen (1910). Die Zahl ihrer Geburten hat sich dagegen von über 11000 auf unter 6000 vermindert und ist absolut um fast 100%, relativ um fast 360% gesunken.

Es war

=============================================================== im Jahr | | | durchschnittlich | die Zahl d. Juden | der Geburten | in Proz. ------------------+-------------------+--------------+--------- 1820-30 | 153688 | 5512 | 37,0 1831-40 | 174000 | 6212 | 35,5 1841-50 | 214000 | 7446 | 35,1 1851-60 | 234000 | 7933 | 35,0 1861-66 | 262000 | 8473 | 33,4 1875-80 | 350000 | 11151 | 31,0 1881-90 | 366000 | 9650 | 27,1 1891-1900 | 380000 | 8250 | 21,4 1901-05 | 400000 | 6995 | 17,5 1906-10 | 412000 | 6790 | 16,5

=============================================================== im Jahr. | die Zahl d. Juden | der Geburten | in Proz. durchschnittlich | | | ------------------+-------------------+--------------+--------- 1911 | | 6350 | 15,3 1912 | | 6250 | 15,0 1913 | ? 416000 | 6100 | 14,75 1914 | | 5800 | 14,0 1915 | | 4800 | 11,4 1916 | | 3500 | 8,3 1917 | ? 420000 | 2900 | 7,1

diese Ziffer umschließt

1. die eh. jüd. Geborenen 2. die unehelichen 3. 25% der Kinder aus Mischehen.

Die deutschen Juden halten den Weltgeburtenrekord nach unten. Frankreich, das in der Wissenschaft als das kinderärmste Volk gilt, hatte 1905-1910 noch 19-21 0/00 (gegen 16,5 der preußischen Juden). Für Frankreich ist längst erwiesen, daß bei dieser Ziffer eine Volksvermehrung aufhört. Die jüdische Sterblichkeit war allerdings niedriger als die französische, dagegen war die Geburtenziffer ebenso viel geringer, ohne daß die Taufen und Austritte dabei berücksichtigt sind. Wenn man trotzdem noch an eine Bevölkerungszunahme der Juden „glaubt”, so gehört diese Anschauung in den Kreis der Vorstellungen, die jenseits der Wissenschaft stehen.

Die jüdischen Eheschließungen in Preußen schwankten (siehe voriges Kapitel) zwischen 2500 (Mitte der 70er Jahre) bis 3000 (Anfang des Jahrhunderts), und stellten sich allmählich wieder auf 2500 (1912/13) ein. Dementsprechend müßten wir logischerweise erwarten, daß die Geburten, die in der Mitte der siebziger Jahre über 11000 betrugen, sich bis zum Ende des Jahrhunderts gleichfalls um 1/5 vermehren würden (also auf 13200), um dann wieder auf 11000 zu fallen.

Einen deutlichen Einblick in den Rückgang der Geburten bekommen wir bei einer Gegenüberstellung der Geburten und der Eheschließungen. Der Redakteur der Zeitschrift für Stat. u. Dem. d. Juden, Segall, spricht zwar „Theilhabers Ergebnisse beruhen auf dieser Berechnungsweise, die sich bei näherer Betrachtung als durchaus unzuverlässig darstellt und von der Wissenschaft jetzt vollständig abgelehnt ist”.

Die Zeitschrift für die Statistik und Demographie der Juden benutzte selbst diese „unzuverlässige” Methode und brachte im Heft 8, Jahrgang 1905 eine Untersuchung, wonach in Bayern auf eine jüd. Eheschließung Geburten trafen:

1876/80 4,75 1881/85 4,15 1886/90 3,5 1891/95 3,0 1896/1900 2,5 1901/05 2,25[20] 1906/10 2,15 1912/13 1,9

Es wurden nämlich in Bayern ermittelt:

jüd. Eheschließungen jüd. Geburten

1891/95 364 1093 1896/00 392 977 1901/05 427 934 1906/10 388 873 1913/14 384 738

Auf eine Eheschließung von Juden kamen jüdische Geburten dementsprechend in Preußen:

1820/30 5,2 1841/50 5,0 1875/84 4,3 1885/90 3,5 1895/1900 2,8 1901/05 2,7 1906/08 2,4 1910/14 2,15

Rost hat in der „Sozialen Kultur” (August 1912) ganz richtig berechnet, daß 1876/80 auf 1000 Eheschließungen 4640 Geburten und 1910 auf 1000 Eheschließungen nur noch 2160 Geburten kamen.

Man muß nicht jahrelang Statistiken geschrieben haben, um zu begreifen, daß wenn in den ersten Jahrzehnten des XIX. Jahrh. 5,2 Geburten auf eine jüdische Eheschließung kamen und von 1910-13 nur 2,15 -- durch diese Gegenüberstellung ein anschauliches Bild gewonnen ist. Um das Werk nicht zu sehr auszuspinnen, verzichte ich auf die Wiedergabe aller einzelnen Zahlen, die ohnedies das Unglück der jüdischen Statistiker geworden sind, weil diese vor lauter Ziffern die Dinge selbst nicht mehr zu entziffern verstehen.

Es wurden in Preußen gezählt:

jüdische Geburten Eheschließungen (aus jüd. Ehen)

1910: 2667 1911: 5737 1911: 2581 1912: 5541 1912: 2546 1913: 5497 1913: 2482 1914: 5279

Wir waren also auch vor und ohne den Krieg beim Zweikindersystem angelangt und jedes Bestreiten dieser Tatsache beweist nur den Mangel statistischen Wissens und loyalen Denkens.

Einen Ueberblick über die Entwicklung der Fruchtbarkeit in Stadt und Land gibt die bayrische Statistik. Danach gab es Geburten:

======================================================= | in den | im übrigen | anno | größ. Städten | Land | zusammen -------------+----------------+-------------+---------- 1879 | 584 | 973 | 1557 1881-85 | 563 | 892 | 1455 1886-91 | 500 | 722 | 1222 1891-95 | 488 | 595 | 1083 1897-00 | 496 | 470 | 966 1901-05 | 473 | 460 | 933 1906-10 | 460 | 374 | 834 1912-13 | 444 | 294 | 738 (1917 | 216 | 118 | 334)

Seit dem Jahre 1879 haben sich die Juden in den bayrischen Städten mehr als verdoppelt. Ihre Eheschließungsziffer ist entsprechend größer geworden. Trotzdem hat ihre $Geburtenzahl$ keineswegs zugenommen, sondern sich sogar absolut um 20% vermindert. Aber auch auf dem Lande ist die Fruchtbarkeit, mehr als ihrer Eheziffer entsprach, zurückgegangen und der Ausgleich fehlt, welcher der nichtjüdischen Bevölkerung der Großstädte durch das flache Land erwächst. Im Jahre 1905 war die spezifische Geburtenhäufigkeit der Kleinstadt- und Dorfjuden zwar um ca. 33% größer als die der Städte, gleichwohl um 100% geringer, als die der Christen. Wir sehen ferner aus dem raschen Rückgange der Fruchtbarkeit in den Kleinstädten und auf dem Lande: der minimale Nachwuchs des Landes kommt fast garnicht mehr in Betracht und kann so keine Kompensation der gesunkenen städtischen Fertilität herbeiführen. Mit den jungen Landjuden, die in die Städte „strömen”, wird es bald aus sein.

Ich habe eigene Untersuchungen in den Dörfern Unterfrankens angestellt, die von Großstädten weit ab liegen und deren Juden den Boden bebauen und auch hier eine überaus starke Reduktion der Kinderzahl nachweisen können. Statistischen Institutionen der Juden ist es ein leichtes, sich durch Enquêten eine Uebersicht zu verschaffen und es erscheint mir mindestens ebenso wichtig, dieser Frage nachzugehen, als der endlos beackerten Frage der jüdischen Berufstätigkeit Arbeiten folgen zu lassen. Trotzdem sind in den letzten 10 Jahren auf dem Gebiet der jüdischen Bevölkerungspolitik, abgesehen von meinen Untersuchungen, nur kleine Zeitschriftenabhandlungen erschienen, die meist in abgeschwächter Form meine Ergebnisse wieder brachten, zumeist allerdings ohne meine eingehenderen Arbeiten zu berühren.

Um Lesern, die mit der Statistik nicht zu sehr vertraut sind, die Dinge zu erleichtern, kann man diese Ziffern auch in folgender Aufmachung verständlich zeigen.

Es wurden Jüdinnen gezählt in Preußen:

======================================================================== | a) | b) | | | zusammen | als Hei- | als Ge- | als Hei- | als | Hei- | ehelich | ratende | bärende | ratende | Gebärende | ratende | | in jüd. | in jüd. | in | in | über- | Gebärende | Ehen | Ehen | Mischehen | Mischehen | haupt | überhaupt -----+----------+---------+-----------+-----------+---------+----------- 1910 | 2667 | 5864 | 316 | 371 | 2983 | 6235 1911 | 2581 | 5835 | 301 | 375 | 2882 | 6216 1912 | 2546 | 5779 | 334 | 354 | 2886 | 6133 1913 | 2482 | 5497 | 327 | 355 | 2819 | 5852

Nach solchen Ziffern muß man sich fragen, was für eine Ausrede können noch die Schönfärber erfinden, um die klare Lage der Dinge zu verleugnen und zu verwischen?

Das Bild wäre noch eindeutiger, wenn nicht die Einwanderung fortpflanzungsfreudiger Ostjuden die völlige Auflösung verhinderten. Segall selbst hat für München vom Jahre 1894 bis 1905 nachgewiesen, daß 70% der Kinder von auswärts beheimateten Eltern stammten und er selbst schloß auf einen höheren Anteil der Ausländer! Das Rabbinat und die Aufzeichnungen des Münchener Mohels haben mir auch eine ungebührlich hohe Nachwuchsziffer von ausländischen Müttern angegeben.

Für Groß-Berlin entnehme ich der Zeitschr. f. Statistik d. J. (10. Jahrg. Heft 9/10) einer Zahlenkompilation Segalls eine brauchbare Ziffer. Danach waren 6-15 Jahre alte jüdische Kinder:

============================================== in | davon Ausländer | in % ---------------------+-----------------+------ Berlin 11645 | 2718 | 23,3 Charlottenbg. 2463 | 342 | 15,9 Schöneberg 1248 | 195 | 15,6 Wilmersdorf 1185 | 205 | 17,3 Neukölln 321 | 81 | 25,2 Lichtenberg 180 | 58 | 32,2 ---------------------+-----------------+------ insgesamt 16040 | 3649 | 22,8

Dagegen waren prozentual im Ausland gebürtig unter 100 Juden

in Berlin 17,2 Charlottenburg 13,3 Schöneberg 10,8 Wilmersdorf 13,2 Neukölln 19,4 Lichtenberg 20,0

Damit ist ihre stärkere Beteiligung an der jüdischen Volksvermehrung, die von Segall bestritten wurde, von Segall selbst erwiesen. Die Zahl der 0-6jährigen Kinder war bestimmt eine bei den Ausländern verhältnismäßig noch größere, da ihre Einwanderung -- wie wir sahen -- erst im Anfang dieses Jahrhunderts stark eingesetzt hat, kann ihr Nachwuchs erst allmählich in die Erscheinung treten. Die 6-15jährigen müssen daher beträchtlich weniger als die 0-6jährigen sein.

Ich habe in der bereits citierten Arbeit über die Berliner Juden des weiteren nachgewiesen, daß die Eltern, welche ein drittes, viertes, fünftes und sechstes Kind bekamen, in immer stärkerem Maßstabe Ausländer waren. So daß letzten Endes die Familien mit sehr großer Kinderzahl in 50% ausländischen Juden angehören. Die Juden aus dem Ausland sind somit 1) überhaupt ehefreudiger 2) gehen weniger Mischehen ein und 3) beschränken sie ihre Kinderzahl nicht so stark. Ohne diese Einwanderung wäre die Kinderziffer der deutschen Juden nicht einmal zwei pro Ehe. Ohne die Einwanderung wäre die Frage keine Frage mehr.

Bei dem Geburtenproblem operiert Jacob Segall immer mit den ausgewanderten deutschen Juden, das heißt eine klare Sache verwirren wollen. Wir kennen die Ziffer der Eheschließungen und kennen die Geburtenziffern. Wenn keine Auswanderung erfolgt wäre, wäre die Zahl der Eheschließungen und die Zahl der Kinder etwas größer; aber ihre Relation bliebe die gleiche. D. h. mit anderen Worten, die Auswanderung hat das Zweikindersystem der deutschen Juden nicht verursacht oder begünstigt. Für mich ist eine derartige Deduktion wissenschaftlicher Unsinn!

Bei der Bedeutung Berlins mag die Anführung ihrer Statistik gestattet sein. Es gab in Berlin allein

Jüd. Geburten in Promille Juden insgesamt

1871-75 1141 27,5 40000 1876-80 1455 26,0 50000 1880-90 1550 22,0 65000 1891-1900 1775 18,0 86000 1901-05 1570 16,7 95000 1906-10 1500 15,0 95000 1911-14 1250 13,6 92000 (1917 640)

Leider gibt es keine Zusammenstellung der Geburten in Groß-Berlin. Im eigentlichen Berlin wohnt die ärmere jüdische und ausländische Bevölkerung, während die zweite Generation, die wohlhabender geworden ist, nach dem Westen verzieht. Einzelne Detailziffern ergeben für die westlichen Vororte Geburtenziffern unter 10 0/00.

Eine reichliche Literatur hat sich bemüht, das Problem des Geburtenrückgangs zu erklären. Es ist unmöglich, die Ursachen des Geburtenrückgangs mit einer Formel zu erfassen. Eine Reihe von Komponenten wirken am Werke. Mühen der Schwangerschaft, Gefahren der Entbindung spielen im Unterbewußtsein der Frauen eine Rolle. Liebe zum Kinde, Angst vor der Abtreibung, religiöse Vorstellungen und nationales Denken würden gleichwohl der Natur freien Lauf lassen, wenn die Sorge für den gepflegten Leib, für die Taille und die Unannehmlichkeit der neun Monate der Empfängnis und des Stillens die einzigen Widerstände wären. Am stärksten aber hemmen die Emanationen der wirtschaftlichen Schädigungen. Wer wie der Jude mit seinen Kindern höher hinaus will, der beschränkt leicht deren Schar, wenn er oder seine Frau nicht selbst auf viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten will. Und mit dem Erwachen der Lust für die Annehmlichkeiten des Lebens hört die restlose Opferung der Eltern für die Kinder auf. Ich habe in dem Werke das „Sterile Berlin” (Berlin 1912) nachgewiesen, wie sich die Ausgaben für die Kinder deutlich bemerkbar machen. Eine große Familie bringt selbst begüterten Eltern schwere Lebenssorgen, wenn den Kindern eine in ihren Kreisen übliche Erziehung und Lebensstellung verschafft wird. Die Töchter haben einen Anspruch auf eine Mitgift, die dem Stande der Eltern angepaßt sein soll, da ihnen sonst leicht die ebenbürtige Heirat verwehrt bleiben kann. Die Ausbildung der Söhne verlangt einen Aufwand, der schon vor dem Kriege einem kleinen Vermögen gleich zu setzen war. Die gute alte Zeit unsrer Großeltern kam der Kinder-Zeugung entgegen. Sie lebten hauptsächlich in Dörfern oder Kleinstädten.

Auf dem Lande war die Aufzucht einer großen Kinderzahl leichter und eher möglich, da die Wohnungs-, Bekleidungs- und Nahrungskosten auf dem Lande bei starkem Familienzuwachs nicht so groß wie in der Stadt sind. Auch die Städter hatten bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts noch keinen so ausgeprägten Kapitalismus, der überragend das Erwerbsleben beherrschte. Die Unternehmer arbeiten heute mit immer größeren Geldmitteln, sodaß der geldarme Konkurrent ihnen gegenüber einen überaus schweren Stand hat und nur mühselig emporkommt.

An und für sich ist die Reduktion der Geburten eine naturnotwendige Erscheinung unseres Zeitalters. Deutschland hatte 1910 doppelt so viele Einwohner wie ein Menschenalter vorher und es hätte bei ungehemmter Fruchtbarkeit, welche der Geburtenquote der Jahre 1800-1840 entspricht, im Jahre 1950 über 100 Millionen Einwohner.

Die glänzende Bekämpfung der Krankheiten und der Sterblichkeit verlangt einen Einhalt der Geburtenerzeugung, wenn die alten Aderlässe der Menschheit, die ihre Zahl stets einschränkten, Kriege, Infektionskrankheiten und Hungersnöte in Fortfall kommen.

Die natürliche Fruchtbarkeit, die in wahnsinnigem Tempo sich vollziehen könnte, läßt schwer Platz und Brot genug finden für zu großen Nachwuchs. Die Beschaffung alles dessen, was wir besitzen und was uns das Leben angenehm macht: wohnliche Häuser, Einrichtungsgegenstände, Schmuck jeder Art, öffentliche Gebäude, Schulen, Badehäuser, Volksheime, ferner die Verbindungsmöglichkeiten, Eisenbahnen, Dampfschiffe, alle die Erfindungen des menschlichen Geistes, alle Vergnügungen, alle Werke, die der Kultur und der Zivilisation dienen, können nicht so rasch vermehrt werden, als eine stark wachsende Bevölkerung es verlangen würde.

Zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig gähnt eine Kluft. Aber die kurze Zeit von 40 Jahren hat sie überbrückt.

Die Schattenseiten des Geburtenrückganges liegen nicht in dem Rückgang der Geburten an sich, sondern sie treten erst dort auf, wo anormale Sexualverhältnisse die Tendenz der Beschränkung bis aufs äußerste treiben. Die durch das Wirtschaftsleben unserer Zeit bedingte unsinnige Spätehe läßt Kinder zur Welt kommen, die körperlich und geistig minderwertig sind. Was die Liebe der Eltern durch die Beschränkung der Familie an den wenigen Kindern gutmacht und durch ihre aufopfernde Pflege nützen möchte, das erfährt eine unangenehme Einschränkung durch die zu späte Zeugung.

In meinem „sterilen Berlin” habe ich auf den internationalen Charakter des Geburtenrückgangs hingewiesen. Für die vereinigten Staaten ist selbst bei den akklimatisierten orthodoxen Juden eine überaus niedrige Geburtenrate festgestellt worden. Für die Westjuden zeigte sich dieselbe Erscheinung, z. B. in Kopenhagen, wo nicht einmal zwei jüdische Kinder auf eine jüdische Ehe kommen. $Cordt Trap$, der Direktor des statistischen Büros in Kopenhagen schloß:

„In richtiger Uebereinstimmung ist es, dass die Todesfälle bei den Israeliten die Zahl der Geburten bei weitem übertreffen. 1891-1905 wurden im ganzen 1.049 Todesfälle gegen nur 692 Geburten registriert.”

Auch $Weißenberg$ und $Fishberg$, dieser in einem Buche über die Rassenmerkmale der Juden, jener im Archiv für Rassen und Gesellschaftsbiologie haben selbst bei den russischen Juden sichtliche Anzeichen einer Minderung der Empfängnis wahrgenommen. Wie weit im Osten der Neumalthusianismus Fortschritte machen wird, ist hier nicht zu erörtern. Wir können uns damit begnügen, die Geburtenentwicklung der deutschen Juden zu übersehen: Eine weitere Geburtenbeschränkung wird bei der Generation stattfinden, die heute im Gedanken und im Banne der überhand nehmenden Verhältnisse heranwächst. Die Verschärfung der kapitalistischen Zustände im Wirtschaftsleben des Mittelstandes und insbesondere die Schäden, die die Familienbildung durch den Krieg erfahren hat, wird sich in Ziffern kund tun, welche die numerische Erschütterung der deutschen Juden unfehlbar bedeutet.

KAPITEL VIII.

$DIE MORTALITÄT$.

„_Die Lebensfähigkeit im Leben des Volkes fand ihren entsprechenden Ausdruck in der Lebenszähigkeit der Individuen, aus denen sich dasselbe zusammensetzte._”

_Hoppe._

Die Mortalitätsstatistik der Juden ist eigentlich nicht ganz zureichend, weil Personen, die als Juden geboren und als Freireligiöse, bezw. Christen sterben, nicht in ihr gezählt werden. Diese Ungenauigkeit wird gleichwohl von gewissen Statistikern geflissentlich bei Geburtenüberschußberechnung nicht berücksichtigt. Wir werden bei der Bilanz (Beim Kapitel Bevölkerungsüberschuß) darauf zurückkommen. -- Es starben

======================================================= in Preußen durchschnittlich | in Bayern in den Jahren | ----------------------------+-------------------------- Juden in 0/00 | Juden in 0/00 | 1821/30 3318 21,6 | 1876 939 18,6 1841/50 4332 20,7 | 1880 992 18,0 1861/65 4337 16,0 | 1890 875 16,3 1885/90 5935 16,5 | 1900 740 13,5 1890/95 5779 15,3 | 1901/10 711 13,0 1895/1900 5499 14,9 | 1901/05 5663 14,4 | 1906/10 5725 13,8 | 1911 5877 14,3 | 1912 5733 14,0 | 1913 5741 14,0 | 1914 6535 |

Die Sterblichkeit der Juden ist -- für den Fachmann sofort erkennbar -- bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine überraschend günstige. Von Jahr zu Jahr werden die Zahlen geringer, sie erreichten den niedersten Stand im Jahre 1906-10 mit 13,8 Todesfällen auf 1000 Lebende. (Mathematisch gesprochen entspricht diese Zahl einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren. Sie ist aber nur erklärlich entweder bei momentanen Einsparungen oder bei mangelhafter Erfassung wie z. B. beim Fortfall der sterbenden Juden, die infolge ihres Austritts nicht gezählt werden u. s. w. Fragen, die ich u. a. in der 1. Auflage berührte.)

Die letzten 10 Jahre vor dem Krieg zeigten im allgemeinen eine auffallend gleiche absolute und fast auch relative Sterblichkeitsziffer. Sie betrug praeter propter 5700-5800 Seelen. Da die Säuglinge von Jahr zu Jahr abnehmen, sinkt der Anteil der sterbenden Säuglinge. Bei der von dem früheren Geburtenreichtum herrührenden zunehmenden Stärke der erwachsenen Bevölkerung (auch durch die Einwanderung), nimmt dafür die Zahl der gestorbenen Erwachsenen zu. Der Bevölkerungsaufbau der Berliner und der hessischen Juden, der nach weiteren Teilstatistiken wirklich typisch für die Verteilung der Juden auf Altersklassen ist, zeigt eine immer stärker werdende Besetzung der Altersklassen über 40 Jahre. Da die Sterblichkeit der alten Leute immer größer ist als z. B. der jüngeren (mit Ausnahme der Säuglinge), so ist für die Zukunft mit einer Zunahme der Sterblichkeit mit mathematischer Sicherheit zu rechnen. Es verteilte sich die Berliner jüdische Bevölkerung unter 100 Personen

======================================= auf die Jahrgänge | 1871 | 1905 | 1910 ------------------+------+------+------ 0-20 | 40,9 | 30,5 | 29,3 20-40 | 37,3 | 38,6 | 37,7 40 und älter | 21,8 | 30,9 | 33,0

Dieser Bevölkerungsaufbau ist auch in ihren Tendenzen in allen anderen Auszählungen beobachtet worden, so daß man überhaupt von einer Umgruppierung der Juden auch in der Altersbesetzung ihrer Bevölkerung sprechen kann. Segall irrt sich auch in der Behandlung dieser Frage, insofern er aus einer Einsparung der Sterbenden einem Geburtenüberschuß das Wort redet.

Artur Kahn hat darauf hingewiesen, daß die Verschärfung des Erwerbslebens in der Großstadt dazu beiträgt, die Menschen frühzeitig aufzureiben. Wir können diese Schäden vor allem auf folgende Einwirkungen zurückführen:

1. Die Minderung der jüdischen Mäßigkeit, besonders hinsichtlich des Alkoholkonsums und die zunehmende sexuelle Verseuchung.

2. Die Beschäftigung in Berufen, welche keine körperliche Anstrengung erfordern und auf Kosten der gesunden Bewegung die Disposition für Herz-, Nieren-, Gefäß- und Nervenkrankheiten schaffen. Die Verschärfung des Erwerbslebens steigert die soziale Krankheitsindikation.

3. Der starke Arbeitseifer der Juden. Die Minderung der ländlichen Urwüchsigkeit in der zweiten Generation.

4. Die Aufzucht Lebensschwacher, welche früher als kleine Kinder eingingen, jetzt aber aufgepäppelt werden und als Erwachsene vorzeitig sterben und so das Durchschnittsalter herabsetzen.

Die Zunahme rasseschlechter Elemente überhaupt infolge der Spätehen, der Geschlechtskrankheiten usw.

Die Kindersterblichkeit der deutschen Juden ist heute ungefähr 12%; von 100 Kindern erreichen 88 das 16. Lebensjahr. Selbst wenn sich diese Zahl noch um ein bis zwei Punkte günstiger stellen wird, so handelt es sich um eine jährliche Ersparung von höchstens 50-100 Seelen; auf der anderen Seite ist die Sterblichkeit der älteren Jahrgänge noch verhältnismäßig niedrig. Es ist ein Irrtum und verrät eine direkte Denkarmut, wenn Statistiker glauben, die Mortalität könnte ad infinitum verbessert werden. Auf 1000 Einwohner kamen Todesfälle bei den Juden

=============================================================== unter | über | 0-15jähr. waren unter 100 Gest. 15 Jahren | 15 Jahren | bei den Juden | Christen -----------------+-----------+-----------------+--------------- 1877 2850 | 3473 | 45 | 54 80 2696 | 3599 | 43 | 54 85 2341 | 3822 | 38 | 54 90 1955 | 4038 | 32 | 53 95 1497 | 4086 | 27 | 53 1900 1365 | 4563 | 23 | 51 05 1089 | 4735 | 19 | 49 10 743 | 4966 | 13 | 44 11 823 | 5054 | 14 | 45 12 634 | 5119 | 11 | 40 13 678 | 5063 | 12 | 41 14 648 | 5887 | |

Die stärkere Besetzung der älteren Jahresklassen bedingte eine erheblichere Sterblichkeit der Erwachsenen. Der Rückgang der Mortalität der Kinder von 2850 auf 648 schuf einen Ausgleich. Damit ist aber die Kindersterblichkeit am Ende ihrer Verbesserungsmöglichkeit. Auch ohne den Krieg und seine Folgen wäre bei der Verschiebung der Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf die älteren Altersklassen eine Zunahme der Sterblichkeit erfolgt.

$Vor einiger Zeit noch ist ein Geburtenüberschuß durch das Absinken der Sterblichkeit erfolgt. Wir stehen aber jetzt am Ende dieser Entwicklung. Von hier wird dem sterbenden Simson keine Hilfe mehr zuteil. Seien wir froh, wenn die Schäden des Krieges, die ungesunde Bevölkerungsschichtung, die Aufzucht der lebensschwachen nicht zu einer qualitativen und quantitativen Schädigung der Rasse von stärkstem Ausmaß führt.$

KAPITEL IX.

$ZUM PROBLEM DES GEBURTENÜBERSCHUSSES$.

_„Nun tausend Jahr schon leb ich Im Drucke, im Exil, Ein Knecht in Wüsteneien Dem Uhu ein Gespiel! Komm Daniels Engel tu Das Ende mir doch kund! Das Ende auch verhüllt ist Verstummt des Engels Mund..!”_

_Salomon ibn Gabirol._

Bevölkerungsbewegung der Juden

========================================================================= In | Im | | | Austritte || Bevölkerungs- Preußen | Durchschnitt | Geburten | Sterbe- | [21] und || bilanz | der Jahre | | fälle | Taufen || (ungefähr) --------+--------------+----------+---------+-----------++--------------- | 1881-90 | 9650 | 6075 | 350 || + 3225 | 1890-00 | 8250 | 5639 | 500 || + 2100 | 1900-05 | 6995 | 5665 | 600 || + 750 | 1906-10 | 6790 | 5723 | 700 || + 350 | 1911 | 6357 | 5877 | „ || - 220 | 1912 | 6288 | 5753 | „ || - 175 | 1913 | 6264 | 5741 | „ || - 175 | 1914 | 5987 | 5750[2] | „ || - 400[22]

Bevölkerungsbewegung der Juden

======================================================================== In | Im | | | Austritte || Bevölkerungs- Bayern | Durchschnitt | Geburten | Sterbe | [21] und || bilanz | der Jahre | | fälle | Taufen || (ungefähr) -------+--------------+----------+---------+-----------++--------------- | 1876 | 1740 | 939 | 30 || 770 | 1880 | 1680 | 992 | 40 || 648 | 1890 | 1147 | 875 | 50 || 222 | 1900 | 932 | 740 | 60 || 132 | 1905-09 | 868 | 712 | 75 || 81 | 1910 | 793 | 644 |} || 79 | 1911 | 773 | 745 |} || - 42 | 1912 | 740 | 713 |} || - 43 | 1913 | 695 | 686 |} 70 || - 69 | 1914 | 740 | |} || | 1917 | 325 | 878[24]|} || - 553

In $Wien$

======================================================================= | | Uebertritt | | | Bevölkerungs Jahr | Geborene | z. Juden | Austritt[25] | Gestorbene | Zunahme resp. | | | | | Abnahme -----+----------+------------+-------------+------------+-------------- 1910 | 2457 | 91 | 512 | 2163 | - 127 1911 | 2371 | 107 | 539 | 2332 | - 393 1912 | 2225 | 124 | 567 | 2259 | - 477[26] 1913 | 2237 | 117 | 498 | 2355 | - 499 1914 | 2548 | 107 | 532 | 2551 | - 428

Für die Provinz und zwar gerade für die ursprünglich fruchtbarste hat Friedrich Swart in Schmollers Jahrbüchern im Jahre 1912 S. 316 (Deutsche und Polen in der Provinz $Posen$) den Geburtenüberschuß nachgeprüft und bezeichnenderweise auch für diese Gegenden das unzulängliche Resultat festgestellt. So betrug der Geburtenüberschuß auf je 10000 Köpfe in Posen:

Jahr Kath. Juden Jahr Kath. Juden

1880 202 119 1895 248 25 1885 178 89 1900 225 -24 1890 197 41 1905 213 -36

Auf dem Lande bleiben verhältnismäßig viele alte Leute zurück, während die Mehrzahl der zeugungsfähigen abwandert und der Rest bei geschmälter Fruchtbarkeit immer geringeren Nachwuchs produziert.

Eine Ruppinsche Berechnung für die Jahre 1885-1900 habe ich fortgesetzt. Danach waren in Preußen Juden:

======================================================================= | 1885 | 1890 | 1895 | 1900 | 1906 | 1911 | bis | bis | bis | bis | bis | bis | 1890 | 1895 | 1900 | 1905 | 1910 | 1913 -------------------+-------+-------+--------+--------+--------+-------- Geboren: | 45302 | 42442 | 39386 | 37343 | 33950 | 18909 Gestorben: | 29678 | 28896 | 27496 | 28314 | 28615 | 17371 -------------------+-------+-------+--------+--------+--------+-------- Geburtenüberschuß: | 15624 | 13546 | 11890 | 9029 | 5335 | 1538 ===================+=======+=======+========+========+========+======== Verluste | | | | | | | | | | | | a) durch Austritt | 1250 | 2000 | 2500 | 3000 | 3200 | 2000 | | | | | | b) durch Kinder | | | | | | aus Mischehen. | 664 | 696 | 775 | 1000 | 1000 | 1000 -------------------+-------+-------+--------+--------+--------+-------- Zunahme resp. | | | | | | Abnahme |+13716 |+10850 | + 8615 | 5029 | 1135 | -1500 -------------------+-------+-------+--------+--------+--------+--------

Leider sind die Ziffern, die den Verlust der Gemeinschaft durch die Taufe, Austritt und Mischehe betreffen, nicht ganz genau zu erfassen (siehe das betr. Kapitel). Es ist nun ganz gleichgültig, ob der Verlust durch Austritt oder Mischehen um ein paar Seelen größer oder kleiner ist. $Selbst bei günstigster Berechnung haben die preußischen Juden vor dem Kriege keine Bevölkerungszunahme aus sich heraus erfahren.$ Der Ausfall ist auf Grund sorgfältiger Berechnungen auf 1500 Seelen von 1911-1913 resp. 500 für das Jahr anzunehmen. Das ist aber nicht das Wesentliche an dem Vorgang, die Bedeutung liegt in der fabelhaften Tendenz, die sich in den wenigen harmlosen Ziffern widerspiegelt.

Auch Bayern weist z. B. für das Jahr 1913 695 Geburten und 686 Todesfälle auf. Wir können noch so sophistisch die Zahlen deuteln, die Geburtenunterbilanz ist unleugbar, da den 686 gestorbenen Juden die hinzuzuzählen sind, die bei ihrem Tod als Christen oder Freireligiöse gezählt wurden. Selbst bei bescheidensten Ziffern der getauften resp. ausgetretenen bayrischen Juden läßt sich nicht ein Plus erzielen.

Segall hat es, obwohl es von mir öfters im „Untergang” als ein fundamentaler Fehler gekennzeichnet wurde, trotzdem unterlassen (siehe z. B. die reptilienartige Berechnung eines Geburtenüberschusses der preußischen Juden auf Seite 136 d. 9. Jahrg. der Zeitschr. f. St. d. J.) die Zahl der Austritte bei seinen Geburtenüberschuß-Berechnungen zu buchen; auf diese Weise täuscht er einen Geburtenüberschuß vor, der in Wirklichkeit nicht existiert. Wenn die Austretenden nicht zu dem Zeitpunkte, an dem sie die jüdische Gemeinde verlassen, als Abgang in Rechnung gebracht werden, dann sind sie in ihrem Sterbejahr den gestorbenen Juden zuzuzählen, da sie doch auf der anderen Seite auch in die Statistik der geborenen Juden aufgenommen werden!

Im Jahre 1914 gab es in Preußen -- naturgemäß alle aus der Friedenszeit stammend -- fast 6000 Geburten, die dem Judentum zuflossen. Demgegenüber war die Sterblichkeit der letzten Jahre vor dem Krieg durchschnittlich über 5700, mit der Zahl der Austretenden aber übertraf sie den Zuwachs. Der aus Geburten stammende Zufluß genügt also im Jahre 1914 nicht, den regelmäßigen Abgang zu ersetzen.

Mit Absicht bin ich nicht auf die Bevölkerungsbewegung der Kriegszeit eingegangen. Die Kinderzahl jener Jahre sinkt noch um die Hälfte, während die Sterblichkeit sich fast verdoppelte. Es ist anzunehmen, daß während des Krieges der einheimischen jüdischen Bevölkerung eine Abnahme von 25-30000 Seelen erwachsen ist, was ungefähr 4-5% ihrer Gesamtheit ausmacht. Genaue Berechnungen werden sich erst aufstellen lassen, wenn alles Material vorliegt.

Man hat erwartet, daß Deutschland durch einen frisch-fröhlichen Krieg bevölkerungsproblematisch „gebessert” würde. Auch die statistische Wissenschaft der Juden ($Segall$) hat noch im Dez. Heft 1915 ihrer Zeitschrift dem Gedanken Ausdruck verliehen: „Ob durch den Krieg eine $andauernde Besserung$ bewirkt werden wird, wird die Zukunft lehren” (S. 106) und auf das Stahlbad der ehernen Zeit gehofft, das insbesondere auch auf dem Gebiet des Sexuallebens tief einschneidende Aenderungen auslösen sollte. Da aber der Wille der Massen von den ökonomischen Einflüssen abhängig ist, da die Erkenntnis vorteilhafteren Lebens und die Bannung dogmatisch-religiöser Vorstellungen gerade durch den Krieg eine starke Beeinflussung erfahren haben, wird die Hoffnung der „Optimisten” Schiffbruch erleiden. Deutschland und insbesondere seine Juden werden mehr denn je ihre Fruchtbarkeit beschränken, wenn auch die Geburtenhöhe des Jahres 1920, des ersten Friedensjahres, durch ein momentanes Anschwellen der Heiraten, besonders infolge der Zuwanderung ansteigen wird. Aber die Erschwerung der Kinderhaltung wird durch die bekannten neuen Verhältnisse erst recht potenziert. Allerdings ist die absolute Zahl der Juden Deutschlands durch eine starke Einwanderung gekräftigt. Das verzögert den Prozeß, gestaltet ihn aber nicht um. --

Wer Sinn und Verständnis für Statistik hat, der mag sich den Bevölkerungsaufbau der Juden Berlins vom Jahre 1910 ansehen. Ich hätte ihn gerne ausführlichst mit weiteren früheren Altersgliederungen gegeben, muß aber aus Raummangel hier, wie so oft, mich bescheiden.

Von 100 Juden in Berlin[27] waren alt:

1871 1880 1900 1910

0-20 Jahre 40,9 38,5 30,2 29 20-50 „ 47,0 48,4 52,3 50 50 und älter 12,1 13,1 17,5 20

Nach einzelnen Altersklassen wurden ausgezählt Personen (1910):

=========================================== davon betrafen die | 0-5 Jahre 5859 0-1 Jahre 1148 | 5-10 6238 1-2 1136 | 10-15 6627 2-3 1150 | 15-20 7791 3-4 1204 | 20-25 8879 4-5 1221 | 25-30 8588 ---------------------+--------------------- 30-35 Jahre 8814 | 61-65 Jahre 3041 35-40 7552 | 66-70 2202 40-45 6869 | 71-75 1391 45-50 5837 | 76-80 721 50-55 5160 | 81-85 352 55-60 3924 | 86 und älter

Hier wie auch anderorts sind die Juden des reifen Alters in größerer Zahl vertreten als ihr Nachwuchs. Die aufrückenden jüngeren Jahrgänge sind nicht imstande, numerisch gleich stark an die Stelle der älteren Jahrgänge zu rücken. Die in den Jahren 1906-1910 in Berlin geborenen, insgesamt nicht ganz 6000 jüdischen Kinder werden in 2-3 Jahrzehnten aus sich heraus nur ca. 5000-5300 Erwachsene stellen, (bei günstiger Sterblichkeit). Damit ersetzen sie, oder sollen sie die heute 8588 25-30 Jährigen ersetzen! Und selbst mit den Jahrgängen jenseits der Fruchtbarkeitszeit, selbst mit diesen älteren Jahrgängen können sie sich nicht messen. Man kann mit viel Kunst Ziffern anzweifeln und den Wert der Statistik kritisieren. Hier zeigt sich schwarz auf weiß: die Fruchtbarkeit der Berliner Juden ist schon heute um große Teile zu gering. Exakte Berechnungen, die ich in der Preisschrift der Gesellschaft für Rassenhygiene anstellte, ergaben einen Nachwuchs, der weit mehr als 40% zu gering ist! Die Geburtenziffer von 1910-1914 ist noch stärker zurückgegangen. Eine Unterbilanz von etwa 50% war ihre Folge.

Der Altersaufbau gibt einen glänzenden Ueberblick über die Frage der Quantität des Nachwuchses. In der jüdischen Statistik ist diese treffliche Beobachtungsmethode leider unbeachtet geblieben. Einige Beispiele lehren die Uebereinstimmung des Prozesses an anderen jüdischen Centren.

Im Jahre 1905 gab es in $Hamburg$

bei der allgemeinen jüdischen Bevölkerung

Kinder (0-10 Jahre) 176341 = 19.7% 3027 5,15% Erwachsene (30-40 „ ) 140897 = 16% 3234 16,5%

Bei der $allgemeinen$ Bevölkerung kam auf jeden Kopf der 30-40jährigen 1,25 der jüngeren Generation. Danach hatte die Hamburger Bevölkerung damals die Möglichkeit, sich aus den Kindern zu ergänzen. Bei den Juden kamen auf 3234 Dreissigjährige nur 3027 Kinder von 0-10 Jahren. Damit war die Altersklasse der Kinder um 7% schlechter besetzt. Erfahrungsgemäß fallen noch 10-12% infolge der Säuglings- und Kindersterblichkeit aus. Die jüdische Geburtenziffer war für Hamburg im Jahre 1905 mit 20% zu gering zu veranschlagen. Selbst wenn die ausländischen Juden daran schuld wären (Segall), so interessiert uns dies für den Augenblick nicht. Wir stellen momentan lediglich die Tatsache fest und können uns erst später den Einwänden nähern, die in dieser Ziffer Zufälligkeiten erblicken wollen.

Segall hat einmal eine weitschweifige Arbeit über die Münchener Juden herausgegeben, in der einige bedeutsame Ziffern in dem Wust der Tabellen verborgen blühten und die unbeachtet geblieben sind. Diese Zahlen betreffen den Bevölkerungsaufbau. Es waren in München:

=============================================== | Juden | Gesamtbevölkerung Jahre alt | 1875 | 1905 | 1875 | 1905 ----------+--------+--------+---------+-------- 1-15 | 1088 | 2225 | 43758 | 142810 16-30 | 1085 | 3173 | 64766 | 158982 31-50 | 817 | 3034 | 57774 | 159044 51-70 | 400 | 1409 | 27660 | 65912 über 70 | 77 | 215 | 4806 | 12235

Die eine Tatsache geht aus dieser Statistik klar hervor, daß (1905) die Jahrgänge der 1-15jährigen Juden durchschnittlich 148 Kinder zählen und die der 30-50jährigen 151 Personen. Wie sollen die 148 Kinder nach Abzug der Verluste durch ihre Sterblichkeit die mit 151 Personen besetzten Jahrgänge der Erwachsenen ersetzen?

Bei der $allgemeinen$ Bevölkerung ist eine ebenso große Einwanderung wie bei der jüdischen. Trotzdem kommen auf die mit 9520 Kinder besetzten Jahrgänge (0-15 Jahre) der Gesamtbevölkerung nur 7952 Erwachsene von 30-50 Jahren. Bei der christlichen Bevölkerung war der Nachwuchs fast genügend, bei der jüdischen war er absolut ungenügend. Und Segall gibt selbst den Beweis, daß die starke Einwanderung in die Städte nicht den Grund für den anormalen Volksaufbau abgibt. Er gibt ja die Statistik des Jahres 1875, da die Zuwanderung in München schon begonnen hatte. Damals waren 1-15 Jahre alt durchschnittlich 72 Juden und 31-50 jährig nur 41 Personen.

Segalls Irrtum, daß die ausländischen Juden die Fruchtbarkeit herabdrücken, erweist die Statistik der Leipziger Juden.

Hier, wo die verhältnismäßig stärkste Zuwanderung von Ostjuden besteht, ist $einzig und allein eine stärkere Besetzung der jüngeren Jahresklassen$ (der Kinder) $anzutreffen$. Es waren die Altersklassen besetzt in Leipzig

1900 1905

1-10 19,6% 20,1% 10-20 20,6 20,1 20-30 19,7 20,7 30-40 15,3 14,8 40-50 12,4 12,8

In Leipzig ist sogar die Zahl der Kinder unter der Bevölkerung proportionell gewachsen!

Segall gibt in seiner „$Andacht zum Unbedeutenden$” wie einmal A. W. Schlegel sich ausdrückte, das von amtlicher Stelle gesammelte Material in hundert Aufsätzen und Arbeiten, aber er verwirrt nur die Probleme mit seinen Kommentaren. Er kompliziert die einfachsten Vorgänge.

Segall genügt nichts. Er sieht die Ziffern der Eheschließungen, Ehelosen, der Geburten, ihr Verhältnis zu den Eheschließungen. Nichts genügt ihm, der Geburtenrückgang erscheint ihm nicht wissenschaftlich belegt. Nur die Fruchtbarkeitsziffer könne bezeugen, ob tatsächlich die Kinder bei den Juden weniger wurden. Zum Unglück aber könne man diese Ziffer nicht bekommen. Wie steht es nun wirklich mit diesem seltenen Schlüssel, der allein uns das Rätsel lösen könnte. Diese Fruchtbarkeitsberechnung geht von dem Gedanken aus, die Zahl der Geburten an den Frauen zu messen, die gebärfähig sind, also an $allen$ Mädchen und Frauen vom 15. bis 50. Lebensjahre. Jacob Segall benutzte eine Auszählung, die er $nur$ an den Münchener $Ehe$frauen anstellte. Diese Arbeit ist natürlich nur eine halbe Sache. Die Fruchtbarkeit hängt nicht nur von verheirateten Frauen ab, sondern von allen weiblichen Wesen, also auch von ledigen ohne Kinder. Ist der Prozentsatz der Ledigen gering, so kann eine mäßige $eheliche$ Fruchtbarkeit noch genügenden Nachwuchs liefern, ist die Ziffer der Ledigen mit Kindern groß, so könnte auch eine mäßige eheliche Geburtenziffer die Größe des Nachwuchses nicht beeinträchtigen. Alle diese Zwischenfragen werden überflüssig, wenn wir die Fruchtbarkeitsziffer an allen weiblichen Individuen ermitteln.

Aber selbst die Entwicklung der ehelichen Fruchtbarkeit in München müßte einem Statistiker zu denken geben, denn das ist ja eben das wesentliche an dieser Untersuchungsmethode, daß sie sich frei macht von der Besetzung der einzelnen Jahresklassen, daß sie die Einflüsse der Abwanderung gebärfähiger Elemente paralysiert und ein wirkliches $absolut einwandfreies Bild$ der Zeugungslust abgibt. Nach den Segallschen Zahlen habe ich diese jüdische eheliche Fruchtbarkeit zusammen gefaßt. Sie beträgt in München

Im Durchschnitt d. Jahre Geburten

1875/76 222 1877/82 170 1883/80 122 1891/99 112 1900/05 107,5

Glaubt Segall wirklich, daß dieser rapide Geburtensturz der Münchener Jüdinnen eine in Deutschland singuläre Erscheinung darstellt? Da er mir vorwarf, daß ich die Fruchtbarkeitsberechnung nicht für andere Gegenden aufstellte, kam ich seinen Vorhaltungen nach und habe eine einwandfreie in der citierten Preisarbeit über die Berliner Juden niedergelegt.

Meine Berechnungen wenden sich nicht nur an die gebärfähigen Ehefrauen, sondern berücksichtigen, wo es logisch ist, alle fruchtbarkeitsfähige weibliche Wesen. Es wäre ein leichtes, auch wenn die offizielle Statistik diesbezüglich versagt, diese Ziffern für andere jüdische Gemeinden nachzuprüfen.

Es trafen auf 1000 verheiratete und ledige weibliche Personen im Fruchtbarkeitsalter Geburten bei der

preuß. Bev. Berliner Bev. bei d. Jüd. Berlins

1880 105 100,8 1895 96 67,5 1900 84 60,8 1905 ca. 150-160 76 56,8 1910 48,6 1911/14 40-45

Eingehendere Ziffern sind a. O. gegeben. Im Jahre 1910 fanden sich in Berlin 25742 Jüdinnen im Alter von 15-50 Jahren. Ihre Geburtenziffer in 1100 ehelichen jüdischen und 100 unehelichen und ca. 50 jüdischen Kindern aus Mischehen (die biologische Fruchtbarkeitsziffer der Jüdinnen ohne Rücksicht auf die Kindererziehung war dementsprechend 50,5).

Die allgemeine Fruchtbarkeitsziffer für die gesamte Bevölkerung war z. B. in Bayern

1908-12 1913 in den Großstädten 87,1 74,9 in den Bezirksämtern 145,5 124,0

Jeder Mathematiker kann nachrechnen, daß eine Bevölkerung ohne jede Kindersterblichkeit 57,2 Geburten pro Jahr auf 1000 Frauen (15-50 Jahren) gebraucht. Bei einer $idealen$ Säuglings- und Kindersterblichkeit und Mortalität der Erwachsenen bis zum 50. Jahre aber 65 Geburten. In praxi dürften bei den heutigen Mortalitätsverhältnissen 70 Geburten auf 1000 gebärfähigen Frauen gerade die Bevölkerung erhalten. Darnach war die $Berliner jüdische Fruchtbarkeit um über 40% zu gering$.

Segall verlangte nach einer Fruchtbarkeitsstatistik eines Landes. Die großstädtische Ziffer genügte ihm mit Recht nicht. Er hätte sie sich selbst bequem aus der Ruppinschen Arbeit (III. Jahrgang der Zeitschr. f. Statistik) ausziehen können. Sie ergibt für das Jahr 1905 und für $Hessen$ mit reichlich ländlichen Gemeinden einen Fruchtbarkeitswert von 65. Damit hinkt die jüdische Fruchtbarkeit Hessens der Berlins nicht sehr nach. Auch Hessen teilte das Schicksal der deutschen Juden bereits 1905.

Genug der Methodik, der Tabellen, der Polemik.

Eine folgende schlichte Zusammenstellung ergibt dem, dem das Gewirr der Tabellen nicht Klarheit bietet, den erwünschten Ueberblick.

Von 100 Mädchen, die vor 45 Jahren von jüdischen Eltern geboren wurden (im Durchschnitt berechnet)

======================================================================= sind getauft | | | | | als Kind | ledig u. | ledige | heir. | heir. Juden | Insgesamt und später | kinderlos | Mütter | Nichtjud. | | -------------+-----------+--------+-----------+-------------+---------- 2 | 22 | 3 | 18 | 55 | 100 -------------+-----------+--------+-----------+-------------+---------- davon | | | | | jüdisch. 0 | 0 | 3 | 4 | 118 | 125 Nachwuchs | | | | | -----------------------------------------------------------------------

Auf jede dieser Frauen kommen momentan durchschnittlich 1,25 Kinder, während zur Erhaltung der Art 2,4 Kinder auf den Schoß jedes Weibes entfallen sollten. (Man verwechsle hiermit nicht unsere Berechnung, wonach auf jede jüdische Ehe je 2,15 kommen. Hier handelt es sich nicht nur um die Ehestatistik, die übrigens in Rubrik 5 enthalten ist, sondern um die Fruchtbarkeit im allgemeinen). Selbst wer nachsichtig, noch so liebevoll wissenschaftlich die Statistik des jüdischen Sexuallebens bearbeitet, kann nie und nimmer zu anderen Resultaten gelangen. (Dr. $Herlitz$ fand an einzelnen Familien ähnliche Resultate, die er in dem Wiener Archiv für jüdische Genealogie publizierte). $Die den Juden zufließende Fruchtbarkeit war nach dem statistischen Stand im Jahre 1913 um die Hälfte zu gering.$

KAPITEL X.

$DIE AUSTRITTSBEWEGUNG$.

_Der Stolz des Mannes ist sein Volk._

_Beaconsfield._

Die Theologen und Moralisten haben in der Austrittsbewegung nur die ethische Komponente beobachtet. Sie haben das verwerfliche Motiv unterstrichen, wonach die Anerkennung dogmatischer Voraussetzungen und religiöser Ideengänge von äußeren Vorteilen abhängig gemacht wird. Sie bewerten den Charakter des Austritts als gesellschaftliche Erscheinung ideell, aber nicht soziologisch. Man hat bisher wenig die Ursachen dieser Bewegung aufgeklärt. Zeitlich seit der Emanzipation verliert die Taufe den Charakter der Seltenheit. Bereits 1811 reichte David Friedländer dem Staatskanzler von Hardenberg ein Verzeichnis ein, nach dem in den vorhergehenden 8 Jahren 32 Familien und 18 ledige Männer in Berlin die Taufe nahmen. 1830 klagte Sarah Levy, die Tochter Itzigs: „Ich komme mir vor wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich her sind durch ihren Uebertritt zum Christentum mir doch in vieler Hinsicht fremd geworden.” In einer demnächst erscheinenden Arbeit über „$Die Juden in der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte$” konnte ich beobachten, daß gerade die bedeutendsten und bekanntesten deutschen Juden in Handel und Verkehr, in der Literatur, Kunst und Wissenschaft die Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gelöst haben.

Der Mangel jüdischer Kenntnisse und die fehlende Ehrfurcht vor den Geistesgrößen des Judentums allein kann nicht die Erklärung bieten, wenn sogar die Familien der Vorkämpfer die Taufe nahmen. $Fishberg$ machte bereits neben $Samter$ („Judentaufen”) darauf aufmerksam: „Die bestbekanntesten jüdischen Familien aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts sind in der christlichen Majorität, in deren Mitte sie lebten, aufgegangen.” Dazu sind zu rechnen: die Mendelsohns, die Nachkommen des jüdischen Historikers Bresslau und Grätz, des begeisterten Chowewe Zionisten Hirsch Kalischer, die Anverwandtschaft des jüdischen Schriftstellers Bernstein bis in die Kreise des Berthold Auerbach und Gabriel Rießer, Söhne gebildeter Rabbiner (Wedell, Levy[28], Klemperer etc.), wie die Kinder von jüdischen Adeligen, welche als Juden nobilitiert worden waren z. T. mit alttestamentarischen und prononcierten Namen Cohn-Oppenheim, v. Hirsch. Von 100 geadelten Familien rechnet sich der kleinste Teil noch zu den Juden. Die