Der unendliche Mensch: Gedichte
Part 3
Muß wirklich so die Pflicht erniedrigt werden, Um fremden Glanz zu gründen? Ist denn die Sonne nicht genug auf Erden? -- Oder war ich voller Sünden?
Ich darf nicht länger von mir selber wissen, Schon hör' ich das Signal. Ich muß, muß, muß, und kann nur immer müssen, Und selbst zum Mut bleibt keine Wahl.
So zieh ich fort, erloschen und verloren. Wohin? Nirgendwohin. Das Ewige ist tot. Ich ward geboren Für meinen Mord und toten Sinn.
Lebt wohl! Ich will nicht allzu feindlich scheiden -- Daß nicht zum Fluch noch werde, Was eine Jugend war voll milder Leiden. Lebt wohl! Ach! Mutter, Brüder, Erde.
DER KRIEGSBLINDE
Nicht mehr die Lust Des Taumelns im Getriebe; Nicht mehr voll Macht die Brust, Voll Ruhm und allgeliebter Liebe; Nicht mehr das Singen, Stürmen in den Himmel, In wilder Wiesen blühendem Gewimmel, In der Gebüsche grün verschlungnem Blühn; Nie jubelnd mehr das weite Land durchziehn; Zu nichts mehr als zum Erdbekriechen taugen; Nie mehr die Düfte einer Welt einsaugen: -- Verloren irgendwo auf dürrem Pfad Steht der Soldat Mit den zerschossnen Augen.
Er geht und macht nach jedem Schritte Halt. Was soll er gehn? Die Welt ist dumpf, ungütig kalt Wie schweres Winterwehn. Geräusche hört er hohl vorüberrauschen; Sein Hirn erstickt im Denken an ein Glück. Er will mit seinem Kopf der Sonne lauschen: -- Der Alte Wahnsinn krallt ihn im Genick.
Er weint in seinen Leib. O süßes Weib, Mit Blumen, Blüten, Kränzen im Haar, Mit Tanz und Spiel, Umschlingendem Gefühl, O alles, was im Licht voll Liebe war!
Viel Tausende mit ihm Zerschlug die Schlacht und ließ sie leben. Sie waren jung, in frohem Ungestüm, Voll Wille wollten sie die Welt erheben. Nun schleppen sie den Leib wie eine Fracht, Die niemand will, Erstarrt und still Von Nacht zu Nacht.
O käme Mord in diesen Qualenschacht! Ein Gnadenstoß In das verdammte Menschenlos, Das ihr zum Vieh-Dasein gemacht. Mord ist nicht grausam, wäre willkommen jetzt, Wo ein zerwühltes Nichtsmehrsehn Die Sinne folternd fetzt! O käm' ein unbegrenztes Untergehn!
ERBLINDUNG
Nie faßt ihr sehend Seligen den Trug Und Jammer, den die Blindheit birgt; Daß, seit mich die Erblindung niederschlug, Ein Heulschrei immer meine Kehle würgt.
Seht her, wie wild verfiebert ich noch schwitze, Da ich vom Sonnenuntergang geträumt. Sah ich's denn nicht, wie eine goldne Litze Blaugraue Hügelwellen schön umsäumt?
Ich sah's und sah es nicht, -- und seh es nie. Es war das Wahnsinnslachen meiner Trauer. Ich bin im engen Stall der Welt ein Vieh, Die Luft ist steinig dick wie eine Mauer.
Nacht oder Tag: ist all in eins verjammert, Da solch ein Leben ohne Leben ist. Mich hält das tiefste Grauen tief umklammert, Das langsam sicher meinen Leib zerfrißt.
DIE PHALANX
I
Was bleibt dem Menschen, wenn nicht ein Erbarmen, Das wundertätig greift in Angst und Stöhnen? Ihr Mächtigen der Welt, von Millionen Armen Seid ihr umfleht nach Hilfe und Versöhnen.
Noch sind die Ebenen von Qual und Qualm vernebelt. Noch herrscht peitschlustig eine Dünkelbrut, Die jedes Aufschwung-Atmen niederknebelt, Verliebt in ihre eigne Wüstlingswut.
Kein Schimpf beirrt ihr närrisches Genießen. Getreten liegt der Geist. Aufwollende Gedanken Sind eingekäfigt müde in den Schranken. Des Hergebrachten blöder Götze ist gepriesen.
Aus goldnen Schüsseln schlürfen sie Erquickung, Indes, hohl in den Nächten, die Entblößten wandern. Sie spinnen sich in lüsterne Verzückung -- Was kümmert sie der Aufschrei in den andern?
Doch bleibt, in Not und Nacht, der Schrei nur nach Erbarmen? Wird nicht Tumult, Alarm? Aus Angst und Stöhnen Ein Zornsignal? Und von Millionen Armen Des schmerzgeeinten Wollens donnerndes Erdröhnen?
Europas Häuptlinge! Marschälle und Magnaten! Zwingt selbst die Tat hervor, die um die Menschheit wirbt! Da eurer Untertanen Leib, versklavt, verraten, In Schlacht und stumpfer Wüterei verdirbt.
Verdammt, ihr selbst, die Eigenlust, die Kraftgebärde! Und kommt starkmild herab die stolzen Stufen, Die Macht als Mittel nur, begnadet und berufen, Für eurer Völker frohe Fahrt und Erde.
Und ihr, Entehrte unter Willkürtritten, Bleibt nicht zum Rachesprung gekrümmt, zerquält im Fluchen! Ward auch der Aufwärtsweg von Bergen schwer geschritten: Erkennt die Kommenden, die euer Antlitz suchen.
Und jene Harten, unbewegt im Bösen, Laßt sie nicht eher los, umringt sie mit der Bitte, Bis sich die Herzen wie in Harfen lösen, Aufklingend mild, hinknieend eurer Mitte.
II
Noch ist es Orgelwehn. Noch ist der Flugblick ausgesandt, Nur um zu spähn. Und nur von fernem Küstenland Durchdringt ein Stoß die Luft: Fanfarenstoß und Marsch. Denn für ein Anderswerden, Erhebung und Erhellung, Kampf ohne Krieg, Sieg ohne Mord, Aufstürmt ein Menschenozean -- Zwar dumpf noch wie ein Wahn, Doch wissend tief: Tat wird getan!
Wenn ferner, Thronende, zu euch auf prunknen Sesseln Gefühl, fürbittend, nicht hinauf kann dringen, Auftosen wird das Blut: Galeeren nicht und Fesseln Sind stark genug, Vulkane zu bezwingen!
Bewegung wogt empor: Ein Sturm von Schreien zerreißt die Nacht! Glaubt ihr, die Trauer bliebe ewig lahm, Am Grab der Hingeopferten, hilflos in Gram?! Schon ballt sich eine Riesenvölkermacht.
Und aus dem Grund der Gassen, wachsend, hebt ein Heer Nach Licht, Kindheit und Frohheit Leib und Flügel auf; Umkreist die Städtethrone wolkenschwer, Raubaugenwild, unwankelbarer Lauf.
Posaunen tönen, eh' der Schlag geschieht: Zerschleudert euren Haß und öffnet der Erneuung Das ganze Auge! Seht, die gleiche Fülle blüht Den Tausenden! Bekennt euch zur Befreiung!
Dann ringen Rassen edel um die Höhe. Kein Fleischzerkrallen wühlt den Tag in Blut. Kampf heißt jetzt Glück, das weithin auferstehe, Rein wie ein junger Gott, durchhellt von Mut.
Raubhändel, Blutbrunst, Krieg, die Jünglingsschlächter, -schänder Sind fern, dumpfdüstre Vorzeit, Tierischkeit. Kampf ist Beglückung jetzt. Umschlungen sind die Länder. Der Führer Sicht und Wille erdenweit.
Erkannt habt ihr den Feind und seid Gefährten. Nun seiet Gläubige, um Wollende zu sein! Laßt eure Tat erstrahlen den Beschwerten. Durchglühung eine euch wie goldner Wein!
Und so, von Licht umbrandet und dem Morgenmeer, Erwacht ihr zu des Daseins Fest und Spiel. O Bund der Bünde! Der das Menschenheer Zum Ruhme führt aus kläglichem Gewühl.
Völkerlegion! Geschart dem Flammenzug Der Jünglinge des Lichts! Chorbrausend brecht die Stille Und reißt die Starrgesinnten in den Flug, Daß euer Recht und Rhythmus sich erfülle!
Mitatmende der Zeit, dem Menschenkreis gesellt: Seid ihr einander Freund, habt ihr gesiegt! Die Brust berauscht von Weiten, erdhaft starker Welt, Schallt euer Lied, das in die Freiheit fliegt!
O WÄR' SCHON MORGEN FRÜH!
Bin ich ausgestoßen Aus dem Maß des Großen? Ist nicht Geweihtheit Über dem Abend, bereit? Wie, wenn dem Blick sich erfüllte, Was das Leben mir singe? Oh, wie oft hüllte So bange Spannung die Schwinge. Und wird all' meine Wirklichkeit, Die wie Lüge, ertappt, sich selbst bedrängt, Ein Kind sein, das willigweit Die Welt stets von neuem anfängt? Schon hebt ein Tatglaube an In meiner Stimme -- wie Melodie Sicher und süß, der Ruf »Voran«. O wär' schon morgen früh! Daß ich nicht trauernd mehr, verhangen, Mein Leben wie Sünde begehe, Daß immer ein Neuanfangen Über die Erde wehe.
AN DEN GESCHLAGENEN
I
Weh, grimmer Gigant. Was ist mit dir? Dein Leib wälzt ohne Wille und Regel Leblos lebend im Kot. Abgefallen, wie totgetroffne Vögel, Faulen die Hände im schlammigen Sand. Gestrüpp hängt im Gesicht und rot Die Augen, gedunsen, schleimig. Wo blieb dein seidenes Haar?
Erwachend befühlst du dich schwer. Die Lippen fürchten den Ausbruch der Tränen, Krampfen sich, schon zitternd weich.
-- Da, wie aufgeschreckt: erhebt sich ein Meer, Und aufspringt mit zornigen Zähnen Du, tobend und heulend bleich.
Dann krachend aber, schlägt der trotzige Held Hin auf den Stein. Hier barst die Leidensgewalt der Natur, Die Hölle der verkannten Welt. Und wie ein müder Schein Bleibt der Gedanke nur Von einem Leben, nicht das Leben selbst. Wieder zum Tier des trübenden Lichts Geschrumpft -- bist nirgendwo; nur schwer; Wohl mehr als nichts, Doch weniger als irgendwer.
II
Das Aufrichten gelingt dir kaum, Nur winselnd im Schweiß; Immer ist ein Sinken, bis du stehst. Dann trostlose Schritte Gradeaus im Kreis. Als wär' nie mehr für dich eine Bitte, Gehst du Linien ohne Punkt, Ohne Farben, ohne Raum.
Wenn dir, stillstehend, Die Augen sinken zur Vision, Spürst du kalt wehend Den grinsenden summenden Hohn; Wie um Aas den Menschenschwarm. Dann, verloren in Tränen den Mund, Fühlst du, wechselnd eisig warm, Das Sausen im fallenden Grund.
Und wo die Qual noch so sehr schwieg, Hier schreit sie weinend heraus Töne ohne Takt, ohne Musik. Wie ein Lawinenstrom ohne Damm Bricht die Klage aus, Über die Erde der Welt und den ewigen Schlamm.
III
Nun weißt du es. Was Aufschwung schien, War Niedergang. Maßlos und blind Stürmtest du die Erde; kühn Wähntest du dich und warst nur Wind. Kein Mitmensch war, kein Hindernis, Nicht Zukunft, nicht Vernunft: Nur brüllendes spottendes Ereignis, Aber Feuer allein wollte nicht brennen, Verlosch, ward Asche für den Wind. Nun bist du gefügt und kannst erkennen.
Nun weißt du, wo die Tat beginnt, Fühlst sie aufsteigen in dir wie ein Lied. Nicht im Rausch, tobsüchtig ungesinnt, Närrisch lachend, entblößt, Du ganz einzelnes wirbelndes Glied, Besinnlich nach Irrfahrt und Torheit, Gier, die gegen die Erde stößt, Ohne Not, ohne Wert, nur ins Weite weit -- Die Tat ist im Wert!
Denn nur als Teil alles Menschengefühls Bist du ein ganzes Sein, Erschütternd und auferstanden groß. Nur im Gelöbnis des innersten Ziels Ist auch der Zorn heilig und rein.
IV
Und in die Menschenheit eingestimmt Ziehst du zum Werk, von einer See Wie getragen, in fühlender Entfaltung.
Siehst Jugend und Arbeit der Menschen-Idee, Dein Auge selbst ist sie, schon Gestaltung, Mild überscheinend und königlich bestimmt.
Denn die Idee ist brüderlich, sinnvoll und bereit, Ist die Tiefe der Menschlichkeit; Ihr Wille ist Größe, die kein Ende nimmt.
Tönend, namenlos erhört dich und weitet die Schwebung, Jeder Haß vor dir ist ohne Halt; Denn deine Brust ist gelöst in der Strebung.
Helle Wirklichkeit atmet deine Gestalt, Als sei die Wahrheit selbst deine gütige Gewalt. Ureigen unbeirrlich ist dein Lieben.
Du beherrschst allfühlend die Bewegung und Dauer Und findest, von wogendem Wollen getrieben, Die Tröstung noch der wirresten Trauer.
Der stampfenden Schöpfung gläubiger Erspürer, Lobpreisend, beseelend -- zu hebender Tat Fühlst du dich Führer.
Und hellhoch über das Volk, das gewaltig genaht, Und im ungeheuren Schweigen Aufblickt zu dir, um dann
Hinzuströmen zum heilig zähen Erzeugen, Jeder beseligt, so gönnend, so machtvoll er kann: Braust, singender Sturm, deine Stimme:
»Weit Erschütternder über der Welt! Wie ich, dein Kind, zum Tagwerk mühend mich krümme, Sei deines Kindes Tag zur Ewigkeit erhellt.
Gewaltiger in der Welt! Heb' uns empor! Laß mitliebend mitklingen im Chor Alle Nation, mitleidend den Leiden;
Daß ihr Wille, unbesiegbarer Stern, bestehe, Und sie die Arme frei und göttlich breiten Über sich selbst in die Höhe!«
INHALT
Seite
Aufbruch-Musik 5
Du Ewige 8
Der Zweifel Trauermarsch 11 Fragender Mensch 14 Pierrot 15 Gute Laterne 17 Dumpfer Tag 19 Erdenfahrt 20 Nachtgedicht 21
Die Ungestillten der Seele Ritternarr 22 Gang zum Schafott 23 Ahasver 24 Junger Künstler 25 Der Denker 26 Clown 28 Alternder Mime 29 Der kranke Sänger 30 Akrobat 31 Zigeunerlied 32 Meerfahrt 33 Der Berufene 34 Nietzsche 35 Der Anachoret 36 Der gütige Mensch 37
Wir sterben das Leben Krank 38 Aufschreiender Künstler 39 Trübe Luft 40 Dudelsackweise des Sterblichen 41 Ermattung 42 Vernunft 43
O Erde! Nachtgesang 44 Es wird ein Traum 45 Hymne 46 Das Heimatzimmer 47 Frauen 48 Der Himmelflieger 49 Myrtenkind! 50 Gedicht im Mai 51 An den Anderen 52 Ich denke einen Freund 53 Fügung 54 Duo 55 Dem Engel der Erde 56 Abendgang 57
Aufruhr durchwühlt den gütigen Geist Lied aus der Nacht 58 Dank 59 Besinnung 60 Knappe vom Bergwerk 61 Der Verurteilte 62 Der Gekerkerte 63 Napoleon 64 Junger Soldat 65 Der Kriegsblinde 67 Erblindung 69 Die Phalanx 70 O wär' schon morgen früh! 73 An den Geschlagenen 74
Anmerkungen zur Transkription
Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 5]: ... Ein Wissen: Daß ich in die Menchen dringe, ... ... Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe, ...