Der unendliche Mensch: Gedichte

Part 2

Chapter 23,680 wordsPublic domain

Am Fensterrahmen wie ans Kreuz geschlagen Liegt schwer mein Kopf. Ich fürchte ein Erdrücken. Ich muß den Himmel auf den Schultern tragen, Die tief verirrten Menschen zu beglücken.

Ich sinne, wie die Wege sich verlaufen Und sich verkreuzen, wenn ich, um zu lehren, Auf ihnen folge dunklen Menschenhaufen -- Die sind zu starr, um je sie zu bekehren.

Die enge Erde scheint ein Widersinn, Da ich das grenzenlose Dasein trage. -- Ich selber glaube kaum an Glückgewinn, Der ich die Erde mit Beglückung plage.

Ach, darf ich nie wie eine Barke gleiten, Mit mir im Tanz, beruhigt, frei vom Zweifel? Stets fühl' ich Köpfe nach verschiedenen Seiten Aus meinem Hals sich recken wild wie Teufel.

NIETZSCHE

Was will die Zeit der aufgestürmten Tage, Daß aus den Werken ihrer Söhne werde?! Wenn sie ersticken in der eigenen Klage, Im Elend der Unendlichkeit und Erde.

Ein Dichter sang! Und wie aus Orgelkehlen Erströmten Gärten blühender Musik -- Doch heimlich schwoll der Neid der düster Scheelen, Die ihn solange höhnten, bis er schwieg.

Und immer schwerer ward die Nacht der Tücke. Wo blieb der Jubel von den treuesten Jüngern? Er fühlt jetzt um sich her zu weiter Lücke Die Menschen, die ihn liebten, sich verringern.

So steht der Gott-Mensch in der Welt umher, Ein Schöpfer, den die Schöpfermacht enttäuscht. Was soll er schaffen, wenn das Erdenheer Doch jeden Helfer wütend blind zerfleischt?

Schon wirft das Volk ihm Steine ins Gesicht, Volk eines Lands, dem seine Größe gilt. Und jedes Wort, das sein Gedanke spricht, Verstummt im Sturm, der heulend ihn erfüllt.

Er eilt, und flieht das lebende Gewimmel, In fernes Felsgebirg, sein eigner Feind. Da stößt er Tränentöne in den Himmel, Ein Kind, das nichts mehr weiß, als daß es weint.

DER ANACHORET

Menschersehnend, Menschenhasser, Riegelt mich mein Willens-Ring. Stets vertrübt wie Tümpelwasser War der Tag, in dem ich hing.

Erdgebunden, dennoch suchte Himmlisches mein Höhlenblick. Alles, was ich oft verfluchte, Weinte ich mir oft zurück.

Sehn' ich mich aus meiner Sperre In ein Tummeln mit Gespielen: Sind die Ketten, die ich zerre, Fast willkommen meinem Fühlen.

Denn die Angst des Ruhverlustes Hemmt den Traum, mich auszuschwingen. Und mir bleibt ein stumpf bewußtes Liederdenken ohne Singen.

Wenn auch, Sonntags, Menschen kommen, -- Kommen nur, mich anzugaffen: An dem Steinbild eines frommen Narren steht ein Knäuel Affen.

DER GÜTIGE MENSCH

Guter Mensch; du rührst an deiner Saite, Die wie ein Licht leidend in dir glüht, Wie eine Bitte, um die du bittest, Leise und singend träumerisch, Rührst du die Güte einer ganzen Weite. Und wo dein Fühlen erblich Vor Schreck, als du das Nichts im All Schaudernd erlittest: Da blieb kein Wall, Der das Ergießen der Traurigkeit Noch hemmen könnte.

Dein Auge aber ist so schön Vom Glanz der dunklen traurigen Macht, Daß der Raum zittert wie Vogelstimme Vor Lust für dein Leid -- Daß er zittert, als wollt' er zerbrechen. Du weißt, auch das Unglück muß, Muß wie ein bestraftes Kind. Und deine Lippen, blühend bleich, Ohne zu küssen, ohne zu sprechen, Sind Klage und Kuß.

Du siehst den Fremdling an In flehender Geduld; Tief verwundert, verwundet dich sein Lachen. Und du möchtest dann, Als sei alles, was ist, Schuld, deine Schuld, Noch das Gute wieder gutmachen.

WIR STERBEN DAS LEBEN

KRANK

Die Leichentücher können mich nicht hüten, Die Kissen, die wie weiße Spiegel blenden, Sie helfen nur die Augen mir entblüten -- Mein Kopf wird leer, ein Kranz von hohlen Händen.

Warum hat man die Brust mir so gefeuert? Mit meinem Schrei will ich euch niederstechen Oh, alle euch, die ihr voll List erneuert Das Blut des Lebens, furchtbar zum Erbrechen.

AUFSCHREIENDER KÜNSTLER

Hingeworfen bin ich in Welt! Kühnheit und Zerrissenheit! Doch mein So-Wildsein ist Traurigkeit, Nur Finsternis ist erhellt. Was kann uns unendlich heben? Nichts. Wir altern immer, sind nie gesundet. Wir sterben das Leben, Alles Leben ist tödlich verwundet.

Doch ich habe ja Kühnheit in mir! Ich könnte ja kühn sein! Wohin aber können wir Aufjauchzend streben? -- Es ist dumm, kühn zu leben. Alle Pyramiden sind Wahnsinn und Stein.

Zerfetzt die Schönheit in meinem Gesicht! Ach, alle Hände sind zu zahme Tiere. Ich will mein verblühendes Blühen nicht! Leben ist Aas, mit dem ich mich beschmiere!

Lach' ich über mein Atmen? Ich sollte besser Stein sein. Doch einmal jetzt muß ich noch schreien Aus dieser Erde heraus, dieser Grube, Und mit Knochen und Gebeinen Mich hinwerfen und schreien!!

* * * * *

In die Wände meiner engen Stube Will ich mich weinen.

TRÜBE LUFT

Wach auf! Aug' über dem Tag! Wundes Vogeltier, müde zum Schlag.

Aug' ist ohne Blick, Welt ohne Blick, Mensch kann nicht mehr auf, ist nur ein Stück.

Könige, thront ihr auch, seid nur Gewimmel, Punkte überall, Kreise und Himmel.

Hoffen zerflog in Luft, Menschelein hilf! Schlacke schuf ein Schalk, Chaos und Schilf.

Qualen sind im Schlamm, Kraft ohne Mut, Feuer flackt und ertrinkt im hohlen Blut.

Was uns ist, ist nicht, zieht immer vorbei, Jedes Ding ist morsch und dennoch neu.

Schultern biegen sich gähnend zurück, Immer wimmert ein Greinen um Glück.

Wach auf! Aug' über dem Tag! Wundes Vogeltier, müde zum Schlag.

DUDELSACKWEISE DES STERBLICHEN

Ins Grau des Tages bin ich hingestellt. Die Lebensstraße ist im Staub ein Strich. Allglück zerstürzt in die Novemberwelt. Nie war ein Blühen, das nicht bald erblich.

Das Himmelsfenster kann ich nicht zerschlagen. Ich bin versperrt. Ich kann nur Schritte tun. Ich muß wie einen Sack mich weitertragen, Muß nachts im Bett wie eine Leiche ruhn.

Mein Tod bezuckt mein Dasein heimlich fern; Er grinst in meinen Rücken sein Plaisir: Wie man sich schindet ohne Ziel und Kern Im Sterbetaghemd -- niemand weiß wofür.

Man trippelt sich die müden Sohlen wund Am Gängelband des Lebens. Gram und Graus Und Lust und Last sind täglich der Befund. Wir sind in Uns und können nicht heraus.

Wir können nicht die Erde höher heben. Die Frage krächzt: Was soll der Wille wollen? Wir blicken nichts vom Leben als das Leben. Wir sind die Erde, fahrend und verschollen.

ERMATTUNG

Der Tag war schwül. Ich schließe meine Augen wie ein gelebtes Buch. Die Bilder sind zu Ende, Zu wenig und zu viel -- Ich bin nur noch der Fluch Aus einem Zorn. Und keine Wende wird sein, Die wie ein helles Horn Zum Aufschwung bliese -- Ich klage wie ein Riese Und bin klein.

VERNUNFT

Zerrissen ist das Tiefste, das wir sind, Und dennoch nur mit seinem Selbst vereint. Solch Leid hat keine Tränen ... wie ein Kind, Das am Ersticken ist, bevor es weint. Das Niedrige ist nichts, das Große ist zu groß, Die Weisheit sagt: Hoffen ist hoffnungslos.

Wir sind des Lichts umnachtete Begleiter. Ist nicht das Leben wie ein Gnadenbrot? Ob Ja, ob Nein: Es reißt und peitscht uns weiter, Das All des Glücks versagt sich unsrer Not. Und ob wir weinen oder traurig lachen: Wir können uns nicht ungeboren machen.

Auch kühnste Trunkenheit ist nicht Erfüllung. Was nutzt das bißchen Zuversicht der Brust? Der höchste Himmel selbst ist nur Umhüllung Von fahlen Dingen, keine Götterlust. Die Schöpfung ist ein Zirkel, irr umkreist, Ein Schattentanz, der keinen Ausweg weist.

O ERDE!

NACHTGESANG

Falle in des Himmels Nacht, Glühend in die Schlucht der Straßen, Schmerzenlichter sind entfacht, Greller, als Drommeten blasen.

Nirgends, wo ich knieend bliebe; Gleite über weiche Steine; Unerlösbar ist die Liebe, Die ich in der Stadt verweine.

Zückt nur, Lichter, nach dem Müden, Bis ihr all' ihn umgebracht! Ach, mein Sinn weht in den Süden Mit den Wogen dieser Nacht!

Dort erfüllt den Himmel voll Ein geliebter Sternenbund, Küsse träum' ich tief und toll Meinem liebebleichen Mund.

Liebste, daß ich sinken werde, Wußt' ich, da ich dich nicht fand. Nach dem Schiffbruch dieser Erde Spült das Meer mich an den Sand.

Wär' doch die Umschlingung mein In den Sternendiademen! Immer ist das Erdensein Ein umarmtes Abschiednehmen.

ES WIRD EIN TRAUM

Es wird ein Traum aus dem, was Tag noch war. O süßer Abend, der die Augen küßt! O Lichterschmuck, Musik und Harfenhaar! Verzückte Stadt, die wie ein Weihnachtsbaum beglitzert ist.

Ein Lieben ist im tummelnden Bewegen. Viel' Frauen, nackt in Kleidern, ziehn vorbei. Das Gold der Sterne ist wie goldner Regen. Die Erde, die ihr Nachtfest fahrend feiert, atmet frei.

Und unsrer schlanken Körper müde Führung In Straßen, die wie Flüsse nächtlich glänzen, Ist wie ein Mädchen träumender Berührung Mit junger Nacht und Glück und Rausch von ferngefühlten Tänzen.

HYMNE

Wenn hoch ein Stern die Tempelnacht beglüht: Hält nicht die kleinste Hand den Allpokal? Ist's nicht ein einziger Strom, der heimwärts zieht In Grotten leiser Wasser ... traumhaft wie Opal?

Mein Musikant und deiner -- alle geigen Den Linienrausch, der raumlos uns verführt. So löst sich unser Halten in den Reigen, Der an die ewige Verzückung rührt.

Schämt euch des Weinens nicht! Ihr seid ja Kinder! Ein Lächeln ist im Tränenregenbogen. Vieltausendmal geküßt sind eure Münder Von Liebsten, blühenden in Welt und Wogen.

DAS HEIMATZIMMER

Nun bin ich wieder heimgekehrt, Dort draußen war die Angst der Welt; Hier innen hat sich nichts vermehrt, Blieb alles ruhig aufgestellt. Und oben, hör' ich, spielt man noch Klavier, Jungsanfte Hände schweben über mir.

Ich bin in meinem treuen Bett, Will lesen wie vor weiter Zeit. O liebes Glück! Ein Amulett Ist jede kleine Einzelheit. Ganz ferne schlagen Blitze um das Zelt, Wo Haß und Hast und Schreigelächter gellt.

Hier ist das Glück umfaßt geküßt! Mein Unruhblut ist liebewach, Als ob mich jemand küssen müßt', Als stellten Menschen tausendfach Sich in der Liebe meiner Augen dar, Als sehnt' ich Küsse für mein wildes Haar!

Oft schien ich lebend eingebaut, Oft weint' ich ohne rechten Grund. Doch dieser Raum ist so vertraut Wie ein geflüstert tiefer Bund. In Bett und Gondel fließt der nächtige Schein Und hüllt die Fahrt des weiten Lebens ein.

Komm, Liebste, in das Nahgefühl Von Welt und Menschen heller Nacht! Die Leiber wogen im Gewühl, Verheißung unerschöpfter Pracht. O Melodie, die sich in Küssen neigt, Die süß, in Glück verführend, uns umgeigt!

FRAUEN

Frauen sind das Vertrauen, Wissende ohne Klügeln, Wehende Schiffe dahin --

Fahrtverzückt im Erschauen, Lächelnd in Buchten und Hügeln, Trächtig von Sein und Sinn.

Küssende Blicke führen Glück der umarmenden Weite, Schmiegen sich deinem Mund.

Sehnendes Nahberühren Glühen sie deiner Seite, Gotteskindlichen Bund.

Farben, trunken und golden, Spiegeln sie in den Augen, Leiten sie deinem Lauf ...

Frauen sind reichende Dolden, Lassen die Süße dich saugen, Liebende himmelauf.

Wo ihr Leib der Milde Breitet Brüste und Hüfte, Himmelwerden im Schoß:

Da umfaltet Gefilde Taumelnder Gärten und Lüfte Unsere Seele groß.

DER HIMMELFLIEGER

Wund von Wundern und jung Riß dich ein Rausch in die Höhe, Daß im sausenden Schwung Jubel und Ruhm bestehe.

Nicht bedürftig der Erde Schien dein stürmendes Steigen, Auf die kriechende Herde Sahst du aus höchsten Gezweigen.

Sangst in die Sternäonen All, was dein Eigen war, Lachtest drohender Zonen, Lähmender Höhengefahr ...

Doch mit einemmal zuckte Zitternd dein Leib und Blut, Und die Kehle schluckte Mühsam nach Luft und Mut.

Und in rasendem Drehen Fühltest du klemmende Not -- --. Konntest nicht länger bestehen. Luft ohne Staub ward dein Tod.

In der Leere der Lüfte Brach die Seele der Glieder. In die Tiefen der Klüfte, Tonlos, stürztest du nieder.

MYRTENKIND!

Ich umschlinge deine Hand und zerpresse alles Leiden, In schmiedenden Küssen den angstwachen Traum, Daß keine Tage mehr sind und kein Raum Zwischen uns beiden.

Ich zerküsse deine Lippen, deine Stirn, deinen Blick, Daß Gärten erblühen und singen. Und die Wonne Und Schöpfung der Welt kehrt zurück Zum ersten Morgen der Sonne.

GEDICHT IM MAI

Ich dacht' es nicht, nie, daß ich so verzücke, Wo Wiesen blühn wild in ihr eigenes Meer, Die junge Sonne an Gesträuchen pflücke, Die Luft, die Lust umarme und die Brücke Der Erde leicht mich trage überher;

... und Flügel fühlend tausenden Gehäusen, Der Unruh Linien findend ihre Bahn, Entring ich mich, unendlich in den Kreisen, Will Welt, dich, mich und alles an mich reißen, Musik, wie Glaube glüht, ist aufgetan!

Weinen vertraut, wo so Versunkenheit Der Landschaft ist --, viel Farben führen, erwidern Das Leid. Und Strömung, Jubel ist und weit Geöffnet Flut großer Gemeinsamkeit; Herr bin ich von Brüdern, Bruder von Brüdern.

So zieht wie über alle Länder mein Blick, Friede sinnend; tief in die Brust hinein Atmet der Raum. Nichts bleibt verarmt zurück -- Denn allen ist und alles Unglücks Glück, Unter der einigen Sonne zu sein.

Oft ging ich dumpf und blind; und hier ist Kunde, Brausender Dom, Sieg der Sonne, und Segen! Ich will nicht grübeln, warum. Meinem Munde Fühl' ich Küsse entstehn, geweihter Wunde! Zügle mein Hirn, o Gott, laß mir den Segen!

AN DEN ANDEREN

Du gehst zerschluchtet, Bruder, von tausenden Streiten. Ich seh dich gehen, blicklos blickend, dunkel schwer. Du kreisest die Erde, verfolgt vom eignen Begleiten: Dein entmenschtes Gesicht ist Krampf im begrabenden Meer.

Dein Höhlenleib heult in fleischzerpeitschtem Zucken. Was du ersehnt, das Viele, einst jung, ist verloren. Hell wolltest du herrschen, dann wieder dich demutvoll ducken: So schienst du zum Führen nicht und nicht zum Folgen erkoren.

Härte und Huld, erdstarken Aufstieg, aber auch Milde hast du gesungen, Gebietenden Geist und frei dennoch die menschenwogende Masse -- Nun im Zerdenken des Ziels, bis das Licht, das dich lockte, in Dunst verklungen, Läufst du blind und entleibt von sich selbst fluchendem Hasse.

ICH DENKE EINEN FREUND

Schon will der Tag im Zimmer untergehn. Mein Freund erzählt, in weite Linien blickend, Von Wandernächten zu erwachten Höh'n, Zeit überwindend, Räume überbrückend.

Wir gehen aus und treffen in den Straßen So viele Menschen, die uns nicht verstehn. Wir wollen nicht in enger Hürde grasen, Komm, laß uns zu den großen Bäumen gehn.

Ich fahr' mit dir in den Botanischen Garten -- Doch ist nicht jeder Weg ein Doppelsinn? Fühl' ich nicht hinter mir Verlassne warten? Mein Blut ist Flut in weiten Weltbeginn!

Wir gehen zwischen großen Baumkulissen. Hoch werden Wolken in die Nacht geschwemmt, Um uns ist alles willenlos umrissen. Wir sprechen laut und heiß und ungehemmt.

Ich weiß, daß wir uns alles Dasein gönnen. Die kleinsten Qualen darf ich dir erwähnen. Wenn wir am innigsten uns finden können, Ist das Beisammensein voll Sturm und Tränen.

Den heißen Kopf in kühle Nacht geschmiegt, Erdenkt ein neuer Mut sein Weltsignal. Und wo der düsterhafte Druck zerfliegt, Strahlt eine Weite auf wie ein Choral.

FÜGUNG

Der Abend erst hat meine Kunst gefunden, Ich war entartet schon in meiner Müh, Doch plötzlich durft' ich noch zum Licht gesunden Am Vollgelingen meiner Melodie.

Da ging ich schnell zu meinem Bruderfreunde, Der auch in seiner Stube glücklich war, Gleich mir den ganzen Tag verloren meinte, Dann aber auch den hohen Sang gebar.

Wir gingen aus, in Straßen still umher -- Es war kein Gehen, eher noch ein Fahren In Glück. Wir hatten keine Worte mehr, Die Klänge nur, die fast frohlockend waren.

DUO

Saßen viele Stunden beide Immer an der Türe Schwelle, Du in deinem blauen Kleide, Beide wie an tiefer Quelle.

Hörten stumm und sahen wieder Immer unsre Gegenbilder, Waren seliger denn Brüder Und noch inniger und milder.

Süß bedrückt, um Worte mühend, Sehnen war und kein Bewegen; Und wir hätten uns doch glühend In die Arme sinken mögen.

Doch ich zitterte und fühlte, Unheil sollte niederbrechen, Wünsche, die ich mir erzielte, Wollten mir das Herz durchstechen.

Denn, noch ohne die Berührung, Sprachst du schon das Abschiedswort; Und wie außer aller Führung Schwamm das ganze Leben fort.

DEM ENGEL DER ERDE

Noch rührt' ich nicht an deine Blütenhände, Dein Bildnis zieht in flimmernden Gestalten -- Ich aber geh' die Stube und die Wände Und kann den Schritt an keiner Stelle halten.

Denn alles ist wie aufwärts ausgegraben; Wie Schlangen greif' ich in die Gegenstände Auf meinem Tisch, und will doch gar nichts haben -- Denn der Gedanke sucht nur deine Hände.

Ihr Liebenden der Welt, wo soll ich hin? Oh, daß die Jugend noch ein Jubel werde, Die Mitternacht gekrönt und heller Sinn! -- Wie Muscheln schallt die dumpfe Zaubererde.

Ich glaube, darf ich je die Hände küssen, Die deine Unschuld so unendlich wahrt: Da, glaub' ich, bin ich wie vom Glück zerrissen, Ein seliges Opfer nach der weiten Fahrt.

ABENDGANG

Des Tages Hirn wird dunkel und verdorben, Die Häuser blutleer und wie stille Leichen. Schon ist in mir auch vieles ausgestorben, Und nichts Bestimmtes will ich mehr erreichen.

O weiche Melodie der Müdigkeit, Bist du das Gift, das mich so ruhig macht? Ich geh', für alle Menschen jetzt bereit, Mit halb geschlossnen Augen in die Nacht.

AUFRUHR DURCHWÜHLT DEN GÜTIGEN GEIST

LIED AUS DER NACHT

Ist mein Bett das wilde Schiff, Das in stürzenden Kreisen dreht? Ist die Wand verstrickend das Riff, Das krächzend entgegensteht? Doch draußen weit ist Meer und die Welt, Der göttliche Gesang! Ich komme, ich komme! und bin euer Held! Und bleibe euch treu mein Leben lang.

Funkelnd richt' ich mich auf, Noch verlassen wie ein Stern. Doch im Fenster der Himmel dort Ist Weg und Gewähr, Und über alle Maßen fern Zieht der Begierde zitternder Lauf In das brütend dunkle rauschende Meer.

Hell ruf' ich die Nacht zum Schwert. O du endlich gefundene Tat! Ich selbst mein Geleit und heiliger Wert, Der zwingend menschengütig naht. Ja! Hier ist Meer und Welt, Der göttliche Gesang! Ich komme, ich komme! und bin euer Held! Und bleibe euch treu mein Leben lang.

DANK

Man dankt mir viel und drängt mir Worte auf Und Arme voll von Händen ... Stets war's noch Ein gleicher Arm, steif wie ein Flintenlauf, Aus dem die Hand wie eine Zunge kroch.

Was soll mir euer Dank so kalt und stier, Er reicht doch nie an mein Gefühl heran: Das ist so glutvoll tief und wild in mir, Daß nur das tiefste Sehnen nahen kann.

O könnt' ich selber einmal Dank verkünden, Ich wollt' die Hand zerdrücken, die ich hielte, Und würde wogend solche Worte finden, Daß jede Ader ihre Strömung fühlte!

BESINNUNG

Du bist der Himmel und das Grab, Verträumter Geist, der mich belebt. Ich weiß nicht recht, wo ich mein Schicksal hab', Oft hab' ich wie ein Schatten nur gebebt.

Das Erdensein ist der Versuch, Das Land des Glückes zu entdecken. Das Menschenleben ist ein Knabenbuch, Den Schlaf der Wünsche strahlend aufzuschrecken.

Am heimlichsten ist unser Ich, Nur blitzend wie ein Blitz, der schon erlischt. Die Bilderdinge rühren dich -- Sind wir dem All, dem Nichts vermischt?

Das Leben hat nur in sich selbst den Sinn Und im Vertrauen in den eigenen Rat. Das ist die Antwort auf dein Wort »Wohin«: Zu dir, zu deiner Höhe, deiner Tat.

KNAPPE VOM BERGWERK

Ist Jugend kranke Armut? Ist das geweinte frühe Leben So ohne jedes süße Gut, Schon hingesunken, ohne sich zu heben? Was will die wilde Stadt, Die mir im Ohr erdröhnt? Schon hab' ich mich zu Tode matt Nach Menschen hingesehnt: Nach einem Inbegriff, Der überm Schmerz besteht Und nicht wie Wellen an dem Riff Der schwarzen Erde stumm verweht.

Und dann, dann kam der Qualm, Der in der Höhlen sielt, Und losch den Blütenhalm Und Blick, den ich noch aufrechthielt. Dann immer neue Wolken und die Nacht Und Regen, Grauen und die letzten Schauer -- Jetzt sind nur unermeßlich noch der Schacht Und meine große Angst auf ihrer Lauer.

DER VERURTEILTE

Am Morgen kam seine Mutter. Sie saß den ganzen Tag bei ihm. Er kniete an ihrem Schoß, Weinte in ihr zärtliches Kleid, Lachte in ihre küssenden Hände, Und weinte; Hätte den ganzen Körper In sie hineinweinen mögen. Sie war ihm so hell wie ein einziger Stern.

Sie sprach: Mein Kind, Mein liebes Kind.

DER GEKERKERTE

Die tiefe Mauer, die mich starr umstellt, Ist wie das Grab der Gräber. Hartes Stein- Gebilde ist der Mensch; mir gönnt die Welt Auch nicht das kleinste Tröpfchen Sonnenschein.

Es beugt sich niemand, mir in meinem Kerker Die dunkle Stirne himmelhell zu küssen. Und meine Wünsche werden immer stärker, Wenn sie so langen Tod erleben müssen.

Und manchmal träume ich von einer Rache, Nach der dann wie verglast die Hände langen -- Doch wenn ich zuckend wieder bald erwache, Bin ich umengt von Mauern wie von Schlangen.

NAPOLEON

Himmel! Sinke den Augen! Ich bin zwar blind und überdeckt, Doch noch nicht blind genug in meinem Haupt: Mein Blick will Menschen saugen, Hat Tausende hingestreckt. Was ich dem Trieb verbiete, Hat sich mein Trieb erlaubt.

Wer trug die Kraft in mein Gehirn? Wer gab mir Macht und Können schwerer Schlacht? Wer die Idee? -- Ich schlage mir die Stirn; Ich will nicht Krieg und Mord, Nicht Krieg, nicht Krieg, Nicht Mord! Ich sehne den Sieg!

In meiner Stirn ist ein Adler, ein Geier, Rasend mit den Flügeln vor Ungeduld! Schweige, Tier! Ich fühl' es wie Schuld: Über der Vernunft ist ein Schleier.

Ich bin von der eigenen Kraft zerrissen. Völker, Volk, Frankreich, Ihr seid in meinem Blut; Ich blute mit euch, Mit dem Reich; Ich opfere, zum Ruhme gesandt, Euch das heiligste Gut, Mein Gewissen.

JUNGER SOLDAT

Schon heult die Nacht. Die Schlacht brüllt auf und brennt. Bald sind auch wir nur Fetzen. Noch in Reserve unser Regiment. Wir warten entseelt in Entsetzen.

Brach wirklich hin, was kaum noch blühend sang? Für wessen Habsucht-Rachen? O Gott! Warum der viehisch rohe Zwang, Totschlag und Qual und Nieerwachen!

Wer ist mein wahrer Feind? Ich wurde Knecht Nur durch den eignen Staat. Sind aber Ruhmgier, Raubgelüst im Recht? Jung sink' ich hin, jung ohne Tat.

Mai, Juni, Juli, Monate der Blumen, Werd' ich euch wiedersehn? April ist jetzt. Heut' soll noch in den Krumen Der Erde all mein Herz zergehn.

Ward die Geduld der Jugend und Gefahr So hinterrücks belauert? Muß Strafe sein, wo keine Sünde war, Wo nur ein früh Sichsehnen schauert?

Liebst du mich nicht, Macht meines Vaterlands, Daß du mich niedertrittst? Nur um der Feldherrn willen und des Stands, Der eitel waltet und besitzt.

Sind nicht auch wir wie ihr ein Heimatgut, Wohl wert auch, daß es bleibt? Verachtet ihr uns so und unser Blut, Daß ihr uns auf die Schlachtbank treibt?

O Heimatland, das liebste, das ich wüßte, Des Lebens tiefster Lohn, Entweichst du mir? der dich geküßt so küßte Wie nur dein innigst junger Sohn.

Du Freundeland, Land heißer Jugendbriefe, Zu Tränen reißt du hin, Du singst die Sprache meiner trunknen Tiefe: -- Und du erfüllst nicht ihren Sinn.

Kehr' ich noch heim? Und wie? Zerschlagen, krumm, Ein Krüppel, blind -- ganz blind? Hier ist kein Aufschrei mehr, nur kalt und stumm Ist Schutt und Dunst und Todeswind.