Der unendliche Mensch: Gedichte
Part 1
ARTHUR DREY
DER UNENDLICHE MENSCH
GEDICHTE
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG
BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 68/69
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR
AUFBRUCH-MUSIK
Die Luft bebt wie ein Schall, der mir gebietet, Daß ich die Düsterheit der Zeit zersprenge, Daß alle Stirn, von Sonnen überblütet, Zu einem lichten Menschentag gelänge. Gesang von Worten, menschenheiliges Gut, Die Harfe Ozean, der auferregt Den Segler Erdgefährten, Strom und Blut Der Pulse: -- ist in meine Macht gelegt.
Wie wird mein Atemdasein heiß und schwer, Wenn ich mich tief besinne in die Pflicht, Daß ich der Sprache nachtumtostes Heer Umfange im gesungenen Gedicht. Doch wie ich leise, lauter, heller singe, Erschwebt frohlockend meinem Licht und Blick Ein Wissen: Daß ich in die Menschen dringe, Mein Urwunsch Güte in das arme Glück.
Als sei ein Allumlieben zu erschwingen, Wird mir der Erde stürmisches Gezelt Voll jubelnd kühnen Lieds verliebtem Singen. Und schlanke Leiber, flackernd aufgehellt, Tollen den Tanz der Küsse ... im Gewühl So linienwild, bis sie, sich überbiegend, Hinsinken, mild, ein ausgespieltes Spiel, Dem weich verwirrten Fliederbild erliegend.
Da ist Vergebung. Knaben sinnen treu Den Ritter wie den Räuber; denn der böse Entmenschte Feind ist ihnen fremd, und frei Aufbäumt und beugt sich weite Herrschergröße, Kein Wille klebt am eignen kleinen Weh. Und auch der rauhe Mann ist wie ein Kind, Voll froher Frommheit hält er die Idee, Daß Sonne, Erde, Mensch das Heilige sind.
Oft hat mein Sehnen vor sich selbst gebebt! Mein Aufwärtswollen wird auch dann nicht still, Wenn über meinen Kopf die Welt sich hebt Und wie ein giftiger See mich töten will. Wie ein gehetztes Gemsenwild der Felsen Errette ich den Stolz der freien Höhn. Und von den Himmeln, da sich Donner wälzen, Fühl' ich Berufung wogend mich durchwehn.
Zurück! Hinab! Wo irrendes Entsetzen, Wo Schlacht aufheult und metzelndes Verwühlen, Geschürt von Führern, die die Völker hetzen, Wo auf Ministerthronen Schurken spielen, Wo blühnde Leiber, hingefällt in Stücke Verklumpten Bluts, und Millionen Augen In Nacht versinken -- Eine Meuchlerclique Will Krieg, daraus Tyrannenmut zu saugen!
Nicht stöhne, Stimme! Weit wie Firmament Sei Zorn und Kraft und Heilung allem Dürsten Des Volkes Mensch! Die waren nie getrennt, Nur mordgepeitscht von roh' und eitlen Fürsten! Dein Wutwort, heller Sänger, es zertrete Die Untat, die in Lügen sich verlarvt! Bis ein Homer des Friedens im Gebete Erwachse, weinend brausend hingeharft ...
Wie Blütenflut aus tiefen Wiesen dringt, So bricht der Klänge Brandung aus dem Sänger, Der blindgeboren noch die Sonne singt. Wie einer Krone göttlicher Empfänger Nimmt er die ganze buntgewirkte Zier Der endlos wilden Erde ... so geeint Mit jeder Blume, Pflanze, jedem Tier, Daß Mensch zu sein uns wie ein Ruhm erscheint!
DU EWIGE
I
Laß mich deine Hände küssen, Laß mich deine Hände fühlen! Deine Lichtheit hat zerrissen, Mich erdrückt mit ihrem Zielen.
O wie ist die Nacht der Augen! O die weiche Glut der Wangen! Immer will ich blühend saugen, Will ich deinen Hauch umfangen.
Könnt' ich mich in Träume schwingen, Himmlisch wollt' ich dich erheben; Betend, weinend, jubelnd dringen Meine Lieder dir ins Leben.
Ein von Blüten süß beschneiter Morgen ist in deiner Lust. Löse denn die losen Kleider, Weiße Sonne deiner Brust!
II
Wie gefangen an den Lippen Küss' ich deines Atems Laut -- Blickend, trinkend bin ich liebend Deiner Liebe tief vertraut.
Wie Posaunen tönt die Erde, Wild und weich in deiner Macht. Wer hat dieses Bild der Treue, Deinen milden Blick erdacht?
Oh, in deinen heißen Armen Ist ein Pressen und ein Ziehen Wie zum goldenen Vergessen, Singen, Summen, Saugen, Blühen.
Schweiget, wilde Erdentöne, Laßt mich sterben, wenn ich lebe, Laßt mich leben, wenn ich sterbe, Daß ich mich zum Himmel hebe!
III
Fühlst du dich noch allein, Mein wildgeküßtes Kind? Wir wollen die Ewigkeit sein, Wie unsre Sterne sind.
Wir kennen das dunkle Glück, Das an sich selbst zerschellt: -- Wir wollen mit einem Blick Die ganze wehende Welt!
Wir wollen blühend singen, Wie Kinder, die wandern gehn, Uns fliehend und knieend umschlingen Wie eine Welt so schön!
Vom Jubel mitgerissen, Der über die Erde weht ... Bis wir hinsinken müssen Auf dunkelnder Wiese Beet --
Auch hier noch müde liebend, In seligem Empfangen Von Abend, weich und trübend, Von Träumen, die aufgegangen.
DER ZWEIFEL
TRAUERMARSCH
I
Wer hat das Schwefelschwarz der Todesnacht, Den Sturz der Leiber heimlich ausgedacht?
Von Dunst beglitzert ziehen wir dahin, Unsinnig flackert unser Daseinssinn.
Wir tappen Tänze wie im Singsangspiel, Am Bühnenhorizont zerplatzt das Ziel.
Als Vagabunden, nur mit etwas Geld, Begaffen und begaunern wir die Welt.
Selbst Glückesgrübler, Künstler, Staatenlenker, Die Welt-Erneurer -- sind nur Menschenhenker.
Es ist das unheilbare Leidensmal: Der höchste Aufstieg zeugt die schwerste Qual.
Nur dann erhöht sich unser Menschenschritt, Wenn er die Schwachgebornen niedertritt.
Doch wie wir uns auch in die Weiten dehnen, Wir sind verseucht vom engen Erdenstöhnen.
Wir bleiben tolle Tölpel ohne Taten, Teils voller Wahn, teils in den Schlamm geraten.
Das Erdentsetzen winselt weh und wund Wie ein getretener verheulter Hund.
II
Weiter als der Wolkenfülle Stürme Brechen unsre Wünsche ins Getürme
All der dunkel brüllend wilden Zeit, Die kein Wille von sich selbst befreit.
Festgebunden an die Erdensperre, Angekettet an das Schmerzgezerre,
Tragen wir den Ekel unsrer Lust, Pfeile wilder Wachheit in der Brust.
Und wir beten, bitten, singen blind In den leer verstreuten Aschenwind.
Und wir hängen an den milden Blicken, Die wir träumen, um uns zu beglücken.
Freunde finden sich im Kämpfermut, Todverwundet fluchen sie dem Blut.
Heulend, tosend tönen die Fanfaren, Die den Tod der Erde offenbaren.
III
Der Lärm des Lebens knattert, pfeift und singt, Ein Hagelsausen, das die Leiber düngt.
Muß an der Erde wie an einem Stein Die unbegrenzte Brust gekreuzigt sein?
O möchte doch Aufruhrmusik erklingen, In einen Taumeltraum die Leiber schwingen!
Doch schweige, Lust! Dein Aug' ist nachtbenetzt, Dein Weg ist todwärts durch den Raum gehetzt.
Wir können nicht die Erdenmacht zersprengen, Solang wir Tiere sind in Felsenhängen.
Wir können nicht die Sonne niederreißen Und nicht den Erdball in den Himmel schmeißen.
Wir sind gebannt, auch wenn wir rasend rennen, An unser Fleisch, das wir den Menschen nennen.
Wir heulen einen tief zerstückten Schrei Nach einem Sein, das mehr als Dasein sei.
Der kaum Geborne schreit schon Widerstand, Als fürchte er den erdverfluchten Sand.
Was bleibt an Mut im Elendeinerlei? Ein bißchen Glück, ein bißchen Narretei.
Man kreischt und zittert in den Erdenklippen --, Und schweigt verbissen mit zerquälten Lippen.
Die Erdenfreunde sinken Blick in Blick -- Ein letzter Liebehaß zerreißt ihr Glück.
Und über allem brausen die Fanfaren, Den Tod der Erde grell zu offenbaren.
FRAGENDER MENSCH
Das ist das Stumme meines Angesichts, Daß ich nichts finde, was den Geist beseelt. Nicht Welt, nicht Ich, nicht Alles und nicht Nichts: Wohin mit mir? Mein Tag ist ausgehöhlt.
Was könnte ein Pistolenschuß mir geben? Was ist der Tod? Ich kann nur immer fragen -- Und wer am Tod verzweifelt, will das Leben; Ich bin geboren und ich muß mich tragen.
Doch wenn ich Leben will, weil Tod verhüllt ist, Dann muß ich immer neu mich selbst gebären; Dann ist das Lustgeheul, das nie gestillt ist: Mutter und Kind, ein Geben und Begehren.
PIERROT
Ich will ganz leis anfangen: zu sprechen. ... Wenige Laute zuerst ... zitternd ... Hört ihr das Kichern knacken und brechen, Das in der Luft ist, gewitternd --?
Noch steh' ich wie mein eigenes Denkmal da, Bin mir selbst noch zu nah. Ich muß von mir wegschreiten, Lachend ... bis ich _laut_ lache. Bin ich nicht eine famose Sache, He? Ach, ich seh': Ihr seid alle dumm, zu dumm.
Dumm seid ihr ... Hojoh! Wißt ihr, was eine Nacht ist? Menschen, sagt es mir! Ihr wißt nicht, was eine Nacht ist. Ihr wißt nichts. Gar nichts. Ihr seid alle dumm, zu dumm.
Ich muß mein Hirn peitschen, schmeißen, Weil es träge wird, was es nicht sollte! Aber mein Maul kann ich noch aufreißen --: Auweh! (Weiter war's als ich wollte.)
Hui! ... Hui! Hui! Ich hab' ein Liebchen, das will ich fangen. Sie kriegt einen Kuß auf die Wangen -- Schade, Auch das Küssen ist fade.
* * * * *
Ach Gott! Die Welt ist so weich und gebogen, Warum sind die Wälder nicht spitz Und noch spitzer der Himmel? Um solchen Witz sind wir betrogen. Alles ist nur immer Trauer Und schmeckt öde und sauer Wie alter Schimmel. Und die Menschen sind ohne Projekte. Eine hilflose Sekte.
Jetzt werd' ich mich ducken, Vielleicht auch hinlegen dann. Und ihr sollt gucken, Wie gut ich mich totstellen kann.
GUTE LATERNE
Noch weiter gehn? Was will mir noch die Straße sein? Die Steine sind noch härter als Matratzen, Doch auch ein enges Bett will ich nicht sehn. Verdammte Nacht! Ich hab' mich rumgestritten Mit bösen Freunden. Jetzt bin ich allein; Sie sind verärgert mir hinweggeglitten, Sie wollten mich an meinen Augen kratzen, Ich sah so treu sie an, daß sie's nicht konnten.
Ihr Blut ist Gift? Ich will davon nichts wissen. Was darf man wissen? Alles ist verschwommen. Alles ist Strom, in weiten Strom gerissen -- Ach, wär' auch ich in Arme aufgenommen!
Laternen schwimmen viele. Pflück' ich die gelben Rosen? Halt, halt, du Welt! Ich kann schon nicht mehr mit. An eine der Laternen werd' ich hingestoßen. Wer gab mir in die Kniee diesen Tritt? Hab' ich zu viel schon Welt in mich getrunken? Oh! die Laterne, die mich halten konnte, Ist dicht an mich und ich an sie gesunken, So dicht, als ob sie mir, nur mir die Nacht besonnte.
Bin jetzt fast ruhig und mir selbst vorüber, Die Kraft entsinkt, ich bin zu sehr zerfleischt. Welt, strotzt dein Leib? Er ist Geschwür und Fieber, Kraft ist nur Tollwut, die in Luft sich kreischt. So sehr sah ich der Tage Wahnsinn nie, Die Tierischkeit des menschlichen Gestells. Was rasen Menschen? Und was schaffen sie? Sie töten sich den Kopf an einem Fels. Tut aus der Nacht sich nicht ein Mantel auf Und legt sich weich und bettend auf mein Hirn? Ach, käme nie der Morgen mehr herauf, Das kalte meuchlerische Bleichgestirn. Und doch, ich seh, die Nacht ist mir nicht weich, Die Nacht ist nichts, was mich nicht auch verließ. Ist gar nichts denn für mich, macht mich nichts arm, nichts reich? Ist das der Tod? -- Ein Lebender fragt dies.
Was soll ich jetzt mit mir beginnen? Der ich mich ganz an die Laterne gebe? Bin ich denn immer noch bei meinen Sinnen, Obwohl ich leerer als ein Toter lebe? Wohin auch sonst ich in der Welt mich bringe, Mich zieht doch gar nichts an, ich bin so gräßlich lose. Wenn mir die Zunge aus dem Munde hinge, Das wäre wirklich keine dumme Pose. Was sind die Häuser? Grünes Schafsgewimmel. Und alles schmeckt nach altem Mond und öd. Und auch der kühle dünne Himmel Ist fahl und blöd. Ich hab' nur Angst, daß ein Betrunkner kommt Wie ein erschreckend-greller Knall. Wär' ich ein Pferd, so brav und prompt, Ich schliefe still in meinem Stall. Wozu erst Wachsein noch, das doch nur gähnt? Wär' ich nicht Mensch, ich schliefe süß und still. An die Laterne bin ich hingelehnt So sehr, daß ich nicht weitergehen will.
DUMPFER TAG
Nehmt endlich, Brüder, mir von meinen Lippen Den schweren Daseinsschrei, den nie mein Kopf vergißt. Denn sonst ersticke ich in den Gestrüppen, In Stadt und Stacheln, die die Erde ist.
Hört ihr den Erdenwahnsinn lachend weinen? Ein Donner ist in mir, der will so wild erdröhnen! Der Lebende kann sich nicht selbst verneinen, Wer einmal Mensch, der muß ein Glück ersehnen.
Kein Traum kann je uns vor uns selbst verschonen. Wir, Sklaven, sind gepeitscht und wissen keinen Retter. Wir sehen nicht, in welcher Welt wir wohnen, Und schwingen schwer in unerkanntem Wetter.
Und ich, ich bin, dem solcher Tage Nacht Noch mehr als euch sich engt zu Gassen toller Trauer. Denn unsre Blindheit hab' ich ganz durchwacht. Ich denke keinen Himmel mehr, nur Mauer.
ERDENFAHRT
Jahrelang ist nichts geschehen, Nur das Leben vieler Dinge, Erd' und Himmel war zu sehen Und des Himmels bleiche Ringe.
Flatternd kann ich mich vergessen, Wie ein Kind, wie eine Mücke. Zeit und Ziel sind ungemessen, Wenn ich in die Sterne blicke.
Auf die Fahrt auf dieser Erde Geht ein steter Regen nieder. Wie ein Sein, das nichts mehr werde, Sinken bald die Augen nieder.
Alle, die im Kreise tanzen, Die in Städten und auf Bühnen Ihre Fahnen lustig pflanzen, Können nur der Erde dienen.
Jahrelang werd' ich die Stunden Der Sekunden tief begehren, Werde, ganz an mich gebunden, Böser Liebling, mich zerstören.
NACHTGEDICHT
Ein Wind ist diese weite stumme Nacht, Und diese Straße, diese Wüste schwebt, Die ich so lange schon in mich hineingedacht.
Ist Denken denn ein Trieb, der uns erhebt? Er tötet alles, was in einer Brust Lebendig war und blühend unbewußt.
In welchen Kampf will ich mich schlagen? Erfolg und Macht -- es ist doch alles leer. Und Opfer sein? Wo nehm' ich Götter her?
Vielleicht die Menschen aufwärtstragen? Ich Narr! Ist Höherkommen denn schon je geglückt, Da stets Unendlichkeit uns niederdrückt?
Euch Menschen helfen, die ihr elend seid, Wär' Wahnsinn. Helfen hilft nur falschem Schein, Denn wo ein neues Glück, ist auch ein neues Leid.
Stets in sein Selbst, wie an den Pfahl gebunden, Bohrt sich dem Menschen neues Sehnen ein, Wenn er Beglückung irgendwie gefunden.
Ich aber fühle Leere im Gesicht, Zu müde wird es mir, als daß ein Glück Noch jemals Kraft erlange meinem Blick.
Ich will nicht traurig sein und glücklich kann ich nicht, So bin ich nichts -- und fühle manchmal nur Die kleine Lust zu einem Nachtgedicht.
Und wie an einer Schnur Geh ich den Schmerz entlang, Der diese Welt ist und ihr Müßiggang.
DIE UNGESTILLTEN DER SEELE
RITTERNARR
Zu eng ward ihm der Raum der Daseinsfristung: So stieg er auf sein Roß und ritt die Erde, Der finstre Ritter in der grellen Rüstung -- Gefolgt von einer dürren Menschenherde.
Er ritt und ritt und suchte die Gefahr Voll Angst und Qual, voll Mut und hellen Flügen. Das ekle Dasein, das so heimlich war, Wollt' er mit seinem eigenen bekriegen.
Er nahm sein Schwert und hieb es in die Luft Mit solcher Wucht und starrem Widerwillen, Daß in der Welt vor ihm sich eine Kluft Zu öffnen schien, um seinen Haß zu stillen.
Und als er lang genug das All durchquert Und sah, es werde wohl vergeblich sein, -- Da hielt er an, und stieg von seinem Pferd, Und setzte sich auf einen nackten Stein.
Und stierte in den blinden Dünsteraum, Als wollt' er dem Lebendigsein entsagen; Und stierte in den düstern Wolkenschaum, Als wär' nichts mehr zu sagen noch zu fragen.
Die Wolken tanzten silberschwarz wie Särge In seinen Augen, die voll krankem Schauer In schwüle Luft anschwollen: so viel Berge, Sie lagen ihn zu töten auf der Lauer.
Die Leute hoben ihn in einen Karren Und fuhren ihren Held aus seinen Schmerzen Zum Thron. Dort zündeten ihm seine Narren Vor Glück die spitzen Finger an wie Kerzen.
GANG ZUM SCHAFOTT
Ein Menschenkreis umstellt das Blutgerüst Und hungert nach dem Folterakt der Köpfung -- Da kommt der Mörder. Und sein Leben ist So bleich wie die unendliche Erschöpfung.
Nichts wollen seine hohlen Züge sagen. Er litt -- bis an den großen eignen Knochen Es nichts mehr gab für ihn, um dran zu nagen. Die Augen liegen tief wie ausgestochen.
Stumpf geht er. Plötzlich klingt die Sünderglocke In dünnem Strahl, wie Lachen hell und kalt. Da hat noch einmal an dem Sträflingsrocke, Kurz wie vom Blitz, sich ihm die Hand geballt!
AHASVER
Mir hat die Welt auf meinen weiten Zügen Viel Lust geschenkt. Ich hab' sie stumm vergraben In meinen Augen -- die stets hungernd liegen. Mich sättigt nicht, was mir die Menschen gaben.
Ich kann nicht ruhn, ich muß die Erde messen, Glühendes Folterrad an meinem Leibe -- Erst dann wird Glück, wenn ich die Gier vergessen Und wie ein Fels erkaltet stehen bleibe.
JUNGER KÜNSTLER
Kommt keine Sonne über meine Augen, Die, noch so jung, schon hohl wie Gräber lagen? Ich will den Freund mir aus den Büchern saugen, Die meine früh gepreßten Qualen tragen.
Und wie gedrosselt stockt mein tiefes Weinen Nach Armen, die ich um die Schultern führen Wollte, ganz dicht. Auch nicht das tiefste Weinen Löst meinen Leib aus seinem großen Frieren.
DER DENKER
Ich weiß nicht, was ich bin. Mein Weg läuft schief Um mich herum, ein wirres Kreiselspiel. Mein Denken, das zwar immer nach mir rief, Sagt mir nicht, was ich bin, sagt mir kein Ziel.
Nie kann etwas in mir mich ganz begreifen. Denn wie begriffe ich dies Etwas dann? Ich kann Begriffe auf Begriffe häufen: Und wo man aufhört, fängt's von neuem an.
Wo münde ich, wo ist mein Urbeginn? Stets bleibt ein Rest beim Spalten und Umspannen. Blöd scheint der Schrei nach all des Daseins Sinn: Alldasein ist durch Denken nicht zu bannen.
Können wir nichts als endlich wahr erkennen? Wir wissen nicht, ob wir Bestimmtes wissen. Wir dürfen immer nur so weiterrennen, Wie Blinde fressend, hungernd und zerrissen.
Und stets die Frage, die sich selber fragt Nach etwas, das man ist und hat und hält! Es ist das Klagen, das schon nicht mehr klagt: Nicht als nur da zu sein und ohne Welt.
Sonne ist Nacht, denn Freude ist nicht mehr! Was könnte ich mit Freude mir gewinnen? -- Doch der, der fragt: ist jede Fülle leer? Kann der denn jemals in ein Nichts zerrinnen?
Man lebt, ja, Haß in Menschen und in Herden, Als sei's ein Wert: größer zu sein als klein. Wer reicher wird, muß arm an Armut werden, Wer ärmer wird, wird reich an Armut sein.
Streck' ich mich noch? Ich Wurm. Was ist in mir, Das je sich selber überragen könnte? War je ein Mensch, war je ein wildes Tier, Das (wie ein Gott!) sich von sich selber trennte?
CLOWN
Ich taumele in einem wirren Traum, Da ich doch nie mit mir am Ziele bin. Wie meine Krause bin ich nichts als Schaum, In hellen Farben schillernd ohne Sinn.
Ich falle einen langsam steten Schritt, Wobei ich jedes Bein für sich betone. So schlepp' ich mich herum, und jeder Tritt Ist wie der Ausspruch, daß es sich nicht lohne.
Doch niemand ist, der mich voll Trauer wähnt Und Lüge sieht in meinem Lachgebell. Und daß dahinter eine Sehnsucht stöhnt, Merkt niemand, denn ich scheine froh und hell.
ALTERNDER MIME
Ich stürmte jung voll Freiheit auf die Bühne, Berauscht von Sternen, die ich hell erdacht, Daß ich der Erde wie ein Herrscher diene, Dem Kampf der Liebenden in Sturm und Nacht.
In qualzerrissne Sinne wollt' ich dringen, Mein wildes Wort und Sonnenjubelspiel, Es sollte einen neuen Traum erschwingen Für Menschenlust und Erdenmitgefühl.
Es mag geschehen sein, was ich gewollt, Die Freunde haben meinen Kampf geteilt. Doch selber, scheint es, hab' ich mich vertollt In Nichts, ob ich gejauchzt, ob ich geheult.
In Trauer mußt' ich meine Frohheit schminken: Nun fühl' ich kaum noch meines Lachens Sinn. Es ist so leer, wenn mir die Leute winken, Da ich vergessen habe, wer ich bin.
Mir dünkt jetzt nur noch eine einzige Geste Als wahr. Nicht, wenn ich eine Frau liebkose, Nicht, wenn ich küsse, tanze und mich mäste -- Nur die, wenn ich die Menschen von mir stoße.
DER KRANKE SÄNGER
Wo nehm' ich die Geduld her für mein Leben? Der Giftschwamm wuchert und zersaugt die Brust. Mein Blick ist stumpf und hohl dem Tod gegeben. Zertreten liegt die heitre Sängerlust.
Wie anders früher! Als sich mir die Bühne Zur Welt geweitet und die Menschenklänge Noch voll aus mir erströmten -- wie die kühne Gewalt des Gottes, siegende Gesänge!
Nun stöhnt so heiser, mühsam, ohne Wert Mein matter Leib, der kaum sich aufrecht hält. Vom Fraß der Blutbazillen ausgezehrt Wankt mein Gerippe im Geröll der Welt.
O könnte ich nochmal die Stunde küssen, Da sich der Tag hell in den Himmel schwang, In Segel tauchen, blühend hingerissen Vom eignen Spiel und liebenden Gesang.
Und könnt' ich einmal noch die Bilder wecken, Die mich wie milde Farben überliefen --, Aus meinen Gliedern auf den Aufruhr schrecken Mit jenen Stimmen, die unendlich riefen.
Doch dieses ganze Sehnen ist vergebens, Erinnerung bedeutet größere Not. Die unerfüllte Fülle meines Lebens Wird immer ausgehöhlter für den Tod.
AKROBAT
Ich zieh' mit stumpfen Eltern und Geschwistern Von Stadt zu Stadt auf jeden Jahrmarktsrummel. Ich bin der dürre Gliederclown, und lüstern Begafft die Menge mich verbrauchten Stummel.
Wie Schlangenwirbel muß ich mich bewegen, Da ich zerbrochen bin und viel geteilt. Ich mußt' von Kind auf mich in Fratzen legen Und aus den Wunden schrei'n, die niemand heilt.
Wenn stolz ich aufrecht stehe -- lüge ich. Ich turn' am Reck und bin zum Tod bereit Ganz wie am Galgen. Oftmals träum' ich mich, Als sei mein loser Leib wie Sand verstreut.
ZIGEUNERLIED
Wir sind die mageren Zigeunerkinder. Wir tanzen Seil und biegen jedes Stück Des jungen Leibes krumm. Und immer blinder Stellt sich die Welt zu unserm dürftigen Glück.
Wir sind gedorrt und bleich vom vielen Hoffen, Vom vielen Wandern schmählich abgezehrt; Und nirgends haben wir aus all dem schroffen Applaus ein liebend gutes Wort gehört.
Kein ehrgerechter Zorn darf uns erhitzen. Wir müssen lächeln, wenn man uns verlacht. Wir müssen singen, springen, klingen, schwitzen -- Und alle Tage sind wie schwere Fracht.
Auf unsern Rippen spielen wir die Harfe. Die Leute lauschen, wie es knackt und bricht. Doch dieses Knochenspiel ist bloße Larve. Dahinter wühlt ein Meer. Das sehn sie nicht.
Wollt ihr an unseren Skeletten schürfen? Wozu? Das Knabbern stillt nicht eure Lippen. Hier ist kein Fleisch, und Blut ist keins zu schlürfen. Hier ist nur Meer, das ihr nicht seht, und Klippen.
MEERFAHRT
Ich war noch jung, und konnte schon das Land Nicht mehr ertragen, da es von bigotten Bewohnern starrte, unbewegt. Am Rand Von Aschenhügeln schien man hinzutrotten.
So suchte ich das Meer -- und fand es ganz! In düstertiefer Pracht, verwühlt und wild, Dann wieder friedlich gleitend, in den Glanz Der Sonne eingeflossen, tief und mild.
Für meine Nacktheit hatte ich als Hülle Den Himmel nur. Ich brauchte mich nicht bergen Und kleiden wie die Menschen, deren Fülle Am Stein der Stadt verkümmert wie bei Zwergen.
Ein heller Segler war mein Eigentum Und außer ihm die kühne Himmelsweite. Der jungen Freiheit unbegrenzter Ruhm Schien unvergänglich wie das Weltgezeite.
Ich stand am Bug und dehnte meinen Leib In glühnder Kraft tief in die Luft hinein. Wie hingejubelt war ich an ein Weib, Erschauernd süß im Welt-Umschlungensein --.
Da trieb ein giftiger Wind mich an das Land -- Gleich kamen Menschen, meinen Stolz zu lähmen Mit Hohn. Ich warf mich weinend in den Sand Und fühlte mich der nackten Reinheit schämen.
DER BERUFENE