Part 8
Die Luftschiffe kämen überhaupt niemals für einen Massenverkehr in Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen, den Atlantik zu überfliegen.
In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die Hand nehmen, ohne auf das Wort »Tunnel« und auf Illustrationen und Abbildungen zu stoßen, die sich auf den Tunnel bezogen.
Im November wurden die Nachrichten spärlicher und schließlich erloschen sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hüllte sich in Stillschweigen. Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmöglich, neue Illustrationen zu veröffentlichen.
Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, für die man kein Interesse mehr übrig hatte. Etwas Neues stand momentan im Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!
Der Tunnel aber war vergessen.
Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wußte recht gut, daß diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht hätte. Er selbst wollte, wenn er den richtigen Zeitpunkt für gekommen wähnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf Sensation beruhte!
Im Dezember ging eine ausführlich kommentierte Nachricht durch die Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining Company erwarb für die Summe von zwölfeinhalb Millionen Dollar das Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage geförderten Materialien, die sich hüttentechnisch verarbeiten ließen. (Die Aktien der P. S. R. C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig erschien die Notiz, daß die Edison-Bioskop-Gesellschaft für eine Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und kinematographische Aufnahmen vom Tunnel während der ganzen Bauzeit zu machen und zu veröffentlichen.
Die Edison-Bio verkündete in grellen Plakaten, daß sie »das ewige Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die Geschichte des größten menschlichen Werkes zu überliefern.« Sie beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzuführen, um sie von da aus über dreißigtausend Theater des ganzen Erdballs zu schicken.
Es war unmöglich, eine bessere Reklame für den Tunnel zu ersinnen!
Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des Atlantic, sie zeigte die fünf gewaltigen Staubsäulen der einzelnen Baustellen, die Steinfontänen, die das Dynamit emporjagt, die Abfütterung von hunderttausend Menschen, den Anmarsch der Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstück den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fünfzehn frischen Hügeln. Sie zeigte Holzfäller in Kanada, die einen Wald für Allan niederschlagen -- sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle die Buchstaben A. T. S. trugen.
Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen »Eisenbahnwagen« trug, machte den stärksten und in der Tat einen überwältigenden Eindruck. Güterzüge, nichts sonst. Güterzüge in Schweden, Rußland, Österreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich, England, Amerika. Züge mit Erzen, Holzstämmen, Kohlen, Schienen, Eisenrippen, Röhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten vorüber -- alle rollten! -- ohne Aufhören rollten sie vorüber, so daß man sie schließlich rollen und rauschen _hörte_.
Zum Schluß kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby über die Baustelle in New Jersey.
Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen »Tunnelfilm«, und am Schluß erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.
Während Allans Name früher kaum mehr gewesen war als der Name eines Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht und übermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem Namen und seinem Werk festgefügte und klare Vorstellungen.
Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle großen und kleinen Städte der Staaten mit möbelwagengroßen Plakaten überschwemmt, vor denen sich die Menge trotz dem Geschäftsfieber der Weihnachtswoche ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean von Häusern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein Mensch etwas Ähnliches gesehen oder erträumt! In der Mitte dieser Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu den Tunnelmündungen führte, waren von unzähligen Brücken überspannt, von Parkanlagen mit Fontänen und blühenden Terrassen eingesäumt. Ein dichtgedrängtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhäuser, Banken, Officebuildings. Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Häuserblöcken, die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren märchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhäuser, Docke, Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger Strand voller Strandkörbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und unter dieser blendenden Märchenstadt stand: »Mac Allans Städte in zehn Jahren.«
Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht größer als eine Möwe. Man sah, daß der Pilot etwas mit der Hand über Bord warf, das anfangs wie Sand aussah, dann aber rasch größer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu Zetteln wurde, von denen einzelne dicht über der Stadt so groß waren, daß man deutlich lesen konnte, was darauf stand: »Kauft Baustellen!«
Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an den Kopf zu klopfen brauchte und die großartigsten Dinge kamen heraus.
Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen großen Zeitungen bei. Jeder Quadratfuß New Yorks war damit bedeckt. In allen Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zügen, Stationen, Ferryboats, überall stieß man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dünen stampfen wollte. Man belächelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in Mac Allan City gewesen zu sein!
In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!
»~Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!~«
Aber unter zehn, die »Bluff« schrien, sah man immer einen, der die Hände rang, die andern an den Schultern schüttelte und sich blau schrie:
»~Bluff?~ ~Nonsense~, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!! Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!«
Waren diese Riesenstädte in Zukunft überhaupt wahrscheinlich und möglich? Das war die Frage, an der man sich die Köpfe einstieß.
Schon am nächsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten der berühmtesten Statistiker, Nationalökonomen, Bankiers, Großindustriellen. ~Mr. F. says~: --! Sie stimmten alle darin überein, daß allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb viele Tausende von Menschen erfordern würde, die an und für sich respektable Städte füllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika und Europa würde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitäten zu drei Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden. Heute waren täglich rund fünfzehntausend Menschen zwischen den Kontinenten unterwegs. Mit der Eröffnung des Tunnels würde sich der Verkehr versechsfachen, ja -- nach einigen -- verzehnfachen. Die Ziffern konnten ins Unfaßbare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen würden täglich in den Tunnelstädten eintreffen. Es war sogar möglich, daß diese Tunnelstädte in zwanzig, fünfzig und hundert Jahren Dimensionen annehmen würden, die wir Menschen von heute mit unseren kleinlichen Maßstäben gar nicht auszudenken vermochten.
Allan führte nun Schlag auf Schlag.
Am nächsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!
Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter mit Tausend-Dollarnoten auslegen mußte, nein, aber trotzdem waren seine Preise unverschämt und machten den stärksten Mann mundtot. Die Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen hätten. Sie machten Bewegungen, als hätten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt. Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hüte: Mac! Wo war er, dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen Jahren ein Vermögen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld in die eigenen Taschen zu schieben?
Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die größte und kühnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern! -- In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstädte -- die noch gar nicht existierten! -- verhundertfachte, in der teuersten Zone vertausendfachte er sein Geld!
Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten einander argwöhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste, Konzerne!) Wie eine feindselig geschlossene Phalanx stand sie Allans unverschämten Forderungen gegenüber. Allan hatte noch dazu die Nerven, zu verkündigen, daß er dieses »günstige« Angebot nur drei Monate offen lassen werde. Sollte er! Es würde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab für seine Schmutzpfützen -- hoho! -- Narren, die einfaches Wasser für Whisky bezahlten -- -- --
Und es zeigte sich!
Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf den Leib gerückt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie, Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus Wannamaker folgte.
Nun mußte man! Man mußte! Jeden Tag veröffentlichten die Zeitungen neue Ankäufe -- sinnlose Summen für nichts als Sand, Geröll -- in einer Bluffstadt! -- aber man mußte, wollte man nicht zu spät kommen. Es gab Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.
~Nearer my God to thee~, -- es gab kein Zurück mehr ...
Allan machte keine Pause. Er hatte die Öffentlichkeit auf die nötige Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.
Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch Shares aufgebracht werden.
Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche über Baukosten, Eröffnung des Tunnels, Rentabilität, Verzinsung, Amortisation. Dreißigtausend Passagiere täglich angenommen, würde sich der Tunnel schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel täglich mit vierzigtausend und mehr zu rechnen. Dazu kämen die enormen Einnahmen für Fracht, Post, pneumatische Expreßpost und Telegramme ...
Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende, beschwörende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!
Die Zeichnungsaufforderung war von den Gründern und Großaktionären des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den führenden Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur größten Überraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als »Lloyds ~right-hand-man~« bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von »Lloyds Bank.«
3.
Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und damit war S. Woolfs Name für ewige Zeiten mit dem Tunnel verknüpft.
Sein Porträt erschien in den Abendblättern: ein würdevoller, ernster, etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine starke, gekrümmte Nase, kurzes, schwarzes, gekräuseltes Haar und kurzer schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem Glanz.
»Beginnt als Händler mit alten Kleidern -- jetzt finanzieller Leiter des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jährlich. Spricht zwölf Sprachen.«
Die Sache mit den alten Kleidern war ein Märchen, das S. Woolf selbst einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S. Woolf von »da unten« herauf. Bis zu seinem zwölften Jahre hatte er als Samuel Wolfsohn den Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den Füßen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernährt. Sein Vater war Leichenwäscher und Totengräber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling in eine Bank nach Budapest, wo er fünf Jahre blieb. Hier in Budapest begann ihn zuerst »der Rock zu zwicken,« wie er sich ausdrückte. Ausgehöhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelüsten war er, krank von tollen Wünschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und Nacht, die Zähne zusammengebissen, mit wütender Energie. Er lernte Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne große Schwierigkeiten auf wie ein Löschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhändler, Orangenverkäufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in der Aussprache zu üben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedächtnis und lernte die ausländischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Börsenmakler in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier war er plötzlich _Ungar_ und _Jude_. Er sagte sich, daß der Weg über London führen müsse und bombardierte die Londoner Bankhäuser mit Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er, Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige Sprache auf; die Aussprache übte er mit einem chinesischen Studenten, dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte. Samuel Wolfsohn lebte elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu überhören. Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf seinen elenden, schmerzenden Plattfüßen, die voller Hühneraugen waren, dahin; er gab Sprachstunden für achtzig Pfennig, er übersetzte. Geld! Seine tollen Wünsche schüttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte, die kühnsten Verheißungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demütigungen und Züchtigungen, die das Leben über ihn verhängte, konnten ihn nicht mürbe machen, er krümmte den Rücken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder! Plötzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kündigte seine Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreißig Mark für eine Plombe und das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, ließ sich bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte als Gentleman nach London. Nach vierwöchigen fruchtlosen Bemühungen stieß er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spaß daraus, dem jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war der größte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn ließ einen chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hörte, daß die beiden eine regelrechte Unterhaltung führten. Drei Tage später war Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber -- ~if you please!~ -- nicht, um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach ausschließlich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender, der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai weiter. In Schanghai fühlte er sich schon wohler. Er sah Luft, den Horizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war er _kein Engländer_, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen kopierte. Er ließ sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte seine Leichenwäscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich wohlfühlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stieß er die Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er sei ein _Deutscher_, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen englischen Akzent, ließ sich den englischen Schnurrbart rasieren und sprach durch die Nase; er gebärdete sich laut und gutgelaunt, er war der erste, der den Rock auszog und in Hemdärmeln über die Straße ging. Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen konnte, dreieckig, viereckig, kugelförmig, wie es sein mußte. S. Woolf stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen nötig gehabt, um er selbst zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbörse in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her, um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehörte. Seine Kenntnisse, sein Genie, seine unerhörte Arbeitskraft brachten ihn rasch in die Höhe, und nun preßte er mit seinen Patentsohlen fest und gehörig auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepreßt hatte. Er legte den lauten Brokerton ab, er wurde würdevoll, und zum Zeichen, daß er arriviert sei und tun könne, was er wolle, schaffte er sich ein individuelles Gesicht an: er ließ sich einen kurzen Backenbart stehen.
In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein ähnliches Glück wie vor Jahren in London. Er stieß auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stieß auf Lloyd! Damals war er bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glück wollte es, daß er ein kleines Manöver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er machte ein paar geschickte Schachzüge, und Lloyd -- beschlagen in allen Eröffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner -- fühlte, daß er es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P. Griffith' und T. Lewis', nein -- und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg -- sein Auftrieb war so gewaltig, daß er nicht stillstehen konnte, bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig Jahren -- etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz -- im Atlantik-Tunnel-Syndikat.
S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine hübsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schönheit der Wienerin, die seine Sinne entzündete, war bald verblüht, und nichts war geblieben als eine zänkische, arrogante, kränkelnde Ehefrau, die ihn mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte seine zwei Söhne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte, ein kleines Appartement in Brooklyn ein -- und dann nahm er einen tiefen Atemzug und begann seine Tätigkeit im Syndikat.
Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalien seines ungeheuren Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks, Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er sämtliche Zügel in die Hand genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit Jahren bekleidete.
Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker, den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die Persönlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mußte schon nach wenigen Tagen gestehen, daß er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein bewundernswerter Arbeiter war.
4.
Die Subskriptions-Einladung war veröffentlicht, und der Tunnel begann zu schlucken!
Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig und zehn Dollar.
Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdröhnte am Tage der Emission von ungeheurem Lärm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen ließ. Sie konnte unerhört glänzend sein, sie konnte keinen Cent Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S. Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das größte Interesse am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenüber einnahm. Er ratifizierte keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht überzeugt hatte, daß sein Mann ihm sicher war. So kam es, daß die Agenten der schweren Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben für rund fünfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.
Der Damm war gebrochen ...
Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, der _ganzen_ Welt werden.
Und das Geld des Volkes ließ nicht auf sich warten.
Die Menschen haben stets die Kühnheit und den Reichtum bewundert. Die Kühnheit ist ein Triumph über den Tod, der Reichtum ein Triumph über den Hunger, und nichts fürchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.
Selbst unfruchtbar, stürzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um sich daran zu erwärmen, zu entflammen und über die eigene Dumpfheit und Langeweile wegzutäuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die dreimal täglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stündlich an den tausendfältigen Kapriolen und tausendfältigen Todesstürzen ihrer Mitmenschen ergötzten, in dumpfem Grimm über die eigene Ohnmacht und Bettelarmut. Nur wenige Auserwählte konnten sich den Luxus leisten, selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das Leben ließ ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und den Atem verlor, stürzte ab und zerschmetterte und niemand kümmerte sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu kümmern, auch das Mitgefühl war Luxus geworden. Die alten Kulturen waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie und spiritistischer Schwindel -- kaum genug, um den seelischen Bedarf einer Handvoll Menschen zu decken. Ein bißchen billige Zerstreuung, Theater, Kinos, Boxkämpfe und Varietés, wenn der sausende Treibriemen auf ein paar Stunden stillestand -- um das Schwindelgefühl zu überwinden. Aber viele hatten alle Hände voll zu tun, ihren Körper zu trainieren, damit sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu können. Dieses Training nannten sie Sport.
Das Leben war heiß und schnell, wahnsinnig und mörderisch, leer, sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten dürfen, nicht die alten Gassenhauer!