Part 7
Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hängebauch vor Vergnügen hin und her, um die Wollust des Bürstens auszugenießen. Mac versuchte es auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney schneeweiß herzurichten. Aber sobald Boney Wasser spürte, zuckte seine Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte unbehaglich die Füße. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney plötzlich den Hals vor und ließ ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hören -- die Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, daß der Stollen hallte. --
Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von ihm. Er hat ein außergewöhnliches Interesse für alte, krummrückige, fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines Schimmels und sagt: »So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!« Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, daß sie an der Ähnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von Gemälden und hat nie einen Cent dafür ausgegeben. Aber Maud entdeckte einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war übrigens schon über zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine Sympathie für alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills, hielt er plötzlich das Auto an.
»Sieh dir mal den Schimmel an, Maud!« sagte er und deutete auf einen alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.
Maud mußte laut heraus lachen. »Aber Mac, das ist ein alter Schimmel, wie es Tausende gibt.«
Das sah Mac natürlich ein und er nickte. »Das mag schon sein, Maud, aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.«
»Wann?«
»Wann?« Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde, als von sich selbst zu sprechen. »Das ist schon lange her, Maud. In Uncle Tom.«
Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender Raubvogelschrei -- hej! -- hej! -- den Mac unwillkürlich ausstößt, wenn ihm jemand vor den Reifen des Autos herumläuft. Diesen Schrei hat er in Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte, und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen war.
* * * * *
Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang in den Stollen von Uncle Tom zurückgelegt, als die Grubenkatastrophe eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete zweihundertundzweiundsiebzig Menschen das Leben, aber sie sollte Macs Glück werden.
In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle Tom.
Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurück und pfiff einen Gassenhauer, den gegenwärtig der Phonograph in Johnsons »Saloon« jeden Abend brüllte. Plötzlich hörte er durch das Gerassel der eisernen Hunde hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhölzer knickten und der Berg hereinbrach. Er riß Boney mit aller Gewalt am Halfter und gellte ihm in die Ohren: »Hej, hej! ~Git up -- giit up!~« Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hörte, versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib, daß er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifelten ~finish~ -- dann verschwand er unter dem stürzenden Gestein. Mac lief wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu seinem Entsetzen sah er, daß die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal im Kreise, wie ein Kreisel, die Hände an den Schläfen und stürzte in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der Seitenverschlag krachte, und gehetzt von stürzendem Gestein flog Mac dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hände am Kopf, und schrie!
Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, daß er in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben würde, wenn ihn der Berg nicht erfaßt hätte. Er mußte sich setzen, da ihn die Knie nicht mehr trugen, und da saß er nun, betäubt vom Schrecken, und dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschäftigte er sich mit seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab; er war vollkommen eingeschlossen von Geröll und Kohle. Er versuchte zu denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.
So saß er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit, dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stück Kaugummi und seine Lebensgeister kehrten zurück.
Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest. Boney hatte der Berg erschlagen -- und ihn, nun ihn würden sie wohl herausgraben!
Mac saß neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er wartete ein paar Stunden, dann überschlich ihn eine eisige, kalte Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Geröll ab, ob kein Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts übrig, als zu warten. Er untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und ließ die Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine fünf Cent ein, drehte die Kurbel, ließ los -- und merkwürdig, immer gewann er: ~full hand~, ~royal flush~ ...
Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentümlicher Laut. Es zischte und knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hörte er, daß er nichts gehört hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber diese schreckliche Stille war unerträglich. Er steckte die Zeigefinger in die Ohren und schüttelte sie. Er räusperte sich und spuckte laut aus. Dann saß er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin auf das Stroh, das für Boney da war. Schließlich legte er sich auf das Stroh, und mit einem jämmerlichen Gefühl der größten Hoffnungslosigkeit schlief er ein.
Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von Nässe; die Lampe war ausgegangen und er plätscherte mit den Füßen im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren, zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn. Dabei lauschte er, aber er hörte weder Klopfen noch Stimmen, nur das Rieseln und Tröpfeln von Wasser.
Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab, knirschte mit den Zähnen und raufte sich das Haar, während er toll vorwärtsrannte. Er stieß gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fäusten aufs Gestein ein. Seine verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg zum Barren zurück und fuhr fort, Hafer zu kauen, während er die Tränen laufen ließ.
Stundenlang saß er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!
Mac saß, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten, er wurde ganz kühl. In dieser furchtbaren Stunde mußte es sich zeigen, was an Mac war. Und es zeigte sich!
Plötzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der Luft: »Wenn ~those blasted fools~ mich nicht holen,« schrie er, »so werde ich mich selbst ausgraben!«
Aber Mac begann nicht sofort zu wühlen. Er nahm wieder auf dem Barren Platz und dachte lange und sorgfältig nach. Er zeichnete sich im Kopf den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Südstollen war es unmöglich! Wenn er überhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt, Pattersons Flöz, sein. Die Abbaustelle dieses Flözes lag siebzig, achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wußte Mac ganz genau. Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brüchig geworden. Das war von großer Wichtigkeit.
Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: »He, Pat, Hikkins sagt, wir fördern nur noch Dreck!«
Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und Pat hatte wütend geheult: »Hikkins ~shall go to the devil~, sag' ihm das, Mac! ~To hell~, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat sie zerdrückt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag' ihm das, sie sollen besser versetzen!«
Pat hatte das Flöz mit neuen guten Stempeln solid gestützt, denn er hatte befürchtet, daß ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flöz war steil, zweiundfünfzig Meter hoch und führte über eine Bremsbahn auf Sohle 7.
Mac zählte die Schritte ab, und als er siebzig gezählt hatte, wurde ihm eiskalt, und als er fünfundachtzig gezählt hatte und ans Gestein stieß, jubelte er hell auf.
Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er -- knietief im Wasser stehend -- eine große Nische aus dem Geröll geschlagen. Aber er war erschöpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mußte ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen. Er mußte die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu sichern, nicht verschüttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen gefährlich hängende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall zum Stützen holen und die Felsstücke herauswälzen. So arbeitete Mac stundenlang, keuchend, kurz und heiß atmend. Dann war er total erschöpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte er, und als er nichts hörte, machte er sich wieder an die Arbeit.
Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage -- und im ganzen waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er später geträumt, daß er gräbt und gräbt und sich durchs Gestein wühlt ...
Dann fühlte er, daß er an der Mündung des angeschlagenen Flözes war. Er fühlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den abgerutschten Kohlen. Mac füllte sich die Taschen mit Hafer und stieg in das Flöz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig Kohle hereingedrückt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als er merkte, daß sich die Kohle leicht wegschieben ließ, denn er hatte zweiundfünfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend, stieg er das schwarze Flöz in die Höhe. Zurück konnte er jetzt nicht mehr, denn er verschüttete sich selbst den Weg. Plötzlich spürte er einen Stiefel und am rauhen, abgeschürften Leder erkannte er sofort Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschüttet, und der Schrecken und das Entsetzen lähmten Mac derartig, daß er lange Zeit untätig kauern blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam höher. Dieses Flöz war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen. Aber da Mac erschöpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen wegräumen mußte und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweißtriefend, zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn führte von Sohle 8 direkt zur Sohle 7.
Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die Gleise hinauf.
Endlich war er oben: Der Stollen war frei!
Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hände ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7 so genau wie die Sohle 8, aber verschüttete Stollen zwangen ihn immer wieder, den Weg zu ändern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mußte er, zum Schacht -- die Glocke ziehen ...
Plötzlich aber -- als er schon zitterte vor Angst, nun _hier_ eingeschlossen zu sein -- plötzlich sah er rötliche Lichtfunken: Lampen! Es waren drei.
Mac öffnete den Mund, um zu schreien -- aber er brachte keinen Ton heraus und brach zusammen.
Es ist möglich, daß Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den Männern schworen, nichts gehört zu haben, während der dritte behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehört.
Mac fühlte, daß ihn jemand trug. Dann fühlte er, daß er sich im ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so langsam ging. Dann fühlte er, wie man Decken über ihn breitete und ihn wieder trug -- und dann fühlte er nichts mehr.
Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der zerstörten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle Blätter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild, wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwärzte kleine Hand hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht saß, erschien in allen Journalen.
Die ganze Welt lachte gerührt über Macs erste Bemerkung, als er erwachte. Er fragte den Arzt: »Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?« -- Diese Bemerkung war aber ganz natürlich. Macs Mundhöhle war ausgetrocknet, er hätte ebensogut um Wasser bitten können.
Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hände vors Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der plötzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac vorzüglich. Er wurde gefüttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld, Wein. Damit aber wäre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine reiche Dame in Chikago -- gerührt durch das Schicksal des verwaisten Pferdejungen -- sich seiner angenommen hätte. Sie leitete fortan seine Erziehung.
Mac kam es nicht in den Sinn, daß man etwas anderes werden könne als Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie. Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurück, wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez in Bolivia -- in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mußte, wann der richtige Moment für einen gutsitzenden Faustschlag gekommen war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine »Idee« gekommen. Die Durchführung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab -- und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer mußte durch ein billiges Material von annähernder Härte ersetzt werden. Mac trat bei den Versuchswerkstätten der Edison Works Limited ein und versuchte einen Werkzeugstahl außerordentlicher Härte zu schaffen. Nachdem er zwei Jahre mit Zähigkeit gearbeitet hatte und seinem Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich selbständig.
Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kümmern und machte sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, großen Augen, die in der Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzündetes und entzücktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und weißeste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, daß sie nicht beim kleinsten Luftzug zerriß. Es imponierte ihm, wie mutig sie ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo und war von früh bis nachts tätig. Er hörte sie einmal über Musik, Kunst und Literatur sprechen -- lauter Dinge, von denen er gar nichts verstand -- und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war grenzenlos. Er verschoß sich regelrecht in Maud und beging die gleichen Dummheiten wie alle Männer in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen -- was für ein Blick war es doch? -- und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf widmete er drei weitere Jahre rastloser Tätigkeit der Ausarbeitung seiner »Idee«.
Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssänger in den Concerthalls der Vorstadt besangen.
2.
In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.
Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, daß seine jetzige Arbeit von ganz anderer Art war als seine Tätigkeit in der Fabrik in Buffalo, und sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er war auf der Baustelle, in den Versuchswerkstätten von Buffalo, oder er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um sechs Uhr und sie hielt ihn häufig bis spät in die Nacht hinein fest. Vollkommen ermüdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines Arbeitsraumes zu übernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.
Auch darein fügte sich Maud.
Damit er wenigstens einigen Komfort für diese Fälle habe, richtete sie ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebäude ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen, Wäsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie überließ ihm Lion, den chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal nacheinander sagen -- immer mit einer kleinen angemessenen Pause dazwischen --: »~Dinner, sir -- Dinner, sir.~« Er verlor weder die Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er arbeitete lautlos und gleichmäßig wie eine gutgeölte Maschine und doch war stets alles in peinlicher Ordnung.
Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer. Solange es die Witterung erlaubte, arrangierte sie am Abend kleine Diners auf dem Dach des Syndikatgebäudes, das einen berückenden Blick über New York gewährte. Diese Diners mit einigen Freunden und Mitarbeitern Macs machten ihr große Freude und sie verwandte den ganzen Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdroß sie auch nicht, wenn Mac zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.
Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmäßig in Bronx bei ihr und Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versäumnisse der Woche wettmachen, so ausschließlich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter und harmlos wie ein großer Knabe.
Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in New Jersey, um »Hobby etwas Dampf aufzusetzen«.
Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Gründern und Großaktionären des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten, Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf große Mengen Wassers gestoßen, in »Bermuda« verursachte der Bau des Serpentintunnels unerwartete Schwierigkeiten. In »Finisterra« war das Arbeitermaterial minderwertig und mußte durch besseres ersetzt werden. Und dazu häuften sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.
Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war selbstverständlich, daß sie an solchen Tagen keine Ansprüche an ihn erhob.
Mac versicherte ihr, daß es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war, daß Mac sich überarbeiten könne.
Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den »Eroberer der submarinen Kontinente« nannten und die Genialität und Kühnheit seiner Entwürfe priesen. Übrigens hatte sie sich noch nicht ganz daran gewöhnt, daß Mac nun plötzlich ein berühmter Mann geworden war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber dann fand sie, daß er ganz genau so aussah wie früher, schlicht, gar nicht ungewöhnlich. Sie befürchtete auch, daß sein Nimbus in der Öffentlichkeit verblassen würde, wenn die Leute wüßten, wie simpel sein Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufsätze und Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst zu sehen, »~Mac's wife~«, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte sich tot vor Vergnügen, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung einen Artikel fand: »Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New Yorks.«
Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die Leute in Geschäften, wo sie Einkäufe machte, sie neugierig anstarrten, und ein großer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen am Union-Square abstoppen ließ und sie ihren Freundinnen zeigte.
An den schönen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwägelchen im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten, wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkäfigen amüsieren konnten, und zwar amüsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte dieses Vergnügen ein Ende.
Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar -- ohne jede Arbeit! -- mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon Wochen vorher. Es sollte genau so werden wie ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm für die drei Tage ausgearbeitet.
Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast nicht zu sehen. Allan war tagtäglich von Beratungen mit Finanzleuten in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen für die finanzielle Kampagne trafen, die im Januar eröffnet werden sollte.
Allan brauchte -- vorerst! -- die hübsche Summe von drei Milliarden Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er sie bekommen würde.
Wochenlang war das Syndikatgebäude von Journalisten belagert gewesen, denn die Presse hatte mit der Sensation glänzende Geschäfte gemacht. Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet? Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, daß die Tunnelkurve, trotz kleiner Umwege, um ein Fünfzigstel kürzer werden würde als der Seeweg? (»Stich eine Nadel durch einen Globus und du weißt es!«) Das waren alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schluß hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen »Tunnelkrieg« in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem gleichen Lärm geführt wurde wie der erste.
Die gegnerische Presse führte wiederum ihre alten Argumente ins Feld: daß niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis herauszubohren imstande sei, daß eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern unter dem Meeresspiegel jede menschliche Tätigkeit ausschließe, der ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten würde -- daß aus all diesen Gründen der Tunnel ein klägliches Fiasko erleiden würde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren Lesern zum tausendstenmal die Vorzüge des Tunnels klar: Zeit! Zeit! Zeit! Pünktlichkeit! Sicherheit! Die Züge würden so sicher laufen wie die Züge auf der Erdoberfläche -- ja, sicherer! Man sei nicht mehr vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhängig und setze sich nicht der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der »Titanic«, bei der sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der »Kosmos«, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean verscholl!