Part 5
Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdärmeln im Lift des Atlantic herunterzufahren.
Maud sprang sofort erregt auf. »Wie steht es, Hobby?« schrie sie.
Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.
»So etwas habe ich noch nicht erlebt!« rief er aus. »Sie liegen sich in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith wollte gehen -- nein, das müßt ihr hören! Er will gehen, sagt, die Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschößen wieder aus dem Lift heraus! Keine Lüge! ~Ye gods and little fishes!~ Kilgallan steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein Ausrufer: Dagegen können Sie nicht ankommen, dagegen können Sie nichts sagen!«
»Natürlich Kilgallan!« warf Allan ein. »Er hätte nichts dagegen!« (Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)
»Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, daß Photographen da sind! Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrückt geworden, Mac. Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist außer sich und schreit fortwährend: Allan ist der größte Mann aller Zeiten! Es wäre eine Schande für Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgeführt würde!«
»Mrs. Brown?« Maud war starr vor Erstaunen. »Aber sie brennt ja nicht einmal Licht vor lauter Geiz!«
»Trotzdem, Maud!« Hobby brach von neuem in helles Gelächter aus. »Der Teufel kennt die Menschen, ~girl~! Sie und Kilgallan, die zwei werden dich durchsetzen, Mac!«
»Willst du nicht mit uns essen, Hobby?« fragte Allan, der einen Hühnerschenkel zwischen den Zähnen bearbeitete und Hobby aufmerksam zuhörte.
»Ja, komm doch her, Hobby!« rief Maud und stellte Teller zurecht.
Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl ihn die ganze Sache wenig anging. Er stürzte wieder hinaus.
Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um über den Stand von Allans Sache zu berichten.
»Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!«
»Mein Gott!« schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor Überraschung die Hände zusammen.
Allan schälte eine Birne und wandte sich ruhig an Hobby: »Na, und?«
Hobby aber war zu erregt, um sich setzen zu können. Er lief hin und her, nahm eine Zigarre aus der Tasche und biß die Spitze ab. »Sie zieht also einen Notizblock aus der Tasche,« begann er, während er mit fliegenden Händen die Zigarre in Brand steckte, »einen Block, den ich nicht mit der Feuerzange anfassen möchte, so schmutzig ist er -- und zeichnet! Stille! Alles ist starr! Und nun greifen die anderen in die Tasche und Kilgallan geht herum und sammelt die Zettel ein. Kein Wort wird mehr gesprochen. Die Photographen arbeiten mit Hochdruck! Mac, deine Sache ist gemacht, ~I will eat my hat~ ...«
Dann ließ sich Hobby lange nicht mehr sehen. Eine ganze Stunde verging.
Maud war still geworden. Sie saß aufgeregt da und lauschte mit Ohren und Augen, ob sich nichts rege. Je länger es dauerte, desto verzagter wurde sie. Allan saß im Sessel und rauchte still und nachdenklich die Pfeife.
Endlich vermochte Maud nicht länger an sich zu halten, und sie fragte, ein wenig kleinlaut: »Und wenn sie sich nicht entschließen können, Mac?«
Allan nahm die Pfeife aus dem Mund, hob den Blick mit einem Lächeln zu Maud und erwiderte ruhig und mit tiefer Stimme: »Dann fahre ich wieder nach Buffalo und fabriziere meinen Stahl!« Aber mit einem festen, sicheren Nicken des Kopfes fügte er hinzu: »Sie werden sich entschließen, Maud!«
In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Es war Hobby. »Sofort heraufkommen!«
Als Allan wieder auf dem Dachgarten erschien, kam ihm der Stahltrustmann Kilgallan entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.
»~You are all right~, Mac!« sagte er.
Allan hatte gesiegt. Er händigte dem rotgekleideten Groom einen Stoß Telegramme ein und der Groom versank im Lift.
Einige Minuten darauf war der Dachgarten leer. Jeder einzelne ging unverzüglich an seine Arbeit. Hotelbedienstete schafften die Gewächse und Sessel fort, um Platz für Vanderstyffts großen Vogel zu machen.
Vanderstyfft kletterte in die Maschine und schaltete die Lampen ein. Der Propeller prasselte, ein Sturmwind fegte die Hotelbediensteten in die Ecke, der Apparat lief ein Dutzend Schritte vorwärts und stieg in die Luft. Und der große weiße Vogel zog den Lichtnebeln New Yorks entgegen und verschwand.
8.
Zehn Minuten nach dieser Sitzung spielte der Telegraph nach New Jersey, Frankreich, Spanien, den Bermudas und Azoren. Eine Stunde später hatten Allans Agenten für fünfundzwanzig Millionen Dollar Ländereien aufgekauft.
Diese Ländereien befanden sich in der für den Tunnelbau denkbar günstigsten Lage; Allan hatte sie schon vor Jahren ausgewählt. Sie bestanden aus dem schlechtesten und billigsten Boden: Dünen, Heiden, Moräste, kahle Inseln, Riffe, Sandbänke. Der Preis von fünfundzwanzig Millionen Dollar war ein Spottgeld, wenn man bedenkt, daß die Ländereien zusammen das Gebiet eines Herzogtums umfaßten. Einbegriffen war ein ausgedehnter, tiefer Komplex in Hoboken, der mit einer Front von zweihundert Metern an den Hudson stieß. Die aufgekauften Gebiete lagen alle entfernt von größeren Städten, denn Allan brauchte diese Städte nicht. Seine Heiden und Dünen waren berufen, in Zukunft selbst Städte zu tragen, die die Umgebung verschlangen.
Während die Welt noch schlief, flogen Allans Telegramme durch die Kabel und durch die Luft und überrumpelten sämtliche Börsen der Welt. Und am Morgen erbebte New York, Chikago, Amerika, Europa, die ganze Welt, bei dem Wort: »_Atlantic-Tunnel-Syndikat_«.
Die Zeitungspaläste waren die ganze Nacht tageshell erleuchtet. Die Rotationspressen der Druckereien arbeiteten mit ihrer größten Geschwindigkeit. Herald, Sun, World, Journal, Telegraph, all die in New York erscheinenden englischen, deutschen, französischen, italienischen, spanischen, yiddischen, russischen Zeitungen hatten erhöhte Auflagen gedruckt, und Millionen von Zeitungsblättern gingen mit dem erwachenden Tag über New York nieder. In den sausenden Aufzügen, auf den rollenden Trottoiren und kletternden Treppen der Hochbahnstationen, auf den Perrons der Subway, wo sich der allmorgendliche Kampf um einen Platz in den vollgestopften Waggons abspielte, auf den Hunderten von Ferrybooten und in den Tausenden von elektrischen Cars -- von der Battery angefangen bis hinauf zur Zweihundertsten Straße wurden förmliche Schlachten um die nassen Zeitungen geschlagen. In allen Straßen stiegen Fontänen von Extrablättern über Menschenknäuel und ausgestreckte Hände empor.
Die Nachricht war sensationell, unerhört, kaum faßbar, kühn!
Mac Allan! -- Wer war er, was hatte er getan, woher kam er? Wer war der Bursche, der über Nacht vor die Front der unbekannten Millionen trat?
Einerlei, wer er war! Er hatte es fertiggebracht, das Tag um Tag gleichmäßig dahinsausende New York aus den Geleisen zu werfen.
Die Augen saugten sich fest an den Ansichten prominenter Persönlichkeiten, die ihre Meinung über den Tunnel im Telegrammstil veröffentlichten:
C. H. Lloyd: »Europa wird ein Vorort Amerikas werden.«
Der Tabakmann H. F. Herbst: »Du kannst einen Waggon Waren von New Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu müssen.«
Der Multimillionär H. I. Bell: »Ich werde meine Tochter, die in Paris verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwölfmal sehen können.«
Verkehrsminister de la Forest: »Der Tunnel bedeutet für jeden Geschäftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.«
Man verlangte ausführliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie zu verlangen. Vor den Zeitungspalästen stauten sich die Menschen, so daß die Führer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den Glockenknopf hämmern mußten, um ihre Trains durchschieben zu können. Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die Projektionsfläche im zweiten Stock des »Herald-buildings« gerichtet, obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby, die Gesellschaft auf dem Dachgarten.
»Sieben Milliarden sind vertreten!!« »Mac Allan verkündet sein Projekt.« (Kinematographisch). »Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.« (Kinematographisch). »C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.«
»Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden bis zur unmittelbaren Landung zeigen können. Unser Photograph wurde von der Maschine niedergerissen.« (Kinematographisch). New Yorks weiße, mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dünner, weißer Dampf steigt. Ein weißer Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Möwe, ein Monoplan! Der Monoplan saust über den Roofgarden hinweg, beschreibt eine Kurve, kommt zurück, senkt sich, ein Riesenflügel schwenkt heran. Schluß. Ein Porträt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.
Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau und seinem Kind, um in die Office zu fahren.
Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.
Plötzlich -- gegen elf Uhr -- stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle Gesichter sind nach oben gerichtet.
Ein Porträt: Mr. Hunter, Broker, 37. Straße 212 East, buchte soeben sein Billett für die erste Fahrt New York--Europa.
Die Menge lacht, schwingt die Hüte, schreit!
Die Telephonämter waren überarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten die Arbeit nicht mehr bewältigen. In all den Tausenden von Bureaus New Yorks riß man den Hörer vom Apparat, um mit Verbündeten die Lage zu besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen Hut im Nacken, in Hemdärmeln, schweißtriefend, saß und stand man und schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten ausarbeiten! Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so günstig wie möglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Völkerschlacht des Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer würde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie würde es geschehen? Lloyd? Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wußte etwas? Wer war dieser Teufel Mac Allan, der für fünfundzwanzig Millionen Ländereien über Nacht aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfünffachen, -- wie sagst du! -- verhundertfachen mußte?
Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschäftsräumen der großen transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mörder des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig war -- und es war ja recht wohl möglich, daß er eines Tages fertig sein würde! -- konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen Reisende zu Zwischendeckpreisen befördern, man konnte die Kähne in schwimmende Sanatorien für Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.
Von New York aus verbreitete sich die Erregung über Chikago, Buffalo, Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, während das Tunnelfieber drüben in Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.
New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich die Leute wieder auf die Straße wagten, donnerten ihnen von allen Straßenecken riesenhafte Plakate entgegen: »Hunderttausend Arbeiter!«
Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats: Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweißes, halbfertiges Turmgebäude, dessen zweiunddreißig Etagen noch von Handwerkern wimmelten.
Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York überschwemmt hatte, drängten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten Granitstufen des Syndikatgebäudes Scharen von Arbeitsuchenden zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit gegen Fünfzigtausend beträgt, wälzte sich durch hundert Straßen nach Downtown. In den Parterreräumen, wo noch Leitern, Böcke und Farbkübel herumstanden, stießen sie auf Allans Agenten -- kalte, erfahrene Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhändlern. Sie sahen durch die Kleider hindurch das Knochengerüst ihres Mannes, seine Muskeln und Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefärbte Haare, waren vor ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwächlich, was die mörderische Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das ließen sie liegen. Und ob sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen -- wehe, wenn einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, daß ihm das Rückenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf überhaupt nicht mehr.
9.
Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fünf Stationen, an der französischen, spanischen und amerikanischen Küste, auf den Inseln Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Männern. Sie kamen in Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs Gelände suchten, in Sümpfe einsanken und über Dünen humpelten. Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten Nivellierapparate, Meßinstrumente, Bündel von Markierungsstäben vom Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration visierten, maßen, rechneten sie, ganz als gälte es nur einen Garten anzulegen. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das Meer deutete und rückwärts weithinein ins Land lief. Bald waren sie zerstreut an verschiedenen Punkten tätig.
In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern, Dachpappen und verschiedenen Gerätschaften. Diese Wagen schienen ganz zufällig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten blitzten in der heißen Sonne, die Sägen kreischten, Hammerschläge dröhnten.
Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und gestikulierte. Der Mann nahm ein Bündel Meßstangen unter den Arm und stapfte zu den Geometern hinüber. Er war schmal und hellblond, es war Hobby, der Chef der amerikanischen Station.
Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schweiß ab -- er war in Schweiß _gebadet_ -- und rief:
»In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms River.« Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.
Von den Wagen herüber kamen vier Männer mit Meßstangen auf den Schultern.
»Hier, die Herren werden euch ~chaps~ sagen, was ihr tun sollt.« Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurück und sprang mitten in den Holzhaufen hin und her.
Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie beschäftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am Bahnkörper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelände des Syndikats durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der Kühe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Güterzug von zwei Lokomotiven und fünfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit fünfhundert Arbeitern. Es war fünf Uhr. Diese fünfhundert Arbeiter waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden New York heraus zu sein und eine Beschäftigung in freier Luft gefunden zu haben.
Sie stürzten sich auf die fünfzig Waggons und warfen Bretter, Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten, Säcke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fühlte sich wohl. Er schrie, pfiff, kletterte rasch wie ein Affe über die Waggons und Bretterhaufen und heulte seine Befehle. Eine Stunde später waren die Feldküchen installiert und die Köche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren beschäftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen für die Nacht, während die übrigen noch ausluden.
Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen »~boys~« zu beten und sich aufs Ohr zu legen, so gut es ging.
Er fuhr zurück zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte seinen Rapport nach New York.
Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dünen zum Baden. Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der Baracke und schliefen augenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen.
Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb fünf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und hungrig und erschöpft aussahen. Die Feldküchen arbeiteten schon im Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bäckereien standen unter Dampf.
Hobby war pünktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, und obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem er den ganzen Tag unermüdlich hin und her galoppierte.
Neben der Bahnstrecke häuften sich ganze Berge von Material an. Um acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen, Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven für eine Schmalspurbahn enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den Bau des schmalen Bahnkörpers, der zur drei Kilometer weit entfernten Baustelle führen sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann für den nächsten Tag zu.
In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter ihnen her schleppten sich endlose Züge mit Material. Hobby fluchte das Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstäblich! Dann aber ergab er sich in sein Schicksal: er erkannte _Allans Tempo_! Es war das an sich höllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zur _Raserei_ gesteigert. Und er respektierte es, obwohl es ihm den Atem benahm, und potenzierte seine Anstrengungen.
Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren konnte ohne umzustürzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem Hurra begrüßt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter waren in fieberhafter Hast beschäftigt, Baracken, Feldküchen, Schuppen anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze Stadt Hobbys durcheinander.
Hobby hatte für diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die geringste Rücksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so daß es Hobby schwarz vor den Augen wurde.
An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterließ ein Kielwasser von Staunen und Respekt.
Hobby war nicht _der_ Mann, der sich rasch entmutigen ließ. Er war entschlossen, das fünfzehnjährige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo riß ihn mit fort! Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood beschäftigt; für reguläre Züge; eine rostrote Staubwolke zeigte den Weg seiner Arbeit. Ein zweites stürzte sich auf die ankommenden Materialzüge, um in gepeitschtem Tempo die Güter abzuladen und aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes wühlte beim »Schacht«; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar waren als dem unaufhörlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen, womit sie die Arbeiterrotten antrieben.
Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwärtig. Die Arbeiter nannten ihn »Jolly Hobby,« wie sie Allan »Mac« getauft hatten und Harrimann, den Chefingenieur -- ein stiernackiger düsterer Mann, der sein ganzes Leben auf den großen Baustellen aller Kontinente verbracht hatte -- einfach »Bull.«
Zwischen all diesen Menschenknäueln aber bewegten sich die Feldmesser mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und übersäten das ganze Gelände mit buntfarbigen Pflöcken und Stangen.
Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche später eine ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten, mit Schlachthäusern, Molkereien, Bäckereien, Basaren, Bars, Post, Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand schon eine ganze Straße fertiger Häuser, Edisonsche Patenthäuser, die an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so daß sie fast weiß erschien; die wenigen Grasbüschel und die vereinzelten Büsche waren zu Zementhaufen geworden. Die Straßen waren Eisenbahnschienen und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von Kabelmasten.
Acht Tage später erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer, heulender und gellender Dämon: eine riesige amerikanische Güterzugmaschine auf hohen roten Rädern, die einen endlosen Zug von Waggons nachschleppte. Sie stand fauchend in dem Trümmerfeld, stieß eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es war _Amerika_, das in die Tunnelstadt gekommen war!
Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche später waren es Schwärme dieser schwarzen, rauchenden Dämonen, die die Luft mit der bebenden Ausdünstung ihrer Leiber erschütterten, ihre Saurierknochen schwangen und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stießen. Die Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so dick, daß sich in der verdunkelten Atmosphäre elektrische Entladungen vollzogen und bei schönstem Wetter Donner über die Tunnelstadt hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, schoß, donnerte, gellte.
Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weißen Schuttstadt aber stieg eine ungeheure Staubsäule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsäule bildete Wolkenformationen, ähnlich jenen, die man bei Vulkanausbrüchen beobachtet. Pilzförmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrückt, und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftströmungen.
Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweiße schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub über New York herab wie ein feiner Aschenregen.
Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fünf Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mündung der Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel liegen.