Der Tunnel: Roman

Part 27

Chapter 273,609 wordsPublic domain

Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten schweißbedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal auch diese Strecken vorläufig größtenteils einstollig gebaut wurden. Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze. Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, daß zur Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch Eisen. Die Luft in dem heißen, tiefen und langen Stollen war um so schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaßen genügende Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern mußten Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kältemaschinen, Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.

Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen vollbracht haben.

Von zwei Seiten fraßen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der »dicke Müller« von den Azoren herüber, Strom von den Bermudas. Strom leistete Übermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken und Schlaf sein konnte. Er war fast täglich im Stollen und leitete stundenlang persönlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er zuweilen nicht aus dem glühenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm den Namen »der russische Teufel«.

Täglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen worden. Klippen, Sandbänke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent zusammengeschweißt. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die größten Dampfer konnten anlaufen. Seine Städtebaumeister hatten neue Städte aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhäuser, Kirchen, Schulen -- alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fünf neue Städte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke im Wind. In zehn Jahren aber würden sie ebenso grün sein wie andere Städte, denn es waren Plätze, Gärten, Parke vorgesehen, wie London, Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang. Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bäume. Und in der Tat, es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit bestaubten Palmen und Bäumen und einer jämmerlichen Grasnarbe.

Allans Städte hatten dafür aber etwas anderes. Sie besaßen die geradesten Straßen der Welt und die schönsten Strandanlagen aller Kontinente. Sie glichen einander wie Brüder. Sie waren alle Ableger Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit Willenskraft und angefüllt mit Aktivität.

Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon über eine Million Einwohner!

Wiederholt ereigneten sich kleinere und größere Unglücksfälle und Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht größer und häufiger als bei anderen großen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig und ängstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie früher. Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte, auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, »~old gray Mac~« hieß er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglück könne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum mehr. Schöpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. Sein Gehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen, Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekräfte. Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten häufig die Abende zusammen. Da saßen sie in ihren Sesseln, rauchten und _schwiegen_.

Im achtzehnten Baujahr brach ein großer Streik aus, der zwei Monate währte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltblütigkeit Stroms war es zu danken, daß eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fünf Grad. Die Erscheinung war unerklärlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter weigerten sich einzufahren. Sie befürchteten, der Berg werde sich jeden Augenblick öffnen und ihnen glühende Lava entgegenspeien. Es gab Leute, die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nähere sich dem glühenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken, daß die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heißen Quellen fand sich keine Spur.

Strom wählte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im Stollen. »Der russische Teufel« gab es erst auf, als er ohnmächtig zusammenbrach. Acht Tage später aber war er wieder in der »Hölle«.

Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, ölige Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewußtlos, durch Reizmittel aufrecht erhalten.

Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenköpfe der Berechnung nach sechzig Kilometer voneinander entfernt waren, gelang es Strom, drahtlos mit dem »fetten Müller« von den Azoren durch den Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mörderischer Arbeit waren beide Stollen soweit vorgetrieben, daß sie sich in nächster Nähe voneinander befinden mußten. Aber die Seismographen registrierten keine einzige Detonation, obwohl Müller täglich dreißigmal sprengte. Durch alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, daß die Stollen sich verfehlt hätten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren unaufhörlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, über und unter dem Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut, aber die Apparate reagierten nicht.

Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.

Allan ließ Stollen schräg in die Höhe und schräg in die Tiefe treiben, er ließ ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war höllisch und erschöpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche. Wahnsinnsausbrüche kamen fast täglich vor. Obwohl die Pumpen unaufhörlich gekühlte Luft in die Stollen drückten, blieben die Wände doch heiß wie Kachelöfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den Stollen und beobachteten die Registrierapparate.

Es war das schrecklichste Stück Arbeit, das aufregendste, und Allan fand keinen Schlaf mehr.

Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen beanspruchte viel Zeit.

Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber begannen zu sinken.

Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schweiß, schmutzig und kaum mehr menschenähnlich. Und zum erstenmal sah Allan diesen kühlen Menschen in Erregung und sogar lächeln.

»Wir sind Müller auf der Spur,« sagte Strom.

Am Ende eines tiefgehenden Schrägstollens, wo die Luft durch den Schlauch pfiff und kühlte, stand ein Registrierapparat unter einer Grubenlampe und zwei geschwärzte Gesichter lagen daneben.

Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine millimeterfeine Schwankung. Müller mußte in genau einer Stunde wieder sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.

Die Zeitungen gaben Extrablätter aus! Wäre Müller ein großer Verbrecher gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstöberte, die Sensation hätte nicht größer sein können.

Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es fest, daß Müller unter ihnen sein mußte. Mac telephonierte ihm »heraufzukommen«. Und Müller ließ den Stollen in die Höhe treiben. Nach vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, daß der Apparat sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hörte man mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein Donner in der Ferne. Nach weiteren dreißig Tagen hörte man die Bohrer! Und dann kam der große Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.

Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.

»Wo ist Mac?« fragte der »fette Müller«.

»Hier bin ich!« antwortete Allan.

»~How do you do~, Mac?« sagte Müller mit fettem Lachen.

»~We are all right!~« antwortete Allan.

Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablättern, die über New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.

Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet -- es war der größte Augenblick ihres Lebens! -- und doch hatten sie keine Phrase gesprochen! Eine Stunde später konnte Müller eine gekühlte Flasche Münchner Bier an Allan schicken und am nächsten Tage konnten sie durch ein Loch zusammenkriechen -- alle übermüdet, schwitzend, nackt, schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.

Allans Rückfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis wühlten, schrien und jubelten.

»Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...«

Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.

6.

Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie ließ sich nicht an die Peripherie der Arbeit drängen, sie siedelte sich im lärmenden Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulären Ingenieurkursus, um »mitreden zu können«.

Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie in würdiger Weise ihre Rechte.

Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan für den Lunch freigab. Um fünf Uhr aber, Punkt fünf Uhr war sie da -- ob Allan in New York weilte oder in der Tunnel-City, einerlei -- und bereitete still, ohne ein Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder Architekten, darum kümmerte Ethel sich nicht im geringsten.

Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn der Teetisch fertig war, so sagte sie: »Mac, der Tee ist fertig.«

Und Allan mußte kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel einerlei.

Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Türe und wartete geduldig, bis er kam. Die Sonntage mußte er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wünschte. Ethel führte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann man wollte. Sie hatte einen Park von fünfzehn Automobilen zu ihrer Verfügung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von seiner Farm herüber. Hobby produzierte jährlich zwanzigtausend Hühner und Gott weiß wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er war religiös geworden und besuchte Betsäle. Zuweilen blickte er Allan ernst in die Augen und sagte: »Denke an dein Seelenheil, Mac --!«

Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.

Der alte Lloyd hatte ein Stück Land bei Rawley, vierzig Kilometer nördlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art Schloß für Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag mitten in einem Park alter Bäume, die Lloyd von japanischen Gärtnern hatte für die Verpflanzung präparieren und nach Rawley bringen lassen.

Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte er ganze Wochen bei seiner abgöttisch geliebten Tochter zu.

Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er wurde von Ethel wie ein Heiland gehütet. Es war Macs Kind, Macs, den sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig Jahren das Werk des Vaters übernehmen und vervollkommnen. Sie nährte ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten Schritte tun.

In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel nannte ihn »rassig und aristokratisch«. Im dritten Jahre aber ging er in die Breite, sein Schädel wurde dick und er bekam Sommersprossen. Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glücklich. Sie liebte zarte und empfindliche Kinder nicht, stark und kräftig mußten sie sein und tüchtig schreien, damit die Lungen wuchsen -- genau wie der kleine Mac es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen. Sie zitterte stündlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfüllt von Entführungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von Millionären gestohlen, verstümmelt, geblendet hatte. Sie ließ eine Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen. In dieser Stahlkammer mußte der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnüffelte ein Detektiv die Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zähne. Der Chauffeur mußte ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Straße in New York, weil er »~hundred miles an hour~« fuhr.

Jeden Tag mußte ein Arzt den Kleinen, der prächtig gedieh, untersuchen. Wenn das Kind sich nur räusperte, so depeschierte sie sofort nach einem Spezialisten.

Überall sah Ethel Gefahren für ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den kleinen Mac zu stehlen.

Im Park war eine große Wiese, die, wie Ethel sagte, »geradezu zur Landung von Aeroplanen einlud«. Ethel ließ ein Rudel Bäume darauf pflanzen, so daß jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend zerschmettern mußte.

Ethel stiftete eine Riesensumme für die Erweiterung des Hospitals, das sie »Maud Allan Hospital« taufte. Sie gründete die besten Kinderheime der ganzen Welt in allen fünf Tunnelstädten. Schließlich war sie nahe am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: »Ethel, du mußt sparen!«

Die Stelle, wo Maud und Edith getötet worden waren, ließ Ethel umzäunen und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu sagen. Sie wußte recht gut, daß Allan Maud und die kleine Edith noch nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hörte. Sie wußte auch, daß er in seinem Arbeitstisch sorgfältig ein vielgelesenes Tagebuch aufbewahrte: »Leben meines kleinen Töchterchens Edith und was sie sagte.«

Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu schmälern.

Schluß

Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und täglich kamen die Tunnelköpfe einander näher und näher. Die letzten dreißig Kilometer waren eine Sträflingsarbeit. Allan war gezwungen, für zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hinein in den »Krater«. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mußte mit einem Netz von Kühlröhren übersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer Arbeit war auch dieser Stollen bewältigt.

Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schweiß und Blut war er gebaut, rund neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die Welt gebracht, aber nun stand er! _Und niemand wunderte sich darüber._

Vier Wochen später nahm die submarine pneumatische Expreßpost den Betrieb auf.

Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei Spalten für den Herald.

Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder und wieder, daß er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Männer wie Strom, Müller, Olin-Mühlenberg, Hobby, Harriman, Bärmann und hundert andern den Bau habe vollenden können.

»Ich muß indessen bekennen,« schrieb er, »daß mich die Zeit überholt hat. Alle meine Maschinen über und unter der Erde sind veraltet und ich bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat die Rocky-Mountains in kürzerer Zeit durchbohrt, als ich es hätte tun können. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe überfliegen den Atlantic in sechsunddreißig Stunden. Noch bin ich schneller als sie und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise, die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sind populär. Der Tunnel gehört dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute vierzigtausend Menschen täglich befördern. In zehn Jahren, wenn die Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend. In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewältigen können. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahin _Parallelstollen_ zu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.«

Und Allan kündigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen Artikel an, daß er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen werde.

Um diesen Termin einhalten zu können, peitschte er Ingenieure und Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Züge voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise für die Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen ausgeführt. Ein Bataillon von Führern wurde ausgebildet, wozu Allan Leute wählte, die an hohe Geschwindigkeiten gewöhnt waren: Automobil- und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugführer.

In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation hervor. Sie waren etwas höher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier Doppelpaaren dicker Räder liefen und Kreisel, Kühler, Behälter, Kabel und Röhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen waren Prunksäle. (Kinematographische und musikalische Vorführungen sollten die Reise durch den Tunnel verkürzen.)

Ganz New York stürmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst wenigstens bis Mac City zu fahren. Die Tunneltrains selbst waren für die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen belegt.

So kam der erste Juni heran ...

New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking, Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte Allans erste Fahrt wie ein Völkerfest.

Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.

Schon Tage vorher liefen Extrazüge von Berlin, London und Paris nach Biskaya, von allen großen Städten der Staaten nach Mac City. Flotten von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten Juni flogen von frühmorgens an stündlich zwanzig Züge nach Mac City, vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstürzte. Die großen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin, London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorführen, der sechs volle Stunden dauerte. In den Varietés und Concerthalls traten Chöre von früheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straßen wurden Millionen von Postkarten mit Allans Porträt verkauft, Millionen von »Tunnel-charms«, kleine in Metall gefaßte Gesteinsplitter aus den Stollen.

Allan startete Punkt zwölf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle von Hoboken-Station, die größte der Welt, war bis auf den letzten Quadratfuß mit erregten Menschen angefüllt und alle reckten die Hälse, um einen Blick auf den mächtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.

Der Zug, der mit dem Führungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell erleuchtet, und die Glücklichen, die nahe genug standen, blickten in prächtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, daß Ethel die erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwölf wurden die eisernen Rolläden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit jeder Minute. Zehn Minuten vor zwölf bestiegen vier Ingenieure den Führungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen Bug erinnerte. Allan mußte nun jeden Augenblick erscheinen.

Allan kam fünf Minuten vor zwölf Uhr. Als er den Perron betrat, brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, daß man hätte glauben können, Hoboken-Station krache in sich zusammen.

Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da, schneeweiß, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und gutmütigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den kleinen Mac an der Hand führte. Hinter ihr ein kleiner gebückter Mann mit aufgestülptem Mantelkragen und weiter Reisemütze, die tief übers Gesicht sank. Er war kaum größer als der kleine Mac und man hielt ihn allgemein für einen farbigen Groom. Es war Lloyd.

Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht ein Kaiser oder König, nicht der Präsident der Republik, die Großmacht Lloyd, das _Geld_, war der erste Passagier!

Ethel blieb mit ihrem Knaben zurück. Sie hatte den kleinen Mac von Rawley herübergebracht, damit er diesen großen Augenblick miterlebe. Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte: »~Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!~«

Die Kreisel begannen zu rotieren und füllten die Halle mit einem hohlen, pfeifenden Sausen. Die Stützbacken lösten sich automatisch, als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten -- und der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel über Hoboken, New York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone klingelten, die Telegraphen spielten -- -- New York, Chikago, San Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der Welt auf fünf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzüge und Dampfer, die unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem Werk zujubelte.

Der alte Lloyd ließ sich entkleiden und legte sich zu Bett.

Sie waren unterwegs. --