Der Tunnel: Roman

Part 26

Chapter 263,632 wordsPublic domain

Allan war der Komödie, die ihn peinigte und beschämte, überdrüssig und beschloß zu handeln.

Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.

Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit großen, erstaunten Augen an. »Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan!« rief sie aus.

Allan stand auf und klopfte dem Chauffeur. Er war totenbleich.

»Was wollen Sie, Allan?« fragte Ethel erschrocken und ungläubig und wurde rot. »Wir sind dreißig Meilen von New York!«

»Das ist ganz einerlei!« antwortete Allan brüsk und stieg aus. Er ging ohne jeden Gruß.

Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wälder, knirschend vor Grimm und Beschämung. Es war aus mit dieser Intrigantin! Aus! Nie mehr, nie mehr in seinem Leben würde sie sein Gesicht sehen! Der Teufel mochte sie holen ...

Schließlich stieß er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hoboken zurück. Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort sein Auto und begab sich nach Mac City.

Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch das Licht sehen.

4.

Ethel Lloyd machte einen Trip mit ihrer Jacht und blieb acht Tage auf See. Sie hatte Vanderstyfft eingeladen und quälte ihn, daß er nahezu über Bord ging und heilige Eide leistete, Ethels Wege fortan nicht mehr zu kreuzen.

Nach New York zurückgekehrt, fuhr sie noch am gleichen Tage bei der Hoboken-Station vor und erkundigte sich nach Allan. Man sagte ihr, daß er im Tunnel arbeite. Augenblicklich jagte Ethel eine Depesche nach Mac City. Sie bat Allan, ihr zu verzeihen. Sein Antrag habe sie überrascht und sie habe in ihrer Hilflosigkeit eine große Dummheit begangen. Sie bitte ihn, morgen abend zum Diner zu kommen. Sie erwarte nicht einmal Antwort und daraus möge er ersehen, daß sie bestimmt auf ihn rechne.

Allan kämpfte nochmals den schweren Kampf. Er erhielt Ethels Telegramm im Tunnel. Er las es im Lichte einer verstaubten Glühlampe. Ein Dutzend solcher Lampen sah er aus der Finsternis des Stollens glimmen, nichts sonst. Er dachte an die toten Stollen. Er sah sie! Die amerikanischen, europäischen und ozeanischen. Er sah all die tausend Maschinen, die nutzlos liefen. Er sah die entmutigten Ingenieure in den einsamen Stationen, erschöpft von der Monotonie der Beschäftigung. Viele Hunderte hatten ihn schon verlassen, weil sie die einförmige Arbeit nicht mehr ertrugen. Seine Augen brannten. Während er Ethels Depesche zusammenfaltete, begann es plötzlich in seinen Ohren zu brausen. Er hörte die Züge durch die Stollen donnern, die Tunneltrains, die triumphierend von Amerika nach Europa fegten. Sie klirrten und rauschten in seinem Gehirn und berauschten ihn mit ihrem rasenden Takt ...

Ethel empfing ihn mit scherzhaften Vorwürfen: Er müsse doch wissen, daß sie ein verzogener, launischer Fratz sei! -- Von diesem Tage an stand ihr Car wieder Punkt sechs Uhr vor der Tunnelstation. Ethel änderte nunmehr ihre Taktik. Sie hatte Allan vorher mit Aufmerksamkeiten überschüttet. Das unterließ sie fortan. Dagegen verstand sie es, Allan zur Erfüllung _ihrer_ kleinen Wünsche zu bewegen.

Sie sagte: »Die Blanche spielt morgen. Ich würde gern hingehen, Allan.«

Allan besorgte eine Loge und sah die Blanche spielen, wenn es ihn auch langweilte, ein hysterisches Frauenzimmer von Wein- in Lachkrämpfe übergehen zu sehen.

Von nun an sah New York Allan und Ethel Lloyd häufig zusammen. Ethel fuhr fast täglich den Broadway entlang in Allans Car. Und Allan steuerte selbst, wie in der Zeit, da seine Gesundheit noch nicht gelitten hatte. Im Fond saß Ethel Lloyd, in Mäntel und flotte Schleier gehüllt und blinzelte auf die Straße.

Ethel drängte Allan, sie einmal mit in den Tunnel zu nehmen. Allan erfüllte ihr auch diesen Wunsch.

Als der Zug die Trasse hinabflog, schrie Ethel vor Vergnügen auf und im Tunnel kam sie aus ihrer Verwunderung nicht heraus.

Sie hatte die ganze Tunnelliteratur studiert, aber ihre Phantasie war in technischen Dingen nicht geschult genug, als daß sie sich eine klare Vorstellung von den Stollen hätte machen können. Sie ahnte nicht, was vierhundert Kilometer in einem nahezu dunkeln Tunnel bedeuten. Das Donnern, das den Zug einhüllte und so stark war, daß man schreien mußte, um sich zu verständigen, erschreckte sie angenehm. Die Stationen rissen sie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin. Sie hatte keine Vorstellung gehabt, welch ungeheure Maschinen hier standen und Tag und Nacht arbeiteten. Das waren ja Maschinenhallen unter dem Meer! Und die Wetterführung, pfeifend wie ein Sturmwind, der einen fast in Stücke blies!

Nach einigen Stunden glühte ein rotes Licht wie ein Leuchtfeuer aus der Finsternis.

Der Zug hielt. Sie waren bei der Unglücksschlucht angekommen. Beim Anblick der Schlucht verstummte Ethel. Was bedeutete es für sie, wenn sie wußte, daß die Schlucht sechzig bis achtzig Meter tief war, hundert Meter breit und daß tausend Menschen Tag und Nacht Erz förderten.

Nun aber _sah_ sie, daß sechzig bis achtzig Meter eine schauerliche Tiefe, eine zwanzig Stockwerktiefe waren. Tief unten in dem Staubnebel, der den übersehbaren Teil der Schlucht anfüllte, zwanzig Stockwerke tief unten glühten Scharen von Bogenlampen und unter ihnen wimmelte es -- das waren Menschen! Plötzlich stieg eine kleine Staubwolke auf und ein Kanonenschuß rollte durch die Schlucht, in den Tunnel hinein.

»Was war das?«

»Sie haben gesprengt.«

Darauf bestiegen sie den Förderkorb und fuhren ab. Sie stürzten an den Bogenlampen vorbei und die Menschen schienen rasch senkrecht zu ihnen emporzukommen. Sie waren unten und nun konnte Ethel nicht genug staunen über die _Höhe_, aus der sie kamen. Die Tunnelmündung erschien wie ein schwarzes, kleines Tor. Riesenschatten, Schatten von turmhohen Dämonen bewegten sich an den Wänden hin und her ...

Ethel kam verwirrt und entzückt aus dem Tunnel zurück und erzählte Lloyd den ganzen Abend, wie es da drinnen sei und daß die Schleusen des Panama Kinderspielzeuge im Vergleich zum Tunnel seien.

Am nächsten Tag wußte ganz New York, daß Ethel mit Allan im Tunnel war. Die Zeitungen brachten spaltenlange Interviews.

Am übernächsten verkündeten sie die Verlobung Allans und Ethels. Ihr Doppelbildnis erschien.

Ende Juni fand die Hochzeit statt. Am gleichen Tage stiftete Ethel Lloyd einen Pensionsfonds von acht Millionen Dollar für die Tunnelleute. Die Hochzeit wurde mit fürstlichem Aufwand im großen Festsaal des Atlantic gefeiert, desselben Hotels, auf dessen Dachgarten vor neun Jahren das berühmte Meeting stattgefunden hatte. Drei Tage lang gab die sensationelle Heirat den Zeitungen Stoff. Sunday Mirror beschäftigte sich eingehend mit Ethels Trousseau. Zweihundert Paar Schuhe! Tausend Paar Seidenstrümpfe! Ethels Wäsche war bis ins Detail beschrieben. Und wenn Allan in diesen Tagen die Zeitungen gelesen hätte, so hätte er erfahren, welch ungeheures Glück der ehemalige Pferdejunge von Uncle Tom hatte, eine Ethel Lloyd heimzuführen, deren Strumpfhalter mit Brillanten besetzt waren.

Seit Jahren hatte New York keine so glänzende Gesellschaft vereinigt gesehen wie die Hochzeitsgesellschaft. Der menschenscheue, alte Lloyd aber fehlte. Er war mit seinem Arzt auf dem »Goldkarpfen« abgedampft.

Ethel glitzerte. Sie trug den Rosy Diamond und erschien jung, strahlend, heiter und glücklich.

Allan schien ebenfalls glücklich zu sein. Er scherzte und lachte sogar: niemand sollte die allgemeine Ansicht bestätigt finden, daß er sich _verkauft_ habe an Ethel. Aber er tat alles wie im Fieber. Seine große Qual, diese Komödie spielen zu müssen, sah niemand. Er dachte an Maud, und Gram und Ekel schnürten ihm die Brust zusammen. Niemand sah es. Um neun Uhr fuhr er mit Ethel nach Lloyds Haus, wo sie die ersten Wochen wohnen wollten. Sie sprachen kein Wort, und Ethel verlangte auch nicht, daß Allan sprach. Allan lag im Wagen, müde und erschöpft, und blickte mit halbgeschlossenen Augen teilnahmlos auf die wimmelnde Straße voll tanzender Lichter hinaus. Einmal machte Ethel den Versuch, seine Hand zu fassen, aber sie fand diese Hand eiskalt und ohne Leben.

Bei der dreiunddreißigsten Straße wurde ihr Car aufgehalten und mußte eine Minute stoppen. Da fiel Allans Blick auf ein Riesenplakat, dessen blutrote Lettern in die Straße leuchteten:

»Tunnel! Hunderttausend Mann!«

Er öffnete die Augen, seine Pupillen weiteten sich, aber trotzdem verließ ihn nicht eine Sekunde die schreckliche seelische Müdigkeit, die ihn lähmte.

Ethel hatte den Palmensaal beleuchten lassen und bat Allan, ihr noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Sie kleidete sich nicht um. Sie saß in ihrer glitzernden Hochzeitsrobe in einem Sessel, den Rosy Diamond auf der Stirn, und rauchte eine Zigarette und hob von Zeit zu Zeit die langen Wimpern, um verstohlen nach Allan zu sehen.

Allan ging hin und her, als sei er allein, und besah sich, dann und wann innehaltend, zerstreut Möbel und Blumen.

Es war sehr still im Saal. Der verborgene Springbrunnen plätscherte und schwätzte. Manchmal raschelte geheimnisvoll eine Pflanze, die sich dehnte. Man glaubte die Worte zu verstehen, die auf der Straße gesprochen wurden.

»Bist du sehr müde, Mac?« fragte Ethel nach langem Stillschweigen. Sie fragte es ganz leise und demütig.

Allan blieb stehen und sah Ethel an.

»Ja,« sagte er mit klangloser Stimme, während er sich gegen den Kamin lehnte. »Es waren so viele Menschen!« Von ihm zu ihr waren nur zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als seien sie meilenweit voneinander entfernt. Nie war ein Hochzeitspaar einsamer.

Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren glanzlos und erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu verstellen. Ethel aber erschien er nun endlich ein Mensch geworden zu sein, wie sie einer war, ein Mensch mit einem Herzen, das fühlen und leiden konnte.

Sie stand auf und ging näher. »Mac!« rief sie leise.

Allan blickte auf.

»Höre, Mac,« begann sie mit ihrer weichsten Stimme, »ich muß mit dir sprechen. Höre zu. Ich will nicht, daß du unglücklich bist, Mac. Im Gegenteil, ich wünsche von ganzem Herzen, daß du glücklich wirst -- so gut es geht! Glaube nicht, ich sei so töricht anzunehmen, du habest mich aus Liebe geheiratet. Nein, so töricht bin ich nicht. Ich habe nicht das Recht, Ansprüche an dein Herz zu stellen und ich stelle sie auch nicht. Du bist genau so frei und ungebunden wie früher. Du brauchst dir auch keine Mühe zu geben, mich glauben zu machen, daß du mich ein wenig liebtest, nein! Es würde mich beschämen. Ich verlange nichts von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit Wochen genoß, immer ein wenig in deiner Nähe sein zu dürfen ...«

Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.

Und Ethel fuhr fort: »Ich spiele jetzt nicht mehr Komödie, Mac. Das ist vorbei. Ich mußte Komödie spielen, um dich zu bekommen, aber nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht mehr. Nun kann ich ganz aufrichtig sein und du wirst sehen, daß ich nicht nur ein launenhaftes und garstiges Geschöpf bin, das die Menschen quält. Höre, Mac, ich muß dir alles sagen, damit du mich kennen lernst ... Du hast mir gefallen, als ich dich zuerst sah! Dein Werk, deine Kühnheit, deine Energie bewunderte ich. Ich bin reich, ich wußte es schon als Kind, daß ich reich sei. Mein Leben sollte groß und wunderbar werden, so dachte ich bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es. Mit sechzehn Jahren träumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten und mit siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestimmten Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die reiche Eltern haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig. Ich war nicht unglücklich, aber ich war auch nicht gerade glücklich. Ich lebte von einem Tag zum andern, amüsierte mich und schlug die Zeit tot, so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit überhaupt nichts, so scheint es mir wenigstens jetzt. Dann kam Hobby zu Pa mit deinem Projekt. Aus purer Neugierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn die zwei taten sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Pläne und tat, als verstände ich alles. Dein Projekt interessierte mich außerordentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzählte mir von dir und was für ein prachtvoller Mensch du seist und schließlich war ich ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich hatte einen solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor einem Menschen! Du gefielst mir! So einfach, so stark und gesund sahst du aus. Und ich wünschte: möchte er doch nett zu mir sein! Aber du warst ganz gleichgültig. Wie oft habe ich an diesen Abend gedacht! Ich wußte, daß du verheiratet warst, Hobby hatte mir ja alles erzählt, und es kam mir auch gar nicht in den Sinn -- damals -- daß ich dir mehr werden könnte als eine Freundin. Später aber fing ich an, auf Maud eifersüchtig zu werden. Verzeihe, daß ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging, hörte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum könntest du nicht an Mauds Stelle sein. Das wäre herrlich! Es hätte dann auch Sinn, reich zu sein! Das war nicht möglich, ich sah es ein und ich wollte mich zufrieden geben, wenn ich zu deinen Freunden zählen dürfte. Um das zu erreichen, kam ich damals öfter zu euch hinaus, aus keinem anderen Grund. Denn wenn ich auch verrückte Pläne schmiedete: wie ich es anstellen könnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt, daß du Frau und Kind verließest, so meinte ich das doch nicht ernst und glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich kam ich dir nicht näher, Mac! Du verschlossest dich, du hattest weder Zeit noch Gedanken für mich. Ich bin nicht sentimental, Mac, aber damals war ich sehr, sehr unglücklich!

Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich hätte alles hingegeben, um das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwöre es dir! Es war grausam und ich litt schrecklich damals. Aber ich bin ein Egoist, Mac, ein großer Egoist! Und während ich noch weinte um Maud, kam es mir zum Bewußtsein, daß du ja nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und von diesem Augenblick an trachtete ich dir näher zu kommen. _Mac, ich wollte dich haben_! Der Streik, die Sperre, der Bankerott, all das kam mir gelegen -- das Schicksal arbeitete mir plötzlich in die Hände. Ich drang monatelang in Vater, sich für dich einzusetzen. Aber Pa sagte: >Es ist unmöglich!< In diesem Januar bestürmte ich ihn von neuem. Aber Pa sagte: >Es ist ganz unmöglich!< Da sagte ich zu Pa: >Es muß möglich sein, Pa! Denke nach, du mußt es möglich machen!< Ich quälte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut. Tagelang. Endlich sagte er zu. Er wollte an dich schreiben und dir seine Hilfe anbieten. Da aber dachte ich nach. Was dann? dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen, ein paarmal bei uns speisen -- und dann wird er sich wieder in die Arbeit vergraben und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, daß ich nur eine einzige Waffe gegen dich hatte -- und das war Pas Geld und Name! Verzeih, Mac, daß ich so offen bin! Ich zögerte nicht, diese Waffe zu gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich wollte, einmal in seinem Leben, und nicht nach meinen Gründen zu fragen. Ich drohte ihm, meinem kleinen, lieben, alten Pa, daß ich ihn verlassen würde und er mich nie, nie mehr sehen sollte, wenn er mir nicht gehorchte. Das war schlecht von mir, aber ich konnte nicht anders. Ich hätte Pa ja doch nicht verlassen, denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn ins Bockshorn. Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schön -- aber es gab für mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten darunter, aber ich wollte bis ans Äußerste gehn. Wie du mir im Car den Antrag machtest, hätte ich gleich annehmen wollen. Aber ich wollte doch auch, daß du dir ein wenig _Mühe_ um mich gäbest, Mac --«

Ethel sprach mit halblauter Stimme und oft flüsterte sie nur. Sie lächelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang und legte die Stirn in Falten, daß sie traurig aussah, sie schüttelte den schönen Kopf, sie sah schwärmerisch zu Allan empor. Häufig hielt sie bewegt inne.

»Hörtest du mich, Mac?« fragte sie nun.

»Ja!« sagte Allan leise.

»Das alles mußte ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich. Nun weißt du es. Vielleicht können wir trotz allem gute Kameraden und Freunde werden?«

Sie sah mit einem schwärmerischen Lächeln in Allans Augen, die müde und vergrämt waren wie vorhin. Er nahm ihren schönen Kopf in beide Hände und nickte.

»Ich hoffe es, Ethel!« erwiderte er und seine fahlen Lippen zuckten.

Und Ethel folgte ihrem Gefühl und schmiegte sich einen Augenblick an seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem tiefen Atemzug auf und lächelte verwirrt.

»Eines noch, Mac!« begann sie nochmals. »Wenn ich dir schon das sagte, muß ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben und nun habe ich dich! Aber höre nun: jetzt will ich, daß du mir vertraust und mich _liebst_! Das ist nun meine Aufgabe! Nach und nach, Mac, hörst du, es soll meine Sache sein, und ich glaube daran, daß es mir gelingen wird! Denn wenn ich das nicht glaubte, so wäre ich todunglücklich. -- -- Gute Nacht nun, Mac!«

Und langsam, müde, wie schwindlig ging sie hinaus.

Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Während er mit müden Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Fremder war, dachte er, daß sein Leben an der Seite dieser Frau am Ende doch weniger trostlos werden würde, als er befürchtet hatte.

5.

»Tunnel!« »Hunderttausend Mann!«

Sie kamen. Farmhands, Miner, Taglöhner, Strolche. Der Tunnel zog sie an wie ein Riesenmagnet. Sie kamen aus Ohio, Illinois, Iowa, Wiskonsin, Kansas, Nebraska, Colorado, aus Kanada und Mexiko. Extrazüge rasten durch die Staaten. Aus Nord-Carolina, Tennessee, Alabama und Georgia fluteten die schwarzen Bataillone herauf. Viele Tausende der großen Armee, die einst der Tunnelschrecken verscheucht hatte, kehrten zurück.

Aus Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Rußland, Italien, Spanien und Portugal strömten sie den Baustellen zu.

Die toten Tunnelstädte erwachten. In den grünen, staubigen Riesenglashallen glühten wieder die bleichen Monde; die Krane bewegten sich wieder; weiße Dampfschwaden jagten dahin, der schwarze Qualm brodelte wie früher. Im Eisenfachwerk der Neubauten kletterten Schatten, es wimmelte von Menschen oben und unten. Die Erde bebte, gellend und brausend spien die Schuttstädte wieder Staub, Dampf, schwarzen Qualm, Licht und Feuer zum Himmel empor.

Die schlafenden Dampfer in den Friedhöfen der Häfen von New York, Savannah, New Orleans und San Franzisko, von London, Liverpool, Glasgow, Hamburg, Rotterdam, Oporto und Bordeaux stießen plötzlich wieder dicken Rauch durch die Kamine, die Winden rasselten. Die verödeten Hüttenwerke lärmten und tobten, bestaubte Lokomotiven kamen aus ihren Schuppen und holten Atem. Die Förderkörbe der Zechen klirrten mit erhöhter Schnelligkeit in die Schächte hinab. Die große Maschine, die sich seit der Krise langsam dahingeschleppt hatte, zog mit einem plötzlichen Ruck an. Die Asyle der Arbeitslosen, die Säle der Hospitäler leerten sich, die Vagabunden verschwanden von den Landstraßen. Die Banken und Börsen waren in lauter Erregung, als platzten Granaten in der Luft. Die Industriepapiere kletterten in die Höhe, Mut und Unternehmungslust kehrten zurück. Die Tunnelaktien kamen wieder zu Ehren.

»Lloyd übernimmt den Tunnel!«

Lloyd ganz allein! Ein einzelner Mann!

Der Tunnel holte tief Atem. Wie eine Riesenpumpe begann er Menschenleiber einzusaugen und auszuspeien und am sechsten Tage schon arbeitete er mit seiner alten Geschwindigkeit. In den Stollen donnerten die Bohrmaschinen, die glühenden, wütenden Nashörner aus Allanit rasten wie früher trillernd und heulend ins Gestein. Die Stollen tobten, lachten und delirierten. Die schweißtriefenden Menschenhaufen wälzten sich wieder im gleißenden Licht der Scheinwerfer vor und zurück. Als sei nie etwas geschehen. Streik, Katastrophe -- alles war vergessen! Allan peitschte zu dem alten Höllentempo an und auch er dachte nicht mehr daran, daß es einst anders gewesen war.

Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewältigen. Die Unglücksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und Nacht ergoß sich eine Lawine von Gestein und Geröll in die Tiefe. Ein dreihundert Meter breiter Damm überquerte sie. Er war übersponnen von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszüge aus den Stollen und stürzten ihren Inhalt hinab. Der nördliche Abschnitt war nach einem Jahre ausgefüllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen mit Dynamos, Kühlmaschinen und Ozonapparaten. Fünf Jahre nach Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der Bermudas einander soweit genähert, daß Allan drahtlos mit Strom, der in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er ließ Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoßen würden. Es gab selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, daß die Stollen sich überhaupt treffen würden. Die ungeheuren Gesteinsmassen, die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien mußten die genauesten Instrumente beeinträchtigen. Aber schon, als sich die Richtungsstollen bis auf fünfzehn Kilometer genähert hatten, verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen. Im fünfzehnten Baujahr stießen die Richtungsstollen zusammen. Die Berechnungen ergaben eine Höhenabweichung von dreizehn Metern und eine seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend leicht ausgleichen ließen. Zwei Jahre später waren die Doppelstollen Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.

Das war von ungeheurem Vorteil: Die Züge konnten Eisen, Zement, Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befördern.

Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam zurück.

Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der französischen Strecke, die Allan vorerst einstollig weiterführen ließ. Hier ereignete sich im vierzehnten Baujahr ein großer Schlammeinbruch. Der Stollen war auf eine der ozeanischen »Falten« gestoßen. Drei Kilometer des gebohrten Stollens mußten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben. Der Stollen aber wurde in großem Bogen um die gefährliche Stelle herumgeführt. Er stieß hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden nach verzweifelten Anstrengungen bewältigt. Fünf Kilometer dieses Teils der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar. Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.

Mit der Fertigstellung der französischen und amerikanischen Strecke verringerten sich die Baukosten ganz beträchtlich. Von Monat zu Monat konnten Arbeiterbataillone abgestoßen werden. Aber trotzdem verschlang der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermögen in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war am Bau so stark beteiligt, daß er seine ganze finanzielle Strategie aufbieten mußte, um sich aufrechtzuerhalten.