Der Tunnel: Roman

Part 25

Chapter 253,814 wordsPublic domain

»Ja, im Herbst!« fuhr Ethel fort und tat erstaunt. »Papas Hände waren damals gebunden. Jetzt liegt die Sache ganz anders --« und Ethel Lloyd feuerte nun ihre Breitseite ab -- »Papa hat mir gesagt: ich würde vielleicht den Bau übernehmen. Aber ich kann natürlich nicht an Allan herantreten. Allan müßte zu mir kommen.« Das sagte sie ganz leichthin.

Allan saß still und in sich versunken da. Er erwiderte gar nichts. Ethel hatte ihm mit dieser Eröffnung Feuer ins Herz geworfen. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. Plötzlich hörte er den donnernden Gang der Arbeit in seinen Ohren. Sollte es möglich sein? Lloyd --? Seine Erregung war so mächtig, daß er aufstehen mußte.

Er schwieg eine Weile. Dann sah er zu Ethel hin. Sie knöpfte ihre Handschuhe zu und dieses Geschäft schien ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen zu haben.

Ethel stand auf und lächelte Allan zu. »Papa hat mir allerdings nicht den Auftrag gegeben, Ihnen das zu sagen, Allan. Er darf nie erfahren, daß ich hier war,« sagte sie leiser und streckte ihm die Hand hin.

Allan sah sie mit einem dankbaren, warmen Blick an. »Es war in der Tat sehr liebenswürdig von Ihnen mich aufzusuchen, Fräulein Lloyd!« entgegnete er und drückte ihr die Hand.

Ethel lachte leise. »Bitte,« sagte sie, »ich hatte in diesen Tagen nichts zu tun und da dachte ich, ich will doch sehen, was Allan treibt. ~Good bye!~« Und Ethel ging.

2.

An diesem Abend war Ethel während des Diners in so vorzüglicher Laune, daß dem alten Lloyd das Herz aufging. Und nach Tisch schlang sie die Arme um seinen Nacken und sagte: »Hat mein kleiner, lieber Pa morgen vormittag Zeit, mit mir eine wichtige Sache zu besprechen?«

»Heute noch, wenn du willst, Ethel.«

»Nein, morgen. Und will mein lieber, kleiner Pa alles tun, worum seine Ethel ihn bitten wird?«

»Wenn es mir möglich ist, mein Kind?«

»Es ist dir möglich, Pa!«

Am nächsten Tage erhielt Allan eine eigenhändig geschriebene, äußerst freundschaftlich gehaltene Einladung von Lloyd, die deutlich Ethels Diktion verriet.

»Wir werden ganz unter uns sein,« schrieb Lloyd, »nur wir drei.«

Allan fand Lloyd in vorzüglicher Laune. Er war noch mehr eingeschrumpft und Allan gewann den Eindruck, als ob er anfange, etwas kindisch zu werden. So hatte er Allans Besuch im vorigen Herbst vollkommen vergessen. Er erzählte ihm wiederum alle Einzelheiten von Ethels Prozessen und lachte Tränen, als er schilderte, wie Ethel der Behörde ein Schnippchen schlug und auf dem Meere herumsegelte. Er schwatzte über all die neuen Dinge, die im Laufe des Herbstes und Winters geschaffen worden waren, über Skandale und Wahlen. Trotzdem sein Gehirn zu verfallen begann, war er noch lebhaft, voller Interesse für alles Neue, listig und bauernschlau. Allan plauderte zerstreut, denn er war zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Indessen fand er keine Gelegenheit, die Sprache auf den Tunnel zu bringen. Lloyd legte ihm Pläne zu Sternwarten vor, die er verschiedenen Nationen schenken wollte, und als Allan gerade im Begriff stand, überzulenken auf das, was ihm am Herzen lag, meldete der Diener, daß Miß Lloyd die Herren zum Diner erwarte.

Ethel war gekleidet wie zu einem Hofball. Sie blendete. Alles an ihr war Glanz, Frische, Hoheit. Ohne die entstellende, wuchernde Flechte auf dem Kinn wäre sie die erste Schönheit New Yorks gewesen. Allan war merkwürdig überrascht, als er sie sah. Denn er hatte nie gesehen, wie schön sie war. Noch mehr aber verblüffte ihn das schauspielerische Talent, das sie bei der Begrüßung entfaltete.

»Da sind Sie ja, Allan!« rief sie aus und sah Allan mit strahlenden, aufrichtigen, blauen Augen an. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Wo in aller Welt steckten Sie nur die ganze Zeit?«

Lloyd sagte rügend: »Ethel, sei nicht so neugierig!«

Und Ethel lachte! Bei Tisch war sie in prächtigster Laune.

Sie speisten an einem großen, runden Mahagonitisch, der zwei Meter im Durchmesser maß und den Ethel selbst täglich mit Blumen schmückte. Lloyds Kopf erschien grotesk, wie ein brauner Mumienschädel, zwischen den Bergen von Blüten. Ethel war unausgesetzt um den Vater bemüht. Er durfte nur essen, was sie ihm erlaubte, und lachte kindisch, wenn sie ihm etwas verweigerte. Alles, was ihm schmeckte, hatten ihm die Ärzte verboten.

Sein Gesicht verzerrte sich vor Vergnügen, als ihm Ethel etwas Hummermayonnaise vorlegte.

»Heute wollen wir nicht so streng sein, Dad,« sagte sie, »weil Herr Allan zu Gast ist.«

»Kommen Sie recht oft, Allan,« gluckste Lloyd. »Sie behandelt mich besser, wenn Sie hier sind.«

Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, gab Ethel Allan zu verstehen, wie erfreut sie über seinen Besuch sei.

Nach Tisch nahmen sie den Kaffee in einem hohen Saal, der einem Palmenhaus ähnlich sah. In einem kolossalen echten Renaissancekamin, einem wundervollen, kostbaren Werk, glühten täuschend nachgeahmte große Buchenscheite. Irgendwo plätscherte ein unsichtbarer Springbrunnen. Es war hier so dunkel, daß man einander nur in den Umrissen sah. Lloyd mußte seine entzündeten Augen schonen.

»Singe uns etwas, Kind,« sagte Lloyd und rauchte eine große, schwarze Zigarre an. Diese Zigarren wurden speziell für ihn in Havanna angefertigt und waren der einzige Luxus, den er sich erlaubte.

Ethel schüttelte den Kopf. »Nein, Dad, Allan liebt Musik nicht.«

Der braune Mumienschädel Lloyds wandte sich Allan zu. »Sie lieben Musik nicht?«

»Ich habe kein Gehör dafür,« erwiderte Allan.

Lloyd nickte. »Wie sollten Sie auch?« begann er mit der bedächtigen Wichtigkeit des Greises. »Sie haben zu _denken_ und brauchen keine Musik. Bei mir war es früher genau so. Aber als ich älter wurde und sich bei mir das Bedürfnis zu _träumen_ einstellte, da liebte ich sie plötzlich. Musik ist nur für Kinder, Frauen und schwache Köpfe --«

»Pfui, Vater!« rief Ethel aus ihrem Schaukelstuhl.

»Ich genieße das Privilegium des Alters, Allan,« fuhr Lloyd schwatzhaft fort. »Übrigens hat mich Ethel für die Musik erzogen -- meine kleine Ethel, die nun dasitzt und über ihren Vater lacht!«

»Ist Papa nicht lieb?« warf Ethel ein und sah Allan an.

Dann -- nach einem kleinen, hitzigen Geplänkel zwischen Vater und Tochter, wobei Lloyd jämmerlich geschlagen wurde -- begann Lloyd ganz von selbst vom Tunnel zu sprechen.

»Wie geht es mit dem Tunnel, Allan?«

Aus all seinen Fragen war deutlich zu erkennen, daß Ethel mit dem Vater vorher alles besprochen hatte und Lloyd es ihm leicht machen wollte, »an ihn heranzutreten«.

»Die Deutschen wollen nun eine regelmäßige Luftschiffverbindung einrichten,« sagte Lloyd. »Sie sollten sehen, daß es bald wieder vorwärts geht, Allan!«

Der Augenblick war gekommen. Und Allan sagte klar und laut: »Geben Sie mir Ihren Namen, Herr Lloyd, und ich beginne morgen!«

Darauf erwiderte Lloyd bedächtig: »Ich wollte Ihnen schon lange Vorschläge machen, Allan. Ich dachte sogar daran, Ihnen ein Wort in diesem Sinne zu schreiben, als Sie verreist waren. Ethel aber sagte >Warte, bis Allan selbst zu dir kommt<. Sie erlaubte es nicht!«

Und Lloyd gluckste triumphierend, Ethel einen Hieb versetzt zu haben. Unvermittelt aber zeigte sich in seinem Gesicht ein Ausdruck der größten Bestürzung, denn Ethel schlug plötzlich empört mit der flachen Hand auf die Lehne des Sessels, stand auf, bleich bis in die Mundwinkel und rief mit blitzenden Augen: »Vater! Wie konntest du es wagen, so etwas zu sagen!«

Sie warf die Schleppe herum und ging und schlug die Türe so heftig zu, daß der Saal bebte.

Allan saß fahl und stumm: Lloyd hatte sie verraten!

Lloyd aber drehte bestürzt den Kopf hin und her.

»Was tat ich ihr denn?« stammelte er. »Es war ja nur ein Scherz! Es war gar nicht so gemeint. Was sagte ich denn Schlimmes? O, wie böse sie werden kann!« Er faßte sich und gab sich Mühe, wieder heiter und zuversichtlich zu erscheinen. »Nun, sie wird ja wiederkommen,« sagte er ruhiger. »Sie hat das beste Herz der Welt, Allan! Aber sie ist unberechenbar und launisch, ganz wie ihre Mutter es war. Aber, sehen Sie, nach einer Weile, da kommt sie dann zurück und kniet neben mir und streichelt mich und sagt: >Verzeih, Pa, ich habe heute einen schlechten Tag!<«

Ethels Stuhl schaukelte noch immer. Es war ganz still. Der unsichtbare Springbrunnen rieselte und gluckste. Auf der Straße tuteten die Automobile wie Dampfer im Nebel.

Lloyd blickte auf Allan, der schweigend dasaß, dann sah er nach der Türe und lauschte. Nach einer Weile klingelte er dem Diener.

»Wo ist Miß Lloyd?« fragte er.

»Miß Lloyd ist auf ihre Zimmer gegangen!«

Lloyd senkte den Kopf. »Dann sehen wir sie heute nicht mehr, Allan,« sagte er nach einer Weile leise und niedergeschlagen. »Dann sehe ich sie auch morgen nicht! Und ein Tag ohne Ethel ist verloren für mich. Ich habe nichts als Ethel!«

Lloyd schüttelte den kleinen, kahlen Kopf und konnte sich nicht beruhigen. »Versprechen Sie mir morgen wiederzukommen, Allan, damit wir Ethel besänftigen. Wer versteht so ein Mädchen? Wenn ich nur wüßte, was ich Schlimmes getan habe?«

Lloyd sprach in traurigem Ton. Er war aufs tiefste niedergeschlagen. Dann schwieg er und sah mit geneigtem Kopf vor sich hin. Er machte den Eindruck eines unglücklichen, verzweifelten Menschen.

Nach einer Weile erhob sich Allan und bat Lloyd, ihn zu entschuldigen.

»Auch Ihnen ist die Laune verdorben durch meine Albernheit,« sagte Lloyd und nickte und gab Allan die kleine Hand, die weich war wie die eines Mädchens. »Sie hatte sich so gefreut, daß Sie kamen! Sie war in so prächtiger Laune! Den ganzen Tag nannte sie mich Dad!«

Und Lloyd blieb allein in dem halbdunkeln Palmensaal sitzen, ganz klein in dem großen Raum, und starrte vor sich hin. Er war ein alter, verlassener Mann.

Unterdessen aber zerriß Ethel vor Zorn und Scham in ihrem Zimmer ein halbes Dutzend Taschentücher und stieß unzusammenhängende Vorwürfe gegen ihren Vater heraus. »Wie konnte Vater das sagen ... wie konnte er nur ... was soll Allan jetzt von mir denken ...«

Allan hüllte sich in den Mantel und verließ das Haus. Auf der Straße wartete Lloyds Automobil, aber er lehnte es ab. Er ging langsam die Avenue hinab. Es schneite, der Schnee fiel in lautlosen, weichen Flocken und Allans Schritt war unhörbar auf dem Schneeteppich.

Allan hatte ein bitteres, erstarrtes Lächeln auf den Lippen. Er hatte verstanden! Sein Wesen war schlicht und offen und er dachte selten über die Motive seiner Mitmenschen nach. Er hatte keine Leidenschaften und so verstand er die Leidenschaften anderer nicht. Er war ohne Raffinement und so vermutete er nicht Intrigen und Raffinement bei den andern.

Er hatte nichts Besonderes darin gefunden, daß Ethel ihn in der Tunnelstadt aufgesucht hatte. Sie hatte ja vor Jahren viel in seinem Hause verkehrt und war mit ihm befreundet. Einen Freundschaftsdienst hatte er darin erblickt, daß sie zu ihm kam und ihm verriet, daß Lloyd zur Hilfe bereit sei. Nun aber durchschaute er Ethel plötzlich! Ihr persönlich sollte er zu Dank verpflichtet sein! Er sollte den Eindruck gewinnen, als ob sie, Ethel, ihren Vater zu großen finanziellen Wagnissen überredet hätte. Mit einem Wort, von Ethel Lloyd sollte es abhängen, ob er weiterbauen könne oder nicht -- aber Ethel Lloyd stellte ihre Bedingungen! Er selbst war der Preis! Ethel wollte ihn! Aber, bei Gott, Ethel kannte ihn nicht!

Allans Schritt wurde immer langsamer. Es war ihm, als versinke er in Schnee, Nacht, Bitterkeit und Enttäuschung. Seine letzte Hoffnung war Lloyd gewesen. Unter diesen Umständen aber war nicht daran zu denken! Elend war seine letzte Hoffnung heute abend zugrunde gegangen ...

Am nächsten Morgen erhielt er ein Telegramm von Lloyd, worin ihn der alte Mann dringend bat, zum Abendessen zu kommen. »Ich werde Ethel bitten, mit uns zu speisen und ich bin sicher, sie wird nicht nein sagen. Ich habe sie heute noch nicht gesehen,« telegraphierte Lloyd.

Allan depeschierte zurück, daß er diesen Abend unmöglich kommen könne, da große Mengen Wassers im Nordstollen eingebrochen seien. Das war die Wahrheit, aber seine Anwesenheit wäre keineswegs notwendig gewesen.

Tag um Tag war er in den toten Stollen und sein Herz hing an der Finsternis da drinnen. Die Untätigkeit, zu der er gezwungen war, fraß wie ein Gram in ihm.

Etwa acht Tage später, an einem klaren Wintertag, kam Ethel Lloyd nach Mac City.

Sie kam in Allans Büro, gerade als er mit Strom konferierte. Sie war ganz in schneeweißen Pelz gehüllt und sah frisch und strahlend aus. »Hallo, Allan!« begann sie ohne Umschweife, als sei gar nichts vorgefallen. »Wie reizend, daß ich Sie antreffe! Papa schickt mich, ich soll Sie abholen!« Sie ignorierte Strom vollständig.

»Herr Strom!« sagte Allan, von Ethels Sicherheit und Ungeniertheit verblüfft.

»Ich hatte schon die Ehre!« murmelte Strom, verbeugte sich und ging.

Ethel nahm nicht die geringste Notiz davon.

»Ja,« fuhr sie heiter fort, »ich komme um Sie mitzunehmen, Allan. Heute abend konzertieren die Philharmoniker und Papa bittet Sie, mit uns ins Konzert zu kommen. Mein Auto steht unten.«

Allan blickte ruhig in ihre Augen.

»Ich habe noch zu arbeiten, Fräulein Lloyd,« sagte er.

Ethel prüfte seinen Blick und tat betrübt.

»Mein Gott, Allan,« rief sie aus, »ich sehe, Sie zürnen mir noch wegen neulich! Ich war gewiß unartig, aber hören Sie, war es denn nett von Pa, so etwas zu sagen? Ganz als ob ich gegen Sie intrigierte? -- Nun, Pa sagte, ich solle Sie unbedingt heute mitbringen. Wenn Sie noch zu tun haben, kann ich ja warten. Das Wetter ist herrlich und ich fahre unterdessen spazieren. Aber ich darf doch auf Sie rechnen? Ich werde Pa sofort telephonieren ...«

Allan wollte absagen. Aber als er in Ethels Augen blickte, wußte er, daß diese Absage ihren Stolz tödlich verletzen würde und damit seine Hoffnungen für immer begraben wären. Aber auch zu einer Zusage konnte er sich nicht entschließen und so antwortete er ausweichend: »Vielleicht, ich kann das jetzt noch nicht sagen.«

»Bis sechs Uhr aber können Sie sich wohl entscheiden?« fragte Ethel freundlich und bescheiden.

»Ich denke. Aber ich glaube nicht, daß es mir möglich sein wird.«

»Adieu, Allan!« rief Ethel heiter. »Ich werde um sechs anfragen und ich hoffe, Glück zu haben.«

Punkt sechs stand Ethel wieder vor dem Hause.

Allan bedauerte und Ethel fuhr ab.

3.

Allan hatte die Brücken hinter sich abgebrochen.

Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschloß er sich aber, noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an die Regierung, was er schon früher, ohne Erfolg, getan hatte. Er blieb drei Wochen in Washington und war Gast des Präsidenten. Der Präsident gab ihm ein Diner und man erwies ihm Achtung und Respekt wie einem abgesetzten Monarchen. Allein an eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung vorläufig nicht denken.

Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken und den Finanzgroßmächten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken und Großkapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, daß sie sich eventuell beteiligen würden, wenn Lloyd vorangehe. So kam Allan wiederum zu Lloyd zurück.

Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem stillen Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm über die Börse und den Weltmarkt, schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl, Zucker, die Baumwolle und die Frachtsätze. Eine unerhörte Baisse nach einer unerhörten Hausse. Die Welt war immer noch um zehn Jahre in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zurück, so verzweifelt sie auch aufzuholen versuchte.

Sobald es Allan möglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er geradeswegs auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der Regierung und Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.

»Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert, Allan. Sie können ja schließlich noch drei bis fünf Jahre warten.«

Allans Gesicht zuckte. »Ich kann das unmöglich!« rief er. »Drei bis fünf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!«

Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. »Es geht nicht!« sagte er dann bestimmt und preßte die Lippen zusammen.

Sie schwiegen. Es war zu Ende.

Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum Diner zu bleiben. Allan war unentschlossen -- aber es war ihm nicht möglich, Lloyd jetzt zu verlassen. Trotzdem es vollkommen unsinnig war, log er sich noch immer eine leise Hoffnung vor.

»Ethel wird vor Überraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja nicht, daß Sie hier sind!«

»Ethel -- Ethel ...« Nun, da Lloyd einmal den Namen seines Abgotts genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr sprechen. Er schüttete Allan sein Herz aus.

»Denken Sie,« sagte er, »Ethel war vierzehn Tage mit der Jacht fort, gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich den Telegraphisten bestochen -- ja, bestochen, denn so muß ich es bei Ethel machen -- aber er telegraphierte nicht. Ethel hatte mich durchschaut. Sie ist in schlechter Laune und wir haben uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da ich Ethel nicht sehe, ist für mich eine Qual. Ich sitze und warte auf sie. Ich bin ein alter Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!«

Ethel war äußerst verwundert, als sie Allan plötzlich eintreten sah. Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entgegen und gab ihm erfreut die Hand, während sie leicht errötete.

»Sie sind hier, Allan! Wie schön! -- Ich war nicht gut zu sprechen auf Sie -- viele Wochen lang, das muß ich Ihnen sagen, wenn ich ehrlich sein soll.«

Lloyd kicherte. Er wußte, daß Ethel nun wieder besser gelaunt sein würde.

»Ich konnte damals nicht mit ins Konzert kommen.«

»Allan, Sie lügen doch nicht? Höre doch, Pa, wie Allan lügt. Er wollte nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.«

»Nun -- ich wollte nicht.«

Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er fürchtete ein Ungewitter. Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem Zimmer laufen. Er war erstaunt, als Ethel nur lachte.

»Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.«

Und Ethel war den ganzen Abend fröhlich und liebenswürdig.

»Hören Sie aber nun, Allan, mein Freund!« sagte sie, als sie sich trennten. »Ein zweites Mal dürfen Sie nicht so häßlich zu mir sein -- ich würde es Ihnen nicht mehr verzeihen.«

»Ich werde mir alle Mühe geben!« antwortete Allan scherzhaft.

Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr nicht. Aber sie verriet sich nicht und sagte lächelnd: »Nun, ich werde sehen.«

Allan stieg in Lloyds Wagen und hüllte sich in den Mantel. Er sann vor sich hin und sagte: »Der alte Lloyd wird _nichts_ ohne sie tun -- und _alles_ für sie.«

Einige Abende später betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds im Madison-Square-Palast.

Sie traten während des Konzerts ein und ihr Eintreten erregte solch großes Aufsehen, daß die Egmont-Ouvertüre fast vollkommen verloren ging.

»Ethel Lloyd und -- Mac Allan!!«

Ethels Robe repräsentierte ein Vermögen. Sie hatte die Phantasie der drei ersten Bekleidungskünstler New Yorks angepeitscht. Die Robe war ein Gewebe aus Silberstickerei und Hermelin und brachte ihren Hals und Nacken herrlich zur Geltung. Im Haar trug sie einen Schopf Reiherfedern an einer sprühenden Brillantagraffe.

Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd, der schon fürs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick zu bestimmen, zu Hause zu bleiben, da er nicht wohl aussähe. Sie hatte ihn ~»my dear little dad and pa«~ genannt, ~»my honey-father«~, so daß Lloyd in seiner Affenliebe überglücklich war, drei Stunden im Sessel auf seine Tochter zu warten.

Ethel wollte, daß man sie allein mit Allan sah, und sie wollte, daß die Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle Gläser auf die Loge und Stimmen wurden laut: »Mac Allan! -- Mac Allan!«

Allans Glanz kam in dem Augenblick zurück, da er sich an der Seite einer Milliardärin zeigte. Er zog sich beschämt tiefer in die Loge zurück.

Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lächeln, das nicht mißzuverstehen war, und dann beugte sie sich über die Brüstung und zeigte ihre schönen Zähne und ihr schönes Lächeln und kassierte den Triumph ein.

Allan überstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner Kräfte. Er dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge gegenüber saß und darauf wartete, daß Lloyd ihn zu sich rief. Er erinnerte sich deutlich an Mauds transparentes rosiges Ohr und ihre vor Erregung geröteten Wangen, an den verträumten Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und ebenso deutlich erinnerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum erstenmal die Hand reichte und sagte: »~How do you do, Mr. Allen?~« Er fragte sich in Gedanken: Würdest du wünschen, daß Lloyd damals nicht gekommen wäre, daß man den Tunnel niemals begonnen hätte? -- Und er entsetzte sich über sich selbst, als sein Inneres antwortete: Nein! -- Selbst für Maud und Edith würde er nicht sein Werk hingeben.

Schon am nächsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sieben Prozent! Eine unverschämte Zeitung brachte am Morgen die Notiz, daß Ethel Lloyd sich im nächsten Monat mit Mac Allan verloben würde.

Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.

Miß Lloyd erklärte: »Der Mann, der diese Nachricht verbreitete, ist der größte Lügner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac Allans. Das ist die Wahrheit, und ich bin stolz darauf.«

Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach einigen Wochen ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte Notiz durch die Blätter, daß Mac Allan wieder nach New York übergesiedelt sei.

Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste mit Allans Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete sich im Gebäude der Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Gebäude war noch im Bau und wurde nach Hobbys Entwürfen ausgeführt. Es bestand aus einem Mittelbau von dreißig Stockwerken bei einer Front von fünfzig Fenstern, den zu beiden Seiten zehn Fenster breite Türme von fünfundzwanzig Stockwerken flankierten. Mittelbau und Türme ruhten auf kolossalen Bogen, die direkt in die Bahnhofhalle führten. Die Türme waren mit dem breiten Mittelbau durch zwei Brückenpaare verbunden. Zur Abwechslung sollte das Gebäude Säulen auf den Dächern tragen, lustige Dachgärten-Arkaden.

Das Gebäude war bis zum sechsten Stockwerk fertig -- und oben das dreißigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte das wirre Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage winzige Menschen kletterten und hämmerten.

Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt über dem großen Mittelbogen der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den großen Restaurationssaal verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den Hudson und die Wasserfront New Yorks gewährte.

Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Ausschmückung des ungastlichen Riesensaales beizutragen, dessen bloßer Anblick einen Menschen melancholisch machen mußte. Sie hatte Wagenladungen von Zimmerpflanzen aus ihren Treibhäusern in Massachusetts kommen lassen. Sie hatte persönlich Ballen von Teppichen im Auto herübergebracht.

Das Aussehen Allans mißfiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl und ungesund. Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und aß wenig.

Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen französischen Künstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den Speisezettel schließen konnte, der ihm zusagte. Sie erklärte ferner, daß ihm nichts mehr nötig sei als frische Luft, da die Stollen sein Blut vergiftet hätten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie jeden Tag Punkt sechs Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und fuhr Allan genau eine Stunde spazieren. Allan ließ sie gewähren. Sie wechselten auf der Spazierfahrt zuweilen kein Wort.

Das Gerücht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und wieder in den Zeitungen auf. Die Folge davon war, daß die Papiere des Syndikats zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller Stille für zehn Millionen Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien nahezu umsonst bekam, und verdiente jetzt schon ein Vermögen!)

Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Dingen -- den kleinsten -- zeigte sich eine Besserung. Der bloße Umstand, daß Ethels Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hoboken-Station stand, beeinflußte die _Weltbörse_.